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Full text of "Boeve-Amlethus : das altfranzösische Epos von Boeve de Hamtone und der Ursprung der Hamletsage"

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LITERAIIHISTOIILSCHE 


FORSCHUNGEN 


HERAUSGEGEBEN 
VON 

Dr.  JOSEF  SCHICK  ^nd     D^-  **-  Frh.  v.  WALDBERC 

o.  ö.  Professor  an  der  Universität  a.  o.  Professor  an  der  Universität 

München  Heidelberg 

Heft  XXXII 

RUDOLF   ZENKER 

BOEVE-AMLETHUS. 

DAS  ALTFRANZÖSISCHE  EPOS  VON  BOEVE  DE  HAMTONE 

UND  DER  URSPRUNG  DER  HAMLETSAGE. 


BERLIN  und  LEIPZIG 
Verlag  von  Emil  Felber 

1905 


B0EVE-AMLETHU8. 

DAS  ALTFRANZÖSISCHE  EPOS  VON  BOEVE  DE  HAMTONE 
UND  DER  URSPRUNG  DER  HAMLETSAGE 


von 


RUDOLF  ZENKER, 

a.  o.  Professor  der  romanischen  Philologie  an  der  Universität  Rostock. 


BERLIN 

Verlag  von  P^mil  Felber 

1905 


Po. 

ms 


Alle  Rechte  vorbehalten. 

Prmted  in  G«runinj 


Wolfgang  Golther 


ZUGEEIGNET 


Vorwort. 

Nothing  of  him  that  doth  fade, 
But  dotli  suffer  a  sea-change 
Into  something  rieh  and  stränge. 
Shakespeare,  The  Tempest,  I,  2. 

Die  nachstehende  Untersuchung  ging  aus  von  der 
Beobachtung,  dafs  der  Kern  der  Sage,  welche  dem  alt- 
französischen, in  England  entstandenen  Epos  von  Boeve  de 
Hamtone^)  zu  Grunde  liegt,  identisch  ist  mit  der  Hamlet- 
sage, wie  sie  uns  der  dänische  Historiker  Saxo  Gramma- 
ticus  (d.  i.  „der  Gelehrte")  in  seiner  zu  Anfang  des  13. 
Jahrhunderts  verfafsten  Historia  Danica  überliefert.  Nur 
diese  Tatsache  sollte  ursprünglich  auf  wenigen  Blättern 
dargetan  werden.  Der  lockende  Versuch,  die  gemeinschaft- 
liche Quelle  der  beiden  Überlieferungen  zu  rekonstruieren, 
nötigte  nun  aber  dazu,  auch  die  übrigen  Versionen  der 
nordischen  Sage  heranzuziehen  und  die  bisherigen  For- 
schungen über  den  Ursprung  der  Sage  einer  Nachprüfung 
zu  unterwerfen.  Dabei  boten  sich  sofort  eine  Reihe  neuer 
Gesichtspunkte  dar,  und  indem  in  deren  Verfolgung  der 
Kreis  der  Untersuchung  weiter  und  weiter  gezogen  wurde, 
gestaltete  sich,  was  ursprünglich  als  eine  knappe  wissen- 


^)  Zum  ersten  Mal  herausgegeben  von  Albert  Stimming,  Der  anglo- 
normannische  Boeve  de  Haumtone,  Halle  1899,  in  Suchiers  Bibliotheca 
Normannica  B.  VII  (s.  d.  Anzeigen  von  G.  Paris,  Romania  29  (1900)^ 
127;  von  Vising,  Zeitschr.  f  franx.  Spr.  u.  Litt.  22«  (1900),  21—26,  und 
von  [Schu]ltz-G[ora],  Lüt.  Centralblatt  1900,  978  f.). 


VIII 


schaftliclie  Mitteilung  in  Form  eines  Zeitschriftenaufsatzes 
gedaclit  war,  schliel'slich  aus  zu  einer  Studie  über  die 
gesamte  Vorgeschichte  der  Hamletsage  und  ihre  sagenhaften 
und  historischen  Grundlagen,  welche  ich  hiermit  der  Öffent- 
lichkeit übergebe. 

Ich  möchte  sagen,  es  sei  mir  ergangen  wie  einem 
Manne,  der,  in  fremdem  Lande  eingetroffen,  an  schönem 
Morgen  zum  ersten  Male  aus  der  Türe  seiner  ländlichen 
Herberge  tritt,  um  sich  kurze  Zeit  in  dem  Garten  zu  ergehen, 
welcher  das  Haus  unmittelbar  umgibt.  Er  durchwandert 
ihn  bis  ans  Ende  —  da  sieht  er  sich  einem  schattigen 
Walde  gegenüber,  dessen  grüne  Hallen  ihn  unwiderstehlich 
anlocken.  Er  verläfst  die  Umzäunung  des  Gartens  und 
schreitet  pfadlos  weiter.  Nicht  lange  währt  es,  da  lichten 
sich  die  Bäume,  und  plötzlich  liegt  vor  seinem  Blicke  im 
Sonnenschein  eine  weite  pittoreske  Landschaft  mit  Tälern 
und  Höhen,  Hainen  und  Flüssen,  malerischen  Ruinen 
und  Schlössern,  die  zwischen  dem  Grün  hervorleuchten. 
Wie  sollte  er  sich's  entgehen  lassen,  noch  eine  Strecke 
weiterzuwandern  —  nur  bis  zu  jener  nahen  Höhe  empor 
—  vielleicht  bietet  sie  eine  noch  umfassendere  Umschau. 
Aber  wie  er  die  Höhe  erreicht  hat,  da  winkt  ein  neues 
Ziel.  So  eilt  er  denn  vorwärts,  von  einem  Punkte  zum 
andern,  und  immer  neue  Gegenstände  fesseln  seinen  Blick: 
hier  die  Trümmer  einer  alten  Burg,  von  dichtem  Epheu 
übersponnen,  mit  moosumwachsenen  Grabsteinen,  auf  denen 
schwer  lesbare  Worte  in  altertümlichen  Lettern  zu  Tage 
treten;  dann  wieder,  aus  einem  alten  Eichenhain  hervor- 
schimmernd, die  Überreste  eines  griechischen  Tempels,  mit 
umgestürzten,  arg  verstümmelten  Götterbildern  und  da- 
neben das  Fragment  eines  römischen  Triumphbogens  mit 


IX 

deutlich  erkennbaren  Bildern  von  Königen  und  Helden 
der  ewigen  Roma;  und  dort,  auf  sonnenumglänzter  Berges- 
höhe, die  den  Blick  in  blaue  Ferne  hinausschweifen  läfst, 
gar  die  Überreste  eines  uralten,  mit  krausen  orientalischen 
Zeichen  bedeckten  Feueraltars.  Weiter,  immer  weiter 
schreitet  der  Wanderer,  nicht  selten  genötigt,  durch  dichtes 
Gebüsch  sich  mühsam  den  Weg  zu  bahnen,  oder  auf  steilem 
Pfade  langsam  emporzuklimmen.  Und  als  er  endlich  auf 
langen  Umwegen  zu  seiner  Behausung  zurückkehrt,  da  ist 
die  Sonne  schon  hinabgegangen,  die  Dämmerung  sinkt 
nieder,  und  aus  dem  geplanten  Gange  durch  den  Garten 
in  der  ersten  Frühe  des  Morgens  ist  eine  lange,  oft  an- 
strengende, aber  dennoch  fast  immer  genufsreiche  Tages- 
wanderung geworden  .  .  . 

Das  Hauptergebnis  meiner  Untersuchung  ist  dieses: 
Die  Hamletsage  ist  griechisch-römischen  Ursprunges;  sie 
stellt  sich  dar  als  eine  Verschmelzung  der  griechischen, 
ursprünglich  vermutlich  lykischen,  Beilerophonsage  mit  der 
römischen  Brutussage,  zu  denen  als  drittes,  aber  nur  sekun- 
däres, Element  die  Heraklessage  hinzutritt;  sie  ist  eine 
Schwester  der  aus  dem  gleichen  Quell  entsprungeneu  per- 
sischen Sage  von  Kei  Chosro  und  Afrasiab,  welche  in  Fir- 
dosis  gewaltigem  Epos  Schahname  (d.  i.  Königsbuch)  einen 
breiten  Raum  einnimmt,  und  auf  deren  Verwandtschaft 
mit  der  Hamletsage  zuerst  0.  L.  Jiriczek  hingewiesen  hat. 
Hamlet  ist  ein  metamorphosierter  Bellerophon- Brutus.  Die 
Elemente  der  Beilerophonsage  scheinen  entnommen  aus 
dem  Bellerophontes  des  Euripides,  von  dem  uns  nur  eine 
Anzahl  Fragmente  erhalten  sind.  Die  berühmteste  Fassung 
der  Hamletsage,  das  Hamletdrama  Shakespeares,  beruht 
aller  Wahrscheinlichkeit   nach   nicht  auf  Saxo,   wie  man 


bisher  annahm,  sondern  auf  einer  von  der  Saxos  stark 
abweichenden  Version  der  Sage,  die  noch  nicht  nach- 
gewiesen, vielleicht  auch  für  immer  verloren  ist. 

Ich  glaube,  diese  Tatsachen  als  ziemlich  gesichert 
hinstellen  zu  dürfen.  Im  einzelnen  freilich  mufste  ich  es 
vielfach  bei  Hypothesen  und  Möglichkeiten  bewenden  lassen. 
Eine  Fülle  interessanter  Probleme  harrt  noch  der  definiti- 
ven Lösung,  und  eine  reiche  Nachlese  dürfte  auf  den  von 
mir  durchsuchten  Gebieten  zu  halten  sein.  Ich  zweifle 
auch  nicht,  dafs  weitere  Forschung  gar  manche  meiner 
Aufstellungen  und  Vermutungen  korrigieren  wird.  Aber 
die  Hauptroute,  die  ich  eingeschlagen,  wird,  hoffe  ich,  auch 
durch  die  ferneren  Untersuchungen  und  etwaige  neue  Funde 
als  die  richtige  und  zum  Ziele  führende  erwiesen  werden. 

Die  Arbeit  bewegt  sich  zum  grofsen  Teil  aufserhalb 
der  eigentlichen  Grenzen  der  romanistischen  Wissenschaft, 
und  es  ist  deshalb  sehr  wahrscheinlich,  dafs  mir  in  der 
Litteratur  manches,  was  noch  hätte  verwertet  werden 
können,  entgangen  ist,  auch  wohl  gelegentlich  Fehler 
mit  untergelaufen  sind,  die  dem  Fachmann  nicht  begegnet 
wären.  Ich  hoffe,  hier  als  Romanist  auf  einige  Nachsicht 
rechnen  zu  dürfen.  Denen  aber,  die  geneigt  sein  sollten, 
es  mir  zum  Vorwurf  zu  machen,  dafs  ich  nicht  innerhalb 
meines  zünftigen  Arbeitsgebietes  geblieben  bin,  möchte  ich 
mit  der  Frage  antworten,  wer  denn  wohl  in  der  Lage  sein 
würde,  Untersuchungen  wie  die  vorliegende  anzustellen, 
ohne  über  sein  engeres  Fachgebiet  hinauszuschreiten:  Dem 
Germanisten  wird  in  der  Regel  das  Altfranzösische  und 
Provenzalische  nur  mangelhaft  vertraut,  dem  klassischen 
Philologen  wie  dem  Orientalisten  werden  beide  Sprachen 
meist  vollkommen  fremd  sein,  andererseits  liegt  die  antike 


XI 

Mythologie  und  Litteraturgeschichte  dem  Germanisten  und 
Anglisten  kaum  näher  als  dem  Romanisten,  während  der 
klassische  Philologe  und  der  Orientalist  wieder  in  den 
germanistischen  Studien  ein  Fremdling  zu  sein  pflegt.  Es 
würde  deshalb  jene  Forderung  im  Grunde  nichts  anderes 
bedeuten,  als  dafs  Untersuchungen  wie  die  vorliegende 
überhaupt  nicht  anzustellen  seien.  Eine  solche  Behauptung 
aber  als  unrichtig  zu  erweisen,  dürfte  gerade  diese  Studie 
selbst  geeignet  sein,  insofern  sie,  so  sehr  sie  im  einzelnen 
gewifs  der  Verbesserung,  Erweiterung,  Vertiefung  bedarf, 
doch  zu  einigen  wichtigen  neuen  Ergebnissen  gelangt  ist, 
welche  bei  Beschränkung  auf  das  Gebiet  einer  Einzel- 
philologie niemals  hätten  gewonnen  werden  können. 

Nicht  unbemerkt  darf  ich  lassen,  dafs  ich  den  Ursprung 
der  Hamletsage  aus  der  Beilerophonsage  erst  erkannte, 
als  von  dem  Buche  bereits  16  Bogen  gedruckt  waren;  bis 
dahin  glaubte  ich  die  Sage  nicht  aus  einer  griechischen, 
sondern  aus  einer  persischen  Vorstufe  der  Firdosischen 
Fassung  der  Chosrosage  ableiten  zu  müssen.  Es  werden 
sich  deshalb  wohl  an  manchen  Stellen  der  früheren  Kapitel 
Aufserungen  finden,  welche  zu  der  Auffassung  der  letzten 
Kapitel  nicht  durchaus  stimmen.  Ich  bitte,  dies  ent- 
schuldigen und  die  betreffenden  Stellen  auf  Grund  der  Dar- 
legungen der  letzten  Kapitel  korrigieren  zu  wollen. 

Rostock,  im  August  1904. 

Rudolf  Zenker. 


Inhalt 

Seite 

Das  anglonormannische  Epos  von  Boeve  de  Hamtone    ....  1 

Der  Boeve  von  Hamtone  und  die  Hamletsage  bei  Saxo  Grammaticus  8 

Die  Herkunft  der  Saxoschen  Hamletsage 44 

Die  Hamletsage  und  die  römische  Brutussage 79 

Die  Haveloksage 91 

Der  geschichtliche  Amleth-Amhlaide 111 

Die  Hrolfssaga  Kraka 121 

Die  Ambalessage 127 

Die  Ambalessage  und  die  Heraklessage 155 

Das  Goldstabmotiv 192 

Die  Hamletsage  und  Firdosis  Schahname 207 

Die  Chosrosage  und  der  Hamlet  Shakespeares 268 

Die  Hamlet  -  Chosrosage  und  die  griechische  Bellerophonsage    .  282 
Die  Bellerophon  -  Brutussage  als  Quelle  der  Hamlet- Chosrosage; 

'AfißXv5'> 328 

Ergebnisse;  Entwicklung  der  Sage  im  Norden 354 

Nachträge 401 


Litteraturverzeichnis'). 


Abhandlungen  d.  philol.-hist.  Klasse  d.  K.  Säcits.  Oescllsch.  d.  Wi-ssensch. 

Bd.  XVII,  No.  III,  Leipzig  1896. 
Ada    Universitatis  Lundensis  (Lands  Universitets  Ars-Skrift)  t.  XIX, 

Lund  1882-83. 
Ahlström.  A.,  Studier  i  den  fomfranska  Lais-lüteraturen,  Dissert.  von 

üpsala  1902. 
Amante,  A.,  II  mito  di  Bellerofonte  nella  letteratura  ckissica,  Acireale  1903. 
Anders,  H.  R.  D.,   Shakespeares  Books,  a  dissertation  on  Shakespeare' s 

reading  and  the  immcdiate  sources  of  his  tcorks,  Berlin  1904. 
AnglO'Saxon  Chronicle  in  Mon.  Eist.  Brit.  I,  S.  291  ff. 
Annah  of  Ircland.     Three  Fragments ,  copied  from  ancient  sources  by 

Dubhaltarh  Mac  Firbisigh,  ed  J.  O'Donovan,  Dublin  1860. 
Annais  of  tlie  Kingdom  of  Ireland  by  the  Four  Masters,  ed.  J.  O'Donovan, 

V.  I,  Dublin  1851. 
Apollodor,  Bibliotheque,  p.  E.  Ciavier  I,  Paris  1805. 
Arkiv  för  Nordisk  Filologi  XV,  1899. 
Athenaeum  1900. 
Athenaeus  Naucratites,  Dipnosophistarum  Libri  XV,  rec.  G.  Kaibel  II, 

Leipzig  1887. 
Beiträge  zur   Geschichte  der  deutschen  Sprache  und  Litteratur ,   hgg. 

von  H.  Paul  und  W.  Braune,  Festschrift  xu7n  dreifsigsten  Juli  1877 

(Festschrift  für  Friedrich  Zamckc),  Halle  1877. 
Bayot,  A.,  Le  Roman  de  Traxegnies,  Loewen  u.  Paris  1903  (üniversiie 

de  Louvaifi,  Recueil  de  travaux  p.  p.  les  membres  des  Conferences 

d'histoire  et  de  philologie,  12*  fasc.) 
Bender,  F.,  Die  märchenhaften  Bestandtheile  der  Homerischen  Gedichte, 

Progr.  des  Gynm.  zu  Darmstadt,  1878. 
Ten  Brink,  B.,  BeounUf,  Strafsburg  1888  (Quellen  und  Forschungen  xur 

Sprach-  und  OuUurgeschichte  LXII). 


^)  Da  der  Druck  des  Buches  bereits  im  Mai  1903  begonnen  wurde, 
so  konnte  die  später  erschienene  Litteratur  nur  ausnahmsweise  noch 
benutzt  werden. 


XVI 

Bethe,  Artikel  Bellerophon  in  Pauly-Wissowa ,  Real-EncyUop.  d.  klaas. 

Altertumswvis.  III,  Stuttgart  1899,  S.  241. 
Bugge,  A.,    Contribution  to  tke  History   of  the  Norsemen   m   Ireland, 

Christiania   1900,   in    Videnskahsselskabets   Skrifter  II.     Historisk- 

ßfosofisk  Klasse  1900,  no.  4—6. 
Bugge,  S.,  Studien   über  die   Entstehung   de?-  nordischen   Götter-  wid 

Heldensagen,  vom  Verf.  autorisierte  u.  durchgesehene  Übersetzung 

V,  0.  Brenner,  München  1889. 
Cassius  Die,  Hist.  rom.  qiiae  supersunt,  ed.  U.  Ph.  Boissevain  I,  Berlin 

1895. 
Cederschiöld,  G.,  Formögur  Sudrlanda  VII:  Oni  Bevers  Saga,  in  Acta 

Universitatis  Lundensis  (Lunds  Universitets  Ars-Skrift)  tom.  XIX, 

Lund  1882—83. 
Christ,  W.,    Geschichte  d.  griech.  Litieraiur^,  München   1898  (Müllers 

Handbuch  d.  Mass.  Altertums-  Wissenschaft  B.  VlI). 
Cogadh  Gaedhel  Re  Gallaibh  (The  War  of  the  Gaedhil  with  the  Gaill), 

ed.  by  J.  H.  Todd,  London  1867. 
Creizenach,  Die   Schauspiele   der   englischen   Komödianten,    Berlin    u. 

Stuttgart,  s.  a.  (Kürschners  Deutsche  Nationallitteratur  B.  23.) 
Daurel  et  Beton,   Chanso?i  de  geste  pr.oven^le,  p.  p.  P.  Meyer,  Paris 

1880  (Societe  des  anciens  textes  fran^ais). 
Detter,  F.,  Die  Hamletsage,  Zeitschr.  f  deutsches  Altertum  36  (N.  F.  24), 

Berlin  1892. 
Dietrich,  A.,  Russische  Volksmärchen,   in  den    Urschriften  gesammelt 

und  ins  Deutsche  übersetzt,  Leipzig  1831. 
Digenis  Akritas,  rpopee  byzantiiie  du  dixieme  siede,  p.  pour  la  jrremiere 

fois  par  C.  Sathas  et  E.  Legrand,  Paris  1875. 
Diodorus,  Bibliotheca  historica,  rec.  L.  Dindorf,  I,  Leipzig  1866. 
Dionysius  Halicarnasensis ,   Antiquitatum  romanarimi  quae  supersunt, 

ed.  C.  Jacoby  II,  Leipzig  1888. 
Donner,  J.  J.  C,   Sophokles,  deutsch   in  den   Versmassen  der  Urschrift, 

6.  Aufl.  I,  Leipzig  u.  Heidelberg  1868.  ' 

Dozy,  R.,  Recherches  sur  Vhistoire  et  la  litterature  de  VEspa^ne  pendaM 

le  mögen  äge^,  II,  Leiden  1881. 
Ekkehart  (IV.),  Casus  sancti  Galli,  neu  hgg.  v.  G.  Meyer  von  Knonau. 

St.  Gallische  Geschichtsquellen  III,  St.  Gallen  1877  (Mitteüufig.  %. 

raterländ.  Gesch.  15 — 16,  N.  F.  5  u.  6). 
Evans,  M.  B.,  Der  bestrafte  Brudermord,  sein  Verliältnis  xu  Shakespeares 

Hamlet,  Bonner  Dissert.,  Hamburg  u.  Leipzig  1902. 
English  Historical  Reviere  X,  London  1895. 
Festschrift,  Oskar  Schade  dargebracht,  Königsberg  i.  Pr.  1896. 
Fischer,  H.  A.,  Bellerophon,   eine  mythologische   Abhandlung,   Leipzig 

1851. 


XVII 

Kolk- Lore,  a  quartniy  review  of  viyth,  tradition,  instittUion,  dt  custom, 

III,  London  1892. 
Fomaldar  Söffur  Nordrianda  (FAS),  3  B.  Kopenhagen  1829—30;  2.  Aufl. 

Rkj.     1885  ff. 
Ciaimar,  Geffrei,  I^storie  des  Etigles,  ed.  Th.  D.  Hardy  u.  Ch.  T.  Martin, 

2  B.  1888—89.    (Rer.  brit.  med.  aev.  script.) 
Galland,  M.,  Nouvelle  Suite  des  Mille  et  Une  Ntiits,  contes  arabcs  11, 

Paris  1798. 
Gericke,  R.,  u.  M.  Moltke,   Shakespeares  Hamletquellen,  Leipzig  1881. 
Germanistische  Abhandhmyen,  hgg.  von  Fr.  Vogt,  H.  XII:  Beiträge  xur 

Volkskunde,  Festschrift,  Karl  Weinhold  dargebracht,  Breslau  1896. 
Gollancz,  I.,  Hamlet  in  Iceland,  heing  the  icelandic  romantic  Ambales 

saga,  edited  and  translated,  tvith  extracts  from  five  Ambales  rimur 

and  other  illnstrative   texts,   for   the  most  part  now  first  printedj 

and  an  introductory  essay,  London  1898  {Northern  Library  v.  III). 
Gough,  A.  B.,  The  Constance  Saga,  Berlin  1902  {Palaestra  XXIll). 
Grimm,  J.,  DeutscJie  Mythologie^  I,  Berlin  1875. 
Gröber,  G.,  Grundrifs  d.  roman.  Philologie  II,  1,  Strafsburg  1902. 
Gruppe,    0.,    Griechische   Mythologie   u.  Religionsgeschichte,    München 

1897  ff.    (Müllers  Handbuch  d.  klass.  Altertumswissensch.  B.  X,  2). 
Hartimg,  J.  A.,  Euripides  restituttis  I,  Hamburg  1843. 
Huntington,  Henry  von,  Historiae  Anglorum,  in   Mon.   Hist.  Brit.  1, 

S.  689. 
Heymann,  H.  E.,  Stvdies  on  the  Havelok-Tale,  Dissert.  von  Upsala  1903. 
Hyginus,  Fabulae,  ed.  M.  Schmidt,  Jena  1872. 
Jahrbuch  d.  deutschen  Shakespearegesellsch. ,  hgg.  v.  A.  Brandl  u.  W. 

Keller,  Berlin. 
Jantzen,  H.,  Saxo  Grammaiicus.    Die  ersten  neun  Bücher  der  däniscfien 

Geschicläe,  übersetzt  und  erläutert,  Berlin  1900. 
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1900,  S.  353. 
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(Early  Efiglish   Text  Society,   Extra  Series  XLVI,  XLVIH,  LXV;. 
Köpke-Dümmler,  Kaiser  Otto  der  Grofse,  Leipzig  1876  (Jahrbücher  der 

deutschen  Geschichte). 
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1893. 
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Krumbacher,    K.,    Geschichte  d.  byxantin.  Litteratur*,  München  1897 

(Müllers  Handbuch  d.  klass.  Altertumswissensch.  B.  IX^. 


XVIII 

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translated  from  the  Icelandic  of  Snoro  Sturleson,  vol.  I,  London  1844. 
Lewy,  H.,  Die  sentit.  Fremdwörter  im  Griechischen,  Berlin  1895. 
Mayer,  M.,   Über  d.  Verwandtschaft  heidnischer  u.  christl.  Drachentöter, 

Verhandl.  d.  40.  Versamml.  deutscher  Philoloye7i  u.  Schulmänner 

in  Görlitx,  Leipzig  1890,  S.  336—48. 
Michel,  Fr.,  Lai  d'Havelok  le  Danois,  Paris  1833. 
Mogk,  E.,    Geschichte  der  norweg .-isländ.  Litter atur^,   Strafsburg  1904 

/Tauls  Grundriss  d.  german.  Philologie^). 
Mohl,  J.,  Le  Livre  des  Roispar  Abou'lkasim  Firdousi,  traduit  et  commente^ 

Paris  1876. 
Moland  et  d'Hericault,  Nouvelles  fran^aises  en  prose  du  XIII' s,  Paris 

1856. 
Monatsberichte  der  K.  Preufs.  Akademie  der  Wissenschaften  xu  Berlin, 

Jg.  1869,  BerHn  1870. 
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MüUenhoff,  K.,  Beovulf.     Untersuchungen  über  das  angelsäcJisische  Epos 

und  die  älteste  Geschichte  der  germanischen  Seevölker,  Berlin  1889. 
Nauck,  A.,  Tragicorum  Graecorum  fragmenta,  Leipzig  1856. 
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hist.  Byx.) 


Das  aiigloiioriiianiiisciie  Epos 
von  Boeve  de  Haiiitoiie. 

Der  Boeve  de  Hamtone,  d.  i.  Southampton,  eine  chanson 
de  yeste  von  ca.  3850  Versen,  wird  uns  in  9  Handschriften 
überliefert,  welche  der  Mehrzahl  nach  verschiedene,  teil- 
weise differierende  Fassungen  des  Gedichtes  bieten;  es 
existieren  aufserdem  eine  englische^),  welsche-),  altnor- 
dische*), italienische  und  russische  Bearbeitung.  Von  den 
9  französischen  Handschriften  sind  zwei  in  anglonorman- 
nischem  Dialekt  abgefafst,  und  diese  anglonor mannische 
Version  stellt,  wie  A.  Stimming  in  seiner  Abliandlung  Das 
gegenseitige  Verhältnis  der  französischen  gereimten  Versionen 
der  Sage  von  Beuve  de  Hamtone^)  und  in  seiner  trefflichen 
Ausgabe  des  Gedichtes  gezeigt  hat,  einen  von  den  übrigen, 
festländischen  Fassungen  verschiedenen  Typus  dar,  der  die 
Quelle  jener  anderen  Fassungen  gewesen  ist;  die  anglo- 
normannische  Version    ist    unter    den    erhaltenen 


')  Hgg.  von  E.  Kölbing,  The  Romance  of  Sir  Beues  of  Hamtoun, 
cditcd  from  six  manuscripts  and  tlie  old  printed  copy,  I — III,  London 
1885—94  (Early  English  Text  Society,  Extra  Series  46,  48,  65;. 

')  Hgg.  von  R.  Williams,  Selections  of  the  Hetigtcrt  Mss.,  vol.  II, 
London  1892,  S.  119—88  (Text)  und  518—65  (Übersetzung). 

'')  Hgg.  von  G.  Cederschiöld ,  Fonisögur  SuPrlanda,  utgifna  af 
<i.  C,  Lund  1884,  S.  209 — 67.  Ich  konnte  nur  die  ausführliche  deutsche 
Inhaltsangabe  benutzen,  die  Cederschiöld  selbst  veröffentlicht  hat  in 
den  Acta  Vniversitatis  Lundensis  (Lunds  Universitets  Ars-Skrift) 
B.  XIX,  Lund  1882—83,  F(yms.  Sußrl.  S.  CCXVII-CCXXXVI. 

*)  Abhandlungen,  Herrn  Prof.  Dr.  Adolf  Tobler  dargebracht,  Halle 
1895,  S.  1-44. 

Zenker,  Boeve- Amlethus.  1 


französischen  Versionen  die  älteste,  sie  entstand  in 
der  ersten  Hälfte  des  13.  Jahrhunderts,  vermutlich  im  Süden 
Englands,  die  jüngeren  Bearbeitungen  beruhen  „aus- 
schliefslich  auf  der  anglonormannischen,  und  die 
dort  vorkommenden  Abweichungen  von  dieser  sind  durch 
selbständige  und  willkürliche  Änderungen  der  Bearbeiter 
veranlafst"^). 

Anders  liegt  die  Sache  bei  den  fremdländischen  Be- 
arbeitungen. Von  diesen  gehen  die  italienische  und  die 
russische  auf  die  jüngeren  festländischen  Fassungen  zurück, 
dagegen  beruhen  die  englische,  welsche  und  altnordische 
Bearbeitung  auf  Versionen  des  Epos,  die  älter  sind  als  die 
uns  überlieferte  anglonormannische  Fassung.  Stimming  ver- 
anschaulicht ihr  Verhältnis  zu  der  letzteren  durch  folgen- 
des Schema: 


I  normannisch  j 

Nordisch  ^J^^^ 

Die  punktierte  Linie  besagt,  dafs  die  anglonormannische 
Version  bis  V.  900  n,  noch  nicht  z,  zur  Vorlage  gehabt  hat. 
Danach  steht  das  Zeugnis  der  englischen  Bearbeitung 
dem  der  beiden  anderen  Bearbeitungen  und  der  anglonor- 
mannischen Version  gleichwertig  gegenüber,  und  es  mufs, 
wenn  die  drei  Bearbeitungen,  oder  die  englische  und  nor- 
dische Bearbeitung  allein  gegenüber  der  anglonorman- 
nischen Fassung,  bezw.  gegenüber  dieser  und  der  welschen 
Bearbeitung  zusammenstimmen,  der  betreffende  Zug  in  einer 
älteren  Fassung  unseres  Epos  vorhanden  gewesen  sein. 
Dafs  eine  solche  ältere  Fassung  des  Boeve  de  Hamtone 
existiert  hat,  geht  auch  daraus  hervor,  dafs  schon  der  Ver- 

1)  Stimminff,  Auscy.  S.  CLXXXII. 


fasser  der  noch  dem  12.  Jalirliundert  angehörigen  proven- 
zalischen  Chanson  de  geste  von  Dnurel  und  Beton  den 
Boeve  de  Hamtone  benutzt  hat^). 

Über  den  Ursprung  der  dem  Epos  zugrunde  liegenden 
Sage  handelt  Stimming  in  einem  besonderen  Kapitel  der 
Einleitung  seiner  Ausgabe,  S.  CLXXX— CXCVI.  Er  unter- 
zieht zunächst  die  diesbezüglichen  Ausführungen  von  Pio 
Rajna,  /  Reali  di  Franäa,  Bologna  1872,  S.  123  ff.  und 
Oriijini  dclV  Epopea  Francese,  Florenz  1884,  S.  382,  Anm.  1, 
denen  sich  Gaston  Paris,  Bomania  2,  31  im  wesentlichen 
anschlofs,  einer  eingehenden  Kritik.  P.  Bajna,  und  mit  ihm 
G.  Paris,  vermuteten  deutschen  Ursprung  der  Sage.  Rajna 
sah  in  Hanstane,  wie  der  Name  in  französischen  Hand- 
schriften auch  lautet,  erst  deutsches  „Hundstein"  und 
wollte  es  dann  mit  „Hammerstein",  einem  festen  Schlofs 
in  der  Diözese  Mainz,  identifizieren;  die  Lokalisierung  der 
Sage  in  England,  meinte  er,  sei  veranlafst  dadurch,  dafs 
man  fälschlich  Hanstone  als  Hampton  =  Southampton  auf- 
fafste.  G.  Paris  a.  a.  0.  erklärte:  Je  suis  porte  ä  regarder 
Beute  d'Hanstone,  dans  ses  traits  essentiels,  comme  une 
forme  tres-alteree,  notamment  dans  la  geographie,  d'u7i  poeme 
germanique  d'une  haute  antiquite;  und  er  bemerkt  noch  in 
seiner  Litterature  franf;aise  au  mögen  äge'-,  Paris  1890, 
§  27:  Bovon  de  Hanstone  a  une  origine  allemande. 

Demgegenüber  zeigt  nun  Stimming,  dafs  die  von 
Rajna  für  seine  Ansicht  vorgebrachten  Gründe  fast  aus- 
schliefslich  allein  für  die  jüngeren  Fassungen  des  Epos 
Gültigkeit  haben,  die,  wie  wir  oben  sahen,  sämtlich  auf 
die  anglononnannische  Fassung  zurückgehen ;  er  zeigt,  dafs 
die  Momente,  auf  die  Rajna  sich  stützt,  willkürliche  Ände- 
rungen der  Bearbeiter  darstellen,  dafs  die  Identifikation 
Hanstones  mit  Hundstein  oder  Hammerstein  hinfällig  ist. 


1)  S.  P.  Meyer,  Daurel  et  Beton,  Paris  1880  (S.  d.  a.  t.  fr.),  p.  XX  ff. 

1* 


—     4     — 

und  von  Rajnas  Argumenten  allein  der  Umstand  übrig 
bleibt,  dafs  Boeve  einen  Oheim  in  Köln  hat,  —  ein  Zug, 
der  natürlich  für  sich  allein  gar  nichts  zu  beweisen 
vermag. 

Stimming  weist  dann  nach,  dafs  das  Epos  auch  in 
seiner,  der  erhaltenen  anglonormannischen  vorausliegenden 
ältesten  Fassung  auf  englischem  Boden  entstanden 
sein  mufs,  dafs  es  ein  anglonormannisches  Epos 
ist  (Boeve  ist  in  England  geboren  und  kehrt  bei  der 
Rückkehr  aus  der  Verbannung  dahin  zurück,  Hamtone  ist 
in  England  am  Meere  liegend  gedacht,  der  König  des 
Landes  heifst  Edgar,  Boeves  Mutter  ist  die  Tochter  des 
Königs  von  Schottland,  die  ganze  Dichtung  trägt  ein 
ausgesprochen  maritimes  Gepräge  u.  a.  m.).  Was  indes 
die  Herkunft  der  Sage  betrifft,  so  gelangt  Stimming  zu 
einem  rein  negativen  Ergebnis.  Ein  historischer  Vorgang 
scheine  nicht  zu  Grunde  zu  liegen;  wenigstens  lasse  sich 
in  der  englischen  Geschichte  kein  Ereignis  nachweisen, 
das  sich  in  dem  Epos  dichterisch  widerspiegelte.  Ver- 
schiedene Einzelheiten  schienen  dafür  zu  sprechen,  dafs 
der  Schauplatz  der  Sage  ursprünglich  auf  dem  Festlande 
lag,  doch  lasse  sich  über  ihre  Heimat  keine  einigermafsen 
begründete  Ansicht  aufstellen.  Mit  der  Annahme  deutscher 
Herkunft  scheine  es  nicht  vereinbar,  dafs  dem  Kaiser  von 
Deutschland  die  Rolle  des  Verräters  zuerteilt  ist,  und  dafs 
die  Deutschen  auf  der  Seite  der  Feinde  des  Helden  kämpfen, 
desgleichen,  dafs  nach  der  Auffassung  des  anglonormanni- 
schen Epos  Köln  an  der  See  liege,  insofern  es  nicht  wahr- 
scheinlich sei,  dafs  eine  so  auffallend  falsche  geographische 
Vorstellung  in  einem  deutschen  Sagenstoff  enthalten  ge- 
wesen sein  sollte.  Aber  auch  für  französische  Herkunft 
mangele  es  an  sicheren  Anzeichen:  wir  bleiben,  meint 
Stimming,  „völlig  in  Ungewifsheit  darüber,  woher  der 
älteste  anglonormannische  Bearbeiter  unserer  Sage  seinen 


Stoff  erhalten  hat,  sowie  darüber,  wieviel  von  dem  Inhalte 
seines  Epos  er  seiner  Quelle  verdankt"  (S.  CLXXXIX). 

Läfst  somit  der  Herausgeber  selbst  die  Frage  nach 
dem  Ursprung  der  Sage  völlig  offen,  so  hat  dagegen  H.  Suchier 
bezüglich  dieses  Punktes  eine  Vermutung  geäufsert  in  einer 
kurzen  Notiz,  die  er  Stimming  zur  Verfügung  gestellt  hat, 
und  die  dieser  als  „Nachtrag"  zu  seiner  Einleitung  S.  CXCV  f. 
zum  Abdruck  bringt. 

Suchier  glaubt,  dem  Gedicht  liege  eine  Wikinger- 
sage des  10.  Jahrhunderts  zu  Grunde.  Es  wird  sich 
empfehlen,  seine  Argumentation  m  extenso  mitzuteilen: 

„Die  AVikinger",  sagt  Suchier,  „sind  heidnische  Kauf- 
leute, die  nebenbei  auch  Menschenhandel  treiben,  wie  solche 
gegen  Anfang  des  Boeve  auftreten.  Der  Name  des  heid- 
nischen Königs  Yvori  stimmt  zu  Ivor  oder  Ivar,  einem  bei 
den  Wikingern  mehrfach  vertretenen  Namen,  für  den  auf 
Steenstrups  ,,Nonnannerne"  verwiesen  sei.  Ich  glaube,  dafs 
die  in  das  Morgenland  verlegten  Begebenheiten  ursprüng- 
lich in  der  Bretagne  gespielt  haben.  Das  Land  König 
Hermins  ist  Ägypten,  aber  seine  Hauptstadt  heifst  Abrefordj 
in  deren  erstem  Bestandteil  das  Kymrische  aber,  d.  h. 
FlufsmUndung,  nicht  zu  verkennen  ist.  Der  Name  des 
Königs  ist  eigentlich  Völkername,  wie  noch  zwei  Stellen 
zeigen  (3529,  3744),  an  denen  die  Bewohner  des  Landes 
les  Heimins  heifsen.  Es  handelt  sich  um  das  Land,  das 
in  der  nordischen,  englischen,  deutschen  Übersetzung  von 
Thomas'  Tristan  Ermeriia,  Ermonie,  Parmenie  genannt  wird. 
Den  Vermutungen  Loths  und  Lots  in  der  Revue  celtiqiie 
XVIII,  315  kann  ich  nicht  zustimmen^).  Im  Anfang  der 
Sachsenchronik  wird  Armenia  im  Sinne  von  „Armorica'' 
gesetzt,  mit  einer  gelehrten  Metapher  der  gleichen  Art, 


*)  Loth  a.  a.  0.  vermutet  in  Ermonie  eine  Verlesung  für  Eumonie 
=  die  Insel  Man,  oder  vielleicht  das  östliche  Munster,  kelt.  Irmuman, 
das  latinisiert  Ormonia  oder  Ennonia  ergeben  müsse. 


—     6     — 

wie  wenn  die  Goten  Oetae,  die  Dänen  Daci  genannt  wur- 
den. Unter  Armenien  ist  also  die  französische  Bretagne 
zu  verstehen. 

Da  die  Namen  jDoo?i  und  Odon  öfter  verwechselt  wurden, 
so  wird  unter  Kaiser  Doon  Otto  der  Grofse  zu  verstehen 
sein.  Er  war  in  der  Tat  ein  Zeitgenosse  König  Adgars, 
der  in  dem  Gedicht  eine  Eolle  spielt  und  von  959  bis  975 
regierte". 

Suchier  hebt  dann  noch  den  ohne  Zweifel  nordischen 
Ursprung  der  Namen  Bradmund  und  Budefoun  hervor, 
deren  Elemente  sämtlich  nordisch  seien:  hrdj)r  „schnell, 
hurtig",  mund  eig.  „Schutz,  Hand",  hröj)!'  „Ruhm",  fiins 
„begierig". 

Die  Identifikation  Doons  mit  Otto  I.  begründet  Suchier 
nicht  weiter,  er  setzt  aber,  indem  er  sie  aufstellt,  sicher  als  be- 
kannt voraus,  dafs  Otto  in  der  Tat,  wie  der  Doon  des  Gedichts, 
(in  erster  Ehe,  929 — 47)  mit  einer  Engländerin  verheiratet 
war,  nämlich  mit  der  englischen  Prinzessin  Edgitha,  der 
Tochter  König  Eadweards  und  Schwester  König  Edmunds, 
s.  Köpke-Dümmler,  Kaiser  Otto  der  Grofse,  Leipzig  1876, 
S.  9.  Gewifs  genügt  Ottos  Gleichzeitigkeit  mit  Edgar,  zu- 
sammengenommen mit  der  eben  erwähnten  Tatsache  seiner 
Vermählung  mit  einer  Engländerin,  um  Suchiers  Identi- 
fikation einen  hohen  Grad  von  Wahrscheinlichkeit  zu  ver- 
leihen. Es  dürfte  aber  doch  nicht  überflüssig  sein,  auch 
darauf  noch  hinzuweisen,  dafs  nach  einer  in  Ekkeharts  IV. 
Casus  sancti  Galli  cap.  81  sich  findenden  sagenhaften  Nach- 
richt Otto  in  der  Tat  einmal,  im  Jahre  958,  persönlich  in 
England  gewesen  wäre:  .  .  .  Ottone  apiid  Anglos  cum  Adal- 
tage  rege  ipsoruyn,  socero  suo,  aliqimmdiii  agente  ut  junctis 
viribus  Chnutonem  Danorurn  debellaret  regem  .  .  .,  s.  St.  Gal- 
lische Geschichtsquelleii,  neu  hgg.  durch  G.  Meyer  von  Knonau, 
St.  Gallen  1877  {Mitteihmgeii  vaterländischer  Geschichte,  N.F. 
5.  und  6.  Heft),  S.  293.     Der  Herausgeber  bezeichnet  im 


Kommentar  diese  Angabe  als  „historisch  ganz  unbrauchbar". 
„Einen  angelsächsischen  König  Adaldag  gab  es  niemals 
und  es  ist  nirgends  bezeugt,  dai's  Otto  I.  in  England  ge- 
wesen sei  .  .  .;  dagegen  war  Otto  durch  seine  929  voll- 
zogene Vermählung  mit  Editha  Schwager  des  damals,  in 
der  Zeit  von  Cralohs  Tod  [Abtes  von  St.  Gallen  942—58], 
längst  verstorbenen  Königs  Athelstan  (925 — 41)  gewesen. 
Ebenso  gab  es  keinen  dänischen  König  Knut  in  Ottos 
Zeit  .  .  .  .« 

Hiermit  wäre  nun  erschöpft,  was  bisher  über  den  Ur- 
sprung und  die  Quellen  der  Sage  von  Boeve  de  Hamtone 
beigebracht  wurde.  Es  hat  also,  wie  es  scheint,  keiner  der 
Gelehrten,  die  sich  mit  dem  Gegenstande  befaisten,  bemerkt, 
dals  die  Sage  von  Boeve  de  Hamtone  in  ihrem  Kern 
identisch  ist  mit  der  Hamletsage,  wie  sie  uns  von 
dem  dänischen  Historiker  Saxo  Grammaticus  über- 
liefert wird,  und  dafs  sie  ganz  unzweifelhaft  mit 
letzterer  aus  der  gleichen  Quelle  geflossen  ist. 
Diese  Tatsache,  für  die  im  folgenden  der  Beweis  erbracht 
werden  soll,  stimmt  aufs  schönste  zu  dem  Ergebnis  Stim- 
mings,  wonach  die  Dichtung  anglonormannischen  Ursprungs, 
auf  englischem  Boden  zu  Hause  ist,  sowie  auch  zu  der 
Vermutung  Suchiers,  dafs  ihr  eine  Wikingersago  zu  Grunde 
liege.  Denn  wie  wir  sehen  werden,  ist  Saxo  die  Hamlet- 
sage aller  Wahrscheinlichkeit  nach  aus  England  zugeführt 
worden,  und  eben  England  war  im  8.  und  9.  Jahrhundert 
bekanntlich  ein  Haupttummelplatz  der  Wikinger.  Dafs  die 
Verwandtschaft  der  beiden  Sagen  bisher  nicht  erkannt 
wurde,  dürfte  einerseits  daher  rühren,  dafs  ein  für  die 
Hamletsage  besonders  charakteristischer  Zug,  der  ver- 
stellte Wahnsinn  des  Helden,  in  unserem  Epos  völlig  ge- 
tilgt ist,  andrerseits  darin  seinen  Grund  haben,  dafs  in 
dem  Gedicht  die  Handlung  mit  einem  ungeheuren  bunt- 
scheckigen Wust  von  Episoden  überladen  ist,  der  leicht 


—     8     — 

den  Blick  von  den  einfachen  Grundzügen  der  Sage  ablenkt. 
Entscheidend  für  die  Identität  der  beiden  Sagen  fallen 
m.  E.  ins  Gewicht  —  ich  will  das  gleich  vorausschicken 
—  zwei  in  beiden  sich  findende  eminent  spezielle  Motive: 
das  Motiv  des  Uriasbriefes  —  das  mich  zuerst  auf 
die  Hamletsage  hinwies  —  und  das  Motiv  der  Doppel- 
heirat des  Helden,  welches  im  zweiten  Teile  der  Saxo- 
schen  Hamletsage  begegnet. 

Es  wird  nun  also  auf  Grund  eines  inhaltlichen  Ver- 
gleiches der  beiden  Sagen  der  Beweis  für  ihre  behauptete 
ursprüngliche  Identität  zu  liefern  sein.  Dieser  Vergleich 
wird  sich,  was  den  Boeve  v.  Hamtone  angeht,  natürlich 
auf  die  älteste  erreichbare  Fassung  des  Epos  zu  gründen 
haben,  welche  keineswegs  ausnahmslos  durch  das  anglo- 
normannische  Gedicht,  sondern  an  einigen  Stellen  vielmehr 
durch  die  englische  Bearbeitung  repräsentiert  wird.  Ich 
werde  das  Gedicht  im  folgenden  in  der  Eegel  mit  BvH 
bezeichnen. 


Der  Boeve  von  Hamtone 
und  die  Hamletsage  bei  Saxo  Grammaticns. 


Der  Boeve  v.  Hamtone  sowohl  als  die  Hamletsage  bei 
Saxo  zerfallen  in  zwei  Teile,  von  denen  der  erste  (V.  1 — 2398 
des  BvH,  Ende  des  III.  Buches  bei  Saxo)  mit  dem  Voll- 
zug der  Blutrache  an  dem  Stiefvater  des  Helden,  der  zweite 
(V.  2399—3850  des  BvH,  Anfang  des  IV.  Buches  bei  Saxo) 
mit  dem  Tode  des  Helden  schliefst. 

Ich  fasse  zunächst  die  übereinstimmenden  Züge  im 
ersten  Teile  des  BvH  und  im  ersten,  aus  Shakespeares 
Drama  bekannten  Teil  der  Hamletsage  ins  Auge. 


—    9    — 

Der  Inlialt  des  dem  anglonormanuischen  Gedichte  und 
der  englischen,  wälschen  und  nordischen  Fassung  zu  Grunde 
liegenden  Epos  war  im  wesentlichen  der  folgende^): 

Der  schon  bejahrte  Graf  Gui  von  Hamtone  heiratet 
die  —  namentlich  nicht  genannte  —  Tochter  des  Königs 
von  Schottland.  Vorher  hatte  sich  der  Kaiser  von  Deutsch- 
land, Doon,  wiederholt  um  ihre  Hand  beworben,  war  aber 
von  ihrem  Vater  abschlägig  beschieden  worden,  der  ihr 
vielmehr  Gui  zum  Gatten  bestimmte.  Aus  der  Verbindung 
geht  ein  Sohn,  Boeve,  hervor.  Die  Gräfin,  die  ein  schlechtes 
Herz  hat,  hafst  ihren  Gatten  und  beschliefst,  als  Boeve 
10  Jahre  alt  ist,  den  Grafen  umbringen  zu  lassen.  Sie 
sendet  einen  Boten  an  den  Kaiser  von  Deutschland  und 
läfst  ihn  auffordern,  am  1.  Mai  mit  400  Rittern  in  den 
nahegelegenen  Wald  am  Meere  zu  kommen;  sie  werde  ihren 
Gatten  veranlassen,  am  gleichen  Tage  dort  mit  geringem 
Gefolge  zu  jagen,  er  möge  ihm  das  Haupt  abschlagen  und 
es  ihr  übersenden,  dann  wolle  sie  die  Seine  werden.  Der 
Kaiser  erklärt  sich  sofort  bereit,  dem  Verlangen  der  Dame 
zu  entsprechen.  Am  1.  Mai  stellt  die  Gräfin  sich  krank  und 
erklärt  ihrem  Gatten,  sie  glaube,  der  Genufs  von  frischem 
Ebei-fleisch  werde  sie  wieder  gesund  machen.  Daraufhin 
begibt  sich  der  Graf  in  den  Wald  zur  Jagd  und  wird  dort 
von  Doon  und  seinen  Rittern  erschlagen.  Der  Kaiser  sendet 
Guis  Kopf  der  Gräfin,  die  ihn  nun  einlädt,  sofort  zu  ihr 
zu  kommen,  die  Hochzeit  solle  gleich  am  nächsten  Tage 
stattfinden.    (Tir.  I— XXXIT.) 

Als  Boeve  die  Ermordung  seines  Vaters  erfährt,  weint 
er  laut;  er  macht  seiner  Mutter  heftige  Vorwürfe,  schilt 
sie  eine  feile  Dirne  und  droht,  sobald  er  Waifen  tragen 
könne,  den  Tod  des  Vaters  rächen  zu  wollen.  Die  Gräfin 
versetzt  ihm  einen  Schlag,  dafs  er  zu  Boden  stürzt.    Der 

*)  Eine  ausführliche  Analyse  des  Inhalts  des  anglonorman- 
nischen  Gedichts  gibt  Stimming  S.  LIX  seiner  Ausgabe. 


~     10     — 

Ritter  Sahot  {Saber  in  der  englischen  Version),  sein  Er- 
zieher, nimmt  den  Knaben  in  seine  Arme  und  will  mit  ihm 
entfliehen,  die  Gräfin  aber  zwingt  ihn,  vorher  zu  schwören, 
dafs  er  Boeve  noch  am  gleichen  Tage  umbringen  wolle. 
Sabot  schlachtet  nun  ein  Schwein,  tiänkt  Boeves  Kleider 
mit  dem  Blute  und  zeigt  diese  der  Mutter  zum  Beweis, 
dafs  er  ihren  Befehl  vollzogen  habe^).  Boeve  selbst  schickt 
er,  als  Hirten  verkleidet,  in  ärmlichem  Gewand  aufs  Feld, 
damit  er  14  Tage  lang  die  Lämmer  hüte.  Dann  wolle  er 
ihn  in  ein  fremdes  Land  zu  einem,  ihm,  Sabot,  befreundeten 
edlen  Grafen  senden,  bei  dem  er  bleiben  solle.  Wenn  er 
15  oder  16  Jahre  alt  geworden,  solle  er  heimkehren  und  mit 
Sabots  Hilfe  an  dem  Kaiser  Rache  nehmen  (XXXUI — XL). 
Eines  Tages  vernimmt  Boeve  auf  der  Weide  den  Lärm 
eines  im  Schlosse  gefeierten  Festes.  Er  eilt  in  die  Stadt, 
schlägt  dem  Pförtner  des  Schlosses,  der  ihn  zurückweist, 
mit  seiner  Keule  den  Schädel  ein  und  dringt  mit  Gewalt 
in  den  Saal;  hier  sagt  er  dem  Kaiser  ins  Gesicht,  er  sei 
der  Mörder  seines  Vaters  und  fordert  sein  Erbe  zurück. 
Als  der  Kaiser  ihm  Schweigen  gebietet,  versetzt  er  dem- 
selben mit  der  Keule  drei  Hiebe  über  den  Kopf,  so  dass 
Doon  bewufstlos  auf  die  Tafel  niedersinkt.  Seine  Mutter 
befiehlt,  ihn  zu  ergreifen,  aber  durch  den  Beistand  einiger 
Ritter,  die  Mitleid  mit  ihm  haben,  entkommt  er  in  das 
Haus  Sabots,  dem  er  erzählt,  er  habe  seinen  Stiefvater 
erschlagen.  Sabot  versteckt  den  Knaben  in  einer  Kammer. 
Gleich  darauf  erscheint  die  Mutter  und  fordert  die  Aus- 


^)  So  die  englische  Version  V.  35-3,  welche,  wie  Stimming  S.  CLIII 
zeigt,  hier  das  Ursprüngliche  hat.  In  dem  französischen  Gedicht  und 
den  beiden  anderen  Bearbeitungen  versenkt  Sabot  vielmehr  die  Kleider, 
an  einen  Mühlstein  gebunden,  ins  Wasser,  —  man  sieht  nicht  ein,  zu 
welchem  Zweck  —  und  versichert  dann  der  Mutter,  er  habe  Boeve  mit 
einem  Mühlstein  ertränkt.  Wie  wir  oben  S.  2  sahen,  ist  das  Zeugnis  der 
englischen  Version  dem  der  drei  anderen  Fassungen  gleichwertig. 


—   11   — 

lieferuiig  Boeves.  Sabot  erklärt,  er  habe  den  Knaben  getütet, 
die  Gräfin  aber  bezichtigt  ihn  der  Lüge  und  bedroht  ihn  mit 
dem  Tode,  wenn  er  Boeve  nicht  herausgebe.  Als  Boeve 
das  vernimmt,  tritt  er,  um  seinem  Erzieher  das  Leben  zu 
retten,  aus  seinem  Versteck  hervor.  Die  Gräfin  befiehlt 
nun  zwei  Rittern,  Boeve  ans  Meer  zum  Hafen  zu  führen 
und  ihn,  falls  sie  Kaufleute  fänden,  die  ihn  nehmen  woll- 
ten, diesen  zu  verkaufen,  andernfalls  aber  ihn  zu  er- 
tränken. Die  Kitter  tun,  wie  ihnen  geheifsen,  und  ver- 
kaufen Boeve  an  sarazenische  Handelsleute,  die  sie  im 
Hafen  finden.  Diese  bringen  Boeve  zu  Schiff  nach  ,.  Ar- 
menien"^), d.  i.  Armorica,  und  verkaufen  ihn  dort  an  den 
gi^eisen  König  Hermin  (XL — LX). 

Hermin  findet  an  dem  Knaben  groises  Gefallen  und 
ernennt  ihn  zu  seinem  Mundschenk,  was  den  Neid  einiger 
Höflinge  rege  macht.  Als  Boeve  das  Alter  von  15  Jahren 
erreicht  hat,  ist  er  schon  so  stark,  dafs  kein  Ritter  des 
Hofes  mehr  mit  ihm  zu  turnieren  wagt.  Er  erlegt  einen 
Eber*),  dem  sonst  niemand  gewachsen  ist,  und  kämpft  auf 
der  Heimkehr  siegreich  mit  10  Förstern,  die  ihm  den  Tod 
geschworen  haben:  6  von  ihnen  tötet  er,  die  übrigen  er- 
greifen die  Flucht. 


*)  So  die  enghsche  Version:  Arniony,  Emiony,  Ermonie.  Das 
anglonorinannische  Gedicht  und  die  welsche  und  nordische  Bearbeitung 
haben  dafür  Ägypten.  Dals  E  hier  das  Ursprüngliche  hat  und  „Aegyp- 
ten"  eine  in  y  vorgenommene  Änderung  darstellt  (s,  das  Schema  S.  2), 
ergibt  sich  daraus,  dals  später  in  dem  Gedichte  die  Bewohner  des  Landes 
zweimal,  V. 3529  und  3744,  les  Hcrmivs,  „die  Armenier",  genannt  werden : 
der  Bearbeiter  hat  versehentlich  hier  den  ursprünglichen  Namen  stehen 
lassen.  Die  englische  Version  bestätigt  aufs  schönste  die  oben  mit- 
geteilte Argumentation  Suchiers,  der,  wie  es  scheint,  ohne  davon  Kennt- 
nis zu  haben,  das  E  tatsächlich  Armenien  nennt,  allein  aus  dem  Orts- 
namen Abreford,  dem  Namen  des  Königs  und  der  Bewohner  folgert,  es 
müsse  der  Name  des  Landes  ursprünglich  Armenia  gelautet  haben. 

2)  Nach  E  einen  Bären. 


—     12     — 

Hermin  hat  eine  Tochter  Josiane,  die  sich  in  Boeve 
verliebt.  König  Bradmo7id  von  Damascus  will  sich  Josianes 
mit  Gewalt  bemächtigen  und  fällt  mit  einem  grofsen  Heere 
in  das  Land  ein.  Auf  Josianens  Eat  schlägt  Hermin  den 
Boeve  zum  Eitter  und  ernennt  ihn  zum  Oberbefehlshaber 
seines  Heeres,  Josiane  schenkt  ihm  bei  dieser  Gelegenheit 
ein  vorzüglich  schnelles  Rofs^  Arondel.  Boeve  besiegt 
Bradmond,  nimmt  ihn  gefangen  und  zwingt  ihn,  sich  als 
Lehnsmann  Hermins  zu  bekennen,  worauf  jener  in  seine 
Heimat  zurückkehrt  (LX— LXXXII). 

Josiane  erklärt  Boeve  ihre  Liebe,  die  dieser  nach  an- 
fänglicher Weigerung  —  er  meint,  er  sei  zu  gering  für  sie  — 
erwidert.  Zwei  Ritter  —  sie  heifsen  Gocelyn  und  Fia-e'^), 
wie  wir  später  V.  3089  erfahren  —  verleumden  Boeve 
beim  König,  indem  sie  behaupten,  er  sei  der  Buhle  Josianes, 
während  Boeve  das  Mädchen  doch  nur  geküfst  hatte.  Der 
König  erklärt,  er  habe  Boeve  so  lieb  gewonnen,  dafs  er 
es  nicht  übers  Herz  bringen  würde,  ihn  zu  töten.  Da  rät 
ihm  der  eine  von  den  Rittern,  Boeve  an  Bradmond  zu 
schicken  mit  einem  versiegelten  Briefe,  der  den  Auftrag 
enthalte,  den  Überbringer  zu  töten ^);  Boeve  solle  er 
schwören  lassen,   den  Brief  sonst  niemandem   zu  zeigen. 


^)  Oistilinn  und  Für  es  in  der  nordischen  Version  Cap.  XXIX. 

2)  Dafs  dies  der  Inhalt  des  Briefes  sein  sollte,  wird  in  drei  von 
den  sechs  Handschriften  der  englischen  Version  ausdrücklich  gesagt., 
s.  Kölbings  Ausgabe  S.  58,  2.  Sp.  Dafs  es  tatsächlich  der  Inhalt  des 
Briefes  war,  bemerken  später  übereinstimmend  sämthche  Versionen, 
s.  A  V.  910,  W  Cap.  XV,  N  Cap.  XI  (nach  diesen  3  Versionen  befiehlt 
Hermin  dem  Bradmond,  Boeve  hängen  zu  lassen),  E  V.  1391  (Brad- 
mond soll  den  Boeve  töten).  Wenn  deshalb  an  der  vorliegenden 
Stelle  nach  der  anglonormannischen,  welschen  und  nordischen  Version 
der  Brief  nur  den  Auftrag  enthalten  soll,  Boeve  einzukerkern,  so 
ist  darin  eine  spätere  Änderung  zu  erblicken,  die  dadurch  herbeigeführt 
wurde,  dafs  Bradmond  tatsächlich  Boeve  nicht  tötet,  sondern  nur 
einkerkert. 


—     13    — 

Der  König  befolgt  den  Rat  und  Boeve  reitet  mit  dem 
Briefe  davon.  Am  vierten  Tage  trifft  er  unter  einem 
Baume  einen  Pilger,  der  ihm  erzählt,  er  sei  aus  Hamtone 
und  ein  Sohn  Sabots;  er  befinde  sich  im  Auftrage  seines 
Vaters  auf  der  Suche  nach  einem  Knaben  Namens  Boeve, 
der  an  die  Heiden  verkauft  worden  sei.  Boeve  erwidert 
ihm,  der  Knabe,  von  dem  er  spreche,  sei  gehängt  worden, 
worauf  der  Pilger  in  laute  Klagen  ausbricht.  Als  er  Boeves 
Brief  erblickt,  bittet  er,  ihm  denselben  zu  zeigen,  und  als 
Boeve  dies  ablehnt,  weil  er  den  Brief  niemanden  lesen 
lassen  dürfe,  meint  der  Pilger,  er  handle  unklug,  der  Brief 
könne  ihm  möglicherweise  den  Tod  bringen. 

In  Damaskus  angekommen,  überreicht  Boeve  sein 
Schreiben.  Nachdem  Bradmond  es  gelesen,  läfst  er  Boeve 
sofort  ergreifen  und  in  einen  scheufslichen,  mit  Schlangen 
und  Ungeziefer  angefüllten  Kerker  werfen.  Erst  nach 
7-jähriger  Gefangenschaft  wird  Boeve  durch  ein  Wunder 
befreit,  indem  auf  sein  Gebot  die  Fesseln  durch  Gottes 
Kraft  zerbrechen. 

Auf  die  nun  folgenden  Abenteuer  Boeves  braucht 
hier  nicht  genauer  eingegangen  zu  werden.  Er  wird  von 
Bradmond  verfolgt,  der  sich  aber  an  einem  reifsenden  Strom, 
den  Boeve  glücklich  überschwommen  hat,  zur  Umkehr  ge- 
nötigt sieht.  Er  findet  Josiane  wieder,  kämpft  mit  zwei 
Löwen,  die  er  tötet,  und  gelangt  schliefslich  nach  mancherlei 
Zwischenfällen  mit  Josiane  und  dem  getreuen  Eiesen 
Escopart,  den  Josiane  vom  Tode  errettet  hat,  zu  Schiff 
nach  Köln.  Nachdem  hier  Josiane  und  Escopart  durch 
Boeves  Oheim,  den  Bischof  von  Köln,  die  Taufe  empfangen 
haben,  segelt  Boeve  allein  weiter  zu  Sabot,  der  von  einer 
festen  Burg  aus  Krieg  gegen  Doon  führt.  Sabot  ist  hoch- 
erfreut über  Boeves  Heimkehr.  Es  folgt  eine  uns  nicht 
interessierende  Episode,  welche  Boeve  wieder  nach  Köln 
führt,  wo  er  Josiane  vom  Feuertode  eiTettet.    Er  kehrt 


—    u    — 

dann  wieder  zu  Sabot  zurück  und  läfst  durch  einen  Boten 
dem  Kaiser  nach  Hamtone  sagen,  er  habe  tapfere  Ritter 
in  grofser  Zalil  bei  sich  und  werde  ihn  nächstens  hängen 
lassen.  Doon,  erschreckt,  zieht  Hilfstruppen  aus  Deutsch- 
land und  von  seinem  Schwiegervater  aus  Schottland  heran. 
Dann  rückt  er  mit  Heeresmacht  Sabot  und  Boeve  ent- 
gegen; den  einen  Teil  des  Heeres  führt  der  König  von 
Schottland,  den  andern  er  selbst. 

In  der  nun  folgenden  greisen  Schlacht  tötet  Sabot 
den  König  von  Schottland,  Boeve  sticht  Doon  vom  Rofs. 
der  aber  von  seinen  Leuten  befreit  wird;  endlich  bricht 
sich  der  Eiese  Escopart  mit  seinem  Hebebaum  zu  Doon 
Bahn,  ergreift  ihn,  trägt  ihn  zum  Schlofse  und  läfst  ihn 
binden,  worauf  sich  das  deutsche  Heer  ergibt.  Doon  bittet 
Boeve,  er  möge  ihn,  da  er  auf  Begnadigung  doch  nicht 
hoffen  könne,  wenigstens  mit  einem  Schlage  töten;  Boeve 
aber  lehnt  dies  ab,  er  läfst  eine  Grube  mit  flüssigem  Blei 
füllen  und  Doon  hineinwerfen.  Als  dessen  Gattin  die 
Nachricht  überbracht  wird,  ersticht  sie  den  Boten  und 
stürzt  sich  dann  von  der  Höhe  des  Turmes  herab,  so  dafs 
sie  den  Hals  bricht.  Nun  ergreift  Boeve  Besitz  von  Ham- 
tone und  die  Hochzeit  mit  Josiane  wird  gefeiert. 

Dies  der  Inhalt  des  ersten  Teiles  des  Boeve  von 
Hamtone,  soweit  er  vorläufig  für  unseren  Zweck  in  Be- 
tracht kommt. 

Ich  lasse  nun  eine  Analyse  des  entsprechenden  ersten 
Teiles  der  Hamletsage  folgen,  wie  sie  sich  im  3.  Buche 
von  Saxos  Historia  Banica  findet^),  und  zwar  beschränke 


^)  Saxo  Grammaticus ,  Die  ersten  neun  Bücher  der  dänischen 
Oeschichte,  übers,  und  erläut.  von  Hermann  Jantzen,  Berlin  1900, 
S.  140 ff.  P.  Herrmann,  Erläutertmgen  xu  den  ersten  neun  Büchern  der 
dänischen  Oeschichte  des  Saxo  Grammaticus,  I.  Teil:  Übersetxung, 
Leipzig  1901,  S.  113  ff.  Eine  Übersetzung  des  betreffenden  Abschnittes 
geben  auch  K.  Simrock,  Quellen  des  Shakespeare",  Bonn  1870,  I,  103 ff.; 


ich  mich  auch  hier,  soweit  es  möglich  ist,  anf  diejenigen 
Punkte,  welche  für  die  vorliegende  Untersuchung  von  Be- 
deutung sind. 

Saxo  hat  seine  Historia  begonnen  nach  1179  und  ver- 
mutlich nicht  allzulange  nach  1208  vollendet^).  Die  ersten 
neun  Bücher  behandeln  bekanntlich  die  Urgeschichte  der 
Dänen  bis  zum  Tode  Gorms  des  Alten  im  Jahre  93(3;  sie 
sind  im  wesentlichen  durchaus  sagenhaft  gehalten.  Die 
Geschichte  Hamlets  spielt  zur  Zeit  des  sagenhaften  Königs 
Rorik  von  Dänemark,  der  lange  vor  Christi  Geburt  gelebt 
haben  soll. 

Saxo  berichtet  folgendes: 

Die  Brüder  Horvendül')  und  Fengo  herrschen  als 
Nachfolger  ihres  Vaters  gemeinsam  über  Jütland.  Horven- 
dill  gewinnt  die  Freundschaft  des  Königs  Roricus  und 
erhält  dessen  Tochter  Gerutha  (=  Gertrud)  zur  Frau;  aus 
der  Ehe  geht  ein  Sohn,  Ämleth,  hervor.  Fengo  beneidet 
den  Bruder  um  sein  Glück  und  trachtet  ihm  nach  dem 
Leben:  er  ermordet  Horvendill  und  vermählt  sich  mit 
dessen  Gattin,  indem  er  zur  Beschönigung  seiner  grausen 
Tat  erklärt,  Gerutha  habe  von  Horvendill  den  grimmigsten 
Hafs  erfahren,  nur  um  sie  zu  retten,  habe  er  den  Bruder 
getötet. 

Amleth,  der  Sohn  des  Ermordeten,  stellt  sich  blöd- 
sinnig, um  nicht  den  Verdacht  des  Oheims  zu  erwecken. 
Er  trägt  die  gröfste  Unsauberkeit  zur  Schau,  alles  was 
er  spricht,  alles  was  er  tut,  macht  den  Eindruck  tierischen 
Stumpfsinns.  Oft  sitzt  er  am  Herde,  wühlt  mit  den  Hän- 
den  in   der   Asche    und   schnitzt   hölzerne   Pfeile,   deren 


R.  Prölfs,  Shakespeares  Hainlet,  erläutert,  Leipzig  1878,  S.  68  ff.,  sowie 
Gericke-Moltke ,  Shakespeares  IJanilet- Quellen,  Leipzig  1881,  S.  IX ff. 
Ich  eitlere  nach  Jantzen. 

»)  S.  Jantzen  a.  a.  0.  S.  Xlllf. 

*)  Der  Riese  Auricandill  der  Edda,  s.  Jantzen,  a.  a.  0.  S.  137,  A.  2. 


—     16     — 

Spitzen  er  im  Feuer  härtet.  Auf  die  Fra^e,  was  er  beginne^ 
antwortet  er  zur  Belustigung  der  Anwesenden,  er  verfertige 
scharfe  Pfeile  zur  Eache  seines  Vaters.  Aber  eben  diese 
Kunstfertigkeit  erweckt  bei  einigen  den  Verdacht,  „er  ver- 
berge nur  seine  Klugheit  unter  dem  Schleier  der  Einfältig- 
keit." Man  macht  deshalb  einen  Versuch  ihn  zu  entlarven, 
indem  man  ihm  im  AValde  ein  schönes  Mädchen  in  den 
Weg  führt;  man  meint:  „seine  Erregung  werde  zu  heftig 
sein,  als  dafs  er  sie  durch  List  beherrschen  könnte,  und 
wenn  er  seinen  Stumpfsinn  nur  erheuchele,  werde  er  diese 
Gelegenheit  benutzen  und  auf  der  Stelle  dem  Trieb  der 
Wollust  gehorchen."  Aber  der  Anschlag  —  auf  dessen 
Einzelheiten  hier  nicht  eingegangen  zu  werden  braucht  — 
mifslingt,  da  Amleth  rechtzeitig  von  einem  ihm  wohlwol- 
lenden „Milchbruder"  gew^arnt  wird.  Er  befriedigt  zwar 
seine  Lust,  aber  an  einer  verborgenen  Stelle  des  Waldes 
und  das  Mädchen,  das  „die  frühere  Gemeinschaft  ihrer 
Erziehung"  in  innigster  Vertrautheit  mit  ihm  verbindet, 
gelobt  ihm  auf  seine  Bitte  Stillschweigen. 

Bei  dieser  Gelegenheit  tut  Amleth  verschiedentlich 
Aussprüche,  die  abstrus  erscheinen  und  belacht  werden, 
aber  einen  tieferen,  von  den  Hörern  nicht  begriffenen  Sinn 
enthalten;  wie  Saxo  sagt:  „er  vermischte  List  und  Offen- 
herzigkeit so,  dafs  es  seinen  Worten  nicht  an  Wahrheit 
fehlte,  dafs  aber  auch  der  Sinn  seines  Witzes  nicht  durch 
offene  Angabe  der  Wahrheit  verraten  wurde",  d.  h.  er  sagt 
die  Wahrheit,  ohne  dafs  sie  ein  Unbefangener  als  solche 
zu  erkennen  vermag. 

Auf  den  Rat  eines  von  Fengos  Freunden  wird  ein 
zweiter  Versuch  gemacht,  ihm  auf  die  Spur  zu  kommen. 
Man  verschafft  ihm  Gelegenheit  zu  einer  Unterredung  mit 
seiner  Mutter  unter  vier  Augen,  in  der  Erwartung,  er 
werde,  „wenn  er  nur  ein  bifschen  Verstand  besitze,  kein 
Bedenken  tragen,  sich  vor  den  Ohren  der  Mutter  auszu- 


—     17     — 

sprechen",  ihr  seine  wahren  Gedanken  zu  enthüllen;  der 
Urheber  der  List  selbst  versteckt  sich  als  Lauscher  unter 
dem  Bettstroh  des  Zimmers.  Aber  Amleth  hat  Verdacht 
geschöpft.  Er  kräht  wie  ein  Hahn  und  ficht  mit  den 
Armen  hin  und  her,  als  ob  er  mit  den  Flügeln  schlüge; 
dann  springt  er  auf  das  Stroh  und  als  er  merkt,  dafs 
jemand  darunter  liegt,  sticht  er  mit  dem  Schwert  an  der 
Stelle  hinein  und  durchbohrt  den  Horcher;  darauf  zieht 
er  den  Leichnam  hervor,  hackt  ihn  in  Stücke,  kocht  diese 
in  siedendem  Wasser  und  wirft  sie  durch  die  Öffnung  einer 
Kloake  den  Schweinen  zum  Frafse  vor.  In  das  Zimmer 
zurückgekehrt,  macht  er  seiner  Mutter  die  bittersten  Vor- 
würfe, dafs  sie  es  über  sich  gebracht  habe,  sich  dem  Mörder 
ihres  ersten  Gatten  zu  vermählen;  er  nennt  sie  die  ver- 
worfenste unter  den  Weibern,  eine  lüsterne  Dirne  und  er- 
klärt ihr  dann  offen,  seine  Verrücktheit  sei  nur  Verstel- 
lung, im  Herzen  hege  er  das  glühendste  Verlangen,  den 
Vater  zu  rächen,  er  wolle  nur  den  günstigen  Moment  ab- 
warten. Er  befiehlt  ihr  dann,  über  die  Unterredung  zu 
schweigen,  was  Gerutha  auch  tut. 

Durch  diese  Strafrede,  heifst  es,  habe  er  seine  Mutter 
veranlafst,  wieder  den  Pfad  der  Tugend  zu  betreten  und  ihre 
frühere  Liebe  den  augenblicklichen  Lockungen  vorzuziehen. 

Trotz  des  Mifslingens  auch  des  zweiten  Anschlages 
zweifelt  Fengo  nicht  an  der  Tücke  seines  Stiefsohns.  Er 
will  ihn  beseitigen,  wagt  aber  nicht,  die  Tat  selbst  zu 
vollbringen,  da  er  dadurch  sowohl  bei  Amleths  Grofsvater 
Rorik  als  auch  bei  seiner  eigenen  Gattin  anzustofsen  fürchtet. 
Er  beschliefst  deshalb,  ihn  durch  den  König  von  Britannien 
töten  zu  lassen,  „um  so  Unschuld  heucheln  zu  können, 
wenn  ein  anderer  für  ihn  die  Tat  vollbringe."  Amleth 
wird  also  nach  Britannien  gesandt,  zwei  Trabanten  {satel- 
lites^)  Fengos  werden  ihm  mitgegeben,  die  ein  in  Holz  ge- 

*)  Rosenkranz  und  Güldenstem  bei  Shakespeare. 

Zenker,  Boeve-Amlethus.  2 


—     18     — 

ritztes  Schreiben  bei  sich  führen,  durch  welches  der  König 
der  Britannier  ersucht  wird,  Amleth  umzubringen.  Beim 
Abschied  bittet  Amleth  seine  Mutter,  nach  Ablauf  eines 
Jahres  zum  Scheine  eine  Totenfeier  für  ihn  zu  veranstalten, 
eben  dann  werde  er  zurückkehren. 

Als  während  der  Reise  die  Trabanten  einmal  der 
Ruhe  pflegen,  durchsucht  Amleth  ihr  Gepäck  und  findet 
den  Brief.  Er  liest  den  Auftrag,  schabt  ihn  fort  und  setzt 
neue  Schriftzüge  an  die  Stelle,  durch  die  der  König  von 
Britannien  gebeten  wird,  die  beiden  Begleiter  zu  töten, 
ihm  selbst  aber  seine  Tochter  zur  Frau  zu  geben. 

Am  Hofe  von  Britannien  angekommen,  übergeben  die 
Gesandten  ihren  Brief.  Der  König  läfst  sich  nichts  merken 
und  nimmt  sie  gastlich  auf.  Beim  Mahle  legt  Amleth 
Proben  seines  erstaunlichen  Scharfblickes  ab.  Der  König, 
von  Bewunderung  für  seinen  Gast  durchdrungen,  vermählt 
ihm  seine  Tochter  und  läfst,  in  Erfüllung  des  erhaltenen 
Auftrags,  die  beiden  Begleiter  aufhängen.  Amleth  heuchelt 
Unwillen  hierüber  und  erhält  deshalb  vom  König  als  Sühne- 
geld Gold,  das  er  heimlich  im  Feuer  schmelzen  und  in 
ausgehöhlte  Stöcke  giefsen  läfst. 

Nachdem  er  ein  Jahr  beim  König  verweilt,  kehrt  er 
nach  Jütland  zurück  und  nimmt  hier  alsbald  wieder  die 
Maske  des  Blödsinnes  vor.  Man  ist  eben  dabei,  die  Leichen- 
feier für  ihn  zu  begehen.  Als  er  deshalb  plötzlich,  mit 
Schmutz  bedeckt,  den  Speisesaal  betritt,  sind  alle  aufs 
höchste  überrascht;  bald  aber  weicht  die  Bestürzung  der 
Heiterkeit  über  die  seltsame  Situation.  Als  man  ihn  nach 
seinen  Begleitern  fragt,  weist  er  auf  die  mit  Gold  ge- 
füllten Stöcke  und  sagt:  das  ist  der  eine  und  das  ist  der 
andere.  Um  die  Trunkenheit  zu  steigern,  ist  er  dann  den 
Schenken  fleifsig  beim  Eingiefsen  behülflich.  Mehrmals 
zückt  er  absichtlich  sein  Schwert,  wobei  er  sich  an 
der   Spitze   die   Finger   verwundet;    die    Nächststehenden 


—     19    — 

schlagen  deshalb  einen  eisernen  Nagel  durch  Schwert  und 
Scheide. 

Als  die  Edlen,  vom  Weine  berauscht,  schlafend  am 
Boden  liegen,  läfst  Amleth  von  der  Decke  ein  Netz  auf 
sie  herab,  mit  dessen  Anbringung  er  vor  seiner  Abreise 
seine  Mutter  beauftragt  hatte,  und  befestigt  das  Netz  mit 
seinen  spitzen  Holzpflöcken,  so  dafs  keiner  der  Liegenden 
im  Stande  ist,  sich  zu  erheben.  Dann  steckt  er  die  Halle 
in  Brand  und  sämtliche  Anwesende  kommen  im  Feuer  um. 
Nun  begibt  er  sich  in  das  Schlafgemach  Fengos,  der 
schon  vorher  von  seinen  Gefährten  dahin  gebracht  ist;  er 
nimmt  Fengos  am  Bette  befestigtes  Schwert  an  sich  und 
ersetzt  es  durch  sein  eigenes;  dann  weckt  er  den  König, 
erklärt  ihm,  er  sei  da,  um  die  schuldige  Rache  für  seines 
Vaters  Tod  zu  üben  und  erschlägt  ihn  mit  dem  Schwerte, 
indes  Fengo  sich  vergeblich  bemüht,  das  seinige  zu  zücken. 

Damit  schliefst  das  dritte  Buch.  Im  Anfang  des  vierten 
wii-d  dann  erzählt,  wie  das  Ereignis  am  nächsten  Morgen 
von  der  Bevölkerung  mit  geteilten  Gefühlen  aufgenommen 
wird,  Amleth  aber  durch  eine  längere  Rede,  in  der  er 
seine  Tat  rechtfertigt,  das  Volk  für  sich  gewinnt  und 
unter  allgemeiner  Zustimmung  zum  Nachfolger  Fengos  ge- 
wählt wird. 

Die  nahe  Verwandtschaft  der  Hamletsage,  wie  sie 
hier  geboten  wird,  mit  der  Sage  von  Boeve  von  Hamtone 
ist  unverkennbar.  Scheiden  wir  alle  differierenden  Züge  aus, 
so  erhalten  wir  folgenden,  beiden  Sagen  geraeinsamen  Typus: 

Der  König  eines  nordischen  Reiches  (Schottland  — 
Dänemark)  vermählt  seine  Tochter  mit  einem  am  Meere 
wohnenden  Grofsen,  auf  den  er  grofse  Stücke  hält;  aus 
der  Ehe  geht  ein  Sohn  hervor.  Der  Grofse  wird  ruch- 
loserweise ermordet  von  einem  anderen  Grofsen,  der  die 
Witwe  heiratet.    Der  Sohn  entrinnt  dem  Verderben  und 

2* 


20 


plant  Rache  für  den  Tod  des  Vaters.  In  einer  Unter- 
redung mit  seiner  Mutter  macht  er  dieser  die  bittersten 
Vorwürfe,  er  schilt  sie  eine  feile  Dirne  und  erklärt  ihr, 
er  werde,  wenn  die  Zeit  gekommen  sei,  den  Tod  des  Vaters 
rächen.  Er  wird  dann  übers  Meer  an  den  Hof  eines 
fremden  Königs  gebracht,  bezw.  gesandt;  der  König  ge- 
winnt ihn  lieb,  und  der  Held  heiratet  die  Tochter  dieses 
Königs.  Inzwischen  läfst  er  in  seiner  Heimat  die  Nachricht 
von  seinem  Tode  verbreiten.  Er  kehrt  unerwartet  zurück 
und  rächt  den  Vater,  indem  er  den  Mörder,  den  Stiefvater, 
tütet.    Dann  übernimmt  er  selbst  die  Eegierung  des  Landes. 

Beiden  Sagen  ist  ferner  gemein  das  Motiv  des 
Uriasbriefes,  das  sich  der  verschiedenen  Fassung  wegen, 
in  der  es  erscheint,  eben  in  den  Zusammenhang  der  Hand- 
lung nicht  einreihen  liefs: 

Ein  König  (der  fremde  König  —  der  Stiefvater  selbst) 
will  den  Helden  aus  dem  Wege  räumen,  bringt  es  aber 
nicht  übers  Herz  oder  wagt  es  nicht,  ihm  selbst  etwas 
anzutun;  er  schickt  ihn#  deshalb  an  einen  befreundeten 
oder  ihm  ergebenen  Fürsten  mit  einem  Briefe,  der  den 
Auftrag  enthält,  den  Überbringer  zu  töten.  Die  böse  Ab- 
sicht wird  vereitelt,  der  Held  wird  gerettet  (doch  in  sehr 
verschiedener  Weise :  im  einen  Falle  gelingt  der  Anschlag 
zunächst,  doch  wird  der  Held  nicht  getötet,  sondern  nur 
in  den  Kerker  geworfen,  aus  dem  er  dann  entkommt;  im 
anderen  Falle  vereitelt  er  durch  seine  Schlauheit  den 
Anschlag  von  vornherein). 

Ich  meine  nun,  die  Übereinstimmung  der  beiden  Sagen 
ist  hiernach  schon  in  ihrem  ersten  Teile  eine  so  grofse, 
dafs  ihre  ursprüngliche  Identität  als  sehr  wahrscheinlich 
bezeichnet  werden  darf.  Die  zahlreichen  Abweichungen 
erklären  sich  einerseits  durch  die  möglicherweise  über 
hunderte  von  Jahren  sich  erstreckende  mündliche  Tradition, 
welche  die  Grundlinien  und  eine  Reihe  markanter  Motive 


—    21     — 

festhielt,  andere  Züge  hingegen  verwischte,  modifizierte 
oder  umstellte;  andererseits  mögen  die  Diskrepanzen  ihren 
Grund  haben  in  dem  Einflul's  des  Abenteuerromanes  auf 
den  Boeve  von  Harn  tone,  welcher  zu  Tage  tritt  in  der 
breiten,  teilweise  läppischen  Ausspinnung  des  Liebesver- 
hältnisses zwischen  Boeve  und  Josiane,  in  der  zweimaligen 
erzwungenen  Vermählung  der  letzteren,  in  der  sie  beide- 
male  ihre  Jungfräulichkeit,  bezw.  die  Gattentreue  bewahrt, 
in  Boeves  Kerkerhaft,  in  dem  zauberkräftigen  Karfunkel- 
stein u.  s.  w.,  —  alles  Momente,  die  für  die  Haupthandlung 
gänzlich  überflüssig  sind  und  deshalb,  soweit  nicht  etwa 
durch  die  mündliche  Tradition  korrumpierte  organische 
Motive  einer  älteren  Fassung  in  ihnen  vorliegen,  jüngere 
Zutaten  eines  fabulierenden,  mit  dem  Mqtivenschatz  der 
Abenteuerdichtung  wohl  vertrauten  Überarbeiters  darstellen 
werden. 

Die  Wahrscheinlichkeit  der  Identität  der  beiden  Sagen 
wird  nun  aber,  dünkt  mich,  ziemlich  zur  Gewifsheit  er- 
hoben durch  die  Tatsache,  dafs  beide  auch  in  ihrem  zweiten 
Teile  bezüglich  eines  eminent  charakteristischen,  keines- 
wegs etwa  einen  Gemeinplatz  mittelalterlicher  Erzählungs- 
technik darstellenden  Motives  übereinstimmen:  beide  ent- 
halten in  ihrem  zweiten  Teile  das  Motiv  der  Doppel- 
ehe des  Helden,  und  zwar  in  sehr  ähnlicher  Fassung. 

Der  Inhalt  des  zweiten  Teiles  unseres  Epos  ist  in 
den  Hauptumrissen  der  folgende: 

Nachdem  Boeve  die  Herrschaft  angetreten  und  ein 
halbes  Jahr  lang  in  Hamtone  geweilt  hat,  reitet  er  mit 
seinen  Mannen  nach  London  und  wird  vom  König  als 
Nachfolger  seines  Stiefvaters  bestätigt.  Es  ist  gerade 
Pfingstfest,  anläfslich  dessen  ein  Wettrennen  stattfindet, 
bei  dem  Boeve  mit  Arondel  den  Sieg  davonträgt.  Der 
Sohn  des  Königs  will  Arondel  stehlen,  wird  aber  von  dem 


—     22     — 

Tiere,  als  er  sich  ihm  nähert,  durch  einen  Hufschlag  ge- 
tötet. Boeve  wird  daraufhin  zur  Eechenschaft  gezogen 
und  soll  gehängt  werden;  indessen  begnügt  sich  der 
König  schliefslich  damit,  ihn  in  die  Verbannung  zu  schicken. 
Boeve  läfst  den  Sabot  als  Verwalter  seines  Landes  zurück 
und  fährt  mit  Josiane  übers  Meer  in  ein  fremdes  Land. 
Josiane  wird,  nachdem  sie  zwei  Söhne  geboren,  von  Sara- 
zenen geraubt,  aber  von  Sabot,  der,  durch  einen  Traum 
veranlafst,  Boeve  nachgereist  ist,  wieder  befreit.  Sabot 
erkrankt  und  wird  von  Josiane  über  7  Jahre  gepflegt, 
indem  sie  selbst  in  Männerkleidung  durch  den  Vortrag 
von  Liedern  über  Boeve  Geld  verdient. 

Inzwischen  gelangt  Boeve  auf  der  Suche  nach  seiner 
Gattin  nach  einer  grofsen  Stadt,  die  in  der  anglonorman- 
nischen  und  nordischen  Version  Civile  (=  Sevilla)  genannt 
wird  —  welches  also  auch  der  Name  schon  in  y  gewesen 
sein  mufs,  vgl.  S.  2  — ,  während  in  der  englischen 
Fassung  nur  der  Name  des  Landes,  Äumbeforce,  erwähnt 
wird.  Hier  findet  eben  ein  grofses  Turnier  statt:  es  ist 
verkündigt  worden,  dafs  demjenigen  Ritter,  der  sich  bei 
dem  Turnier  am  meisten  auszeichnet,  die  Hand  der  Königs- 
tochter und  damit  das  Königreich  zufallen  soll.  Boeve  und 
Thierry  entschliefsen  sich,  teilzunehmen,  und  Boeve  besteht 
siegreich  alle  Gegner.  Die  Königstochter,  deren  Name 
nicht  genannt  wird  —  nur  in  einer  der  englischen  Hand- 
schriften heifst  sie  Eleonore  (Helyanoiir)  —  sieht  von 
einem  Turme  aus  zu  und  verliebt  sich  in  Boeve.  Nachdem 
das  Turnier  beendigt  und  Boeve  der  Preis  zuerkannt  ist, 
läfst  sie  ihn  zu  sich  entbieten,  aber  Boeve  weigert  sich, 
zu  erscheinen.  Nun  begibt  sie  sich  selbst  zu  ihm  und 
macht  ihm  Vorwürfe,  dafs  er  ihrer  Einladung  nicht  Folge 
gegeben  habe.  Boeve  erwidert,  er  sei  deshalb  nicht  ge- 
kommen, weil  er  andere  Gedanken  hege:  er  sei  auf  der 
Suche  nach  seiner  Frau,  die   er  in  einem  Walde  verloren 


—     23     — 

habe.  „Das  ist  eine  sonderbare  Rede",  entgegnet  die 
Königstochter,  „so  nehmt  doch  mich  zur  Frau."  Aber 
Boeve  lehnt  das  Anerbieten  ab.  Da  gerät  die  Jungfrau 
in  Zorn  und  erklärt,  sie  werde  ihm  für  den  Fall,  dafs  er 
auf  seiner  Weigerung  bestehe,  das  Haupt  abschlagen 
lassen^).  Nun  macht  Boeve  einen  Vorschlag  zur  Güte: 
er  wolle  sie  heiraten  unter  der  Bedingung,  dafs  er  7  Jahre 
lang  nur  dem  Namen  nach  ihr  Gatte  sei  und  erst,  wenn 
nach  Ablauf  dieser  Frist  Josiane  nicht  zurückgekehrt  sei, 
die  Ehe  wirklich  vollzogen  werde.  Die  Fürstin  willigt 
ein,  sie  gesteht  ihm  sogar  noch  vier  weitere  Jahre  zu  und 
bittet  ihn,  wenn  er  seine  Gattin  inzwischen  wiederfinde, 
ihr  seinen  Begleiter  Thierry  zum  Mann  zu  geben,  was 
Boeve  zusagt.  Nun  wird  das  Paar  gleich  am  nächsten 
Tage  durch  den  Bischof  getraut^).    Boeve  bleibt  7  Jahre 


*)  Obige  Darstelking  ist  aus  der  Fassung  der  englischen  und  der 
der  übrigen  Versionen  kombiniert.  Die  letzteren  wissen  von  einem 
Turnier  nichts,  vielmehr  wird  in  ihnen  die  Stadt  eben  von  einem  feind- 
lichen Heere  bestürmt,  gegen  das  Boeve  die  Königstochter  siegreich  ver- 
teidigt. Waiiim  hier  die  englische  Version,  nach  der  es  sich  um  ein 
Turnier  handelt,  den  Vorzug  verdient,  wird  später  zu  erörtern  sein.  Ich 
wiederhole,  dals  das  Zeugnis  der  einen  englischen  Version  die  gleiche 
Autorität  hat  wie  das  der  drei  übrigen  Fassungen  zusammengenommen. 
Dagegen  folge  ich  bezüglich  der  Unterhandlung  zwischen  Boeve  und 
der  Fürstin  vielmehr  der  Darstellung  dieser  andern  Versionen,  speziell 
des  Epos,  die  hier  ihrerseits  sicher  das  Ursprünglichere  hat  gegenüber 
der  offenbar  stark  kürzenden  englischen  Bearbeitung. 

*)  Mit  Unrecht  hält  Stimming  S.  CLII  den  V.  2895,  in  dem  der 
Vollzug  der  Trauung  berichtet  wird  (Ore  ad  Boves  la  dame  esposej,  für 
eine  Interpolation.  Er  meint,  der  Vers  stehe  „mit  dem  sonstigen  Inhalt 
der  Erzählung  in  schroffem  Gegensätze" ;  es  sei  ja  zwischen  Boeve  und 
der  Dame  verabredet  worden,  dais  er  sich  mit  ihr  nur  in  dem  Falle  ver- 
mählen wolle,  dafs  er  innerhalb  7  Jahren  seine  rechtmäfsige  Gattin 
nicht  gefunden  haben  sollte.  Die  Messe  und  das  Festmahl  am  folgenden 
Tage  wären  nach  Stimming  nur  als  Versöhnungsfeier  zu  fassen.  —  Aber 
die  Sache  ist  eben  die,  dafs  es  sich  zunächst  nur  um  eine  Scheinehe, 
eine  , asketische"  Ehe  handelt,  die  erst  nach  7  Jahren  zu  einer  wirk- 


—     24     — 

in  der  Stadt,  ohne  seine  neue  Gattin  zu  berühren.  Da 
erscheint  endlich  eines  Tages  Sabot,  der  inzwischen  von 
seiner  Krankheit  genesen  ist,  in  Begleitung  Josianes. 
Boeve,  hocherfreut,  stellt  sie  der  Königin  vor,  die  ihn 
nun,  der  Verabredung  gemäfs,  ohne  weiteres  frei  gibt,  sich 
aber  Thierry  als  Ersatz  ausbittet.  Die  Hochzeit  Thienys 
mit  der  Königin  wird  festlich  begangen. 

Das  Folgende  berührt  uns  im  allgemeinen  nicht  mehr 
und  kann  kurz  erledigt  werden. 

Boeve  kommt  wieder  zu  seinem  Schwiegervater  Hermin 
nach  Abreford,  der  auf  Boeves  Verlangen  die  beiden  Ver- 
räter Gocelj^n  und  Füre,  von  denen  der  Anschlag  mit  dem 
üriasbrief  ausging,  hinrichten  läfst.  Kurz  vor  Hermins 
Tode  wird  Boeves  Sohn  Gui  zu  seinem  Nachfolger  gekrönt. 
Boeve  selbst  erobert  das  heidnische  Reich  Monbrant  und 
wird  durch  den  Papst  zum  König  gekrönt.  Sein  zweiter 
Sohn  Mile   heiratet   die   Tochter   des  Königs   Edgar   von 

liehen  Ehe  werden  soll,  —  eine  Möglichkeit,  die  St.  gar  nicht  in  Rech- 
nung gezogen  zu  haben  scheint.  Die  Ursprünglichkeit  der  vorliegenden 
Version,  wonach  die  Trauung  wirklich  stattfand,  und  die  Echtheit  von 
V.  2895  ergibt  sich  mit  Bestimmtheit  aus  der  damit  übereinstimmenden 
Darstellung  der  englischen  und  der  welschen  Version,  die,  wie  Stimming 
selbst  zeigt,  beide  von  der  erhaltenen  anglonormannischen  Dichtung 
unabhängig  sind.  St.  meint  allerdings,  in  der  englischen  Version  sei 
die  Sache  „nicht  völlig  klar.  Die  Dame  sagt  zu  Beues:  „Du  sollst  die 
kommenden  7  Jahre  hindurch  mein  Herr  (lord)  sein,  und  wenn  Deine 
Frau  wiederkommt,  so  soll  Dein  Knappe  Terry  mein  Herr  sein";  Beues 
willigt  ein.  Den  Ausdruck  jlord'  könnte  man  wohl  als  , Gatte'  auffassen, 
doch  würde  das  nach  den  obigen  Darlegungen  als  eine  selbständige 
Änderung  von  E.  zu  erklären  sein."  Ich  meine  aber  nicht,  dafs  hier 
eine  Unklarheit  besteht.  Wenn  die  Dame  zu  Beues  sagt:  „Du  sollst  die 
kommenden  7  Jahre  hindurch  mein  Herr  in  reiner  Weise  sein: 

poiü  schelt  al  pis  seuen  yere 

Be  me  lord  in  clcne  manere, 
so  kann  hier  lord  nicht  nur,  sondern  es  mufs  im  Sinne  von  „ Gatte ^ 
gefafst  werden,   einmal,  weil  es  kurz  vorher  unzweifelhaft  diese  Be- 
deutung hat: 


—     25     — 

Kngland  und  wird  nach  dem  Tode  seines  Schwiegervaters 
dessen  Nachfolger.  Josiane  wird  krank  und  stirbt,  Boeve 
folgt  ihr  bald  nach;  sein  Sohn,  der  nun  die  Regierung  über- 
nimmt, läfst  beide  Eltern  in  der  Laurenz iuskirche  in  einem 
marmornen  Sarge  beisetzen. 

Der  entsi)rechende  zweite  Teil  der  Hamletsage,  wie 
er  sich  bei  Saxo  im  4.  Buche  findet,  berichtet  folgendes: 

Amleth  kehrt,  nachdem  er  zum  König  von  Jütland 
ue wählt  ist,  mit  auserlesener  Mannschaft  nach  Britannien 
zurück,  um  seinen  Schwiegervater  und  seine  Gemahlin  zu 
besuchen.  Er  hat  sich  einen  Prachtschild  anfertigen  lassen, 
auf  dem  die  ganze  Reihe  seiner  Taten  dargestellt  ist.    Er 


V.  3828     pe  maide  hit  in  J)e  tour  say. 

Hire  hertte  gan  to  him  acorde, 

ßat  she  wolde  haue  him  to  lorde, 

Oßer  tviß  loue  oßer  wiß  strif 
und  ebenso  unmittelbar  nachher: 

V.  3837     And  gif  pe  wif  coniep  pe  agen, 

Terry,  pe  swein,  me  lord  schel  befi, 
und  dann,  weü  der  Zusatz  ,in  reiner  Weise"  sonst  gänzlich  unverständ- 
lich wäre.  Dal's  nun  nicht  die  von  Stimming  für  den  Fall,  es  bedeute 
ford  wirklich  , Gatte",  angenommene  unwahrscheinliche  Möglichkeit  zu 
statuieren  ist,  es  hätten  hier  die  anglonormannische  und  die  englische 
Version  beide  unabhängig  von  einander  die  gleiche  Änderung  vorge- 
nommen (indem  sie  die  Trauung  wirklich  vollziehen  liel'sen),  das  ergibt 
sich  mit  Sicherheit  daraus,  dafs  die  nämliche  Angabe  sich  auch  in  der 
welschen  Fassung  findet,  wo  es  cap.  XV  ausdrücklich  heifst,  der  Erz- 
bischof habe  die  Trauung  vollzogen:  and  the  archbtshop  of  Gris  sang 
the  niass,  a?id  perforined  the  marriage.  Denn  nach  dem  oben  S.  2 
dargelegten  Filiationsverhältnis  der  4  Versionen  ist  es  klar,  dafs,  was 
in  E,  A  und  W  steht,  auch  im  Original  gestanden  haben  mufs,  und  dafs 
die  nordische  Fassung,  welche  die  Trauung  nicht  erwähnt,  selbständig 
geändert  hat. 

Die  Feststellung  der  scheinbar  unwichtigen  Tatsache,  dafs  Boeve 
die  Herrin  von  Civile  tatsächlich  geheiratet  hat,  ist,  wie  sich  später 
zeigen  wird,  für  die  ganze  Untersuchung  von  einschneidender  Bedeutung. 


—     26     — 

teilt  nun  seinem  Schwiegervater  mit,  dafs  er  an  Fengo 
Blutrache  geübt  hat.  Darüber  erschrickt  dieser  heftig, 
denn  er  und  Fengo  haben  sich  einst  durch  Vertrag  ver- 
pflichtet, einer  des  anderen  Tod  zu  rächen:  er  sagt  sich, 
dafs  er  nun  Fengos  Ermordung  an  Amleth  rächen  müsse. 
Da  aber  die  Verletzung  der  Gastfreundschaft  als  ein  Ver- 
brechen gilt,  beschliefst  er,  die  Rache  durch  die  Hand  eines 
anderen  vollziehen  zu  lassen.  Er  weifs,  das  in  Schottland 
eine  Frau  herrscht,  die  aus  Keuschheit  ehelos  bleiben  will 
und  deren  Freier  bisher  sämtlich  ihre  Werbung  mit  dem 
Kopfe  haben  büfsen  müssen.  Da  seine  Gattin  kurz  vorher 
gestorben  ist,  erteilt  er  Amleth  den  gefährlichen  Auftrag, 
für  ihn  um  die  Hand  dieser  Frau  zu  werben.  Amleth 
macht  sich  ohne  Widerrede  in  Begleitung  seiner  Diener  auf 
den  Weg  nach  Schottland;  in  der  Nähe  des  königlichen 
Schlosses  angekommen,  rastet  er  mit  seinen  Pferden  auf 
einer  Wiese.  Als  der  Königin  die  Ankunft  der  Fremdlinge 
gemeldet  wird,  sendet  sie  zehn  Jünglinge  aus,  damit  sie 
näheres  erkunden.  Einer  derselben  schleicht  sich  an  den 
schlummernden  Amleth  heran  und  zieht  ihm  den  Schild, 
den  er  unter  den  Kopf  geschoben  hat,  sachte  weg,  ohne 
dafs  der  Schläfer  erwacht;  auch  den  Amleth  anvertrauten 
Brief  zieht  er  ihm  aus  der  Tasche;  beides  überbringt  er 
der  Königin.  Diese  ersieht  nun  aus  dem  Schilde,  „dafs  der 
kommen  würde,  der  im  Vertrauen  auf  seine  gründliche  List 
und  Klugheit  an  seinem  Oheim  die  Rache  für  die  Er- 
mordung seines  Vaters  vollzogen  hatte."  Auch  den  Brief 
mit  der  Werbung  liest  sie,  und  da  sie  die  Verbindung  mit 
dem  greisen  König  von  Britannien  verabscheut,  w^ohl  aber 
nach  der  Umarmung  des  jugendlichen  Amleth  begehrt,  so 
tilgt  sie  die  Schrift  und  ersetzt  sie  durch  eine  andere,  in 
der  der  König  ihr  mitteilt,  der  Überbringer  begehre  sie 
zur  Frau.  Dann  läfst  sie  Schild  und  Brief  wieder  an  ihren 
Ort  zurückbringen.    Indes,  Amleth  ist  inzwischen  erwacht 


—     27     — 

und  hat  das  Fehlen  des  Schildes  bemerkt;  er  stellt  sich 
schlafend,  und  als  der  Spion  heranschleicht,  springt  er  auf, 
ergreift  ihn  und  läfst  ihn  in  Fesseln  legen.  Dann  begibt 
er  sich  mit  seinen  Begleitern  in  den  Palast  der  Königin 
und  überreicht  den  Brief.  Die  Königin  —  Hermutkruda 
ist  ihr  Name  —  liest  den  Brief,  lobt  Amleth  wegen  des 
Vollzugs  der  Rache  an  Fengo  und  preist  seinen  unbegreiflich 
findigen  Scharfsinn:  um  so  mehr  müsse  sie  sich  wundern, 
dafs  er  eine  seiner  unwürdige  Ehe  geschlossen  habe,  denn 
seine  Gemahlin  stamme  ja  von  Sklaveneltern  (der  König 
von  Britannien  ist,  wie  wir  aus  der  im  obigen  Resume  nicht 
näher  analysierten  Episode  von  Amleths  Scharfsinnsproben 
erfahren,  der  Sohn  eines  Knechtes,  mit  dem  seine  Mutter, 
die  Königin,  die  Ehe  gebrochen  hat).  Bei  der  Wahl  einer 
Gattin  müsse  aber  ein  kluger  Mann  nicht  den  Glanz  körper- 
licher Schönheit,  sondern  den  des  Geschlechtes  berück- 
sichtigen. Er  könne  eine  ihm  an  Adel  ebenbürtige  Frau 
gewinnen,  das  sei  sie  selbst.  Sie  sei  eine  Königin  und 
vergebe  mit  ihrer  Hand  zugleich  ein  Königreich.  Es  sei 
keine  kleine  Gunst,  wenn  sie  ihm  ihre  Umarmung  anbiete, 
sie,  die  alle  anderen  Freier  mit  dem  Schwerte  zurück- 
zuweisen pflege.  Mit  diesen  Worten  eilt  sie  auf  ihn  zu 
und  umarmt  ihn  innig.  Amleth,  hoch  erfreut,  erwidert  ihre 
Küsse,  schliefst  sie  in  die  Arme  und  erklärt,  ihr  Wunsch 
sei  auch  der  seinige.  Die  Edlen  werden  versammelt  und 
die  Hochzeit  wird  mit  festlichem  Gepränge  vollzogen. 

Amleth  kehrt  nun  mit  Hermuthruda  nach  Britannien 
zurück.  Noch  auf  dem  Wege  kommt  ihm  seine  erste  Gattin 
entgegen.  Sie  macht  ihm  Vorwürfe,  dafs  er  sie  durch  An- 
nahme eines  Kebsweibes  beleidigt  habe,  erklärt  aber,  sie 
werde  sich  dadurch  in  ihrer  Gattentreue  nicht  irre  machen 
lassen;  ihr  Sohn  zwar  werde  die  Rivalin  seiner  Mutter 
hassen  —  es  ist  also  aus  der  Ehe  bereits  ein  Sohn  hervor- 
gegangen, was  vorher  nicht  erwähnt  wurde  — ,  sie  selbst 


—     28     — 

aber  wolle  sie  lieben.  Sie  warnt  ihn  dann  vor  ihrem  Vater, 
der  Übles  gegen  ihn  im  Schilde  führe,  nachdem  Amleth 
ja  die  ganze  Frucht  seiner  Reise  für  sich  selbst  eingeheimst 
habe.  „Mit  diesen  Worten  bewies  sie,  heifst  es,  dafs  sie 
mehr  Liebe  zum  Gatten  als  zum  Vater  besafs."  Der  König 
von  Britannien  erscheint  nun  selbst,  umarmt  mit  heuch- 
lerischer Freundlichkeit  seinen  Eidam  und  lädt  ihn  zu 
einem  Gelage  ein.  Amleth,  mifstrauisch,  legt  vorher  unter 
dem  Gewände  einen  Panzer  an.  Als  er  herantritt,  schleu- 
dert der  König  gerade  unter  dem  Schutzdache  des  Tores 
seinen  Speer  nach  ihm,  der  aber  vom  Panzerhemde  ab- 
prallt; Amleth  wendet  sich  mit  seinen  Leuten  zur  Flucht, 
der  König  verfolgt  ihn  und  beraubt  ihn  des  gröfsten  Teiles 
seiner  Truppen.  Trotzdem  gelingt  es  Amleth,  am  nächsten 
Tage  durch  eine  List  die  Königlichen  in  die  Flucht  zu 
schlagen.  Er  richtet  die  Leichen  seiner  Gefährten  auf  und 
stützt  sie  teils  gegen  Pfähle,  teils  lehnt  er  sie  an  Steine  oder 
setzt  sie  aufs  Pferd  und  stellt  sie  so  in  Schlachtordnung 
auf,  wie  Lebende.  Die  Britannier,  erschreckt  durch  die 
grofse  Zahl  ihrer  Gegner,  ergreifen  die  Flucht,  der  König 
selbst  wird  erschlagen.  Amleth  macht  gewaltige  Beute  und 
kehrt  mit  seinen  beiden  Frauen  in  sein  Vaterland  zurück. 
Inzwischen  ist  Rorik  gestorben,  Viglet  folgt  ihm  in 
der  Regierung.  Dieser  äufsert  seine  Mifsbilligung  über 
Amleths  Usurpation,  weswegen  letzterer  ihn  angreift  und 
besiegt.  Viglet  aber  verstärkt  sich  durch  Streitkräfte  aus 
Schonen  und  Seeland  und  fordert  Amleth  durch  Gesandte 
von  neuem  zum  Kampfe  heraus.  Amleth  nimmt  die  Heraus- 
forderung an,  obgleich  er  seinen  Tod  vor  Augen  sieht. 
„Er  war  aber  von  solcher  Liebe  zu  Hermuthruda  erfüllt, 
dafs  er  weit  gröfsere  Besorgnis  über  ihre  zukünftige 
Witwenschaft  empfand  als  über  seinen  nahen  Tod  und 
dafs  er  sich  eifrig  umsah,  wie  er  ihr  noch  vor  Beginn  des 
Krieges   eine   zweite    Ehe    sichern    könne.      Hermuthruda 


—    29    — 

allerdings  bewies  eine  männliche  Zuversicht  und  gelobte 
sie  wolle  ihn  auch  im  Kampfe  nicht  verlassen,  ja  sie 
sagte,  die  Frau  müsse  verflucht  sein,  die  davor  zurück- 
schrecke, sich  im  Tode  zu  ihrem  Gemahl  zu  gesellen. 
Aber  dieses  unerhörte  Versprechen  hielt  sie  nur  allzuwenig. 
Denn  als  Amleth  von  Viglet  im  Kampfe  erschlagen  wurde, 
begab  sie  sich  freiwillig  in  die  Gefangenschaft  und  in  die 

Arme  des  Siegers Das  war  Amleths  Ende.    Wenn 

er  vom  Glücke  die  gleiche  Gunst  wie  von  der  Natur  er- 
fahren hätte,  wäre  er  mit  seinem  Euhm  den  Himmlischen 
gleich  gekommen,  hätte  er  durch  seine  Heldentaten  die 
Arbeiten  des  Herkules  übertroffen.  Es  gibt  ein  Gefilde 
in  Jütlaud,  berühmt  durch  sein  Grab  und  seinen  Namen'). 
Viglet  verbrachte  in  Euhe  die  lange  Zeit  seiner  Herr- 
schaft, bis  ihn  eine  Krankheit  hinraffte." 

Damit  schliefst  die  Hamletsage  bei  Saxo. 

Vergleichen  wir  nun  diesen  zw^eiten  Teil  mit  dem 
vorhin  analysierten  zweiten  Teil  des  Boeve  von  Hamtone, 
so  springt,  denke  ich,  die  nahe  Übereinstimmung  der 
Hermuthruda- Episode  bei  Saxo  mit  der  Episode  von  der 
Königin  von  Aumbeforce  oder  —  alias  —  Herzogin  von 
Civile  im  Boeve  v.  Hamtone  in  die  Augen.  Schälen  wir 
auch  hier  den  den  beiden  Erzählungen  gemeinsamen  Kern 
aus  der  verschiedenartigen  Umhüllung  heraus,  so  bleiben 
folgende  identische  Motive: 

Ein  jugendlicher  Held,  der  sich  durch  seine  Taten 
schon  hohen  Ruhm  erworben  hat  und  mit  der  Tochter 
eines  Königs  verheiratet  ist,  kommt  vor  das  Schlofs  einer 
jungfräulichen  Fürstin,  die  vom  Schlosse  aus  seiner  an- 
sichtig wird  und  Liebe  zu  ihm  fafst.  Sie  trägt  sich  ihm 
als  Gattin  an,  der  Held  willigt  ein  und  die  Trauung  wird 

^)  Das  jetzige  Dorf  Ammeihede  südlich  von  Randersfjord  an  der 
Ostküste  des  nördlichen  Jütland. 


—     30     — 

sofort  vollzogen,  so  dafs  also  der  Held  nunmehr  in  Bigamie 
lebt  (in  dem  einen  Falle,  im  BvH,  freilich  nur  der  Form 
nach).  Es  wird  darauf  Bedacht  genommen,  dafs  der 
Fürstin  für  den  Fall  der  Lösung  der  Ehe  eine  zweite 
Ehe  gesichert  sei.  Die  Ehe  wird  in  der  Tat  gelöst  (im 
einen  Falle  durch  den  Tod  des  Gatten,  im  andern  infolge 
der  Eückkehr  der  ersten  Gattin)  und  die  Fürstin  geht 
nun  sofort  eine  neue  Ehe  ein. 

Das  bei  Saxo  vorhandene  Motiv  der  Freierfeindlich- 
keit der  jungfräulichen  Königin,  die  jedem  Freier  den 
Kopf  abschlagen  läfst,  findet  sich  im  BvH  nicht.  Sollte 
aber  nicht  eine  undeutliche  Erinnerung  eben  an  dieses 
Motiv  vorliegen  in  dem  Zuge,  dafs  die  Herzogin  von 
Civile  dem  Boeve  für  den  Fall,  dafs  er  ihre  Liebe  zurück- 
weise, droht,  sie  werde  ihm  das  Haupt  abschlagen  lassen? 
Ohne  Frage  mutet  dieses  Mittel,  einem  Manne  das  Jawort 
abzugewinnen,  bei  einer  liebenden  Jungfrau  recht  seltsam 
an.  Der  Zug  würde  sich  sehr  einfach  erklären,  wenn  wir 
annehmen,  er  stelle  eine  unbewufste  Umbildung  des  bei 
Saxo  vorhandenen  Motives  dar,  dessen  barbarischer  Cha- 
rakter so  zwar  nicht  völlig  abgestreift,  aber  doch  stark 
gemildert  wurde.  Jedenfalls  bleibt  der  Version  des  BvH 
und  der  Saxos  gemein  die  Gestalt  der  Jungfrau,  die  nicht 
davor  zurückscheut,  einen  Mann,  durch  den  sie  sich  be- 
leidigt fühlt,  um  einen  Kopf  kürzer  machen  zu  lassen, 
und  die  Gestalt  des  Helden,  dem  diese  Strafe  droht. 

Der  Gedanke,  Boeve  vermittelst  des  Uriasbriefes  aus 
der  Welt  zu  schaffen,  wird  im  BvH  dem  Könige  ein- 
gegeben von  zwei  Eittern,  Gocelyn  und  Füre,  die  Boeve 
wegen  seiner  Liebschaft  mit  Josiane  verleumden,  vgl. 
V^  791  ff.  Später  werden  die  beiden  Verräter  dem  Boeve 
von  Hermin  ausgeliefert  und  hingerichtet  V.  3084  ff.^) 

^)  „Sire",  dist  Boves,  „merei  en  eyex; 

mes  jeo  ne  serray  james  acordex, 


—    31     — 

Die  Vermutung  scheint  mir  nahe  genug  zu  liegen,  es 
mochten  diese  beiden  „Verräter"  identisch  sein  mit  jenen 
beiden  Trabanten,  die  bei  Saxo  dem  Amleth  als  f^ber- 
bringer  des  Uriasbriefes  auf  seiner  Reise  nach  Britannien 
mitgegeben  werden,  dann  aber,  infolge  der  Änderung,  die 
Amleth  mit  dem  Briefe  vornimmt  (also  auf  Amleths  Ver- 
anlassung), vom  Könige  von  Britannien  (=  Hermin  im 
BvH)  gehenkt  werden. 

Dafs  diese  beiden  Trabanten  es  sind,  welche,  wie  im 
BvH  die  beiden  Ritter,  dem  Könige  den  Anschlag  ein- 
gegeben haben,  wird  allerdings  von  Saxo  nicht  gesagt.  Es 
könnte  dieser  Zug  aber  trotzdem  sehr  wohl  in  Saxos  Quelle 
vorhanden  gewesen  und  nur  von  ihm  unterdrückt  worden 
sein.  Auch  bei  dem  früheren  Anschlag  —  Behorchen 
der  Unterredung  mit  der  Mutter  —  ist  derjenige,  der  die 
Ausführung  übernimmt,  zugleich  der  Urheber  der  List. 
Die  Hinrichtung  der  beiden  Trabanten  erscheint  bei  Saxo 
als  eine  ungerechte.  Denn  diese  sind,  als  Überbringer 
des  verschlossenen  Briefes,  doch  nur  die  unschuldigen 
Werkzeuge  in  der  Hand  des  Königs.  Ihre  Hinrichtung 
würde  aber  sofort  eine  gerechte  werden,  wenn  sie  nicht 
nur  die  Vollbringer,  sondern  zugleich  die  Urheber  des 
Anschlages  waren.  Gesetzt  aber,  sie  seien  das  auch  in 
Saxos  Quelle  nicht  gewesen,  so  konnte  doch  aus  der 
Version  Saxos  offenbar  leicht  die  des  Epos  werden,  indem 
die  Überlieferung  dahin  modificiert  wurde,  von  den  Über- 
bringern selbst  sei  der  Gedanke  des  Uriasbriefes  aus- 
gegangen.   Gemeinsam  ist  beiden  Versionen  jedenfalls,  dafs 


avant  ke  sey  de  cels  vcngex, 
ke  moi  jugerent  a  fort  e  a  peehex." 
„Par  deu/"^  dist  li  roi,  „e  vos  les  averex." 
II  fet  vener  Oocelyn  e  Furex, 
e  Boves  les  prent  si  les  ad  detrenchex. 
In  N  c.  XXIX  werden  beide  lebendig  geschunden. 


--     32     — 

die  beiden  Höflinge  es  sind,  von  denen  die  dem  Helden 
drohende  Gefahr  ausgeht:  das  eine  Mal  sind  sie  die  Ur- 
heber, das  andere  Mal  die  Werkzeuge  des  Anschlages. 
Hier  wie  dort  werden  sie  auf  Veranlassung  des  Helden 
hingerichtet. 

Weiter:  Im  BvH  trachtet  der  spätere  Schwiegervater 
des  Helden  diesem  nach  dem  Leben,  indem  er  ihn  mit 
der  ÜberbriDgung  eines  Briefes  betraut,  der  die  Ursache 
seines  Todes  sein  wird.  Ebenso  im  zweiten  Teil  der 
Hamletsage:  Amleths  Schwiegervater,  der  König  von  Bri- 
tannien, beauftragt  Amleth  mit  der  Bestellung  eines  Briefes, 
der  ihm  den  Tod  bringen  soll.  Gemeinsam  ist  beiden 
Versionen  auch,  dafs  der  Schwiegervater  sich  nur  wider- 
willig zu  dem  Schritt  entschliefst:  hier  wie  dort  liebt  er 
im  Grunde  seinen  Schwiegersohn,  aber  im  BvH  glaubt 
er  nicht  anders  handeln  zu  können,  weil  man  ihm  gesagt 
hat,  Boeve  habe  seine  Tochter  verführt,  bei  Saxo  ist  er 
gebunden  durch  das  Fengo  gegebene  Versprechen,  seinen 
Tod  rächen  zu  wollen.  Der  Parallelismus  der  Motive 
scheint  mir  evident.  Die  veränderte  Fassung  des  Motives 
ist  kein  Grund  gegen  die  ursprüngliche  Identität  des  Mo- 
tives selbst,  sowenig  wie  der  Umstand,  dafs  im  einen  Falle 
in  dem  Briefe  direkt  die  Tötung  des  Überbringers  ver- 
langt wird,  im  anderen  Falle  nur  von  dem  Absender  die 
bestimmte  Erwartung  gehegt  wird,  dafs  der  Inhalt 
des  Briefes  die  Tötung  des  Überbringers  zur  Folge 
haben  werde. 

Nach  alledem  dürfen  wir  es,  glaube  ich,  nunmehr  als 
eine  feststehende  Tatsache  betrachten,  dafs  im  BvH  und 
in  der  Saxoschen  Hamletsage  die  nämliche  Sage 
in  verschiedener  Einkleidung  und  einer  durch 
mündliche  Tradition  differenzierten  Form  vorliegt. 

Es  erhebt  sich  dann  sofort  die  Frage:  Wie  haben  wir 
uns  das  Verhältnis  der  beiden  Fassungen  zu  denken? 


—     33     — 

Offenbar  ist  eine  Benutzung  des  BvH  durch  Saxo, 
von  allem  anderen  abgesehen,  schon  deshalb  ohne  weiteres 
ausgeschlossen,  weil  das  Gedicht  in  seiner  vorliegenden  Fas- 
sung erst  aus  der  ersten  Hälfte  des  13.  Jahrhunderts  stammt, 
Saxo  aber  sein  Geschichtswerk,  wie  wir  sahen,  bereits 
nicht  lange  nach  1208  abgeschlossen  hat.  Ebensowenig  ist, 
in  Anbetracht  des  letzteren  Datums,  an  eine  Benutzung 
Saxos  oder  einer  aus  ihm  abgeleiteten  Quelle  durch  den 
Verfasser  des  BvH  zu  denken,  da  letzterer  in  einer  älteren 
Gestalt  ja  schon  im  12.  Jahrhundert  dem  Verfasser  einer  pro- 
venzalischen  Chanson  vorgelegen  hat,  s.  o.  S.  3.  Es  bleibt 
also  nur  die  dritte  Möglichkeit:  der  BvH  und  der  Be- 
richt Saxos  gehen  auf  die  gleiche  Quelle  zurück, 
die  gleiche  alte  Sage,  welche  bereits  alle  die- 
jenigen Elemente  enthielt,  bezüglich  deren  beide 
übereinstimmen. 

Es  entsteht  damit  die  weitere  Frage:  Welcher  Art 
war  diese  gemeinsame  Quelle  und  wo  haben  wir  sie  zu 
suchen? 

Ehe  wir  indes  diese  wichtige  Frage  in  Angriff  nehmen, 
empfiehlt  es  sich  zunächst,  auch  die  Abweichungen  der 
beiden  Versionen  etwas  genauer  ins  Auge  zu  fassen. 

Die  Diskrepanzen  sind,  wie  aus  der  oben  mitgeteilten 
Inhaltsangabe  hervorgeht,  sehr  zahlreich.  Sie  lassen  sich 
aber  alle  durch  die  Annahme  längerer  mündlicher  Tradition 
der  beiden  Sagen  oder  durch  den  Einflufs  anders  gearteter 
Kulturverhältnisse  oder  auch  durch  die  Einwirkung  fremder 
literarischer  Vorbilder  zur  Genüge  erklären.  • 

Zum  Teil  sind  die  Abweichungen  mehr  äul'serlicher 
Art:  Die  Namen  der  auftretenden  Personen  sind  ver- 
schieden —  soweit  wir  die  Namen  überhaupt  erfahren  — , 
desgleichen  die  Schauplätze:  im  BvH  England  und  die 
Bretagne  (so  in  der  älteren  Fassung  des  BvH,  wie 
Suchier  gezeigt  hat,  vgl.  S.  5;    die  jüngere  Version  hat 

Zenker,  Boeve-Amletbus.  3 


—     34     — 

dafür  Ägypten  und  den  Orient  eingeführt),  bei  Saxo  Däne- 
mark und  Britannien  (d.  i.  England  und  Schottland).  Mög- 
licherweise könnte  es  sich  freilich,  wenn  der  Bretagne  dort 
hier  England  entspricht,  nur  um  ein  Mifsverständnis  der 
einen  oder  anderen  Version  handeln;  denn  Bretagne,  Bri- 
tannia  bezeichnete  im  Mittelalter  bekanntlich  sowohl  Grofs- 
britaunien,  Britannia  major,  als  auch  die  französische  Bre- 
tagne, Armorica,  Britannia  minor.  In  beiden  Sagen  spielt 
dann  Schottland  eine  Eolle,  doch  in  verschiedener  Bezieh- 
ung: im  Epos  ist  die  Mutter  des  Helden  eine  Tochter 
des  Königs  von  Schottland,  bei  Saxo  seine  zweite  Frau, 
Hermuthruda,  —  vielleicht  liegt  hier  oder  dort  eine  Ver- 
wechselung vor. 

Mannigfache  andere  Abweichungen  betreffen  den  Gang 
der  Handlung;  sie  sind  aber  zum  Teil  von  der  Art,  dafs 
es  nicht  ausgeschlossen  scheint,  sie  seien  in  der  unmittel- 
baren Quelle  Saxos  gar  nicht  vorhanden  gewesen. 

Im  Epos  ist  die  Mutter  des  Helden  die  intellektuelle 
Urheberin  der  Ermordung  ihres  Gatten,  bei  Saxo  erscheint 
sie  an  dem  Morde  nicht  beteiligt:  das  Motiv  kann  entweder 
dort  eingefügt  oder  hier  unterdrückt  worden  sein. 

Im  Epos  ist  der  Usurpator  ein  Kaiser  von  Deutsch- 
land, der  die  Gräfin  liebt  und  schon  früher  um  ihre  Hand 
angehalten  hat,  bei  Saxo  ist  es  der  eigene  Bruder  des 
Gatten,  der  diesen  um  sein  Glück  beneidet:  die  Motive 
können  durch  die  Tradition  verändert  worden  oder  sie 
können  teilweise  in  der  gemeinsamen  Quelle  vereinigt  vor- 
handen gewesen  sein. 

Im  Epos  entgeht  der  Held  den  Nachstellungen  durch 
die  List  seines  Erziehers,  der  die  Mutter  glauben  macht, 
er  habe  den  Knaben  getötet,  und  der  ihn  dann  als  Hirten 
verkleidet;  bei  Saxo  rettet  Amleth  sich  durch  eigene  List, 
indem  er  sich  blödsinnig  stellt.  Das  Fehlen  des  Motives 
vom  verstellten  Wahnsinn  des  Helden  im  Epos  bedeutet 


—    35     - 

wohl  den  wesentlichsten  Unterschied  des  letzteren  von 
der  Haraletsage.  Es  raufs  vorläufig  dahingestellt  bleiben, 
ob  das  Motiv  in  der  geraeinsamen  Quelle  noch  fehlte,  oder 
ob  es  vom  Dichter  beseitigt  wurde. 

Im  Epos  gelangt  der  Held  zu  dem  Könige  jenseits 
des  Meeres,  dessen  Tochter  er  dann  heiratet,  in  der  Weise, 
dafs  er  auf  Befehl  seiner  Mutter  als  Sklave  ins  Ausland 
verkauft  wird.  Bei  Saxo  unternimmt  er  die  Reise  viel- 
mehr im  Auftrage  seines  Stiefvaters  als  Überbringer  des 
Uriasbriefes,  der  den  Auftrag  enthält,  ihn  aus  dem  Woge 
zu  räumen.  Das  Motiv  des  Uriasbriefes  begegnet,  wie  wir 
sahen,  im  zweiten  Teile  der  Hamletsage  noch  einmal:  hier 
ist  es  der  eigene  Schwiegervater  des  Helden,  der  König 
von  Britannien,  der  ihn  beseitigen  will;  der  verhängnis- 
volle Brief  enthält  hier  aber  nicht,  wie  im  ersten  Teile, 
die  Aufforderung  an  den  Adressaten,  den  Überbringer  zu 
töten  —  das  Motiv  in  dieser  identischen  Fassung  konnte 
nicht  wohl  zum  zweiten  Male  verwertet  werden  — ,  viel- 
mehr hat  der  Brief  zum  Gegenstand  eine  Werbung  des 
Königs  um  die  Hand  einer  Königin,  von  der  bekannt  ist, 
dafs  sie  alle  Bewerber  hinrichten  läfst:  dor  Absender  er- 
wartet, es  werde  dem  Überbringer  der  Werbung  dieses 
Schicksal  nicht  erspart  bleiben.  Das  gleiche  Motiv  be- 
gegnet, wie  schon  dargelegt,  auch  im  BvH,  aber  in  ab- 
weichender Fassung,  und  zwar  entspricht  die  Fassung, 
in  der  es  erscheint,  teils  der  Fassung  im  ersten, 
teils  der  im  zweiten  Teile  der  Hamletsage:  mit 
jener  stimmt  es  darin  überein,  dafs  der  Brief,  wie  der  des 
Stiefvaters  bei  Saxo,  direkt  die  Tötung  des  Helden  fordert, 
mit  der  zweiten  Fassung  hat  es  gemein,  dafs  der  Anschlag 
vom  Schwiegervater  des  Helden  (bezw.  seinem  späteren 
Schwiegervater)  ausgeht.  Verschieden  von  beiden  Saxo- 
schen  Fassungen  ist  im  Epos  der  Grund  des  Anschlages: 
dort  will  das  erste  Mal  der  Stiefvater  den  Helden  aus 


—     3(5     — 

dem  Wege  räumen,  weil  er  seine  Rache  fürchtet,  das 
zweite  Mal  der  Schwiegervater,  weil  er  den  Tod  des 
durch  Blutsbrüderschaft  mit  ihm  verbundenen  Fengo  rächen 
mufs;  im  Epos  hingegen  will  Hermin  den  Boeve  beseitigen, 
weil  Verleumder  den  letzteren  angeklagt  haben,  er  habe 
Josiane  verführt. 

Bei  Saxo  wird  der  Anschlag  vereitelt,  indem  Amleth 
den  Inhalt  des  Briefes  heimlich  ändert;  im  Epos  über- 
gibt Boeve  den  Brief  un eröffnet,  der  in  ihm  enthaltene 
Auftrag  wird  aber  nicht  ausgeführt,  vielmehr  wird  der 
Überbringer  nur  in  den  Kerker  geworfen,  aus  dem  er 
dann  später  entrinnt. 

Saxo  erwähnt  nur  ganz  kurz,  dafs  der  König  von 
Britannien  Amleth  „seine  Tochter  zur  Ehe  gab";  wir  er- 
fahren nicht  einmal  den  Namen  der  Tochter.  Im  Epos 
hingegen  wird  die  Liebesgeschichte  Boeves  und  Josianens, 
entsprechend  der  Gepflogenheit  der  französischen  Abenteuer- 
romane, breit  ausgesponnen;  erst  nach  mannigfachen  Wech- 
selfällen werden  beide  ein  Paar.  Die  jahrelangen  Irr- 
fahrten und  kriegerischen  Abenteuer  des  Helden  im  Epos 
haben  bei  Saxo  gar  nichts  entsprechendes.  Ob  dies  auf 
Kürzung  seitens  Saxos  oder  seiner  Quelle  beruht  oder  ob 
sie  im  Epos  samt  und  sonders  einen  späteren  Einschub  dar- 
stellen, mufs  wiederum  unentschieden  bleiben.  Dafs  sie  zu 
einem  grofsen  Teile  jüngeren  Ursprungs  sind  und  in  der 
gemeinsamen  Quelle  noch  fehlten,  kann  nach  ihrem  ganzen 
Charakter  nicht  zweifelhaft  sein.  In  einem  organischen 
Zusammenhang  mit  der  Haupthandlung  stehen  sie  sämtlich 
nicht,  vielmehr  scheint  ihr  wesentlicher  Zweck  der  zu  sein, 
die  Geschichte  in  die  Länge  zu  ziehen.  Allerdings  scheint 
die  zu  postulierende  gemeinsame  Quelle  eine  streng  or- 
ganische Entwicklung  der  Handlung  auch  nicht  besessen 
zu  haben;  wenigstens  fällt  Amleths  Verheiratung  mit  der 
britannischen  Königstochter  auch  aufserhalb  des  ßahmens 


—     37     — 

einer  solchen,  sie  ist  füi*  die  Vollbringung  der  Vaterrache 
gänzlich  überflüssig. 

Bei  Saxo  wie  im  Epos  läfst  der  Held  sich  in  seiner 
Heimat  tot  sagen,  und  zwar  ist  der  Zweck,  den  er  damit 
verfolgt,  hier  wie  dort  offenbar  kein  anderer  als  der,  seine 
Feinde  zu  täuschen,  sie  in  Sicherheit  einzuwiegen  und  von 
seiner  Verfolgung  abzuhalten.  Die  Einkleidung  des  Motives 
ist  aber  auch  hier  in  beiden  Sagen  eine  durchaus  ver- 
schiedene. Im  Epos  trifft  Boeve  auf  der  Reise  zu  Bradmund 
Sabots  Sohn  Thierri,  der,  als  Pilger  verkleidet,  eben  nach 
ihm  auf  der  Suche  ist;  Boeve  erzählt  dem  Thierri,  der,  den 
er  suche,  sei  gehängt  worden.  Bei  Saxo  beauftragt  Am- 
leth  vor  seiner  Abreise  seine  Mutter,  „nach  einem  Jahre 
zum  Schein  eine  Totenfeier  für  ihn  zu  veranstalten";  die 
Feier  findet  statt  und  wir  hören,  dafs  „ein  Gerücht  fälsch- 
lich seinen  Tod  verbreitet  hatte".  Die  Sache  ist  doch  wohl 
so  zu  denken,  dai's,  in  Befolgung  seines  Auftrags,  Amleths 
Mutter  selbst  ihn  tot  gesagt  hat. 

Boeves  Aufenthalt  in  Köln  und  die  Gestalt  seines 
Oheims,  des  Bischofs  von  Köln,  hat  bei  Saxo  nichts  ent- 
sprechendes. Da  der  Bischof  wohl  nur  eingeführt  ist,  um 
Josiane  und  den  Riesen  Escopart  zu  taufen,  die  erstere 
aber  ursprünglich  eben  keine  Sarazenin,  sondern  eine  Bre- 
tagnerin  war,  so  darf  die  Episode  als  ein  jüngerer  Einschub 
im  BvH  betrachtet  werden. 

Der  Schlufs  des  ersten  Teiles  beider  Sagen  hat  nur 
das  gemein,  dafs  hier  wie  dort  der  Held  die  Rache  an  dem 
Stiefvater  vollzieht.  Die  Umstände  sind  auch  hier  ganz 
verschieden.  Im  Epos  wird  Doon  in  offener  Feldschlacht, 
nachdem  er  sich  mit  Boeve  in  einem  unentschieden  ge- 
bliebenen Kampfe  gemessen  hat,  von  Escopart  gefangen 
genommen  und  dann  in  eine  mit  flüssigem  Blei  gefüllte 
Grube  geworfen.  Bei  Saxo  überrascht  Amleth,  nachdem 
er  die  Halle  mit  den  trunkenen  Mannen  in  Brand  gesteckt, 


—     38     — 

seinen  Stiefvater  im  Bette  und  tötet  den  Wehrlosen  mit 
dem  Schwerte. 

Im  zweiten  Teile  des  BvH  kommt,  wie  wir  sahen, 
für  uns  wesentlich  nur  die  Episode  von  der  Herzogin  von 
Civile  in  Betracht.  Hier  wie  bei  Saxo  geht  der  Held, 
obschon  bereits  verheiratet,  eine  zweite  Ehe  ein.  Aber  die 
Einzelheiten  differieren  wieder  vollständig.  Im  Epos  kommt 
Boeve  zu  der  Stadt  der  Fürstin  zufällig,  auf  der  Suche 
nach  seiner  Frau,  von  der  er  getrennt  worden  ist.  Bei 
Saxo  wird  er  dahin  gesandt  von  seinem  Schwiegervater, 
der  darauf  rechnet,  dafs  die  Botschaft  Amleth  den  Tod 
bringen  werde.  Hier  wie  dort  sind  es  die  Taten  des  Helden, 
die  in  dem  Herzen  der  Fürstin  die  Liebe  zu  ihm  wecken, 
aber  im  Epos  die  Taten,  die  er  vor  ihren  Augen  im  Tui-nier 
vollbringt,  bei  Saxo  die  Taten,  von  denen  ihr  sein  mit 
Bildern  geschmückter  Schild  meldet.  Hier  wie  dort  trägt 
die  Fürstin  ihm  ihre  Liebe  an,  aber  im  Epos  stöfst  sie 
zunächst  auf  Widerstand,  Amleth  hingegen  geht  sofort 
freudig  auf  das  Anerbieten  ein.  In  beiden  Fällen  wird  die 
Trauung  sofort  vollzogen,  jedoch  im  Epos  handelt  es  sich 
zunächst  um  eine  blofse  Scheinehe,  indem  Boeve  zur  Be- 
dingung gemacht  hat,  dals  er  7  Jahre  lang  keine  Gemein- 
schaft mit  der  Herzogin  haben  und  erst,  wenn  nach  Ablauf 
dieses  Zeitraums  seine  Gattin  nicht  zurückgekehrt  ist, 
faktisch  ihr  Mann  werden  will;  bei  Saxo  hingegen  ist  von 
einer  solchen  Beschränkung  nicht  die  Rede. 

Hier  wie  dort  wird  weiter  Vorsorge  getroffen,  dafs  bei 
Lösung  der  Ehe  der  Fürstin  ein  neuer  Gatte  gesichert  sei, 
und  nachdem  die  Lösung  tatsächlich  erfolgt  ist,  geht  sie 
in  der  Tat  sofort  eine  neue  Ehe  ein.  Aber  im  Epos  ist 
es  die  Herzogin  selbst,  die  für  den  Fall,  dafs  Josiane  sich 
wiederfinde  und  ihre  Ehe  mit  Boeve  zu  keiner  wirklichen 
Ehe  werde,  sich  dessen  Genossen  Thierry  zum  Gemahl 
ausbittet,   und  als  jener  Fall   nun  wirklich   eintritt,   da 


—    89    — 

wird  die  Vermählung  mit  Thierry  sofort  vollzogen.  Bei 
Saxo  ist  es  vielmehr  der  Gatte  Amleth,  der,  bevor  er 
zum  zweiten  Kriege  gegen  Viglet  auszieht,  für  den  Fall 
seines  Todes  seiner  Gattin  eine  zweite  Ehe  sichern  will. 
Herrauthruda  lehnt  ab,  indes  als  Amleth  wirklich  fällt,  da 
geht  sie  trotzdem  sofort  einen  neuen  Ehebund  ein,  und  zwar 
mit  dem  Sieger,  mit  Viglet,  der  eben  erst  ihren  Gatten 
erschlagen  hat. 

Dafs  die  Version  dieser  Episode,  soweit  die  Doppelehe 
des  Helden  in  Betracht  kommt,  bei  Saxo  ursprünglicher 
ist,  und  dafs  die  Darstellung  im  BvH  auf  einer  späteren 
Modifikation  beruht,  kann  keinem  Zweifel  unterliegen.  Die 
Saxosche  Sage  nimmt  an  der  Doppelehe  offenbar  nicht  den 
mindesten  Anstofs,  die  zweite  Vermählung  wird  tatsächlich 
vollzogen,  und  die  erste  Gattin  fühlt  sich  zwar  durch  die 
Annahme  des  Kebsweibes  beleidigt,  findet  sich  aber  trotz- 
dem wohl  oder  übel  mit  der  Tatsache  ab  und  erklärt  sogar, 
die  Liebe  zum  Gatten  sei  so  stark  in  ihr,  dafs  sie  dieselbe 
auf  die  Nebenbuhlerin  übertragen  werde.  Off'enbar  haben 
wir  hier  bei  Saxo  noch  die  Denk-  und  Empfindungsweise 
der  heidnischen  Zeit.  Wenn  wir  demgegenüber  im  BvH 
hören,  es  habe  sich  bei  der  zweiten  Ehe  nur  um  eine 
Scheinehe  gehandelt,  die  durch  die  Rückkehr  der  ersten 
Gattin  gelöst  werden  sollte,  so  erklärt  sich  dieser  Unter- 
schied off'enbar  sehr  einfach  dadurch,  dafs  der  Dichter  an 
der  Doppelehe  des  Helden,  welche  ihm  die  heidnische  Sage 
bot,  Anstofs  nahm:  er  glaubte  seinem  Publikum  etwas  der- 
artiges nicht  bieten  zu  können.  Deshalb  modifizierte  er 
die  Überlieferung  in  der  Weise,  dafs  er  aus  der  wirklichen 
Ehe  eine  lösbare  Scheinehe  machte:  durch  diese  seltsame 
Erfindung  blieb  er  der  ihm  vorliegenden  Sage,  welche  von 
einer  doppelten  Ehe  des  Helden  berichtete,  getreu,  und  er 
verletzte  andrerseits  doch  nicht  das  moralische  Empfinden 
seiner  Zuhörer,  wie  er  getan  haben  würde,  wenn  er  seinen 


—     40     — 

ritterlichen  Helden  in  sündhafter  Bigamie  hätte  leben  lassen. 
Durch  die  Annahme,  es  habe  sich  ursprünglich  in  der  Tat 
um  eine  wirkliche  Doppelehe  gehandelt,  wird  die  ganze 
Episode  im  BvH  überhaupt  erst  verständlich,  denn  man 
sieht  sonst  absolut  nicht  ein,  was  der  Dichter  mit  der 
sonderbaren  Erfindung  einer  langjährigen  Scheinehe  Boeves 
bezweckt  haben  sollte. 

Bekanntlich  findet  sich  das  Motiv  der  Doppelehe,  das 
Motiv  des  „Mannes  mit  den  zwei  Frauen",  in  der  mittel- 
alterlichen Literatur  wiederholt:  es  wurde  in  lichtvoller 
und  anziehender  Weise  behandelt  von  Gaston  Paris  in 
der  Abhandlung:  La  legende  du  mari  aux  deux  femmes^ 
zuerst  gedruckt  in  den  Comptes  rendus  de  VAcademie 
des  inscriptions  et  helles  -  lettres  1888,  571 — 86  {Ser.  IV, 
B.  15),  jetzt  bequem  zugänglich  in  La  poesie  du  moyen 
äge,  IF  Serie,  Paris  1895,  109 — 30;  dann,  aber  nur  neben- 
bei, von  Alfred  Nutt,  The  Lai  of  Eliduc  and  the  Mär- 
chen of  Little  Snow -White,  Folh-Lore,  Vol.  III,  1892, 
26 — 48.  G.  Paris  will  den  Gegenstand  nicht  erschöpfen; 
er  kündigt  S.  109,  Anm.,  eine  ausführlichere  Arbeit  über 
den  Gegenstand  an,  die  aber  m.  W.  noch  nicht  er- 
schienen ist.  Nutt  bespricht  das  Motiv  nur  im  Zusam- 
menhang mit  dem  Schneewittchen -Märchen,  indem  er 
auf  einige  von  G.  Paris  nicht  erwähnte  ältere  Versionen 
hinweist. 

Das  Motiv  ist  am  bekanntesten  aus  der  Erzählung 
vom  Grafen  von  Gleichen,  die  zuerst  1539,  damals  aber 
schon  als  allgemein  verbreitet,  auftritt;  ihr  Held  ist  der 
1227  verstorbene  Graf  Lambert  II.  von  Gleichen,  der  in 
der  Tat  zwei  Frauen  hatte,  aber  —  nach  einander!  In 
seiner  offenbar  ursprünglichsten  Form  findet  sich  das  Motiv 
eben  in  der  Hamletsage  bei  Saxo  —  den  G.  Paris  nicht 
erwähnt,  wohl  aber  Nutt  —  und  in  der  erst  in  neuester 
JZeit  aufgezeichneten  schottischen  Erzählung  von  Gold-tree 


—     41     — 

und  Süver-tree^),  auf  die  Nutt  aufmerksam  macht;  in  beiden 
Versionen  ei*scheint  die  Doppelehe  des  Helden  als  etwas 
durchaus  Natürliches,  das  Bestreben,  sie  zu  entschuldigen 
oder  zu  beseitigen,  macht  sich  nicht  geltend.  Dagegen 
sehen  wii*  nun  in  den  drei  von  G.  Paris  analysierten  Ver- 
sionen und  in  dem  Roman  des  Walter  von  Arras,  Ille  und 
Galeron-),  der  unmittelbar  auf  dem  Lai  von  Eliduc  beruht, 
die  Sage  bemüht,  den  Helden  von  dem  der  Bigamie  nach 
christlichen  Anschauungen  anhaftenden  Odium  zu  befreien. 

Noch  ziemlicli  intakt  findet  sich  das  Motiv  im  Eliduc, 
dessen  Version  G.  Paris  eben  aus  diesem  Grunde  für  die 
ursprünglichste  hält  (a.  a.  0.  S.  125).  Hier  hat  die  Hand- 
lungsweise des  Helden  keine  andere  Entschuldigung  als 
die  Liebe.  Aber  auch  hier  tritt  das  Bestreben,  das  An- 
stöfsige  der  Doppelehe  zu  mildern,  insofern  hervor,  als  die 
Dichterin  die  erste  Gattin  freiwillig  ins  Kloster  gehen  läfst, 
sobald  sie  von  der  Liebe  des  Gatten  zu  ihrer  Rivalin 
Kenntnis  erhält:  „denn  es  ziemt  sich  nicht,  dafs  ein  Mann 
zwei  Frauen  habe,  und  das  Gesetz  kann  es  nicht  gestatten." 

In  Ille  und  Oaleron  wird  die  Vermählung  Illes  mit 
Galeron  durch  das  Erscheinen  seiner  ersten  Gattin  Ganor 
verhindert.  Später,  in  Kindesnöten,  tut  Ganor  das  Gelübde, 
ins  Kloster  treten  zu  wollen,  wenn  sie  mit  dem  Leben 
davon  komme.  Sie  führt  ihr  Gelübde  aus,  so  ist  Ille  frei 
und  kann  Galeron  heiraten. 

In  der  Erzählung  von  Oilles  von  Trasignies  geht  dieser 
die  zweite  Ehe  nur  deshalb  ein,  weil  er  glaubt,  seine  erste 

*)  Gedruckt  von  MacBain,  Celtic  Magazine  XIII,  213  ff.  und  da- 
nach in  den  Celtic  Fairy  Tales.  Ich  will  hier  darauf  hinweisen,  dafs 
in  dem  Lai  von  Havelok,  der,  wie  wir  sehen  werden,  mit  der  Hamletsage 
nahe  verwandt  ist,  in  der  englischen  Version  (Ende  13.  Jahrhunderts) 
die  Heldin,  die  Gattin  Haveloks,  Goldborough,  in  den  französischen 
Fassungen  Argentille  heifst. 

')  Hgg.  von  W.  Förster,  Walter  von  Arras  sämtliche  Werke,  I, 
Halle  1891. 


—     42     — 

Gattin  sei  tot,  und  als  er,  in  die  Heimat  zurückgekehrt, 
seines  Irrtums  inne  wird  und  durch  ihn  nun  seine  beiden 
Frauen  über  die  Situation  Aufklärung  erhalten,  da  treten 
beide,  und  ebenso  er  selbst,  ins  Kloster,  so  dafs  also  eine 
wissentliche  Doppelehe  hier  überhaupt  nicht  stattfindet. 

In  der  Geschichte  vom  Grafen  von  Gleichen  endlich 
wird  die  Handlungsweise  des  Grafen  damit  entschuldigt, 
dafs  die  Tochter  des  Sultans,  seine  zweite  Frau,  zur  Be- 
dingung der  Befreiung  des  Grafen  aus  der  Gefangenschaft 
gemacht  hat,  dafs  er  sie  zur  Frau  nehme.  Der  Held  geht 
die  zweite  Ehe  also  nur  gezwungen  ein;  aufserdem  gibt 
der  Papst  selbst  ihr  seinen  Segen,  da  durch  sie  zugleich 
eine  Heidin  dem  christlichen  Glauben  gewonnen  worden  ist. 
Wir  sehen  also  in  allen  vier  Fällen  die  gleiche  Ten- 
denz wirksam,  durch  die  wir  oben  die  Diskrepanz  zwischen 
der  Episode  von  der  Herzogin  von  Civile  im  BvH  und 
der  Hermuthrudepisode  bei  Saxo  erklärten,  und  wir 
dürfen  in  dieser  Tatsache  die  Bestätigung  der  dort  ge- 
gebenen Erklärung  sehen.  Die  Annahme,  es  sei  in  der 
Quelle  des  französischen  Dichters  das  Motiv  der  Bigamie 
in  ungemilderter  Fassung  vorhanden  gewesen,  gibt  uns 
nun  zugleich  den  Schlüssel  zur  Erklärung  eines  in  dieser 
Episode  in  der  englischen  Version  vorhandenen  auffälligen 
Widerspruches,  der  seinerseits  die  Abweichung  der  übrigen 
Versionen  gegenüber  der  englischen  hinsichtlich  eines  Zuges 
dieser  Episode  erklärt.  Wir  hören  nämlich  in  der  eng- 
lischen Version,  es  sei  in  Aumbeforce  ein  Turnier  angesagt 
worden,  als  dessen  Preis  die  Hand  der  Königstochter 
ausgesetzt  ist;  Boeve  nimmt  an  diesem  Turnier  teil,  er 
bleibt  Sieger,  als  ihm  nun  aber  die  Fürstin  ihre  Hand 
anbietet,  —  da  schlägt  er  sie  aus,  weil  er  schon  ver- 
heiratet sei:  V.  3832: 

And  euer  a  seide,  he  haß  a  ivif, 
(&  seide,  she  ivas  stolen  hirn  fro. 


\ 


—     43     — 

Man  fragt  sich  doch:  Welchen  Grund  hatte  er,  über- 
haupt an  dem  Turnier  teilzunehmen,  wenn  es  ihm  gar  nicht 
um  die  Hand  der  Königstochter  zu  tun  war?  Der  Wider- 
spruch schwindet  offenbar  sofort,  wenn  wir  annehmen,  die 
Quelle  habe  von  einer  solchen  Weigerung  seinerseits  nichts 
gewulst  und  die  Vermählung  sei,  wie  bei  Saxo,  ohne 
weitere  Klauseln  vollzogen  worden.  Wenn  wir  nun  in 
den  drei  anderen  Versionen  statt  des  Turniers  den  Angriff 
eines  feindlichen  Heeres  haben,  bei  dessen  Zurückweisung 
Boeve  behilflich  ist,  ohne  dafs  von  einer  in  Aussicht  ge- 
stellten Belohnung  des  Siegers  durch  die  Hand  der  Königs- 
tochter die  Rede  wäre,  wenn  also  jener  Widerspruch  hier 
nicht  vorhanden  ist,  so  liegt  offenbar  die  Vermutung  nahe, 
bereits  der  Verfasser  der  gemeinsamen  Quelle  der  drei  Ver- 
sionen habe  den  in  seiner  Vorlage  vorhandenen  Wider- 
spruch bemerkt  und  ihn  beseitigt,  indem  er  das  Turnier 
durch  den  Angriff  eines  feindlichen  Heeres  ersetzte,  — 
wohingegen  für  die  umgekehrte  Änderung  durchaus  kein 
Grund  abzusehen  wäre.  Die  Filiation  der  Motive  wäre 
dann  die  folgende  gewesen:  Turnier:  Doppelehe  — 
Turnier:  erzwungene  Scheinehe  (Quelle  von  E,  A,  W,  N, 
ebenso  dann  E)  —  Krieg:  erzwungene  Scheinehe  (Quelle 
von  A,  W,  N). 

Soviel  über  die  Differenzen  zwischen  unserem  Epos  und 
der  Erzählung  Saxos;  ein  Bedenken  gegen  die  ursprüng- 
liche Identität  der  beiden  Sagen  läfst  sich  danach  aus 
den  vorhandenen  Diskrepanzen  in  keiner  Weise  ableiten, 
ja  in  dem  letztbesprochenen  Falle  können  wir  sogar  noch 
deutlich  erkennen,  welches  vermutlich  der  Grund  der  im 
BvH  vollzogenen  Änderung  gewesen  ist. 

Ich  kehre  nun  zurück  zu  der  oben  aufgeworfenen 
Frage:  Wo  haben  wir  die  gemeinsame  Quelle  der  beiden 
Sagen  zu  suchen  und  von  welcher  Art  war  dieselbe? 

Die  Antwort  auf  die  erstere  Frage  kann  nicht  zweifei- 


—     44     — 

haft  sein:    die    geraeinsame  Quelle   ist   in   England 
zu  suchen. 

Das  ergibt  sich  mit  nahezu  absoluter  Gewifsheit  aus 
den  neueren  Forschungen  über  die  Quellen  Saxos  über- 
haupt und  über  die  Quellen  seiner  Hamletsage  im  be- 
sonderen, über  die  im  folgenden  Kapitel  zu  handeln  ist. 


Die  Herkunft  der  Saxoschen  Amlethsage. 


Saxos  Quellen  sind  neuerdings  in  vorzüglicher  Weise 
untersucht  worden  von  dem  dänischen  Gelehrten  Axel 
Olrik,  Kilderne  tu  Sakses  Oldhistorie,  I:  Forseg  pä  en 
tvedeliiig  af  Kilderne,  Kopenhagen  1892;  II:  Sakses  Old- 
historie. Norröne  sagaer  og  danske  sagn.  Kopenhagen  1894. 
In  Band  II,  158—181  bespricht  Olrik  eingehend  die 
Quellen  der  Saxoschen  Hamletsage.  Er  gelangt  zu 
dem  Ergebnis,  dafs  aller  Wahrscheinlichkeit 
nach  die  Hamletsage  Saxo  aus  England  zuge- 
flossen ist,  er  rechnet  sie  zu  den  im  12.  Jahrhundert  in 
Nordengland  lebendigen  anglo- dänischen  Sagen:  „Die 
nächsten  literarischen  Verwandten  der  Hamletsage  finden 
sich  nicht  in  der  jütischen  Heide,  sondern  jenseits  des 
Westmeeres;  und  sollen  wir  ihre  Heimat  allein  nach  dem 
Kunststil  bestimmen,  so  möchten  wir  sie  rechnen  zu 
den  „anglo -dänischen"  Sagen  Nordenglands  im  12.  Jahr- 
hundert" '). 

^)  Ich  glaube  den  Lesern  einen  Dienst  zu  erweisen,  wenn  ich 
die  Citate  aus  Olrik  in  deutscher  Übersetzung  gebe.  Bei  dem  grofsen 
allgemein  -  sagengeschichtlichen  Interesse  von  Olriks  Untersuchungen 
wäre  die  Veranstaltung  einer  deutschen  tibersetzung  des  Werkes 
dringend  zu  wünschen. 


—    45    ~ 

Olrik  gründet  diesen  Schlufs  wesentlich  auf  Motive 
des  zweiten  Teiles  der  Hamletsage,  den  er  die  „Hermu- 
trudnovelle"  nennt.  Es  ist  erforderlich,  dafs  wir  uns 
seine  Beweisführung  hier  im  einzelnen  vergegenwärtigen. 

Olrik  bespricht  zunächst  das  Motiv  des  „umgeschrie- 
benen" Briefes.  Er  zeigt,  dafs  die  Erzählung  von  dem 
Briefe,  der  durch  Änderung  seines  Inhaltes  dem  Über- 
bringer nicht,  wie  es  beabsichtigt  war,  den  Tod,  sondern 
vielmehr  die  Hand  der  Königstochter  einbringt,  in  der 
mittelalterlichen  Literatur  eine  grofse  Eolle  gespielt  hat, 
dafs  sie  uns  in  zwei  Hauptformen,  einer  ost-  und  einer 
westeuropäischen  Form  entgegentritt,  und  dafs  die  Dar- 
stellung Saxos  nächstverwandt  ist  mit  der  westeuropäischen 
Form,  die  am  reinsten  vorliegt  in  zwei  französischen 
Fassungen  aus  dem  13.  Jahrhundert:  dem  DU  de  Vempe- 
reur  Coustant,  einer  Versnovelle  von  630  Achtsilbnern^ 
und  in  einer  Prosanovelle,  die  mit  dem  dit  inhaltlich 
genau  übereinstimmt-). 

Der  Inhalt  der  beiden  Erzählungen  ist  in  aller  Kürze 
dieser: 

Ein  Kaiser  von  Byzanz  —  im  Dit  Florian,  in  der 
Prosa  Muselin  genannt  —  hört,  dafs  von  einem  eben  ge- 
borenen Sohn  eines  seiner  Untertanen  in  den  Sternen  ge- 
schrieben steht,  er  werde  einst  sein  Schwiegersohn  und 
Nachfolger  werden.  Er  bemächtigt  sich  alsbald  des  Knäb- 
chens,  um  es  zu  töten,  aber  es  bleibt  ohne  sein  Wissen 
am  Leben  und  wird  in  einem  Kloster  als  Findelkind  unter 
dem  Namen  Coustant  erzogen.  Als  Coustant  herangewachsen 
ist,  sieht  und  erkennt  ihn  der  Kaiser  und  schickt  ihn 
nach  einem  Schlofse   mit   einem  Briefe  an    den  Schlofs- 

^)  ^^S-  von  A.  Wesselofeky,  Romania  6,  162flf.  Vgl.  dazu  Rein- 
hold Köhler,  Zs.  f.  rom.  Phil  2,  180. 

*)  Hgg.  von  Moland  u.  d'H^ricault,  Xouvelles  fran^mses  en  prose 
du  XUIe  8.,  Paris  1856,  1—32. 


—     46     — 

hauptmann,  worin  diesem  befohlen  ist,  den  Überbringer  so- 
fort zu  töten.  Coustant,  am  Ziele  seiner  Reise  ange- 
kommen, rastot,  bevor  er  den  Brief  übergibt,  in  einem 
Garten  vor  dem  Schlofse  und  schläft  ein.  Hier  erblickt 
ihn  die  Königstochter,  sie  entbrennt  in  Liebe  zu  ihm  und 
vertauscht,  während  er  noch  schläft,  den  Brief,  den  sie  in 
seiner  Gürteltasche  findet,  mit  einem  anderen,  worin  dem 
Schlofshauptmann  befohlen  wird,  den  Überbringer  sofort 
mit  der  Prinzessin  zu  vermählen.  Das  geschieht  und  so 
wird  Coustant  des  Kaisers  Schwiegersohn  und  später  auch 
sein  Nachfolger. 

Wir  haben  hier  also  eine  Erzählung  fatalistischen 
Inhalts  vor  uns,  die  weitverbreitete  Geschichte  „von 
dem  neugeborenen  Knaben,  von  dem  in  den  Sternen  ge- 
schrieben steht  oder  sonst  prophezeit  ist,  dafs  er  dereinst 
der  Schwiegersohn  und  Erbe  eines  gewissen  Herrschers 
oder  Reichen  werden  soll,  und  der  dies  schliefslich  auch 
trotz  aller  Verfolgungen  jenes  Herrschers  oder  Reichen 
wird."  Wesselofsky,  der  die  verschiedenen  Versionen  der 
Erzählung  a.  a.  0.  S.  171  ff.  analysiert,  hat  davon  abgesehen, 
ihr  Filiationsverhältnis  genau  zu  untersuchen.  Nur  auf  Grund 
einer  oberflächlichen  Vergleichung  —  ,,une  comparaison 
sommaire^^  —  gelangt  er  S.  197  zu  dem  Ergebnis,  dafs  die 
Geschichte  in  ihrer  ursprünglichsten  Fassung  vorliege  in 
den  beiden  oben  analysierten  französischen  Versionen,  in 
einer  mehrfach  überlieferten  Erzählung  von  Kaiser  Konrad  ^) 
und  in  einer  ossetischen  Erzählung-),  insofern  nämlich  in 
diesen  Fassungen  die  Geschichte  nur  enthält:  Prophezeih- 
ung   +   Uriasbrief,  während  in    den  orientalischen  Ver- 


1)  U.  a.  bei  Gottfried  von  Viterbo,  Pertz,  5'Ä  XXH,  243,  und  in 
den  Gesta  Romanorum  ed.  Oesterley  no.  20. 

^)  Gedr.  in  Collection  de  renseignements  sur  les  habitants  du  Cau- 
ease,  v.  II:  Djantemir  Schanajef,  Contcs  populaires  ossetes  S.  6 — 7:  Le 
prophete  aimant  Dieu. 


I 


—     47     ~ 

sionen,  die  ossetische  auRgenommen ,  ebenso  in  der  polni- 
schen, serbischen  und  albanesischen  damit  noch  verbunden 
erscheint  das  Fridolinsmotiv. 

Zunächst  ist  hier  von  den  orientalischen  Versionen 
möglicherweise  auch  gerade  die  älteste  orientalische  Fas- 
sung auszunehmen,  deren  Inhalt  bis  jetzt  nur  unvollständig 
bekannt  ist,  nämlich  die  buddhistische  Legende,  die  sich  in 
&ex  Atthakathä,  einem  zu  Anfang  des  5.  Jahrhunderts 
verfafsten  Text  findet  und  über  die  A.  Weber,  Über  eine 
Episode  im  Jaimini-Bhärata^)  berichtet:  hier  wendet  ein 
Kaufmann  unter  verschiedenen  Versuchen,  einen  ihm  ver- 
balsten natürlichen  Sohn  aus  dem  Wege  zu  räumen,  auch 
das  Mittel  an,  „ihn  an  seinen  Aufseher  über  100  gräma 
mit  einem  Brief  zu  senden,  des  Inhalts,  dafs  derselbe 
ihn  töten  und  in  eine  Grube  werfen  solle.  Der  junge 
Mensch  aber  rastet  unterwegs,  und  die  Tochter  seiner 
Wirtsleute  zerstört  den  Brief,  den  sie  aus  Neugier  ge- 
öffnet hat,  und  schreibt  einen  anderen,  über  dessen  Inhalt 
nichts  angegeben  wird."  Der  Schlufs  der  Erzählung  ist 
nicht  bekannt,  wir  wissen  also  nicht,  ob  auch  hier  das 
Fridolinsmotiv  schon  angeknüpft  war.  Sodann  ist,  zuge- 
geben, dafs  die  Versionen,  welche  die  genannten  drei 
Motive  verbinden,  gegenüber  den  anderen,  die  nur  die 
ersten  zwei  enthalten,  eine  jüngere  Stufe  darstellen,  damit 
selbstverständlich  nicht  auch  bewiesen,  dafs  sie  das  zweite 
Motiv,  um  das  es  sich  hier  für  uns  handelt,  das  Motiv 
des  Uriasbriefes,  in  einer  jüngeren  Fassung  enthalten, 
vielmehr  könnten  dieselben  umgekehrt  dieses  Motiv  in 
ursprünglicherer  Form  gewahrt  haben.  Nun  findet,  wie 
wir  eben  sahen,  in  der  der  Zeit  nach  ältesten  Fassung  der 
Geschichte,  in  der  buddhistischen  Legende,  die  Tochter 
des  Adressaten   selbst   den   Brief  und   ersetzt   ihn   durch 

*)  Motiatsber.  d.  kön.  preufs.  Akademie  d.  Wissensch.  x.  Berlin  1869 
(Druckjahr  1870),  S.  42. 


—     48     — 

einen  solchen  anderen  Inhalts.  Den  gleichen  Zug  enthält 
die  jüngere  indische  Version  im  Jcmnini- Bhärata,  das  sich 
zeitlich  nicht  genau  fixieren  läfst,  aber,  wie  es  scheint, 
aus  dem  13.  Jahrhundert  stammt,  s.  Weber  a.  a.  0.  S.  34  ff. 
Der  Inhalt  der  Erzählung  ist  nach  Webers  Analyse  hier 
dieser: 

Vishayä,  die  Tochter  des  Ministers,  der  den  Helden 
mit  der  verhängnisvollen  Botschaft  betraut  hat,  findet  den 
letzteren  schlafend  unter  einem  Mangobaum;  sie  verliebt 
sich  in  ihn,  nimmt  den  Brief,  der  aus  seiner  Tasche  her- 
vorsieht, an  sich,  liest  ihn  und  setzt  an  Stelle  der  Worte : 
„Gib  ihm  Gift"  —  „Gib  ihm  Vishayä".  Dann  steckt  sie 
den  Brief  wieder  an  seinen  Ort:  die  Hochzeit  findet  statt. 

Die  gleiche  Version  begegnet  in  der  arabischen  Er- 
zählung Cruaute  de  Mohallek  bei  Galland ^)  (nur  findet 
hier  die  Tochter  den  Brief  nicht,  sondern  er  wird  ihr 
direkt  übergeben),  in  der  ossetischen,  wie  auch  in  den 
beiden  französischen  Fassungen,  nicht  dagegen  in  der  Ge- 
schichte vom  Kaiser  Konrad  noch  in  irgend  einer  der 
anderen  Fassungen.  Da  diese  Version  nun  die  bei  weitem 
am  ältesten  überlieferte  ist,  so  spricht  alle  Wahrscheinlich- 
kdt  dafür,  dafs  sie  auch  die  ursprüngliche  ist.  Wenn  so- 
mix  auch  die  orientalischen  Versionen,  insofern  sie  noch 
das  Fridolinsmotiv  anfügen,  eine  jüngere  Entwickelungs- 
stufe  der  Sage  darstellen  mögen  gegenüber  denjenigen 
Fassungen,  die  es  nicht  enthalten,  —  aber  gerade  bei  der 
ältesten  Version  ist  es,  wie  wir  sahen,  durchaus  zweifel- 
haft, ob  das  Motiv  in  ihr  vorhanden  war  — ,  so  bieten 
sie  doch  das  Motiv  des  Uriasbriefes  in  ursprünglicherer 
Form  und  auf  der  gleichen  älteren  Stufe  stehen  also  die 
ossetische  und  die  beiden  französischen  Fassungen.  Das 
Motiv  ist  demnach  orientalischer  Herkunft,  wie  denn  auch 

^)  Nouvelle  suite  des  mille  et  une  nuits,  contes  arabes  II,  Paris  1798, 
S.  172—183. 


—     49     — 

der  fatalistische  Charakter  der  ganzen  Erzählung  auf  den 
Orient  als  Quelle  hinweist,  und  da  die  Geschichte  in  den 
französischen  und  verschiedenen  anderen  Fassungen  an 
den  Kaiser  Constantin  geknüpft  erscheint,  so  ist,  wie 
Wesselofsky  mit  Recht  bemerkt,  anzunehmen,  dafs  sie 
ihren  Weg  nach  Westeuropa  über  Byzanz  genommen  hat. 
Die  enge  Verwandtschaft  der  Hermuthrudnovelle  Saxos 
mit  dem  Dit  de  Vempereur  Coicstant  springt  nun  in  die 
Augen.  Auch  dort  rastet  der  Held  vor  dem  Schlosse 
(auf  einer  Wiese,  wie  Coustant  in  einem  Garten)  und  ent- 
schlummei-t,  die  Jungfrau  wird  seiner  ansichtig,  verliebt 
sich  in  ihn,  läfst  ihm  den  Brief  abnehmen  und  ersetzt  ihn 
durch  einen  neuen.  Sogar  die  Unterschiede  der  beiden 
Fassungen  beweisen,  wie  Olrik  a.  a.  0.  S.  173  zeigt,  ihre 
ursprüngliche  Identität,  und  zwar  würde  sich  aus  ihnen  nach 
Olrik  zugleich  ergeben,  dafs  die  Erzählung  Saxos  gegenüber 
dem  Dit  eine  jüngere  Version  darstellt.  Bei  Saxo  reist 
der  Held  nicht,  wie  im  Dit,  allein,  sondern  in  Begleitung, 
ferner  verliebt  sich  die  Jungfrau  bei  ihm  nicht,  wie  dort, 
auf  den  blofsen  Anblick  hin,  sondern  erst,  nachdem  sie 
durch  seinen  kunstvollen  Schild  eine  Anschauung  seiner 
ruhmvollen  Taten  gewonnen  hat:  „Für  einen  Helden,  wie 
Hamlet,  bemerkt  dazu  Olrik,  König  in  Dänemark  und 
Schwiegersohn  des  Königs  von  England,  hätte  es  sich 
nicht  geziemt,  allein  zu  reisen,  wie  der  Held  der  franzö- 
sischen Novelle  tut;  er  hat  deswegen  Begleiter  bekommen^ 
aber  trotzdem  kann  der  Spion  der  Königin  sich  an  den 
Wachen  nicht  weniger  als  dreimal  vorbeischleichen.  Der 
Grund,  weswegen  Hermuthrud  sich  in  Hamleth  verliebt, 
ist  der,  dafs  sie  von  seinen  Taten  Kenntnis  erhält.  Hierin 
erkennen  wir  eine  Umbildung,  die  sich  im  Einklang  be- 
findet mit  dänischen  Vorstellungen  von  der  Liebe,  die  sich 
für  eine  Königin  geziemt:  es  ging  nicht  an,  dafs  man  sie 
sich  in  einen  schlafenden  Jüngling  verlieben  liefs  [Olrik 

Zenker,  Boeve-Amletbus.  4 


—     50     — 

verweist  hier  auf  seine  Ausführungen  über  die  Auffassung 
der  Liebe  bei  Saxo  in  B  I,  49-51].  Aber  diese  Änderung 
ist  der  Ökonomie  der  Sage  teuer  zu  stehen  gekommen. 
Hamleth  hat  sich  den  mit  Bildern  geschmückten  Schild 
verfertigen  lassen,  der  doch  ganz  ohne  seine  eigene  Ab- 
sicht dann  dazu  kommt,  in  der  Sage  eine  Rolle  zu  spielen; 
und  nun  mufs  er  so  tief  und  so  lange  schlafen,  dafs  man 
den  Schild  unter  seinem  Haupte  und  den  Brief  aus  seiner 
Hand  stehlen  und  beide  zurückbringen  kann.  Indessen 
stellt  er  sich  das  letzte  Mal  nur  so^  als  ob  er  schliefe 
und  fängt  so  den  Boten  —  gewifs  nicht  zum  Vorteil  der 
Handlung,  denn  diese  entwickelt  sich  ganz  so,  als  ob  der 
Bote  nicht  gefangen  worden  wäre.  Dieser  ganze  grofse 
Apparat  wird  also  in  Bewegung  gesetzt,  damit  der  Inhalt 
des  Briefes  geändert  werde;  unleugbar  nimmt  die  ganze 
Intrigue  sich  besser  aus  in  der  schnell  vorwärtsschreiten- 
den Handlung  der  Abenteuererzählung  [d.  i.  der  Erzählung 
von  Bige  Per  Kraemmer,  die  Olrik  kurz  vorher  mitgeteilt 
hat]  oder  in  dem  galanten  [französischen]  Gedicht,  wo  der 
Eindruck  des  schlafenden  Jünglings  auf  die  Königstochter 
in  seiner  ganzen  erotischen  Frische  zur  Geltung  kommen 
kann.  Aber  das  ist  eben  das  Unglück:  der  Dichter  der 
Hamlethsage  hat  in  falschem  Streben  nach  Korrektheit 
die  poetische  Seele  der  Erzählung  zerstört  und  hat  nur 
die  tote  Puppe  der  Intrigue  zurückbehalten,  wie  eine 
schwerfällige  Maschinerie,  die  man  vergebens  in  Ordnung 
zu  halten  sucht." 

Da,  wie  wir  sahen,  der  Zug,  dafs  die  Heldin  selbst 
den  Schlummernden  erblickt  und  ihm  den  Brief  entwendet 
—  dafs  sie  ihn  bei  Saxo  durch  einen  ihrer  Diener  ent- 
wenden läfst,  ist  irrelevant  —  sich  aufser  in  den  vier 
orientalischen  Versionen  nur  in  den  beiden  französischen 
findet,  und  da  eben  dieser  Zug  ursprünglich  ist,  so  scheint 
es  ausgeschlossen,  dafs  Saxos  Erzählung  auf  eine  der  be- 


—     51     — 

kannten  Fassungen  des  Brief-Motives  zurückgeht,  und  da 
direkte  Entlehnung  aus  dem  Indischen  nicht  möglich  ist, 
solche  aus  dem  Arabischen  aber  wenigstens  nicht  ohne 
besonderen  Grund  angenommen  Averden  dürfte,  so  werden 
wir  zu  dem  Schlüsse  gedrängt,  dafs  Saxos  Erzählung  aus 
der  gleichen  Quelle  wie  die  französische  Novelle  geflossen 
ist,  und  zwar  stellt  letztere  die  ältere  Version  dar,  welche 
bei  Saxo  aus  deutlich  erkennbaren  Gründen  in  wenig 
glücklicher  Weise  abgeändert  worden  ist.  Danach  spräche 
also  alle  Wahrscheinlichkeit  dafür,  dafs  zunächst  dieses 
Motiv,  das  Motiv  von  dem  „umgeschriebenen"  Brief,  Saxo 
aus  Westeuropa  zugeflossen  ist:  aus  Frankreich  oder  dem 
französisch  sprechenden  England. 

Ein  zweites  Motiv  der  Herrn uthrudnovelle  bildet  das 
von  einem  anderen  Gesichtspunkt  aus  schon  oben  kurz 
besprochene  Motiv  der  Doppelehe  des  Helden.  Wie 
oben  gezeigt,  erweist  sich  die  Form,  in  der  es  bei  Saxo 
auftritt,  gegenüber  jüngeren  Fassungen  als  ursprünglicher, 
und  in  ebenso  ursprünglicher  Gestalt  erscheint  es  in  dem 
schottischen  Märchen  von  Gokl-tree,  verhältnismäfsig 
ursprünglich  auch  noch  im  Eliduc  der  Marie  de  France, 
die  bekanntlich  in  England  dichtete  und  als  ihre  Quelle 
hier  ausdrücklich  einen  sehr  alten  bretonischen  Lai  be- 
zeichnet: 

Uun  mult  aneien  lai  Bretun 

le  cunte  e  tute  la  raisuii 

VHS  dirai,  si  cum  ieo  etitent 

la  verite  mun  escient. 

Nutt  a.  a.  0.  vertritt  die  Ansicht,  in  Gold-tree  liege 
die  Grundform  des  Schneewittchenmärchens  vor,  und  die 
Doppelehe  stelle  eine  Zutat  dar,  die  geschöpft  sei  aus 
einer  keltischen  Sage  von  dem  Aufenthalte  eines  Mannes 
im  Elfenreich;  er  weist  darauf  hin,  dafs  in  dieser  Form 
sich  das  Motiv  in  der  ältesten  irischen  Heldensage  an  die 

4* 


—     52     — 

Person  des  Cuchullin  geknüpft  finde.  Die  Sage  von 
Cuchullin  enthält  ähnliclie  Elemente  wie  Eliduc  und 
Gold-tree,  nur  in  abweichender  Kombination.  Sie  findet 
sich  im  Leabhar  na  h'Uidhre  und  will  hier  aus  einei- 
älteren  Handschrift,  dem  Yelloiv  Book  of  Slmie,  entnommen 
sein.  Der  vorliegende  Text  stammt  aus  dem  Anfang  des 
11.  Jahrhunderts,  doch  hält  Nutt  es  für  wahrscheinlich, 
dafs  die  einzelnen  Elemente  der  Erzählung  nicht  später 
als  im  7.  Jahrhundert  kombiniert  wurden.  Der  Sage  zufolge 
wird  Cuchullin  geliebt  von  einer  Feenkönigin  Fand.  Sie 
kommt  in  Vogelgestalt  zur  Erde  herab  und  wird  durch 
den  Helden  verwundet.  Daraufhin  versetzt  sie  ihn  in 
magischen  Schlaf,  besucht  ihn,  und  er  liegt  nun  ein  Jahr 
lang  im  magischen  Schlaf,  fern  vom  Hof  und  allen  seinen 
Freunden.  Durch  Zauberei  geheilt,  unternimmt  er  eine 
Fahrt  in  die  jenseitige  Welt  und  bringt  Fand  mit  sich 
zurück.  Dadurch  erregt  er  die  Eifersucht  seines  irdischen 
Weibes  Emer,  die  ihm  heftige  Vorwürfe  macht.  Fand 
kehrt  in  die  jenseitige  Welt  zurück,  und  Cuchullin  und 
Emer,  der  ein  Vergessenheitstrank  gereicht  wdrd,  leben 
seitdem  friedlich  mit  einander. 

Im  Hinblick  auf  diese  Sage  nimmt  Nutt  an,  das  Motiv 
von  dem  „Mann  mit  den  zwei  Frauen"  stamme  in  der 
Hermuthrudnovelle  nicht  aus  französischer,  sondern  aus 
keltiscli-brittischer  Quelle. 

Olrik  stimmt  hier  Nutt  insoweit  bei,  als  er  es  gleich- 
falls für  wahrscheinlich  erklärt,  dafs  das  Motiv  Saxo  von 
den  brittischen  Inseln  aus  übermittelt  worden  sei:  „Hamlets 
Doppelheirat  ist  sicher  ein  eingewandertes  mittelalterliches 
Abenteuermotiv,  und  alle  Wahrscheinlichkeit  spricht  dafür, 
dafs  es  unmittelbar  von  den  brittischen  Inseln  zu  uns  ge- 
kommen ist.  Auf  diesen  fremden  Motiven,  dem  ro- 
manischen (ursprünglich  griechischen),  von  der 
plötzlichen  Liebe  der  Königstochter  und  dem  um- 


—     53     — 

geschriebenen  Brief,  sowie  dem  keltischen  von  der 
Doppelheirat  ist  die  Novelle  von  Hamlet  und  Her- 
mutrud  aufgebaut." 

Ob  Nutts  Vermutung  von  der  keltischen  Herkunft  des 
Motivs  der  Doppelheirat  zutrifft,  lasse  ich  dahingestellt; 
dafs  es  in  letzter  Linie  vermutlich  antiken  Ursprungs 
ist,  werden  wir  später  sehen.  Da  es  aber  in  nächstver- 
wandter Fassung  in  der  alten  irischen  Heldensage,  in  einem 
in  England  entstandenen,  aus  bretonischer  Quelle  geschöpf- 
ten Lai  und  in  einem  schottischen  Märchen  begegnet,  so 
scheint  auch  mir  die  Annahme  einer  brittischen  Quelle 
Saxos  alles  für  sich  zu  haben. 

Ein  drittes  Motiv  der  Herrauthrudnovelle  bildet  die 
„Freierfeindlichkeit"  der  Heldin;  jeder,  der  um 
ihre  Hand  wirbt,  bezahlt  seine  Kühnheit  mit  dem  Leben: 
„Er  (der  König  von  Britannien)  wufste  nämlich,  dafs  diese 
nicht  nur  aus  Keuschheit  ehe  los  war,  sondern  dafs  sie  auch 
in  trotziger  Anmafsung  ihre  Freier  immer  hafste  und  für 
ihre  Liebhaber  die  härtesten  Strafen  bestimmte,  so  dafs  es 
von  den  vielen  nicht  einen  einzigen  gab,  der  nicht  für 
seine  Werbung  mit  seinem  Kopfe  gebüfst  hätte."  ^)  Olrik 
hebt  hervor,  dafs  dieses  Motiv  seit  alter  Zeit  in  deutscher 
und  nordischer  Dichtung  vorhanden  sei  (Brimhild  in  den 
Nibelungen;  „Die  gefährliche  Jungfrau,"  DgF  184)  und 
somit  auf  den  verschiedensten  Wegen  der  Hamletsage  habe 
zugeführt  werden  können.  Er  erklärt  seine  Einführung 
damit,  dafs  die  in  der  zu  Grunde  liegenden  Erzählung  — 
Constantinsnovelle  —  hier  gebotene  Version,  wonach  der 
Tod  des  Überbringers  in  dem  Briefe  direkt  gefordert  wird, 
aus  dem  Grunde  nicht  wohl  verwendbar  war,  weil  eben 
dieses  Motiv  schon  einmal,  bei  Hamleths  Reise  nach  Eng- 
land, benutzt  worden  war. 


»)  Jantzen  S.  162. 


—     54     — 

Olrik  sieht  also  davon  ab,  auch  dieses  Motiv  aus 
britischer  Quelle  abzuleiten.  Trotzdem  läfst  sich  auch 
hier  solche  Herkunft  wahrscheinlich  machen. 

Hermann  Suchier  in  der  interessanten  Abhandlung 
Über  die  Sage  von  Offa  und  Thrydo,  Paul  u.  Braunes 
Beiträge  IV  (Festschrift  für  Friedrich  Zarncke  1877), 
500—21  hat  hingewiesen  auf  die  augenscheinliche  Identität 
der  Saxoschen  Sage  von  der  freierfeindlichen  Hermuthrud 
mit  der  im  angelsächsischen  Beowulfslied  überlieferten, 
vermutlich  aber  einen  späteren  Einschub  darstellenden  \, 
Sage  von  der  grausamen,  freierfeindlichen  }ryäo,  der 
Gemahlin  Offas  I.,  Beowulf  V.  1931—62.  Die  letzte  Ke- 
daktion  des  Beowulf  hat  vermutlich  nicht  später  als  etwa 
um  787  stattgefunden.  Die  prydo-Sage  ist  neuerdings 
ausführlich  besprochen  worden  von  A.  B.  Gough,  The  Con- 
stance  Saga,  Berlin  1902  {Palaestra  XXIII). 

Die  betreffende  Stelle  lautet  nach  der  Suchierschen 
Übersetzung,  a.  a.  0.  S.  502,  folgendermafsen : 

„prydo^),  die  gewaltige  Volkskönigin,  hatte  ein  über- 
aus grausames  Gemüt.  Keiner  wagte,  mutig  sich  das  heraus- 
zunehmen, der  trauten  Gefährten  aufser  ihrem  Gatten,  ihr 
Auge  in  Auge  ins  Antlitz  zu  blicken,  sondern  er  wufste 
sich  Todbande  bereit,  handgewundene.  Bald  darauf  war 
nach  der  Verhaftung  das  Schwert  in  Bereitschaft,  damit 
die  Klinge  offenbaren  möchte,  es  sei  entschieden,  das  Tod- 
übel verkünden.  Nicht  ist  solches  weibliche  Art,  von  einer 
Frau  zu  üben,  auch  nicht  wenn  sie  schön  ist,  dafs  die 
Friedensweberin  wegen  angeblicher  Kränkung  das  Leben 
f ordre  von  einem  lieben  Mann.    Doch  legte  ihr  das  Hem- 


^)  So  auch  Ten  Brink,  Beowulf^  Strafsburg  1888  (Quellen  und 
i^orscÄzm^m  H.  62),  113ff.;  V.  1914— 2199  bilden  nach  ihm  ^den  jüngsten 
Teil  des  ganzen  Epos". 

2)  Der  Name  bedeutet  ,, Kraft,  Stärke",  s.  K.  Müllenhoff,  Beotvulf, 
Berlin  1889,  S.  74. 


—     55     — 

nings  VerwaDdter.  Biertrinkende  erzählten  andres:  sie 
habe  der  Volksübel  weniger  vollführt,  der  Feindschaften, 
sobald  sie  goldgeschmückt  dem  jungen  Kämpfer  die  hoch- 
f^eborene  gegeben  wurde,  als  sie  Offas  Halle  über  die  falbe 
Flut  aufsuchte  nach  des  Vaters  Weisung.  Da  genofs  sie 
dann  auf  dem  Herrscherstuhl,  durch  Spenden  beliebt,  der 
Lebensgeschicke  ihr  Leben  lang,  hielt  Hochliebe  zu  dem 
Herrscher  der  Helden,  nach  meinen  Erkundigungen  dem 
trefflichsten  aus  aller  Menschheit  zwischen  den  Meeren, 
Denn  Offa  war  durch  Gaben  und  Kämpfe,  der  gerkühne 
Mann,  weithin  gefeiert.  Mit  Weisheit  regierte  er  sein 
Stammland.  Von  ihm  erwachte  Eomor  den  Helden  zur 
Hülfe,  Hemings  Verwandter,  der  Enkel  Gärmunds,  in 
Feindschaften  tüchtig." 

„Ein  hochgestellter  Mann  —  so  interpretiert  Suchier 
den  Inhalt  des  Berichtes  —  (ob  ein  König,  wird  nicht 
gesagt)  hat  eine  wunderschöne,  aber  unnahbare  Tochter. 
Gern  weilt  auf  ihrem  Antlitz  der  Männer  Blick.  Aber  so 
schön  die  Jungfrau  ist,  so  grausam  ist  sie.  Wer  es  wagt, 
sie  festen  Blickes  anzuschauen,  mufs  der  Verhaftung  und 
baldigen  Hinrichtung  gewärtig  sein.  Mancher  kennt  das 
Los,  das  ihm  bevorsteht,  und  läfst  dennoch  seinen  Blick 
auf  ihr  ruhen.  Auf  des  Vaters  Weisung  besteigt  sie  ein 
Schiff  im  Goldschmuck  der  Braut  und  fährt  über  See  in 
das  Land  König  Offas.  Dort  wird  sie  Offas  Gattin.  Nun 
gehen  die  Berichte  auseinander.  Die  einen  behaupten,  sie 
habe  ihr  wildes  Wesen  auch  dann  noch  fortgesetzt,  nur 
nicht  gegen  ihren  Gatten,  dem  es  schliefslich  gelang,  ihre 
Wildheit  zu  zügeln.  Andere  sagen,  sobald  sie  Offas  Haus 
betreten,  sei  sie  milde  geworden*).     Sie   safs   auf  Offas 


^)  Diese  zweite  Version  ist  nach  Müllenhoff  S.  133, 159,  Ten  Brink 
S.  229,  230,  Suchier  S.  507  die  richtige,  der  alten  Sage  entsprechende ; 
die  andere  erkläre  sich  einfach  dadurch,  dafs  die  Charakteränderung 
der  Frau  vergessen  wurde. 


—     5G     — 

Throne  ihr  Leben  lang.  Offa  war  der  beste  Mann  auf  der 
Welt,  freigebig,  tapfer  und  weise.  Sein  Vater  war  (lär- 
mmid,  sein  Sohn  Eömor.  Offii  heifst  einmal  Hemnings, 
Eomor  einmal  Hemings  Verwandter." 

Der  hier  genannte  OfFa  war  ein  König  der  Angeln, 
der  noch  vor  der  Wanderung  dieses  Volksstammes  nach 
Britannien,  im  4.  Jahrhundert  n.  Chr.,  in  Schleswig  regierte. 
Die  Sage  von  ihm  wurde  dann  durch  die  Angeln  in  ihrer 
neuen  Heimat  lokalisiert.  Der  Urenkel  von  Oifas  Enkel 
Eomser,  Crida,  war  der  erste  König  von  Mercia  (585—93). 

Wir  finden  die  Sage  von  prydo  nun  später,  im 
12.  Jahrhundert,  freilich  in  stark  modifizierter  Form,  an 
den  Namen  der  historischen  Gemahlin  Off'as  II.  (regierte 
757 — 96),  Cyneä7'y(t  (d.  i.  virago  regia,  s.  MüUenhoff'  a.  a.  0. 
S.  76),  geknüpft  in  der  sagenhaften  Vita  Offae  secundi,  die 
vermutlich  im  12.  Jahrhundert,  jedenfalls  vor  ca.  1200  ent- 
standen ist;  der  Verfasser  ist  unbekannt. 

Es  wird  hier  folgendes  erzählt^): 

Zur  Zeit  Karls  des  Grofsen  lebte  im  Lande  der 
Franken  ein  Mädchen,  schön,  aber  grausam,  eine  Verwandte 
Karls.  Wegen  eines  schmachvollen  Verbrechens  (pro  qiio- 
dam  qnod  patraverat  crimine  flagitiosissimo)  wird  sie  in 
einem  Schiff"  ohne  Steuer  und  Segel  mit  wenig  Lebens- 
mitteln dem  Meere  preisgegeben.  Bleich  und  erschöpft 
landet  sie  nach  langer  Fahrt  in  Offas  Reich;  sie  wird 
zum  König  geführt  und  erzählt  ihm  in  ihrer  Muttersprache 
die  Ursache  ihrer  Verbannung.  Sie  heifse  Drida\  von 
Niedriggeborenen  sei  sie  um  ihre  Hand  ersucht  worden, 
habe  aber,  um  nicht  den  Adel  ihres  Geschlechts  zu  ent- 
ehren, dieselben  verschmäht.  Den  Nachstellungen  der  ab- 
gewiesenen Freier  sei   es   gelungen,  ihre  Aussetzung   zu 


^)    Vitae  duorum  Offariim  S.  9,  in  Matthaei  Parisiensis  Opera  ed. 
W.  Wats,  Paris  1644. 


—     57     — 

erwirken  (per  tyrannidem  quonnidam  ignobiUum,  quorum 
nuptias  ne  degenerai'ct  sprevit,  tali  fuisse  discrimini  adjii- 
dicatam).  Oifa  vermählte  sich  nun  mit  ihr  in  heimlicher  Ehe, 
sie  heilst  nach  der  Vermählung  Quendrida  (Entstellung 
aus  Cyneäryä)  d.  i.  Regina  Drida^  und  ist  nach  wie  vor 
hochfahrend  und  herrschsüchtig  (Mulier  avara  et  subdola, 
siiperhiens,  eo  quod  ex  stirpe  Caroli  originem  duxerat)  ^). 

Dieser  ganze  Bericht  scheint  sagenhaft.  Über  Cyne- 
dryds  Herkunft  und  die  näheren  Umstände  ihrer  Vermäh- 
lung mit  Oifa  ist  historisch  nichts  bekannt-^). 

Dafs  nun  die  l>mla  der  Vita  Offae  IL  keine  andere 
ist  als  die  ß?^ydo  des  Beowulfliedes  und  beide  wieder,  wie 
Suchier  und  Müllenhoif  —  bezüglich  prydos  nach  dem 
Vorgange  Bugges  und  Grundtvigs  —  annehmen,  identisch 
sind  mit  Saxos  Hermuthrud  (=  an.  Eormenßryd),  das  dürfte 
einleuchten.     Den  beiden  ersteren  ist  gemein:    . 

1.  der  Name; 

2.  die  Grausamkeit  gegen  die  Freier; 

3.  die  Vermählung  mit  Offa  (=  Offa  IL  in  der  Vita 
Offae  IL;  =  Offa  I.  im  Beowulfsliede); 

4.  die  auch  nach  der  Vermählung  andauernde  Wild- 
heit ihres  Charakters  (gemäfs  der  im  Beowulfsliede  zuerst 
erwähnten  Version). 

prydo  -  Drida  einerseits  und  Hermuthrud  anderer- 
seits aber  stimmen  überein  gleichfalls  bezüglich  Punkt  1 
und  2,  denn  der  Name  Hermuthruda  „ist  schliefslich  nichts 
anderes  als  eine  Erweiterung  des  Namens  ßrydo:  Her- 
muthruda w^äre  altn.  Jormunßrudr ,  ags.  EormenßrycV  % 
aufserdem  haben  sie  gemein,  dafs  beide,  prydo  im  Beo- 


»)  A.  a.  0.  S.  15. 

")  Die  historischen  Daten  über  Ofta  II.  und  Cynedryd  stellt  zu- 
sammen Gough,  o.  c.  S.  59 — 73. 
«)  Müllenhoflf,  a.  a.  0.  S.  82. 


58 


wulfsliede  und  Hermuthrud  bei  Saxo,  als  die  Stammutter 
der  englischen  Könige  erscheinen^). 

Die  Übertragung  der  alten  prydo-Sage  des  Beowulf 
auf  die  historische  Cynedryd,  wie  wir  sie  in  der  Vüa 
Offae  IL  vollzogen  finden,  erklärt  sich  einesteils  durch 
die  Verwechselung  Offas  I.  mit  Offa  IL,  andernteils  da- 
durch, dafs  auch  Cynedryd  in  der  Geschichte  und  ge- 
schichtlichen Legende  als  eigenwillig  und  herrschsüchtig 
erscheint;  die  Vita  Offae  IL  berichtet  in  ihrem  späteren, 
mehr  historischen  Teil,  Quendrida  habe  die  Verheiratung 
ihrer  Töchter  mit  ihren  einheimischen  königlichen  Freiern 
zu  hintertreiben  gesucht  und  sie  an  Ausländer  vermählen 
wollen,  sie  gibt  ihr  ferner  die  Schuld,  dafs  sie  König 
Äeäelberht  von  Ostanglien,  der  gekommen  war,  sich  mit 
Offas  Tochter  Aeäeläryä  zu  vermählen,  treulos  habe  ent- 
haupten Jessen ^).  „Die  spätere  Zeit,  bemerkt  Müllen- 
hoff  S.  76,  verquickte,  veranlafst  durch  die  zweifache 
Namensgleichheit  oder  doch  Ähnlichkeit  und  die  anderen 
Übereinstimmungen,  die  Vorstellung  von  dem  mercischen 
Offa  derartig  mit  der  von  dem  alten  Offa,  dafs  sich  die 
alten  Sagen  schliefslich  mehr  und  mehr  auf  die  histori- 
schen Personen  des  achten  Jahrhunderts  übertrugen."^) 

Olrik  freilich,  S.  178,  verhält  sich  gegen  die  Identi- 
fizierung prydos  mit  Hermuthrud  ablehnend.   Er  wendet  ein : 


1)  S.  Suchier,  a.  a.  0.  S.  510. 

2)  S.  Gough  S.  62,  64.  Nach  Florence  von  Worcester  und  Richard 
von  Cirencester  hätte  sie  wenigstens  Offa  zu  dem  Morde  überredet. 

^)  In  seltsamer  Weise  hat  Müllenhoff  den  lateinischen  Text  der 
Vita  mifsverstanden,  wenn  er  S.  78  aus  ihr  herausliest,  Cynedryd  habe 
sich  aus  Angst  vor  dem  Zorne  ihres  Gemahls  (wegen  Aedelberhts  Er- 
mordung) und  um  einer  schimpflichen  Strafe,  nämlich  der  Ertränkung 
im  Moore,  zu  entgehen,  in  einen  Brunnen  gestürzt.  Vielmehr  berichtet 
die  Vita,  Cynedryd  sei  von  ihrem  Gemahl  in  eine  Einsiedelei  verbannt 
worden,  hier  nach  einigen  Jahren  von  Räubern  überfallen,  ihrer  Schätze 
beraubt  und  in  einen  Brunnen  srestürzt  worden.    S.  Vita  S.  9. 


—     59     — 

1.  Die  Form  des  Namens  weise  hin  auf  Entlehnung 
nicht  aus  dem  Englischen,  sondern  aus  dem  Deutschen; 
das  Vorkommen  dieses  deutschen  Namens  in  einer  Dich- 
tung des  12.  Jahrhunderts  sei  nicht  auffälliger  als  das 
Vorkommen  des  gleichen  oder  eines  ähnlichen  Namens  in 
nordischen  Folkevisern. 

2.  prydos  Grausamkeit  werde  nur  im  Beowulfsliede 
um  700  geschildert.  In  der  mit  Saxo  gleichzeitigen  Vita 
Offne  pnmi  sei  davon  keine  Rede,  vielmehr  erscheine  Olfas 
Gattin  hier  als  die  „groJsmütig  und  unschuldig  leidende 
Heldin  des  Mittelalters",  und  der  jüngeren  Sage  von  der 
grausamen  Königin  Cynedryd  sei  gleichfalls  die  „freier- 
feindliche Jungfrau"  völlig  fremd,  sie  kenne  nur  die  „grau- 
same Gattin". 

Immerhin  bezeichnet  Olrik  es  als  nicht  ausgeschlossen 
dafs  Suchiers  Ansicht  doch  zutreiFend  sei:  „Besonders  wenn 
wir  einmal  ein  Zeugnis  finden,  dafs  Thrydos  Freierfeind- 
lichkeit noch  im  späteren  Mittelalter  bekannt  war,  wird 
diese  Sage  mit  ebenso  gutem  Rechte  wie  manche  andere 
den  Ansprucli  erheben  dürfen,  das  Vorbild  für  einen  Zug 
in  der  Ermutrud-Novelle  abgegeben  zu  haben." 

Nun  sind  aber  Olriks  Bedenken  gegen  die  in  Rede 
stehende  Identifikation  durchaus  ungerechtfertigt.  Wenn 
Hermuthrud  die  deutsche  Form  des  Namens  ist,  so  wäre 
es  doch  möglich,  dafs  die  Erzählung  Saxo  durch  eine 
deutsche  Zwischenstufe  zugegangen  wäre  und  dafs  diese 
die  englische  Namensform  durch  die  entsprechende  deutsche 
ersetzt  hätte.  Was  dann  Punkt  2  betriff't,  so  beweist  der 
Umstand,  dafs  die  Vita  Offae  I.  nichts  entsprechendes  be- 
richtet, natürlich  nichts  gegen  die  Identität  prydos  mit 
Hermuthrud  und  gegen  das  Fortleben  der  prydo-Sage  im 
späteren  Mittelalter,  da  die  Sage  eben  von  Offa  I.  auf 
Ofia  IL  übertragen  wurde;  in  der  Vita  Off*as  I.  wird  ja 
Cynedryd  überhaupt   nicht  erwähnt.     Olriks  Behauptung 


—     60     — 

aber,  auch  die  Vita  Otfas  IL  kenne  die  „freierfeindliche 
Jungfrau"  nicht,  beruht  auf  einem  Versehen;  denn,  wie 
sich  aus  den  obigen  Ausfülirungen  ergibt,  kennt  die  Vita 
das  fragliche  Motiv  ganz  unzweifelhaft:  wir  hören  ja  doch 
ausdrücklich,  „sie  sei  von  Niedriggeborenen  um  ihre  Hand 
ersucht  worden  und  habe,  um  keine  Mesalliance  einzu- 
gehen, dieselben  verschmäht".  Wenn  es  dann  weiter  heilst, 
sie  sei  „wegen  eines  schmachvollen  Verbrechens"  auf  Ver- 
anlassung ihrer  Bewerber  ausgesetzt  worden,  so  kann  mit 
jener  Untat  doch  kaum  etwas  anderes  gemeint  sein  als 
die  Tötung  eines  oder  mehrerer  der  Freier.  Somit  ist 
das  von  Olrik  geforderte  Zeugnis,  „dafs  prydos  Freier- 
feindlichkeit noch  im  späteren  Mittelalter  bekannt  war" 
in  der  Tat  vorhanden,  und  es  steht  auch  von  dieser  Seite 
der  Identifikation  prydos  und  Hermuthruds  nichts  im  Wege. 
Demnach  weist  uns  auch  dieses  dritte  Motiv  der  Her- 
muthrudnovelle  nach  England.  Aus  der  Übereinstimmung 
des  Beowulfsliedes  mit  Saxo  zu  schliefsen  —  wie  Suchier  tut 

—  dafs  wir  es  „mit  einer  uralt  germanischen  Sage  zu  tun 
haben,  welche  den  Angeln  schon  vor  der  Eroberung  Bri- 
tanniens bekannt  war",  d.  h.  aus  ihr  zu  folgern,  dafs  das 
Beowulfslied.  und  Saxo  unabhängig  von  einander  aus 
dem  gleichen  Quell  der  urgermanischen  Sage  geschöpft 
haben,  besteht  offenbar  gar  kein  Grund.  Nachdem  wir 
vielmehr  schon  zwei  andere  Motive  der  gleichen  Novelle 
in  eng  verwandten  Fassungen  in  Westeuropa  oder  in  Bri- 
tannien gefunden  haben,  liegt  es  offenbar  viel  näher,  auch 
dieses  dritte  Motiv  direkt  auf  die  im  Beowulfsliede  über- 
lieferte englische  Sage  zurückzuführen.  So  tut  denn  auch 
Müllenhoif,  der  a.  a.  0.  S.  83  es  als  ausgemacht  betrachtet, 
„dafs  Hermuthrada  kein  Gebilde  der  dänischen  Sage,  son- 
dern aus  der  angelsächsischen  Sage  entlehnt  und  erst 
nachträglich  in  die  jütische  Amlethsage  aufgenommen  ist". 

—  wo   nur   gegen   die   Bezeichnung   der  Amlethsage   als 


—     61     — 

einer  jütischen  Einspruch  erhoben  werden  miifs,  insofern, 
wie  wir  sehen  werden,  vermutlich  nicht  nur  die  Hermu- 
tlirudsage,  sondern  die  ganze  Hamletlisage  aus  England 
entlehnt  ist. 

Für  die  prydo-Sage  selbst  wird  mythologische  Her- 
kunft angenommen.  Kemble  und  Grimm  identifizieren  die 
Heldin  mit  der  nordischen  prudr,  die  in  der  Edda  (im 
Grlmnis-mdl  36)  als  eine  der  dreizehn  Walkyrien  genannt 
wird.  Den  Namen  leitet  man  gemeiniglich  ab  von  ags. 
^ry(t  „Kraft,  Stärke"  ^),  während  Grimm  ihn  mit  ahd.  trüt 
„traut"  gleichsetzte.  Suchier,  und  ebenso  Ten  Brink  und 
Müllenhoff  halten,  wie  schon  bemerkt,  die  prydo -Episode 
für  eine  jüngere  Interpolation.  Suchier  vennutet,  es  trete 
in  der,  nach  ihm  jüngeren  Version,  wonach  prydo  ihre 
Wildheit  auch  in  der  Ehe  nicht  ablegte,  schon  Einwirkung 
der  historischen  Cynedryd  hervor;  während  also  einerseits 
die  prydo-Sage  später  an  den  Namen  Cynedryds  geknüpft 
wurde,  habe  andererseits  die  letztere  die  prydo-Sage  be- 
einflufst.  Ten  Brink  a.  a.  0.  S.  230  lehnt  aus  chronologischen 
Gründen  diese  Annahme  ab  (Cynedryd  starb  vermutlich 
nach  796,  die  letzte  Eedaktion  des  Beowulf  aber  ist  nach 
ihm  kaum  später  als  787  entstanden),  er  verweist  in  gleichem 
Sinne  auf  die  historische  Osjmß,  die  Gemahlin  Aedelreds, 
die  697  von  dem  Adel  der  Südhumbrier  erschlagen  wurde; 
er  meint,  dieses  grauenvolle  Verbrechen  setze  auf  Seiten 
der  Königin  eine  entsprechende  Schuld  voraus,  und  die 
Vermutung  liege  am  nächsten,  dal's  sie  sich  durch  Härte 
und  Grausamkeit  verhafst  gemacht  habe:  „da  nun  die 
Königin  Östryd  oder  genauer  Öspryd  hiefs,  so  mochte  von 
ihr  wie  von  einer  zweiten  prydo  unter  den  Merciern  ge- 
redet werden." 

Gough  S.  77if.  bevorzugt  die  Vermutung  Suchiers;  er 


»)  So  auch  Müllenhoff  S.  74. 


—     62     — 

meint,  wenn  auch  eine  vollständige  Neubearbeitung  des 
Gedichtes  nach  787  nicht  wahrscheinlich  sei,  so  könne 
doch  ein  so  kurzer  Abschnitt,  wie  der  vorliegende,  recht 
wohl  auch  später  noch  interpoliert  worden  sein.  Für  wahr- 
scheinlicher aber  hält  er  es  noch,  dafs  die  Stelle  bei  Cyne- 
dryds  Lebzeiten  interpoliert  wurde;  der  Interpolator  scheine 
der  Sprecher  der  unzufriedenen  Mercier  gewesen  zu  sein: 
„Such  hold  critidsm  of  the  royal  consort,  espedally  if  she 
was  a  foreigner,  is  not  to  hc  wondered  at,  considerijig  the 
independent  temper  of  the  old  English  free-men." 

Ich  will  dies  dahingestellt  sein  lassen,  möchte  mir 
aber  doch  erlauben,  eine  Frage  aufzuwerfen:  Könnte  nicht 
die  Walküre  prudr  umgekehrt  einfach  ein  Reflex  einer 
der  beiden  historischen  pryds,  der  Ospryd  oder  Cynedryd, 
oder  beider,  die  mit  einander  vermengt  wurden,  sein? 
Wäre  diese  Annahme  nicht  natürlicher  als  die  bisher 
gültige,  wonach  eine  uralte  Sage  von  einer  grausamen 
Walküre  prydo  existiert^  dann,  im  7.  oder  8.  Jahrhundert 
eine  grausame  prydo  wirklich  gelebt  hätte,  und  nun 
einerseits  die  alte  prydo-Sage  auf  die  historische  pryd 
des  8.  Jahrhunderts,  auf  Cynedryd,  andererseits  von  der 
letzteren  oder  der  Ospryd  des  7.  Jahrhunderts,  ein  Zug 
auf  die  mythologische  prydo  übertragen  worden  wäre? 
Tatsächlich  fehlt  doch  jedes  Zeugnis  für  das  Vorhandensein 
einer  prydo-Sage  vor  Lebzeiten  der  historischen  Cynedryd. 
Eine  alte  Sage  von  einer  grausamen,  freierfeindlichen 
Jungfrau  könnte  sich  an  dem  Namen  einer  historischen 
pryd,  zu  deren  notorischen  Charakter  sie  pafste,  Ospryd 
oder  Cynedryd,  geheftet  haben,  und  diese  könnte  dann 
später  zur  Walküre  erhoben  worden  sein.  So  weit  ich 
sehe,  steht  eine  solche  Annahme  mit  keiner  bekannten 
Tatsache  im  Widerspruch. 

Ich  gehe  nun  über  zu  einem  vierten  eigenartigen 
Motiv    der    Hermuthrudnovelle,   jener    Kriegslist,    die 


—     03     — 

Amleth  gegen  seinen  Schwiegervater,  den  König  von 
Britannien,  am  zweiten  Schlachttage  anwendet:  er  richtet 
die  Leichen  der  Gefallenen  auf,  stellt  sie  reihen  weis  wie 
Lebende  in  Schlachtordnung  zusammen  und  schreckt  so 
die  Feinde  vom  Angriff  ab.  Das  Motiv  begegnet  bei  Saxo 
ein  zweites  Mal,  im  IV.  Buche,  wo  es  nach  Olriks  Ansicht 
jünger  ist.  Nachdem  hier  erzählt  ist,  wie  Fridlev  Dublin 
einnahm,  indem  er  Schwalben  brennende  Schwämme  an- 
binden liefs  und  so  die  Stadt  in  Brand  steckte,  heifst  es, 
er  habe  später  in  Britannien  in  einem  Kriege  seine 
Mannen  verloren,  und  da  ihm  der  Rückzug  zum  Strande 
sehr  schwer  erschien,  habe  er  die  Leichen  der  Erschlagenen 
emporgerichtet  und  sie  in  Schlachtreihe  aufgestellt: 
„dadurch  erweckte  er  den  Anschein,  als  ob  er  noch  ebenso 
stark  wäre,  und  man  mufste  glauben,  er  habe  trotz  des 
schweren  Schlages  keinen  Verlust  erlitten.  So  benahm 
er  dem  Feinde  nicht  nur  die  Zuversicht,  sich  in  eine 
Schlacht  einzulassen,  sondern  veranlafste  ihn  auch,  die 
Flucht  zu  ergreifen"^). 

Auch  dieses  Motiv  stammt  nach  Olriks  Dafürhalten 
von  den  britischen  Inseln.  Es  findet  sich  sonst  in  der 
nordischen  Literatur  nicht,  wohl  aber  begegnet  es  noch 
vor  Saxo  im  anglonormannischen  Ilavelok,  und  zwar  in 
einer  Form,  die  der  Erzählung  Saxos  sehr  ähnelt:  „Der 
dänische  Königssohn  Havelok,  der  kürzlich  sein  väterliches 
Reich  dem  Mörder  seines  Vaters  entrissen  hat,  zieht  mit 
seiner  Gattin,  der  englischen  Königstochter  Argentille, 
nach  England,  um  deren  Reich  ihrem  Oheim,  König  Alsi, 
wegzunehmen.  Das  erste  Mal  erleiden  die  Dänen  eine 
schwere  Niederlage,  aber  Argentille  rät  Havelok,  die 
Toten  am  nächsten  Schlachttage  aufzustellen  und  ihnen 
Waffen    in    die   Hände  zu   geben;    erschreckt    durch  die 


^)  Jantzen  S.  1911. 


—     64     — 

grofse  Streitmaclit  zieht  sich  König  Alsi  zurück."  Diese 
Sage  findet  sich  zuerst  in  Geoffroi  Gaimars  Estone  des 
Eiigleis,  entstanden  1147 — 51;  sie  umfafst  hier  ca.  800 
Verse,  denen  eine  ältere  französische  Vorlage  zu  Grunde 
liegt  ^);  sie  findet  sich  dann  später  in  dem  anglo- franzö- 
sischen Lai  von  Havelok,  den  G.  Paris,  Litt,  fr.-  S.  248, 
um  1170  ansetzt.  Olrik  rechnet  sie  zu  den  Sagen,  „die 
sich  in  der  Zeit  nach  der  normannischen  Eroberung  unter 
den  Angelsachsen  bildeten,  wo  vertriebene  Königssöhne 
Heldentaten  vollbringen,  sich  Frauen  in  fremden  Landen 
suchen  und  schliefslich  heimkehren,  ihres  Vaters  Tod 
rächen  und  sein  Eeich  zurückerobern."  Er  vermutet  ein 
normannisches  Gedicht  aus  dem  Anfange  des  12.  Jahr- 
hunderts als  gemeinsame  Quelle  der  Chronik  und  des 
Lais,  jedenfalls  sei  der  Ursprung  der  Sage  bei  der  eng- 
lischen Bevölkerung  von  Lincolnshire  zu  suchen^). 

Wir  werden  später  sehen,  dafs  diese  Ansichten  über 
den  Ursprung  der  Haveloksage  der  Modifikation  bedürfen. 
Hier  handelt  es  sich  vorläufig  nur  um  die  Herkunft  jenes 
Motives  von  den  „wiederaufgerichteten  Erschlagenen,  die 
den  Sieg  entscheiden."  Olrik  folgert  aus  seinem  Vor- 
kommen in  der  Havelokdichtung,  dafs  es  aus  England 
stamme.  Aber  die  Herkunft  des  Motives  läfst  sich 
noch  viel  genauer  bestimmen:  es  ist  nämlich  geschicht- 
lichen Ursprungs,  und  zwar  liegt  ihm,  worauf  meines 
Wissens  zuerst  Israel  Gollancz,  Hamlet  in  Iceland,  London 
1898,   Introd.  S.  L.  aufmerksam  gemacht,    ein  historischer 

1)  Vgl.  Gröber  im  Grundrifs  II,  1,  473. 

^)  Anders  Suchier  in  S.  u,  Birch-Hirschfeld,  Geschichte  d.  franx. 
Litt.,  Leipzig  und  Wien  1900,  S.  119,  wo  er  annimmt,  der  Verfasser 
des  Lai  habe  direkt  aus  Gaimars  Chronik  geschöpft,  und  die  Sage 
sei  ausgebildet  worden  bei  den  Bretonen,  die  zahlreich  in  Yorkshii-e 
und  Lincolnshire  angesiedelt  waren.  Zu  Grunde  liege  ihr  die  Er- 
zählung von  den  Schicksalen  des  norwegischen  Königs  Olaf  Tr3"gg- 
vason  (995—1000). 


—     65     — 

Vorgang  zu  Grunde,  der  sieh  abgespielt  hat  kurz  nach 
der,  am  Karfreitag  1014  geschlagenen,  berühmten  Schlacht 
von  Clontarf  bei  Dublin,  welche  die  Herrschaft  der 
Wikinger  in  L'land  so  schwer  erschütterte^).  Wir  besitzen 
über  diese  Schlacht  und  die  ihr  unmittelbar  folgenden 
Ereignisse  einen  sehr  ausführlichen,  34  Kapitel  umfassen- 
den Bericht  in  der  irischen  Chronik  Cogadh  Gaedhel  Be 
Gallaibh  (The  War  of  the  Gaedhil  tvith  the  Gaill)'^),  cap. 
LXXXVIII— CXXI»).  Die  Chronik  ist  verfafst  von  einem 
Zeitgenossen  und  Parteigänger  des  in  der  genannten 
Schlacht  gefallenen  irischen  Königs  Brian*).  Der  Ver- 
fasser war  entweder  selbst  Augenzeuge  der  Schlacht 
oder  er  ist  durch  Augenzeugen  über  sie  unterrichtet 
worden*). 

Der*  Chronist  berichtet,  nach  der  siegreichen  Schlacht 
habe  das  irische  Heer  zunächst  zwei  Tage  auf  der  Ebene 
bei  Dublin  gerastet,  am  Ostermontag  habe  man  dann  die 


^)  Die  sehr  alten  Annalen  von  Boyle  berechnen  die  Zahl  der 
gefallenen  Dänen  auf  4000,  vgl.  Annais  of  Ireland  by  the  Four  Masters 
ed.  O'Donovan  ad  a.  1013  (=  1014),  I,  777  n.  a. 

*)  D.  i.  „Die  Kriege  der  Iren  mit  den  Normannen'*. 

»)  Ed.  J.  H.  Todd,  London  1867  (Rer.  hrit.  med.  aev.  Script.). 

*)  Brian  stand  im  73.  Lebensjahre.  Die  Annals  of  Ireland  by 
the  Four  Masters  ad  a.  1013  nennen  ihn  „den  Augustus  von  West- 
europa", die  Ulster  -  Annalen ,  ib.  S.  780  „den  Cäsar  von  Nordwest- 
europa". 

^)  Vgl.  Todd,  Introd.  S.  XXV.  Die  Zuverlässigkeit  der  Darstellung 
ist  sogar  auf  astronomischem  Wege  festgestellt  worden.  Der  Chronist 
bemerkt  nämlich  Kap.  CVII,  die  Zeit  der  Flut  sei  am  Tage  der  Schlacht, 
dem  23.  April  1014,  früh  mit  Sonnenaufgang  zusammengefallen,  und 
die  Rückkehr  der  Flut  am  Abend  habe  die  Niederlage  der  Dänen 
unterstützt,  indem  sie  es  ihnen  unmöglich  machte,  ihre  Schiffe  zu  er- 
reichen. Auf  Veranlassung  Todds  hat  nun  Prof.  Samuel  Haughton 
berechnet,  dafs  am  genannten  Tage  in  der  Bai  von  Dublin  die  Flut 
in  der  Tat  morgens  5^  (Sonnenaufgang  im  April  zwischen  5*®  und 
4^'^),  abends  aber  5**  eingetreten  ist. 

Zenker,  Boeve-Amlethus.  5 


—     66     — 

Toten  beerdigt  und  die  Verwundeten  auf  Bahren  geladen. 
Am  Abend  dieses  Tages  sei  bei  Rath  Maisten  (jetzt  Mullagh- 
Mast  bei  Atliy)  Streit  ausgebrochen  zwischen  den  auf  dem 
Heimmarsche  begriffenen  irischen  Stämmen  derer  von  Des- 
mond  unter  Cian  und  den  Dal-Cais  (spr.  Dal-Cash)  unter 
Donnchadh,  dem  Sohne  des  gefallenen  Königs  Brian.  Dem 
Stamme  der  Dal-Cais,  Nachkommen  eines  Königs  von 
Munster  im  3.  Jahrhundert,  Untertanen  des  Königs  von 
Cashel,  gehört  der  Chronist  selbst  an;  sie  überragten  nach 
seiner  Darstellung  alle  übrigen  Stämme,  „wie  ein  leuchten- 
der Wartturm  scheint  über  allen  Lichtern  der  Erde;  wie 
ein  klarer  Quell  oder  ein  sprühendes  Feuer  den  Glanz  der 
funkelndsten  Brillanten  übertrifft,  wie  die  helle  Sonne  die 
schönsten  Sterne  des  Firmaments  überstrahlt"  ^).  Er  nennt 
sie  ,,the  fine,  intelligent,  acute,  fierce,  valoroiis,^  migthy, 
royal,  gifted,  renowned  Champions  of  the  Dal  Cais^'^).  In 
der  Tat  nahmen  sie  eine  bevorzugte  Stellung  ein:  sie  waren 
von  allen  Abgaben  befreit  und  hatten  das  Privilegium, 
beim  Auszuge  zum  Kampfe  die  Vorhut,  beim  Rückzuge  die 
Nachhut  des  Heeres  zu  bilden.  Sie  befanden  sich  denn  auch 
bei  Clontarf  im  Vordertreffen,  nach  „einigen  Historikern^) 
von  Munster"  zusammen  mit  den  Truppen  von  Desmond*). 
Der  Anlafs  des  Streites  der  beiden  Stämme  war  dieser: 
Nach  altem  Herkommen  sollte  die  Oberherrschaft  über 
Munster  zwischen  den  Leuten  von  Desmond  und  den  Dal- 
Cais  wechseln.  Der  Brauch  wurde  aber  nur  sehr  unregel- 
mäfsig  inne  gehalten  und  hatte  beständig  Reibereien  zur 

1)  Kap.  XLI,  S.  55;  Introd.  S.  C\^IL 

2)  Kap.  CII,  S.  179. 

^)  Nicht  Historiker  in  unserem  Sinne;  gemeint  sind  militärische 
Persönlichkeiten,  die,  im  Dienst  vornehmer  Familien  stehend  („an  ofßeer 
attached  to  great  fa7nilies^^),  im  Stamme  umher  wanderten  und  von  den 
Taten  der  Häuptlinge  erzählten,  bisweilen  sie  auch  niederschrieben, 
s.  Todd,  Introd.  S.  CX,  n.  5. 

*)  Kap.  XCVl.    Die  Genealogie  der  Dal-Cais  stellt  Todd  S.  247  auf. 


—    67     — 

Folge.  Nach  dem  Tode  König  Brians,  des  damaligen  Ober- 
herni,  eines  Dal-Cais,  machten  die  Leute  von  Desmond, 
im  Vertrauen  auf  die  schweren  Verluste,  welche  die  Dal- 
Cais  in  der  Schlacht  erlitten,  energisch  ihr  Recht  geltend. 
Sie  verlangten  die  Anerkennung  ihrer  Oberhoheit  über 
Munster  und  forderten  von  den  Dal-Cais  Geiseln.  Letztere 
aber  wollten  die  Ansprüche  ihrer  Rivalen  nicht  anerkennen 
und  erklärten,  ihr  Anrecht  auf  Munster  mit  den  Waffen 
verteidigen  zu  wollen. 

Die  Chronik  berichtet  nun  folgendes^):  Kap.  CXX. 
„Die  Leute  von  Desmond  erhoben  sich,  griffen  zu  den 
Waffen,  um  den  Dal-Cais  eine  Schlacht  zu  liefern,  und 
rückten  gegen  sie  vor.  Da  sprach  der  Sohn  Brians  [Donn- 
chadh]:  „Bringt  die  Verwundeten  und  Kranken  alle  nacli 
Rath  Maisten  und  lafst  ein  Drittel  der  Männer  bei  ihnen 
als  AVache;  wir  andern  wollen  diesen  Leuten  die  Stirn 
bieten."  Und  so  geschah  es.  Als  aber  die  Verwundeten 
und  Kranken  den  Befehl  vernahmen,  erhoben  sie  sich  und 
verstopften  ihre  Wunden  mit  Moos,  ergriffen  dann  ihre 
Schwerter  und  andere  Waffen  und  verlangten,  dafs  der 
Kampf  sofort  beginnen  sollte.  Als  aber  die  Leute  von 
Desmond  sahen,  welche  Kampflust  sowohl  die  Nicht- Ver- 
wundeten als  die  Verwundeten  zeigten,  da  zögerten  sie, 
zum  Angriff  zu  schreiten." 

Es  folgt  nun  ein  Streit  zwischen  zwei  Führern  der 
Leute  von  Desmond,  deren  einer  sich  weigert,  mit  den 
Seinigen  am  Kampfe  teilzunehmen. 

„So  ruhte  die  Fehde  zwischen  ihnen  (denen  von  Des- 
mond und  den  Dal-Cais)  und  sie  schlugen  sich  nicht,  bis 
sie  in  ihre  Heimat  gelangten." 

Kap.  CXXI.  „Wir  kehren  zu  den  Dal-Cais  zurück; 
ihre  Verwundeten  und  Kranken  wurden  wieder  verbunden, 


Todd,  S.  213;  vgl.  dazu  Introd.  S.  CXCII. 


—     68     — 

aber  Zittern  und  Schwäche  überkam  sie,  als  ihre  Erregung^ 
schwand  und  die  Schlacht  nicht  geschlagen  wurde.  Sie 
nahmen  ihre  Verwundeten  mit  sich  nach  Ath-I  (jetzt  Athy) 
am  Berbha  (Barrow),  dort  wurden  die  Kranken  niedergelegt, 
und  sie  tranken  vom  Wasser  des  Flusses  und  ihre  Wunden 
wurden  gereinigt.  Zu  dieser  Zeit  standen  Donnchadh  Mac 
Gillapatraic,  König  von  Osraighe  (j.  Ossorj^)  und  die  Laighsi 
(j.  Leix),  der  Dal-Cais  harrend,  zu  Magh  Chloinne  Ceallaigh 
in  Kampfbereitschaft,  und  sie  hatten  Kundschafter  ausge- 
sandt, die  sie  unterrichten  sollten  über  den  Weg,  den  jene 
nahmen,  damit  sie  ihnen  eine  Schlacht  liefern  könnten, 
denn  sie  waren  unter  sich  verfeindet,  da  sein  [des  Königs 
von  Ossory]  Vater  von  Brian  in  Fesseln  gelegt  und  ein 
Jahr  lang  in  Gefangenschaft  gehalten  worden  war.  Nun 
kamen  also  Brians  Sohn  und  die  Dal-Cais  in  fest  ge- 
schlossener Schlachtordnung  nach  Ath-I  an  den  Berbha, 
wie  oben  bemerkt  wurde.  Als  die  von  Osraighe  das  sahen, 
sandten  sie  Boten  aus,  um  von  Brians  Sohn  Geiseln  zu 
fordern,  oder,  falls  ihrer  Forderung  nicht  entsprochen 
würde,  ihn  zum  Kampfe  herauszufordern.  Die  Boten  kamen 
zu  Brians  Sohne,  und,  nach  ihrer  Botschaft  befragt,  be- 
richteten sie,  weswegen  sie  kämen.  Da  erklärte  der  Sohn 
Brians,  es  sei  kein  Wunder,  dafs  der  Sohn  Maelmuaidhs 
und  die  Deas-Mumhain  [d.  i.  die  Leute  von  Desmond] 
Geiseln  und  abwechselnde  Oberherrschaft  von  den  Dal- 
Cais  forderten,  denn  sie  seien  mit  den  Dal-Cais  blutsver- 
wandt; aber  sie  wunderten  sich,  dafs  Mac  Gillapatraic 
nach  einer  Herrschaft  strebe,  auf  die  er  kein  Anrecht 
habe.  Als  die  Verwundeten  dies  hörten,  da  wuchs 
ihre  Kraft  und  ihre  Wut  so  gewaltig,  dafs  jeder 
von  ihnen  fähig  war,  in  die  Schlacht  zu  ziehen. 
Und  sie  beauftragten  den  Sohn  Brians  und  die  Dal- 
Cais,  in  den  nächsten  Wald  zu  gehen  und  Pfähle 
zu  holen,  gegen  die  sie  sich,  in  der  Schlachtreihe 


—    69    — 

stehend,  anlehnen  könnten.  Als  Mac  Gillapatraic  und 
die  Osraighe  von  dem  grofsen  Mut  der  Dal-Cais  hörten, 
sowol  derer,  die  heil  und  gesund,  als  derer,  die  verwundet 
waren,  da  lehnten  sie  die  Schlacht  ab  und  wichen  den 
Dal-Cais  aus.  Und  als  die  Osraighe  auf  die  Schlacht  ver- 
zichteten, da  starben  150  von  den  Verwundeten,  indem 
ihre  Erregung  uachliefs,  als  es  nicht  zur  Schlacht  kam; 
sie  Avurden  dort  beerdigt,  ausgenommen  diejenigen  von  den 
Edlen,  die  in  ihre  Heimatsorte  geschafft  und  dort  ehren- 
voll in  den  Kirchen  in  ihren  Erbbegräbnissen  beigesetzt 
wurden;  und  so  kamen  sie  [sc.  die  Dal-Cais]  schliefslich 
nach  Cenn  Coradh. 

Das  ist  der  Krieg  der  Gaill  [Normannen]  gegen  die 
Gaedhil  [Iren]  und  so  viel  über  die  Schlacht  von  Cluain- 
Tarbh  [Clontarf]." 

Damit  schliefst  die  ganze  Chronik. 

Es  springt  nun  wohl  in  die  Augen,  dafs  die  hier  be- 
richteten beiden  historischen  Vorgänge,  besonders  aber 
der  letzte,  den  Ausgangspunkt  gebildet  haben  für  die 
Sage  von  den  wiederaufgerichteten  Toten  bei  Saxo  B.  IV 
(Amleth  und  Fridlev)  und  im  Havelok:  Schwerverwundete 
erheben  sich  und  stehen,  gegen  Pfähle  gelehnt,  in  der 
Schlachtreihe,  so  das  in  einem  unmittelbar  vorausgegangenen 
Treffen  zusammengeschmolzene  Häuflein  der  Krieger  ver- 
stärkend; der  Feind,  erschrocken  über  die  unerwartete 
Stärke  des  Gegners,  wagt  nicht,  zum  Angriff  zu  schreiten 
und  zieht  sich  zurück.  Nun  bricht  ein  grofser  Teil  der 
Verwundeten  infolge  der  Überanstrengung  und  der  ge- 
habten Aufregung  tot  zusammen'). 


*)  Die  stelle  lautet  vollständig  bei  Saxo  (Jantzen  S.  167):  „Der 
König  [von  Britannien]  zögerte  nicht,  den  eiligst  fliehenden  Amlethus 
zu  verfolgen,  und  beraubte  ihn  des  gröfsten  Teils  seiner  Truppen,  so  dafs 
Amlethus  am  folgenden  Tage,  als  er  zu  seiner  Rettung  einen  Vertei- 
digungskampfbeginnen wollte,  gänzlich  an  seiner  Fähigkeit  zum  Wider- 


—     70     — 

In  der  Sage  sind  also  nur  an  Stelle  der  Schwerver- 
wundeten Tote  getreten,  eine  Modifikation,  die  für  die 
dichtende  Phantasie  offenbar  sehr  nahe  lag,  da  ja,  wie 
wir  eben  hörten,  ein  grofser  Teil  der  Verwundeten  in  der 
Tat  unmittelbar  darauf  als  Leichen  zusammenbrach;  aufser- 
dem  ist  in  der  Sage  an  Stelle  der  um  einige  Tage  vor- 
ausgehenden Schlacht  gegen  andere  Feinde  (die  Dänen) 
eine  unmittelbar  vorausgehende,  am  Tage  vorher  ge- 
schlagene^) Schlacht  gegen  den  gleichen  Feind,  gegen 
den  die  Kriegslist  sich  richtet,  getreten.  Endlich  ist  die 
Geschichte  durch  die  Sage  von  den  Iren  auf  ihre  Gegner, 
die  Normannen,  übertragen  worden. 

Ein  Grund,  zu  bezweifeln,  dals  die  Erzählung  des  Co- 
gadh  Gaedhel  in  ihrem  Kern  historisch  ist,  liegt  m.  E.  in  An- 
betracht dessen,  was  oben  über  den  Verfasser  der  Chronik 


stände  verzweifelte.  Doch  um  wenigstens  scheinbar  die  Zahl  seiner 
Truppen  zu  vermehren,  stützte  er  die  Leichen  seiner  CTefährten 
zum  Teil  auf  untergelegte  Pfähle,  zum  Teil  lehnte  er  sie  an  Steine 
in  der  Nähe  an,  andere  wieder  setzte  er  wie  lebend  aufs  Pferd,  ohne 
ihnen  irgend  einen  Teil  ihrer  Rüstung  abzunehmen,  und  stellte  sie 
reihenweise  in  vollständiger,  keilförmiger  Schlachtordnung  auf,  gleich 
als  ob  sie  wirklich  kämpfen  würden.  Der  Flügel,  der  aus  den  Toten 
bestand,  war  nicht  weniger  stark  als  die  Schar  der  Lebenden.  Es  bot 
fürwahr  ein  schreckliches  Bild,  wie  die  Toten  zum  Kampf  herangezogen 
und  die  Verstorbenen  zum  Fechten  gezwungen  wurden.  Diese  List  war 
für  ihren  Erfinder  nicht  umsonst,  denn  gerade  die  Gestalten  der  Toten 
boten  den  Anblick  einer  gewaltigen  Schar,  als  die  Strahlen  der  Sonne 
über  sie  hinglitten.  Denn  jene  nichtigen  Scheinbilder  der  Gefallenen 
füllten  die  frühere  Zahl  der  Soldaten  so  gut  aus,  dafs  man  glauben 
mufste,  ihre  Menge  habe  durch  das  gestrige  Gemetzel  gar  keine  Ein- 
bufse  erlitten.  Durch  diese  Erscheinung  erschreckt,  ergriffen  die 
Britannier  noch  vor  der  Schlacht  die  Flucht,  besiegt  von  Toten, 
welche  sie,  als  sie  noch  lebten,  selbst  überwunden  hatten." 

^)  So  aber  ev.  nur  in  der  Hamletsage.  Bei  Fridlev  wird  aus  Saxos 
Darstellung  nicht  ersichtlich,  ob  es  sich  um  ein  unmittelbar  voraus- 
gegangenes, oder  um  ein  schon  einige  Zeit  zurückliegendes  TreflFen 
handelt. 


—     71     — 

und  seine  Beschreibung  der  Schlacht  bemerkt  wurde,  kaum 
vor.  Dafs  in  einem  Falle  dringender  Gefahr  Schwerver- 
wundete ihre  letzten  Kräfte  zusammenraffen  und  in  die 
Schlachtreilie  treten,  hat  an  sich  doch  nichts  Unwahr- 
scheinliches. Nur  der  Zug,  dafs  sie  sich  gegen  Pfähle 
lehnen,  gehört  wohl  bereits  der  Sage  an,  und  wenn  der 
Vorgang  mit  geringen  Abweichungen  zweimal  berichtet 
wird,  so  könnte  hier  bereits  epische  Verdoppelung  vor- 
liegen. Das  würde  aber  doch  in  keiner  Weise  dartun, 
dafs  der  Vorgang  als  solcher  sagenhaften  Ursprungs  ist 
und  sich  nicht  das  eine  oder  andere  Mal  —  bei  dem  Zu- 
sammenstofs  mit  den  Männern  von  Desmond  oder  mit 
denen  von  Osraighe  —  wirklich  zugetragen  hat.  Und 
aufserdem  ist  es  jedenfalls  nicht  direkt  ausgeschlossen, 
dafs  der  Vorgang  sich  wirklich  zweimal  abgespielt  hat. 

Somit  darf  als  feststehend  angenommen  werden,  dafs 
dem  Motiv  von  dem  „Wiederaufrichten  der  Erschlagenen" 
bei  Saxo  und  im  Havelok  jener  geschichtliche  Vorgang 
des  Jahres  1014  zu  Grunde  liegt,  der  sich  im  Anschlüsse 
an  die  Schlacht  von  Clontarf  bei  Dublin  abspielte.  Das 
Motiv  stammt  demnach  aus  Irland  und  zwar  in  letzter 
Linie  aus  der  historisch-epischen  Tradition  des  irischen 
Stammes  der  Dal-Cais  über  die  bekannte  Schlacht  von 
Clontarf  Zu  diesem  Ergebnis  stimmt  es,  dafs  die  Ge- 
schichte sich  bei  Saxo  aufserdem  an  den  Namen  Fridlevs, 
Königs  von  Dublin,  geknüpft  findet,  und  dafs  sie  in  der 
Dichtung  zuerst  begegnet  im  Lai  von  Havelok,  der  noch 
vor  1150  auf  Grund  älterer  Vorlage  entstand  —  insofern 
nämlich,  wie  später  ausführlicher  darzulegen  sein  wird, 
Havelok  identisch  ist  mit  dem  irischen  Wikingerkönig 
Anlaf  oder  Olaf  Cuaran,  der  wenige  Jahrzehnte  vor  der 
Schlacht  von  Clontarf,  981,  starb,  von  dessen  Enkeln  einer 
zu  den  Anführern  der  Dänen  in  dieser  Schlacht  gehörte^) 

')  S.  Todd,  Inirod.  S.  CLXXIV. 


—     72     — 

und  dessen  Sohn  Sitric  mit  seiner  Gattin,  einer  Tochter 
des  gegnerischen  Königs  Brian,  die  Schlacht  von  den  Wällen 
von  Dublin  aus  mit  ansah  ^). 

Demnach  setzt  sich  die  Hermuthrudnovelle  zusammen 
aus  Motiven  mittelalterlicher  Dichtung,  die  uns  alle  nach 
den  britischen  Inseln  oder  doch  nach  Westeuropa  —  Frank- 
reich oder  England  —  weisen:  Dem  Motiv  des  gestohlenen 
Briefes  und  der  plötzlichen  Liebe  der  Königstochter  liegt 
die  byzantinische  Constantiusnovelle  zu  Grunde,  in  der 
Form,  in  der  sie  in  dem  französischen  Dit  des  13.  Jahr- 
hunderts erscheint.  Hamlets  Doppelehe  begegnet  in  nächst- 
verwandter Fassung  in  einem  aus  bretonischer  Quelle  ge- 
schöpften Lai  der  in  England  dichtenden  Marie  de  France 
und  in  einem  schottischen  Märchen,  die  Gestalt  der  freier- 
feindlichen Hermuthrud  findet  sich  bereits  Ende  des  8.  Jahr- 
hunderts im  Beowulf,  und  die  Kriegslist  Hamlets  gegen 
den  König  von  Britannien  beruht  auf  einem  Ereignis  der 
irischen  Geschichte  im  Jahre  1014  und  wird  vor  Saxo 
schon  in  dem  wesentlich  älteren  anglonormannischen  Lai 

*)  S.  ib.  S.  CLXXXIIL  Heyman  in  seiner  erst  während  des  Druckes 
mir  zugegangenen  Dissertation  Studies  on  the  Havclok-tale,  Upsala  1903, 
bespricht  das  in  Rede  stehende  Motiv  S.  95 — 97,  ohne  jedoch  auf  seine 
Herkunft  einzugehen.  Da  er  GoUancz,  Hainiet  in  Iceland,  nicht  be- 
nutzen konnte,  so  ist  ihm  die  Erzählung  des  Cogadh  GaedJiel  unbekannt 
geblieben.  Er  bemerkt,  „das  gleiche  Motiv  in  etwas  veränderter  Fas- 
sung" begegne  auch  im  Ogier  le  Danois  (Ende  12.  Jahrb.),  ferner  im 
provenzalischen  Philomena  (13.  Jahrb.),  sowie  in  der  griechischen, 
römischen,  spanischen,  italienischen  Literatur,  ja  sogar  bei  den  Ur- 
einwohnern Centralamerikas ;  er  verweist  auf  Raimbert,  Ogier  U,  p.  339 
(Bartsch-Horning,  p.  147),  Nyrop,  Heltedigtning,  p.  158,  406,  173  n.  2, 
Liebrecht,  Volkskunde,  p.  76  ff.,  Wolf-Hofmann,  Prim.  y  Flor  de  Rom., 
11,  p.  43  sqq.  No.  133.  Indessen  handelt  es  sich  hier  vielmehr  um  das 
ganz  verschiedene  Motiv,  dass  Angegriffene  aus  Holz,  Haaren  u.  dgl. 
Puppen  herstellen,  die  von  den  Angreifern  für  lebende  Gegner 
gehalten  werden.  Es  scheint  mir  durchaus  nicht  erforderlich,  zwischen 
diesem  Motiv  und  dem  im  Havelok  und  bei  Saxo  begegnenden  irgend 
einen  Zusammenhanof  anzunehmen. 


—     73    — 

von  Havelok  erzählt.  Andererseits  finden  sich  in  der 
Hemmt hrudnovelle,  wie  Olrik  hervorhebt,  soweit  sie  in 
Eno:U\nd  nnd  Schottland  spielt,  spezifisch  dänische  Züge 
nicht.  Erst  mit  Hamlets  Rückkehr  nach  Dänemark  treten 
solche  auf  (Jarl  Fjaller,  jütische  Lokalsage  von  Hamlets 
Grab),  diese  aber  sind  unwesentlich  und  können  nachträg- 
lich eingeführt  sein  oder  auf  einer  Lokalisierung  der  Sage 
in  Dänemark  beruhen. 

Indes  nicht  nur  die  Hermuthrudnovelle,  auch  die 
Hamletsage  als  Ganzes  erweist  sich,  wie  Olrik  S.  312 
hervorhebt,  als  naliverwandt  mit  der  zeitgenössischen 
Romandichtung  in  England;  hier  wie  dort  begegnen  wir 
dem  „abenteuernden  Freier"  und  dem  veracliteten  Königs- 
sohne, der  den  Vater  rächt  und  sein  Reich  zurückgewinnt. 
Am  nächsten  steht  Hamlet  nach  Olrik  der  oben  erwähnte 
Havelok:  „er  ist  gleichfalls  ein  dänischer  Königssohn,  der 
sich  nach  seines  Vaters  Tod  mit  Not  nach  England  rettet, 
eine  Reihe  Abenteuer  erlebt,  eine  Königstochter  zur  Frau 
gewinnt,  heimkehrt  und  das  Reich  zurückerobert,  dann 
wieder  nach  England  kommt  und  sich  das  Reich  seiner 
Gattin  sichert.  Seine  verspottete  Stellung  als  Küchenjunge 
erinnert  uns  an  Hamlets  Aschenbrödeltum.  Die  wunder- 
liche Mischung  von  Heldentum  und  Glück,  die  ihn  vor- 
wärts bringt,  ist  gleichfalls  ein  eigentümlicher  gemeinsamer 
Zug ....  Die  nächsten  literarischen  Verwandten  der 
Haraletsage  finden  sich  nicht  in  der  jütischen  Heide, 
sondern  jenseits  des  Westmeeres,  und  sollten  wir  ihre 
Heimat  allein  nach  dem  Kunststil  bestimmen,  so  würden 
wir  sie  zu  den  anglodänischen  Sagen  Nordenglands  im 
12.  Jahrhundert  rechnen." 

Es  wird  später  darzulegen  sein,  dafs  die  Hamletsage 
aller  Wahrscheinlichkeit  nach  nicht  nur,  wie  Olrik  meint, 
mit  der  Hamletsage  nahe  verwandt,  sondern  ursprünglich 
direkt  mit  ihr  identisch  ist. 


—     74     — 

Es  sprechen  aber  noch  andere  Gründe  für  englischen 
Ursprung  der  ganzen  Hamletsage.  Wenn,  wie  Olrik  an- 
nimmt, die  Geschichte  von  dem  Uriasbrief  nicht  nur  im 
zweiten,  sondern  auch  im  ersten  Teil  der  Sage  aus  der 
Constantiusdichtung  geflossen  ist^)  —  und  diese  Annahme 
hat  alle  Wahrscheinlichkeit  für  sich  — ,  dann  mufs,  da 
Saxo  französische  Quellen  direkt  nicht  benutzt  hat,  das 
Motiv  ihm  offenbar  auf  dem  Umwege  über  das  französisch 
sprechende  England  zugeflossen  sein,  und  auch  der  erste 
Teil  der  Hamletsage,  in  dem  das  Motiv  eine  wesentliche 
Rolle  spielt,  mufs  daher  stammen. 

Eben  zu  letzterem  Schlüsse  nötigt  weiterhin  die  Tat- 
sache, dafs  die  Grundzüge  beider  Teile  der  Sage  — 
Vaterrache  und  Doppelehe  —  auch  in  dem  in  England 
entstandenen  Boeve  v.  Hamtone  vereinigt  angetrofien  w^erden, 
insofern  danach  die  beiden  Teile  schon  in  der  dem  BvH 
und  Saxo  gemeinsamen  Quelle  verbunden  \varen  und  somit 
der  erste  Teil  der  Sage  Saxo  eben  daher  zugeführt  worden 
sein  mufs,  woher  der  zweite,  die  Hermuthrudnovelle ,  stammt, 
d.  i.  aus  England. 

Nun  erzählt  Saxo  einmal  von  einem  Engländer 
Lukas,  der  die  Dänen  durch  seine  Vorträge  zum  Kampfe 
angefeuert  habe:  „Lukas,  ein  Schreiber  des  Christoforus, 
von  britischer  Herkunft,  der  in  Buchgelehrsamkeit  nur 
mäfsig  unterrichtet,  aber  ein  vorzüglicher  Geschichten- 
kenner war-).-'    Lukas  folgte  dem  jungen  Prinzen  Christoph, 

^)  Einen  Zusammenhang  zwischen  dem  Briefmotive  im  ersten 
und  im  zweiten  Teil  der  Hamletsage  nimmt  auch  an  Detter,  Zs.  f. 
deutsch.  Altert.  36  (N.  F.  24),  4,  Er  meint  aber,  das  Motiv  sei  im 
zweiten  Teil  aus  dem  ersten  entlehnt.  Dafs  dies  ausgeschlossen  ist, 
ergibt  sich  aus  den  früheren  Ermittelungen  über  die  Herkunft  des 
Motives:  es  erscheint  danach  im  zweiten  Teil  (Königstochter  nimmt 
dem  schlafenden  Überbringer  den  Brief  ab)  in  ursprünglicherer  Fas- 
sung als  im  ersten. 

2)  Ed.  Holder,  Strafsburg  1886,  Kap.  XIV,  S.  583:    ,  .  .  Lucas, 


einem  natürlichen  Sohne  Waidemars  des  Grol'seu,  auf  einem 
Heeresziige  gegen  die  esthnischen  Piraten  im  Jahre  1170. 
Nach  einem  unentschiedenen  Kampfe  mit  den  Seeräubern 
sitzen  die  Dänen  am  Abend  niedergeschlagen  da,  während 
die  Esthen  teils  ihre  Stellung  befestigen,  teils  die  Zeit 
mit  Gesang  und  Tanz  verbringen.  Da  bannt  Lukas,  der 
Schreiber,  mit  lauter  Stimme  die  drückende  Niederge- 
schlagenheit: „Indem  er  die  Grofstaten  der  Vorzeit  er- 
zählte, feuerte  er  unsere  Mannen  an  zur  Rache  für  die 
verlorenen  Genossen,  mit  solcher  Beredtsamkeit,  dafs  er 
ihren  Mil'smut  zerstreute  und  die  Tatenlust  in  ihrer  Brust 
erweckte;  es  war  unglaublich,  welche  Stärke  unsern  Mannen 
zuströmte  aus  der  Rede  des  Ausländers." 

Obgleich  wir  nicht  erfahren,  dafs  Lukas'  Erzählungen 
auf  Saxos  Darstellung  von  Einflui's  gewesen  seien  und  auch 
nicht  genauer  angegeben  wird,  welches  ihr  Inhalt  war,  so 
betrachtet  Olrik  doch  ihn  neben  dem  Isländer  Arnoldus  als 
Saxos  Hauptgewährsmann,  und  F.  Kauffmann,  Zs.  f.  deutsch. 
Altert  41  (1897),  138,  desgleichen  Mogk,  Zs.  d.  Ver.  f.  VolJcsk  5 
(1),  11 2  haben  ihm  darin  beigestimmt.  Wie  sollten  auch  die 
Erzählungen  dieses  Mannes,  die  mit  so  elementarer  Gewalt 
die  Seelen  seiner  dänischen  Zuhörer  ergriffen  und  sie  zu 
heldenhafter  Tat  anfeuerten,  nicht  Saxos  eigenes  höchstes 
Interesse  erregt  haben!  Auf  Lukas  führt  Olrik  alle  jene 
Geschichten  zurück,  deren  Heimat  die  britischen  Inseln 
und  Nordfrankreich  zu  sein  scheinen.  Er  meint,  wenn  wir 
die  gegebenen  Anhaltspunkte  zusammen  nähmen,  so  liefse 
sich  immerhin  eine  ziemlich  klare  Vorstellung  von  dem 
Umfange  seines  Sagenvorrates  gewinnen: 

„Die  Literatur  des  12.  Jahrhunderts  bringt  uns  eine 
Fülle  von  Materialien,  um  die  Sagenwelt  Englands  in 
diesem  Zeitraum  zu  beurteilen,  in  dem  die  Verschmelzung 

Christofori  scriba,  nacionis  Brüannice,  literis  quidern  tenuiter  instruc- 
tus,  sed  historiarum  scieneia  apprime  eruditus  ..." 


—     76     — 

der  Angelsachsen  und  der  Normannen  sich  anbahnte.  Alle 
geistigen  Hauptrichtungen  treten  hervor  und  greifen  um 
sich  mit  solcher  Stärke,  dafs  ein  „c/e?-6'",  der,  wie  unser 
Lukas,  mehr  ein  romantisches  als  sprachliches  Interesse 
hatte,  und  der  in  seiner  Stellung  mit  weltlichen  Grofsen 
umgehen  mufste,  von  keiner  von  ihnen  unberührt  bleiben 
konnte.  Die  eine  Richtung  bildete  die  europäische  Lite- 
ratur: gereimte  französische  Romane  und  lateinische  Prosa- 
erzählungen brachten  Roman-  und  Novellenstoff,  zu  dessen 
Strom  die  byzantinische  Literatur  einen  der  stärksten 
Beiträge  lieferte.  Die  andere  neue  Richtung  war  die 
wallisische  Heldendichtung,  phantastische  Bearbeitungen 
der  seltsamen  Überlieferungen  der  keltischen  Stammes- 
und Heldensagen.  Galfrid  von  Monmouth  mit  seiner  Hl- 
storia  Regum  Bfitanniae  war  ihr  Bahnbrecher;  seine  Er- 
zählungen von  Arthur,  Merlin  u.  s.  w.  eigneten  die  Chro- 
nisten und  Dichter  sich  mit  Eifer  zu^).  Schliefslich  war 
da  die  nationale  englische  Dichtung,  sowie  sie  sich  bildete 
während  der  Zeit  der  Unterdrückung  der  Nation,  während 
sich  die  Sagen  der  Vorzeit  und  neue  Romanmotive  da- 
zwischen tummelten."    (S.  310  f.) 

Somit  hat  die  Annahme,  eine  umfangreichere  englische 
Sage  sei  Saxo  bekannt  gewesen,  gar  nichts  Bedenkliches 
und  es  spricht  alle  Wahrscheinlichkeit  dafür,  dafs  die 
ganze  Hamletsage  Saxo  von  Lukas  übermittelt  wurde,  dafs 
sie  von  den  britischen  Inseln  nach  Dänemark  gelangte. 
Wenn  Saxos  unmittelbare  Quelle  eine  solche  in  nordischer 
Sprache  gewesen  sein  mufs,  wie  Detter,  Zs.  f.  deutsch. 
Altert.  36,  22  auf  Grund  der  bei  Saxo  vorkommenden,  nur 
im  Nordischen  möglichen  Wortspiele  zeigt,  so  spricht  diese 
Tatsache  selbstverständlich  nicht  gegen  jene  Annahme,  da 

^)  Diese  Anschauung,  wonach  erst  Galfrid  mit  seiner  Historia 
die  Erzählungen  von  Artus  populär  gemacht  hätte,  ist  bekanntlich 
durch  die  neuere  Forschung-  als  unhaltbar  erwiesen  worden. 


—     77     — 

Lukas  sich  natürlich  in  Dänemark  der  dänischen  Sprache 
bedienen  mufste.  Demnach  ist  die  Hamletsage  nicht, 
wie  noch  Müllenhoff  annahm,  eine  dänische, 
sondern  eine  britische  Sage,  was  freilich  nicht  aus- 
schliefst, dafs  sie  auf  den  britischen  Inseln  unter  den 
Nordleuten  ausgebildet  wurde. 

Wir  haben  nun,  wenn  Lukas  der  Vermittler  war, 
zugleich  einen  terminus  ad  quem  gewonnen  für  das  Vor- 
handensein der  gemeinsamen  Quelle  des  BvH  und  Saxos: 
die  Zeit  gegen  1170,  da  in  letzterem  Jahre,  wie  wir  sahen, 
Lukas  bereits  in  Dänemark  weilte. 

Indessen  läfst  sich  auf  Grund  des  Boeve  v.  Hamtone 
mit  grofser  Wahrscheinlichkeit  jener  terminus  noch  viel 
weiter  zurückschieben,  nämlich  im  Hinblick  auf  die  von 
Suchier  aufgestellte  Identifikation  des  deutschen  Kaisers 
Doon  im  BvH  mit  dem  deutschen  Kaiser  Otto  dem 
Grofsen  (936 — 73)  und  die  Edgars  mit  dem  mit  Otto  gleich- 
zeitigen angelsächsischen  Könige  dieses  Namens  (959 — 75), 
eine  Identifikation,  die,  wie  wir  sahen,  einen  hohen  Grad 
von  Wahrscheinlichkeit  besitzt.  Als  nämlich  beide  Fürsten 
in  unsere  Sage  eingeführt  wurden,  mufste  olfenbar  die 
Erinnerung  an  ihre  Gleichzeitigkeit  noch  im  Volke  lebendig 
sein;  dies  aber  kann,  da  Otto  ein  ausländischer  Fürst 
war,  wohl  nur  für  die  auf  ihren  Tod  unmittelbar  folgenden 
Jahrzehnte  angenommen  werden.  Auf  eben  diesen  Zeit- 
raum weist  hin  die  Erwägung,  dafs  es  doch  schwerlich 
als  ein  Zufall  betrachtet  werden  kann,  dafs  Ottos  erste 
Gemahlin  tatsächlich  eine  Engländerin  war;  diese  aber 
starb  bereits  947.  Andrerseits  mufste  nun  aber,  als  man 
Edgar  und  Otto  zu  den  rein  sagenhaften  Ereignissen  unseres 
Epos  in  Beziehung  setzte,  olfenbar  seit  ihrem  Tode  bereits 
eine  gewisse  Zeit  verstrichen  sein^).    Wir  werden  damit 

*)  Man  könnte  daran  denken,  den  Charakter  von  Doons  Gemahlin, 
wie  er  im   Epos  erscheint,   in  gleichem  Sinne  zu  verwerten.     Ottos 


—     78     — 

etwa  auf  den  Anfang  des  11.  Jahrhunderts,  oder  wir  sagen 
vielleicht  besser:  die  erste  Hälfte  des  11.  Jahrhunderts, 
geführt  als  die  Zeit,  wo  die  Namen  der  beiden  Fürsten  in 
die  Dichtung  Eingang  finden  konnten,  mochte  letztere 
nun  bereits  vorhanden  sein  oder  sich  erst  bilden,  und 
wir  dürfen  ungefähr  die  Mitte  des  11.  Jahrhunderts  als 
spätesten  ter minus  ad  quem  für  das  Vorhandensein  der 
gemeinsamen  Quelle  des  BvH  und  Saxos  bezeichnen. 

Es  erhebt  sich  nun  die  hochinteressante  Frage,  deren 
Beantwortung  wir  uns  unmöglich  entschlagen  können: 
Welches  war  der  Inhalt  jener  zu  postulierenden  ge- 
meinsamen Quelle  Saxos  und  des  BvH?  Sollte  es  nicht 
möglich  sein,  sie  wenigstens  teilweise  zu  rekonstruieren? 

Die  Stellung  dieser  Frage  macht  es  erforderlich,  weiter 
auszuholen  und  zunächst  die  neueren  Forschungen  über 
den  Ursprung  und  die  Entwickelung  der  Hamletsage  über- 
haupt näher  ins  Auge  zu  fassen,  sowie  die  sonst  bekannten 
oder  nachweisbaren  Versionen  der  Sage  zum  Vergleich 
heranzuziehen. 


Gemahlin  Edgitha  nämlich  genofs  wegen  ihres  frommen  Sinnes  und 
ihrer  Wohltätigkeit  die  allgemeine  Verehrung  der  Zeitgenossen,  ihr 
Tod  wurde  vom  ganzen  Lande  tief  beklagt,  späteren  Geschlechtern 
wurde  sie  sogar  zur  Heiligen,  vgl.  Köpke  -  Dümmler ,  Kaiser  Otto  der 
Grofse,  Leipzig  1876,  S.  146.  Man  könnte  daraus  folgern,  das  Bild 
von  Edgithas  Persönlichkeit  müsse  bei  ihren  Landsleuten  bereits  voll- 
kommen ausgelöscht  gewesen  sein,  als  die  Dichtung  sie  zu  der  Furie 
machte,  als  welche  sie  im  BvH  erscheint.  Indessen  wäre  es  möglich, 
dafs  der  Charakter  von  Doons  Gemahlin  ursprünglich  ein  anderer 
gewesen  wäre  als  in  der  erhaltenen  Version  des  BvH.  Wir  werden 
später  sehen,  dafs  in  anderen  Versionen  der  Hamletsage  die  Mutter 
des  Helden  im  besten  Lichte  erscheint. 


—  79 


Die  Haiiilctsa^e  und  die  römische  ßrutussage. 


Bekanntlich  hat  F.  Detter,  Die  Hamletsage ,  Zs.  f. 
deutsch.  Ältei't  B.  36  (N.  F.  24,  1892),  S.  1—25  den  Nach- 
weis zu  führen  gesucht,  dafs  die  Hamletsage  nur  eine 
Umbildung  der  römischen  Brutussage  darstelle,  mit  der  die 
Geschichte  der  Tullia  verknüpft  wurde.  Es  ist  notwendig, 
seine  Argumentation  zunächst  in  Kürze  darzulegen. 

Die  Brutussage,  wie  sie  Livius  I,  56  ff.,  Dionys  von 
Halikarnass,  Antiqu.  rom.  IV,  67  ff.,  und,  teilweise,  Valerius 
Maximus  VIT,  3,  2  sowie  Ovid,  Fast,  ü,  711  ff.  überliefern, 
hat  folgenden  Inhalt: 

Brutus  ist  der  Sohn  des  M.  Junius  und  der  Tarquinia, 
einer  Schwester  des  Tarquinius  Superbus.  Letzterer  läfst 
zuerst  den  Vater,  dann  auch  den  älteren  Bruder  des  Brutus 
hinrichten,  jenen  seines  Keichtums  wegen,  diesen,  damit  er 
nicht  den  Tod  des  Vaters  räche  (die  Hinrichtung  des 
Vaters  wird  bei  Livius  und  Valerius  Maximus  nicht  er- 
wähnt). Brutus  nun  stellt  sich,  um  dem  gleichen  Schicksal 
zu  entgehen,  blödsinnig  und  es  gelingt  ihm,  den  König  zu 
täuschen.  Dieser  zieht  alle  Güter  des  Brutus  ein  und 
sorgt  nur  für  seinen  täglichen  Unterhalt.  Als  die  beiden 
Söhne  des  Königs  eine  Reise  nach  Delphi  zur  Befragung 
des  Orakels  unternehmen,  wird  ihnen  Brutus  als  Spafs- 
macher  beigegeben  (ludihriiim  verlies  quarn  comes);  er  reicht 
dem  Gotte  einen  hohlen,  mit  Gold  gefüllten  Stab  als  Sinn- 
bild seines  verhüllten  Geistes  (per  amhages  effigiem  in- 
genü  sui;  bei  Dion.  Hai.  fehlt  'diese  Erklärung,  nach 
Valerius  Maximus  hätte  er  es  nicht  gewagt,  dem  Gotte 
ein  so  grofses  Geschenk  offen  zu  weihen:  quia  timebat 
ne  sibi  caeleste  numen  aperta  liberalitate  venerari  tutum 
non  esset).    Den  Prinzen  wird  der  Orakelspruch,  derjenige 


—     80     — 

werde  einst  zu  Rom  herrschen,  der  zuerst  seine  Mutter 
küssen  werde.  Brutus,  in  der  Antwort  einen  tieferen  Sinn 
vermutend,  fällt,  scheinbar  absichtslos,  nieder  und  küfst 
die  Erde,  die  gemeinsame  Mutter  aller.  Sie  kehren  dann 
nach  Rom  zurück.  Nachdem  Brutus  25  Jahre  lang  die 
Rolle  des  Blödsinnigen  gespielt  hat,  wirft  er  die  Maske 
ab,  stöfst  den  Tarquinius  vom  Thron  und  besiegt  dessen 
Partei  in  der  Schlacht  am  See  Regillus,  in  der  er  selbst 
fällt.     Tarquinius  stirbt  einige  Jahre  später. 

Die  Sage  von  Tullia,  die  sich  bei  Livius  einige  Kapitel 
vorher,  Kap.  46,  47,  bei  Dion.  Hai.  Kap.  XXVIII  if.  findet, 
berichtet  folgendes:  L.  Tarquinius  und  sein  Bruder  Aruns 
Tarquinius  sind  mit  zwei  Schwestern,  Töchtern  des  Servius 
Tullius,  verheiratet.  Tarquinius  tötet  seine  Gattin,  — 
die  Gemahlin  des  Aruns  den  Gatten,  und  beide  reichen 
sich  über  die  Leichen  die  Hand  zur  Ehe.  Die  intellektuelle 
Urheberin  des  Doppelmordes  war  Tullia  (initium  turbandi 
omnia  a  femina  ortum  est). 

Die  Übereinstimmungen  der  Brutussage  und  der  Hamlet- 
sage kennzeichnet  Detter  nun  mit  folgenden  Worten: 

„Zunächst  fällt  auf,  dafs  in  beiden  Sagen  ein  Mensch 
sich  dumm  stellt,  um  den  Nachstellungen  seines  könig- 
lichen Oheims  zu  entgehen,  der  ihm  bereits  den  Vater 
getötet  hat .... 

In  beiden  Sagen  wird  .  . .  von  der  Person,  die  sich 
blödsinnig  stellt,  auch  derselbe  nicht  minder  eigenartige 
Zug  erzählt,  dafs  sie  Gold,  hier  in  einem,  dort  in  zwei 
hohlen  Stäben  mit  sich  führt,  in  beiden  Sagen  wird  dies 
mit  einer  Reise  in  Verbindung  gebracht,  welche  der  feind- 
liche Oheim  veranlafst,  und  auf  welcher  den  Helden  zwei 
Begleiter,  die  dem  Könige  nahe  stehen,  mitgegeben  werden. 
In  beiden  Sagen  gebraucht  der  Held  den  Stab  oder  die 
Stäbe  als  Symbol,  während  die  Anwesenden  seine  Handlung 
für  eine  Äufserung  des  Blödsinns  halten.     In   der  Brutus- 


—     81     — 

sage  ist  der  Stab  ein  Sinnbild  des  Brutus,  bei  Saxo  be- 
deuten die  beiden  Stäbe  die  beiden  getöteten  Begleiter 
des  Amlethus,  die  ja  ebensoviel  wert  sein  müssen  als  das 
Sühngeld,  das  für  sie  bezahlt  wurde." 

Aus  der  Geschichte  der  TuUia  ist  nach  Detter  ent- 
lehnt das  Motiv,  daCs  ein  Bruder  den  andern  tötet,  um 
dessen  Frau  heiraten  zu  können: 

„Da  Tarquinius  der  Oheim  des  Brutus  ist,  so  konnte 
dies  leicht  zu  der  Meinung  verführen,  dafs  der  ermordete 
Vater  des  Brutus  der  Bruder  des  Tarquinius  war,  nach 
dessen  Ermordung  Tarquinius  die  Tullia  heiratete.  So 
wurde  der  Vater  des  Brutus  zum  Bruder  des  Tarquinius 
und  Tullia  zur  Mutter  des  Brutus." 

Mit  anderen  Worten: 

Tarquinius  tötet,  im  Einverständnis  mit  der  Tullia 
und  auf  deren  Veranlassung,  seinen  Bruder,  dessen  Frau 
er  heiratet,  und,  aus  Habsucht,  seinen  Schwager,  den  Vater 
des  Brutus.  Eine  Vermengung  der  beiden  Untaten  konnte 
leicht  eintreten.  Indem  der  Bruder  und  der  Schwager 
identifiziert  wurden,  der  Schwager  durch  den  Bruder  er- 
setzt wurde,  war  die  Darstellung  der  Hamletsage  gegeben: 
Tarquinius-Fengo  tötet  aus  Habsucht  seinen  Bruder,  den 
Vater  des  Bnitus-Hamlet,  und  heiratet  dann  die  Frau 
des  Bruders. 

Wenn  Detter  bemerkt:  „Eine  solche  Fülle  von  ge- 
meinsamen und  zudem  so  eigenartigen  Zügen  schliefst 
jeden  Zufall  aus,  und  die  einzige  Möglichkeit,  die  hier  in 
Betracht  kommen  kann,  ist  die  Entlehnung,"  so  stimme 
ich  ihm  vollkommen  bei.  Zu  den  von  ihm  hervorgehobenen 
gemeinsamen  Zügen  sind  überdies  noch  hinzuzufügen  der 
weitere,  dafs  in  beiden  Sagen  der  Held  später  die  Rache 
vollzieht,  Brutus,  indem  er  den  Tyrannen  vom  Thron  stöfst, 
Amleth,  indem  er  ihn  mit  eigener  Hand  tötet,  und  der 
andere,  dafs  hier  wie  dort  der  Held  dem  Tyrannen  in  der 

Zenker,  Boeve-Amletbus.  6 


—     82     — 

Herrschaft  folgt:  Brutus  wird  zum  Konsul  gewählt,  Amleth 
zum  König. 

Ich  vermute  aufserdem,  dal's  zu  der  Brutus-  und  Tullia- 
sage  als  drittes  Element,  das  sich  mit  jenen  beiden  ver- 
schmolzen hat,  noch  hinzugetreten  ist  die  Erzählung  von 
der  Ermordung  des  Königs  Servius  Tullius  durch  Tar- 
quinius.  Horwendill,  Amleths  Vater,  erscheint  bei  Saxo  als 
ein  besonders  milder  und  gerechter  Eegent,  Hamlet  nennt 
ihn  in  seiner  grofsen  Kede  B.  IV  „den  mildesten  König, 
den  gerechtesten  Vater."  Dazu  vergleiche  man  die  Charak- 
teristik, die  Livius  I,  48  von  Servius  Tullius  gibt:  er  habe 
so  regiert,  „ut  hono  etiam  moderatoque  regi  diffidlis 
aemulatio  esset,"  er  nennt  seine  Regierung  ein  „tarn  mite 
et  tarn  moderatum  imperium'"'' \  ebenso  nennt  ihn  Dionys. 
Halik.  IV,  79  „den  mildesten  der  Könige  und  gröfsten 
Wohltäter  des  Volkes  (t6v  ejzieiyJoraTov  tmv  ßaoueov  xal 
TcMoTü  vjuäg  ev  Jioifjoavm  [Rede  des  Brutus])".  Horwendill 
ist,  wie  Tullius,  1.  König,  2.  ein  milder  gerechter  Regent, 
3.  der  Vorgänger  seines  Mörders  in  der  Regierung  des 
Landes  —  alles  Züge,  die  weder  bei  Brutus'  Vater  noch  bei 
dem  Bruder  des  Tarquinius  eine  Entsprechung  haben  würden. 

An  eine  wunderbare  zufällige  Übereinstimmung  zwi- 
schen der  Hamletsage  und  der  Brutussage,  wie  sie  L.  üh- 
land^)  für  möglich  hielt,  ist  nicht  zu  denken.    K.  Simrock^ 


^)  Schriften  %ur  Geschichte  d.  Dichtung  und  Sage  VII,  Leipzig 
1868  (Vorlesungen  aus  den  Jahren  1831/32),  S.  210.  ü.  erkennt  selbst 
die  ^wirklich  auffallende  Ähnlichkeit  mit  der  römischen  Sage"  an, 
meint  aber,  ein  eigentliches  Entlehnen  der  einen  Sage  aus  der  andern 
sei  doch  nicht  wahrscheinlich:  „die  Frage  fällt  mehr  jener  allgemeinen, 
wunderbaren  Sagenverwandtschaft  zwischen  den  verschiedensten 
Völkern  anheim."  U.  erblickt  ein  Anzeichen  einheimischer  Wurzel 
der  Sage  in  der  Erwähnung  von  Hamlets  Grab  in  Jütland,  sowie 
darin,  dafs  das  Triebrad  im  Hauptteil  der  Sage  die  Vaterrache  sei  — 
beides  offenbar  Argumente  ohne  jede  Beweiskraft. 

2)   Quellen  des   Shakespeare  M,  Bonn  1870,   S.  125:    „Die  Sage 


—     83     — 

vermutete,  aber  ohne  eingehende  Begründung,  Urverwandt- 
schaft, und  ebensolche  nimmt  neuerdings  an,  aber  nur  für 
gewisse  Grundelemente  der  Sage,  Oliver  Elton  in 
Elton  u.  York  Powell,  The  first  nine  books  of  Saxo  Gram- 
matieus,  London  1894  (Folklore  Sociehj  B.  33),  S.  409^). 
Elton  bestreitet  keineswegs  die  Beeinflussung  der  Saxoschen 
Hamletsage  durch  die  römische  Sage,  aber  er  meint,  die 
klassischen  Elemente,  speziell  das  Motiv  von  den  Gold- 
stäben, seien  von  Saxo  selbst  eingefügt;  er  nimmt  an,  dafs 
Saxo  nicht  nur,  wie  anerkannt,  den  Valerius  Maximus, 
sondern  auch  den  Livius  benutzt  hat,  und  hält  es  sogar 
für  möglich,  dafs  ihm  die  Darstellung  des  Dion.  Hai.  in 
irgend  einer  Epitome  oder  einem  lateinischen  Zitat  vor- 
gelegen habe.  Er  glaubt  jedoch,  die  eigentliche  Grundlage 
Saxos  habe  gebildet  eine  alte  nordische  Sage,  die  mit  der 
Brutussage  aus  der  gleichen  gemeineuropäischen  Wurzel 
entsprungen  war,  und  für  die  direkte  Beeinflussung  durcli 
die  Brutussage  nicht  angenommen  zu  werden  brauche. 

Die   der  Brutus-    und   der  Hamletsage   gemeinsamen 
Züge  speziflziert  Elton  folgendermafsen: 

1.  der  Oheim   des  Helden  usurpiei-t  die  Herrschaft; 

2.  er  verfolgt  seine  Neffen; 


von  Amleth  ist  in  die  dänische,  die  von  Binitus  in  die  römische  Ge- 
schichte aufgenommen  worden  ....  Irren  wir  nicht,  so  waren  beide 
Sagen,  ehe  sie  in  die  (reschichte  verflochten  wurden,  vollkommen  gleich ; 
die  Verbindung  mit  der  Urgeschichte  zweier  verschiedener  Völker 
zwang  sie,  sich  ungleichartigen  Verhältnissen  zu  bequemen.  Dals 
aber  beiden  CJestaltungen  ein  altes  Volksmärchen  zu  Grunde  lag, 
darauf  läfst  unter  anderm  auch  der  goldgefüllte  Komellenstab  schliefsen, 
den  Brutus  als  ein  Symbol  seines  eigenen  Geistes  und  Wesens  dem 
Orakel  darbringt." 

^)  Olrik  S.  163  erwähnt  Detters  Untersuchung  nur  nebenbei  in 
einer  Anmerkung,  ohne  zu  ihr  Stellung  zu  nehmen;  er  bemerkt,  er 
werde  die  Frage  unter  Benutzung  eines  umfangreicheren  Materiales  an 
anderem  Orte  untersuchen. 

6* 


—     84     — 

3.  er  tötet  den  älteren  [in  einer  anderen,  später  zu 
besprechenden  Version  der  Hamletsage],  während 
der  andere  am  Leben  gelassen  wird; 

4.  der  (jüngere)  Sohn  stellt  sich  wahnsinnig; 

5.  er  unternimmt  eine  Reise  mit  zwei  Begleitern; 

6.  er  sinnt  auf  Rache; 

7.  er  füllt  Gold  in  Stäbe,  bzw.  einen  Stab; 

8.  er  vollbringt  die  Rache; 

9.  er  übernimmt  selbst  die  Zügel  der  Regierung. 
Keine  Analogien  haben  nach  Elton  folgende  Motive: 

1.  die  Rolle,  die  bei  Saxo  die  Mutter  des  Helden 
spielt; 

2.  die  Pläne,  die  geschmiedet  werden,  um  ihn  zu  ent- 
larven; 

3.  alle  seine  Listen,  um  die  Anschläge  zu  vereiteln, 
abgesehen  von  dem  Motiv  „Gold  im  Stabe"; 

4.  die  Rollen,  die  die  Urbilder  der  Ophelia  und  des 
Polonius  spielen; 

5.  die  Art  der  Rache; 

6.  alle  seine  Abenteuer  in  England. 

Diese  Züge  leitet  nun  also  Elton  teilweise  aus  einer 
Saxo  übermittelten  nordischen  Sage  ab,  die  ihrerseits  durch 
die  klassische  Sage  noch  nicht  beeinflufst  gewesen  zu  sein 
brauche:  ,,There  is  no  need  to  assume  an  infiltratio7i  of 
the  classic  saga.  The  motive  may  have  heen  ])art  of  the 
general  European  fund,  of  tvhich  the  Latin  and  Norse 
versions  7nay  he  separate  offshoots.'^  Es  lasse  sich  auch 
nicht  bestimmen,  in  wie  weit  Saxo  die  dänischen  und  die 
isländischen  Elemente  (der  Helgisage,  die  Elton  vorher 
vergleicht,  und  über  die  später  zu  handeln  ist)  schon  ver- 
einigt vorfand,  und  wie  weit  er  selbst  sie  vereinigte:  „tve 
can  only  say  that  a  tradition^  connected  first  with  a  myth- 
ical  Norse  name,  and  with  Icelandic  sagas  early  and  late, 
is    hy    Saxo    attached   to    a  prince    of  Jutland ^    and   hears 


—     85     — 

traces  of  classical  influence;  and  furthe)\  that  Saxo  liaddiffer- 
rnt  versions  hefore  htm  ivhich  he  siffed."' 

Die  Vermutung,  es  möchte  der  dänische  Historiker  auch 
den  Dion.  Hai.  benutzt  haben,  gründet  Elton  auf  die  lange, 
drei  Kapitel  umfassende  Kede,  durch  die  Saxo  im  Anfang 
des  4.  Buches  Hamlet  dem  Volke  gegenüber  seine  Tat  recht- 
fertigen und  die  Gründe  darlegen  läfst,  die  ihn  veranlafsten, 
die  Maske  des  Blödsinnes  anzunehmen;  eine  ähnliche,  noch 
längere  Rede,  die  sieben  Kapitel  füllt,  hält  nämlich  Brutus 
nach  dem  Tode  der  Lucretia  an  das  römische  Volk  bei 
Dion.  Hai.  IV,  c.  77 — 83,  während  Livius  II,  59  nur  in 
wenigen  Zeilen  den  Inhalt  von  Brutus'  Eede  resümiert,  ohne 
dabei  aber  seines  verstellten  Wahnsinnes  überhaupt  zu  ge- 
denken. Elton  spricht  nur  von  einer  „entfernten  Möglichkeit," 
^a  possibility,  qiiite  remote^\  dafs  der  betreffende  Abschnitt 
dem  Saxo  vorgelegen  habe.  Ich  glaube  aber,  man  wird 
wolil  weiter  gehen  dürfen.  Ob  zwar  anzunehmen  ist,  es 
habe  Dionys  in  einer  lateinischen  Epitome  dem  Saxo  selbst 
vorgelegen,  scheint  mir  mehr  als  zweifelhaft,  aber  dafs 
zwischen  den  beiden  Reden  irgend  ein  Zusammenhang  be- 
steht und  die  Rede  des  Helden  bei  Saxo,  wenn  nicht  direkt 
auf  Dionys,  so  doch  auf  seine  Quelle  zurückgeht,  das  halte 
ich  in  Anbetracht  der  zahlreichen  sonstigen  Übereinstim- 
mungen der  beiden  Sagen  für  sehr  wahrscheinlich. 

Ich  setze,  um  einen  unmittelbaren  Vergleich  zu  er- 
möglichen, die  sich  entsprechenden  Stellen  der  beiden  Reden 
hier  in  Paralleldruck  neben  einander: 

Brutus  bei  Dionys  IV,  77*: 


Hamlet  bei  Saxo  B.  IV  (Jantzen 
S.  156  ff.): 

,Ich  war  von  meinem  Stiefvater 
zum  Tode  bestimmt,   von  meiner 


„Vielleicht     halten    mich 
einige  von  Euch,  oder  viel- 


^)  Ich  zitiere  nach  der  Übersetzung  von  Schaller  in  Griech. 
Prosaiker  in  neuen  Übersetxungen,  hgg.  von  Tafel,  Osiander  u.  Schwab, 
120.  Bändchen,   Stuttgart  1832. 


86    — 


Mutter  verachtet,  von  meinen 
Freunden  bespieen,  kläglich  ver- 
brachte ich  meine  Jahre,  meine 
Tage  verlebte  ich  im  Jammer, 
Zeit  meines  Lebens  war  ich  un- 
sicher und  gehetzt  von  Angst  und 
Gefahren.  Mein  ganzes  bisheriges 
Leben  überhaupt  habe  ich  unter 
der  höchsten  Ungunst  der  Ver- 
hältnisse elendiglich  zugebracht. 
Oft  bejammertet  ihr  mich 
unter  euch  in  stillen  Klagen 
als  einen  Unsinnigen;  es 
fehle  der  Rächer  des  Vaters, 
der  denBrudermord  sühne  .  . 
nur  um  meinen  Eifer  nach 
Rache  zu  verbergen,  um 
meine  Absichten  zu  ver- 
schleiern, habe  ich  schein- 
bar, nicht  in  Wahrheit,  das 
Wesen  der  Stumpfheit  an- 
genommen; unter  dem  Scheine 
des  Blödsinns  habe  ich  mir  eine 
Hülle  für  meine  Weisheit 
gewoben,  und  vor  meinen  Augen 
liegt,  es  nun  offen  da,  ob  sie 
wirksam  war,  ob  sie  ihren  End- 
zweck erreicht  hat.  Ich  bin  zu- 
frieden, euch  als  Schiedsrichter 
über  eine  so  wichtige  Angelegen- 
heit zu  haben." 


mehr  die  meisten  —  ich  weifs 
es  wohl  —  für  verrückt;  und 
ein  sinnloser  Mann,  der  von 
wichtigen  Dingen  zu  sprechen  sich 
erkühnt,  bedarf,  als  ein  Kranker, 
der  Ärzte.  Wisset  daher,  jene 
allgemeine  Meinung,  die  Ihr 
alle  von  mir,  als  von  einem 
Narren  hattet,  ist  falsch  und 
keines  Andern,  sondern  mein 
Werk.  Was  mich  zu  leben 
nötigte,  nicht  wie  die  Natur  es 
forderte,  nicht  wie  es  mir  ziemte, 
sondern  wie  es  Tarquinius  wollte, 
und  auch  mir  nützlich  schien,  war 
die  Besorgnis  für  mein  Leben. 
Tarquinius  tödtete,  sobald 
er  das  Reich  an  sich  rifs, 
meinen  Vater,  um  sein  sehr 
beträchtliches  Vermögen  einzu- 
ziehen. Auch  meinen  älteren 
Bruder,  der  des  Vaters  Tod  ge- 
rächt haben  würde,  wenn  er  nicht 
aus  dem  Wege  geräumt  wäre,  er- 
würgte er  heimlich  und  hätte 
offenbar  auch  mich,  den  meiner 
[sie]  nächsten  Verwandten  be- 
raubten, nicht  geschont,  wenn 
ich  nicht  die  verstellte  Narr- 
heit angenommen  hätte. 
Diese  von  dem  Tyrannen  für 
Wahrheit  gehaltene  Verstellung 
bewahrte  mich  vor  jener  Schick- 
sal und  rettete  mich  bis  auf  diesen 
Augenblick.  Erst  jetzt  —  denn 
die  Zeit,  die  ich  wünschte  und 
erwartete,  ist  gekommen  —  lege 
ich  die  schon  fünfundzwanzig 
Jahre  beibehaltene  Maske 
nieder." 


87 


„Wer  wäre  ...  so  unsinnigf, 
Fengos  Grausamkeit  der  Milde 
des  Horwendillus  vorzuziehen  ? 
Denkt  daran,  wie  wohlwollend 
Horwendillus  euch  begünstigte, 
wie  gerecht  er  euch  regierte,  wie 
menschlich  er  euch  geliebt  hat. 
Denkt  daran,  wie  euch  der  mil- 
deste König,  der  gerechteste 
Vater  genommen  ward,  wie 
ein  Tyrann  an  seine  Stelle,  ein 
Brudermörder  an  seinen  Platz 
kam,  wie  euch  euer  Recht 
entrissen,  wie  alles  entweiht, 
wie  das  Vaterland  mit  Schand- 
taten besudelt  wurde,  wie  man 
eurem  Nacken  das  Joch  auferlegte, 
eure  freie  Unabhängigkeit  euch 
nahm 

Tretet  nun  selbst  *  den  Staub 
des  Brudermörders  unter  eure 
Füfse,  mifsehrt  dessen  Asche,  der 
die  Gattin  seines  erschlage- 
nen Bruders  schändete,  sie 
schmählich  vergewaltigte ,  der 
seinen  Herni  verletzte  und  die 
königliche  Majestät  verräterisch 
angriff,  der  euch  die  bitterste 
Gewaltherrschaft  auflud  und 
euch  die  Freiheit  raubte,  der 
den  Brudermord  mit  Blutschande 

krönte Ich    habe    die 

Schmach  des  Vaterlandes  abge- 
waschen ...  die  Gewaltherrschaft 
gestürzt  .  .  Mir  verdankt  ihi-  die 
Wohltat,  dafs  ihr  die  Freiheit 
wiedergewonnen  habt,  dafs  die 
Herrschaft  dessen,  der  euch  quälte, 
gebrochen,  das  Joch  des  Unter- 
drückers    von    euch    genommen, 


„Es  ist  der  Tarquinius,  ihr 
Bürger!  welcher  noch  vor  dem 
Antritte  der  Regierung  Aruns, 
seinen  leiblichen  Bruder,  weil  er 
kein  Bösewicht  sein  wollte,  durch 
Gift  aus  dem  Wege  räumte,  das 
Weib  desselben,  seiner  Gat- 
tin Schwester,  mit  welcher 
er,  der  Götterfeind,  nach 
wie  vor  in  Ehebruch  lebt, 
zur  Teilhaberin  an  diesem  Ver- 
brechen nahm  .  .  .  Den  Servius 
Tullius,  den  mildesten  der 
Könige  und  Euren  gröfsten 
Wohltäter,  schlachtete  er  öffent- 
lich hin  und  gestattete  dem  Toten 
weder  Leichenzug  noch  gesetzliche 
Bestattung. 


.  .  .  wie  kam  er  zur  Herrschaft? 
Durch  Waffen  und  Gewalt  und 
durch  Meutereien  schlechter  Men- 
schen, wie  es  der  Tyrannen  Brauch 
ist,  wider  unsern  Willen  und  zu 
unserm  Ärger  ...  in  Niedrigkeit 
herabgedrückt  von  unserer  Gröfse, 
in  Armut  und  grofse  Dürftigkeit 
fielen  wir  nieder  aus  dem  Besitze 
vieler  und  unzähliger  Güter.  .  .  . 
hat  er  Euch  nicht  Eurer  Ge- 
setze beraubt?  ICr  nötigt 
Euch,gleich  geldgemieteten 
Sklaven,  entehrende  Arbeiten 
zu  verrichten.  Steine  zu  brechen, 
Holz  zu  fällen,  Lasten  zu  tragen, 
in  Klüften  und  Abgründen  Euch 
abzumühen,  ohne  Euch  auch  nur 
die  geringste  Ruhe  zu  gönnen. 
Und  wird  diesen  Mühseligkeiten 
ein    Ende    werden?      Wie    lange 


—     88     — 

dafs  die  Gewalt  des  Brudermörders  !  sollen  wir  dies  dulden  und  tragen? 
erschüttert,  das  Scepter  der  Ty-  Wann  werden  wir  die  väterliche 
rannei  zertreten  ist."  Freiheit  wiedererhalten? 

.  .  Die  Tyrannei  ist  allen  Freun- 
den der  Freiheit  verhafst  .  .  .  allen 
Menschen  ist  die  Liebe  zur  Frei- 
heit angeboren  und  den  Notleiden- 
den jede  Gelegenheit  zur  Änderung 
willkommen." 

Ich  meine,  die  Übereinstimmungen  zwischen  den  beiden 
Eeden  sind  in  hohem  Grade  auffällig.  Es  wird  später 
darauf  zurückzukommen  sein. 

Dafs  nun  Saxo  den  Valerius  Maximus  benutzt  hat. 
scheint  gewifs,  da  er  sich,  worauf  schon  Detter  a.  a.  0.  auf- 
merksam macht,  bezüglich  Hamlets  des  Ausdrucks  ohtusi 
Cordts  esse  bedient,  den  Valerius  Maximus  auf  Brutus  an- 
wendet. Ebenso  mag  ihm  Livius  vorgelegen  haben.  Israel 
Gollancz,  Hamlet  in  Iceland^  Introd.  .S.  XXXIY  weist 
darauf  hin,  dafs  dessen  Einflufs  sogar  in  der  Kapitel- 
einteilung zu  Tage  zu  treten  scheine:  die  Geschichte  des 
Brutus  finde  sich  in  den  letzten  Kapiteln  von  Buch  I  und 
den  Anfangskapiteln  von  Buch  II;  das  erstere  schlief se 
mit  des  Brutus  Ernennung  zum  Konsul,  das  andere  beginne 
mit  seiner  Anrede  an  das  erregte  Volk;  insofern  die  Ge- 
schichte Hamlets  sich  analog  finde  im  Schlufs  des  III.  und 
im  Anfang  des  IV.  Buches  (das  mit  seiner  Eede  beginnt), 
scheine  die  Darstellung  der  des  Livius  nachgeahmt.  Unter 
diesen  Umständen  mag  es  gerne  sein,  dafs  Saxo  aus  seinen 
lateinischen  Quellen  auch  gewisse  Motive  entnommen  und 
in  die  ihm  vorliegende  Sage  eingefügt  hat,  wie  Elton  und 
mit  ihm  Gollancz  a.  a.  0.  annehmen,  —  eine  Möglichkeit, 
die  Detter  nicht  in  Erwägung  gezogen  zu  haben  scheint. 
Dagegen  läfst  sich  nun  die  Ansicht  Eltons,  die  Verwandt- 
schaft der  dem  Saxo  vorliegenden  nordischen  Sage  mit 
der  Brutussage  erkläre  sich  durch  Urverwandtschaft,  nicht 


—    89    — 

aufrecht  erhalten.  Denn,  wie  in  folgendem  gezeigt  werden 
wird,  finden  ?>ich  einige  sehr  spezielle,  bei  Saxo  fehlende 
Züge  der  Brutussage  in  anderen,  von  Saxo  unabhängigen 
Versionen  der  Hamletsage,  für  die  eine  spätere  Einwirkung 
der  Brutussage  nicht  angenommen  werden  kann.  Dafs 
sich  aber  solche  spezielle  Züge  durch  einen  Zeitraum  von 
mindestens  weit  über  1000  Jahren  in  mündlicher  Tradition 
erhalten  haben  sollten,  darf  nach  unserer  heutigen  Kennt- 
nis von  den  Schicksalen  mündlich  überlieferter  Stoffe  offen- 
bar als  so  gut  wie  ausgeschlossen  betrachtet  werden.  Viel- 
mehr kann  die  Verwandtschaft  der  beiden  Sagen  nur  da- 
durch erklärt  werden,  dafs  die  Hamletsage  eine  Umbil- 
dung der  Brutussage  darstellt,  in  letzter  Linie,  direkt 
oder  indirekt,  auf  diese  zurückgeht,  wie  das  Detter  an- 
nimmt. Geben  wir  nun  freilich  die  Möglichkeit  zu,  dafs 
Saxo  bewufst  die  ihm  vorliegende  Sage  der  Brutussage 
angeglichen  habe,  so  geraten  damit  gerade  die  beiden 
Hauptargumente  Detters  für  seine  These  ins  Wanken:  der 
verstellte  Wahnsinn  des  Helden  und  das  Motiv  von  den 
Goldstäben,  insofern  beide  Züge  ja  erst  von  Saxo  aus 
seinen  antiken  Quellen  eingeführt  worden  sein  könnten. 
Mit  Bestimmtheit  können  ja  für  die  von  Saxo  reproduzierte 
Hamletsage  auf  Grund  unserer  bisherigen  Untersuchung 
nur  diejenigen  Züge  gefordert  werden,  welche  seiner  Dar- 
stellung mit  dem  Boeve  v.  Hamtone  gemein  sind.  Der 
letztere  aber  kennt  gerade  jene  beiden  Motive  nicht.  In- 
dessen begegnet  wenigstens  das  erste  derselben,  der  ver- 
stellte Wahnsinn  des  Helden,  in  anderen,  später  zu  be- 
sprechenden, von  Saxo  ganz  unabhängigen  nordischen  Ver- 
sionen der  Hamletsage,  es  kann  also  nicht  erst  von  Saxo 
aus  Livius  entlehnt  sein,  und  was  das  andere  Motiv,  das 
„Goldstabmotiv"  betrifft,  so  spricht,  wie  später  gezeigt 
werden  wird,  immerhin  eine  gewisse  Wahrscheinlichkeit 
dafür,  dafs  ein  Reflex  von  ihm  in  zwei  anderen  nordischen 


—    90    — 

Versionen  unserer  Sage  vorhanden  ist;  aufserdem  aber 
enthalten  jene  Versionen  noch  andere,  bei  Saxo  fehlende 
Übereinstimmungen  mit  der  Brutussage,  und  diese,  zusammen- 
genommen mit  jenem  ersten  auch  bei  Saxo  vorhandenen 
wichtigen  Motive  nötigen  unbedingt,  schon  für  die  gemein- 
same Quelle  der  verschiedenen  Versionen  einen  Zusammen- 
hang mit  der  Brutussage  anzunehmen.  Detters  These 
bleibt  also  unerschüttert. 

Soviel  über  das  Verhältnis  der  Saxoschen  Hamletsage 
zu  der  römischen  Brutussage.  Unser  Ergebnis  ist  also 
folgendes:  Ein  Zusammenhang  zwischen  der  Hamletsage 
und  der  Brutussage  mufs  im  Hinblick  auf  die  vorhandenen 
zahlreichen  Übereinstimmungen  notwendig  angenommen 
werden.  Dieser  Zusammenhang  kann  freilich  in  einzelnen 
Punkten  auf  einer  Benutzung  der  römischen  Autoren  durch 
Saxo  beruhen,  der  die  Ähnlichkeit  der  Hamletsage  und  der 
Brutussage  erkannt  hatte;  denn  es  steht  fest,  dafs  Saxo 
den  Valerius  Maximus  benutzt  hat.  Trotzdem  mufs  die 
von  Saxo  überlieferte  Sage  selbst  aus  der  Brutussage  her- 
vorgegangen sein,  da  die  zu  letzterer  stimmenden  Motive, 
die  nach  dem  Zeugnis  des  Boeve  v.  Hamtone  in  ihr  vor- 
handen waren,  zusammengenommen  mit  den  Motiven  der 
römischen  Sage,  welche  sich  in  anderen  Versionen  der 
Hamletsage  finden,  eine  so  enge  Verwandtschaft  der  ge- 
meinsamen Quelle  dieser  Versionen  mit  der  Brutussage 
dartun,  dafs  wir  mit  Notwendigkeit  zu  der  Annahme  ge- 
drängt werden,  es  sei  die  jüngere  Sage  aus  der  älteren 
hervorgegangen. 

Nun  liegt  freilich,  das  wird  die  fernere  Untersuchung 
zeigen,  die  Sache  nicht  so  —  wie  es  Detters  Meinung  ist  — , 
dafs  die  Hamletsage  direkt  aus  der  Brutussage  hervor- 
gegangen wäre,  vielmehr  ist  eine  ihrerseits  auf  der  Brutus- 
sage beruhende  viel  jüngere,  nichtrömische  Sage  die  nächste 
Quelle  der  nordischen  Sage   gewesen,  und   da  in  dieser 


—    91     — 

Zwischenstufe  die  Namen  bereits  geändert  waren,  so  kann 
auch  von  einer  Vermischung  der  TuUiasage  mit  der  Brutus- 
sage, welche  Detter  vermutet,  —  und  ebensowenig  von 
einer  Vermischung  der  Serviussage  mit  ihi'  —  nicht  eigent- 
lich gesprochen  werden,  insofern  die  Vermengung  in  der 
Zwischenstufe  noch  nicht  vollzogen  war.  Indessen  ändert 
das  saclilich  an  den  Aufstellungen  Detters  insofern  nichts, 
als  darum  eben  doch  die  römische  Sage  die  entferntere 
Quelle  der  nordischen  bleibt  und  insofern  der  Reflex  der 
TuUiasage  wie  der  Servius-Tulliussage,  soweit  sie  hier  für 
uns  in  Betracht  kommt,  in  jener  Zwischenstufe  vorhanden 
gewesen  zu  sein  scheint,  so  dafs  denn  also  zwar  nicht  eine 
Vermengung  der  TuUiasage  und  der  Serviussage  mit  der 
Brutussage,  wohl  aber  eine  Vermengung  des  Reflexes 
der  TuUiasage  und  der  Serviussage  mit  dem  Reflex  der 
Brutussage  stattgefunden  hat.  Alles  Nähere  mufs  späterer 
Erörterung  vorbehalten  bleiben. 

Ich  gehe  nunmehr  über  zu  der  Betrachtung  jener 
schon  erwähnten  anderen  Versionen  der  Hamletsage,  und 
zwar  bespreche  ich  zunächst  die  Haveloksage,  die,  wie  schon 
bemerkt  wurde,  nicht  nur  der  Hamletsage  ähnelt,  sondern 
offenbar  direkt  mit  ihr  aus  der  gleichen  Wurzel  ent- 
sprungen ist. 


Die  Haveloksage. 


Die  Haveloksage  liegt  bekanntlich  in  drei  Fassungen 
vor:  in  zwei  französischen  Fassungen,  deren  eine  sich 
findet  in  Geörei  Gaimars  Estorie  des  Engles  (verf  1147-51)^), 
V.  41-818,  und  deren  andere  repräsentirt  wird  durch  den 

*)  Hgg.  von  Hardy  und  Martin,  London  1888  (Rer.  brit.  med. 
aev.  Script.). 


—     92     — 

französischen  Lai  cVHavelok  le  Dariois^),  sowie  den  eng- 
lischen Laif  of  Havelok  the  Dane  (entst.  etwa  1280-90)-). 
Die  englische  Fassung  ist  von  den  beiden  französischen 
Versionen  unabhängig.  Bezüglich  des  Verhältnisses  der 
letzteren  sind  die  Ansichten  geteilt.  Nach  Kupferschmidt, 
Die  Haveloksage  hei  Gaimar  und  ihr  Verhältnis  xum  Lai 
d' Havelok,  Böhmers  Rom.  Stud.  4  (1879-80),  411  ff,,  sind  die 
Erzählung  Gaimars  und  der  französische  Lai  aus  der 
gleichen,  danach  vor  1150  vorhandenen  Quelle,  einer  fran- 
zösischen Eomanze  in  8 -silbigen  Reimpaaren  geflossen; 
G.  Paris  hat  dem  zugestimmt,  ebenso  Skeat,  und  auch  mir 
scheinen  seine  Ausführungen  durchaus  plausibel.  Dagegen 
betrachten  Suchier,  Gesch.  d.  franz.  Lit.  S.  119,  und  ebenso 
Gollancz  Gaimar  als  die  Quelle  des  Lai^. 

Der  Inhalt  des  anglonormannischen  Lais,  von  dem 
sich  die  Darstellung  Gaimars  nur  in  für  uns  unwesent- 
lichen Punkten  unterscheidet,  ist  dieser: 

Havelok  ist  der  Sohn  des  Königs  Gunter  von  Däne- 
mark. Sein  Vater  wird  von  König  Arthur  besiegt,  von 
Hodulf  durch  Verrat  getötet,  und  letzterer  wird  von  Artur 
zu  dessen  Nachfolger  eingesetzt.  Havelok  mit  seiner  Mutter 
lebt  nun  unter  Obhut  des  getreuen  Grim  auf  einem  Schlofs 
am  Meere.  Dem  Knaben  schlägt  im  Schlafe  stets  eine 
Flamme  aus  dem  Munde,  solche  Hitze  hat  er  im  Leibe. 
Aus  Furcht  vor  Nachstellungen  flüchtet  Grim  mit  Havelok, 
dessen  Mutter,  seiner  eigenen  Frau  und  seinen  Kindern 

^)  Hgg.  von  F.  Michel,  Paris  1833,  und  später  in  der,  Anm.  1 
genannten  Ausgabe  Gaimars  I,  S.  190 — 319. 

2)  Zuletzt  hgg.  von  F.  Holthausen,  Havelok,  London  1901  (OM 
and  Middle  English  Texts,  ed.  Morsbach  und  Holthausen,  vol.  I)  und 
von  W.  W.  Skeat,  Oxford  1902. 

^)  Die  schon  oben  S.  72,  Anm.  1  erwähnte  Dissertation  von 
Harald  E.  Heyman,  Studies  on  the  Havelok-Tale,  Upsala  1903  (154  S.), 
kann  ich  nur  noch  anmerkungsweise  benutzen.  Auch  Heyman  schliefst 
sich  Kupferschmidt  an. 


—    93    — 

übers  Meer.  Sie  werden  von  Seeräubern  überfallen,  die 
alle  töten,  nur  Grira,  seine  Frau,  seine  drei  Kinder  und 
Havelok  werden  verschont.  Sie  landen  in  der  Gegend  des 
späteren  Grimsby,  wo  Grim  sich  und  die  Seinigen  durch 
Fischen  ernährt;  Havelok  wächst  auf  als  sein  Sohn.  Grim 
legt  ihm  der  Sicherheit  wegen  einen  anderen  Namen  bei,  — 
welchen,  wird  nicht  gesagt.  Nach  einiger  Zeit  schickt  er 
ihn  mit  seinen  beiden  Söhnen,  die  Havelok  für  seine  Brüder 
hält,  nach  P^ngland,  damit  er  am  Hofe  eines  mächtigen 
Königs  Dienst  suche.  Sie  kommen  nach  Lincoln,  wo  König 
Ähi  (Gaimar:  Edelsi)  herrscht,  der  von  Herkunft  ein  Bre- 
tone  ist.  An  seinem  Hofe  lebt  seine  Nichte,  die  Doppel- 
waise Argentüle,  Tochter  des  Königs  Ekenhight  (Gaim. : 
Ädelbrit^  ein  Däne)  von  Surrey.  Alsi  macht  Havelok  zum 
Küchenjungen;  wegen  seiner  Gutmütigkeit  und  Freigebig- 
keit halten  ihn  die  Diener  und  Knappen  für  einen  Narren, 
sie  machen  sich  über  ihn  lustig  und  nennen  ihn  mit  breto- 
nischem Namen  Ciiaran  d.  i.  quv<tron^  Küchenjunge: 

V.  255 :  pur  la  franchise  qil  out 

entre  eus  le  tenoient  pur  sot; 
de  lui  fesoient  lur  deduft, 
Cuaran  lappelloient  tuit; 
car  ceo  tenoient  li  Breton 
eti  lur  language  quistron. 

Havelok  besitzt  gewaltige  Körperkräfte  und  zeigt  sich 
bei  Waffenspielen  allen  Rittern  und  Knappen  überlegen. 
Deshalb  gibt  Alsi  ihm  Argentille  zur  Frau,  denn  er  hat 
ihrem  Vater  vor  seinem  Tode  schwören  müssen,  dafs  er 
sie  mit  dem  stärksten  Manne  in  seinem  Lande  verheiraten 
wolle;  zugleich  aber  beabsichtigt  er,  sie  durch  diese  schimpf- 
liche Heirat  ihres  Erbes  zu  berauben.  In  der  Hochzeits- 
nacht hat  Argentille  einen  ängstlichen  Traum  und  sieht 
mit  Schrecken,  dafs  Feuer  aus  Haveloks  Munde  schlägt. 
Sie  befragt  nun  einen  Eremiten,  der  ihr  erklärt,  ihr  Mann 


—     94     — 

• 

sei  königlicher  Abstammung,  sie  solle  mit  ihm  in  seine 
Heimat  ziehen.  Beide  begeben  sich  daraufliin  nach  Grimsby, 
wo  Havelok  von  der  allein  noch  lebenden  Tochter  seines 
Pflegevaters,  KelloJc,  erfährt,  dafs  er  der  Sohn  des  Königs 
von  Dänemark  sei  und  die  Dänen  seine  Rückkunft  wünschten, 
da  sich  der  jetzige  König  verhafst  gemacht  habe;  ein 
Seneschall  des  Landes,  Sigar,  führe  beständig  gegen  ihn 
Krieg,  zu  ihm  möge  sich  Havelok  begeben.  Havelok  be- 
folgt den  Eat,  Sigar  erkennt  ihn  als  den  rechtmäfsigen 
Erben  daran,  dafs  ihm  Feuer  aus  dem  Munde  schlägt  und 
dafs  er  im  Stande  ist,  ein  Hörn  zu  blasen,  dem  nur  der 
rechtmäfsige  Erbe  des  Königreiches  Töne  zu  entlocken 
vermag.  Alle  huldigen  ihm  nun;  er  fordert  Hodulf  zum 
Zweikampfe  heraus,  tötet  ihn  und  besteigt  den  Thron. 

Nach  vier  Jahren  kehrt  er  mit  Argentille  nach  Eng- 
land zurück,  in  der  Absicht,  von  deren  väterlichem  Reiche, 
das  ihr  König  Alsi  widerrechtlich  vorenthält,  mit  Gewalt 
Besitz  zu  ergreifen.  Es  wird  eine  Schlacht  geschlagen, 
die  unentschieden  bleibt.  Da  Havelok  viele  von  seinen 
Leuten  verloren  hat,  so  würde  er  den  Rückzug  angetreten 
haben,  hätte  ihm  nicht  seine  Frau  eine  List  eingegeben: 
während  der  Nacht  werden  die  Leichen  der  Gefallenen, 
auf  Pfähle  gesteckt,  zwischen  den  Lebenden  aufgerichtet. 
Als  die  Leute  Alsis  am  nächsten  Morgen  der  grofsen  Zahl 
ihrer  Gegner  ansichtig  werden,  verlieren  sie  den  Mut  und 
bereden  den  König,  Frieden  zu  schliefsen.  Dieser  über- 
läfst  nun  Argentille  ihr  väterliches  Erbe,  und  als  er  bald 
nachher  stirbt,  da  erbt  Havelok  auch  Alsis  Reich,  Lincoln 
und  Lindesie.     Ruhmvoll  regiert  er  noch  20  Jahre. 

Dieser  Sage  sind  mit  der  Hamletsage  folgende  Grund- 
züge gemein:  Ein  dänischer  Königssohn,  dessen  Vater 
durch  Verrat  getötet  worden,  und  der  durch  den  Mörder 
seines  Erbes  beraubt  ist,  wächst,  um  den  Nachstellungen 


—     95     — 

des  Usurpators  zu  entgehen,  in  Niedrigkeit  auf.  Er  kommt 
an  den  Hof  eines  fremden  Königs  in  England;  er  gilt  als 
NaiT  und  man  macht  sich  über  ihn  lustig;  er  heiratet 
die  Tochter,  bezw.  Pflegetochter  jenes  Königs.  Er  kehrt 
nach  Dänemark  zurück,  tötet  mit  eigener  Hand  den  Usur- 
pator und  besteigt  den  Thron.  Er  begibt  sich  dann  wieder 
nach  England  und  schlägt,  begleitet  von  seiner  Frau  — 
bei  Saxo  seiner  zweiten  Frau,  Hermuthruda^)  —  eine  Schlacht 
gegen  den  Vater  seiner  Frau  —  der  ersten  bei  Saxo  — , 
bezw.  deren  Pflegevater;  am  ersten  Tage  verliert  er  viele 
von  seinen  Leuten,  trotzdem  erringt  er  am  zweiten  Tage 
den  Sieg  durch  eine  Kriegslist,  indem  er  die  Leichen  der 
Gefallenen,  auf  Pfähle  gestützt,  in  Schlachtordnung  auf- 
stellt: erschrocken  über  seine  unerwartete  Stärke  ergreift 
der  Feind  die  Flucht. 

Diese  Übereinstimmungen  sind  in  der  Hauptsache, 
doch  nicht  ganz  vollständig,  bereits  hervorgehoben  worden 
von  H.  L.  D.  Ward  in  einer  Besprechung  von  Eltons  Über- 
setzung des  Saxo  Grammaticus,  Engl.  Hist.  Review  X  (1895), 
146 f.;  Ward  weist  andererseits  auch  noch  darauf  hin,  dafs 
Havelok  sowohl  als  Hamlet  aufwachsen  am  Hofe  eines 
„Oheims,  der  als  Usurpator  auftritt",  nur  sei  im  Havelok 
dieser  Oheim  nicht  sein  eigener,  sondern  der  seiner  Frau. 

Zu  den  Übereinstimmungen  zwischen  dem  Havelok 
und  der  Saxoschen  Hamletsage  kommen  nun  noch  solche 
hinzu  mit  dem  Boeve  von  Hamtone,  der,  wie  wir  erkannt 
haben,  aus  der  gleichen  Quelle  wie  jene  abgeleitet  werden 
mufs;  nämlich:  dem  Pflegevater  Haveloks,  Grim,  entspricht 
im  BvH  Boeves  Erzieher  Sabot,  dessen  Name  überdies 
an  den  seiner  Pflegemutter  im  Havelok,  Saburc,  erinnert; 
wie  Grim  den  Havelok,  so  rettet  Sabot  den  Boeve  vom 


*)  Eventuell  auch  seiner  ersten,  doch  geschieht  nur  der  zweiten 
noch  Erwähnung. 


—     96     — 

Tode,  wie  jener,  so  flüclitet  Sabot  seinen  Schützling  übers 
Meer.  Wie  Havelok,  so  zeichnet  Boeve  sich  am  Hofe  des 
überseeischen  Königs,  an  den  er  gelangt,  durch  seine 
Körperkraft  vor  allen  aus,  sodafs  kein  Eitter  mehr  mit 
ihm  zu  turnieren  wagt: 

Lai  d'Haveloc: 

V.  265  Deumit  eus  liuter  le  fesoient 
[sc.  li  chevaler] 
as  plus  forz  iiomes  quil  sauoient, 
et  il  trestouz  les  ahatit. 

Boeve  v.  Hamtone: 

V.  418  En  la  court  ne  out  chevaler  si  hardis 
ke  a  li  oseit  iurner,  taunt  fut  il  fords. 

Wie  im  Lai  der  Seneschall  Sigar,  so  führt  im  BvH 
der  getreue  Sabot  in  Abwesenheit  des  Jünglings  von  seinem 
Schlosse  aus  gegen  den  Usurpator  Krieg  und  nimmt  den 
Zurückgekehrten  bei  sich  auf.  Wie  Havelok,  so  mifst  sich 
Boeve  mit  dem  Usurpator  im  Einzelkampfe,  der  nur  nicht, 
wie  im  Lai,  mit  dem  Tode  des  letzteren  endet,  sondern 
unentschieden  bleibt. 

Bevor  wir  nun  die  Frage  beantworten,  wie  alle  diese 
Übereinstimmungen  der  Haveloksage  mit  den  beiden  bis 
jetzt  besprochenen  Fassungen  der  Hamletsage,  der  Dar- 
stellung Saxos  und  dem  BvH,  zu  erklären  seien,  ist  es 
erforderlich,  darzulegen,  was  bisher  über  den  Ursprung 
der  Haveloksage  und  die  in  ihr  enthaltenen  historischen 
Elemente  ermittelt  wurde. 

Der  oben  genannte  Ward  hat  in  einer  Abhandlung 
über  die  Haveloksage^)  —  ob  als  erster,  weifs  ich  nicht  — 
hingewiesen  auf  die  Berührungspunkte  dieser  Sage  mit  der 

^)  Catalogue  of  Eomances  in  the  Department  of  Matiuscripts  in 
the  British  Museum,  v.  I,  1883,  S.  423ff. 


—     97     — 

römischen  Sage  von  Servius  Tullius,  die  sich  bei  Livius  I, 
cap.  39  ff.  und  bei  Dionys  von  Halikarnass  IV,  c.  1  ff.  (Waid 
erwähnt  nur  Livius)  findet.  Die  Berührungspunkte  der 
beiden  Sagen  sind  aber  noch  zahlreicher  als  Ward  meint. 

Die  Servius -Tulliussage,  soweit  sie  hier  für  uns  von 
Interesse  ist,  hat  folgenden  Inhalt: 

Bei  der  Einnahme  der  latinischen  Stadt  Corniculum 
durch  Tnrquinius  Friscus  wird  das  Oberhaupt  der  Stadt, 
Tullius,  im  Kampfe  getötet,  seine  Gattin  Ocrista  (der  Name 
wird  von  Livius  nicht  erwähnt)  wird  als  Sklavin  nach  Rom 
geführt  und  gebiert  im  Hause  der  Königin  Tanaquü  einen 
Sohn,  den  sie  Servius  Tullius  nennt,  weil  er  als  Sklave 
zur  Welt  gekommen  ist.  Der  Knabe  wächst  in  Niedrigkeit 
(humili  cultu)  auf.  Als  er  eines  Tages  um  die  Mittagszeit 
in  der  Vorhalle  eingeschlafen  ist,  sehen  seine  Mutter  und 
die  Königin  zu  ihrem  Erstaunen,  dafs  von  seinem  Haupte 
eine  Flamme  emporschlägt  {cajntt  arsisse  —  tivq  duiüaf/ipsv 
im  zijg  xecpalrjg  avrov  .  .  .  q)Xb^  öXrjv  avrov  xaraXd^Tiovoa  Tr]v 
xe(paX7]v).  Die  Königin  schliefst  aus  diesem  Wunder,  dafs 
der  Knabe  zu  Grofsem  bestimmt  sei  und  dereinst  eine 
Stütze  des  königlichen  Hauses  werden  solle.  Man  läfst 
ihm  nunmehr,  wie  einem  eigenen  Kinde,  die  beste  Erziehung 
angedeihen.  Noch  ein  Jüngling,  zeichnet  er  sich  im  ersten 
Kriege  gegen  die  Tyrrhenier  unter  den  Rittern  vor  allen 
aus  und  gewinnt  den  Preis  der  Tapferkeit.  In  einem 
zweiten  Kriege  gegen  das  nämliche  Volk  kann  ihn  der 
König  abermals  mit  dem  Kranze  des  Siegers  schmücken. 
Auch  in  allen  späteren  Kriegen  und  Schlachten  tut  er  als 
Anführer  der  Ritter  oder  des  Fufsvolkes  es  allen  andern 
zuvor  und  wird  als  erster  bekränzt.  Aber  auch  an  politi- 
scher Einsicht  und  an  Klugheit  kann  sich  keiner  mit  ihm 
messen.  Der  König  gewinnt  ihn  deshalb  sehr  lieb,  er  gibt 
ihm,  da  keiner  der  jungen  Römer  auf  irgend  einem  Gebiete 

Zenker,  BoeTe-Amlethns.  7 


—     98    — 

ihm  die  Wage  halten  kann,  seine  Tochter  zur  Frau^)  und 
überläfst  ihm  die  Regiemngsgeschäfte,  soweit  er  ihnen 
selbst  nicht  mehr  vorkommen  kann.  Die  Söhne  des  Ancus 
Martins  führen  Klage  darüber,  dafs  der  Sohn  einer  Sklavin 
(serva  natns)  in  Eom  regiere.  Nach  der  Ermordung  des 
Tarquinius  besteigt  Servius  den  Thron. 

Wir  haben  hier  also  wie  im  Havelok  die  ominöse 
Flamme,  die  vom  Haupte  des  Knaben  ausgeht  und  dahin 
gedeutet  wird,  dafs  er  zu  Grofsem  bestimmt  sei;  wenn  sie 
im  Havelok  ihm  aus  dem  Munde  schlägt,  in  der  römischen 
Sage  aber  auf  dem  Haupte  spielt,  so  ist  das  offenbar 
irrelevant  (1).  Wir  haben  den  Knaben  vornehmer  Abkunft, 
der  als  Knecht,  in  Niedrigkeit,  im  Hause  des  Königs  auf- 
wächst (2)  und  trotzdem  die  Tochter  des  Königs  zur  Frau 
erhält  (3);  wir  haben  die  Grofsen,  die  sich  der  Erhöhung 
des  Knechtes  widersetzen:  Als  der  König  seinen  Baronen 
mitgeteilt  hat,  dafs  er  Argentille  dem  Havelok  zur  Frau 
geben  wiU,  heifst  es: 

873   Entre  eus  dient  en  wpert, 

qe  ceo  nert  ia  ;par  eus  suffert  (4). 

Dies  sind  die  Momente,  auf  die  schon  Ward  a.  a.  0. 
aufmerksam  gemacht  hat.  Dazu  kommen  aber  noch  die 
folgenden  weiteren: 

Der  Vater  des  Servius  Tullius  ist,  wie  der  Haveloks, 
im  Kriege  getötet  und  der  Sohn  so  seines  Erbes  beraubt 
worden  (5);  beide  wachsen  in  der  Fremde  auf  (6);  beide 
erhalten  die  Königstochter  deshalb  zur  Frau,  weil  sie 
allen  anderen  überlegen  sind  (7). 

Offenbar  kann   bei  diesen   Übereinstimmungen,   unter 


^)  Livius  I,  39:    .  .  nee,   cum  quaereretur  gener  Tarquinio,   qwis- 

quam  Rommiae  iuventutis  ulla  arte  conferri  potuit,  fUiamque  ei  suam 

rex  despondit.    Von  den  Kriegstaten  des  Servius  Tullius  berichtet 

in  Dionys,  dessen  Darstellung  überhaupt  bei  weitem  ausführlicher  ist. 


—     99    — 

denen  die  von  dem  Haupte  des  Helden  ausgehende  Flamme 
bei  weitem  die  markanteste  ist,  nicht  an  Zufall  gedacht 
werden.  Vielmehr  beweisen  dieselben,  dafs  einige  der 
wesentlichsten  Momente  der  Haveloksage  aus  der 
römischen  Sage  von  Servius  Tullius  stammen. 

Es  sind  nun  des  weiteren  die  historischen  Elemente 
der  Haveloksage  ins  Auge  zu  fassen. 

Die  Untersuchungen  von  Köster^),  Storm-)  und  Ward^) 
haben  dargetan,  dafs  der  Held  des  Lais,  Haveloh  Culiermij 
bis  zu  einem  gewissen  Grade  identisch  ist  mit  dem  be- 
rühmten Wikingerkönig  Okif  oder  Anlaf  Guar  an,  der  bei 
Brunanburh,  937,  und  später  bei  Tara,  980,  besiegt  wurde. 
Olaf  oder  Anlaf  (nord.  Olafr,  aus  älterem  Anleifr),  irisch 
Ämlaibh*),  mit  dem  Beinamen  Ouaran,  d.  i.  Olaf  mit  der 
Sandale  (ir.  cuardn,  wälsch  curan,  ,,ocrea,  cothumns^^y  s.  W. 
Stokes  in  Revue  celtique  3,  189)  war  der  Sohn  des  Sihtric 
Gale%  eines  Wikingerhäuptlings  aus  dem  Hause  Ivar,  der 
888  nach  Dublin  kam,  eine  Zeit  lang  König  von  Dublin 
war  und  925  als  König  von  Nordhumbrien  starb.  Sihtric 
heiratete  ein  Jahr  vor  seinem  Tode  die  Schwester  König 
Äthelstans  von  Wessex  (f  940),  des  Enkels  Alfreds  des 
Grofsen,  Olaf  war  der  Sohn  einer  anderen  Gattin  Sihtrics. 
Äthelstan  strebte  danach,  ganz  England  in  seine  Gewalt 
zu  bringen.  Er  vertrieb  deshalb  Sihtrics  Bruder  Godfrid, 
dessen  Sohn  Olaf  und  seinen  Neffen  Olaf  Cuaran  aus  Nord- 


*)  Sagnet  ont  Havelok  Danske,  Kopenhagen  1868. 

*)  Havelok  the  Dane  and  the  Norse  King  Olaf  Kuara7i  in  Chri- 
stianm  Videnskabsselskabs  Forhandlinger  1879,  no.  10;  wieder  abge- 
druckt in  Englische  Studien  3  (1880),  533—35. 

*)  Caial.  of  Rom.  a.  a.  0. 

**)  Stokes,  Bcxxenbergers  Beiträge  18,  S.  57  belegt  folgende  kel- 
tische Formen  des  Namens:  Amhlaeibh.  Amlaim.  Amlaiph.  Amhlaigh. 
Amlaihh.  Amhlaim.  Amldib.  Alaib. 

**)  Die  Genealogie  der  Familie  s.  bei  Todd,  Cogadh  Gaedhel  S.  278. 


—     100     — 

huinbrien.    Der  letztere  flüchtete  sich  an  den  Hof  König 
Constantins  III.  von  Schottland,  dessen  Tochter  er  heiratete. 
933    fiel  Äthelstan   in  Schottland    ein    und  plünderte   zu 
Lande  und  zur  See;  Constantin  sah  sich  genötigt,  Frieden 
zu  schliefsen  und  seinen  Sohn  als  Geilsel  zu  stellen.    937 
bildete  sich  eine  mächtige  Koalition  britischer  und  dänischer 
Häuptlinge  gegen  Äthelstan,  an  deren  Spitze  Constantin 
und  Olaf  standen;  indessen  errang  Äthelstan  bei  Brunan- 
burh  im  Jahre  937  oder  938  einen  entscheidenden  Sieg  über 
die  Verbündeten.    Olaf  flüchtete  vermutlich  zunächst  nach 
Irland;  941  wurde  er  zum  König  gewählt  in  seinem  väter- 
lichen Reiche  Nordhumbrien,  mit  dem  er  das  nordöstliche 
Mercien  vereinigte:  nach  Simeon  von  Durham  war  Äthel- 
stans  Nachfolger  Eadmund  gezwungen,  mit  ihm  einen  Ver- 
trag zu  schliefsen,  durch  den  das  ganze  Eeich  zwischen 
ihnen  geteilt  wurde:  ihm  selbst  fiel  der  Süden,  Olaf  der 
Norden  zu.    943  empfing  Olaf  die  Taufe,  König  Eadmund 
stand   bei   ihm   Pate.     Aber  bereits    im    nächsten   Jahre 
ergriff  Eadmund  Besitz   von  Nordhumbrien   und   verjagte 
Olaf,  der  sich  nun  wieder  nach  Irland  begab  und  hier  945 
König    von  Dublin    wurde.     948   erscheint  er  wieder  in 
Nordhumbrien,  von  wo   er  952   wieder  vertrieben  wurde 
und  953  nach  Irland  zurückkehrte.    Hier  ist  er  seitdem 
in  unablässige  Fehden  verwickelt.     980   wird  er  in   der 
Schlacht  von  Tara  von  Malachy  II.  geschlagen,  der  noch 
im  selben  Jahre  König  von  Irland  wird.    Nun  zieht  Olaf 
sich  als  Mönch  in  das  Kloster  von  lona  zurück,  wo  er  im 
folgenden   Jahre  stirbt.     Sein   Sohn  Sitric   folgt   ihm   als 
König  von  Dublin,  seine  Gattin  Gormflaith  aber  —  die  mit 
seiner  ersten  Gattin,  der  Tochter  Constantins,  nicht  iden-  < 
tisch  ist  —  heiratet  den  Sieger  von  Tara,  Malachy  IL 
Gormflaith  ist  die  Korralöd  der  Njalssaga,  in  der  sie  als 
„die  schönste  der  Frauen",  aber  von  bösartigem  Charakter 
erscheint:  „sie  tat  allen  Übles,  über  die  sie  Gewalt  hatte." 


—     101     — 

Sie  wurde  später  von  Malachy  verstofsen  und  ebenso  von 
ihrem  dritten  Gemahl,  Brian  ^). 

Die  ii-ische  Form  von  Olaf,  Anlaf  ist,  wie  schon  be- 
merkt, Ämlaibh,  gesprochen  Ätvlay,  die  welsche  Äbloyc  oder 
Abloec  (h  hier  =  v)  -).  Der  Name  Äbloyc  Cuaran  ist  also 
vollkommen  identisch  mit  IlaveloJc  Cuhermiy  wie  denn  das 
alte  Grimsby- Siegel,  Sigillum  Communitatis  Grimebye, 
(zweite  Hälfte  13.  Jahrhunderts),  das  Grim  zwischen  „Golde- 
burgh"  und  Havelok  darstellt,  den  Namen  in  der  Form 
„Habloc''  bietet '^).  Freilich  bedeutet  der  Beiname  Cuaran 
nicht,  wie  es  im  Lai  heifst,  im  Welschen  „Küchenjunge", 
vielmehr  ist  das  Wort,  wie  schon  oben  bemerkt,  irisch  und 
heilst  „Sandale";  aber  es  gibt,  wie  Skeat  in  seiner  Aus- 
gabe des  englischen  Lai  bemerkt,  im  Britischen  Worte 
der  gleichen  Wurzel,  welche  dazu  verführen  konnten,  dem 
Worte  jene  Bedeutung  beizulegen.  Skeat,  und  mit  ihm 
Storm  nehmen  an,  dafs  eben  diese  falsche  Übersetzung 
des  Namens  die  Entstehung  der  Geschichte  von  seinem 
Leben  als  Küchenjunge  veranlafste. 

Nach  dem  Gesagten  zeigt  die  Geschichte  Olaf  Cuarans 
bemerkenswerte  Analogien  mit  der  Havelok  Cuherans. 
Auch  Olaf  ist  ein  dänischer  Königssohn,  der  aus  seinem 
väterlichen  Reiche  ungerechterweise  vertrieben  wird,  sich 
an  den  Hof  eines  britischen  (des  schottischen)  Königs 
begibt  und  dessen  Tochter  heiratet,  später  aber  in  sein 
väterliches  Reich  (Nordhumbrien)  zurückkehrt  und  den 
Thion  besteigt. 

')  Über  Olafs  Schicksale  handelt  ausführlich  Todd,  Cogadh  Oae- 
dfiel,  S.  280 ff.;  s.  ferner  GoUancz,  Hamlet  in  Iceland,  S.  XLV,  Zimmer, 
Kelt.  Beitr.  DI  in  Zeitschr.  f.  deutsch.  Altert.  1891,  S.  66  und  Storm, 
Engl.  Stud.  3,  534.   über  Gormflaith  vgl.  Todd  a.  a.  0.  S.  CXLVni  n.  3. 

*)  S.  über  den  Namen  jetzt  noch  Genaueres  bei  Heyman,  a.  a.  0. 
S.  70  f. 

')  S.  Ward,  op.  cit.  S.  442,  und  die  Abbildung  des  Siegels  bei 
Skeat,  Havelok^y  Frontispiz. 


—     102     — 

Mit  diesem  Olaf  Ciiaran  ist  durch  die  Sage  ein  jüngerer 
Olaf,  der  bekannte  Olaf  Tnjggvason,  König  von  Norwegen 
von  995 — 1000,  verwechselt  worden.  Von  ihm  erzählt  die 
grofse  Olafssaga  ^),  er  habe  Cuaran  in  Dublin  besucht,  was 
aber  ein  Versehen  sein  mufs,  da  letzterer,  wie  wir  sahen, 
bereits  981  starb,  Olaf  Tryggvason  aber  seinen  Zug  nach 
dem  Westen  erst  um  984  antrat.  Vielleicht  liegt  hier  eine 
Verwechselung  vor  mit  Cuarans  Sohne  Sitric,  der  994  aus 
Dublin  vertrieben  wurde,  insofern  es  nämlich  nicht  un- 
wahrscheinlich ist,  dafs  dieser  seine  Wiedereinsetzung  seiner 
Verbindung  mit  Olaf  Tryggvason  verdankte. 

Was  die  nordischen  Sagaschreiber  über  Olaf  Trygg- 
vasons  Jugendschicksale  berichten,  erinnert  zum  Teil  so 
sehr  an  die  sagenhaften  Schicksale  Olaf  Cuarans,  dafs  die 
Annahme,  es  seien  die  letzteren  teilweise  auf  Olaf  Trygg- 
vason übertragen  worden,  grofse  Wahrscheinlichkeit  für 
sich  hat.  Danach  wird,  noch  bevor  Olaf  geboren,  nach 
anderen,  als  er  drei  Jahre  alt  ist,  sein  Vater  Tryggvi, 
König  von  Viken  in  Süd-Norwegen,  im  Jahre  963  ermordet. 
Seine  Mutter  flieht  mit  ihm  unter  der  Führung  des  greisen 
Thorolf  von  Ort  zu  Ort.  In  der  Ostsee  werden  sie  von 
Piraten  gefangen  genommen,  Thorolf  und  Olaf  fallen  einem 
von  ihnen,  dem  Klerkom,  als  Beute  zu;  dieser  tötet  den 
Greis  und  verkauft  den  Knaben.  Nach  6  Jahren  trifft 
Olaf  seinen  Oheim  Sigurd,  der  im  Dienste  des  Königs  von 
Eufsland  steht.  Sigurd  nimmt  ihn  mit  sich  nach  Holmgard, 
d.  i.Novgorod,  hält  aber  seine  Herkunft  geheim.  Auf  dem 
Markte  trifft  Olaf  eines  Tages  den  Klerkom  und  tötet  ihn 
mit  der  Axt.  Es  entsteht  ein  Tumult,  Olaf  wird  von 
Sigurd  in  das  Haus  der  Königin  geflüchtet,  die  ihm  ihre 
Mannen  zur  Verfügung  stellt.  Das  Volk  sucht  nach  Olaf 
und  vernimmt,  dafs  er  bei  der  Königin  weile.     Man  zieht 

^)  The  Heimskringla  or  Clironiele  of  the  Kings  of  Noricay,  transl. 
by  Samuel  Laing,  vol.  I,  London  1844,  367fi'. 


—     103      — 

vor  das  Haus,  doch  duldet  der  König  nicht,  dafs  es  zum 
Blutvergiefsen  kommt.  Olaf  beginnt  nun  seine  kriegerische 
Laufbahn. 

Wie  Ward,  Catal.  of  Rom.  I,  S.  436  hervorhebt,  hat 
diese  Sage  fünf  Motive  mit  der  Haveloksage  geraein: 

1.  Die  Ermordung  von  Olafs  Vater;  2.  Die  Flucht  der 
Mutter  und  des  Pflegevaters;  3.  Die  Trennung  von  der 
Mutter  durch  Piraten;  4.  Das  Wiederfinden  mit  dem  bejahr- 
ten Getreuen  oder  Oheim;   5.  Den  Tumult  auf  dem  Markte^). 

Dazu  komme  noch  die  Flamme  auf  dem  Haupte,  die 
allerdings  hier  in  modifizierter  Form  erscheine;  s.  Grofse 
Olafssage  c.  57.  Fornmanna  Sögur  v.  I,  1825,  S.  96. 
Flateyjarhoh  I,  1860,  S.  88.^) 

Nach  dem  Gesagten  kann  es  also  nicht  zweifelhaft 
sein,  dafs  Olaf  Cuaran  wenigstens  für  gewisse  Elemente 
der  Sage  das  historische  Prototyp  des  Havelok  Cuheran 
ist.  Zwei  Möglichkeiten  bestellen  nun  aber:  Die  Havelok- 
sage ist  geradezu  der  poetische  Reflex  der  Schicksale  des 


^)  Die  fragliche  Episode  des  Havelok,  V.  683 — 825  des  Lai,  wurde 
oben  bei  der  Inhaltsangabe  übergangen.  Danach  beschliefsen  sechs 
von  den  Knappen,  die  an  der  Tafel  Sigar  Lestals  Havelok  und  Argen- 
tille  bedienen,  sich  der  letzteren  zu  bemächtigen.  Als  Havelok  und 
Argentille  nach  Beendigung  des  Mahles  nach  ihrer  Herberge  geleitet 
werden,  fallen  jene  Knappen  über  sie  her  und  wollen  Argentille  fort- 
schleppen. Havelok  aber  entreifst  einem  der  Angi-eifer  seine  Axt 
und  tötet  damit  die  anderen  fünf.  Es  entsteht  nun  ein  Auflauf, 
Havelok  flüchtet  mit  Argentille  in  eine  Kirche,  steigt  auf  den  Tarm 
und  schleudert  Steine  auf  die  Angreifer  herab,  die  sich  zurückziehen. 
Sigar,  von  dem  Vorfall  benachrichtigt,  eilt  selbst  herbei  und  nimmt 
Havelok  mit  sich  aufs  Schlofs. 

■^)  Olrik  meint  wohl  die  Stelle  —  ich  selbst  bin  des  Altnordischen 
nicht  mächtig  — ,  welche  in  der  Historia  de  reye  Olavo  Trygyvii  ßlio, 
secHndum  Oddum  monachum,  Scripta  Hist.  Island.  X,  201  lautet:  [Die 
vates  prophezeien  von  dem  9jährigen  Olaf]  Cujus  genii  tantam  esse 
praestantiam  praedicarunt ,  ut  lux,  quae  cum  superfulcjeret ,  per  totum 
regnum  Oardorum  et  multa  orientis  loca  diffunderetur. 


—     104     — 

historischen  Olaf  Cuaran;  oder  aber:  es  existierte  eine  Sage, 
welche  gewisse  Analogieen  aufwies  mit  der  Geschichte 
Olafs,  und  welche  infolgedessen  auf  ihn  übertragen  wurde, 
was  dann  bewirkte,  dafs  anderseits  diese  Sage  durch  die 
Schicksale  Olafs  beeinflufst  wurde;  mit  anderen  Worten: 
die  Haveloksage  kann  sein  das  Eesultat  einer  Vermenguiig 
einer  älteren  Sage  mit  gewissen  Momenten  der  Geschichte 
des  historischen  Olaf  Cuaran.  Offenbar  ist  es  diese  zweite 
Möglichkeit,  für  die  wir  uns  entscheiden  müssen:  in  der 
Haveloksage  einfach  einen  Widerschein  der  Geschichte 
Olafs  zu  erblicken,  verbietet  einerseits  ihre  nachgewiesene 
Übereinstimmung  mit  der  Servius-TuUius-Sage,  andererseits 
ihre  Übereinstimmung  mit  der  Haveloksage,  wie  sie  bei 
Saxo  und  im  Boeve  v.  Hamtone  vorliegt,  insofern  die  letztere, 
wie  oben  festgestellt  wurde,  auf  die  römische  Brutussage 
zurückgeht.  Vielmehr  ist  also  die  Haveloksage  entstanden 
durch  eine  Verknüpfung  der  Servius-Tulliussage  mit  der 
Brutus-Tulliasage  und  Übertragung  dieser  neuen  Misch- 
sage auf  den  historischen  Olaf  Cuaran.  Die  Haveloksage 
ist  in  ihren  Grundzügen  identisch  mit  der  Hamletsage, 
welche,  wie  später  gezeigt  werden  wird,  entstand,  indem  die 
Olafsage  auf  eine  andere  historische  Persönlichkeit,  auf 
Hamlet,  übertragen  wurde.  Die  starken  Verschiedenheiten 
der  beiden  Sagen  erklären  sich  durch  ihre  getrennte  Weiter- 
entwickeltmg,  indem  der  eine  der  Bearbeiter  diese,  der  andere 
jene  Motive  fallen  liefs  oder  umbildete  oder  neu  einfügte. 
Die  angenommene  Entstehung  der  Haveloksage,  ihre 
Verschmelzung  aus  den  angegebenen  drei  Elementen,  wird, 
wenn  wir  alle  allgemeinen,  häufiger  begegnenden  Züge  bei 
Seite  lassen,  sichergestellt  durch  das  Vorhandensein  folgen- 
der durchaus  eigenartiger  Motive,  von  denen  es  nicht  zu 
glauben  ist,  dafs  sie,  im  Zusammenhang  mit  anderen  all- 
gemeineren übereinstimmenden  Motiven,  mehrmals  ersonnen 
worden  sein  sollten: 


—     105    — 

1.  Die  von  dem  Haupte  des  schlafenden  Knaben  aus- 
gehende prophetische  Flamme;  diese  stammt  aus  der  rö- 
mischen Sage  von  Servius  Tullius,  vgl.  Livius  und  Dionys 
V.  Halikaniass. 

2.  Die  vermeintliche  Narrheit  des  in  Niedrigkeit  im 
Hause  des  Königs  aufwachsenden  Knaben  und  sein  spafs- 
haftes  Gebahren:  „sie  hielten  ihn  für  einen  Narren",  heifst 
es  von  Havelok,  und:  „der  König  ernannte  ihn  zu  seinem 
Spafsmacher  (;'w^fewr/S-  das  Motiv  stammt  aus  der  Brutus- 
sage, vgl.  Livius  von  Brutus:  Ivdihrium  (Spafsmacher) 
verius  quam  comes. 

3.  Haveloks  Name  Havelok  Cuheran,  der  augenschein- 
lich identisch  ist  mit  dem  Namen  Olafs  in  dessen  welscher 
Form:  Ahloyc  Cuaran,  sowie  die  Geschichte  von  seiner  Stel- 
lung als  Küchenjunge,  die  entstanden  ist  durch  eine  falsche, 
volksetymologische  Deutung  von  Olafs  Beinamen  Cuaran. 

Dafs  die  Hamletsage  sich  aus  den  gleichen  Elementen 
zusammensetzt,  machen  zum  mindesten  höchst  wahrschein- 
lich folgende  in  ihr  vorhandene  Motive,  die  nicht  alle  die 
gleiche  Beweiskraft  besitzen  wie  die  eben  genannten,  aber 
in  ihrer  Gesamtheit  ein  starkes  Gewicht  erlangen;  ich  setze 
als  erwiesen  voraus,  dafs  der  Boeve  v.  Hamtone  eine  Ver- 
sion der  Hamletsage  darstellt: 

1.  Hamlet  tut  sich  am  Hofe  des  Königs  von  Britannien 
durch  seine  Klugheit  hervor,  der  König  wird  infolge  dessen 
von  einer  wahren  Verehrung  für  "ihn  erfüllt  („jedes  Wort 
von  ihm  betrachtete  er  wie  ein  Zeugnis  des  Himmels")  und 
gibt  ihm  seine  Tochter  zur  Frau. 

Boeve  zeichnet  sich  am  Hofe  des  Königs  der  Bretagne, 
Hermins,  durch  seine  Stärke  und  seine  Tapferkeit  aus,  so 
dafs  niemand  sich  mit  ihm  messen  kann.  Der  König  macht 
ihn  zum  Ritter  und  ernennt  ihn  zum  Befehlshaber  seines 
Heeres.  Boeve  zieht  als  solcher  gegen  Bradmond  zu  Felde, 
erringt  den  Sieg  und  zwingt  Bradmond,   sich  als  Lehns- 


—     106     — 

mann  des  Königs  zu  bekennen.  Hermin  gewinnt  Boeve 
sehr  lieb,  Neider  aber  suchen  diesen  zu  stürzen.  Die  Tochter 
des  Königs  verliebt  sich  in  Boeve  und  wird  später  seine 
Frau  (der  König  selbst  hatte  sie  ihm  als  Frau  angeboten, 
aber  nur  unter  der  Bedingung,  dafs  er  Heide  würde,  was 
Boeve  ablehnte). 

Alles  dies  erinnert  lebhaft  an  die  Schilderung,  die 
Livius  und.  besonders  Dionys  v.  Halikarnass  auf  Grund 
älterer  römischer  Autoren,  vielleicht  epischer  Dichtungen 
(Ennius),  von  dem  Verhältnis  des  jungen  Servius  Tullius 
zu  Tarquinius  Priscus  entwerfen.  Die  Darstellung  im 
Boeve  v.  Hamtone  nimmt  sich  beinahe  aus  wie  eine 
unmittelbareBearbeitung  desBerichtes  desDionys; 
alle  wesentlichen  Züge  der  Tulliussage  finden 
teils  bei  Saxo,   teils  im  BvH  ihre  Entsprechung: 

Dionys  erwähnt  ausdrücklich  die  glänzende  geistige 
Begabung  des  jungen  Servius  (1);  man  hält  ihn  (der  Flamme 
auf  seinem  Haupte  wegen)  für  ein  vom  Himmel  begnadetes 
Wesen  (2);  er  wird,  noch  ein  halber  Knabe  (ävrmaig  jukv 
cov  eri),  zum  Ritter  ernannt  (iv  zoig  mjievoi  rerayfievog)  (3); 
er  übertrifft  an  Tapferkeit  alle  anderen  Ritter  (4);  er  wird 
(mit  zwanzig  Jahren)  zum  Befehlshaber  des  ganzen  Heeres 
ernannt  (oTQaT7]y6g)  (b),  und  unterwirft  als  solcher  dem 
Könige  eine  feindliche  Nation  (die  Tyrrhenier)  (6);  der 
König  bewundert  ihn  (fjydo&i]J  (7)  und  hegt  unbegrenztes 
Vertrauen  zu  seiner  Eingeht  (8),  er  gibt  ihm  deshalb  seine 
Tochter  zur  Frau  (9);  Servius  hat  erbitterte  Neider,  die 
ihn  zu  stürzen  suchen  (die  beiden  Söhne  des  Ancus)  (10). 

Wenn  das  Moment  der  kriegerischen  Taten  des  Helden 
bei  Saxo  fehlt  und  hier  nui^  von  seiner  hervorragenden 
Klugheit  die  Rede  ist,  so  tritt  ergänzend  ein  eine  andere, 
später  zu  besprechende  Version  der  Hamletsage,  die  von 
Saxo  unabhängig  ist,  die  isländische  Ambalessaga,  welche 
das  betreffende  Moment  enthält  und  das  Verhältnis  Harn- 


—     107     — 

lets  zum  König  ganz  älmlich  schildert  wie  die  römische 
Sage  das  Verhältnis  des  Servius,  der  ßvH  das  des  Boeve 
zum  König.  „Der  König  sagte"  [zu  Hamlet],  heifst  es  in 
der  Ambalessaga/):  „Du  bist  weise,  und  Deines  Gleichen 
kenne  ich  nicht,  darum  möchte  ich  einen  Vertrag  mit  Dir 
scliliefsen  und  will  forthin  Deinen  Worten  glauben."  Der 
König  war  fröhlich  und  gewann  Hamlet  sehr  lieb, 
und  er  betraute  ihn  mit  der  Verteidigung  des 
Landes,  und  Hamlet  errang  stets  den  Sieg  und  erwarb 
gewaltigen  Reichtum.  Er  war  weise  und  vorausblickend, 
und  viele  befragten  ihn  um  seinen  Rat  und  gingen  ihn  um 
sein  Urteil  an;  er  war  der  nächste  nach  dem  König." 
Die  aufgeführten  Züge  der  Harn  Jetsage  sind  ja  nun, 
einzeln  genommen,  von  geringem  Gewicht,  in  ihrer  Ge- 
samtheit aber  bilden  sie  m.  E.  eine  Kette,  deren  Glieder 
sich  gegenseitig  Stärke  verleihen,  und  diese  Kette  von 
Übereinstimmungen  —  es  sind  tatsächlich  fast  alle  Mo- 
mente von  Dion.  IV,  cap.  3  in  der  Hamletsage  vorhanden 
—  scheint  mir  einen  unmittelbaren  Zusammenhang  zwischen 
der  Servius-TuUiussage,  wie  sie  Dionys  überliefert,  und 
der  Hamletsage  in  hohem  Grade  wahrscheinlich  zu  machen, 
sei  es  nun,  dafs  der  letzteren  eine  lateinische  Übersetzung 
der  betreffenden  Kapitel  des  Historikers  zu  Grunde  liegt, 
oder  dafs  sie  aus  der  gleichen  alten  Quelle  geflossen  ist, 
die  er  benutzt  hat. 

2.  Dafs  die  Brutus-Tulliussage  das  Grundelement  der 
Hamletsage  bildet,  wurde  oben  nachgewiesen.  Aus  ihr 
stammt  vor  allem  das  durchaus  eigenartige  Motiv  des  ver- 
stellten Wahnsinns  des  Helden  sowie  die  im  Auftrag  des 
Königs  unternommene  überseeische  Reise  mit  zwei  Be- 
gleitern. 

3.  Die   Hamletsage   weist    mehrere   Züge    auf. 


^)  I.  GoUancz,  Hamlet  in  Icelund  S.  143. 


—     108     — 

welche  der  Haveloksage  fehlen,  aber  lebhaft  er- 
innern an  Züge  der  oben  mitgeteilten  Geschichte 
Olaf  Cuarans.  Hamlet  wird,  wie  Olaf,  durch  den  Oheim 
seines  Erbes  beraubt.  Wie  Olaf  begibt  sich  Hamlet  (im 
zweiten  Teil  der  Sage,  Saxo  B.  IV)  nach  Schottland  und 
heiratet  die  Tochter  des  schottischen  Königs.  Wie  Olaf 
führt  er,  nachdem  er  die  schottische  Königstochter  ge- 
heiratet hat,  Krieg  gegen  den  König  von  Britannien  = 
England  (Olafs  Krieg  gegen  Äthelstan).  Die  Grausam- 
keit und  der  unbotmäfsige  Charakter  von  Olafs  zweiter  Ge- 
mahlin Gormflaith  (s.  oben  S.  100)  erinnern  an  die  gleichen 
Charaktereigenschaften  von  Hamlets  zweiter  Gemahlin  Her- 
muthruda-Thrydo,  und  genau  wie  jene  den  Besieger  ihres 
Gatten,  Malachy,  heiratet,  wirft  Hermuthrud  sich  Hamlets 
Besieger,  Wiglet,  in  die  Arme. 

Diese  verschiedenen  zusammenstimmenden  Züge  machen 
es  äufserst  wahrscheinlich,  dafs  in  der  Hamletsage  sich 
ein  Einschlag  von  Motiven  findet,  die  aus  der  Geschichte 
Olaf  Cuarans  stammen. 

Dann  setzt  sich  also  die  Hamletsage  aus  den  gleichen 
Elementen  zusammen  wie  die  Haveloksage,  und  beide  Avaren 
offenbar  ursprünglich  identisch:  die  Hamletsage  ist  die 
an  einen  anderen  Namen  geheftete  Olafsage.  Die 
Motive  der  Grundsage  haben  sich  in  ihren  beiden  Sprofs- 
formen,  der  uns  vorliegenden  Fassung  der  Haveloksage 
und  der  Hamletsage,  zum  Teil,  wenn  auch  mit  mancherlei 
Modifikationen,  erhalten,  zum  Teil  sind  sie  geschwunden, 
und  zwar  sind  es  natürlich  verschiedene  Züge,  die  im 
Laufe  der  Zeit  hier  und  dort  getilgt  wurden.  In  der 
Hamletsage  erscheinen  die  drei  Hauptelemente  gleichsam 
addiert:  Brutus  +  Servius-Tullius  +  Olaf  Cuaran.  Der 
in  der  Heimat,  im  Hause  des  Stiefvaters  verweilende,  sich 
blödsinnig  gebärdende  Hamlet,  ist  der  im  Hause  des 
Usurpators,   des  Tarquinius   Superbus,  aufwachsende,  sich 


—     109     — 

blödsinnig  stellende  Brutus.  Der  an  fremdem  Königshofe 
weilende,  geistig  normal  erscheinende  Hamlet,  der  sich 
durch  glänzende  geistige  Fähigkeiten  und  durch  Tapfer- 
keit hervortut  und  die  Tochter  des  Königs  heiratet,  ist  der 
an  dem  fremden  Königshofe  des  Tarquinius  Priscus  auf- 
wachsende Servius  Tullius,  der  sich  durch  hohe  Einsicht 
und  glänzende  kriegerische  Taten  auszeichnet  und  dafür 
mit  der  Hand  der  Königstochter  belohnt  wird.  Ich  möchte 
mir  hier  die  Vermutung  erlauben,  dafs  die  beiden  Tra- 
banten Saxos,  die  beiden  „Verräter",  die  Hamlet  auf  seiner 
Reise  begleiten  und  den  Uriasbrief  überbringen  sollten, 
(Rosenkrantz  und  Güldenstern  bei  Shakespeare),  einen 
Reflex  darstellen  von  den  beiden  Söhnen  des  Ancus 
Martins,  die  in  der  Tulliussage  die  Rolle  der 
..Verräter"  spielen,  indem  sie  gegen  Servius  intri- 
guieren  und  den  König  ermorden  lassen,  und  die 
die  Sage  identifiziert  haben  wird  mit  den  beiden 
Söhnen  des  Tarquinius  Superbus,  die  Brutus  auf 
seiner  Reise  begleiten  und  die,  wie  wir  sahen,  ja 
offenbar  das  Vorbild  für  jene  beiden  Saxoschen  Trabanten 
abgegeben  haben.  Wenn  die  Sage  Brutus  und  Servius 
Tullius  gleichsetzte,  so  lag  offenbar  die  Identifikation  der 
beiden  in  der  Tulliussage  auftretenden,  dem  Helden 
feindlichen  Königssöhne  mit  den  beiden  Königssöhnen 
der  Brutussage,  den  Söhnen  des  ihm  feindlichen  Tar- 
quinius Superbus,  nahe  genug. 

Die  Annahme  nun,  es  sei  die  Hamletsage  zum  Teil 
hervorgegangen  aus  einer  Vereinigung  der  Servius-Tullius- 
sage  mit  der  Brutussage,  erklärt  sehr  einfach  die  immer- 
hin auffällige  Tatsache,  dafs  Hamlet  am  britischen  Königs- 
hofe die  Maske  des  Blödsinnes  vollkommen  ablegt,  da  er 
doch  wohl  die  Befürchtung  hegen  mufste,  es  könne  die 
Kunde  von  seiner  geistigen  Gesundheit  Fengo  zugetragen 
werden   und  dieser  dadurch  veranlafst  werden,  neue  An- 


—     110     — 

schlage  gegen  ihn  zu  planen.  Der  mit  einem  Schlage 
ganz  veränderte  Hamlet  am  britannischen  Hofe  ist  eben 
=  Servius  Tullius,  es  liegt  der  Episode  die  Tulliussage 
zu  Grunde,  und  dieser  war  das  Motiv  des  verstellten 
Wahnsinns  des  Helden  fremd. 

Als  drittes  Element  schliefst  sich  dann  in  der  Hamlet- 
sage an  die  Geschichte  des  Wikingerkönigs  Olaf  Cuaran, 
die  die  wesentliche  Grundlage  des  zweiten  Teiles  der 
Sage,  der  ersten  Kapitel  von  Saxos  4.  Buche  bildet: 
Hamlet  reist  wie  Olaf  nach  Schottland,  führt  Krieg  gegen 
den  König  von  England,  wird  später  von  einem  anderen 
König  besiegt  und  hat  zu  dieser  Zeit  eine  Gattin  von 
(ursprünglich)  wildem,  grausamem  Charakter,  die  sich  dem 
glücklichen  Sieger  in  die  Arme  wirft,  —  alles  Züge,  die 
ihre  Entsprechung  finden  in  der  oben  S.  99  f.  dargelegten 
Geschichte  Olaf  Cuarans,  in  welcher  Hamlets  zweiter  Gattin 
Hermuthrud  teils  Olafs  erste  Gattin,  die  Tochter  des  schotti- 
schen Königs,  teils  seine  zweite  Gattin,  die  schöne,  aber 
bösartige  Gormflaith  entspricht. 

Dafs  Züge  aus  der  Geschichte  Olafs  Cuarans  auf  Hamlet 
übertragen  worden  seien,  dafs  die  Sage  beide  identifizierte, 
ist  auch  die  Meinung  Wards,  Engl.  Eist  Revieio  X  (1895),  147. 
Doch  hält  er  die  Sagen  für  ursprünglich  verschieden,  die 
von  Hamlet  für  einen  Ausläufer  der  Brutussage,  die  von 
Havelok  für  einen  etwas  entfernteren  Schöfsling  der  Servius- 
Tulliussage;  beide  seien  an  Anlaf  Cuaran  angeknüpft  worden: 
„/  am  myself  inclmed  to  helieve  that  various  Anglo-Banish 
minstrels  identified  hoth  heroes  with  Anlaf  Cuaran,  and 
modified  the  tales,  and  apx>ended  the  last  tvild  camp  story^' 
(die  von  den  wiederaufgerichteten  Toten). 

Wir  haben  nun  der  Frage  nahe  zu  treten:  Wie  kam 
es,  dafs  in  der  Sage  Olaf  Cuaran  =  Havelok  Cuheran  er- 
setzt wurde  durch  Hamlet,  dafs  die  Sage  sich  an  diesen 
anderen  Namen  heftete?     Der  Versuch,  die  Frage  zu  be- 


—   111   — 

antworten,  wird  uns  das  mutraafsliche  historische  Vorbild 
Hamlets  kennen  lehren. 


Der  geschichtliche  Aralcth-Amhlaide. 


I.  Gollancz,  Hamlet  in  Iceland,  S.  L  erklärt  den  Ersatz 
des  Namens  Olaf  durcli  Hamlet  (Amleth)  durch  Annahme 
einer  Verwechselung  Olafs  mit  seinem  Vater  Sihtric  Gale. 
Die  Sache  ist  diese: 

Der  Name  Amleth  —  so  hat  Saxo  —  in  seiner,  auf 
der  altnordischen  Grundform  Amloäi  beruhenden  irischen 
Form  Amhlaide  begegnet  als  der  Name  eines  dänischen 
Wikingers  zum  J.  917,  d.  i.  919  unserer  Zeitrechnung,  in 
den  Annais  of  the  Kingdom  of  Ireland  hy  tlie  four  Masters  ^) 
sowie  in  einem  alten  Annalenfragment,  Annais  of  Ireland, 
Three  Fragments,  copied  from  ancient  sources^)^  hier  aber 
zum  J.  909,  in  einer  Schilderung  der  am  15.  Sept.  erst- 
genannten Jahres  geschlagenen  grol'sen  Schlacht  von  Ath- 
Cliath,  d.  i.  Kilmashogue  bei  Rathfarnham  in  den  Bergen 
südlich  von  Dublin.  In  dieser  Schlacht  errangen  die  Dänen 
unter  Sihtric  Gale,  dem  Vater  Olaf  Cuarans,  einen  glänzenden 
Sieg  über  die  Iren  unter  König  Niall  Glundubh,  dem  Sohne 
des  Aedh  FinnJiath.  Niall  selbst  fiel,  mit  ihm  zwölf  Könige 
und  viele  Grofseu'^. 


1)  Ed.  J.  O'Donovan,  vol.  I,  Dublin  1851,  S.  597.  Über  die 
Quellen  dieser  Annalen  s.  Bezzenbergers  Beiträge  18,  57. 

«)  Ed.  J.  O'Donovan,  Dublin  1860. 

»)  Vgl.  über  die  Schlacht  Todd,  Cogadh  Gaedhcl,  Introd.  S.  XCfF.; 
diese  Chronik  enthält  c.  XXXI  gleichfalls  einen  Bericht  über  die 
Schlacht,  ebenso  die  Ulster-Annalen  z.  J.  918 — 19,  ed.  O'Conor,  Her. 
Hibern.  Srripf.  TV. 


—     112     — 

Der  Annalist  der  Four  Masters  zitiert  mehrere  Frag- 
mente von  Liedern,  die  auf  diese  Schlacht  gedichtet  wurden, 
darunter  auch  das  Fragment  eines  solchen,  als  dessen  Ver- 
fasser bezeichnet  wird  Nialls  eigene  Witwe,  die  Königin 
Grormflaith ^),  und  eben  dieses  Fragment  mit  noch  vier  vor- 
ausgehenden Versen,  die  in  den  Four  Masters  fehlen,  wird 
zitiert  in  dem  genannten  Annalenfragment ;  in  diesem 
Liede  helft  es,  König  Niall  sei  erschlagen  worden 
von  Amhlaide: 

„Bitter  für  mich  der  Grufs  der  beiden  Ausländer 

[d.  i.  Wikinger], 

Die  erschlugen  den  Niall  und  Cearbhall; 

Cearbhall  wurde  erschlagen  von  Ulf,  eine  gewaltige 

Tat, 

Niall  Glundubh  von  Ämhlaiäe-)." 
Amhlaide  ist  die  irische  Form  von  an.  Ämloäi  =  A^n- 
leth,  Hamlet,  s.  Bezzenbergers  Beitr,  18  (1892),  S.  116.  Der 
Herausgeber  O'Donovan  hat,  wie  Gollancz  S.  LI  zeigt,  das 
irische  Amhlaiäe  in  seiner  Übersetzung  fälschlich  mit 
Amhlaeihh  =  Anlaf,  Olaf,  welsch  Äbloyc,  wiedergegeben, 
und  ihm  sind  die  Historiker  gefolgt,  die  berichten,  Niall 
sei  von  einem  Olaf  erschlagen  worden.  Dafs  Amhla'ute 
nicht  etwa  aus  AmJdaihh  entstellt  ist,  beweist  das  Metrum, 
das  einen  3-silbigen  Namen  fordert. 


^)  Sie  ist  nicht  zu  verwechseln  mit  Olaf  Cuarans  gleichnamiger 
Gattin. 

^)      ,(Cearbhal  was  always  vigorous; 

His  rule  was  vigorous  tili  death; 

What  retnained  of  his  tributes  impaid 

He  hrought  by  his  strength  to  Nds.) 

Ill  for  me  the  compliment  of  tJie  two  foreigners, 

Who  slew  Niall  and  Cearbhall; 

Cearbhall  was  slain  by   Ulf,  a  mighty  deed; 

Niall  Glufidubh  by  Amhlaide^. 
(Übersetzung  von  O'Donovan  und  von  Gollancz   S.  LI;   in  den  Four 
Masters  nur  die  letzten  vier  Verse.) 


—     113     — 

Wer  war  dieser  sonst  nicht  genannte  Amhlaide?  Da 
die  irische  Chronik  Cogiulh  Gaedhel  c.  XXXI  als  Anfülirer 
des  dänischen  Heeres  nennt  „Sitriuc  (d.  i.  Slgtryggr)  und 
die  Kinder  des  Imar  (Clanna  Imar/%  so  ist  es  wahrschein- 
lich, dai's  Imhar  in  den  Annals  of  the  Four  Masters  ein 
Irrtum  ist  für  Clanna  Imhar,  „Kinder  des  Imar",  und  dafs 
Sitric  Gale,  der  Enkel  des  Imar,  der  Vater  des  Olaf  Cuaran, 
der  alleinige  Führer  des  dänischen  Heeres  war.  Nun  geben 
die  Angelsächsische  Chronik^),  Simeon  von  Durham-),  Henry 
von  Huntingdon^),  Gaimar*)  und  andere  Historiker  alle 
an,  „Sitric  habe  den  Niel  erschlagen"  und  Hodgson^')  hat 
gezeigt,  dafs  dieser  Niel  identisch  ist  mit  Niall  Glundubh, 
der  aber  nicht  König  von  Nordhumberland  und  Sitrics 
Bruder  war,  als  welchen  die  genannten  Quellen  Niel  be- 
zeichnen. Gollancz  meint,  es  liege  vielleicht  eine  Ver- 
wechselung Sitrics  vor  mit  Sitriuc,  der  seinen  Bruder  Sich- 
frith  erschlug,  s.  Ulster-Annalen  a.  888:  Sichfrith  Mac  Imain 
rex  Nordmannorum  a  fratre  suo  per  dolum  occisus  est; 
Sichfriths  einziger  bekannter  Bruder  war  aber  Sitriuc. 

Da  somit  nach  diesen  jüngeren  Quellen  Olafs  Vater 
Sitric  den  Niall  erschlagen  habe,  meint  Gollancz,  so  müsse 
der  Name  Amhlaide  in.  dem  Liede  der  Gormflaith  eben 
ihn  bezeichnen.  Nun  findet  sich  aber  dieser  Name  für 
Sitric  nirgends,  vielmehr  begegnen  nur  die  Beinamen 
Caech,  irisch,  =  „blind,  einäugig",  und  Gale  oder  Gaile, 
ein  Wort,  das  sich  aus  dem  Keltischen  nicht  erklären  läfst. 
Gollancz  stellt  deshalb  die  Hypothese  auf,  gaile  sei  =  an. 

1)  Mrni.  Eist.  Brit.  I,  S.  381,  ad  a.  921. 

«)  Ibid.  S.  686,  ad  a.  914. 

3)  Ibid.  S.  745. 

*)  K(l.  TTardy  u.  Martin  V.  3501 : 

Treis  anx  apres  Sihtrix  li  reis, 

Ki  l'altre  partie  teneit  de  Merccneis, 

Ocist  Neel  son  frere,  a  tort. 
*)  Northumberland  B.  I. 
Zenker,  Boeve-Amlethns.  8 


—     114     — 

galiär  =  galinn,  „bezaubert,  wahnsinnig,  mad'%  das  Part. 
Perf.  von  gala,  „bezaubern",  und  Ämhlaiäe  sei  von  Gorm- 
flaith  vielleicht  als  Synonymura  von  ,,Gaile"  gebraucht 
worden,  insofern  Sitrics  Laufbahn  vielleicht  an  die  Schick- 
sale Amloäis,  Hamlets,  in  der  Sage  erinnert  hätte.  Doch 
wendet  Gollancz  sich  selbst  ein,  es  sei  dann  auffällig,  dafs 
Sitrics  eigene  nordische  Landsleute  ihn  nie  so  bezeichnet 
hätten.  G.  weist  deshalb  noch  auf  die  andere  Möglichkeit 
hin,  dafs  der  Name  Amloäi- Ämhlaiäe,  der  sich  aus  dem 
Nordischen  noch  nicht  habe  erklären  lassen,  möglicherweise 
irischen  Ursprungs  sein  und  „Narr"  bedeuten  könne: 
„amhlair",  „amadon'-,  and  „amlaidhe'^  may  once  have  beert 
Synonyms  in  Irish  speech  for  that  most  populär  character 
among  all  folJc,  and  more  especially  the  Irish,  to  wit, 
.,the  fool";  the  nickname  „amlaidhe''  may  perhaps  represent 
the  confluence  of  the  char acter istic  Northern  name  „Amlaihh^'' 
and  some  such  Celtic  word  as  ,,amhaide'%  sour,  sulky,  surly 
(cp.  „amaideac^'^  silly,  absurd,  fantastic,  foolish,  idiotic). 

In  jedem  Fall,  meint  Gollancz,  scheine  Olaf  Cuarans 
Vater  im  Königreiche  Dublin  unter  dem  Namen  Ämhlaiäe 
bekannt  gewesen  zu  sein.  „Später  wurden  der  Vater  und 
der  berühmte  Sohn  ohne  Zweifel  in  der  volksmäfsigen 
Tradition  vermengt,  was  erleichtert  wurde  durch  die  laut- 
liche Ähnlichkeit  zwischen  Amlaibh,  der  irischen  Form 
von  Anlaf,  und  Ämhlaiäe,  der  irischen  Form  von  Amloäi. 
Vermöge  lautgesetzlicher  Veränderungen  fielen  schliefslich 
beide  Worte  vollkommen  zusammen"  (G.  beruft  sich  hier 
auf  Kuno  Meyer,  nach  dem  sowohl  Amlaihh  als  Amlaidhe 
englisch  Auley  ergeben  mufsten).  G.  meint,  die  Sage  von 
Hamlet,  wie  sie  bei  Saxo  vorliegt,  sei  im  11.  Jahrhundert  aus- 
gebildet worden  im  keltischen  Westen,  speziell  im  skan- 
dinavischen Königreich  in  Irland,  zur  gleichen  Zeit,  als 
welsche  Sänger  von  Strathclyde  die  Geschichte  Haveloks 
schufen.    Der  Isländer  Snaebjörn  —  bei  dem  die  Hamlet- 


—     115     — 

.sage  zuerst  auftritt  —  müsse  die  Sage  auf  einer  früheren 
Stufe  der  Entwicklung  gekannt  haben,  bevor  die  Sagen 
über  das  Haus  Ivar  eingefügt  wurden,  doch  dürfe,  falls 
die  Auslegung  Ami  aide- ÄqniY -dient  für  gciUnn^  wahnsinnig, 
zutreffe,  angenommen  werden,  dafs  die  Narrheit  des  Helden 
das  wesentliche  Element  in  der  ihm  bekannten  Erzählung 
gebildet  habe^). 

Ich  meine  nun,  Gollancz'  Vermutung,  Amlaiäe  sei  ein 
Beiname  Sitrics  gewesen,  der  gleichbedeutend  mit  Gale, 
Gaile  war,  entbehrt  durchaus  jeder  sicheren  Stütze.  Auf 
der  einen  Seite  erscheint  die  Gleichsetzung  von  GaiJe  mit 
an.  galiär-galinn,  „mad"  durchaus  hypothetisch  —  inwie- 
weit sie  zulässig  ist,  vermag  ich  nicht  zu  beurteilen  — ,  auf 
der  anderen  Seite  fehlt  es  an  jedem  Zeugnis  dafür,  dafs  schon 
zu  Anfang  des  10.  Jahrhunderts  eine  allgemein  bekannte 
Amlodisage  existiert  habe,  in  der  der  Held  als  wahnsinnig 
erschien;  denn  der  Skalde  Snaebjörn  läfst  sich  nur  ganz  all- 
gemein ins  10.  oder  11.  Jahrhundert  datieren,  und  überdies 
läfst  sich  aus  seinen  Worten  mit  Sicherheit  nichts  anderes 
schlielsen,  als  dafs  er  eine  Geschichte  von  einem  Amlodi 
kennt,  der  das  Meer  mit  einer  Mühle  verglichen  hatte. 
Gollancz'  Versuche  aber,  Amlaiäe  auf  ein  irisches  Etymon 
zurückzuführen,  scheinen  mir  äufserst  gewagt.  Gesetzt 
jedoch,  es  habe  eine  solche  Sage  schon  zu  Anfang  des 
10.  Jahrhunderts  existiert,  was  ja  möglich  wäre,  so  bliebe 
es  doch  immer  unverständlich,  —  was  ja  Gollancz  selbst 
hervorhebt  —  dafs  dieser  Beiname  für  Sitric  sonst  gar 
nirgends  begegnet,  und  eben  diese  Tatsache  ist  geeignet, 
äufserst  mifstrauisch  zu  machen  gegen  die  Vermutung, 
Gale  sei  identisch  mit  galinn,  und  gegen  den  Gedanken, 
es  möchte  vielleicht  amlaicTe  im  Irischen  einmal  die  gleiche 
Bedeutung  gehabt  haben. 

')  S.  LVI. 


—     116     — 

Die  Sache  dürfte  sich  wohl  anders  verhalten. 

Was  wir  wissen,  ist  doch  einfach  dieses:  Nach  dem 
al)solnt  authentischen  Zeugnis  des  Liedes  der  Gormflaith 
wurde  in  der  Schlacht  von  Kilmashogue  der  irische  König 
Niall  erschlagen  von  einem  Dänen  Namens  Amhlaide. 
Jüngere  historische  Quellen  bezeichnen  den  Anführer 
des  dänischen  Heeres,  Sitric,  Olaf  Cuarans  Vater,  selbst 
als  den  Überwinder  Mails,  welch  letzteren  sie  aber  fälsch- 
lich als  König  von  Nordhumbrien  und  als  Sitrics  Bruder 
bezeichnen,  vielleicht  infolge  von  Verwechslung  Sitrics 
mit  einem  gewissen  Sitriuc,  der  seinen  Bruder  Sichfrith 
erschlug.  Da  nun  Amhlaide  als  Beiname  Sitrics  sonst  nie 
und  nirgends  begegnet,  so  ist  die  nächstliegende  Erklärung 
für  diese  Diskrepanz  zwischen  dem  Liede  der  Gormflaith 
und  den  jüngeren  Quellen  doch  wohl  die,  dafs  jüngere 
Tradition  an  die  Stelle  Amhlaides  den  Anführer 
des  dänischen  Heeres,  König  Sitric  selbst  gesetzt 
hat,  dafs  sie  die  Ehre  der  Tötung  des  feindlichen 
Königs  auf  ihn  übertragen  hat.  Das  „Transfert"  der 
Taten  und  Schicksale  w^eniger  bekannter  Persönlichkeiten 
auf  bekanntere,  volkstümlichere  ist  ja  ein  Vorgang,  dem 
wir  in  der  Sagengeschichte  auf  Schritt  und  Tritt  begegnen, 
und  da  eben  jene  jüngeren  Quellen  sich  bezüglich  Mails 
einen  Irrtum,  vielleicht  infolge  von  Verwechselung,  zu 
Schulden  kommen  lassen,  so  verdienen  sie  offenbar  auch 
bezüglich  seines  dänischen  Gegners  kein  absolutes  Zu- 
trauen, und  die  Vermutung  hat  keinerlei  Bedenken,  die 
älteste  der  Quellen,  aus  der  dann  die  übrigen  schöpften, 
oder  die  zu  Grunde  liegende  Überlieferung  habe  die  Tat 
von  Amlaide  auf  den  König  selbst,   auf  Sitric  übertragen. 

Wie  verhält  sich  nun  dieser  Amlaide,  über  den  wir, 
wie  gesagt,  sonst  gar  nichts  wissen,  zu  dem  Hamlet  der 
Sage?  Ich  stehe  nicht  an,  mit  Gollancz  beide  zu  identi- 
fizieren, indem  ich  folgendermafsen  argumentiere: 


—     117     — 

Ein   Vergleich  zwisclien    der  Haveloksage    und    der 
Hamletsage  und  die  Untersuchung  der  Elemente,  aus  denen 
sie  sich  zusammensetzen,  hat  gezeigt,  dafs  beide  in  ihren 
Grundlagen  identisch   sind,   aus  der  gleichen  Quelle  ent- 
sprungen sein  müssen.     Nun  ist  das  historische  Vorbild 
Haveloks  anorkanntermafsen  Olaf  Cuaran,  dessen  Name  in 
seiner  welschen   Form   Amlaibh   lautet.     Eben   dieser   ist 
folglich   auch,  wir  dürfen  nicht  sagen:    das,    aber    ein 
historisches  Prototyp  für  Hamlet,  wie  wir  denn  im  zweiten 
Teile  der  Hamletsage  einer  ganzen  Reihe  von  Zügen  be- 
gegneten, die  offenbar  aus  der  Geschichte  Olafs  stammen. 
Nun  finden  wir  in  der  Geschichte  zum  Jahre  919  zum  ersten 
und  einzigen  Mal  einen  AmJilaiäe  =  an.  Amloäi  =  Hamlet; 
wir  hören,  dafs  dieser  in  einer  für  die  Dänen  siegreichen 
Schlacht,  die  in  zahlreichen  Liedern  besungen  wurde,  unter 
Anführung  von  Olaf  Cuarans  Vater  Sitric  eine  glänzende 
Waffentat  vollbrachte,  indem  er  den  feindlichen  König  er- 
schlug.   Somit  haben  wir  auf  der  einen  Seite  folgende  Tat- 
sachen: Der  einzige,  bis  jetzt  historisch  nachgewiesene  Am- 
leth  ist  ein  Zeitgenosse  Olaf  Cuarans,  er  tritt  in  dem  Heere 
von  dessen  Vater  Sitric  auf  und  wird  in  einem  zeitgenössischen 
Liede  als  Vollbringer  einer  hervorragenden  Waffentat  ge- 
nannt; sein  Name  in  seiner  irischen  Form,    Ämlaid^e,  ist 
lautlich    nahezu    identisch    mit  Olafs  Namen    in  irischer 
Gestalt:  Ämlaihh.    Auf  der  anderen  Seite  steht  die  Tat- 
sache, dafs  spätere  Sage  von  einem  Amleth-Amlodi  zum 
Teil    genau    das   Gleiche    erzählt  wie  von   Olaf  Cuaran. 
Sollte  zwischen  jenen  erstgenannten  Tatsachen  und  dieser 
letzteren  gar  kein  Zusammenhang  bestehen?    Das  dünkt 
mich    in    hohem   Grade  unwahrscheinlich.     Erwägen  wir 
vielmehr,   dafs   doch   sicher  Amlaides,   des  Besiegers   des 
feindlichen  Königs,  nicht  nur  in  jenem  Liede  der  Gorm- 
flaith  Erwähnung  geschah,  sondern  dafs  er  gewifs  auch  in 
den    Liedern    seiner    eigenen    Stammesgenossen    gefeiert 


—     118     — 

worden  ist  und  also  durchaus  geeignet  war,  ein  Held  der 
Sage  zu  werden;  erwägen  wir  ferner,  dafs  bei  der  Klang- 
ähnlichkeit der  beiden  Namen  Amlaiäe- Amlaihh  und  der 
Gleichzeitigkeit  ihrer  Träger  eine  Verwechselung  sehr 
leicht  eintreten  konnte,  so  werden  wir  es  als  sehr  wahr- 
scheinlich bezeichnen  dürfen,  dafs  Amlaide  durch  die 
Tradition  tatsächlich  mit  Amlaibh  verwechselt  wurde, 
dafs  man  die  Taten  und  Schicksale  des  letzteren  auf  ihn 
übertrug,  und  dafs  also  der  Wiking  er  Amlodi-Amlaide, 
der  König  Niall  erschlug,  das  historische  Prototyp 
Hamlets  ist.  Die  Verwechselung  der  beiden  mufs  sich 
dann  in  keltischem  Milieu  vollzogen  haben,  da  ja  nur  in 
ihrer  keltischen  Form  die  beiden  Namen  sich  wirklich 
nahe  stehen.  Natürlich  ist  die  Möglichkeit  gegeben,  dafs  bei 
der  vorausgesetzten  Vermengung  der  beiden  Persönlich- 
keiten auch  umgekehrt  Züge  von  dem,  was  die  Tradition 
über  Amlaide  meldete,  auf  Amlaibh  übertragen  wurden. 
Es  wäre  sehr  wohl  denkbar,  dafs  dieses  oder  jenes  von 
dem,  was  die  Sage  später  von  Hamlet-Havelok  erzählt, 
soweit  es  nicht  einen  augenscheinlichen  Eeflex  von  den 
Schicksalen  Olafs  darstellt,  ursprünglich  von  Amlaide  be- 
richtet wurde,  dafs  wesentliche  Motive  der  Hamletsage 
von  vornherein  an  Amlaides  Namen  geknüpft  waren  und 
erst  von  ihm  auf  Amlaibh  übertragen  wurden.  In- 
dessen bleibt  dies  freilich  eine  reine  Möglichkeit,  da  wir 
eben  weder  von  Amlaides  sonstigen  Schicksalen  irgend 
welche  Kenntnis  haben,  noch  auch  in  der  Lage  sind,  fest- 
zustellen, ob  jene  römischen  Sagen,  welche  nach  unseren 
früheren  Ermittelungen  die  Grrundlage  der  Hamlet-Havelok- 
sage  bilden,  ursprünglich  an  den  Namen  Amlaides  oder  an 
den  Olafs  geknüpft  waren. 

Die  gegenseitige  Beeinflussung  irischer  und  nordischer 
Sage  auf  Irlands  Boden,  die  schon  oben  die  Voraussetzung 
bildet  für  unsere  Annahme  der  Entstehung  des  Motives 


—     119    — 

von  den  wiederaufgerichteten  Toten  aus  irischer  Geschiclits- 
oder  Sagenüberlieferung,  ist  eine  anerkannte  Tatsache. 
Ich  verweise  hier  auf  die  interessanten  Ausführungen  von 
H.  Zimmer,  Keltische  Beiträge,  Zs.  f.  deutsches  Altert.  32 
(N.  F.  20,  1888),  S.  88  ff.  Zimmer  hebt  hervor,  dafs  die 
Nordländer  durch  Waffenbündnisse  mit  irischen  Häupt- 
lingen wie  auch  durch  Heiraten  mit  den  Iren  in  vielfach 
dauernde  Verbindung  kamen  und  in  diesem  Verkehr  mit 
irischer  Geschichte  und  Sage  bekannt  wurden.  „An  zahl- 
reichen Punkten  Irlands  an  der  Küste  und  im  Innern 
vom  Norden  bis  Süden  müssen  wir  uns  unter  der  irischen 
Bevölkerung  Wikingerkolonien,  wenn  ich  so  sagen  darf, 
sefshaft  denken,  die  aufser  dem  Christentum  durch  Hei- 
rat der  Männer  mit  irischen  Frauen  im  10.  Jahrhundert 
auch  schon  irische  Sprache  meistens  angenommen  hatten" 
(32, 88).  Z.  erwähnt,  dafs  ein  irischer  Text  sich  am  Hofe  des 
Königs  von  Meath,  der  in  der  zweiten  Hälfte  des  10.  Jahr- 
hunderts lebte,  einen  nordischen  Skalden  denkt,  und  dafs 
andrerseits  in  einem  anderen  irischen  Text  ein  irischer 
Barde  am  Hofe  der  Wikinger  ein  grofses  Gedicht  auf  Be- 
stellung macht,  diese  also  schon  irisch  gesprochen  oder 
verstanden  haben  müssen^). 

^)  Ward,  der  von  dem  zuerst  durch  Gollancz  im  Jahre  1898  nach- 
gewiesenen Amhlaide  noch  keine  Kenntnis  hatte,  weist  Catal.of  Manuscr, 
S.  268  auf  einen  gewissen  Amlaudd  der  keltischen  Sage  als  mögliches 
Vorbild  Hamlets  hin.  Dieser  erscheint  als  der  Vater  der  Eigr,  der  Mutter 
Arthurs,  und  ist  verheiratet  mit  Gwen,  einer  Tochter  Cuneddas,  vgl. 
Charl.  Guest,  Mnbinogion  II,  319,  ist  also  ein  Schwiegersohn 
Cuneddas.  Ward  weist  darauf  hin,  dafs  der  Aballach  oder  Abloyc 
der  keltischen  Sage,  dessen  Namen,  wie  er  annimmt,  auf  Anlaf  über- 
tragen wurde,  s.  a.  a.  0.  S.  428  ein  Sohn  Cuneddas  war.  Dies  stelle 
zwischen  Amlaudd  und  Anlaf  eine  Verbindung  her:  „We  think  it  quite 
possible  that  hoth  names  were  used  for  Anlaf  hij  diffcrent  romancers, 
and  that  whilst  one  became  Havelok,  the  other  became  Hamlet''.  Gollancz 
wpndet  gegen  diese  Vermutuug  indessen  ein,  die  Ähnlichkeit  zwischen 
Amlaudd  und  Amlodi  sei  vermutlich  rein  zufällig;  nach  Kuno  Meyer 


—     120     — 

Zu  der  Annahme  der  Identität  Hamlets  mit  dem  zum 
J.  919  genannten  Amhlaide  stimmt  nun  offenbar  sehr  gut 
die  Tatsache,  dais  das  erste  Zeugnis  für  die  Existenz  einer 
Hamletsage  aus  dem  10.  oder  11.  Jahrhundert  stammt.  Es 
ist  dies  jener  schon  oben  erwähnte  Vers  des  Skalden  Snae- 
björn,  der  von  Snorri  in  seiner  Prosa-Edda,  verfafst  um  1230, 
aufbewahrt  ist,  Edda  I,  328,  wo  das  Meer  „Amlodis  Mühle" 
genannt  wird,  eine  Anspielung  auf  einen  bei  Saxo  erwähnten 
witzigen  Ausspruch  Amleths:  seine  Gefährten  machen  ihn 
aufmerksam  auf  den  dem  Mehle  ähnelnden  Dünensand,  worauf 
Amleth  erwidert,  er  sei  von  den  weifslichen  Meeresstürmen 
gemahlen.  Inwieweit  im  übrigen  die  Snaebjörn  bekannte 
Sage  mit  der  uns  überlieferten  Hamletsage  bereits  über- 
einstimmte, bleibt  offenbar  im  Dunkel d.  Zu  der  Identifi- 
kation Hamlets  mit  Amhlaide  pafst  auch,  dafs  wir  als 
terminiis  a  quo  für  die  Existenz  der  Sage  von  Boeve  von 
Hamtone  in  einer  mit  der  erhaltenen  Fassung  inhaltlich 
übereinstimmenden  Form  oben  (vergl.  S.  78)  ungefähi'  die 
Mitte  des  11.  Jahrhunderts  ermitteln  konnten^). 

So   hat   uns   also   die  Untersuchung  der  Haveloksage 


sei  die  ältere  Form  Anblaud  gegen  die  Theorie.  Ich  meine,  es  wäre 
doch  wohl  zunächst  erforderlich,  festzustellen,  wann  Amlaudd  zuerst 
erscheint  und  ob  derselbe  nicht  bereits  mit  Amlaide  zusammenhängen 
kann.     Vgl.  GoUancz,  a.  a.  0.  S,  LV,  Anm. 

1)  A.  Olrik  in  einem  Aufsatze,  in  dem  er  den  gegenwärtigen 
Stand  der  Forschung  über  die  Vorgeschichte  der  Hamletsage  resumirt, 
Amledsagnet  pa  Island,  Arkiv  för  Nordisk  Filologi  XV  (1899),  376,  er- 
kennt zwar  an,  dafs  Gollancz'  Aufstellungen  recht  sinnreich  seien, 
äufsert  aber  doch  Bedenken  gegen  ihre  Richtigkeit.  Er  meint,  kein 
einziges  Glied  in  des  Verfassers  langer  Schlufskette  sei  wirklich  über- 
zeugend. Bezüglich  mancher  Punkte  stimme  ich  Olrik  ja  bei,  besonders 
hinsichtlich  GoUancz'  Identifizierung  Amlaides  mit  Olaf  Cuarans  Vater 
Sitric  und  seiner  Gleichsetzung  von  Gaile  mit  Amloät-Amlaiäe,  dagegen 
scheint  mir  Gollancz'  Identifikation  Hamlets  mit  dem  historischen 
Amlaide  alle  Wahrscheinlichkeit  für  sich  zu  haben;  sie  ist  von  jenen 
andern  Thesen  völlig  unabhängig. 


—     121     — 

zugleich  das  mutmafsliclie  historische  Vorbild  Hamlets 
kennen  gelehrt. 

Ich  gehe  nun  über  zur  Betrachtung  der  anderen  nor- 
dischen Vei^ionen  der  Hamletsage,  welche  uns  weitere 
Aufschlüsse  über  die  Herkunft  dieser  Sage  und  zugleich 
neue  Stützen  für  die  schon  gewonnenen  Ergebnisse  liefern 
werden. 

Ich  bespreche  zunächst  die  beiden  vorhandenen  Fassun- 
gen der  Hrolfssaga  Kraka. 


Die  Hrolfssaga  Kraka. 


Diese  Sage  liegt  vor  in  den  Fornaldar  Sögur  Norär- 
Janda  I,  3 — 16,  und  in  abweichender  Fassung  bei  Saxo 
selbst,  Buch  VII,  Jantzen  S.  341  ff. 

Den  Inhalt  der  ersteren  Version  gebe  ich,  soweit  er  für 
uns  in  Betracht  kommt,  auf  Grund  der  Analyse  Detters^): 

Helgi  und  Hroar  sind  Söhne  des  Königs  Halfdan.  Half- 
dan wird  von  seinem  Bruder  Frodij  der  ihm  seine  Macht 
mifsgönnt,  überfallen  und  getötet.  Frodi  stellt  dann  auch 
seinen  Neffen  nach,  diese  aber  werden  von  ihrem  Pflege- 
vater Eegin  auf  eine  Insel  gebracht  und  einem  armen, 
jedoch  zauberkundigen  Fischer  Vlfil  anvertraut.  Frodi 
kündet  durch  Zauberer  den  Aufenthalt  der  Knaben  aus 
und  schickt  seine  Leute  nach  der  Insel.  Vifil  aber,  durch 
einen  Traum  gewarnt,  weifs  sie  rechtzeitig  zu  bergen.  Nun 
sucht  der  König  selbst  die  Insel  auf.  Vifil  hat  nicht  wieder 
Zeit,  die  Knaben  zu  entfernen  und  befiehlt  ihnen,  sobald 
er  ihnen  „Hopp  und  Ho",  zwei  Hundenamen,  zurufe,  sollten 
sie  eiligst  in  den  Wald  laufen.    Als   der  König  kommt, 


»)  Zs.  f.  deidsch.  Alt.  36,  N.  F.  24,  7. 


—     122     — 

ruft  Vifil:  „Hopp  und  Ho,  gebt  auf  mein  Vieh  acht,  denn 
ich  kann  es  jetzt  nicht  beschützen."  Die  Knaben  entfliehen, 
und  als  der  König  fragt,  was  er  gerufen  habe,  antwortet 
Vifil,  er  habe  seinen  Hunden  gerufen.  So  mufs  der  König 
unverrichteter  Sache  abziehen.  Vifil  glaubt  nun,  dafs  die 
Knaben  bei  ihm  nicht  mehr  sicher  seien  und  schickt  sie 
zu  ihrem  Schwager,  dem  Jarl  Saevü.  Hier  leben  sie 
lange,  ohne  von  ihrer  Herkunft  zu  wissen;  sie  nennen  sich 
Ham  und  Hra7i%  „einige  Leute  meinen,  bemerkt  der  Sage- 
schreiber, dafs  sie  mit  Ziegen  aufgewachsen  seien."  Sie 
tragen  beständig  Kapuzen,  die  ihr  Gesicht  verhüllen. 
Frodi  vermutet  die  Knaben  bei  Saevil  und  ladet  diesen 
zu  einem  Feste  ein.  Die  Knaben  machen  die  Reise 
trotz  Saevils  Verbot  mit  und  benehmen  sich  dabei  sehr 
toll  und  übermütig.  Ham  nimmt  ein  wildes  Pferd  und 
setzt  sich  verkehrt  darauf,  so  dafs  er  den  Kopf  dem 
Schweife  des  Pferdes  zuwendet.  Sie  kommen  bei  Frodi 
an,  durch  den  Spruch  einer  Völva  erfährt  dieser,  dafs 
Helgi  und  Hroar  als  Ham  und  Hrani  in  der  Halle  weilen 
und  Frodi  töten  werden.  Die  Knaben  entfliehen  in  den 
Wald,  inzwischen  läfst  Regln  Met  reichlich  herumgeben, 
bis  alle  Anwesenden  betrunken  einschlafen.  Dann  geht  er 
zu  seinen  Schützlingen  und  rät  ihnen,  die  Halle  in  Brand 
zu  stecken.  Saevil  und  seine  Leute  werden  aufgefordert,  den 
Saal  zu  verlassen.  Zwei  Schmiede  Frodis  vernageln  die 
Türe.  Der  König  will  durch  einen  unterirdischen  Gang 
entkommen,  wird  aber  von  Regln  zurückgetrieben  und  ver- 
brennt in  der  Halle,  mit  ihm  Sigrid,  die  Mutter  der  Brüder, 
die  nicht  hinausgehen  wollte. 

Ich  mufs  Detters  Darlegung  der  Übereinstimmungen 
dieser  Sage  mit  der  Hamletsage  in  extenso  anführen: 

„Diese  Erzählung",  bemerkt  Detter,  „zeigt  auffallende 
Übereinstimmungen  mit  der  Hamletsage,  besonders  nach 
der  Darstellung  Saxos.    In  beiden  Fällen  ein  Brudermord, 


~     123     — 

worauf  der  Mörder  auch  seinen  Neffen  nachstellt.  AVeiin 
es  ferner  am  Schlüsse  des  Berichtes  der  Hrolfssaga  KraJca 
FAS  I  10  heifst,  dafs  Sigi'id,  die  Mutter  der  Brüder,  in 
der  Halle  verbrannte,  weil  sie  dieselbe  nicht  verlassen 
wollte,  so  kann  das  nicht  anders  aufgefafst  werden,  als 
dafs  Sigrid  es  mit  dem  Mörder  ihres  Gatten,  mit  Frodi 
hielt,  um  so  mehr,  als  Saevil  der  Aufforderung,  aus  der 
Halle  zu  gehen,  nachkommt.  Man  mufs  annehmen,  dafs  es 
eheliche  Bande  sind,  welche  Sigrid  an  Frodi  fesseln,  denn 
sonst  ist  es  kaum  verständlich,  dafs  sie  sich  bei  Frodi 
aufhält,  ja  mit  ihm  sogar  den  Tod  zu  teilen  wünscht,  da 
er  doch  ihren  Mann  getötet  hat,  ihren  Söhnen  naclistellt, 
also  ihr  ganzes  Geschlecht  ausrotten  will.  Das  Verhältnis 
der  Sigrid  zu  Frodi  entspricht  also  dem  der  Gerutha  zu 
Fengo.  Wie  Amlethus,  verstehen  es  die  Knaben,  den  Nach- 
stellungen des  Oheims  zu  entgehen.  Das  Wahnsinnsmotiv 
fehlt  allerdings  in  der  Hrolfssage.  Es  mufste  notwendig 
wegfallen,  da  die  Knaben  hier  noch  sehr  jung  gedacht 
werden.  Aber  denselben  Zug,  der  von  Ham  in  der  Sage 
berichtet  wird,  dafs  er  sich  verkehrt  aufs  Pferd  setzte,  den 
Kopf  dem  Schweife  des  Pferdes  zukehrt,  erzählt  Saxo 
S.  140  von  seinem  Amlethus:  Ham-Helgi  tut  das  lediglich 
aus  kindischem  Übermut,  Amlethus  dagegen,  um  seine 
Widersacher  in  dem  Glauben  an  seine  Verrücktheit  zu  be- 
stärken. Wie  bei  Saxo  wird  ferner  die  Rache  an  dem 
Oheim  dadurch  vollzogen,  dafs  die  Halle  in  Brand  gesteckt 
wird,  nachdem  vorher  der  König  und  sein  Gefolge  durch 
übermäfsigen  Weingenufs  in  tiefen  Schlaf  versenkt  worden 
sind." 

Wie  Detter  dann  im  einzelnen  zeigt,  stimmen  die 
beiden  Sagen  auch  noch  in  einem  anderen  eigenartigen 
Motiv  überein:  die  Nägel  nämlich,  mit  denen  die  beiden 
Schmiede  die  Türe  der  Königshalle  vernageln,  scheinen  zu 
entsprechen  jenen  Stiften,  mit  denen  Amleth  das  Netz  über 


—     124     — 

den  Trunkenen  befestigt;  in  beiden  Fällen  ist  das  Wort, 
mit  dem  die  Sprache  das  Instrument  bezeichnet,  doppel- 
sinnig und  „wird  diese  doppelte  Bedeutung  des  Wortes 
zu  einem  Wortspiel  verwertet,  in  beiden  Fällen  werden 
die  Worte  für  ganz  harmlos  gehalten  und  die  Drohung 
wird  nicht  verstanden".  Ich  verweise  wegen  der  genaueren 
Begründung  auf  Detter. 

Die  Hrolfssage  stimmt  nun  in  drei  Punkten,  die  bei 
Saxo  keine  Entsprechung  haben,  zum  BvH.  In  letzterem 
steht  dem  Boeve  als  getreuer  Eckart  sein  Erzieher  Sabot 
zur  Seite;  ebenso  nimmt  in  der  Hrolfssage  sich  der  beiden 
verfolgten  Knaben  ihr  Pflegevater  Regln  an,  der  ihnen 
dann  auch,  wie  Sabot  dem  Boeve,  bei  der  Vollbringung 
der  Eache  behülflich  ist.  Sodann  entgeht  im  Epos  Boeve 
den  Nachstellungen,  indem  er  als  Hirt  verkleidet  die  Schafe 
hütet;  daran  erinnert  es,  wenn  in  der  Hrolfssage  bemerkt 
wird,  es  bestehe  eine  Überlieferung,  wonach  Helgi  und 
Hrani  „mit  Ziegen  aufgewachsen  seien".  Endlich  wird 
Boeve  von  seinem  Beschützer  übers  Meer  geschafft,  wie 
das  gleiche  Eegin  mit  den  beiden  Knaben  tut.  Derselbe 
Zug  findet  sich  in  der  Haveloksage,  aufserdem  entspricht 
es  ihr,  wenn  die  Knaben  im  Hause  eines  Fischers  aufwachsen, 
insofern  in  ihr  Haveloks  Beschützer  Grim  ja  als  Fischer 
lebt.  Grim  deckt  sich  danach  teils  mit  Eegin,  teils  mit 
Vifil. 

Mit  der  Hrolfssage  nahe  verwandt  ist  die  Erzählung 
von  Harald  und  Haidan,  die  Saxo  im  VII.  Buche  überliefert; 
sie  ist  besonders  dadurch  interessant,  dafs  hier  das  Wahn- 
sinnsmotiv, das  in  der  Hrolfssage  nur  gestreift  wird,  in 
ausgeprägter  Form  vorhanden  ist: 

König  Frotho  tötet  seinen  Bruder  Harald.  Die  Ver- 
anlassung zum  Zwist  der  Brüder  ist  einerseits  die  Eivalität 
ihrer  Frauen,  anderseits  Frothos  Eifersucht  auf  den  Euhm 
seines  Bruders.    Er  trachtet  dann  auch  den  Söhnen.  Harald 


—     125    — 

und  Hai  (lau  nach  dem  Leben.  Aber  „ihre  Beschützer" 
retten  die  Knaben  durcli  eine  List.  Sie  befestigen  Wolfs- 
klauen an  ihren  Füfsen,  laufen  auf  dem  mit  Schnee  be- 
deckten Boden  vor  der  Wohnung  hin  und  her,  töten  dann 
Kinder  von  Sklaven  und  streuen  deren  zerfleischte  Glieder 
auf  dem  Boden  aus.  So  erwecken  sie  den  Glauben,  dafs 
die  Knaben  von  Wölfen  zerrissen  worden  seien.  Sie  ver- 
bergen dann  die  Knaben  in  einer  hohlen  Eiche  und  ernähren 
sie  uuter  dem  Vorgeben,  dafs  es  Hunde  seien,  ja  sie  legen 
ihnen  sogar  Hundenamen  bei.  Durch  eine  Zauberin  aber 
erfahrt  der  König,  dafs  die  Knaben  noch  am  Leben  sind; 
Regno,  ihr  Beschützer,  entführt  sie  nun  nach  Fünen.  Als 
sie  herangewachsen  sind,  geloben  sie,  den  Tod  des  Vaters 
■  rächen  zu  wollen.  Frotho  wird  dies  hinterbracht;  er 
sammelt  sofort  ein  Heer  und  überfällt  die  beiden  Jünglinge 
unvermutet.  Harald  und  Haidan  gebärden  sich,  um  ihr 
Leben  zu  retten,  als  Verrückte;  so  werden  sie  in  der  Tat 
verschont.  In  der  nächsten  Nacht  aber  stecken  sie  die 
Königshalle  in  Brand,  die  Königin  wird  gesteinigt,  Frotho 
erstickt  in  einem  dunklen  Gange. 

Aufser  dem  Wahnsinnsmotiv  erinnert  hier,  wie  Detter 
bemerkt,  an  die  Hamletsage  auch  der  Zug,  dafs  die  könig- 
lichen Brüder  durch  ihre  Frauen  verhetzt  werden^). 


*)  Elton,  Saxo  Qrammaticus  S.  403  hält  den  gemeinsamen  Ur- 
sprung der  Saxoschen  Hamletsage  einerseits,  der  Hrolfssage  und  der 
Harald-Haldansage  andrerseits  nur  für  wahrscheinlich,  als  gesichert 
betrachtet,  er  ihn  nicht:  „The  comparwon  only  establishes  that  Saxo's 
taie  of  Amleth  is  parallel  in  its  three  chief  elemetits  to  an  Icelandic 
saga,  which  coficerns  a  historical  hing,  Ilrolf  Kraki  .  .  ."  Das  heifst 
meines  Erachtens  die  Vorsicht  zu  weit  treiben.  Es  kommt  doch  nicht 
nur  auf  die  Hauptmotive  (Vaterrache,  Wahnsinn,  Mittel  der  Vater- 
rache), sondern  auch  auf  die  Nebenmotive  an,  die  für  sich  freilich 
nichts  beweisen  würden,  aber  durch  ihre  Verbindung  mit  den  Haupt- 
motiven Bedeutung  gewinnen.  Überdies  treten  zu  jenen,  den  beiden 
Sagen  gemeinsamen  Motiven  nun  also  noch  die  Übereinstimmungen 


—     126     — 

Auch  in  dieser  Version  finden  sich  aber  wieder  Mo- 
mente, welche  in  der  Saxoschen  Hamletsage  kein  Analogon 
finden,  wohl  aber  im  BvH:  zunächst  die  Gestalt  des  Be- 
schützers, Regno,  des  Regln  der  Hrolfssage;  sodann  die 
List,  welche  die  „Beschützer"  (tutores)  —  zu  denen  natürlich 
auch  Regno  zu  zählen  ist  —  anwenden,  um  die  Knaben 
zu  retten:  Boeves  Erzieher  schlachtet  ein  Schwein,  tränkt 
die  Kleider  seines  Schützlings  mit  dem  Blute  und  zeigt 
diese  der  Mutter  zum  Beweise,  dafs  er  Boeve  umgebracht 
habe,  vgl.  oben  S.  10;  analog  wird  im  vorliegenden  Falle 
in  den  Feinden  der  Knaben  der  Glaube  erweckt,  diese 
seien  getötet  worden,  indem  ihnen  blutige  Überreste  anderer 
Kinder  vor  Augen  gebracht  werden. 

Detter  vergleicht  ferner  noch  ein  Eddalied,  die  Helya- 
hviäa  Hundingsbana  \1,  in  der  die  Episode  der  Hrolfssage 
vorliege,  freilich  in  stark  veränderter  Gestalt.  Da  die 
Abweichungen  hier  in  der  Tat  sehr  weitgehende  sind  und 
die  Verhältnisse  sehr  kompliziert  liegen,  so  mufs  ich  davon 
absehen,  seine  Argumentation  wiederzugeben  und  auf  seine 
eigenen  Ausführungen  verweisen.  Soweit  die  betrefi'ende 
Version  für  uns  von  Interesse  ist,  wird  ihrer  später  zu 
gedenken  sein. 

Ich  komme  nun  zu  derjenigen  nordischen  Version  der 
Hamletsage,  welche  neben  der  Version  Saxos  und  dem  BvH 
bei  weitem  die  wichtigste  ist  und  welche  uns  länger  be- 
schäftigen wird,  zu  der  isländischen  Ambalessage. 


mit  dem  BvH  hinzu.  Die  Verwandtschaft  der  Hamletsage  und  der 
Hrolf- Kraka  -  Harald  -  Haldansage  läfst  sich  danach,  wie  mich  dünkt, 
absolut  nicht  mehr  bezweifeln. 


—     127     — 

Die  Ambalessage. 


Die  Ambalessage  ist  erhalten  in  drei  Papierliand- 
scliriften  des  17.  Jahrhunderts  auf  der  Arnamagnäanischen 
Bibliothek  in  Kopenhagen,  A  M  521  a,  b  und  c;  von  diesen 
kummt  aber  a,  weil  nur  eine  Abschrift  von  b,  nicht  in  Betracht; 
b  und  c  sind  von  einander  unabhängig:  bald  bietet  b,  bald 
c  die  bessere  Version  oder  Lesart.  Die  Sage  wurde  auf- 
gezeichnet im  17.  Jahrhundert,  ihr  Verfasser  ist  unbekannt, 
desgleichen  ihre  Quelle.  Der  Inhalt  der  Sage  wurde  zu- 
erst kurz  mitgeteilt  von  Ward^),  dann  befafste  sich  mit  ihr 
I.  GoUancz").  Eine  gleichfalls  nur  kurze,  von  Otto  Jiriczek 
ihm  zur  Verfügung  gestellte  Analyse  veröffentlichte  Detter 
in  seiner  Abhandlung  über  die  Hamletsage  S.  19  f.  Jiriczek 
selbst  publizierte  dann  in  dem  Aufsatze:  Die  Ämlethsage 
(lief  Island^)  eine  sehr  ausführliche,  übersichtlich  angelegte 
Inhaltsangabe,  in  der  er  die  sachlichen  Abweichungen  der 
Hds.  c,  die  er  mit  y  bezeichnet,  von  a  b,  bezeichnet  als 
a  ßj  genau  angibt.  Endlich  hat  Gollancz  in  seinem  schon 
oft  zitierten  Werke  über  die  Hamletsage,  Hamlet  in  Iceland, 
London  1898,  die  Sage  nach  Hds.  c  unter  Beigabe  einer 
englischen  Übersetzung  vollständig  publiziert.  Die  Ambales- 
sage  ist,  wie  wir  sehen  werden,  und  wie  das  schon  Detter 
behauptet  hat,  von  Saxo  unabhängig  und  bietet  vielfach 
ursprünglichere  Versionen  als  dieser. 

Bei  der  folgenden  Inhaltsangabe  beschränke  ich  mich 
zunächst  wieder,  soweit  es  irgend  angeht,  auf  diejenigen 
Züge,  welche  mir  für  die  vorliegende  Untersuchung  von 
Bedeutung  scheinen.    Ich  schliefse  mich  vielfach  wörtlich 


*)  Catal.  of  Romances,  1883. 
*)  Transactions  of  the  New  ShaJcesp.  Soc.  1889. 
^)  Öermanistischc  Abhandlungen  H.  XII:  Beiträge  xur  Volkskunde, 
Festschrift  für  K.  Weinhold,  Breslau  1896. 


—     128     — 

an  Jiriczek  an,  dessen  Analyse  wegen  der  bei  Gollancz 
fehlenden  Varianten  ja  unentbehrlich  bleibt,  sehe  aber  da- 
von ab,  die  betreffenden  Stellen  jedesmal  durch  Anführungs- 
zeichen kenntlich  zu  machen.  Die  Gruppe  a  ß  bezeichne 
ich  einfach  mit  ß,  da,  wie  gesagt,  «  mit  ß  identisch,  nur 
eine  Kopie  davon  ist.  Der  Held  wird  in  der  Sage  ab- 
wechselnd Amhales  und  Amloäi  genannt.  Ich  bediene  mich, 
wie  Jiriczek,  nur  der  letzteren  Namensform. 

Die  Sage  hat  folgenden  Inhalt: 

I.  Die  Kindheit  Amlodis.  1.  Seine  Abstammung 
und  Geburt.  Ein  König  DonriJc  herrscht  über  Spania, 
Hispania  und  Cimbria  (oder  Cambria  ß)  (und  Curland  y) 
sowie  über  viele  andere  Landschaften  und  Burgen  bei 
Spania;  er  ist  Christ.  Seine  drei  Söhne  teilen  nach  seinem 
Tode  das  Reich:  Hauhr  erhält  Spania,  Bdland  Hispania, 
Salman  Cimbria. 

Salman  heiratet  Amha,  die  Tochter  eines  Grafen  (von 
Burgund  in  y)  in  Frakkland,  Germanus,  und  hat  mit  ihr 
zwei  Söhne:  Sigvarctr  —  der  ältere  —  und  Amhales.  Eine 
zauberkundige  Norne  grollt,  weil  man  sie  zu  Sigvardrs 
Geburt  nicht  geladen  hat.  Sie  prophezeit  der  mit  einem 
zweiten  Kinde  schwangeren  Amba  Unheil.  Als  man  nun, 
erschrocken  darüber,  sie  zur  Geburt  des  zweiten  Kindes 
hinzuzieht,  fügt  sie  ihrer  Prophezeiung  dankbar  hinzu, 
der  Knabe  solle  die  Blüte  des  Geschlechtes  werden;  er  solle 
nach  dem  Namen  der  Mutter  genannt  werden,  da  er  ihrem 
Charakter  ähneln  werde.  Der  Knabe  wird  Amhales  ge- 
nannt; er  ist  unschön,  obwohl  grofs,  (liegt  immer  am  Herd 
in  der  Asche  ß)  und  ist  störrisch;  man  ändert  daher  seinen 
Namen  in  Amloäi  [d.  i.  Tölpel;  der  Name  hat  in  Wirklich- 
keit diese  Bedeutung  erst  gewonnen  durch  die  Rolle,  die 
Amleth  in  der  Sage  spielt,  s.  Jiriczek  S.  71,  Anm]. 

Das  Ende  Salman s.  Faustitms,  Sohn  eines  heid- 
nischen  Königs   von    Skitia  Namens  Soldan,  Bruder  von 


—     129     — 

TamerlaKs  und  Malpriant,  überfällt  mit  einem  grofsen  Heere 
Saiman;  Salman  wird  besieg:t,  gefangen  genommen  nnd  auf- 
gehängt, die  beiden  Söhne  müssen  dabei  zusehen.  Siguardr 
äufsert  Schmerz  und  erklärt,  den  Tod  des  Vaters  rächen  zu 
wollen;  er  wird  deshalb  gleichfalls  getötet,  Amlodi  hingegen 
lacht,  er  wird  für  den  gröfsten  Narren  erklärt  und  am  Leben 
gelassen.  Gamaliel,  ein  treuer  Diener  Salmans,  tritt  in 
des  Faustinus  Dienst  und  wird  von  ihm  zum  Geheimen 
Rat  ernannt.  Faustinus  will  Amba  wider  ihren  Willen 
heiraten,  es  gelingt  ihm  aber  nicht,  das  Beilager  mit  ihr 
zu  vollziehen,  wie  man  annimmt,  in  Folge  zauberischer 
Einwirkung  der  Norne.  Er  läfst  nun  von  ihr  ab  und 
heiratet  Leta,  die  Tochter  eines  vom  ihm  im  Kampfe  ge- 
töteten alten  Jarls  Namens  Calitor^).  Die  Ehe  des  Faustinus 
und  der  Leta  bleibt  kinderlos. 

Amlodi  als  Narr.  Sein  Tun  und  Treiben.  Am- 
lodi wächst  als  Narr  auf;  er  ist  immer  schmutzig  und  ver- 
Avahrlost  und  tut  aufserdem  stets  das  Gegenteil  von  dem, 
was  er  tun  sollte.  Spricht  einer  ihn  freundlich  an,  so  gibt 
er  böse  Antwort,  bezeigt  ihm  aber  jemand  seinen  Hafs,  so 
benimmt  er  sich  übermäfsig  freundlich.  Er  hält  sich  meist 
im  Küchenhaus  auf,  wo  er  von  allem  ifst,  was  er  findet. 
Wollen  die  Mägde  ihm  das  verwehren,  so  beschüttet  er 
sie  mit  heifsem  Wasser  oder  mit  Asche.  Seine  einzige 
Beschäftigung  ist  die  Verfertigung  von  hölzernen  Stiften, 
deren  Spitzen  er  im  Feuer  härtet;  er  bewahrt  sie  auf  in 
einem  ihm  gehörigen  Schuppen,  dessen  Türe  er  mit  einem 
Stein  verschliefst.  Niemand  weifs,  was  er  damit  will. 
An  öröfse  und  Stärke  übertrifft  er  alle  anderen  in  der 
Stadt.  So  wird  er  12  Jahre  alt;  er  trägt  einen  blauen 
Kittel  mit  Ledergurt,  wie  es  Sitte  im  Lande  ist.    Amba 


^)  Der  ausführlich  geschilderte  Krieg  Faustinus'  und  Malpriants 
gegen  Salmans  Bruder  Bäland,  der  mit  dessen  Unterwerfung  endfgt, 
kann  übergangen  werden. 

Zenker,  Boere-Amletbas.  9 


—     130    — 

bekümmert  sich  über  seinen  Zustand,  Gamaliel  sucht  sie 
zu  trösten. 

Das  Fest  in  der  Königshalle.  Einmal  veranstal- 
tet der  König  ein  grofses  Fest,  zu  dem  die  Grofsen  des 
Landes  geladen  sind.  Als  das  Fest  im  vollen  Gange  ist, 
läfst  er  auch  Amlodi  holen.  Dieser  folgt  dem  Boten,  tritt 
in  die  Halle,  ohne  jemand  zu  grüfsen,  als  er  aber  Gama- 
liels  ansichtig  wird,  tritt  er  auf  ihn  zu  und  versetzt  ihm 
einen  heftigen  Schlag;  den  Addomolus  hingegen,  der  den 
König  vor  ihm  warnt  und  diesem  rät,  ihn  zu  töten,  streichelt 
er  zärtlich  wie  ein  Kind  seine  Mutter.  Dann  zieht  er  sich 
zum  Gelächter  der  Versammlung  die  Hosen  aus  und  tanzt 
im  Saal  herum.  Der  König  trinkt  ihm  zu,  läfst  dann  ein 
Gefäfs  füllen,  reicht  es  ihm  und  fordert  ihn  auf,  ihm  Be- 
scheid zu  tun.  Amlodi  sagt:  Trinke  Du,  König,  ich  trinke 
und  trinke  doch  nicht  ^);  er  leert  das  Gefäfs  zur  Hälfte 
und  gibt  es  dem  Addomolus,  der  es  auf  Befehl  des  Königs 
widerstrebend  leert  und  dem  Amlodi  zurückgibt.  Dieser 
benimmt  sich  nun  weiter  in  höchst  cynischer  Weise.  Der 
König  greift  zornig  zum  Schwert  und  schlägt  nach  ihm, 
aber  Amlodi  weicht  dem  Hiebe  aus  und  entreifst  dem 
Könige  das  Schwert,  reicht  es  ihm  jedoch  mit  dem  Griffe, 
die  Spitze  gegen  sich  gekehrt,  zurück.  Der  König  will 
Amlodi  töten  lassen,  aber  die  Höflinge  widerraten  das:  es  sei 
eine  Schande,  einen  so  vollkommenen  Narren  zu  töten,  der 
sich  nicht  gerächt  habe,  obwohl  er  es  konnte.  Der  König 
fragt  ihn,  wo  er  den  meisten  Schmerz  empfunden  habe, 
als  er  seinen  Vater  sterben  sah.  Amlodi  antwortet:  am 
Hintern.  Alle  Anwesenden,  die  Christen  ausgenommen, 
sind    sehr    belustigt    über    Amlodis    närrisches   Gebahren. 


^)  Dieser  Ausspruch  nur  in  ß.  Jiriczek  fragt,  ob  vielleicht  ge- 
meint sei,  dafs  Amlodi  nur  scheinbar  trinke,  den  Trank  hinter  das 
Gewand  schütte?  Schwerlich.  Ich  denke,  es  wird  ein  für  uns  nicht 
mehr  erkennbares  Wortspiel  zu  Grunde  liegen. 


—     131     — 

Scliliefslich  verläfst  er,  ohne  zu  grüfsen,  die  Halle,  begibt 
sich  in  die  Küche,  wo  Amba  und  Leta  am  Feuer  sitzen, 
und  treibt  nun  auch  hier  seine  Possen. 

AmloJi  bei  den  Hirten.  Der  König  will  der  Be- 
scliäftigungslosigkeit  Amlodis  steuern  und  befiehlt,  ihn  den 
Hirten  zu  überweisen,  damit  er  bei  ihnen  Dienste  tue. 
Die  Hirten  kommen,  ihn  abzuholen  und  treffen  ihn  bei 
der  Anfertigung  seiner  Stifte.  Auf  ihre  Frage,  wozu  er 
diese  mache,  antwortet  er:  „Zur  Vaterrache  und  nicht  zur 
Vaterrache."  Er  geht  nun  mit  ihnen  ins  Gebirge.  Sie 
haben  einen  Kampf  mit  14  oder  18  Höhlenbewohnern  zu 
bestehen,  von  denen  12  getötet  werden.  Amlodi  greift  in 
den  Kampf  ein  und  betätigt  gewaltige  Kräfte;  mit  dem 
einen  der  Höhlenbewohner  Namens  Caron  schliefst  er 
Freundschaft.  Am  Abend  kehren  sie  nach  Hause  zurück 
und  die  Hirten  erzählen  dem  König  alles,  was  sich 
ereignet  hat. 

Amlodi  und  Drafnar:  In  der  Nacht,  die  sehr  stür- 
misch ist,  geht  Amlodi  ins  Freie,  um  einer  im  Kampfe 
erhaltenen  Wunde  wegen  einen  ruhigen  Platz  aufzusuchen. 
Er  begegnet  dem  berüchtigten  Käuber  Drafnar,  der  die 
Stärke  von  8  Männern  hat;  Amlodi  ringt  mit  ihm,  hebt 
ihn  auf  den  Kücken  und  trägt  ihn  in  die  Königshalle,  wo 
er  ihn  vor  dem  König  niedersetzt;  er  selbst  eilt  dann 
hinaus.  Drafnar  tötet  mit  seiner  Keule  zwölf  von  den 
Anwesenden,  da  erscheint  Hamlet  wieder,  ergreift  ihn  und 
trägt  ihn  nach  der  Stelle  zurück,  wo  sie  gekämpft  haben. 
Er  schenkt  ihm  die  Freiheit  und  Drafnar  schliefst  nun 
Freundschaft  mit  ihm.  Viele  von  den  Königsleuten  ver- 
langen Amlodis  Tod,  weil  er  sie  in  solche  Gefahr  gebracht 
habe,  Gamaliel  aber  legt  mit  Erfolg  Fürsprache  für  ihn 
ein.  Am  nächsten  Abend  trifft  sich  Amlodi  gemäfs  Ver- 
abredung wieder  mit  Drafnar,  sie  gehen  zusammen  zur 
Höhle  Carons,  der  sie  freundlich  aufnimmt.    Amlodi  erhält 

9* 


—     132     — 

beim  Abschied  von  Drafnar  dessen  Gewand  geschenkt, 
einen  grauen  Mantel  (der  die  wunderbare  Eigenschaft 
besitzt,  dafs  sein  Träger  weder  beim  Gehen  noch  beim 
Schwimmen  ermüdet,  mehr  Kraft  als  sonst  hat  und  durch 
Eisen  nicht  verwundbar  ist  ß).  Nach  Hause  zurückgekehrt 
benimmt  Amlodi  sich  in  alter  Weise. 

Amlodi  als  Sauhirt.  Der  König  hat  eine  Herde 
von  6000  Schweinen,  die  sieben  Hirten  unterstellt  sind. 
Als  der  Oberhirt  Salla  stirbt,  macht  der  König  Amlodi 
auf  Gamaliels  Rat  zu  seinem  Nachfolger.  Amlodi  versieht 
sein  Amt  wohl.  Tagsüber  geht  er  in  die  Wälder  und 
jagt  wilde  Tiere,  zerstückt  sie,  siedet  das  Fleisch  in 
Kesseln  und  gibt  es  den  Schweinen  zu  fressen,  die  davon 
dick  werden. 

Der  Traum  des  Königs.  Der  König  hat  einmal, 
als  er  trunken  zu  Bett  gegangen  (im  Mittagsschlaf  y), 
einen  schweren  Traum,  den  er  Garaaliel  erzählt  und  den 
ihm  dieser  deutet:  Gott  zürne  ihm,  es  stehe  ihm  der  Tod 
bevor  und  die  ewige  Verdammnis;  wolle  er  ihr  entgehen, 
so  müsse  er  sich  bekehren,  dann  werde  Gott  Erbarmen 
mit  ihm  haben. 

Der  Tod  des  Addomolus.  Addomolus  warnt  den 
König  vor  Amlodi,  der  bei  seiner  Mutter  nur  schlafe^  um 
Verrat  zu  spinnen.  Eines  Abends  versteckt  er  sich  unter 
dem  Bette  Ambas.  Amlodi  geht  erst  in  die  Königshalle 
und  bemerkt  dort,  dafs  Addomolus  nicht  anwesend  ist. 
Von  da  begibt  er  sich  in  das  Zimmer  seiner  Mutter.  Hier 
ergreift  er  einen  grofsen  Speer  und  fährt  damit  schreiend 
auf  die  Mädchen  der  Königin  los,  die  kreischend  davon- 
laufen. Dann  bedroht  er  zum  Schein  Aniba  selbst,  die 
sich  aber  ganz  still  verhält,  und  stöfst  nach  allen  Rich- 
tungen in  die  Luft.  Als  er  bemerkt,  dafs  sich  unter  dem 
Bette  etwas  regt,  springt  er  plötzlich  auf  dieses  hinauf 
und   sticht   mit   dem  Speer   hindurcli.     Das    Geschrei   des 


—     133     — 

ilanmter  Liegenden  übertönt  er  durch  lautes  Geheul, 
zugleich  lehnt  er  sich  mit  aller  Wucht  auf  den  Speer, 
bis  er  glaubt,  dafs  es  genug  sei.  Dann  zieht  er  den 
Speer  heraus,  und  als  er  ihn  blutig  sieht,  lacht  er  laut 
auf,  verbirgt  den  Speer  wieder  im  Waifenbündel  und  voll- 
führt einen  gi-ofsen  Spektakel,  so  dafs  die  Leute  herbei- 
kommen; mit  diesen  treibt  er  allerhand  Possen,  bis  sie 
schlafen  gehen.  Dann  trägt  er  die  Leiche  ins  Kochhaus, 
zerstückelt  sie  und  gibt  sie  den  Schweinen  zu  fressen.  Die 
Kleidei-  verbrennt  er,  den  blutigen  Fleck  auf  dem  Boden 
reinigt  er  mit-^Wasser  und  trocknet  ihn  mit  Feuer;  dann 
geht  er  zu  Bett. 

Einen  ganzen  Monat  hindurch  sucht  man  vergeblich 
nach  Addomolus;  die  Leute  meinen  schliefslich,  Drafnar 
müsse  ihn  erschlagen  haben  und  man  läfst  die  Sache  auf 
sich  beruhen. 

Amlodi  und  der  Zwerg  Tosti.  Während  der  König 
für  längere  Zeit  auf  der  Jagd  ist,  begibt  sich  Amlodi  ins 
Gebirge  und  in  die  Einöde.  Er  befreit  das  Kind  des 
Zwerges  Tosti  aus  den  Händen  einer  Kiesin;  da  er  ihr 
das  Leben  schenkt,  erhält  er  zum  Dank  von  ihr  einen 
wunderbaren  Stein,  der  dem  Träger  alle  verborgenen 
Dinge  offenbar  macht,  von  dem  Zwerge  aber  ein  Gewand, 
das  dem  Träger  zauberhafte  Schönheit  verleiht.  Mit 
diesem  Gewände  angetan,  geht  er  in  Begleitung  Tostis, 
der  ein  ebensolches  trägt,  in  die  Halle,  wo  man  sie  für 
zwei  Götter  hält.  Der  Zwerg  verziert  auf  Amlodis  Befehl 
alle  Sitze  prächtig  und  schnitzt  in  jeden  ein  Loch.  Sie 
entfernen  sich  dann,  Amlodi  gibt  dem  Zwerge  das  Gewand 
zurück  und  lebt  wieder  wie  ehedem.  Dem  König  wird 
bei  seiner  Rückkunft  das  Vorgegangene  erzählt,  alle 
glauben,  ihr  Gott  selbst  sei  dagewesen  und  es  werden 
Dankopfer  veranstaltet. 

Abermaliger  Traum  des  Königs;  Amlodis  Sen- 


—     134    — 

düng:  Von  einer  Julfestfeier  bei  seinem  Bruder  zurück- 
gekehrt (dies  nur  in  y)  hat  der  König  wieder  einen  üblen 
Traum,  den  er  nach  dem  Erwachen  seiner  Umgebung  (und 
herbeigeholten  weisen  Männern  y)  erzählt:  „Ich  war  in 
dieser  Halle  zusammen  mit  meinem  Bruder  Malpriant  und 
seinen  beiden  Söhnen,  wir  waren  fröhlich  und  guter  Dinge, 
da  kam  ein  Geist  herein  durch  die  Tür  der  Halle,  unsicht- 
bar für  das  Auge,  der  trug  einen  grofsen  Sack  auf  seinem 
Eücken  und  aus  den  beiden  Seiten  des  Sackes  kamen 
Rauch  und  Feuerfunken,  so  dafs  die  Menschen  blind  und 
taub  dadurch  wurden,  und  wen  die  Funken  trafen,  der 
verlor  die  Sprache  und  wurde  wie  tot:  Gamaliel  und  die 
Königin  entkamen  mit  einigen  anderen  Leuten;  mich  und 
den  König  von  Spanien  aber  erreichte  der  böse  Geist 
ebenfalls."  Der  König  meint,  Amlodi  sei  der  böse  Geist, 
er  wolle  ihn  nun  töten;  die  Königin  aber  wendet  ein,  er 
würde  ja  darum  seinem  Schicksal  doch  nicht  entgehen. 
Auch  Gamaliel  rät  ihm  ab:  er  möge  Amlodi  zu  seinem 
Bruder  Malpriant  senden  und  ihn  dort  beobachten  lassen; 
sei  er  dort  ebenso  närrisch,  so  solle  Malpriant  ihn  zu  seiner 
eigenen  und  seiner  Leute  Belustigung  am  Leben  lassen, 
zeige  er  aber  gesunden  Verstand,  so  möge  er  ihn  töten. 
Der  König  fällt  dem  Ratschlage  bei. 

Eines  Morgens  nach  dem  Aufstehen  erblickt  der 
König  in  der  Halle  drei  Männer,  von  denen  ein  mächtiger 
Glanz  ausgeht  und  die  er  für  Götter  hält.  Der  gröfste 
unter  ihnen  sagt  ihm,  er  brauche  sich  nicht  vor  Amlodi 
zu  fürchten,  er  möge  denselben  zu  seinem  Bruder  Tamer- 
laus  senden,  der  vor  kurzem  viele  Männer  im  Kriege 
(gegen  die  Sarazenen  y)  verloren  habe.  Er  gibt  ihm  zur 
Bekräftigung  seiner  Worte  ein  prächtiges  Szepter  und  ver- 
schwindet mit  den  beiden  anderen  Männern.  (Es  waren 
Amlodi,  Tosti  und  dessen  Sohn  ß.) 

Der  König  beschliefst  dem  Befehle  Folge  zu  leisten; 


—     135     -- 

er  beauftiagt  Cimbal  und  Carvel,  Amlodi  auf  der  Reise  zu 
begleiten,  sie  sollten  König  Tamerlaus  mit  dem  Heere 
dienen,  das  er  ihm  zusenden  werde. 

Amlodi  besteht  wieder  einen  Kampf  mit  einem  Riesen, 
den  er  mit  Hülfe  seiner  Freundin,  der  Riesin,  tötet.  Sie 
tragen  den  Hort  des  Riesen  in  die  Höhle  der  Riesin.  Am- 
lodi bittet  Tosti,  der  hinzu  gekommen  ist,  ihm  nacli 
Skythien  nachzukommen  und  ein  Rofs  (und  eine  Rüstung  7), 
das  er  von  der  Riesin  erbittet,  mitzubi'ingen.  (Er  bittet 
Tosti  um  eine  Nachahmung  des  königlichen  Siegels  ß, 
Tosti  gibt  ihm  einen  Siegelring,  der  dem  des  Königs 
gleicht  7).    Amlodi  nimmt  das  Zaubergewand  Tostis  mit. 

Amlodi  bei  König  Tamerlaus.  Amlodi  tritt  auf 
einem  prächtigen  Drachenschiff  mit  Cimbal  und  Carvel  die 
Reise  an.  Letztere  führen  einen  Brief  des  Königs  bei  sich, 
worin  er  Tamerlaus  Glück  und  Hell  wünscht  und  seinen 
Willen  in  Bezug  auf  Amlodi,  Gamaliels  Ratschlage  ent- 
sprechend, mitteilt.  Sie  landen  in  Skythien  und  wandern 
durch  Gebirge  und  Einöde  zur  Burg.  Der  Tag  ist  heifs, 
so  rasten  sie  an  einem  Strome,  nehmen  ihr  Mittagsmahl 
ein  und  legen  sich  dann  zum  Schlafen  nieder.  Amlodi 
stellt  sich,  indem  er  laut  schnarcht,  als  ob  er  schliefe;  als 
dann  die  anderen  alle  eingeschlafen  sind,  erhebt  er  sich, 
verstärkt  ihren  Schlaf  durch  Naturlisten  (mit  einem  Schlaf- 
dorn y)j  nimmt  Cimbal  den  Brief  weg  und  wirft  ihn,  an 
einen  Stein  gebunden,  ins  Wasser;  dann  legt  er  einen 
anderen,  den  er  schreibt  und  mit  dem  Siegel  des  Königs 
versieht,  an  seine  Stelle. 

Auf  der  Burg  des  Königs  angekommen,  übergeben  die 
beiden  den  Brief,  in  dem  Amlodi  jenem  als  Pflegesohn  em- 
pfohlen wird:  dieser  sei  ein  gewaltiger  Krieger,  reich  an 
Weisheit,  und  manche  verborgenen  Dinge  seien  ihm  offen- 
bar. Cimbal  und  Carvel  sind  sehr  erstaunt,  als  sie  den 
Inhalt  des  Briefes  vernehmen,  der  ihren  Reden  widerspricht. 


—     13G    — 

Amlodi  wird  nun  herbeigeführt,  er  ist  strahlend  schön,  — 
er  hat  offenbar  den  Mantel  Tostis  angelegt  — ,  der  König 
begrüfst  ihn  huldvoll  und  weist  ihm  einen  Platz  neben 
sich  an.  Amlodi  erzählt  ihm  von  der  Ermordung  seines 
Vaters,  die  noch  ungerächt  sei.  Auf  des  Königs  Frage, 
ob  er  die  Rache  vollbringen  wolle,  erwidert  er,  das  stehe 
im  Willen  Gottes;  auf  die  weitere,  was  mit  den  beiden 
Begleitern  geschehen  solle,  die  ihn  verleumdeten:  das 
Leben  solle  ihnen  geschenkt  sein,  wenn  sie  ihm,  Amlodi, 
Treue  schwören  wollten.    Cimbal  und  Carvel  tun  dies. 

Es  findet  nun  ein  grofses  Mal  statt,  bei  dem  Amlodi 
nicht  ifst  und  mit  dem  König  nicht  anstofsen  will.  Nachts 
belauscht,  gibt  er  seinen  zwei  Genossen  als  Gründe  seines 
Verhaltens  an:  Die  Äcker,  von  denen  das  Brot  stamme, 
lägen  über  Leichen,  die  „Leckerbissen"  seien  den  Götzen 
geweiht  gewesen,  der  König  sei  ein  uneheliches  Kind. 
Bei  der  Nachprüfung  erweisen  sich  diese  Behauptungen 
als  wahr.  Tamerlaus  ist  über  Amlodis  Scharfsinn  höchlich 
erstaunt  und  meint,  er  kenne  keinen  Mann  seinesgleichen. 
Der  König  betraut  ihn  mit  der  Verteidigung  des  Landes, 
Amlodi  ist  stets  siegreich  und  wird  der  nächste  nach  dem 
Könige.  Im  Gegensatz  zu  früher  ist  er  gegen  alle  freund- 
lich und  zuvorkommend;  in  Gesellschaft  ist  er  der  fröh- 
lichste, sonst  aber  immer  in  Nachdenken  versunken. 

Tosti  bringt  Amlodi  die  Geschenke  seiner  riesischen 
Freundin:  ein  ausgezeichnetes  Rofs  und  kostbare  Waffen, 
darunter  eine  Lanze,  die  jedesmal  singend  erklingt,  wenn 
ihr  Träger  siegen  soll. 

Es  wird  nun  ein  Feldzug  nach  Griechenland  unter- 
nommen gegen  die  Konstantinopel  belagernden  Sarazenen 
unter  Bastiniis  (Bajasetes  oder  Bastianus  y),  die  Sarazenen 
werden  geschlagen.  Ein  Riese  Bcncohar,  der  von  jedem  Finger 
einen  Pfeil  abschiefst,  fügt  den  Christen  grofsen  Schaden 
zu.     Tosti   schiefst  ihm   zwei   Pfeile   in   die   Augen,   der 


—     137     — 

Riese  wird  rasend,  sein  Elefant  geht  mit  ihm  durch  und 
stürzt  in  einen  Teich,  wo  Bencobar  ertrinkt, 

Amlodi  besiegt  dann  noch  zwei  Häuptlinge  aus  Blaland, 
Tarchus  und  Cambis,  die  in  Skythien  eingefallen  sind. 

Tamerlaus'  Tochter  Mesia  (Semricandis  y)  fafst  Liebe 
zu  Amlodi,  dieser  hält  um  sie  an,  und  die  Hochzeit  wird 
gefeiert.  Tosti  kehrt  mit  den  erworbenen  Reichtümern 
nach  Hause  zurück.  Der  König  fährt  mit  Amlodi  vier 
Monate  lang  auf  Gastereien  bei  den  Häuptlingen  im  Lande 
umher;  Bastinus  wird  dabei  mitgenommen  und  mancherlei 
Foltern  unterworfen;  da  er  keine  Reue  zeigt,  wird  er  nach 
der  Rückkehr  gehängt. 

Nachdem  Amlodi  drei  Jahre  lang  bei  Tamerlaus  ge- 
weilt hat,  kehrt  er  nach  Cimbria  zurück,  um  sein  Erbe 
zurückzugewinnen.  Faustinus  hat  anläfslich  des  Julfestes 
eben  Besuch  von  seinem  Bruder  Malpriant.  Amlodi  landet 
am  achten  Jultag  (am  Abend  vor  dem  achten  Jultag  y). 
Er  trägt  seine  gewöhnliche  Kleidung  (das  Gewand  Drafnars 
und  eine  Maske,  wie  die  Narren  sie  zu  tragen  pflegen  y). 
Amlodi  holt  zunächst  aus  dem  Schuppen  seine  Stifte  und 
tut  sie  in  einen  ledernen  Sack,  den  er  hinter  sich  herzieht. 
Als  er  die  Festhalle  betritt,  erweist  sich  der  Sack  als  zu 
breit  für  die  schmale  Tür;  er  bindet  nun  den  Strick  um 
den  Leib  und  zieht  mit  aller  Kraft:  der  Sack  zwängt 
sich  durch,  er  aber  stürzt  infolge  des  plötzlichen  Ruckes 
—  absichtlich  —  der  Länge  nach  in  die  Halle,  was  bei 
der  Gesellschaft  grofse  Heiterkeit  erregt;  er  tut,  als  ob 
es  ihm  nicht  gelingen  wolle,  wieder  auf  die  Beine  zu 
kommen,  kriecht  mit  seinem  Sack  zum  Tisch  des  Königs 
und  schiebt  ihn  darunter,  ohne  dafs  jemand  etwas  dabei 
findet.  Dann  gebärdet  er  sich  wie  ein  Aife  und  treibt 
allerhand  Narrenspossen,  zur  Belustigung  der  Gäste,  die 
ihm  reichlich  zu  essen  und  zu  trinken  geben.  Zuletzt 
legt  er  sich,  als  ob  er  müde  w^äre,  unter  eine  der  Bänke. 


~     138     — 

Hier  zieht  er  nun  die  Kleider  der  Zechenden  durch  die 
Löcher  in  den  Sitzen  und  befestigt  sie  mit  seinen  Pflöcken 
auf  der  Innenseite,  ohne  dafs  jemand  etwas  merkt.  Dann 
kommt  er  wieder  hervor  und  treibt  seine  alten  Späfse. 
Zur  vorgerückten  Nachtstunde,  als  alle  vor  Trunkenheit 
und  ausgelassener  Lustigkeit  ganz  von  Sinnen  sind,  wirft 
er  seiner  Mutter  ein  Päckchen  in  den  Schofs.  Diese  wirft 
es  Gamaliel  zu  (sie  wirft  es  weg,  es  fällt  Gamaliel  vor 
die  Füfse  ß\  der  es  öffnet  und  einen  Brief  darin  findet, 
den  er  der  Königin  leise  vorliest.  Als  diese  hört,  was 
bevorsteht,  bekommt  sie  einen  Weinanfall  und  verläfst  mit 
Leta  die  Halle,  alle  Christen  aufser  Gamaliel  folgen  ihi\ 
Amlodi  setzt  inzwischen  seine  Possen  fort,  so  dafs  niemand 
ihr  Weggehen  beachtet.  Plötzlich  springt  er  auf  Gamaliel 
zu,  ergreift  ihn  und  trägt  ihn  hinaus  (Gamaliel  eilt  davon  /). 
Als  er  über  die  Schwelle  schreitet,  sprüht  Feuer  aus  dem 
Sacke  unter  dem  Tische  (da  Amlodi  mit  Naturlisten  die 
Stifte  leicht  feuerfangend  gemacht  hatte)  ^),  sofort  steht 
die  ganze  Halle  in  Flammen,  und  alle  Anwesenden,  die 
von  ihren  Sitzen  nicht  los  können,  verbrennen  unter 
Jammer  und  Schreien.  Beide  Könige,  zwei  Söhne  Mal- 
priants  und  etwa  2000  Menschen  kommen  in  der  Halle 
um  (das  geschah  zehn  Jahre  nach  Salmans  Tod  y). 

Amlodi  läfst  nun  durch  Tosti  eine  neue  Halle  erbauen, 
prächtiger  als  die  alte.  Dann  beruft  er  eine  Volks- 
versammlung, die  seine  Eechte  anerkennt  und  ihn  zum 
König  wählt. 

^)  So  Jiriczek.  Gollancz  übersetzt  vielmehr:  ^als  er  über  die 
Schwelle  sprang,  schlugen  Flammen  aus  einem  Bündel,  welches 
dort  lag".  Danach  würde  es  sich  um  ein  anderes  Bündel  handeln, 
welches  auf  der  Schwelle  lag,  und  die  Sache  wäre  vielleicht  so  zu 
denken,  dafs  er  in  dem  Bündel  enthaltenes  Holz  dadurch,  dafs  er 
darauf  trat,  zur  Reibung  und  so  zum  Brennen  brachte.  Es  ist  zu 
bedenken,  dafs  jene  Stifte  doch  bereits  Verwendung  gefunden  hatten; 


—     139    — 

Amlodis  letzte  Schicksale.  Nachdem  zwei  Winter 
vergangen,  unternimmt  Amlocti  eine  F'ahrt  nach  Skythien; 
die  Regentschaft  überträgt  er  inzwischen  an  Gamaliel. 
Bei  Cypeni  besiegt  er  einen  Piraten  Hephaestos,  mit  dem 
er  dann  aber  Freundschaft  schliefst.  In  Skythien  verweilt 
er  bei  Tamerlaus,  der  ihn  sehr  lieb  gewinnt,  weil  er 
Hephaestos,  seinem  —  Tamerlaus'  —  Stiefbruder,  das 
Leben  geschenkt  hat.  Amlodi  erzählt  ihm  den  Tod  seines 
Bruders  Faustinus.  Nach  Ablauf  eines  Jahres  segelt 
Amlodi  mit  seiner  Gattin  zurück  nach  Cimbria. 

Durch  den  Zwerg  Tosti  wird  Amlodi  an  das  Sterbe- 
lager seiner  riesischen  Freundin  gerufen.  Sie  ist  schon 
der  Rede  kaum  mehr  mächtig,  doch  versteht  er  von  ihren 
Worten  noch  so  viel,  dafs  sie  ihre  Schätze  ihrer  Zieh- 
tochter Harbra  vermacht.  Aus  ihren  Blicken  erkennt 
man,  wie  sie  Amlodi  von  ganzem  Herzen  liebt.  Er  ver- 
weilt bei  ihr,  bis  das  Ende  eingetreten  ist,  dann  läfst  er 
sie  in  einem  Talgrunde  bestatten  und  einen  Grabhügel 
über  ihr  aufwerfen.  Harbra  wird  die  Frau  des  Hephaestos, 
der  mit  ihr  nach  Hause  reist.  (In  ß  folgt  diese  Episode 
erst  auf  die  Erzählung  von  Tellus'  Verheiratung.) 

Nachdem  Amlodi  zwei  Jahre  lang  regiert  hat,  erklärt 
Baland,  von  seiner  Gattin  angetrieben,  ihm  den  Krieg. 
In  der  Schlacht  wird  Baland  gefangen  genommen,  später 
versöhnt  sich  Amlodi  jedoch  mit  ihm  und  läfst  ihm  sein 
Königreich. 

König  Goäfreyr  von  Vallajid,  der  nur  eine  blinde 
Tochter  hat,  vermacht  Amlodi  für  ihm  geleistete  Waffen- 
liilfe  sein  Reich;  Amlodi  übergibt  das  Land  Tellus^  einem 
alten  Vasallen  seines  Vaters,  der  seit  dessen  Tode  im 
Gebirge  gelebt  hat,  und  verheiratet  Leta  mit  ihm.  Zehn 
Jahre  später  stirbt  Gamaliel.  Amlodi  hat  drei  Söhne, 
Seaman,  Goctfreyr  und  Gamaliel^  und  eine  Tochter  (zwei  y). 
.jDanach  herrschte  König  Amlodi  über  sein  Reich  bis  zu 


—     140      - 

seinem  Tode  und  sein  Sohn  Godfreyr  übernahm  nach  ihm 
die  Ke^ierung." 

Damit  schliefst  die  Ambalessaga. 

Zunächst  eine  allgemeine  Bemerkung.  Die  Sage  ent- 
hält ohne  Zweifel  eine  Reihe  Elemente  und  Episoden, 
welche  jüngeren  Ursprunges  scheinen.  Aber  daneben  stehen 
gröfsere  Partien  von  merkwürdig  altertümlichem  Gepräge. 
Ich  meine  hier  vornehmlich  jene  Abschnitte,  welche 
Amlodis  Narrheit  schildern  und  somit  gerade  den  Kern  der 
ganzen  Erzählung  bilden.  Als  ich  diese  Scenen  mit  ihrem 
grotesken  Detail  zum  ersten  Male  las,  da  sagte  ich  mir: 
Das  mutet  nicht  an  wie  Erfindungen  eines  späten  fabu- 
lierenden Romanskribenten,  das  sieht  alles  merkwürdig 
primitiv  aus.  Ich  glaubte  einen  Anhauch  frühester,  barba- 
rischer Kulturzustände  zu  verspüren  und  zugleich  das 
Walten  eines  urwüchsig -kraftvollen  dichterischen  Genius. 
Ich  verweise  besonders  auf  den  Höhepunkt  der  Handlung, 
die  Schilderung  der  Katastrophe:  welch  ein  erschütternder 
Kontrast,  dieser  als  Affe  sich  gebärdende  Narr  in  be- 
rauschter Festversammlung,  die  er  zu  wildester  Lustigkeit 
anstachelt,  und  im  Hintergrunde,  gleichsam  schon  gegen- 
wärtig, das  grause,  unentrinnbare  Verhängnis:  das  Flammen- 
meer, das  der  Orgie  ein  jähes  und  fürchterliches  Ende 
bereiten  wird:  ein  Possenreifser  unter  Trunkenen,  die  mit 
einem  Fufse  schon  im  Grabe  stehen.  Saxos  Darstellung 
reicht  an  die  ergreifende  Tragik  dieser  Scene  nicht  heran, 
sie  erscheint  ihr  gegenüber  abgeschwächt,  gemildert. 

Die  nachfolgenden  Untersuchungen  über  die  Quellen 
der  Ambalessage  werden  diesem  ersten  Eindruck  von  der 
Altertümlichkeit  gewisser  Parti een  der  Sage  zur  Bestäti- 
gung dienen. 

Die  Verschiedenheiten  der  Sage  gegenüber  der  Er- 
zählung Saxos  hat  schon  Jiriczek  a.  a.  0.  S.  99 — 103  im 


—     141     — 

einzelnen  nachgewiesen.  Er  gelangt  dui'ch  den  Vergleich 
S.  107  zu  dem  Ergebnis,  dafs  wahrscheinlich  die  ganze 
Sage  durch  das  Medium  der  mündlichen  Tradition  auf  Saxo 
zurückgehe;  die  Zeit  jedoch  und  die  näheren  Umstände 
ihrer  Abzweigung  aus  Saxo,  bezw.  aus  einer  daraus  abge- 
leiteten Quelle,  entzögen  sich  unserer  Kenntnis.  Indessen 
hat  Jiriczek  später,  Zs.  d.  Vereins  f.  Volkskunde  10  (1900), 
361,  diese  Ansicht  zurückgenommen  und  der  abweichenden 
Anschauung  Axel  Olriks^)  zugestimmt,  wonach  der  Ver- 
fasser der  Sagen  vielmehr  einem  volkstümlichen  Hamlet- 
märchen vom  Typus  des  Brjammärchens  gefolgt  wäre,  so- 
weit es  reichte,  und  die  durch  dieses  gegebenen  Umrisse 
auf  Grund  der  Darstellung  Saxos  ausgefüllt,  auch  eine 
Menge  selbsterfundener  Abenteuer  eingefügt  hätte.  Somit 
braucht  auf  die  von  Jiriczek  für  jene  andere  Auffassung 
beigebrachten  Gründe  nicht  mehr  eingegangen  zu  werden, 
(llrik  seineiseits  macht  sich  nun  aber  mit  seinem  Urteil, 
was  Jiriczek  nicht  erwähnt,  einfach  die  von  Gollancz-) 
aufgestellte  Ansicht  zu  eigen. 

Gollancz  argumentiert  folgend ermafsen:  er  meint,  der 
in  der  Sage  neben  Ambales  für  den  Helden  begegnende 
Name  Amlodi,  den  Saxo  nicht  kennt,  sei  der  deutlichste 
Beweis,  dafs  eine  von  Saxo  unabhängige  Hamlet- 
sage einstmals  im  Volksmuude  gelebt  hat;  er  weist 
darauf  hin,  dafs  das,  nach  mündlicher  Überlieferung  1707 
niedergeschriebene  isländische  Märchen  von  Brjmn,  in  dem 
die  Geschichte  Hamlets  mit  dem  Märchen  vom  „Klugen 
Hans"  vereinigt  scheint,  mit  der  Ambalessage  eben  da  zu- 
sammentrifft, wo  sie  von  Saxo  abweicht.  Daraus  folge, 
dafs  entweder  das  Märchen  aus  der  Saga  geschöpft  habe, 
oder  die  letztere  umgekehrt  für  ilire  Bearbeitung  Saxos  — 


^)  Arkiv  for  Xordisk  Filolorji  XV  (N.  F.  11,  1899),  369  ff. 
«)  Hamlet  in  Ircland,  Introd.  S.  LXVIII. 


—     142     — 

—  als  eine  solche  betrachtet  GoUancz  im  wesentlichen 
die  Ambalessage  —  das  Märchen  benutzt  habe.  Gollancz 
meint,  es  seien  zwar  sichere  Kriterien,  um  eine  Entscheidung 
zu  treffen,  nicht  vorhanden,  aber  der  Eindruck  der  Ambales- 
sage  und  die  allgemeine  Berücksichtigung  literarischer 
Methoden  schienen  für  die  Annahme  zu  sprechen,  dafs  die 
alte  heroische  Erzählung  von  Amlodi  noch  vor  dem  Ent- 
stehen der  Sage  zu  einer  Volkserzählung  abgekürzt  worden 
war,  die  uns  eben  in  dem  Märchen  von  Brjam  erhalten 
sei.  Den  Ersatz  des  Namens  Amlodi  durch  Brjam  erklärt 
er  damit,  dafs  jener  zum  Appellati vum  geworden  war,  dafs 
man  den  Namen  infolgedessen  auch  in  der  Sage  als  solches 
auffafste  und  deshalb  die  Geschichte  nun  von  einem 
„amlode'',  Tölpel,  erzählte,  dem  man  den  Namen  Brjam 
beilegte.  Andererseits  weist  er  hin  auf  die  merkwürdige 
Tatsache  —  „a  stränge  chance,  if  not  more^'  — ,  dafs  der 
Name  Brjam  identisch  ist  mit  dem  Namen  des  Helden  der 
Schlacht  von  Clontarf  im  Jahre  1014,  eben  der  Schlacht,  an 
die,  wie  oben  S.  65  ff.  dargelegt  wurde,  sich  unmittelbar  jene 
Vorgänge  anschlössen,  auf  welche  die  letzte  Episode  der 
Saxoschen  Hamletsage  und  des  Havelok,  die  Geschichte 
von  den  „wiederaufgerichteten  Toten"  zurückgeht.  Gollancz 
erinnert  hier  daran,  dafs  die  Dänen  in  engsten  Beziehungen 
zu  ihren  irischen  Feinden  standen:  so  war  die  Gattin 
Sitrics,  des  Sohnes  Olaf  Cuarans,  Brians  Tochter  — ,  Sitrics 
Mutter  Gormflaith  wurde  später  Brians  Gattin,  und  Sitrics 
Schwester  war  die  Gattin  des  irischen  Königs  Malachy  U.^); 
mündliche  Überlieferung  konnte  leicht  die  Helden  beider 
Parteien  vermengen,  wie  sie  sie  denn  in  dem  eben  ge- 
nannten Falle,  der  Geschichte  von  den  „wiederaufgerichteten 
Toten",  tatsächlich  vermengt  hat.  Denn  der  Held  jener, 
an  die  Schlacht  von  Clontarf  sich  anschliefsenden  Episode 


1)  S.  Todd,   Coga^Ih  Gaedhel  S.  288,  n.  16. 


—     143    — 

ist  in  der  Geschichte  Donnchadh,  der  Sohn  Brians,  der 
Anführer*  des  irischen  Stammes  der  Dalcais  bei  Clontarf; 
dui'ch  die  Sage  aber  wurde  die  Geschichte  geknüpft  an 
den  Namen  Olaf  Cuarans  (d.  i.  Haveloks,  der  dann  iden- 
tifiziert wurde  mit  Hamlet),  dessen  Sohn  Sitric  während 
jener  Schlacht  Dublin  besetzt  hielt  und  sie  von  den  Wällen 
der  Stadt  aus  ansah,  und  dessen  Urenkel  in  der  Schlacht 
selbst  mitkämpfte. 

Sehen  wii*  nun,  welche  Bewandtnis  es  mit  dem  Brjam- 
märchen  hat,  und  ob  Gollancz,  Olrik  und  Jiriczek  im  Rechte 
sind,  wenn  sie  dasselbe  neben  Saxo  als  eine  Quelle  der 
Ambalessage  betrachten. 

Das  Märchen  von  Brjam  wurde  aufgezeichnet  im  Jahre 
1707  nach  der  Erzählung  einer  alten  Frau,  Hild  Anigrims- 
datter,  die  es  doch  wohl  in  ihrer  Jugend  gehört  haben 
wird,  s.  Olrik,  a.  a.  0.  S.  365^). 

Der  Inhalt  des  Brjammärchens  ist  im  wesentlichen  die- 
ser: Ein  armer  Mann  hat  eine  sehr  schöne  Kuh,  die  die 
ganze  Familie  ernährt.  Dem  König  gefällt  die  Kuh  und  er 
will  sie  gegen  eine  andere  eintauschen.  Aber  der  Bauer 
erklärt,  er  gebe  sie  nicht  her.  Da  töten  die  Abgesandten 
des  Königs  den  Mann.  An  die  anwesenden  drei  jungen  Söhne 
des  Ermordeten  richten  sie  die  Frage,  wo  sie  den  meisten 
Schmerz  fühlten:  zwei  schlagen  sich  an  die  Brust,  der 
jüngste,  Brjam,  aufs  Gesäfs,  indem  er  dazu  grinst.  Nun 
erschlagen  die  Königsleute  die  beiden  ersteren,  Brjam 
lassen  sie  am  Leben,  weil  er  ein  Narr  sei.    Sie  treiben 


^)  Es  wurde  gedruckt  von  Jon  Amason,  Islenxkar  ßjudsögur  II, 
Leipzig  1864,  S.  505 — 8;  ins  Englische  übersetzt  von  G.  E.  J.  Powell 
u.  Eirikr  Magnussen,  Icdaridic  Legends,  2.  Serie,  London  1866, 
S.  596—602,  u.  von  Gollancz,  a.  a.  0.  S.  LXXIff.;  analysiert  von 
K.  Maurer,  Island.  Volkssagen  d.  Gegenwart,  Leipzig  1860,  287 — 90  und 
von  Detter  a.  a.  0.  S.  21. 


—     144     — 

dann  die  Kuh  fort.  Brjam  geht  zu  seiner  Mutter  und  er- 
zählt ihr  das  Geschehene.  Es  folgt  nun  eine  Reihe  törichter 
Streiche,  bezw.  Antworten  des  Knaben,  der  allgemein  für 
blöde  gilt.  Die  Antworten  sind  zunächst  von  dem  Typus 
derer  in  dem  Märchen  vom  „Klugen  Hans".  Nur  zwei 
der  Antworten  sind  Rätselantworten  und  diese  sind  iden- 
tisch mit  den  Antworten  Amlodis  in  der  Ambalessage ;  da- 
von betrifft  die  zweite  die  Stifte:  Er  kommt  eines  Tages 
in  die  Halle  des  Königs,  setzt  sich  dort  in  eine  Ecke  und 
schnitzt  Stifte  mit  seinem  Messer.  Als  man  ihn  fragt, 
was  er  tue,  sagt  er:  „Den  Vater  rächen,  nicht  den  Vater 
rächen."  Als  die  Anwesenden  alle  betrunken  sind,  nagelt 
ihnen  Brjam  mit  seinen  Holzstiftchen  die  Kleider  an  die 
Bänke  fest.  Als  sie  schliefslich  aufstehen  wollen,  bemerken 
sie  es  und  geben  sich  gegenseitig  die  Schuld;  dadurch 
entsteht  Streit,  es  kommt  zu  Tätlichkeiten,  und  die  Leute 
erschlagen  sich  gegenseitig  im  Kampfe.  Brjam  aber  hei- 
ratet später  die  Tochter  des  Königs  und  besteigt  den  Thron. 

Olrik  stimmt  Gollancz,  wie  gesagt,  hinsichtlich  seiner 
Beurteilung  dieses  Märchens  in  seinem  Verhältnis  zur  Sage 
bei;  er  führt  dessen  Ansicht  näher  aus,  indem  er  die  der 
Sage  und  dem  Märchen  gegenüber  gemeinsame  Züge  nach- 
weist. Daraus  gehe  hervor,  meint  er,  dafs  wir  ziemlich 
alle  Auftritte  des  Brjammärchens  in  der  Ambalessage 
wiederfinden,  ausgenommen  die  „klugen"  Antworten,  die 
aus  jenem  obengenannten  anderen  Märchen  stammen.  Jene 
Züge,  meint  Olrik,  bildeten  in  sich  selbst  eine  vollstän- 
dige Hamleterzählung  von  echt  volksmäfsigem  Charakter. 
Die  Äufserungen  von  Hamlets  Torheit,  die  der  Sage  mit 


^)  So  Gollancz.  Detter:  „Den  Vater  rächen,  den  Vater  rächen." 
Die  andere  Lesart  stimmt  aber  zur  Ambalessage  und  ist  gewifs  die 
ursprüngliche.  Die  Wiederholung  der  nämlichen  Worte  wäre  offenbar 
zwecklos. 


—     145     — 

dem  Märchen  gemein  sind,  trügen  ein  Gepräge  urwüchsiger 
Kraft,  „die  weder  erreicht  wird,  wenn  die  Erzählung  mit 
Saxo  stimmt,  noch  wenn  der  Verfasser  auf  eigenen  Füfsen 
steht".  Seine  andere  Quelle,  Saxo,  werde  der  Verfasser  der 
Sago  nicht  unmittelbar  vor  sich  gehabt,  sondern  auf  Grund 
früherer  Lektüre  oder  Wiedererzählung  benutzt  haben. 

Ich  kann  mich  der  Ansicht  von  Gollancz  und  Olrik 
nicht  anscjiliefsen,  glaube  vielmehr,  dal's  Detter  im  Rechte 
ist,  wenn  er  die  Ambalessage  trotz  ihrer  späten  Überliefe- 
rung als  von  Saxo  unabhängig  betrachtet.  Denn  sie  enthält 
einmal  eine  Reihe  von  Zügen,  welche  sich  weder  bei  Saxo 
noch  im  Brjammärchen  finden,  wohl  aber  in  der  römischen 
Brutussage,  der  Hauptquelle  der  Hamletsage,  sowie  in  Ver- 
sionen der  letzteren,  die  von  Saxo  und  jenem  Märchen  un- 
abhängig sind;  sodann  aber  läfst  sich  auf  einem  ganz 
anderen  Wege  wahrscheinlich  machen,  dafs  wesentliche  Mo- 
tive der  Ambalessage,  die  bei  Saxo  gar  nichts  entsprechen- 
des haben,  in  Saxos  Vorlage  gleichfalls  vorhanden  gewesen 
sind.  Was  das  Verhältnis  der  Ambalessage  zu  dem  Brjam- 
märchen betrifft,  so  läfst  sich  hier  eine  sichere  Entschei- 
dung nicht  treffen.  Der  Grund,  durch  den  Detter  beider 
Herkunft  aus  der  gleichen  Quelle  erweisen  will:  dafs  näm- 
lich in  der  Sage  die  Antwort  des  Helden  fehle,  er  ver- 
fertige seine  Stifte,  um  den  Vater  zu  rächen,  dieser  Grund 
ist  hinfällig,  da  jene  Antwort  nur  in  der  Detter  allein 
zur  Verfügung  stehenden  ersten  Analyse  Jiriczeks  fehlte, 
in  der  Sage  selbst  sich  aber  findet,  wie  wir  sahen.  Dem 
Inhalte  nach  kann  das  Märchen  ebensowohl  aus  der  gleichen 
Quelle  mit  der  Sage  stammen,  als  auch  aus  der  letzteren 
erst  abgeleitet  sein.  Das  erstere  wäre  natürlich  anzunehmen, 
wenn  der  Name  des  Helden  wirklich  auf  den  in  der  Schlacht 
von  Clontarf  getöteten  irischen  König  Brian  zurückginge, 
eine  Möglichkeit,  auf  die,  wie  wir  sahen,  Gollancz  hinweist 
— ,  insofern  eine  Verwechselung  des  irischen  Königs  mit 

Zenker,  Boeve-Amletbas.  10 


—     146     — 

dem  dänischen  König  in  Irland,  Olaf  Cuaran,  wie  sie  dann 
vorliegen  mülbte,  doch  nur  zu  einer  Zeit  stattfinden  konnte, 
wo  die  Erinnerung  an  beide  noch  im  Volke  lebendig  war. 

Es  soll  nun  gezeigt  werden,  dafs  die  Ambalessage 
von  der  Saxoschen  Darstellung  unabhängig  ist.  Ich  werde 
jene  der  Bequemlichkeit  halber  einfach  die  „Saga"  nennen. 

Ich  fasse  zunächst  das  Verhältnis  der  Ambalessage 
zur  Brutussage  ins  Auge.  Zwei  Züge  der  Brutussage, 
welche  bei  ihr  fehlen,  hingegen  in  der  Sage  vorhanden  sind, 
wurden  schon  von  Detter  hervorgehoben: 

1.  Amleth  erscheint  bei  Saxo  als  das  einzige  Kind 
seiner  Eltern.  Brutus  dagegen  hat  einen  Bruder,  der  von 
Tarquinius  getötet  wird,  während  man  ihn  selbst,  weil  er 
sich  verrückt  stellt,  am  Leben  läfst.  Genau  die  gleiche 
Version  bietet  die  Saga,  s.  oben  S.  129.  Brjam  hat  zwei 
Brüder,  die  beide  getötet  werden.  Einen  Bruder  hat 
der  Held  auch  in  der  Hrolfssage  sowie  in  der  Harald- 
Halfdansage,  doch  bleiben  sie  hier  beide  am  Leben.  Es 
ist  klar,  dafs  die  letztere  Version  recht  wohl  aus  jener 
anderen,  wonach  der  ältere  Bruder  getötet  wurde,  hervor- 
gehen konnte. 

2.^)  Cicero,  De  divinatione  I,  22  citiert  ein  Fragment 
aus  dem  verlorenen  Drama  Brutus  des  berühmten  römi- 
schen Tragikers  Accius  (geb.  170,  f  um  94  v.  Chr.),  in 
dem  Tarquinius  sich  einen  bösen  Traum,  den  er  gehabt 
hat,  von  Traum deutern  auslegen  läfst;  sein  Traum  war 
dieser:  Ein  Hirt  trieb  auf  ihn  eine  Herde  zu,  und  er 
wählte  sich  aus  ihr  zwei  Widder  aus,  die  von  der  gleichen 
Mutter  stammten;  während  er  den  schöneren  der  beiden 
opferte,  stiefs  ihn  der  andere  mit  den  Hörnern  zu  Boden. 


^)  Dieses  Motiv  wird  von  Detter  nur  ganz  im  allgemeinen  er- 
wähnt: „Auch  der  Traum  des  Königs  und  die  Auslegung  desselben 
durch  Addomolus,  dafs  von  Ambales  Gefahr  drohe,  erinnert  an  die 
Träume  des  Tarquinius,  vgl.Livius  I,  56  und  das  Fragment  des  Accius". 


—     147     — 

Wie  er  nun.  schwer  verwundet,  auf  dem  Rücken  lag  und 
zum  Himmel  autl)lickte,  bot  sich  ihm  ein  schrecklicher  An- 
blick: die  strahlende  Sonnenscheibe  trat  nach  rechts  aus 
ihrer  Bahn  und  zerschmolz^).  Die  Traumdeuter  erklären 
dem  König  den  Traum  folgendermafsen:  derjenige,  den  er 
für  so  dumm  halte  wie  ein  Schaf  (quem  tu  esse  hehetem 
deputes  aeque  äc  pecus) ,  der  aber  das  weiseste  Herz  in 
der  Brust  trage,  werde  ihn  vom  Throne  stofsen;  der  Vor- 
gang mit  der  Sonne  kündige  dem  römischen  Volke  eine 
nahe  bevorstehende  Revolution  an,  und  dafs  die  Sonne 
ihren  Weg  nach  rechts  genommen,  deute  hin  auf  die 
künftige  Gröfse  Roms. 

Natürlich  ist  mit  dem  geopferten  Widder  der  getötete 
Bruder  des  Brutus  gemeint. 

Livius  I,  56  berichtet  von  einem  Traume  des  Tar- 
quinius  nicht,  wohl  aber  von  einem  portentum,  das  den 
König  mit  Sorge  erfüllt:  eine  Schlange  kommt  aus  einer 
hölzernen  Säule  hervor  und  verbreitet  Schrecken  in  der 
Königsburg.  Eben  dies  veranlafst  den  Tarquinius,  durch 
seine   Söhne   das   Orakel   in   Delphi    befragen   zu   lassen. 


^)  S.  0.  Ribbeck,  Scaenicae  Romanorum  poesis  fragmenta  I,  Leip- 
zig 1871,  S.  283f.: 

Visum  est  in  somnis  pästorem  ad  me  adpellere 

Pecüs  lanigerum  eximia  pulchritiidine, 

Duos  C(msanguineos  drietes  inde  eligi 

Praecldriorem  dlterum  immoldre  me. 

Deinde  eius  germanum  cnr^iibus  conitier, 

In  me  drietare,  eoque  ictu  me  ad  casum  dari: 

Exim  prostraium  terra,  grauiter  saücium, 

Resupinum  in  caelo,  contueri  mdximum 

Mirißcum  facinus:  dextrorsum  orhem  fldmmeum 

Radidtum  solis  liquier  cursü  nouo. 
«)  Ed.  Du  Fresne  I,  Paris  1686,  S.  332:  „vultures  ex  hortis  ejus 
pullos  aquHarum  eocpulerunt:  et  anguis  ingens  e  conclavi,  in  quo  cum 
amicis  convivahatur,  et  ipsum  et  convivcLS  fugavit. 

10* 


—     148     — 

Das  gleiche  Prodigiurn  berichtet  in  seinen  Ännales  VII, 
c.  11  der,  Mitte  des  12.  Jahrhunderts  schreibende^)  by- 
zantinische Historiker  Zonaras,  der  aus  Dio  Cassius 
(2.  Jahrh.  n.  Chr.)  schöpft  und  uns  dessen,  nur  fragmen- 
tarisch erhaltene  Darstellung  der  Brutussage  ersetzt. 
Zonaras  überliefert  aufserdem  noch  ein  zweites  Prodigium: 
Geier  hätten  aus  des  Königs  Gärten  junge  Adler  ver- 
trieben. 

Nun  weifs  Saxo  von  irgend  welchen  unheilverkün- 
denden Träumen  des  Königs  oder  von  Wunderzeichen,  die 
ihm  zu  Teil  geworden  wären,  absolut  nichts,  wohl  aber 
hat  die  Ambalessaga  eine  jenem  Fragment  des  Accius 
genau  entsprechende  Scene:  der  König  hat  einen 
schweren  Traum,  den  er  sich  deuten  läfst,  und 
in  dem,  genau  wie  bei  Accius,  eine  mit  der  Sonne 
sich  vollziehende  merkwürdige  Veränderung  eine 
Eolle  spielt:  er  steht  draufsen,  fern  von  anderen 
Menschen,  und  blickt  zum  Himmel;  da  sieht  er  die 
Sonne  rot  wie  Blut,  dann  verschwindet  sie,  und  an 
ihre  Stelle  tritt  ein  Schwert  (Gollancz  S.  105). 

Die  Übereinstimmung  ist  hier,  deucht  mich,  eine  so 
spezielle,  dafs  an  Zufall  nicht  gedacht  werden  kann.  Das 
Motiv  begegnet  in  keiner  anderen  der  bisher  besprochenen 
Versionen  der  Hamletsage. 

Jiriczek  wendet  gegen  die  beiden  Züge  ein  —  die 
spezielle  Übereinstimmung  der  Sage  mit  Zonaras  bezüglich 
des  zweiten  war  aber,  wohlgemerkt,  von  Detter  noch  nicht 
hervorgehoben  worden,  s.S.  146  Anm.  1 — :  „ihre  Beweis- 
kraftstehe und  falle  mit  Detters  Hypothese  von  dem  fremden 
Ursprung  der  ganzen  Amlethsage,  die  ihm  unerweisbar 
erscheine";  aber  diese  Hypothese  darf,  wie  wir  sahen  und 


^)  Die  Annales  wurden  spätestens   vollendet  ca.  1143 — 63,  s.  K. 
Krumbacher,  Gesehichte  d.  byxantin.  Litt.^,  München  1897,  S.  372. 


—     149     — 

wie  aus  den  weiteren  Ausführungen  noch  deutlicher  er- 
hellen wird,  in  der  Tat  als  erwiesen  gelten.  Auch  hält 
Jiriczek  in  einer  neueren,  später  genauer  zu  besprechenden 
Abhandlung^)  selbst  einen  Zusammenhang  zwischen  beiden 
Sagen  für  nicht  ganz  unwahrscheinlich. 

Es  dürfte  aber  noch  ein  drittes,  von  Detter  und 
Jiriczek  nicht  beachtetes  Motiv  der  Sage,  das  bei  Saxo 
fehlt,  aber  in  den  beiden  Versionen  der  Hrolfssaga  seine 
Entsprechung  hat,  einen  Nachklang  eines  in  der  römischen 
Sage  vorhandenen  Motives  darstellen: 

3.  Zouaras  (=  Dio  Cassius)  erzählt  a.  a.  0.,  Apollo 
habe  durch  das  delphische  Orakel  dem  Tarquinius  ant- 
worten lassen,  „er  werde  dann  die  Herrschaft  verlieren, 
wenn  ein  Hund  menschliche  Stimme  bekommen 
werde  {cum  canis  humana  voce  loqneretur^^'^).  Tarquinius 
ist  dadurch  beruhigt,  denn  er  meint,  das  werde  ja  nie 
geschehen.  ;ftit  dem  Hund  ist  Brutus  gemeint. 
Offenbar  hat  diese  Bezeichnung  zur  Voraussetzung,  dafs 
die  römische  Sage  den  Brutus  sich  in  seinem  verstellten 
Wahnsinn  nach  Hundeart  geberden  liefs.  Denn  hätte 
das  Orakel  nur  seinen  Blödsinn  im  allgemeinen,  seine 
Vernunftlosigkeit  gemeint,  so  hätte  der  Spruch  offenbar 
lauten  müssen:  wenn  ein  Tier  menschliche  Stimme  be- 
kommen werde. 

Nun  bezeichnet  in  der  Saga  der  König  den 
Amlodi   einmal  direkt  als  „Hund",  s.  Gollancz  S.  97: 


V)  Zs.  d.  Vereins  f.  Volksk.  X,  364. 

-)  Bei  Livius  I,  56  wird  die  Antwort,  welche  das  Orakel  den 
Söhnen  des  Tarquinius  erteilt,  nicht  erwähnt;  es  heifst  nur,  sie  hätten 
„den  Auftrag  ihres  Vaters  erfüllt:  perfeetis  patris  mandatis."  Auch 
Dion.  Hai.  IV,  69  überliefert  eine  Antwort  nicht.  Es  mufs  aber  natür- 
lich eine  solche  in  ihren  Quellen  vorhanden  gewesen  sein,  und  gewifs 
spricht  alle  Wahrscheinlichkeit  dafür,  dafs  es  die  Antwort  war,  die 
Zonaras  überliefert. 


—     150     — 

Nachdem  Amlodi  in  der  Halle  den  Drafnar  bezwungen 
hat,  sagt  der  König:  es  ist  schimpflich  für  uns,  dafs  wir 
diesen  Hund  es  uns  zuvortun  liefsen  {we  must  needs 
deem  it  our  shame  that  we  suffered  this  dog  to  vanquish 
us;  damit  kann  nur  Amlodi,  nicht  etwa  Drafnar  gemeint 
sein,  denn  die  Worte  des  Königs  stehen  ganz  parallel 
den  unmittelbar  vorausgehenden  Gamaliels :  ive  must  needs 
deem  it  our  shame  that  .  .  .  this  fool  ...  saved  us'^). 
Und  in  der  Tat  trägt  in  der  Saga  Amlodis  ganze  Auf- 
führung das  Gepräge  hündischen  Wesens:  es  liegt  offen- 
bar in  der  Intention  des  Dichters,  Amlodi  sich 
in  seinem  angenommenen  Blödsinn  als  Hund  ge- 
berden zu  lassen:  Er  liegt  meist  in  der  Küche  herum 
und  frifst  gierig  von  allem,  was  er  dort  findet  (Gollancz 
S.  73);  er  hat  seines  Gleichen  nicht  an  Gefräfsigkeit  (ib. 
S.  77);  die  Küchenmägde  liegen  mit  ihm  im  Streit,  weil 
er  ihnen  aus  ihren  Schüsseln  ifst  (ib.  S.  'f?);  bei  einem 
Feste  des  Königs  verrichtet  er  in  hündischer  Weise  in 
der  Halle  vor  aller  Augen  seine  Notdurft  (Jiriczek  S.  78; 
in  Gollancz'  Übersetzung  an  der  entsprechenden  Stelle 
S.  81  findet  sich  der  Zug  nicht  —  G.  hat  ihn  wohl  unter- 
drückt); der  Schuppen,  in  dem  er  seine  Stifte  verwahrt, 
dürfte  vielleicht  als  Hundehütte  zu  denken  sein. 

Dem  entspricht  es  nun,  wenn  in  der  Hrolfssaga  Kraka 
der  Fischer  Vifil  seine  beiden  Schützlinge  Helgi  und  Hroar 
(=  Hamlet)  dem  ihnen  nachstellenden  König  gegenüber  als 
Hunde  bezeichnet:  er  trägt  den  Knaben  auf,  „sobald  er  laut 
„Hopp  und  Ho",  zwei  Hundenamen,  rufe,  mögen  sie  eiligst 
ins  Gehölz  laufen.  Da  kommt  der  König.  Der  Karl  ruft 
laut:  Hopp  und  Ho,  gebt  auf  mein  Vieh  acht,  denn  ich 
kann  es  jetzt  nicht  beschützen.  Da  entfliehen  die  Knaben. 
Als  der  König  fragt,  was  er  gerufen  habe,  antwortet  der 
Karl,  er  habe  seinen  Hunden  gerufen"  (Detter  S.  8). 
Das  gleiche  Motiv  begegnet  in  der  anderen  Version  dieser 


—     151     — 

Sage,  welche  Saxo  Kap.  VII  überliefert:  Harald  und  Haidan 
„wurden  gleich  darauf  von  ihren  Pflegern  in  eine  hohle 
Eiche  eingeschlossen,  und  damit  durch  kein  Anzeichen  ihr 
Dasein  verraten  werde,  wurden  sie  lange  unter  dem 
Vorgeben,  dafs  sie  Hunde  seien,  ernährt;  ja 
man  gab  ihnen  sogar  Hundenamen,  damit  um  so 
weniger  die  Kunde  von  ihrer  Verborgenheit  ruchbar  würde" 
(Jantzen  S.  339). 

Ich  meine,  die  Vermutung  liegt  aufserordentlich  nahe, 
wir  möchten  es  hier  in  den  verschiedenen  nordischen 
Fassungen  mit  einer  Erinnerung  an  jenes,  aus  Zonaras  zu 
erschliefsende  Motiv  der  römischen  Sage  zu  tun  haben, 
welche  den  Brutus  hündische  Art  zur  Schau  tragen  liefs. 
Ist  dem  so,  dann  würde  daraus  also  folgen,  dais  die  Am- 
balessaga  wie  die  Hrolfssaga  von  Saxo  unabhängig  ist,  da 
letzterer  das  Motiv  nicht  kennt ;  es  würde  aber  weiterhin 
zugleich  daraus  zu  erschliefsen  sein,  dais  die  Hamletsage 
wenigstens  in  ihrer  Totalität,  soweit  sie  mit  der 
Brutussage  übereinstimmt,  auf  keine  der  erhal- 
tenen literarischen  Fassungen  der  Brutussage 
zurückgeht,  da  aufser  Zonaras  keine  derselben  den  in 
Rede  stehenden  Zug  bietet,  bei  Zonaras  aber  die  Be- 
zeichnung des  Brutus  als  „Hund"  nicht  erklärt  wird,  und 
es  so  gut  wie  ausgeschlossen  scheint,  dafs  ein  mittelalter- 
licher Leser  des  Zonaras  —  der  auch,  wie  schon  bemerkt, 
erst  um  die  Mitte  des  12.  Jahrhunderts  schrieb  —  aus 
dem  delphischen  Orakelspruch  das  in  der  römischen  Sage 
zu  vermutende  Motiv  des  hündischen  Gebahrens  des  Brutus 
herausinterpretiert  haben  sollte. 

Diese  drei  Punkte  machen  also  zunächst  jedenfalls 
so  viel  wahrscheinlich,  dafs  die  Saga  entweder  gänzlich 
unabhängig  von  Saxo  ist,  oder  dafs  sie  doch  neben  ihm 
noch  eine  andere  Quelle  benutzt  hat,  welche  in  allen  drei 
Punkten  von  dem  Brjammärchen  abwich. 


—     152     — 

Jiiiczek  selbst  macht  darauf  aufmerksam,  dafs  für 
die  Unabhängigkeit  der  Sage  von  Saxo  das  Fehlen  zweier 
bei  letzterem  vorhandener  Motive  angeführt  werden 
könnte:  nämlich  das  Fehlen  der  Episode  von  den  zwei 
hohlen  Stöcken,  und  der  Zug,  dafs  in  der  Sage  der  Usur- 
pator nicht,  wie  bei  Saxo,  der  Oheim  des  Helden,  sondern 
ein  fremder  König  sei.  Man  könnte,  meint  er,  dies  er- 
klären wollen  durch  die  Annahme,  die  Saga  biete  eine 
ältere  Fassung  der  Überlieferung,  welche  jene  Motive 
noch  nicht  enthielt,  und  letztere  seien  erst  eingeführt 
durch  Saxo,  der  die  ihm  vorliegende  alte  Sage  nach  der 
Brutussage  umformte.  Indessen  wendet  J.  selbst  gegen 
diese  Argumentation  ein,  „es  liege  in  den  Tendenzen  des 
Sagaschreibers,  Amiodis  Edelmut  beständig  hervorzuheben, 
und  diese  Tendenz  erkläre  zur  Genüge  die  Abweisung", 
d.  h.,  er  meint,  der  Sagaschreiber  habe  die  bei  Saxo  auf 
Amleths  Veranlassung  vollzogene  Hinrichtung  der  beiden 
Gesandten,  die  Voraussetzung  des  Motives  von  den  beiden 
goldgefüUten  Stäben,  absichtlich  unterdrückt,  um  Hamlet 
in  besserem  Lichte  erscheinen  zu  lassen;  und  was  den 
zweiten  Zug,  das  Verwandtschafts  Verhältnis  des  Usurpators 
zu  x4mbales  betreife,  so  werde  dieses,  meint  J.,  durch  die 
Parallele  in  der  Hrolfssaga  Kraka  —  die  also  J.  mit 
Detter  als  eine  von  Saxo  unabhängige  Version  der  Sage 
betrachtet  —  zur  Genüge  als  altes  Sagenelement  erwiesen. 

Bezüglich  des  zweiten  Punktes  wird  man  Jiriczek 
Recht  geben  müssen.  Was  dagegen  das  „Goldstabmotiv" 
anbelangt,  so  ist  es  sehr  fraglich,  ob  nicht  ein  Überrest 
davon  in  der  Ambalessaga  tatsächlich  vorhanden  ist,  in 
welchem  Falle  also  das  Fehlen  dieses  Motives  in  der  Saga 
als  ein  eventuelles  Argument  für  ihre  Unabhängigkeit  von 
Saxo  überhaupt  zu  streichen  wäre.  Ich  mufs  indes  die 
Erörterung  dieses  Punktes  auf  später  verschieben,  s.  das 
Kapitel:  Das  GoldstabmoUv. 


—     153     -- 

Ich  hätte  nun  des  weiteren  zu  handeln  über  das  Ver- 
hältnis der  Ainbalessaga  zu  dem  von  Saxo  nachgewiesener- 
mafsen  unabhängigen  Boeve  v.  Haratone,  welcher  gleicli- 
t'alls  mit  jener  eine  Anzahl  Motive  gemein  hat,  die  bei 
Saxo  fehlen.  Indessen  sind  diese  Motive,  ein  einziges 
ausgenommen,  alle  dem  BvH  mit  der  später  eingehend 
zu  besprechenden  persischen  Version  der  Sage  gemein; 
ich  werde  deshalb,  um  Wiederholungen  zu  vermeiden,  die 
betreffenden,  zum  Teil  sehr  speziellen  Parallelen  erst  bei 
Behandlung  der  persischen  Sage  zur  Sprache  bringen. 

Jenes  eben  erwähnte  eine  Motiv,  welches  sich  allein 
in  der  Saga  und  im  BvH  findet,  ist  dieses: 

Die  Saga  berichtet,  Gollancz  S.  76,  der  König  habe, 
nicht  lange,  nachdem  er  die  Eegierung  an  sich  gerissen, 
ein  grofses  Fest  veranstaltet;  als  es  in  vollem  Gange  ist, 
wird  auch  Amlodi  herbeigeholt.  Amlodi  versetzt  dem  Ga- 
maliel  einen  heftigen  Schlag  und  treibt  dann  allerhand 
Tollheiten.  Er  sagt  dem  König  ins  Gesicht:  „Der  König 
kann  froh  sein,  dafs  ich  nicht  die  Macht  habe,  mit 
ihm  so  zu  verfahren,  wie  ich  wünschte,  und  wie  er  es 
verdient;  wer  die  Mittel  nicht  in  Händen  hat,  der  kann 
nicht  vollbringen,  was  er  möchte."  Darüber  gerät  der 
König  in  Zorn  und  schlägt  mit  dem  Schwerte  nach  ihm, 
aber  das  Schwert  entfährt  seiner  Hand,  und  nun  nimmt  Am- 
lodi es  an  sich;  er  holt  aus,  als  wolle  er  nach  dem  König 
schlagen,  dieser  ruft  um  Hilfe,  da  gibt  ihm  Amlodi  das 
Schwert  zurück.  Der  König  denkt  daran,  Amlodi  töten 
zu  lassen,  aber  die  Höflinge  legen  Fürsprache  für  ihn  ein. 

Es  dürfte  kaum  zweifelhaft  sein,  dafs  mit  dieser 
Scene  in  ihrem  Ursprünge  identisch  ist  jene  Scene  im 
BvH,  V.  256 If,  wo  Boeve  bei  dem  Feste  Doons  auftaucht. 
Bald  —  wie  es  scheint,  wenige  Tage  — ,  nachdem  er 
von  Sabot  als  Hirte  eingekleidet  worden  ist,  vernimmt 
Boeve  auf  der  Weide  den  Lärm  eines  Festes,  das  man  im 


—     154     — 

Palaste  feiert.  Er  dringt  mit  Gewalt  in  den  Saal,  stellt 
den  Kaiser  zur  Rede  und  versetzt  ihm  mit  seiner  Keule 
drei  Hiebe  auf  den  Kopf,  so  dafs  jener  in  Ohnmacht  fällt. 
Die  Kaiserin  will  Boeve  ergreifen  lassen,  aber  einige  Ritter 
nehmen  sich  seiner  an  und  flüchten  ihn  ins  Freie. 

Dieser  Sage  sind  folgende  Züge  mit  der  Ambalessage 
gemein:  Ein  grofses  Fest,  das  der  Ursurpator  kurz  nach 
seiner  Vermälilung  mit  der  Mutter  des  Knaben  veranstaltet ; 
Erscheinen  des  Knaben  in  der  Festhalle;  tätliche  Bedrohung 
des  letzteren  (Saga),  bezw.  tätlicher  Angriif  auf  ihn  (BvH); 
Absicht  (des  Fürsten  —  seiner  Gattin)  an  dem  Knaben  Rache 
zu  nehmen;  Rettung  desselben  durch  einige  Hofleute. 

Die  ursprüngliche  Identität  der  beiden  Episoden  scheint 
mir  in  Anbetracht  dieser  Übereinstimmungen  und  in  An- 
betracht der  sonstigen,  dem  BvH  und  der  Ambalessage  ge- 
meinsamen Motive  und  Episoden,  die  später  zu  besprechen 
sind,  kaum  einem  Zweifel  unterliegen  zu  können.  — 

Von  den  der  Ambalessage  mit  dem  Havelok  gemein- 
samen Motiven  gilt  das  gleiche  wie  von  den  übrigen, 
unten  zu  besprechenden  des  BvH:  sie  finden  sich  ebenso 
in  der  persischen  Sage.  Sie  werden  deshalb  gleichfalls 
erst  später  zusammengestellt  werden. 

Die  hier  aufgezeigten  und  die  später  noch  anzufahrenden 
Parallelen  stellen  nun  ebensoviele,  auch  dem  Brjammärchen 
fehlende  und  trotzdem  für  die  Quelle  der  Ambalessage  zu 
postulierende  Motive  dar.  Unter  diesen  Umständen  ist 
mit  der  Heranziehung  eines  Märchens,  das  dem  Brjammärchen 
nahe  verwandt  gewesen  wäre,  den  gleichen  Typus  darge- 
stellt hätte,  behufs  Erklärung  der  Diskrepanzen  der  Ambales- 
sage gegenüber  der  Saxoschen  Darstellung  offenbar  wenig 
gedient.  Denn  wenn  jenes  Märchen  alle  bei  Saxo  fehlenden, 
für  die  Quelle  der  Sage  aber  vorauszusetzenden  Motive 
enthalten  haben  soll,  dann  war  es  eben  von  dem  Brjam- 
märchen sehr  verschieden,  dann  war  es  bedeutend  ausführ- 


—     155     — 

lieber  gelialteu  und  kann  nicht  mehr  als  zum  gleichen  Typus 
gehörig  betrachtet  werden.  Wenn  wir  aber  eine  breiter 
ausgeführte  Vorlage  für  die  Saga  neben  der  Benutzung  Saxos 
noch  anzunehmen  genötigt  sind,  dann  brauchen  wir  den 
letzteren  offenbar  überhaupt  nicht  mehr;  denn  es  ist  die 
Möglichkeit  gegeben,  dafs  alles,  was  unserer  Saga  mit  Saxo 
gemein  ist,  auch  in  jener  andern  Version  vorhanden  war. 
Die  Annahme  einer  einheitlichen  Vorlage  ist  gewifs  zu- 
nächst natürlicher;  eine  doppelte  Vorlage  wird  man  doch 
nur  da  ansetzen,  wo  man  ohne  eine  solche  nicht  aus- 
kommt. Es  läfst  sich  aber  durchaus  kein  Grund  dafür 
anführen,  wanim  alle  die  Episoden  und  Momente,  die  sich 
zugleich  bei  Saxo  und  in  der  Saga  finden,  nicht  schon  in 
ihrer  gemeinsamen  Quelle  gestanden  haben  können. 

Zu  dem  gleichen  Ergebnis,  dafs  die  Saga  eine  von  Saxo 
verschiedene  umfangreichere  Vorlage  benutzt  hat,  gelangen 
wir  aber  nun  auch  noch  auf  einem  ganz  anderen  Wege; 
diesen  Wog,  der  uns  in  das  scheinbar  so  entlegene  Reich 
hellenischer  Helden-  und  Göttersage  führen  wird,  wollen 
wir  im  nächsten  Abschnitt  betreten. 


Die  Ambalessage  und  die  Heraklessage. 

Saxo  beschliefst  seine  Erzählung  von  Hamlet  mit  den 
Worten:  „Das  war  Amlethus'  Ende.  Wenn  er  vom  Glücke 
die  gleiche  Gunst  wie  von  der  Natur  erfahren  hätte,  wäre 
er  mit  seinem  Ruhme  den  Himmlischen  gleich  gekommen, 
hätte  er  durch  seine  Heldentaten  die  Arbeiten  des 
Herkules  übertroffen."     (Jantzen,  S.  170.) 

Dieser  Vergleich  Hamlets  mit  Herkules  überrascht. 
Denn  das  spezifisch  Charakteristische  für  den  griechischen 
Sagenhelden   sind  doch  seine  gewaltige  Körperkraft  und 


—     15G     — 

deren  Betätigung  in  schweren  Arbeiten,  besonders  in 
Kämpfen  mit  allerhand  Riesen  und  Ungetümen.  Saxo  be- 
richtet aber  von  seinem  Helden  irgend  etwas  Entsprechen- 
des nicht.  Was  Amlethus  auszeichnet,  das  ist  nicht  phy- 
sische Stärke  —  von  ihr  ist  gar  nirgends  die  Rede  — , 
sondern  vielmehr  allein  seine  bewunderungswürdige  Klug- 
heit, ja  Verschlagenheit,  sein  erstaunlicher  Scharfblick,  der 
unergründliche  Tiefsinn  seines  Geistes.  Alle  seine  Erfolge 
verdankt  er  eben  diesen  Eigenschaften.  „Seid  klug  wie 
die  Schlangen!"  könnte  man  als  Motto  über  seine  Geschichte 
setzen.  Durch  berechnende  List  entgeht  er  den  gegen  ihn 
gerichteten  Anschlägen;  nur  durch  seine  Klugheit  gewinnt 
er  die  Bewunderung  des  Königs  von  Britannien  und  die 
Hand  von  dessen  Tochter:  „Der  König  verehrte  seinen 
Scharfsinn  wie  eine  Art  göttliche  Gabe  und  gab  ihm  seine 
Tochter  zur  Ehe" ;  die  Rache  vollbringt  er  durch  die  List 
mit  dem  Netze,  und  indem  er  sein,  in  der  Scheide  festge- 
nageltes Schwert  mit  dem  des  Königs  austauscht,  so  dafs 
dieser  ihm  gegenüber  wehrlos  ist;  den  Sieg  über  den  König 
von  Britannien  erringt  er  durch  die  Kriegslist  mit  den  in 
Schlachtordnung  aufgestellen  Leichen.  Unter  diesen  Um- 
ständen mufs  man  doch  die  Frage  auf  werfen:  Wie  kommt 
unser  Autor  dazu,  seinen  Helden  gerade  mit  Herkules,  dem 
Typus  der  Körperkraft,  zu  vergleichen?  Ich  glaube  in  der 
Lage  zu  sein,  diese  Frage  zu  beantworten:  Der  Vergleich 
wird  sofort  verständlich,  wenn  wir  annehmen, 
Saxo  habe  aus  einer  Quelle  geschöpft,  welche  in 
wesentlichen  Partien  übereinstimmte  mit  der  Am- 
balessage,  und  er  habe,  in  der  Absicht,  in  seinem 
Helden  einen  Typus  berechnender  Klugheit  zu 
schildern  und  alles  Licht  auf  diese  Seite  seines 
Wesens  zu  konzentrieren,  eine  Anzahl  Züge  und 
Episoden  seiner  Quelle  unterdrückt.  Denn  nicht 
nur  spielt  in  der  Arabalessage  Amlodis  gewaltige  Körper- 


—     157     — 

kraft  und  ihre  Betätigung  in  allerlei  Kämpfen  und  kriege- 
rischen Unternehmungen  eine  hervorstechende  Rolle,  mehr 
als  das:  es  kann  meines  Erachtens  kaum  einem  Zweifel 
unterliegen,  dafs  in  der  Sage  direkt  eine  ganze  Reihe 
Motive  der  antiken  Heraklessage  auf  Ambales- 
Amlodi  übertragen  sind;  dafs  es  in  der  Absicht  des 
Dichters,  der  die  fraglichen  Züge  einführte,  gelegen  hat, 
in  seinem  Helden  einen  Heraklestypus  zu  schildern. 
Deshalb  ist  es  sehr  natürlich,  dafs  der  mit  antiker  Literatur 
vertraute  Saxo,  wenn  ihm  eine  ähnliche  Darstellung  vor- 
lag, sich  durch  sie  an  die  ihm  bekannte  Heraklessage  ge- 
mahnt fühlte. 

Es  soll  nun  im  folgenden  für  die  behauptete  Beein- 
flussung der  Ambalessage  durch  die  Heraklessage  der  Be- 
weis erbracht  werden. 

Zunächst  sei  im  allgemeinen  daran  erinnert,  dafs  Am- 
lodi  wie  Herakles  schon  in  früher  Jugend  Riesenkräfte 
zeigt:  noch  nicht  zwölfjährig,  übertrifft  er  an  Körperkraft 
schon  alle  Einwohner  der  Stadt  (Gollancz,  S.  75);  nach 
dem  Kampfe  mit  den  Höhlenbewohnern  erzählen  die  Hirten 
dem  Könige,  „welche  Hilfe  ihnen  Ambales  im  Kampfe  ge- 
leistet habe  durch  seine  gewaltige  Stärke",    (ib.  S.  91),  u.  s.  ö. 

Was  dann  die  speziellen  Motive  anlangt,  so  gehe  ich 
aus  von  den  beiden  Episoden  der  Saga,  welche  Amlodis 
Aufenthalt  bei  den  Hirten  und  seinen  Kampf  mit  Drafnar 
schildern.  Diesen  Episoden  scheinen  dunkle,  ver- 
wirrte Erinnerungen  an  einige  der  bekanntesten 
Taten  des  Herakles  zu  Grunde  zu  liegen,  nämlich  an 
seinen  Aufenthalt  bei  den  Hirten  auf  dem  Kithairon,  an 
die  Wegführung  der  Rinder  des  Geryones,  an  den  Kampf 
mit  Kakos,  an  die  Kämpfe  mit  den  Kentauren  anläfslich 
der  Jagd  nach  dem  erymanthischen  Eber,  an  die  Herauf- 
holung des  Kerberos  und  an  den  Kampf  mit  Antaios. 


—     158     — 

Die  Ambalessaga  berichtet  Kap.  14,  Gollaiicz  S.  85  ff., 
Folgendes  —  ich  gebe  den  Bericht  in  wörtlicher  Über- 
setzung, da  es  hier  auf  alle  Einzelheiten  ankommt  und  die 
Darstellung  sehr  unklar  gehalten  ist: 

Auf  Wunsch  des  Königs  haben  sechs  Hirten  Amlodi  ^j 
abgeholt  und  wandern  mit  ihm  dem  Gebirge  zu:  „Als  sie 
ins  Gebirge  kamen,  begannen  sie  die  Schafe  zusammenzu- 
treiben, und  sie  fanden,  dafs  einige  davon  sich  hier,  die 
andern  dort  gesammelt  hatten.  Da  rannte  Amlodi  achtlos 
umher  mit  unheimlichem  Geschrei  und  verzerrten  Blicken, 
und  er  trieb  die  Schafe  in  allen  Eichtungen  aus  ihren 
Lagerstätten,  so  dafs  die  Hirten  sie  nicht  zusammenbringen 
konnten,  denn  Amlodi  rannte  schneller  als  sie;  so  verloren 
sie  ihn  und  die  Schafe  aus  dem  Gesicht;  da  wurden  sie 
ärgerlich,  da  sie  weit  suchen  mufsten,  viel  weiter  als  sie 
sonst  nötig  hatten,  und  doch  sahen  sie  weder  die  Schafe 
noch  ihren  Genossen.  Endlich  fanden  sie  die  Tiere  weit  in 
nördlicher  Richtung,  vollzählig,  aber  von  ihrem  Genossen 
Amlodi  sahen  sie  nichts.  Über  diese  Berghänge  hinaus 
noch  weiter  nach  Norden  waren  steile  Felsen,  und  sie  ent- 
deckten dort  eine  Höhle  von  ziemlichem  Umfange.  Sie 
hörten  dort  sprechen  und  laut  streiten,  wollten  aber  nicht 
länger  verweilen  und  trieben,  ihre  Herden  schleunigst  heim- 
wärts. Plötzlich  sahen  sie  einen  Mann,  der  das  Gebirge 
entlang  ging;  er  war  von  grofser  Gestalt  und  hielt  ein  ge- 
waltiges Messer  in  der  Hand;  sie  erkannten  ihren  Genossen, 
und  er  ging  an  ihrer  Spitze  heimwärts.  Bald  danach  sahen 
sie  18  Männer,  die  in  derselben  Richtung  liefen,  alle  von 
hoher  Gestalt,  doch  zwei  darunter  waren  die  gröfsten.  Sie 
kamen  gerade  auf  die  Hirten  zu,  es  waren  die  Höhlenbe- 
wohner.   Einer  von  ihnen  fragte  die  Hirten  in  barscher 

^)  Gollancz  hat  überall  die  Form  Ambales,  ich  bleibe  aber  bei 
der  anderen,  bisher  ausschliefslich  verwandten. 


—     159     — 

Weise:  Wo  ist  der.  der  mein  Schwert  gestohlen  hat?  Sie 
sagten  ihm,  sie  würden  noch  weiter  gehen  müssen,  wenn 
sie  ihn  finden  wollten.  Ihr  sollt  aber  alle  für  ihn  büfsen, 
sagte  der  Höhlenmann.  Die  Höhlenbewohner  hatten  alle 
zwei  Arten  von  Waffen,  aber  nur  wenige  von  den  Hirten 
hatten  Schwerter  bei  sich,  sie  führten  nur  ihre  Handbögen. 
Ihr  Anführer  hiefs  Batellus;  er  war  der  beste  Bogenschütze 
auf  der  Welt,  und  jetzt  war  seine  Kunst  ihm  von  Nutzen; 
er  schofs  nach  den  Höhlenbewohnern  gut  und  lange,  und 
sie  taten  alle  ihr  Bestes,  bis  zwölf  von  den  Räubern  ge- 
tötet waren,  und  die  übrigen  waren  in  grofser  Gefahr. 
Im  selben  Augenblick  kam  der,  der  das  Schwert  gestohlen 
hatte,  zu  ihnen,  und  er  gab  das  Schwert  dem  Käuber,  dann 
schwang  dieser  es  nach  Amlodi,  der  auswich  und  auf  den 
Räuber  zusprang,  und  er  fafste  ihn  und  trug  ihn  über  das 
Feld  dahin  und  liebkoste  und  streichelte  ihn,  und  lief  in 
gröfster  Eile  mit  ihm  herum;  dabei  umklammerte  er  ihn 
so  fest,  dafs  jener  sich  nicht  losmachen  konnte,  und  als  er 
mit  ihm  eine  Zeit  lang  gelaufen  war,  trug  er  ihn  zurück 
nach  der  Höhle.  Als  die  anderen  Höhlenbewohner  dies 
sahen,  erschraken  sie,  Furcht  ergriff  ihre  Herzen,  und  sie 
liefen  vor  den  Hirten  davon,  die  so  gerettet  wurden,  und  diese 
zogen  mit  der  Herde  schleunigst  ihres  Weges.  Als  Amlodi  vor 
die  Öffnung  der  Höhle  kam,  legte  er  seine  Last  nieder;  der 
Bursche,  den  er  trug,  hiefs  Caran ;  er  war  der  Führer  der  Höhlen- 
bewohner, die  am  Leben  geblieben  waren.  Caron  sagte 
zu  Amlodi:  Dir  fehlt  es  weder  an  Stärke  noch  an  Mut, 
mich  dünkt.  Deinesgleichen  lebt  nicht;  darum  wäre  es 
schimpflich  für  mich,  Dich  zu  töten.  Du  hast  mein  Leben 
dreimal  in  Deiner  Gewalt  gehabt,  und  ich  gestehe  zu,  dafs 
Du  mir  das  Leben  geschenkt  hast.  In  diesem  Augenblick 
kamen  Actamond  und  seine  Genossen  zu  ihnen,  er  sprang 
auf  Amlodi  los  mit  einem  blofsen  Schwert  und  gab 
ihm  einen  Hieb  über  den  Rücken,  so  dafs  Amlodi  eine 


-     10  0     — 

grofse  Wunde  empfing;  der  geriet  in  grolsen  Zorn  und 
fafste  jenen  mit  aller  Kraft  und  warf  ihn  in  die  Luft,  so 
hoch  er  konnte,  so  dafs  er  mit  dem  Rücken  auf  die  Felsen 
fiel  und  alle  seine  Knochen  gebrochen  wurden,  und  ebenso 
erging  es  seinen  Genossen.  Dann  stürzte  Amlodi  auf  Caron 
zu  und  fafste  ihn  in  gleicher  Weise,  in  der  Absicht,  ihn 
zu  töten;  aber  Caron  bat  um  sein  Leben,  und  Amlodi  liefs 
ihn  los  und  schenkte  ihm  das  Leben.  Caron  bat  ihn,  bei 
ihm  Wohnung  zu  nehmen,  und  erklärte  sich  ihm  lehns- 
pflichtig  mit  allem,  was  er  hatte,  indes  Amlodi  nahm  das 
Anerbieten  nicht  an,  setzte  aber  hinzu,  er  wolle  ihn  später 
zum  Zeichen  ihrer  Aussöhnung  besuchen.  Amlodi  machte 
sich  nun  auf  den  Heimweg  und  erreichte  bald  die  Hirten; 
die  Herde  war  schwer  zu  treiben,  denn  der  Männer  waren 
wenige.  Amlodi  lieh  ihnen  seine  Hilfe  und  diente  ihnen 
nach  besten  Kräften,  bis  die  Herde  von  den  Hügeln  her- 
unter war.  Dann  aber  hinderte  er  sie  am  Weitertreiben 
und  verrammelte  den  Bergpfad,  den  sie  einschlagen  mufsten. 
Die  Hirten  meinten,  er  benehme  sich  jetzt  sehr  ungehörig, 
inzwischen  wurde  es  dunkel,  der  Himmel  bedeckte  sich,  und 
ein  Unwetter  brach  los.  Ströme  rannen  weithin  mit  grofsem 
Getöse  und  in  mächtigen  Fällen  die  Berge  herab,  und  Am- 
lodi sprang  von  da,  wo  die  Herde  stand,  einem  der  gröfsten 
Sturzbäche  entgegen  und  lachte  laut  auf  bei  dem  Rauschen 
des  Wassers.  Die  Hirten  mufsten  dort  dicht  vorbeikommen, 
und  Amlodi  sagte  zu  ihnen :  Heute  Nacht  werden  die  Fälle 
alle  hinaufrennen  und  keiner  hinab.  So  sagte  er  dreimal 
mit  einer  Pause.  Nun  trieben  die  Hirten  die  Herden  in 
ihre  Gehege  und  gingen  dann  nach  Hause."  Sie  erzählen 
dem  Könige,  was  sich  ereignet  hat  und  rühmen  Amlodis 
gewaltige  Stärke. 

Ich  schliefse  daran  gleich  die  im  nächsten  Kapitel 
folgende  Schilderung  von  Amlodis  Kampf  mit  dem  Riesen 
Drafnar,  Gollancz  S.  91  fiP. 


—     161     - 

„Nach  dem  Abendessen  ging  Amlodi  hinaus  aus  der 
Küche  und  suchte  nach  einem  ruhigen  Orte  fiir  die  Nacht, 
da  er  verwundet  war;  es  war  inzwischen  dunkel  geworden 
und  stürmte  heftig  draufsen  und  regnete.  Als  er  ein  Stück 
Weges  gegangen  war,  begegnete  er  einem  Manne  von  hoher 
Gestalt;  der  trug  in  seiner  Hand  ein  ausnehmend  grofses 
Schwert  von  trefflicher  Arbeit,  das  im  Dunkeln  leuchtete, 
vielleicht  wegen  der  kostbaren  Steine  und  des  daran  an- 
gebrachten Goldes.  Er  trug  aufserdem  eine  mächtige  Keule 
in  seiner  Hand  und  war  angetan  mit  einer  zottigen  Kutte; 
er  hatte  die  Stärke  von  8  Männern  und  war  sehr  gefürchtet 
bei  den  Leuten  wegen  seiner  Eäubereien  und  Mordtaten; 
er  erschlug  die  Leute  bei  Nacht  und  war  meistens  anzu- 
treffen, wenn  Unwetter  herrschte.  Die  Könige  hatten  eine 
Prämie  auf  seinen  Kopf  gesetzt,  denn  er  war  schon  lange 
bekannt  wegen  seiner  Untaten;  dieser  Mann  hiefs  Drafnar. 
Als  er  nun  Amlodis  ansichtig  wurde,  da  beschleunigte  er 
seinen  Schritt  und  gedachte,  nach  ihm  zu  schlagen.  Er  hob 
seine  Keule,  aber  Amlodi  merkte  seine  Absicht  und  sprang 
auf  ihn  zu  und  fafste  ihn  beim  linken  Arm,  mit  dem  er 
das  Schwert  hielt;  er  umklammerte  ihn  sehr  fest  und 
schüttelte  ihn,  dafs  er  beinahe  gefallen  wäre,  und  in  Folge 
des  Griffes  verlor  Drafnar  sein  Schwert.  Dieser  fafste 
nun  seinerseits  Amlodi,  und  es  begann  ein  heftiges  Ringen. 
Sie  rangen  lange  mit  einander,  und  jeder  war  nahe  daran, 
zu  fallen.  Da  Amlodi  fühlte,  dafs  ein  sachtes  Anfassen 
des  Feindes  nichts  helfen  würde,  so  ging  er  mit  Ungestüm 
auf  ihn  los,  packte  ihn  um  den  Rücken  und  trug  ihn  zu 
der  Tür  der  Halle;  der  Boden  zitterte  von  ihrem  Ringen, 
und  der  Lärm  war  so  grofs,  dafs  die  Leute  erschraken 
und  die  Wächter  der  Halle  entsetzt  flohen.  Drafnar  er- 
achtete es  als  eine  geringe  Ehre,  dafs  er  nun  die  Königs- 
halle betreten  durfte.  Amlodi  trug  ihn  hinein  und  liefs 
ihn  frei  vor  dem  Tische  des  Königs;  die  Leute  waren  eben 

Zenker,  Boeve-Analethus.  11 


—     162     — 

beim  Mahle.  Amlodi  verliefs  nun  selmell  die  Halle  und 
schlofs  die  Türen;  da  befiel  grofser  Schrecken  den  König 
und  seine  Leute.  Der  König  rief  seine  Leute  und  forderte 
sie  auf,  den  Gast  zu  fassen,  denn  er  war  in  grofser  Angst. 
Die  Männer  gingen  auf  ihn  los  mit  ihren  Waffen,  und  Drafnar 
sah,  dal's  sein  Leben  in  grofser  Gefahr  war  und  dafs  er  sich 
gehörig  seiner  Haut  wehren  müfste:  er  schwang  seine  Keule 
und  schlug  damit  im  Nu  zwölf  Männer.  Da  ergriff  das  Volk 
die  Flucht,  denn  sie  waren  in  grofser  Furcht.  Aber  in  diesem 
Augenblick  öffneten  sich  die  Türen  und  Amlodi  kam  herein, 
hob  Drafnar  empor  und  trug  ihn  wieder  dahin,  wo  er  ihn 
getroffen  hatte;  dort  liefs  er  ihn  los,  hob  Drafnars  Schwert 
auf,  das  dort  lag,  und  gab  es  ihm  zurück." 

Drafnar  bietet  ihm  nun  seine  Freundschaft  und  alle 
seine  Reichtümer  an,  aber  Amlodi  lehnt  die  letzteren  ab 
und  verlangt  nur,  dafs  Drafnar  in  der  nächsten  Nacht  sich 
an  der  gleichen  Stelle  einfinden  solle.  Drafnar  sagt  das 
zu,  worauf  beide  in  gutem  Einvernehmen  scheiden.  Am 
nächsten  Abend  treffen  sie  sich  wieder;  Drafnar  zieht  sein 
Schwert  „Siegglanz  (SigurUöma)''  aus  der  Scheide,  das 
ihnen  leuchtet,  wie  sie  über  die  Heide  dahinschreiten.  Sie 
wandern  bis  zur  Höhle  Carons,  der  sie  freundlich  aufnimmt 
und  Amlodis  Wunden  mit  kostbarer  Salbe  bestreicht,  so 
dafs  sie  aufhören  zu  schmerzen.  Amlodi  rät  beiden  vom 
Räuberleben  ab;  beim  Abschied  läfst  er  sich  von  Drafnar 
dessen  mit  Zauberkraft  begabten  Mantel  schenken  (vergl. 
oben  S.  132).    Das  Weitere  interessiert  uns  hier  nicht  mehr. 

In  diesen  Episoden  glaube  ich  einen  Widerschein  von 
Motiven  der  Heraklessage  zu  erkennen .  Züge,  welche  die  antike 
Sage  von  gewissen  Taten  des  Herakles  berichtet,  scheinen 
hier  in  Folge  undeutlicher,  verschwommener  Erinnerung 
durcheinander  geworfen,  kombiniert,  umgebildet  und  ent- 
stellt.   Der  Hirtenepisode  scheinen  mir  zu  Grunde  zu  liegen: 


—     103    — 

Die  Sage  von  Herakles'  Aufentlialt  bei  den  Hirten  auf  dem 
Kithairon,  von  den  Kindern  des  Geryones,  dem  Kampf  mit 
Kakos,  dem  Kentaurenkampfe  und  der  Heraufholung  des 
Kerberos;  der  Drafnarepisode:  die  Erzählung  von  dem 
Ringkampf  des  Herakles  mit  dem  Riesen  Antaios,  der 
Einbringung  des  erymanthischen  Ebers  und  abermals  die 
Kerberossage. 

Ich  fasse  zunächst  die  Hirtenepisode  ins  Auge;  sie  ist 
sehr  unklar  gehalten  und  bietet  oifenbar  entstellte  Über- 
lieferung. Zuerst  hören  wir,  Amlodi  habe  das  Vieh  durch 
sein  Schreien  und  Lärmen  davongejagt.  Dann  wird  be- 
richtet von  einem  Kampf  mit  den  Höhlenbewohnern  (Hellirs- 
büana)  oder  Räubern  (SUgamanyii) ,  der  damit  motiviert 
wird,  dafs  ein  Genosse  der  Hirten  dem  Anführer  der  Höhlen- 
bewohner sein  Schwert  weggenommen  habe.  Jener  Genosse 
der  Hirten  kann  kein  anderer  sein  als  Amlodi,  der  ihnen 
ja  vorausgelaufen  ist;  wie  letzterer  auf  dem  Hinwege,  so 
schreitet  jener  auf  dem  Rückwege  an  ihrer  Spitze.  Das 
Schwert  kann  er  dem  Räuber  doch  wohl  nur  im  Kampfe 
entrissen  haben.  Aber  welcher  Anlafs  kann  zu  einem 
solchen  Kampfe  vorgelegen  haben?  Unverständlich  bleibt 
auch,  warum  Amlodi  den  Caron  in  seine  Höhle  zurück- 
trägt. 

Es  scheint  mir  kaum  zweifelhaft,  dafs  in  der  ursprüng- 
lichen Version,  welche  der  Saga  zu  Grunde  liegt  und  in 
ihr  entstellt  ist,  die  Höhlenbewohner  das  durch  Amlodi 
verjagte  Vieh  geraubt  hatten,  es  vielleicht  in  ihre  Höhle 
getrieben  hatten;  denn  die  Hirten  hören,  als  sie  an  die 
Höhle  kommen,  darin  „laut  streiten",  was  sich  nur  auf 
einen  Streit  des  vorausgeeilten  Amlodi  mit  Caron,  dem 
Führer  der  Höhlenbewohner,  beziehen  kann;  Amlodi  trägt 
ja  nachher  Caron  „in  die  Höhle  zurück",  er  ist  also  schon 
drinnen  gewesen.  Der  weitere  Verlauf  wird  dann  in  der 
ursprünglichen   Sage   dieser   gewesen   sein:    Amlodi  jagte 

11* 


—     164     — 

den  Eäubern  das  Vieh  wieder  ab  und  entrifs  dabei  im 
Kampfe  dem  Caron  das  Schwert.  Caron  eilte  ihm  mit  seinen 
Genossen  nach,  um  das  Schwert,  vielleicht  auch  die  Herde, 
wieder  zu  gewinnen,  und  nun  kam  es  zum  Kampfe,  in  dem 
die  Räuber  unterlagen.  So  ist  die  ganze  Episode  verständ- 
lich. Wie  sich  die  Zurückschaffang  des  Caron  in  die  Höhle 
erklärt,  werden  wir  unten  sehen. 

Im  folgenden  ist  es  dann  wieder  unklar,  was  Amlodi 
damit  bezweckt,  dafs  er  den  engen  Gebirgspfad,  auf  dem 
die  Hirten  ihre  Herde  dahin  treiben,  verbarrikadiert;  der 
Erzähler  scheint  darin  nur  einen  neuen  Narrenstreich  Am- 
lodis  zu  erblicken.  Es  sei  als  eine  für  das  Folgende  nicht 
unwichtige  Tatsache  angemerkt,  dafs  sich  unmittelbar  neben 
dem  Pfade,  also  mit  ihm  zwischen  die  Felsen  eingezwängt, 
ein  angeschwollener  Gebirgsbach  befindet;  denn  Amlodi 
springt  von  da,  wo  die  Herden  stehen,  in  den  Bach  hinein, 
s.  Gollancz  S.  89.  Die  Erklärung  dieser  Episode  wird 
gleichfalls  das  Folgende  geben. 

Die  antike  Sage  berichtet  aus  Herakles'  Leben  und 
von  einigen  seiner  bekanntesten  Taten  unter  anderem  nach- 
stehendes : 

1.  Nachdem  der  junge  Herakles  seinen  Erzieher  Lines 
erschlagen  hatte,  schickte  ihn  sein  Pflegevater  Amphitryon 
aus  Furcht  vor  seinem  unbändigen  Wesen  zu  den  Hirten 
ins  Gebirge  Kithairon;  hier  lebte  er  bis  zu  seinem  acht- 
zehnten Jahre  als  Hirt  und  Jäger  und  wurde  gröfser  und 
stärker  als  alle  anderen^). 

2.  Herakles  erhielt  von  dem  König  Eurystheus,  in  dessen 
Dienstbarkeit  er  durch  den  Hafs  der  Hera  geraten  w^ar. 
unter  anderem  den  Auftrag,   die  Einder  des  Geryones  zu 


^)  Vgl.  A.  Paulj,  Eealencyelopädie  d.  klciss.  Altertum stciss.  III, 
Stuttgart  1844,  S.  1159;  L.  Preller,  Grieeh.  Mythol.  II,  Leipzig  1854, 
S.  123. 


—     165     — 

holen.  Geryones  wohnte  im  fernen  Westen  auf  der  Insel 
Erjtheia,  seine  Rinder  wurden  gehütet  von  dem  Riesen 
Eurytion  und  dem  zweiköpfigen  Hunde  Orthros.  Herakles 
ei*schlug  beide  und  trieb  die  Herde  fort.  Geryones  holte 
ihn  ein,  wurde  aber  nach  heftigem  Kampfe  von  ihm  ge- 
tötet. Auf  dem  Rückwege  zog  Herakles  über  die  Alpen 
und  kam  an  die  Stätte  des  nachmaligen  Rom,  wo  er  Halt 
machte  und  die  Rinder  weiden  liefs,  während  er  selbst  sich 
zum  Schlummer  niederlegte.  In  jener  Gegend  hauste  in 
einer  unzugänglichen,  von  Spuren  des  Mordes  erfüllten 
Höhle  Kakos,  ein  riesenhafter,  räuberischer  Hirt,  der  Schrecken 
der  Gegend.  Dieser  raubte  von  den  Rindern  einige  und 
zog  sie,  um  durch  die  Fufsspuren  nicht  entdeckt  zu  werden, 
an  den  Schwänzen  rücklings  in  die  Höhle.  Herakles,  er- 
wacht, bemerkte  anfangs  den  Diebstahl  nicht  und  wollte  mit 
der  Herde  abziehen,  da  verrieten  die  eingesperrten  Rinder 
durch  Gebrüll  ihren  Aufenthalt,  Herakles  eilte  dem  Berge 
zu,  Kakos  floh  vor  ihm  in  die  Höhle  und  verrammelte  sie, 
Herakles  aber  drang  mit  Gewalt  ein,  erschlug  den  Kakos, 
der  vergebens  den  Beistand  der  anderen  Hirten  anrief, 
und  schleppte  ihn  heraus^).  Die  Hirten  der  Gegend  kamen 
herbei,  errichteten  einen  Altar  und  opferten  dem  Herakles, 
weil  er  sie  von  dem  lästigen  Räuber  befreit  hatte. 

Auf  der  weiteren  Reise  kam  er  nach  Epirus.  Hier 
schickte  ihm  Hera  eine  Bremse  unter  die  Rinder,  so  dafs 
sie  auseinander  liefen  und  sich  in  den  thrakischen  Bergen 
zerstreuten.  Herakles  eilte  ihnen  nach,  fing  sie  teilweise 
wieder  ein  und  trieb  sie  weiter  nach  dem  Hellespont.    Hier 


I 


»)  So  Vergil,  ^e«.  VIII,  184 ft".  Als  Besieger  des  Kakos  führte 
Hercules  bei  den  Römern  den  Beinamen  „Victor";  es  ist  dies  sein 
Beiname  schon  auf  den  ältesten  römischen  Herculesaltären,  denen  des 
foTurn  boarium,  vgl.  Röscher,  Ausführl.  Lexikon  d.  griech.  u.  röm. 
Mythol.  r-,  Leipzig  1886,  Sp.  2923  f. 


—     166     — 

bereitete  ihm  der  Flufs  Strymon  Hindernisse,  deshalb  füllte 
er  sein  Bett  mit  grofsen  Steinblöcken  und  machte  ihn  so 
unfahrbar.  Schliefslich  gelangte  er  mit  den  Rindern  zu 
Eurystheus  ^). 

Das  Geryonesabenteuer  war  sehr  bekannt,  es  hat  „die 
Volkssage,  die  Poesie  und  Kunst,  auch  die  geographische 
und  ethnographische  Tradition  und  Forschung  viel  be- 
schäftigt." (Preller.) 

3.  Der  Kentaurenkampf.  Auf  der  Jagd  nach  dem  ery- 
manthischen  Eber  kam  Herakles  in  das  hohe  und  rauhe, 
ehedem  mit  Wald  bedeckte  Grenzgebirge  gegen  Elis.  Er 
kehrte  hier  bei  dem  Kentauren  Pholos,  d.  i.  Höhlenmann, 
ein.  Pholos  gab  seinem  Gaste  zu  trinken  aus  einem  Fasse 
köstlichen  Weines,  das  er  von  Dionysos  erhalten  hatte. 
Durch  den  Durst  angelockt,  kamen  die  übrigen  Kentauren 
herbei,  die  nun  die  Gäste  mit  Felsblöcken  und  Fichten- 
stämmen bestürmten.  Herakles  verjagte  sie  und  vertilgte 
sie  zum  Teil  mit  seinen  Pfeilen,  jedoch  erst  nach  grofser 
Anstrengung,  denn  ihre  Mutter,  die  Wolke,  kam  den 
Kentauren  mit  gewaltigen  Regengüssen  zu  Hülfe, 
so  dafs  sich  Herakles  kaum  auf  den  Beinen  halten  konnte, 
während  die  Kentauren  mit  ihren  vier  Beinen  in  dem  Wasser- 
schwall wie  zu  Hause  waren.  Die  Kentauren  flüchteten  zu 
dem  wegen  seiner  Kenntnisse  in  der  Heilkunst  berühmten 
Chiron  (XeiQcova  xov  em  nj  larQixf]  &av/biaC6juevov),  einem 
alten  Freunde  des  Herakles,  dem  dieser  aber  wider  seinen 
Willen  durch  einen  Pfeil  eine  unheilbare  Wunde  beibrachte, 
worauf  Chiron  sich  in  seine  Höhle  zurückzog.  Herakles 
kehrte  zur  Höhle  des  Pholos  zurück,  den  er  mit  vielen 
anderen  tot  fand.  Nachdem  er  den  erymanthischen  Eber 
gefangen,  nahm  er  ihn  auf  die  Schultern  und  trug  ihn  auf 


1)  Pauly  S.  1166f.  ii.  1175f. ;  Preller  S.  Ulff.:  W.  H.  Röscher, 
Sp.  2270  ff. 


—     167     - 

den  Hot  des  Königs,  der  darüber  derinalsen  erschrak,  dal's 
er  sich  in  ein  ehernes  Fafs  vorkroch'). 

4.  Heraufholung  des  Kerberos.  Herakles  stieg  beim 
Vorgebirge  Taenariim  in  Lakonien  in  den  Hades  hinab. 
Um  die  Schatten  mit  Blut  zu  erquicken,  schlachtete  er  eine 
von  den  hier  weidenden  Kühen  des  Hades;  er  hatte  deshalb 
mit  dem  Hirten  Menoites  zu  kämpfen,  dem  er  beim  Ringen 
die  Rippen  zerbrach.  Von  Hades  erhielt  er  die  Erlaub- 
nis, den  Kerberos  mitzunehmen,  wenn  er  ihn  ohne  Waffen 
bezwingen  könnte.  Er  würgte  nun  das  Untier,  bis  es  sich 
ergab,  brachte  es  gefesselt  auf  die  Oberwelt,  zeigte  es  dem 
Eurystheus  und  trug  es  dann  in  den  Hades  zurück. 

Diese  Tat  galt  als  die  schwerste  unter  den  Arbeiten 
des  Herakles,  sie  allein  wird  von  allen  zwölfen  ausdrücklich 
schon  von  Homer  genannt'-). 

5.  Der  Kampf  mit  Antaios.  Antaios,  Beherrscher  von 
Libyen,  ein  Sohn  Poseidons  und  der  Erde,  war  ein  ge- 
waltiger Riese,  der  alle  Fremden  zwang,  mit  ihm  zu  ringen 
und  dann  die  Besiegten  tötete.  Herakles  nahm  den  Kampf 
mit  ihm  auf,  und  als  er  merkte,  dafs  Antaios,  sobald  er  die 
Erde,  seine  Mutter,  berührte,  immer  neue  Kraft  bekomme, 
hob  er  ihn  in  die  Luft  und  erwürgte  ihn  mit  seinen  Armen*). 
Nach  Diodor  IV,  17  fand  dieser  Ringkampf  statt,  als  Hera- 
kles ausgezogen  war,  die  Rinder  des  Geryones  zu  holen. 
Der  Kampf  „gehörte  zu  den  beliebtesten  Scenen  der  grie- 
chischen Heraklesdichtung",  „die  bildenden  Künstler,  auch 
die  Maler,  stellten  ihn  liäufig  dar"  (Preller). 

Diesen  fünf  Episoden  scheinen  mir  also  im  wesent- 
lichen entnommen  zu  sein  die  Züge,  aus   denen  sich  die 


1)  Diodor,   Bibl.  hist.  IV,  13,    ed.   L.  Dindorf,    Leipzig   1866,  I, 
S.  851  ff.    Apollodor,  Bibl.  II,  5,  4.     Pauly,  S.  1164.     Preller  S.  134fF. 
«)  Pauly  S.  1168;  Preller  S.  153fF. 
•^J  Pauly  S.  1169;  Preller  S.  150f. 


—     168     — 

Hirten-  und  Drafnar- Episode  der  Ambalessaga  zusammen- 
setzen. Ich  finde  zunächst  in  der  Hirtenepisode  folgende 
Züge  der  antiken  Sage  wieder: 

1.  Ein  junger  Held  von  gewaltiger  Köri)erkraft  wird 
von  seinem  Pflegevater,  der  ihm  Beschäftigung  geben  will, 
zu  den  Hirten  ins  Gebirge  entsandt. 

2.  Eine  Viehherde  wird  auseinandergejagt  und  zer- 
streut sich  im  Gebirge,  wird  aber  wieder  eingebracht  und 
nach  Hause  getrieben;  auf  dem  Wege  tritt  ein  Flufs  über 
seine  Ufer,  der  Held  füllt  dessen  Bett  mit  Steinblöcken 
und  dämmt  ihn  so  zurück. 

3.  Vieh  wird  von  einem  räuberischen  Höhlenbewohner 
gestohlen,  aber  der  Eäuber  wird  in  seiner  Höhle  besiegt 
und  das  Vieh  wird  ihm  wieder  abgenommen. 

4.  Der  Held  kämpft  im  Gebirge  gegen  einen  Trupp 
roher  Gegner  und  besiegt  diese.  Nachdem  der  Kampf 
einige  Zeit  gedauert  hat,  oder  nachdem  er  beendigt  ist, 
bricht  ein  gewaltiges  Unwetter  aus,  welches  die  Gebirgs- 
bäche  anschwellen  läfst;  der  Held  steht  mitten  in  einem 
Sturzbach. 

5.  Ein  feindliches  Wesen  (Mensch  oder  Tier),  das  der 
Held  mit  seinen  Armen  bezwungen  hat,  wird  von  ihm 
in  die  Höhle,  die  dem  Besiegten  als  Behausung  dient,  oder 
an  den  Ort,  wo  der  Kampf  stattgefunden  hat,  zurückge- 
tragen und  dort  freigelassen. 

6.  Freundschaft  des  Helden  mit  einem  Höhlenbewohner. 

7.  Ein  Held  ringt  mit  einem  gefürchteten  Eiesen,  der 
schon  viele  Mordtaten  vollbracht  hat;  er  bezwingt  denselben, 
indem  er  ihn  um  den  Leib  fafst  und  von  der  Erde  emporhebt. 

8.  Er  trägt  ein  bezwungenes  Ungetüm  (Mensch  oder 
Tier)  lebendig  auf  den  Hof  des  Königs,  der  dadurch  in 
Angst  und  Schrecken  versetzt  wird  (Erymanthischer  Eber). 

9.  Er  trägt  ein  bezwungenes  Ungetüm  lebendig  auf 
den  Hof  des  Königs  (Kerberos). 


—     169     — 

10.  Ein  dem  Helden  befreundeter,  in  der  Heilkunst 
erfahrener  Höhlenbewohner. 

Diese  Motive  der  antiken  Sage  wurden  in  Folge  von 
Berührungspunkten,  die  sie  darboten,  miteinander  vermengt, 
und  zwar  waren  die  attrahierenden  Momente  die  folgenden: 

Eine  Herde,  die  ihrem  Hirten  davongegangen  ist,  von 
ihm  aber  zurückgeholt  wird  —  2:3. 

Ein  über  seine  Ufer  getretener  Flufs,  in  dessen  Strömung 
der  Held  zu  stehen  kommt  —  2:4. 

Ein  Wesen,  das  in  einer  Höhle  haust  und  in  ihr  be- 
zwungen wird  —  3:5. 

Kampf  mit  einem  starken  Gegner  —  3:4:5:7. 

Höhlenbewohner  —  3  :  5  :  6  :  10. 

Ringkampf  mit  einem  tierischen  oder  menschlichen 
Ungetüm  —  5:7. 

Kampf  mit  einem  Riesen,  der  der  Schrecken  der  Gegend 
ist  —  3  :  7. 

Ein  Untier,  das  lebendig  auf  den  Königshof  getragen 
wird  —  8:9. 

Ein  dem  Helden  befreundeter  Höhlenbewohner  —  6:10. 

Aufserdem  könnte  stattgefunden  haben  eine  Verwech- 
selung des  Kerberos,  des  Hadeshundes,  mit  Charon,  dem 
Fährmann  des  Hades,  insofern  beide  als  Wächter  der  Unter- 
welt gefafst  werden  konnten. 

Es  würden  sich  demnach  die  einzelnen  Motive  der 
beiden  Episoden  folgendermafsen  zusammensetzen: 

a)  Hirtenepisode: 

Amlodi  als  Hirt  und  Jäger  bei  den  Hirten  im  Gebirge 
=  Herakles  als  Hirt  und  Jäger  bei  den  Hirten  auf  dem 
Kithairon. 

Verschwinden  der  Herde  und  Wiedergewinnung  der- 
selben durch  Amlodi  nach  einem  Kampfe  mit  Caron  = 
Zerstreuung  der  Rinder  des  Geryones  durch  die  von  Hera 
gesandte  Bremse  und   Wiedergewinnung  derselben  durch 


—     170    — 

Herakles  =  Gewinnimg  der  Rinder  des  Geryones  +  Raub 
eines  Teiles  der  Rinder  durch  Kakos  und  Wiedererlangung 
derselben  durch  Herakles  nach  Besiegung  des  Kakos. 

Kampf  Amlodis  und  der  Hirten  mit  den  Höhlenbe- 
wohnern und  darauffolgende  Regengüsse  =  Kampf  des 
Herakles  mit  den  Kentauren,  den  gewaltige  Regengüsse 
begleiten. 

Kampf  Amlodis  mit  dem  räuberischen  Caron  und  Zu- 
rücktragen des  letzteren  in  seine  Höhle  =  Kampf  des 
Herakles  mit  Geryones  +  Kampf  mit  dem  räuberischen 
Kakos  -h  Kampf  mit  Kerberos  und  Zurücktragen  desselben 
in  die  Höhle  des  Hades. 

Der  übergetretene  Bergstrom,  in  den  Amiod!  hinein- 
springt, die  Yerrammlung  des  Engpasses,  durch  den  der 
Weg  und  der  Strom  gehen  =  Sturzbach,  in  den  Herakles 
im  Kentaurenkampf  zu  stehen  kommt  +  dem  über  seine 
Ufer  getretenen  Strom,  der  den  Weg  überschwemmt,  auf 
dem  Herakles  die  Rinder  des  Geryones  dahin  treibt,  und 
dessen  Bett  er,  erzürnt  über  das  Hindernis,  mit  Steinblöcken 
verrammelt. 

b)  Ringkampf  mit  Drafnar: 

Ringkampf  mit  dem  grausamen  Riesen  Drafnar  und 
Besiegung  desselben  durch  Emporheben  =  Ringkampf  des 
Herakles  mit  dem  grausamen  Riesen  Antaios  und  Be- 
zwingung desselben  durch  Emporheben  +  Ringkampf  mit 
Kerberos  (-}-  eventl.  Kampf  mit  dem  gefürchteten  Riesen 
Kakos). 

Drafnar  von  Amlodi  in  die  Königszelle  getragen  = 
Kerberos,  vor  den  König  Eurystheus  getragen  +  eryman- 
thischer  Eber,  vor  Eurystheus  getragen. 

Klägliche  Furcht  des  Königs  und  seiner  Leute  vor 
dem  in  die  Halle  getragenen  Drafnar  =  Furcht  des  Eury- 
stheus vor  dem  eingebrachten  erymanthischen  Eber,  vor 
dem  er  sich  in  ein  Fafs  verkriecht. 


—     171     — 

Zuriickl ragen  des  Drafnar  iu  den  Wald  =  Zurück- 
tragen des  Kerberos  in  den  Hades. 

Gastliche  Aufnahme  Amlodis  bei  dem  befreundeten, 
in  der  Heilkunst  erfahrenen  Höhlenbewohner  Caron  = 
gastliche  Aufnahme  des  Herakles  bei  dem  befreundeten 
Höhlenbewohner  Pholos  (unmittelbar  vor  dem  Kentauren- 
kampf) -j-  Freundschaft  des  Herakles  mit  dem  in  der 
Heilkunst  erfahrenen,  eine  Höhle  bewohnenden  Kentauren 
Cheiron. 

Dafs  eine  Verwechselung  der  verschiedenen,  in  wesent- 
lichen Punkten  sich  ähnelnden  Arbeiten  des  Herakles, 
speziell  seiner  Kämpfe  gegen  Ungetüme  von  allerhand  Art, 
sehr  leicht  eintreten  konnte,  liegt  auf  der  Hand;  sie  er- 
klärt sich  im  vorliegenden  Falle  hinreichend  durch  die 
oben  ausgelösten  identischen  Momente  der  einzelnen  Epi- 
soden, welche  attrahierend  wirken  mufsten.  Solche  Ver- 
wechselungen begegnen  schon  bei  den  Alten,  so  z.  B., 
wenn  der  Kentaur  Nessos,  den  Herakles  im  Flusse  tötet, 
vermengt  wurde  mit  dem  Flufsgotte  Acheloos^).  Eine  Ver- 
wechselung mufste  besonders  nahe  liegen  bei  der  Geryones- 
Kakossage  und  der  Kerberossage,  der  Geryones-Kakossage 
und  der  Antaiossage,  der  Kerberossage  und  der  Sage  vom 
erymanthischen  Eber.  Denn  „mit  dem  Geryonesabenteuer 
steht  die  Hadesfahrt  in  einem  gewissen  Parallelismus.  Wie  auf 
Erytheia  den  Hund  Orthros,  so  mufs  Herakles  in  der  Unter- 
welt den  Kerberos  bezwingen:  beide  Hunde  entstammen 
nach  der  Sage  denselben  Eltern.  In  beiden  Sagen  erzählt 
man  von  Herakles'  Kampf  gegen  Menoites,  den  Hirten  des 
Hades.  Es  scheint  fast,  als  sei  die  lokrische  Geryones- 
sage  die  Nachbildung  einer  älteren,  vielleicht  euboischen 
oder   ostboiotischen  Legende   von  der  Herauf  hol  ung  des 


^)  Vgl,  Wilamowitz-Möllendoii",  Euripides  Herakles  1-,   Berlin 
1895,  S.  41,  Anm.  75. 


—     172     — 

Kerberos"^).  Waren  die  beiden  Sagen  ursprünglich  identisch, 
so  kann  es  gewifs  nicht  wundernehmen,  wenn  sie  si)äter 
wieder  zusammenflössen.  Eine  Verschmelzung  der  Geryones- 
Kakossage  sodann  mit  der  Antaiossage  mufste  dadurch 
leicht  herbeigeführt  werden,  dafs  die  letztere  mit  jener 
in  unmittelbaren  Konnex  gesetzt  war  und  in  beiden  der 
Held  mit  einem  grausamen,  berüchtigten  Riesen  kämpft, 
den  er  tötet.  Der  Kerberossage  und  der  vom  erymanthi- 
schen  Eber  endlich  ist  gemein  der  wichtige  Zug,  dafs  in 
beiden  das  eingefangene  Ungetüm  lebend  vor  den  König 
getragen  wird. 

Es  würde  also  in  der  nordischen  Sage  dem 
Verhältnis  Amlodis  zu  Faustinus  das  des  Hera- 
kles zu  Eurystheus  in  der  griechischen  Sage  ent- 
sprechen.   ■ 

Die  Wahrscheinlichkeit  nun,  dafs  wir  es  bei  den  in 
Rede  stehenden  Punkten  nicht  mit  zufälligen  Überein- 
stimmungen zu  tun  haben,  wird  vermehrt  durch  eine  Reihe 
weiterer  merkwürdiger  Parallelen,  welche  die  Ambales- 
sage  und  die  antike  Heraklessage  aufweisen. 

Zunächst  scheint  die  Erzählung  von  Ambales'  Geburt 
zu  beruhen  auf  der  griechischen  Sage  von  der  Geburt  des 
Herakles. 

Bei  xA^mbales'  Geburt  spielt,  wie  wir  sahen,  eine  ihm 
feindlich  gesinnte  Xorne  oder  Völva")  (Wahrsagerin)  eine 


^)  S.  Gruppe  in  I.  v.  Müllers  Handb.  d.  klass.  Alfertiimsiviss.Y, 
2.  Abt.,  S.  469.  Ebenso  Wilamowitz-Möllendorf  a.  a.  0.  I,  45,  Anm.  74, 
der  in  Geryones  Halkyoneus  (der  die  Rinder  des  Sonnengottes  weg- 
treibt) Kakos  „Differenzierungen  der  gleichen  Urform"  vermutet.  Ge- 
ryones ist  nach  ihm  „ursprünglich  der  Herr  des  Totenreiches  gewesen, 
und  Züge,  die  nur  unter  dieser  Voraussetzung  verstänlich  sind,  haben 
sich  bis  in  die  späte  mythographische  Vulgata  erhalten". 

-)  Beide  Ausdrücke  werden  in  allen  Handschriften  jiromiscue 
gebraucht,  s,  Jiriczek  S.  70. 


—     173     — 

Rolle.  Sie  wird  geschildert  als  „weise  Frau  (visinda  konaj 
von  vornehmer  Abkunft;  sie  war  nicht  von  elfischer  Art, 
aber  so  bösartig,  dafs  die  Leute  in  Furcht  vor. ihr  lebten; 
auch  war  sie  wohl  erfahren  in  der  Schwarzkunst  und  alter 
Weisheit.  Sie  stammte  aus  dem  Osten,  aus  Gardarthi, 
durchzog  die  nordischen  Länder  und  wurde  in  Ehren  ge- 
halten von  den  Königen  und  vornehmen  Häuptlingen,  denn 
man  wandte  sich  an  sie,  wenn  Königinnen  und 
Frauen  ihrer  Entbindung  entgegensahen,  damit  sie 
das  Schicksal  der  Kinder  bespräche;  denn  die  Leute  glaub- 
ten, dieses  richte  sich  in  der  Regel  nach  ihren  Zauber- 
sprüchen. Dadurch  wurde  sie  reich  und  sehr  mächtig" 
fGollancz  S.  5 f.).  Die  Norne  zürnt,  weil  sie  zu  der  Geburt 
von  Ambas  erstem  Sohn  Sigurd  nicht  beigezogen  worden  ist. 
Sie  prophezeit  deshalb  der  Königin,  als  diese  mit  Ambales 
schwanger  geht.  Übles.  Binnen  kurzem  soll  sie  alles,  aufser 
dem  nackten  Leben,  verlieren.  Ihr  Gatte  werde  im  Kriege 
erschlagen  werden,  ihr  erster  Sohn  solle  einen  schmäh- 
lichen Tod  finden,  der  aber,  den  sie  jetzt  gebären 
werde,  solle  ihr  wenig  Freude  machen,  denn  alle 
Menschen  sollten  ihn  für  einen  ISarren  halten.  Die 
Königin,  erschrocken  hierüber,  bemüht  sich,  die  Völva  zu 
besänftigen;  sie  bittet  sie  um  Entschuldigung  wegen  des 
begangenen  Versehens  und  lädt  sie  ein,  der  Geburt  ihres 
zweiten  Sohnes  beizuwohnen.  Die  Völva  läfst  sich  be- 
gütigen, sie  erscheint,  als  die  Zeit  gekommen  ist,  und  er- 
füllt in  der  freundlichsten  und  sorgsamsten  Weise  Heb- 
ammendienste bei  der  Königin.  Sie  bedauert  ihre  schlimme 
Prophezeiung,  die  sie  nicht  ändern  kann  —  denn  das  Schick- 
sal regiert  oben,  gelenkt  von  dem,  der  mächtiger  ist  als 
die  Menschen  — ,  aber  sie  fügt  eine  Prophezeiung  hinzu: 
Ambas  Sohn  solle  der  Ruhm  seines  Geschlechtes  werden. 
Dann  verabschiedet  sie  sich. 

Nun  spielt  eine  an  das  ursprüngliche  Auftreten  der 


—     171     — 

Norne  erinnernde  EoUe  bei  der  Geburt  des  Herakles  die 
Göttermutter  Hera,  die  erbitterte  Feindin  des  Helden,  des 
Sohnes  ihrer  verbalsten  Eivalin  Alkmene.  An  dem  Tage, 
an  dem  Alkmene  den  Herakles  gebären  soll,  schwört  Zeus, 
dafs  der,  der  an  diesem  Tage  zur  Welt  kommen  werde, 
alle  Umwohnenden  beherrschen  solle.  Da  hemmt  und  er- 
schwert Hera  durch  allerhand  bösen  Zauber  die  Geburt 
des  Herakles  und  richtet  es  so  ein,  dafs  an  diesem  Tage 
vielmehr  das  Siebenmonatskind  Eurystheus  geboren  wird, 
in  dessen  Dienstbarkeit  nun,  infolge  des  Schwures  des 
Zeus,  später  Herakles  gerät.  Sie  verfolgt  den  Herakles 
zeitlebens  mit  ihrem  Hasse,  insbesondere  ist  sie  es,  die 
ihn  mit  Wahnsinn  schlägt^).  Hera- Juno  war  aber  bekannt- 
lich nicht  nur  die  Ehe-,  sondern  —  als  römische  Ijucina  — 
auch  die  Geburtsgöttin:  „sie  ist  eine  kräftige  Hülfe  in 
den  Nöten  und  Ängsten  der  Entbindung,  wobei  der  Ein- 
flufs  der  Mondgöttin  Hera,  der  Juno-Lucina,  wie  die  Eömer 
sie  nannten,  .  .  .  mit  im  Spiele  ist"-).  Auf  alten  Bildern 
führt  sie  als  d/Äq)a?^f]T6juog  die  Schere  in  der  Hand. 

Ich  erblicke  also  in  der  als  Hebamme  fungie- 
renden, von  Königen  und  Fürsten  verehrten  Norne 
oder  Völva  hoher  Abkunft,  w^elche,  auf  des  Helden 
Mutter  erzürnt,  Amlodi  Wahnsinn  prophezeit  und 
damit  herbeiführt,  einen  Eeflex  der  Geburtsgöttin 
Hera,  welche  der  Mutter  des  Helden  zürnt  und 
Herakles  selbst  später  mit  Wahnsinn  schlägt.  In 
der  zweiten  Prophezeiung  der  Völva  aber,  Ambales  solle 
der  Euhm  seines  Geschlechts  werden,  darf  vermutet 
werden  eine  Erinnerung  einerseits  an  jene  erste  Prophe- 
zeiung des  Zeus  und  Bemühung  der  Hera,  dieselbe  zum 
Bösen   zu   wenden,    andererseits   an   eine  zweite  Prophe- 


1)  Pauly  S.  1157;  Preller  II,  121. 

2)  Preller  I,  118. 


—     175     — 

zeinng,  vermöge  deren  Zeus  bestimmte,  Herakles  solle 
in  dem  Dienst  des  Eurystheus  12  Arbeiten  voll- 
bringen und  dadurch  die  Unsterblichkeit  erlangen; 
vgl.  Diodor  IV,  9:  „Wie  erzählt  wird,  wollte  Zeus,  von 
Hera  überlistet,  seine  Verheifsung  befestigen  und  doch  für 
den  Ruhm  des  Herakles  Sorge  tragen.  Deshalb  bestimmte 
er  die  Hera,  ihre  Zustimmung  dazu  zu  geben,  dafs  gemäfs 
seiner  eigenen  Prophezeiung  Eurystheus  König  werde, 
andererseits  aber  setzte  er  fest,  dafs  Herakles  unter  P^ur}'- 
stheus  12  Arbeiten  vollbringen  solle,  die  dieser  ihm  aufzu- 
erlegen habe,  und  dafs  er  nach  Vollbringung  der  Arbeiten 
der  Unsterblichkeit  teilhaftig  werden  solle."  Wenn  die 
Saga  die  Völva  Amlodis  künftige  Gröfse  prophezeien  läfst 
und  sie  damit  zugleich  zu  deren  Urheberin  macht,  —  denn 
was  die  Völva  prophezeit,  wird  wahr  — ,  so  stimmt  sie  im 
Grunde  oifenbar  vollkommen  zur  griechischen  Sage,  inso- 
fern Hera  eben  dadurch,  dafs  sie  Herakles  in  die  Dienst- 
barkeit des  Eurystheus  bringt,  wider  ihren  Willen  zur 
Urheberin  seines  unsterblichen  Ruhmes  wird,  wie  denn 
nach  griechischer  Sage  der  Name  Herakles  dem  Helden, 
der  früher  Alkides  oder  Alkaios  hiefs,  von  der  Pythia 
deshalb  gegeben  wurde,  weil  er  durch  die  Hera,  d.  i. 
durch  den  Hafs  der  Hera,  Ruhm  erlangen  werde: 
i^  "Hgag  xXeog^). 

Ein  weiteres  Motiv,  das  möglicherweise  auf  einem 
Einflufs  der  griechischen  Sage  beruhen  könnte,  ist  die 
Gefräfsigkeit  Amlodis,  die  eine  grofse  Rolle  in  der 
Sage  spielt  und  immer  wieder  erwähnt  wird  (vgl.  oben 
S.  150)^).  Dies  erinnert  daran,  dafs  auch  Herakles  in  der 
griechischen  Sage  als  ein  gewaltiger  Esser  erscheint,  ein 
Motiv,  das  besonders   von   den  Komikern  in  Satyrspielen 


»)  Pauly  S.  1160. 

2)  Das  Motiv  fehlt  bei  Saxo  vollständig. 


—     176     — 

und  Komödien,  ausgebeutet  wurde.  Aber  auch  schon  früher, 
in  den  travestierenden  Dichtungen  der  jonischen  Griechen, 
wurde  er  gefeiert  als  „ein  Musterbild  des  arglos  heiteren, 
aber  gewaltsam  zufassenden  Lebensgenusses  und  der  Über- 
ladung mit  Speise  und  Trank,  denn  dieses  blieb  immer 
ein  wesentlicher  Zug  des  eigentümlichen  Charakterbildes". 
So  verzehrt  er  einmal  einen  ganzen  Stier,  dafs  nicht  ein- 
mal die  Knochen  übrig  bleiben  (Preller  S.  175);  er  bleibt 
sogar  im  Olymp  unersättlich  (ibid.  S.  178).  Athenaeus 
bemerkt,  fast  alle  Dichter  und  Schriftsteller  täten  seiner 
Gefräfsigkeit  Erwähnung^). 

Was  Amlodis  unflätiges  Gebahren  beim  Trinkgelage 
des  Königs  betrifft,  so  sei  hingewiesen  auf  die  antiken 
künstlerischen  Darstellungeii  des  Herakles,  die  ihn  uns 
zeigen,  wie  er  auf  der  komischen  Bühne  erschien.  „Er 
taumelt  mit  zurückgelehntem  Oberkörper  .  .  .  und  trägt 
häufig  den  Becher;  nicht  selten  wird  er  auch  als  mingens 
gebildet"^);  man  vergleiche  dazu  die  Inhaltsangabe  von 
Jiriczek,  Germanist.  Äbh.  XII,  78.  Herakles  wird  dargestellt 
„in  Scenen,  die  seine  Gefräfsigkeit  oder  seine  Verliebtheit 
illustrieren  .  .  .  mit  dickem  Bauch,  Phallos  und  Maske, 
mit  offenem  breitem  Munde,   den  Becher  in  der  Hand"^). 

Wenn  Amlodi  den  getöteten  Lauscher  den  Schweinen 
zum  Frafse  vorwirft  —  so  ja  auch  bei  Saxo  — ,  so  darf 
daran  erinnert  werden,  dafs  ähnlich  Herakles  den  König 
Diomedes,  nachdem  er  ihn  erschlagen,  seinen  eigenen  Eossen 
als  Futter  vorwirft*). 

Wegen  der  Verbindung  Amlodis  mit  dem  Zwerge  Tosti 
könnte   des  Herakles  Kampf  mit  den  Pygmäen  verglichen 


1)  X,  1,  ed.  Kaibel  .II,  Leipzig  1887,  S.  396. 

2)  Röscher,  Lexikon  d.  griech.  u.  röm.  Mythol.  I,  2,  Sp.  2181 
(Furtwängler). 

3)  Ib.  Sp.  2191. 

*)  Preller  II,  140. 


—     177     — 

werden,  der  einen  Anhang  zw  dem  Kampfe  mit  Antaios 
darstellt.  Herakles  sammelt  ihr  ganzes  Heer  in  seine 
Löwenhaut^). 

Indes  möchte  ich  den  beiden  letzterwähnten  Zügen 
keinerlei  Gewicht  beilegen,  da  die  Ähnlichkeit  in  der  Tat 
nur  eine  entfernte  ist. 

Endlich  möge  noch  auf  folgende  Momente  wenigstens 
liingewiesen  werden: 

Es  heifst  von  König  Tamerlaus  in  der  Sage:  „Er  fafste 
gi'ofse  Liebe  zu  Amlodi  und  betraute  ihn  mit  der  Ver- 
teidigung des  Landes,  und  Amlodi  errang  stets  den 
Sieg  und  gewann  ungeheuren  Reichtum."  Sollten  wir 
liier  etw^a  vor  uns  haben  einen  Reflex  davon,  dafs  Hercules 
den  Römern  galt  als  der  Schutzgeist  von  Haus  und  Hof, 
vermutlich  auch  als  Grenzgott,  als  der  Gott  des  Sieges 
und  als  der  Gott  des  Reichtumes?  In  der  erstgenannten 
P'anktion  führt  er  die  Beinamen  Tutor,  Custos,  Befetisor, 
Konservator  und  Anteportamis ;  in  der  Kaiserzeit  wurde 
Hercules  Conservator  als  Schutzgott  der  Mitglieder  des 
Kaiserhauses  eifrig  verehrt,  vgl.  B.oschers  Lex.  I,  2,  Sp.  2958; 
als  siegverleihender  Gott,  Hercules  Victor  oder  Invictus, 
wurde  er  neben  Mars  und  Victoria  gestellt,  vgl.  ib. 
Sp.  2938 f,  als  Gott  des  Gewinnes,  als  Mehrer  des  Ver- 
mögens, Spender  von  Reichtümern  und  Glücksgütem  wurde 
1  im  Kultus  nicht  selten  mit  Merlir.r  vereinigt,  er  galt 
sogar  als  der  Hüter  verborgener  Schätze,  ib.  Sp.  2959  If. 
Ich  meine,  diese  Tatsachen  sind  jedenfalls  beachtenswert^). 


»)  Ib.  151. 

^)  Hinweisen  wenigstens  möchte  ich  auch  noch  darauf,  dafs 
<lem  Herakles  als  Opfertier  das  Schwein  heilig  war  und  er  auf  antiken 
liildwerken  sehr  häufig  mit  einem  zur  Opferung  bestimmten  Schwein 
dargesteUt  ist,  s.  Röscher,  Lex.  T,  2,  Sp.  2912ff,  2951  ff.,  2965.  Wie 
yrir  sahen,  wird  Amlodi  von  Faustinus  zum  Sauhirten  ernannt,  Gol- 
lancz  S.  103. 

Zenker,  BoeTe-Amletbns.  12 


—     178     — 

Mag  es  sich  aber  damit  und  mit  allen  den  zuletzt 
augeführten  Momenten  verhalten,  wie  ihm  wolle,  nach  den 
vorausgehenden  Darlegungen  scheint  es  mir  jedenfalls  kaum 
zweifelhaft,  dafs  wesentliche  Teile  der  i^mbalessaga 
auf  einer  Umbildung  und  Kombinierung  von  Motiven 
der  antiken  Heraklessage  beruhen,  dafs  zu  den  Ele- 
menten der  Hamletsage,  welche  wir  auf  Grund  der  ver- 
schiedenen Versionen  aussondern  konnten,  nunmehr,  auf 
Grund  einer  Analyse  der  Ambalessaga  als  neues  Ele- 
ment die  Heraklessage  tritt.  Die  Attraktion  der  Herakles- 
sage wurde,  wie  ich  glaube,  herbeigeführt  durch  ver- 
schiedene markante  Berührungspunkte,  welche  dieselbe  mit 
dem  Grundelement  der  Hamletsage,  der  Brutussage,  be- 
safs.    Es  sind,  soweit  ich  sehe,  die  folgenden: 

Wie  Brutus,  hat  Herakles  einen  Bruder,  den  Iphikles. 

Wie  Brutus,  wächst  Herakles  auf  im  Hause  eines 
Königs,  der  nicht  sein  Vater  ist  und  der  Grund  hat,  ihn 
zu  fürchten  —  denn  aus  Furcht  vor  Herakles  schickt,  wie 
wir  sahen,  Amphitryon  ihn  ins  Gebirge  —  und  wie  Brutus 
weilt  er  (später)  am  Hofe  eines  Königs,  der  als  Usurpator 
erscheint  und  ihm  feindlich  gesinnt  ist. 

Wie  Brutus,  verfällt  Herakles  in  Wahnsinn  —  den 
Hera  ihm  sendet  — ,  wie  jener  befragt  er,  (nachdem  er  im 
Wahnsinn  seine  eigenen  Kinder  getötet),  das  delphische 
Orakel  (das  ihn  nun  in  den  Dienst  des  Eurystheus 
schickt). 

Diese  durchaus  eigenartigen  gemeinsamen  Motive  ge- 
nügen m.  E.  vollkommen,  um  die  Association  und  Ver- 
mengung der  beiden  Sagen  zu  erklären,  ja  ich  meine,  schon 
ein  einziges  davon,  von  dem  an  erster  Stelle  erwähnten 
abgesehen,  würde  als  ausreichend  zu  erachten  sein,  um 
eine  solche  Association  zu  bewerkstelligen. 

Nehmen  wir  nun  an,  es  seien  die  aufgeführten,  der 
Saga   und   der  Heraklessage  gemeinsamen  Episoden  und 


—     179    — 

Züge,  oder  doch  einige  davon,  auch  in  Saxos  Quelle  bereits 
vorhanden  gewesen,  so  wäre  es  offenbar  sehr  natürlich, 
dal's  Saxo  sich  durch  die  Taten  seines  Helden  an  die  des 
griechischen  Heros  erinnert  fühltä  und  Amlodi  mit  Herakles 
verglich. 

Hier  mufs  nun  aber  einem  möglichen  Einwand  be- 
gegnet werden.  Man  könnte  nämlich  das  Vorhandensein 
von  Momenten  der  Heraklessage  in  unserer  Saga  eben  durch 
Saxos  Hinweis  auf  Hercules  erklären  wollen,  indem  dieser 
Hinweis  einen  Bearbeiter  veranlassen  konnte,  in  die  Er- 
zählung einzufügen,  was  ihm  aus  der  Heraklessage  gegen- 
wärtig war,  die  Geschichte  Hamlets  der  des  Herakles  an- 
zugleichen. 

Gegen  eine  solche  Auffassung  sprechen  folgende  Gründe: 
Einmal  wird  eben  der  Vergleich  Amleths  mit  Hercules 
erst  durch  die  Annahme  verständlich,  es  habe  Saxo  eine 
der  Ambalessaga  ähnliche  Darstellung  vorgelegen;  denn 
unter  die  Taten,  die  Saxo  von  Amleth  berichtet,  ist  kaum 
irgendeine,  die  ihn  speziell  an  Taten  des  Hercules  er- 
innern konnte.  Sodann  aber  spricht  gegen  eine  erst  nach 
Saxo  erfolgte  Einbeziehung  der  Heraklessage  der  Umstand, 
dafs  sehr  wahrscheinlich  eine  bei  Saxo  selbst  vor- 
handene, der  Ambalessaga  fehlende  Episode  der 
Hamletsage,  nämlich  die  von  der  Doppelheirat  des 
Helden,  aus  der  Heraklessage  stammt.  Man  wird  nun 
nicht  hieraus  die  Hinfälligkeit  des  an  erster  Stelle  angeführten 
Arguments  ableiten  wollen,  indem,  wenn  auch  bei  Saxo 
die  Sage  irgendwie  eine  Ähnlichkeit  mit  der  Heraklessage 
zeige,  dadurch  ja  sein  Hinweis  auf  diesen  Helden  ver- 
ständlich werde,  und  gesetzt,  die  Ähnlichkeit  sei  eine 
blofs  zufällige,  dann  nichts  im  Wege  stehe,  jene  anderen 
Elemente  der  Heraklessage  als  jünger,  als  erst  infolge  von 
Saxos  Erwähnung  des  Helden  eingeführt,  zu  betrachten. 
Denn  die  an  die  Heraklessage  erinnernden  und  m.  E.  aus 

12* 


—     180     — 

ihr  stammenden  Züge  sind  bei  Saxo  bereits  so  stark  mit 
anderweitig  hergeholten  Elementen  vermischt  und  von 
ihnen  überwuchert,  dafs  nicht  angenommen  werden  kann, 
Saxo  sei  hier  auf  eine  Ähnlichkeit  aufmerksam  geworden; 
sodann  aber  gründet  Saxo  jenen  Vergleich  mit  Herakles 
auf  Amleths  Taten,  und  um  solche  handelt  es  sich  im  vor- 
liegenden Falle  nicht. 

Die  Sache  ist  diese: 

Bei  Saxo  ist  Amleth  bekanntlich  mit  der  Tochter 
des  Königs  von  Britannien  verheiratet.  Er  wird  dann  von 
seinem  Schwiegervater  an  die  Tochter  des  Königs  von 
Schottland,  Hermuthruda,  gesandt,  die  alle  Freier  töten 
läfst.  Hermuthruda  verliebt  sich  sofort  in  Amleth  und 
bietet  ihm  ihre  Hand  an.  Amleth  erwidert  ihre  Liebe 
und  die  Hochzeit  wird  gefeiert.  Er  kehrt  dann  mit  seiner 
neuen  Gattin  nach  Britannien  zurück,  auf  dem  Wege  kommt 
ihm  seine  erste  Gattin  entgegen:  sie  fühlt  sich  gekränkt 
durch  die  Annahme  des  Kebsweibes,  erklärt  aber,  trotz- 
dem in  ihrer  Gattenliebe  nicht  nachlassen  zu  wollen.  Später, 
als  Amleth  seinen  Tod  vor  Augen  sieht,  will  er  Fürsorge 
treffen,  dafs  Hermuthruda  einen  neuen  Gatten  bekomme: 
„Er  war  aber  von  solcher  Liebe  zu  Hermuthruda  erfüllt, 
dafs  er  weit  gröfsere  Besorgnis  über  ihre  zukünftige  Witwen- 
schaft empfand  als  über  seinen  nahen  Tod,  und  dafs  er 
sich  eifrig  umsah,  wie  er  ihr  noch  vor  Beginn  des  Krieges 
eine  zweite  Ehe  sichern  könne."  Amleth  fällt  in  der 
Schlacht  gegen  Viglet,  Hermuthruda  heiratet  den  Sieger. 

Nach  der  griechischen  Sage  ist  Herakles  mit  Deianira, 
der  Tochter  des  Aitolerkönigs  Oineus  verheiratet.  Ehe  er 
diese  Verbindung  einging,  hatte  er  vergeblich  um  loh, 
die  Tochter  des  Eurytos  von  Oichalia  geworben.  Eurytos 
hatte  seine  Tochter  demjenigen  versprochen,  der  ihn  in 
der  Kunst  des  Bogenschiefsens  übertreffen  werde.  Herakles 
nahm  den  Wettkampf  auf,  siegte  und  erweckte  in  loleus 


—     181     — 

Brust,  die  bis  dahin  der  Aphrodite  widerstrebt  hatte ^), 
leidenschaftliche  Liebe.  Die  Initiative  ging  von  lole  aus  — 
vermutlich  hatte  sie  ihm  einen  Liebestrank  einge- 
geben-), jedenfalls  erwiderte  Herakles  ihre  Liebe  leiden- 
schaftlich. Aber  Eurytos  wies  ihn  trotzdem  zurück.  Später 
nahm  Herakles,  der  inzwischen  der  Gatte  der  Deianira 
geworden  war,  an  Eurytos  Rache,  indem  er  Oichalia  zer- 
störte und  lolens  Vater  und  Brüder  vor  den  Augen 
der  Tochter  und  mit  deren  Einverständnis  tötete*). 
Als  Deianira  die  bevorstehende  Rückkehr  des  Gatten  in 
Begleitung  der  Rivalin  gemeldet  wurde,  beklagte  sie 
die  ihr  angetanti  Schmach,  erklärte  aber,  trotzdem 
dem  Gatten  nicht  zürnen  zu  können,  s.  Sophokles, 
Trachinierinnen  V.  525*). 

.  .  Keine  Jungfrau,  mein  ich  mehr,  ein  Eheweib 
Nahm  ich  ins  Haus  mir,  eine  Last,  dem  Schiffer  gleich, 
Die  mir  zur  Schmach  erworben  mein  treuliebend  Herz. 
Und  nun  zu  zweien  harren  wir  in  Einem  Bett, 


*)  Vgl.  Euripides,  Hippolytos  V.  545 ff.: 
TOLv  /iisv  Oixcdifi 

jicölov  /sc.  *I6Xt]vJ,  äCvya  ksxrocov, 
ävavÖQOv  x6  TiQiv  xai  ävvfi(por,  olxtov 
^sv^ao    OJi    elgeoin,  dgdfiada 
xiv  "^Aibc;  woze  ßdxxav, 
avv  ai'fiaxi,  avv  xajivo) 
(povioig  ^'v/n€vaioiaiv 
'AXx/itfva?  xoxcp  KvjiQig  e^eöioxer. 
*)  Vgl.  über   diesen  wichtigen  Zug  Zielinski,   Excurse   xu  den 
Ttachmierinfien,  Phüologus  55  (1896),  539.    „Nicht  als  das  willenlose 
Opfer  fremder  Begier  —  als  die  schöne  und  arge  Zauberin,  die  durch 
einen  Liebestrank  den  treuesten  und  reinsten  Helden  sich  [sc.  dem 
Helden]  selbst  entfremdete,  lebte  in  der  Volkssage  die  ^av^  'loXeia 
fort  .  .  .%  ib.  S.  540. 

')  So  Hygin,  Fabulae  XXXV:  Qui  [sc.  Hercules],  tU  a  virgi/ne  [sc. 
lole]  rogatur,  parentes  eius  coram  ea  interßcere  velle  cepit.  Uta  animo 
pertinctcior  parentes  suos  ante  se  necari  est  perpessa. 
^)  Cbers.  von  Donner  «II  (1868),  S.  189. 


—     182     — 

Zu  ruh'n  in  seinen  Armen!    Dies  gab  Herakles, 

Der  uns  der  Edle,  Treue  stets  geheifsen  war, 

Zum  Lohne  mir  für  seines  Hauses  lange  Hut, 

Zwar  Groll  zu  hegen  wider  ihn  vermag  ich  nicht, 

Dafs  dieser  Krankheit  süfses  Weh  ihn  oft  befällt, 

Doch  auch  zu  wohnen  ihr  vereint,  den  Einen  Bund 

Mit  ihr  zu  teilen,  welche  Frau  vermöchte  das? 

Damit  vergleiche  man  die  Worte  von  Amleths  Gattin 
bei  Saxo,  als  Amletli,  aus  Schottland  zurückkehrend,  mit 
Hermuthruda  ihr  entgegenkommt: 

„Obgleich  sie  sich  darüber  beklagte,  daCs  sie  durch 
die  Annahme  des  Kebsweibes  beleidigt  sei,  sagte  sie  doch, 
es  sei  unwürdig,  den  Hafs  wegen  des  Ehebruchs  höher  zu 
stellen  als  die  Gattentreue.  ...  Sie  habe  ja  als  Unter- 
pfand ihrer  Ehe  ihren  Sohn,  und  schon  die  Rücksicht  auf 
ihn  müsse  der  Mutter  eheliche  Liebe  nahe  legen.  Dieser 
selbst,  sagte  sie,  wird  die  Nebenbuhlerin  seiner  Mutter  hassen, 
ich  will  sie  lieben.  Meine  Glut  für  dich  wird  kein 
Unglück  ersticken,  kein  Hafs  tilgen." 

Deianira  sendet  nun  dem  Herakles  in  der  Erwartung, 
dadurch  seine  Liebe  wieder  zu  gewinnen,  das  Nessusgewand, 
das  seinen  Tod  herbeiführt.  Sterbend  trägt  Herakles 
Sorge,  der  lole  einen  neuen  Gatten  zu  sichern,  in- 
dem er  dem  eigenen  Sohn,  Hyllos,  das  Versprechen  ab- 
nimmt, nach  seinem,  des  Vaters  Tode,  lole  zu  ehelichen^). 

Ich  meine,  der  Parallelismus  der  Motive  ist  hier  ge- 
radezu frappant;  und  er  wird  noch  verstärkt,  wenn  wir 
jene  Version  der  Sage,  welche  der  Boeve  v.  Hamtone  bietet, 
mit  heranziehen.  Bei  Saxo  wird  Amleth  an  Hermuthruda 
von  seinem  Schwiegervater  mit  einem  Briefe  gesandt,  der 
ihm  den  Untergang  bereiten  soll;  wir  haben  hier  das  Motiv 
des  Uriasbriefes,  welches,  wie  oben  S.  45 ff.  gezeigt,  hier 


1)  Vgl.  Pauly  S.  1170  und  1173.  Preller  II,  157  und  176.  So- 
phokles, Trachinierinnen,  passim..  Das  zuletzt  erwähnte  Motiv  hat  auch 
Seneca,  Hercules  Oetaeus  V.  1488  ff. 


—     183    — 

aus  der  französischen  Constantiusnovelle  entlehnt,  also 
iiingerer  Herkunft  ist.  Ursprünglich  mufs  Amleths  Besuch 
bei  Hermutliruda  in  anderer  Weise  motiviert  gewesen  sein. 
Eine  solche  andere  Motivierung  bietet  nun  in  der  Tat  der 
BvH  in  der  entsprechenden  Scene:  hier  ist  ein  Turnier 
ausgeschrieben  worden,  dessen  Preis  die  Hand  der 
Königstochter,  der  Erbin  des  Reiches  sein  soll. 
Boeve  nimmt  an  dem  Turnier  teil,  bleibt  Sieger  und  ge- 
winnt die  Hand  der  Prinzessin. 

Dafs  diese  von  der  englischen  Fassung  des  BvH  ge- 
botene Version,  wonach  ein  Turnier  stattfand,  vermutlich 
ursprünglicher  ist  als  die  andere,  wonach  es  sich  um  einen 
Kampf  gegen  ein  feindliches  Heer  gehandelt  hätte,  wurde  oben 
S.  43  gezeigt.  Offenbar  stimmt  nun  die  fragliche  Version,  die 
in  der  gemeinsamen  Quelle  des  BvH  und  Saxos  vorhanden 
gewesen  sein  wird,  in  überraschender  Weise  zu  der  griechi- 
schen Sage.  Wir  erhalten  danach  folgenden,  beiden  Sagen, 
der  griechischen  und  der  nordischen,  gemeinsamen  Typus: 

Die  Hand  einer  Königstochter  ist  als  Preis  eines  Wett- 
kampfes ausgesetzt  (eines  Bogenwettschiefsens  mit  dem 
Vater  —  eines  Turnieres).  Die  Königstochter  ist  von  grau- 
samem Charakter  (gibt  ihr  Einverständnis  zur  Tötung  ihres 
Vaters  und  ihrer  Brüder,  die  vor  ihren  Augen  stattfindet 
—  läfst  alle  ihre  Freier  töten).  Ein  aus  der  Fremde 
kommender  Held  nimmt  den  Wettkampf  auf  und  bleibt 
Sieger.  Er  erweckt  in  der  Brust  der  Königstochter  eine 
heftige  Neigung,  sie  bringt  ihm  ihre  Liebe  entgegen,  die 
er  mit  gleicher  Leidenschaft  erwidert.  Obgleich  er  bereits 
verheiratet  und  Vater  eines  Sohnes  ist,  wird  die  Vermählung 
vollzogen.  Er  kehrt  mit  seiner  neuen  Gattin  in  die  Hei- 
mat zurück.  Als  die  erste  Frau  von  dem  Treubruch  ver- 
nimmt, äufsert  sie  sich  in  bitteren  Worten  über  die  durch 
Annahme  des  Kebsweibes  ihr  angetane  Kränkung,  erklärt 
aber,  ihm  trotzdem  nicht  zürnen  zu  können  und  in  ihrer 


—     184     — 

Liebe  nicht  wanken  zu  wollen.  Als  der  Held  bald  darauf 
seinen  Tod  vor  Augen  sieht,  trägt  er  Sorge,  seiner  zweiten 
Gattin,  die  sein  ganzes  Sinnen  und  Denken  ausfüllt,  einen 
neuen  Gemahl  zu  sichern. 

Diese  Übereinstimmungen  sind  m.  E.  so  zahlreich  und 
zum  Teil  so  speziell,  dafs  sie  einen  Zusammenhang  zwischen 
der  griechischen  und  der  nordischen  Sage  beinahe  zweifel- 
los machen. 

Die  Differenzen,  die  sich  alle  ungezwungen  als  nahe- 
liegende Umbildungen  der  griechischen  Motive  erklären, 
sind  die  folgenden: 

In  der  griechischen  Sage  handelt  es  sich  um  einen 
Bogenwettkampf  zwischen  den  Freiern  und  dem  König; 
in  der  nordischen  Sage  ist  au  dessen  Stelle  getreten  ein 
Wettkampf,  ein  Turnier,  zwischen  den  Bewerbern  selbst, 
offenbar  eine  in  den  Sitten  der  Zeit  begründete,  sich  aus 
ihnen  ganz  natürlich  ergebende  Modifikation  des  alten 
Motives. 

Sodann  ist  aus  dem  zweimaligen  Erscheinen  des  Helden 
in  Oichalia  ein  einmaliges  geworden,  indem  die  Weigerung 
des  Königs,  sein  Versprechen  zu  erfüllen,  und  damit  auch 
der  Eachezug  des  Helden,  eliminiert  worden  sind:  an  die 
Werbung  schliefst  sich  die  Vermählung  unmittelbar  an  — 
ohne  Frage  auch  dies  eine  durchaus  verständliche,  in 
dem  Streben  nach  Vereinfachung  der  Handlung  begründete 
Änderung.  Unter  diesen  Umständen  mufste  auch  die  Tötung 
der  Verwandten  des  Mädchens  vor  deren  Augen,  wovon 
die  griechische  Sage  berichtet,  in  Wegfall  kommen.  Aber 
die  Erinnerung  an  lolens  wilden  und  grausamen  Charakter, 
der  sich  in  diesem  Zuge  offenbart,  scheint  fortzuleben  in 
dem  bei  Saxo  vorliegenden  Motiv,  wonach  Hermuthruda 
jeden,  der  es  wagt,  um  ihre  Hand  anzuhalten,  dem  Schwerte 
überantwortet,  und  in  dem  im  BvH  sich  findenden  Zug 
—   der  wohl  nur   eine  Umbildung   des    letzteren  Motivs 


—     185     — 

darstellt  — ,  dafs  die  Herzogin  von  Civile  Boeve  für  den 
Fall  des  Beharrens  auf  seiner  Weigerung,  ihr  Gatte  zu 
werden,  sehr  un weiblich  droht,  ihn  ohne  weiteres  einen 
Kopf  kürzer  machen  zu  lassen,  vgl.  oben  S.  23.  Alles  Übrige 
bis  zur  Rückkehr  des  Helden  zu  seiner  ersten  Frau  ist  iden- 
tisch. Die  in  der  griechischen  Sage  nun  folgende  Geschichte 
von  dem  Nessusgevvande  mufste  natürlich  fallen,  wenn  die  Ge- 
schichte Hamlets  noch  weiter  fortgeführt  werden  sollte. 

Im  Hinblick  auf  die  in  der  Ambalessage  aufge- 
zeigten Übereinstimmungen  mit  der  Heraklessage  scheint 
es  mir  kaum  zweifelhaft,  dafs  auch  bei  Saxo  die  antike 
Sage  die  Quelle  der  nordischen  gewesen  oder  doch  letztere 
durch  jene  beeinflufst  worden  ist. 

Wir  entnahmen  das  zu  Saxo  am  auffälligsten  stimmende 
Motiv  der  Heraklessage  den  Trachinierinnen  des  Sophokles. 
Natürlich  ist  nun  nicht  daran  zu  denken,  dafs  die  nordische 
Sage  dii-ekt  auf  jenes  Drama  zurückginge.  Aber  die  griechi- 
schen Tragiker  schöpften  selbst  aus  dem  Epos  und  der 
Volkssage,  und  die  Taten  des  Herakles  sind  Gegenstand 
umfangreicher  griechischer  Epen  gewesen.  „An  Reichtum 
und  Mannigfaltigkeit  übertrifft  der  Sagenkreis  des  Herakles 
alle  anderen:  Reste  alter  Lieder  von  Herakles  können 
wir  selbst  bei  Homer  nachweisen",  bemerkt  Th.  Bergk, 
Griech.  Literaturgesch.  11,  hgg.  v.  Hinrichs,  Berlin  1883, 
73,  Anm.  21.  Ein  Epos  Herakleia  schrieb  im  7.  Jh.  v. 
Ch.  Peisander,  dem  „die  alexandrinischen  Kritiker  im 
Kanon  eine  Stelle  unmittelbar  nach  Homer  und  He- 
siod  anwiesen",  ib.  S.  72.  Später,  zur  Zeit  des  ersten 
Perserkrieges,  verfafste  ein  solches  (nach  Suidas  in  14 
Büchern  mit  9000  Versen)  Panyasis  aus  Halikarnass,  ib. 
S.  478f.  Die  Sage  von  lole-Deianira  und  dem  Tode 
des  Herakles  war  Gegenstand  eines  selbständigen 
Epos,  der  Ülxa^tag  äXcooig,  die  lange  Zeit  dem  Homer 
selbst  zugeschrieben  wurde,  also  ganz  besondere  Popularität 


—     186     — 

genofs,  wie  sie  denn  zu  den  ältesten  der  cyklischen  Epen 
gehört.  Der  wahre  Verfasser  scheint  Kreophylos  von 
Samos  zu  sein.  Als  Inhalt  gibt  Kallimachos  an,  dafs  es 
„den  Eurytos  und  was  er  erlitten  und  die  blonde  loleia 
beweinte."  Mit  dem  letzteren  Worte  ist  klar  ausgesprochen, 
dafs  es  den  Tod  des  Herakles  mit  einbegriif;  s.  Bergk, 
0.  c.  S.  35,  37  f.  und  besonders  F.  G.  Welcker,  Der  epische 
Cyclus  P,  Bonn  1865,  205—221.  Der  Gedanke  liegt  nahe, 
dafs  Sophokles  gerade  aus  diesem  für  homerisch  geltenden 
Epos  geschöpft  habe,  und  ich  vermute  denn,  dafs  die  Dar- 
stellung Saxos  durch  epische  Zwischenstufen,  über  die 
später  zu  handeln  sein  wird,  eben  auf  die  OiyaXiaq  äkooig 
des  Kreophylos  zurückgeht. 

Vielleicht  ist  noch  ein  anderes,  bei  Saxo  vorhandenes, 
in  der  Ambalessage  fehlendes  Motiv  auf  die  Heraklessage 
zurückzuführen.  Man  hat  für  Amleths  Prachtschild, 
auf  dem  die  ganze  Reihe  seiner  Taten  von  den  ersten 
Anfängen  seiner  Jugend  an  in  prächtig  gemalten  Bildern 
dargestellt  war,  verwiesen  auf  den  Schild  des  Aeneas, 
den  Vergil,  Aen.  B.  VIII  schildert  (s.  Jantzen  S.  160, 
Anra.  2).  Aber  schon  von  dem  Schilde  des  Herakles  exi- 
stierte bekanntlich  eine  ähnliche  Beschreibung,  welche  den 
Gegenstand  eines  eigenen,  ca.  170  Verse  umfassenden  Ge- 
dichtes, des  pseudohesiodeischen  Epyllions  "AoTik  'HgayMorg 
bildet^),  das  schon  ca.  600  v.  Chr.  vorhanden  war.  Ich 
bestreite  nicht  die  Möglichkeit,  dafs  Saxo  das  Schild  des 
Aeneas  vorschwebte.  Aber  nachdem  uns  soeben  für  eine 
andere  Episode  seiner  Erzählung  Zusammenhang  mit  der 
Heraklessage  recht  wahrscheinlich  geworden  ist.  dürfte 
wenigstens  die  Vermutung  nicht  abzuweisen  sein,  dafs  es 
vielmehr   eben   der  Schild  des  Herakles  sei,   der  sich  in 


^)  Vgl.  R.  Peppmüller,  Hesiodos,  ins  Deutsche  ühertr.,  Halle  1896, 
S.  247  ff. 


—     187     — 

dem  des  Araleth  spiegelt.  Natürlich  müfste  die  Scbild- 
beschreibung  dann  schon  in  Saxos  Quelle  vorhanden  ge- 
wesen sein,  da  für  Saxo  Kenntnis  jenes  griechischen  Ge- 
diclites  doch  kaum  angenommen  werden  kann  und  alle 
Wahrscheinlichkeit  dafür  spräche,  dafs  die  Motive  der 
Heraklessage  nicht  einzeln,  zu  wiederholten  Malen, 
sondern  geraeinsam,  auf  ein  Mal,  der  Hamletsage  ein- 
gegliedert wurden. 

Nach  dem  Gesagten  findet  also  der  Vergleich  Am- 
leths  mit  Herakles  seine  befriedigende  Erklärung,  wenn 
wir  annehmen,  Saxo  habe  aus  einer  Quelle  geschöpft,  die 
in  wesentlichen  Punkten  mit  der  Darstellung  der  Ambales- 
sage  übereinstimmte.  In  dieser  Quelle  war  mit  der  Brutus- 
sage die  Heraklessage  infolge  von  mehrfachen  Berührungs- 
punkten, welche  beide  aufwiesen,  vermischt:  Ambales  oder 
Amlodi  wurde  in  ihr  geschildert  als  ein  Mann  von  ge- 
waltiger Körperkraft,  der  sich  in  Kämpfen  mit  Riesen  und 
in  Kriegen  mit  feindlichen  Völkerschaften  auszeichnete. 
Es  ist  deshalb  sehr  natürlich,  dafs  Saxo  sich  durch  diese 
Scenen  an  die  Heraklessage,  die  in  der  Tat  wenigstens 
teilweise  ihre  Quelle  war,  erinnert  fühlte.  Die  Erkennt- 
nis von  dem  Vorhandensein  jener  antiken  Elemente  in  der 
Ambalessage  hat  uns  nun  zugleich  die  Augen  geöfihet 
für  wenigstens  ein  solches,  auch  bei  Saxo  vorhandenes 
Motiv  der  Heraklessage,  das  Motiv  der  Doppelehe  Am- 
leths  mit  der  Tochter  des  Königs  von  Britannien,  welches 
eine  Nachbildung  darstellt  der  Doppelehe  des  Herakles  mit 
Deianira  und  lole.  Das  Motiv  dieser  Doppelehe  scheint 
in  der  Ambalessage  zu  fehlen.  Ich  möchte  indessen,  aber 
nur  mit  aller  Reserve,  die  Frage  aufwerfen,  ob  nicht 
etwa  in  dem  Verhältnis  Amlodis  zu  der  Riesin  ein 
entfernter,  verblafster  Widerschein  von  Aijileths 
Ehe  mit  Hermuthruda  zu  erblicken  sein  sollte.  Herrn u- 
thrud  heifst  ja  bekanntlich  „die  grofse  [)ru3:  (virago),  die 


—     188     — 

von  keiner  anderen  übertroffen  wird"^),  und  ist  identisch 
mit  der  Walküre  }rüär. 

Ueber  das  Verhältnis  der  Riesin  (yekk,  tnAlkoiKA,  ker- 
Ung)  zu  Amlodi  erfahren  wir  nun  folgendes: 

Amlodi  trifft  einmal  im  Walde  bei  einem  Stein  einen 
weinenden  Zwerg,  dem  eine  Riesin  sein  Kind  gestohlen 
hat.  Amlodi  holt  die  Riesin  ein,  fafst  sie  bei  den  Haaren, 
die  ihr  bis  zu  den  Hüften  herabreichen,  reifst  sie  zu  Boden 
und  gibt  dem  Zwerg  sein  Kind  zurück.  Er  ringt  dann 
lange  mit  der  Riesin,  die  sich  wieder  erhoben  hat,  bis 
diese  ermüdet  und  es  ihm  gelingt,  sie  zu  Boden  zu  werfen. 
Er  fafst  sie  bei  der  Kehle,  um  sie  zu  erwürgen,  aber  die 
Besiegte  bittet  um  ihr  Leben,  und  Amlodi  läfst  sie  frei. 
Da  blickt  sie  freundlich  auf  ihn  und  sagt:  „Keinen  kenne 
ich  gröfser  als  dich  an  Tapferkeit  und  Ruhm,  und  gerne 
würde  ich  Dich  recht  glücklich  machen:  Du  bist  will- 
kommen in  meiner  Wohnung,  und  dieses  Schwert  und 
diesen  Stein  will  ich  Dir  jetzt  geben:  er  fördert  das  Glück 
der  Menschen  und  warnt  sie  vor  Gefahren,  die  ihnen  drohen." 
Amlodi  nimmt  das  Geschenk  an  und  verspricht,  sie  ein 
anderesmal  zu  besuchen.  Später  kommt  die  Riesin  Amlodi 
zu  Hilfe,  als  er  im  Kampfe  mit  einem  Riesen  daran  ist, 
zu  unterliegen;  er  gibt  ihr  nun  die  vierjährige  Tochter 
des  Riesen,  Harbra,  zur  Erziehung,  bittet  sie  um  ihre 
Freundschaft  und  weilt  mit  dem  Zwerge  Tosti  die  Nacht 
über  als  Gast  in  ihrer  Höhle  (ib.  S.  127).  Seitdem  sendet 
sie  jährlich  Amlodi  durch  Tosti  Geschenke  (nur  in  /i,  Jiriczek 
S.  98).  Als  dann  Amlodi  bereits  König  ist,  erscheint  eines 
Tages  Tosti  bei  ihm  und  meldet  ihm:  „Deine  Freundin  ist 
krank  und  wird  bald  zur  Hei  hinabfahren,  sie  bittet  Dich, 
dafs  Du  sie  besuchest,  ehe  sie  stirbt."  Amlodi  geht  mit  zu 
ihrer  Wohnung:   „sie  war  schon  der  Sprache  kaum  mehr 


')  S.  Müllenhof;  Bcoicidf  S.  82. 


—     189     — 

mächtig,  aber  der  König:  konnte  noch  so  viel  von  ihren 
^^'o^ten  verstehen,  dafs  sie  ihren  Reichtnra  ihrer  Pflege- 
tochter Harbra  vermachte,  ausgenommen  solche  Schätze, 
die  sie  schon  dem  König  gegeben  hatte,  und  solche,  die 
man  ihr  ins  Grab  mitgeben  sollte.  ^Man  konnte  an  ihren 
Blicken  sehen,  wie  sie  den  König  von  ganzem 
Kerzen  liebte.  Er  weilte  bei  ihr,  bis  ihr  Atem  still 
-tand,  und  er  liefs  ihre  Gebeine  würdig  bestatten  und  liefs 

inen  Grabhügel  auf  werfen  über  ihr  in  dem  Talgrunde 
am  Fufse  des  Berges"  (GoUancz  S.  179).  Das  Verhältnis 
der  beiden  wird  also  als  ein  sehr  inniges  geschildert,  eine 
lierzliche,  von  Seiten  der  Riesin  an  Liebe  grenzende  Freund- 
fhaft  verbindet  beide  fürs  Leben.  Ich  frage:  Sollten  wir 
nicht  hier  vielleicht  einen  Nachklang  von  Amleths  Ver- 
liältnis  zur  Walküre  prud  vor  uns  haben?  Der  Zug.  dafs 
sie  Amlodi  zauberkräftige  Gegenstände  schenkt,  erinnert 
an  die  „Zauberin"  lole.  Aufserdem  sei  noch  darauf  auf- 
merksam gemacht,  dafs  die  Riesin  auch  im  Besitze  eines 
Pferdes  ist  (Walküre?),  welches  sie  Amlodi  auf  seine  Bitte 

.mdet  (Gollancz  S.  127). 

Es  erhebt  sich  nun  natürlich  sofort  die  grofse  Frage, 

luf  welchem  Wege  die  Heraklessage  der  Hamletsage  zu- 
geführt worden  sein  mag.  Bevor  wir  indessen  diesen  Punkt 
erörtern,  ist  es  erforderlich,  die  erst  ganz  neuerdings  nach- 
jHwiesene  persische  Version  unserer  Sage  zu  besprechen, 
welche  das  ganze  Problem  der  Herkunft  und  der  Zusammen- 
<('tz\nig  der  Hamletsage  abermals  in  eine  völlig  veränderte 
Beleuchtung  rückt. 

Was  das  Verhältnis  der  Ambalessage  zu  Saxo  angeht, 

()  hat  sich  also  aus  den  obigen  Nachweisen  ergeben,  dafs  die- 
selbe Züge  der  Brutussage  enthält,  welche  bei  Saxo  fehlen, 
dafs  sie  in  wichtigen  Partien  mit  der  Heraklessage  Ver^vandt- 
schaft  zeigt,  und  dafs  diese,  wenigstens  in  ähnlicher 
Fassung,  auch  in  Saxos  Quelle  sich  befunden  haben  müssen. 


—     190     — 

Da  nun  weder  die  Züge  der  Brutussage  noch  die  der 
Heraklessage  im  Briammärchen  eine  Entspreciiung  finden, 
so  mufs  für  die  Ambalessaga  eine  sehr  ausführliche,  von 
der  Darstellung  Saxos  und  dem  Briammärchen  verschiedene 
Quelle  angenommen  werden,  und  es  geht  nicht  an,  wie 
Gollancz,  Olrik  und  Jiriczek  tun,  die  Saga  zu  erklären 
als  das  Produkt  einer  Verbindung  von  Saxos  Darstellung 
mit  Motiven  eines  der  Briamerzählung  nahe  verwandten 
Märchens.  Unter  diesen  Umständen  fehlt  nun  offenbar  jede 
Nötigung,  überhaupt  noch  auf  Saxo  und  jenes  Märchen  zu 
rekurrieren.  Denn  alles,  was  der  Saga  mit  den  beiden 
Darstellungen  gemein  ist,  kann  ja  auch  in  jener  ausführlich 
gehaltenen  Quelle  vorhanden  gewesen  sein.  Somit  stellt 
die  Ambalessaga  aller  Wahrscheinlichkeit  nach 
eine  von  Saxo  und  dem  Briammärchen  unabhän- 
gige Version  der  Hamletsage  dar;  das  letztere  be- 
ruht entweder  direkt  auf  der  Ambalessaga,  oder  aber  — 
und  das  halte  ich  für  wahrscheinlicher  —  es  ist,  wie  die 
Erzählung  Saxos,  mit  ihr  aus  der  gleichen  Wurzel  ent- 
sprossen. Wir  werden  im  nächsten  Kapitel  sehen,  dafs 
auch  der  Vergleich  mit  der  persischen  Version  für  die  Un- 
abhängigkeit der  Saga  von  Saxo  spricht. 

Zum  Schlufs  noch  ein  Wort  über  den  Namen,  den 
unsere  Sage,  neben  dem  Amlodis,  dem  Helden  beilegt:  Am- 
bales. Olrik ^)  meint,  er  erinnere  an  Saxos  Amletus  oder 
an  den  Amhlet  eines  Auszuges  aus  Saxo  und  stelle  gewils 
nur  einen  Versuch  dar,  dem  Namen  einen  volleren,  für 
einen  Eitterroman  passenden  Klang  zu  geben.  Aber 
von  Ambletus  zu  Ambales  ist  doch  noch  ein  weiter  Weg, 
der  sich  sprachlich  schwer  überbrücken  läfst,  und  inwiefern 
Ambales  einen  „ritterlicheren"  Klang  gehabt  haben  sollte 
als  Ambletus^  vermag  ich  nicht  recht  einzusehen.  Ich  ver- 
mute andere  Herkunft  des  Namens.    Unzweifelhaft  besteht 

1    Ark.f.  Nord.  Fil.  XV,  369. 


—     191     — 

zwischen  dem  Namen  Amhales  und  dem  Namen  der  Mutter 
in  der  Saga :  Amha,  ein  Zusammenhang.  Der  Saga  zufolge 
wäre  Arabales  nach  seiner  Mutter  genannt  worden:  Amha: 
Amhales,  Natüi'lich  verhält  die  Sache  sich  aber  umgekehrt: 
zu  dem  Namen  Amhales  bildete  man  den  der  Mutter,  Amha. 
Nun  ist  die  irische  Form  von  Anlaf,  dessen  Schicksale 
nach  dem  Obigen  teilweise  der  Hamletsage  zu  Grunde 
liegen,  wie  wir  sahen,  Amlaibh;  andererseits  haben  wir 
die  Proportion  Hera:  Her  alles  oder  Hercules:  die  antike 
Sage  leitet  den  Namen  des  Helden  ab  von  dem  seiner 
Stiefinutter  und  erbitterten  Feindin,  der  Hera,  „der  durch 
die  Hera  berühmt  gewordene".  In  Anbetracht  dieser  Tat- 
sachen möchte  ich  die  Vermutung  wagen,  es  sei  Ambales 
zurückzuführen  direkt  auf  das  irische  Amlaihh,  und  dieses 
sei  durch  Metathese  vermöge  Angleichung  an  Hercules  um- 
gebildet worden  zu  Amhal — Amiales,  dazu  dann  wieder  ana- 
log Hercules — Hera:  Ambales — Amba.  Es  würde  dann 
also  in  Ambales  direkt  der  Name  Anlaf  Cuarans  sich  er- 
halten haben,  an  dessen  Namen  die  Sage,  wie  oben  gezeigt, 
vermutlich  ui'sprünglich  geknüpft  war,  während  in  dem 
zweiten  Namen  des  Helden,  Amloäi — Amhlaiäe,  schon  die 
Verwechselung  Amlaibhs  mit  Amhlaiäe  und  die  Übertragung 
der  Sage  von  jenem  auf  diesen  zu  Tage  tritt.  Die  Be- 
zeichnung des  Helden  mit  beiden  Namen  würde  sich  er- 
klären dadurch,  dafs  die  Tradition  ihn  teils  Ambales  —  Am- 
laibh, teils  Amloäi  —  Amhlaiäe  nannte,  was  ein  Bearbeiter 
dahin  deutete,  er  habe  ursprünglich  Ambales  geheifsen  und 
sei  später  Amloäi  genannt  worden.  Doch  möchte  ich  den 
Gedanken  einer  Entwickelung  Amlaibh  —  Ambales  nur  mit 
aller  Vorsicht  geäufsert  haben.  Dafs  hingegen  Ambales, 
mag  es  nun  zurückgehen  auf  Amlaibh  oder  Ambletus,  seine 
abweichende  Form  verdankt  der  Gleichung:  Hera:  Herakles 
oder  Hercules  =  Amba:  Ambales,  das  möchte  ich  direkt  als 
wahrscheinlich  bezeichnen. 


—     192     — 

Soviel  über  die  Ambalessaga ,  in  der  ich  also  im 
Gegensatz  zu  Gollancz,  Olrik  und  Jiriczek  eine 
von  Saxo  vollkommen  unabhängige  Version  der 
Hamletsage  erblicke. 

Bevor  ich  nun  dazu  übergehe,  die  persische  Version 
unserer  Sage,  auf  die  Jiriczek  zuerst  hingewiesen,  näher 
ins  Auge  zu  fassen,  empfiehlt  es  sich,  einem  wichtigen,  der 
Brutussage  und  Saxo  gemeinsamen  Motiv,  dem  „Goldstab- 
motiv", wie  ich  es  der  Kürze  halber  nennen  will,  eine  ge- 
sonderte Besprechung  zuteil  werden  zu  lassen. 


Livius  I,  56  berichtet,  Brutus  habe  dem  delphischen 
Apollo  einen  ausgehöhlten,  mit  Gold  gefüllten  Stab  aus 
Cornelkirschbaumhol z  geweiht,  als  ein  Symbol  seines  ver- 
hüllten Geistes: 

Is  tum  ah  Tarquiniis  ductus  Delphos,  ludihrium  verius 
quam  comes,  aureum  baculum  inelusum  corneo  cavato  ad  id 
haculo  tulisse  donum  ApoUini  dicitur,  per  amhages  effigiem 
ingenii  sui. 

Die  gleiche  Tatsache  berichten: 

Dionys  v.  Halik.  (f  um  8  v.  Chr.)  IV,  68:  'Üg  de  Jiao- 
eyevYi^Yjoav  [^'ÄQQOvg  xal  Tlrog]  em  rb  fjLavreiov  oi  veavioxoi 
xal  Tovg  XQrjOfxovg  elaßov  vtieq  cov  eji€ju(pithjoav ,  ävad^}]juaoi 
dcogrjodjuevoi  rbv  d^ebv  xal  rov  Bqovtov  noXXa  xarayeMoavieg, 
OTi  ßaxTTjQiav  ^vXivYjv  ävE'&rjxe  reo  'AjtoXXcovi.  6  de  öiaraijoag 
avri]v  öXrjv  mojteg  avXbv  XQ^^W  Q^ßbov  eve'&i^xev  ovöevbg 
ejtiörajuevov. 

Cassius  Dio  (geb.  155  n.  Chr.),  Eist  rom.  Bd.  II,  fr.  10, 
ed.  Boissevain  I,  S.  31,  wo  aber  nur  ein  Fragment  der  in 
Betracht  kommenden  Stelle  erhalten  ist: 


—     193     — 

T(o  xe  Tixcp  xai  'Aogovvrt  djg  xi  ädvQjLia  ovjLuiejuqy&eig 
fiaxxrjoiav  xivd  dvdthjjua  im  ^eco  (pegeiv  fXeyev,  /irjöev  juiya 
OK  ye  idtTv  e/ovoav. 

Das  weitere  fehlt,  dafür  bietet  Ersatz  Zonaras,  der 
unmittelbar  aus  Dio  schöpft: 

Joannes  Zonaras,  Ann.  VIL  11,  ed.  Pinder  II,  S.  40: 

'O  de  xai  ävd^/ua  cpegeiv  eleye  xw  ^e/o'  x6  ö'r/v  ßdxxgov 
Ti  fujöev  ix  xov  (pmvoftevoi^  e^ov  /Qtjoxöv,  oi^ev  xai  inl  xovxco 
ihfpXioxave  yeXcoxa.  xb  b^^v  olov  etxcbv  xig  xrjg  xax  avxov 
noooTxoirjoecog.  xoudvag  ydg  avxo  Xdd^qa  ^(^qvgiov  h'EyiEfv 
n'öeixvvjLievog  di'  avxov  cbg  xai  xö  (pQovrjfia  avxo)  xw  xfjg 
iKogiag  dxijucp  acbov  xai  evxifiov  xaxaxQVTtxerai. 

Valerius  Maximus  (schrieb  28—32  n.  Chr.),  VII,  c.  2: 

Profectus  (sc,  Brutus)  etiam  Delphos  cum  Tarquinii 
filiiSy  quos  is  ad  Apollinem  Pythium  muneribus  et  sacrificiis 
Ifonorandum  miserat,  aurum  deo  nomine  doni  dam  cauato 
haculo  inclusum  tulity  quia  timebat  ne  sibi  caeleste  numen 
aperta  liberal/täte  uenerari  tutum  non  esset. 

Nun  findet  sich  eben  dieses  Motiv  in  eigenartig  um- 
gebildeter Fassung  bekanntlich  auch  bei  Saxo:  Der  König 
von  Britannien  läfst  auf  den  von  Amleth  selbst  geschrie- 
benen, d.  h.  umgeschriebenen  Brief  hin  die  Überbringer, 
die  beiden  Trabanten  Fengos,  aufhängen:  „Amlethus  nahm 
diese  Gefälligkeit  mit  scheinbarem  Unwillen  als  ein  Un- 
recht auf  und  erhielt  vom  Könige  unter  der  Bezeichnung 
eines  Sühnegeldes  Gold,  welches  er  nachher  heimlich  im 
Feuer  schmelzen  und  in  ausgehöhlte  Stöcke  giefsen  liefs." 
Als  Amleth  in  die  Heimat  zurückkehrt,  nimmt  er  von  all 
seinen  Schätzen  nichts  mit  sich  aufser  diesen  mit  Gold 
gefüllten  Stöcken.  Er  findet  den  König  und  die  Seinen 
bei  dem  für  ihn  selbst  veranstalteten  Leichenschmaufs:  „Als 
man  ihn  nach  seinen  Begleitern  fragte,  wies  er  auf  seine 
Stöcke,  die  er  trug  und  sagte:  Das  ist  der  eine,  und  das 
der  andere.  —  Ob  er  dies  mehr  im  Ernst  oder  im  Scherze 

Zenker,  Boeve-Amlethas.  13 


—     194     — 

gesprochen,  weifs  man  nicht.  Denn  wenngleich  dieses 
Wort  von  den  meisten  für  unsinnig  gehalten  wurde,  wich 
es  doch  nicht  von  der  Wahrheit  ab,  da  es  ja  auf  den 
Preis  hindeutete,  den  er  für  die  Getöteten  als  Wergeid 
empfangen."  ^) 

Während  also  in  der  römischen  Sage  der  Stock  Brutus 
selbst  bedeutet,  bedeuten  hier  die  beiden  Stöcke  vielmehr 
Hamlets  getötete  Begleiter. 

Die  übrigen  Versionen  der  Hamletsage  scheinen  das 
Motiv  nicht  zu  enthalten.  Aber  ich  glaube,  es  scheint  nur 
so.  Ich  vermute  nämlich,  dafs  zunächst  in  der  Hrolfs- 
saga  Kraka  einen  Keflex  von  Brutus'  Goldstab  darstellt 
jener  Goldring,  durch  den  die  vom  Könige  be- 
fragte Zauberin  bestochen  wird.  Die  Hrolfssaga  be- 
richtet, König  Frotho  (=  Fengo  bei  Saxo)  habe  der  Völva 
(d.  i.  Zauberin,  Seherin)  Heid  befohlen,  ihm  mitzuteilen, 
was  sie  über  die  Knaben  Helgi  und  Hroar  wisse.  „Sie 
spricht  zwei  Strophen,  wo  sie  andeutet,  dafs  die  Knaben 
sich  im  Saale  befinden,  und  dafs  sie  auf  der  Vifilsey  mit 
den  Hundenamen  Hopp  und  Ho  genannt  worden  seien. 
Da  wirft  Signy  (die  Schwester  der  Brüder)  der  Völva 
einen  Goldring  in  den  Schofs.  Diese  versteht  die  Absicht 
und  erklärt,  was  sie  soeben  gesagt  habe,  sei  eine  Lüge. 
Der  König  droht  ihr  aber  mit  Martern,  wenn  sie  nicht  die 
Wahrheit  sagen  wolle.  Da  erklärt  sie  ganz  bestimmt  in 
einer  weiteren  Strophe,  dafs  Helgi  und  Hroar  in  der  Halle 
seien,  und  dafs  sie  beide  Frodi  töten  werden"  (Analyse  bei 
Detter  S.  9). 

Ziemlich  genau  Entsprechendes  erzählt  die  andere  Ver- 
sion dieser  Sage,  die  Saxo  selbst  B.  VII  überliefert: 

Frotho,  heifst  es,  habe  mit  Hilfe  einer  zauberkundigen 
Frau  den  Ort  des  Versteckes  der  beiden  Knaben  erforschen 


^)  Jantzen,  S.  152  f. 


—     195     — 

wollen:  „j^ie  Macht  ihrer  Sprüche  war  so  grofs,  dafs  sie 
oltenbar  die  Fähigkeit  besafs,  jede  beliebige  Sache,  unter 
so  festem  Verschlusse  sie  auch  ruhen  mochte,  ganz  allein 
zu  erblicken  und  in  Greifvveite  zu  bringen.  Sie  gab  an, 
ein  gewisser  Regno  habe  heimlich  die  Pflicht  der  Erziehung 
jener  Kinder  übernommen  und,  um  sie  zu  verbergen,  ihnen 
Hundenamen  beigelegt.  Als  diese  nun  sahen,  dafs  sie  durch 
die  ungewöhnliche  Kraft  des  Zaubers  aus  ihrem  Schlupf- 
winkel entführt  und  vor  die  Augen  der  Zauberin  gebracht 
wurden,  warfen  sie  ihr,  um  nicht  durch  einen  so  schauer- 
lichen Zwang  verraten  zu  werden,  eine  Menge  Gold, 
welches  sie  von  ihren  Beschützern  bekommen  hatten,  in 
den  Schofs.  Sowie  jene  die  Gabe  empfing,  liefs  sie  sich, 
indem  sie  einen  plötzlichen  Krankheitsfall  erheuchelte,  wie 
leblos  auf  den  Boden  sinken.  Auf  die  Frage  ihrer  Diene- 
rinnen nach  dem  Grunde  ihres  so  unvermuteten  Falles  er-^ 
klärte  sie,  die  Flucht  der  Söhne  des  Haraldus  sei  uner- 
forschbar, und  deren  ausnehmende  Kraft  schränke  sogar 
die  Macht  ihrer  gewaltigsten  Zaubersprüche  ein.  So  be- 
gnügte sie  sich  mit  einer  kleinen  Belohnung  und  gewann 
es  nicht  über  sich,  den  König  um  ein  gröfseres  Geschenk 
zu  bitten."^) 

In  dieser  Zauberin,  an  dieFrodi  (  =  Tarquinius 
in  der  römischen  Sage)  sich  wendet,  vermute  ich 
einen  Reflex  der  Pythia.  In  der  römischen  Sage 
wendet  sich  Tarquinius  an  das  delphische  Orakel,  weil  er 
sich  in  Sorge  befindet  wegen  der  Zukunft:  er  ist  bei  einem 
Gelage  erschreckt  worden  durch  das  prodigium  einer  riesigen 
Schlange,    die    aus    einer    hölzernen    Säule    hervorkam-). 


1)  Jantzen,  S.  340  f. 

*)  Einen  anderen  Grund  gibt  nur  Dion.  Hai.  an.  Nach  ihm  hätte 
Tarquinius  dtis  Orakel  befragt  wegen  einer  damals  ausgebrochenen 
Seuche,  welche  vielen  Knaben  und  Mädchen  das  Leben  kostete,  be- 

13* 


—     19(5     — 

Frodi  befragt  die  Zauberin,  weil  er  in  Sorge  s«hwebt  vor 
den  beiden  Knaben:  er  möchte  ihren  Aufenthalt  erkunden. 

Nach  der  römischen  Sage  reicht  Brutus  in  Delphi  dem 
Apollo  einen  mit  Gold  gefüllten  Stab,  —  natürlich,  um  den 
Gott  sich  günstig  zu  stimmen.  Wir  hören  dann  von  zAvei 
Sprüchen,  die  das  Orakel,  d.  i.  die  Pythia,  dem  Brutus 
und  seinen  beiden  Begleitern  erteilt:  Tarquinius  werde 
den  Thron  verlieren,  wenn  ein  Hund  mit  menschlicher 
Stimme  reden  werde  (Zonaras  =  Cassius  Dio);  sodann:  der 
werde  einst  in  Eom  herrschen,  der  zuerst  seine  Mutter 
küssen  werde  (Livius,  Dion.-Halic,  Zonaras,  Val.  Maximus). 
Der  erstere  Spruch  enthält  also  eine  an  die  Adresse  des 
Königs  gerichtete  Warnung  vor  Brutus,  der  als  „Hund" 
bezeichnet  wird;  der  zweite  prophezeit  Brutus  seine  künftige 
Gröfse,  das  Cousulat;  denn  Brutus  ist  es,  der  den  Spruch 
auf  sich  lenkt,  indem  er  niederfällt  und  die  Erde  küfst, 
„die  gemeinsame  Mutter  aller".  Ich  glaube  danach,  in 
der  römischen  und  in  der  nordischen  Sage  folgende  ge- 
meinsame Grundzüge  zu  erkennen: 

Ein  tyrannischer  König,  der  Unheil  befürchtet,  befragt 
eine  mächtige,  berühmte  Seherin  (die  Pythia —  die  Völva 
Heid);  die  Seherin  warnt  ihn  vor  einem  „Hunde",  bezw. 
vor  jemandem,  der  augenblicklich  als  Hund  behandelt 
wird.  Der  durch  diesen  Spruch  Bedrohte  spendet  (bezw. 
die  Bedrohten  spenden)  der  Seherin  Gold  (in  Form  eines 
Stockes,  eines  Kinges),  um  sie  sich  günstig  zu  stimmen. 
Die  Seherin  erweist  sich  dem  Spender  dankbar  (indem  sie 
dem  Spender  seine  künftige  Gröfse  prophezeit  —  ihren 
Spruch  für  falsch  erklärt  —  dem  König  weitere  Auskunft 
verweigert). 

Es  sei  noch  darauf  hingewiesen,  dafs  das  Verhalten 


sonders  aber  viele  Frauen  mitsamt  ihren  Kindern  bei  der  Geburt  da- 
hinraffte. 


—    197    — 

der  Völva,  die  „wie  leblos  auf  den  Boden  sinkt",  an  die 
ekstatischen  Verzückungen  der  delphischen  Pythia  erinnert, 
speziell  an  einen  Vorgang,  den  Plutarch  überliefert. 
„Dafs  aber  die  Ekstase  der  Pythia,  bemerkt  Schoemann^), 
ein  höchst  angreifender  und  mitunter  auch  lebensgefährlicher 
Zustand  gewesen  sei,  läfst  sich  namentlich  aus  einem  von 
Plutarch  berichteten  Beispiel  schliefsen.  Nachdem  die 
Pythia  schon  durch  den  auffallend  rauhen  Ton  ihrer  Stimme 
eine  über  das  gewöhnliche  Mals  hinausgehende  Aufregung 
verraten,  stürzte  sie  endlich  mit  heftigem  Geschrei  vom 
Tripus  herunter  zum  Ausgange  des  Gemaches,  sodafs  nicht 
blofs  die  in  der  Nähe  befindlichen  Befragenden,  sondern 
auch  der  Prophet  und  die  Anwesenden  schier  erschreckt 
davon  flohen.  Als  sie  aber  nach  einiger  Zeit  sich  ermannten 
und  zu  der  Pythia  hinübergingen,  fanden  sie  sie  gänz- 
lich der  Sinne  beraubt  und  nach  wenigen  Tagen  gab 
sie  den  Geist  auf." 

Ist  nun  diese  meine  Auffassung,  wonach  die  Völva- 
Episode  der  nordischen  Sage  eine  durch  längere  mündliche 
Überlieferung  herbeigeführte  Umbildung  derOrakel-(Pythia-) 
Episode  der  römischen  Sage  darstellt,  in  der  Tat  zu- 
treffend, dann  steht  offenbar  die  Version  der  Hrolfssaga  in 
mehi-facher  Beziehung  der  römischen  Sage  näher  als  die 
entsprechende  Episode  bei  Saxo;  Motive  der  Hrolfssaga, 
die  bei  Saxo  fehlen,  sind:  Befragung  eines  Orakels  durch 
den  König;  die  Seherin;  zwei  Orakelsprüche,  die  in  beiden 
Sagen  gewisse  geraeinsame  Züge  und  Elemente  aufweisen; 
Goldspende  des  Helden,  oder  der  beiden  Helden,  an  die 
Seherin.  Daraus  folgt  dann,  dafs  in  diesen  Punkten  die 
Version  der  Hrolfskrakasage  älter  sein  mufs  als  die  Saxos, 
und  dafs  die  veränderte  Darstellung  bei  Saxo,  wonach  der 


*)  Griech.  Altertümer,  4,  Aufl.,  neu  bearb.  von  Lipsius,  11,  Berlin 
1902,  S.  323. 


—     198     — 

Stab  nicht  dem  Orakel  gereicht  wird,  sondern  das  Sühnegeld 
für  diebeiden  Trabanten  enthält,  Inder  gemeinsamen  Quelle  der 
nordischen  Versionen  noch  nicht  vorhanden  gewesen  sein  kann. 

Aber  vielleicht  ist  die  Hrolf-Harald-Haldansage  nicht 
die  einzige  Version  der  Hamletsage,  die  aufser  Saxo  das 
Motiv  bewahrt  hat.  Vielleicht  ist  es,  freilich  in  stark  re- 
duzierter Form,  auch  in  der  Ambalessage  noch  zu  erkennen. 
Ich  möchte  nämlich  die  Frage  aufwerfen,  ob  nicht  vielleicht 
in  dem  prächtigen  Scepter,  das  Amlodi  vor  seiner  Abreise 
nach  Britannien  dem  Faustinus  übergibt,  ein  letzter  un- 
deutlicher Reflex  jenes  Goldstabes  des  Brutus  zu  erblicken 
sein  sollte: 

Der  König,  durch  einen  bösen  Traum  geschreckt, 
schwebt  in  Angst  vor  Amlodi.  Gamaliel  rät  ihm,  den 
Jüngling  zu  seinem  —  des  Faustinus  —  Bruder  Malpriant 
zu  senden  und  beobachten  zu  lassen;  benehme  er  sich  dort 
ebenso  närrisch,  so  solle  er  am  Leben  bleiben,  zeige  er 
gesunden  Verstand,  so  möge  er  getötet  w^erden.  Der 
König  ist  damit  einverstanden  und  beauftragt  Amlodi,  sich 
zu  der  Reise  zu  rüsten.  Eines  Morgens  nun,  lieifst  es. 
habe  der  König  schon  in  früher  Morgenstunde  sein  Zimmer 
verlassen;  als  er  dann  in  dasselbe  zurückgekehrt  sei,  „er- 
blickte er  drei  Männer,  umgeben  von  grofsem  Glänze,  mehr 
Engeln  denn  Menschen  gleichend,  aber  einer  von  ihnen 
überstrahlte  bei  weitem  die  andern,  sodafs  der  König  nicht 
wagte,  ihn  anzusehen:  aber  der  gröfste  unter  den  dreien 
rief  ihn  an  und  forderte  ihn  auf,  näherzutreten,  und  der 
König  legte  seine  Krone  ab  und  warf  sich  auf  die  Erde, 
aber  der  grofse  hob  ihn  auf,  nahm  ihn  bei  den  Händen 
und  küfste  ihn";  er  erklärt  ihm  dann,  er  wolle  sein  König- 
tum stärken  mit  dauerndem  Frieden  und  sein  Leben  solle 
lang  und  glücklich  sein;  der  Narr,  der  bei  ihm  wohne, 
solle  ihm  kein  Leides  tun,  er  solle  ihn  an  seinen  Bruder 
Tamerlaus    schicken ,    der    kürzlich    im    Kriege    mit    den 


—     109     — 

Sarazenen  viel  Leute  verloren  habe.  Zur  Bekräftigung 
seiner  Worte  überreicht  er  dem  König  ein  präch- 
tiges Scepter.  Dann  verschwinden  die  drei  glänzenden 
Männer,  und  der  König  „stand  allein  da,  unbedeckten 
Hauptes,  mit  emporgehobenen  Händen  und  weinte  lauge 
Zeit.  Seine  Pagen  brachten  ihm  seine  Krone  wieder  und 
freudig  bewegt  begab  er  sich  in  die  Halle,  bestieg  den 
Thron  und  erzählte  seinen  Leuten  die  Vision,  die  er  ge- 
habt; er  sagte,  er  habe  seinen  Gott  getroffen,  und  zeigte 
ihnen  das  Zeichen,  mit  denen  er  sein  Wort  bekräftigt 
hatte;  es  war  ein  prachtvolles  Scepter."  Er  ordnet  nun 
an,  dafs  Amlodi  nicht  zu  Malpriant,  sondern  zu  Tamerlaus 
reisen  soll. 

Jiriczek,  Amlethsage  auf  Island  S.  101,  Anra.  1  ist  mit 
seinem  Urteil  über  diese  Scene,  wie  ich  glaube,  allzu 
rasch  bei  der  Hand:  „Dafs  Amlodi*',  sagt  er,  „in  der  As. 
selbst  der  Anstifter  des  Planes,  ihn  zu  Tamerlaus  zu  ent- 
senden, ist,  fällt  natürlich  samt  der  plumpen  Zauberin- 
trigue,  die  das  plausibel  machen  soll,  von  vornherein  unter 
die  willkürlichen  Erfindungen  des  Sagenverfassers."  Dafs 
das  ersterwähnte  Motiv,  wonach  Amlodi  selbst  seine  p]nt- 
sendung  an  Tamerlaus  veranlafst,  auf  Eechnung  des  Sagen- 
schreibers oder  doch  eines  jüngeren  Bearbeiters  zu  setzen 
ist,  glaube  ich  auch.  Man  sieht  absolut  nicht  ein,  was 
mit  diesem  Zuge  bezweckt  wird;  die  Reise  Amlodis  ist  ja 
bereits  beschlossene  Sache,  alle  Anstalten  dazu  sind  be- 
reits getroffen,  und  wenn  die  Absicht  allein  die  ist,  den 
König  zu  veranlassen,  Amlodi,  statt  an  Malpriant,  an  Tamer- 
laus zu  senden,  so  ist  nicht  zu  verstehen,  warum  der  Er- 
zähler nicht  gleich  Gamaliel  die  Sendung  an  Tamerlaus 
statt  derer  an  Malpriant  hat  anraten  lassen.  Ob  aber 
darum,  wie  Jiriczek  meint,  die  ganze  Episode  in  Bausch 
und  Bogen  als  eine  späte  willkürliche  Erfindung  betrachtet 
werden  darf,  das  ist  eine   andere  Frage.    Eben  weil  sie 


—     200     — 

iu  der  vorliegenden  Fassung  so  absolut  zwecklos  ist,  be- 
greift man  schwer,  wie  der  Sagaschreiber  dazu  gekommen 
sein  sollte,  sie  zu  erfinden.  Viel  wahrscheinlicher  dünkt 
es  mich,  dafs  sie,  wie  die  verschiedeneu  auf  die  Herakles- 
sage zurückgehenden  Episoden,  arg  entstellte  Überlieferung 
bietet  und  ursprünglich  eine  andere  Fassung,  eine  andere 
Bedeutung  hatte;  sie  könnte  ja  an  verkehrte  Stelle  ge- 
raten sein,  wie  dies  bei  mündlicher  Tradition  mit  einzelnen 
Episoden  bekanntlich  oft  geschieht. 

Amlodi  übergibt  dem  König  zur  Bekräftigung  seines 
Befehles  ein  prächtiges  Scepter;  das  Scepter  ist  der  Stab 
des  Herrschers,  und  ein  prächtiges  Scepter  kann  nur  ge- 
dacht werden  als  ein  goldenes  oder  doch  als  ein  ver- 
goldetes Scepter.  Hier  hätten  wir  also  einen  goldenen 
Stab  wie  in  der  römischen  Version  und  wie  bei  Saxo, 
und  ich  vermute  denn  in  der  Tat,  dafs  in  diesem  Scepter 
der  direkte  Abkömmling  des  mit  Gold  gefüllten  Stabes 
des  Brutus  zu  erblicken  ist.  Wie,  wenn  in  der  zu  Grunde 
liegenden  Version  die  Übergabe  des  Scepters  nicht  vor, 
sondern  nach  der  Eeise  erfolgt  wäre?  Wenn  die  be- 
treffende Scene  versehentlich  transponiert  und  infolgedessen 
abgeändert  worden  wäre?  Wir  hätten  dann  als  einen  der 
Ambalessaga  und  Saxo  gemeinsamen  Zug:  Hamlet  über- 
gibt nach  der  Eückkehr  von  seiner  Reise  dem  Könige 
einen  goldenen  Stab,  oder  zwei  goldene  Stäbe.  Dafs 
Hamlet  die  beiden  Stäbe  dem  Könige  überreicht  habe, 
wird  allerdings  bei  Saxo  nicht  ausdrücklich  erwähnt,  es 
heifst  nur,  er  habe  sie  vorgezeigt;  aber  die  Meinung  mufs 
natürlich  sein,  dafs  er  sie  überreicht  habe,  da  ja  die 
Stäbe  das  Sühnegeld  enthalten  für  die  beiden  getöteten 
königlichen  Trabanten  und  dieses  doch  nicht  Hamlet,  son- 
dern dem  Könige  selbst  zukam.  Nun  sahen  wir  oben, 
dafs  die  Version,  wonach  Hamlet  den  Goldstab  nicht,  wie 
Brutus,  einer  Seherin  reicht,   sondern  ihn  von   der  Reise 


—     201     — 

mit  zurückbringt,  in  der  gemeinsamen  Quelle  der  nordischen 
Sage  vermutlich  noch  nicht  vorhanden  war,  da  in  der 
Hrolfssaga  Kraka  noch  das  römische  Motiv  sich  erhalten 
hat,  nur  dafs  hier  an  die  Stelle  des  Goldstab  es  ein  Gold- 
ring getreten  ist.  Die  Abänderung  des  römischen  Motives 
muls  also  jünger  sein;  sie  ist  aber  eine  sehr  auffällige, 
denn  man  begreift  schwer,  wie  aus  der  römischen  Version, 
in  der  der  Goldstab  Brutus  selbst  bedeutet  und  dem  del- 
phischen Orakel  gereicht  wird,  die  von  ihr  so  ganz  ver- 
schiedene Saxos  werden  konnte,  wo  die  Goldstäbe  viel- 
mehr die  Begleiter  Hamlets  darstellen  und  dem  König 
übergeben  werden;  man  sieht  nicht  ein,  wodurch  die  Ura- 
deutung   des  alten  Motives  bewirkt  worden  sein  könnte. 

Ich  vermute  nun,  dafs  die  Darstellung  Saxos  und 
eventuell  also  auch  die  der  Ambalessage  beruht  auf  einer 
späteren  Kreuzung  der  alten  Sage  mit  der  literarischen 
Brutussage,  und  dafs  sie  die  Folge  von  einem  höchst  selt- 
samen, aber  doch  durchaus  begreiflichen  Mifsverständnis 
der  auf  den  Goldstab  bezüglichen  Liviusstelle  ist. 

Livius  berichtet  I,  56:  ..Is  tum  ah  Tarqulniis  ductus 
DelphoSf  ludihrium  verius  quam  comes,  aureum  haculum, 
mclusum  corneo  cavato  ad  id  haculo,  tulisse  donum 
Ai)ollini  dicitur,  per  amhages  effigiem  ingenii  sui."'  Nun 
begegnet  amhages,  das  hier  heifst:  „in  symbolischer  An- 
deutung", im  Mittellatein  auch  in  der  Bedeutung:  „Dienst- 
mann, Gesandter",  s.  Ducange,  Glossarium  med.  et  inf. 
latin.  s.  V.,  wo  citiert  wird  als  einziges  Beispiel  eine  Stelle 
aus  Thwroczius  in  Maria  Regina  Hungar.  cap.  4:  Et 
amhages  ut  suasionibus  regem  femineum  erga  populum 
spretum  redderent,  cu7ictas  regni  ad  partes  mittif^),  und 
amhages    übersetzt  wird    mit    „suhmissas  i^^^^onas".     Die 


*)  Scriptores  rer.  Hungar.  ed.  Schwandtner  I,  Wien  1766,  S.  257  f. 
Thurocz  schrieb  um  1490. 


—     202     — 

Stelle  findet  sich  dann  wiederholt  bei  A.  Bartal,  Glossa- 
rium med.  et  in  f.  lat.  regni  Hungariae,  Leipzig  1901,  s.v., 
wo  erkl  ärt  wird :  submissae,  fideles  x>^rsonae  quibus  callida 
plenaque  ambagibus  consilia  committi  possimt.  Die  hiei 
gegebene  etymologische  Deutung  ist  nun  natürlich  unzu- 
treffend; ambages  ist  ander  citierten  Stelle  vielmehr  offen- 
bar die  lateinische  Wiedergabe  eines  im  Lateinischen, 
Keltischen,  Gothischen,  Althochdeutschen,  Altenglischen, 
Provenzalischen  und  Altfranzösischen  nachweisbaren  Wortes, 
w^elches  „Gesandter"  bedeutet  und  schon  von  Festus  als 
gallisch  bezeichnet  wird:  gall.  und  lat.  ambactus  (Ennius), 
nach  dem  Gloss.  Labb.  doTdog,  ^uio&omk,  got.  andbahts, 
Diener,  prov.  abah,  Gerichtsbeamter^  afr.  ampas,  Beamter; 
als  Grundbedeutung  nimmt  Thurneysen,  Keltoromanisches 
S.  30  an  entweder  „Diener"  oder  (wahrscheinlicher)  „Bote". 
Das  Wort  ist  nach  ihm  partizipiale  Bildung  zu  einem 
keltischen,  aus  der  gallischen  Präposition  ambi  +  dem 
Verbum  ag  -  {=  lat.  age^^e)  zusammengesetzten  Verbum; 
vgl.  auch  G.  Körting,  Latein.-rommi.  Wörterb.-  s.  v.  ambactus. 
Ich  möchte  nun  die  Vermutung  wagen,  der  Verfasser  der 
Quelle,  auf  welche  die  Darstellung  Saxos  sowohl  als  der 
Ambalessaga  zurückgeht,  habe  bei  Livius  ambages  im 
Sinne  von  „Dienstmann"  oder  „Gesandter"  gefafst,  indem 
ihm  das  im  Lateinischen  seltene  Wort  nur  in  dieser  Be- 
deutung geläufig  war,  und  er  habe  verstanden:  „er  soll 
einen  goldenen  Stab  als  Geschenk  des  Apollin 
(Apollini  =  Gen.  yon  Äpollinus)  gebracht,  d.i.  von  der 
Reise  mit  zurückgebracht  haben,  als  ein  Bild  der 
Gesandten  (indem  ingenii  sui  unübersetzt  blieb),  oder: 
fi\Y{per=pro  gefafst^))  die  Gesandten,  als  ein  Bild- 
nis, d.  i.  Zeichen  seines  (tiefsinnigen)  Geistes  — in- 


^)  Per  könnte  mit  Sigle  geschrieben  geAvesen  und  direkt  in  pro 
aufgelöst  worden  sein. 


—     203     — 

dem  der  Übersetzer  die  Stelle  dahin  deutete,  die 
Gesandten,  die  beiden  Begleiter  des  Brutus,  seien 
getötet  worden  und  das  im  Stabe  enthaltene  Gold 
sei  das  Sühnegold  für  dieselben  gewesen,  eine 
Ideenassoziation,  welche  sich  dem  Nordländer,  dem  Gold 
als  Wergeid  für  Totschlag  ein  ganz  vertrauter  Begriff 
war,  unmittelbar  darbieten  mufste.  Die  Annahme  aber, 
dafs  donum  ÄpolliJÜ  gefafst  worden  sei  als  „Geschenk  des 
Apollin",  d.  i.  des  heidnischen  Gottes  Apollin,  gründe  ich 
auf  die  in  Rede  stehende  Episode  der  Ambalessaga,  die 
dadurch  ihre  Erklärung  finden  würde. 

Wie  wir  nämlich  sahen,  wird  in  dieser  Saga  Amlodi, 
wenn  er  durch  den  Mantel  Tostis  in  überirdischer  Schön- 
heit strahlt,  für  den  mohammedanischen  Gott  ge- 
halten; nachdem  der  König  das  Scepter  empfangen  hat, 
begibt  er  sich  in  die  Halle  und  sagt  seinen  Leuten:  „er 
habe  seinen  Gott  getroffen*'  (Gollancz  S.  123),  und  in  jener 
analogen  früheren  Episode,  wo  Amlodi  mit  Tosti  zum 
ersten  Male  in  seinem  Zaubermantel  erscheint  und  Tosti 
die  Sitze  verziert,  glauben  nach  dem  Verschwinden  beider 
alle,  „es  seiMacomet  gewesen'*,  und  es  werden  Dank- 
opfer veranstaltet  (s.  Jiriczek,  S.  85 ;  in  der  von  Gollancz 
abgedruckten  Hds.  findet  sich  der  Name  Macomet  nicht, 
es  heifst  S.  117  nui-,  die  Königsleute  hätten  erklärt,  „dies 
müsse  ihr  Gott  gewesen  sein").  Nun  verehrten  nach  mittel- 
alterlich-christlicher Anschauung  bekanntlich  die  Moham- 
medaner drei  Götter:  Mohammed,  Apollin  und  Ter- 
vagant;  „Dem  Mohammed  dient  er  und  Apoll  in  ruft  er 
an"^),  heifst  es  in  V.  8^  des  Rolandsliedes  von  Marsilies. 
Unter  diesen  Umständen  mufste  es  für  den  mittelalterlichen 
Leser,  dem  die  antike  Mythologie  fremd  war,  offenbar 
naheliegen,    ein   donum  Apollini   tulisse   dicitur  zu   übcr- 


^)  Mahummet  sert  e  Apollin  rcclaimet. 


—     204     — 

setzen,  „er  soll  ein  Geschenk  des  Apoll  inus 
gebracht  haben",  d.  h.  ein  Geschenk  des  mohammeda- 
nischen Gottes  Apollin;  für  Apollin  konnte  dann  leicht  der 
andere  Gott,  Mohammed,  Macomet,  eintreten,  für  den  Amlodi 
gehalten  wird,  und  ebenso  leicht  konnte  die  —  vermeint- 
liche —  Angabe,  Amlodi  habe  ein  Geschenk  des  Gottes 
überbracht,  dahin  gedeutet  werden,  er  habe  geradezu  die 
Rolle  eines  göttlichen  Sendboten  gespielt,  was  dann  wieder 
den  Anlafs  gab  zur  Erfindung  von  Tostis  Zaubermantel, 
vermöge  dessen  Amlodi  sich  mit  göttlichem  Glänze  um- 
kleidet. 

Ich  verweise  als  auf  Analoga  des  hier  angenommenen 
sonderbaren  Mifsverständnisses  auf  die  oft  höchst  seltsamen, 
geiadezu  komischen  Mifsverständnisse  lateinischer  oder  grie- 
chischer Texte,  aus  denen  gemäfs  den  Nachweisen  Sophus 
Bugges,  Studien  über  die  Entstehung  der  nordischen  Götter- 
und  Heldensagen,  deutsch  von  0.  Brenner,  München  1889, 
S.  20f.  bisweilen  diese  nordischen  Sagen  hervorgewachsen  sind. 
„Der  Darstellung  in  den  nordischen  Mythen-  und  Helden- 
sagen", bemerkt  Bugge,  „liegt  oft  ein  Mifs Verständnis  latei- 
nischer Ausdrücke,  und  zwar  selbst  der  einfachsten,  zu 
Grunde."  So  sind,  um  ein  Beispiel  anzuführen,  die  Worte 
des  vatikanischen  Mythographen  I,  68:  (Hercules)  alnwn 
conscendit  et  in  msulam  herithimiam  pervenit,  wo  alnus 
einen  „Kahn  aus  Erlenholz"  bedeutet,  von  dem  nordischen 
Sagendichter  der  Snorra-Edda  I,  286  übersetzt  worden: 
,j:>or  (=  Hercules)  kam  an  das  Land  und  ergriff  einen 
Vogelbeerbusch  und  stieg  so  aus  dem  Flufs",  indem  er 
alnum  conscendit  verstand:  er  itieg  (um  ans  Land  zu 
kommen)  hinauf  auf  eine  Erle  (die  gedacht  wurde  als 
über  den  Flufs  hereinhängend)! 

Durch  das  angenommene  Mifsverständnis  erklärt  sich 
nun  sowohl  die  Darstellung  Saxos  als  die  der  Ambalessaga, 
die  aus  ihm  erwachsene  Auffassung  mufs  also  in  der  ge- 


—     205     — 

ineinsamen  Quelle  der  beiden  Überlieferungen  schon  vor- 
lianden  gewesen  sein,  d.  li.  es  müssen  hier  die  Elemente, 
welche  beide  aufweisen,  vereinigt  existiert  haben;  von  den 
getrennten  Überlieferungen  hat  dann  die  eine  diese,  die 
andere  jene  Züge  getilgt. 

Aus  dem  Mifsverständnis  der  Liviusstelle  erwuchs 
eistens  die  Vorstellung,  der  Goldstab,  den  Brutus  von  der 
Reise  mitbrachte  —  so  verstand  der  Übersetzer  ja  —  habe 
entlialten  das  Wergeid  für  die  beiden  Gesandten,  denen 
er  als  Begleiter  mitgegeben  worden  war,  und  die  also  ge- 
tötet worden  sein  mufsten;  es  erwuchs  zweitens  daraus 
die  Idee,  Brutus  habe  den  Stab  nach  seiner  Rückkehr  dem 
Könige  als  ein  Geschenk  des  heidnischen  Gottes  Apollin 
überreicht  und  habe  sich  für  einen  Abgesandten  des 
Apollin  ausgegeben.  Aus  beiden  Motiven  setzte  sich  die 
Darstellung  der  Quelle  Saxos  und  der  Ambalessaga  zu- 
sammen. In  der  Sprofsform,  auf  die  die  Überlieferung 
Saxos  zurückgeht,  wurde  dann  das  zweite  Motiv  getilgt; 
Hamlet,  auf  den  die  Erzählung  von  Brutus  übertragen 
worden  war,  übergab  den  Stab  nun  nicht  als  ein  Geschenk 
des  Gottes,  sondern  einfach  als  das  ihm  eingehändigte 
AVergeld  für  die  Trabanten,  und  da  es  zwei  gewesen, 
wurden  aus  dem  einen  Stab  zweie  gemacht.  In  der  andern 
Sprofsform,  auf  der  die  Ambalessaga  fufst,  wurde  die 
Tötung  der  beiden  Trabanten  beseitigt,  vielleicht  aus  dem 
Grunde,  den  Jiriczek  vermutet:  um  Hamlet  in  humanerem 
Lichte  erscheinen  zu  lassen.  So  fiel  die  Bedeutung  des 
Stabes  als  Wergeid,  und  es  blieb  nur  der  Zug,  dafs  Hamlet 
den  Stab  überreichte  als  ein  angeblicher  Abgesandter 
des  heidnischen  Gottes.  Denn  nur  als  solcher  will  er 
sich  offenbar  geben,  wie  denn  auch  der  König  ihn  einmal 
nur  als  „Engel"  bezeichnet  (Gollancz  S.  123)^). 


*)  Es  ist  oben  gezeigt  worden,  dafs  die  Ambalessaga  eine  ganze 


—     206     — 

Voraussetzung  der  hier  vertretenen  Auffassung  der  in 
Rede  stehenden  Episode  der  Ambalessa^a  ist  nun  freilich, 
dal's  ursprünglich  die  Erscheinung  Amlodis  und  seiner  beiden 
Begleiter  und  die  Überreichung  des  Scepters  nicht  vor, 
sondern  nach  der  Eeise  zu  Tamerlaus  statthatte,  dafs  also 
die  Episode  infolge  undeutlicher  Erinnerung  transponiert 
und  infolge  dieser  Transposition  modifiziert  worden  ist. 
Aber  eine  solche  Annahme  hat  auch  durchaus  nichts  Un- 
wahrscheinliches. Dafs  die  Episode  in  der  vorliegenden 
Fassung  gänzlich  sinnlos  ist,  haben  wir  ja  oben  gesehen, 
und  in  wie  weitgehendem  Mafse  in  unserer  Saga  alte 
Sagenelemente  verzerrt  und  durcheinander  geworfen  sind, 
das  zeigen  ja  am  besten  diejenigen  Scenen,  die,  wie  nach- 


Reihe  Elemente  aus  der  antiken  Heraklessage  in  sich  aufgenommen 
hat.  In  Anbetracht  dieses  Umstandes  möchte  ich  wenigstens  darauf 
hinweisen,  dafs  die  griechische  Sage  auch  den  Herakles  einmal  die 
Rolle  eines  göttlichen  Sendboten  spielen  und  ihn  einen  Befehl  des 
höchsten  Gottes  überbringen  läfst,  dem  unverzüglich  Folge  gegeben 
wird.  Im  Philoktet  des  Sophokles  tritt  V.  1409  Herakles  auf,  wie 
Amlodi  in  göttlichem  Glänze  strahlend  (V.  1420:  dddraTor  doExi]v  saxov, 
(bg  jrdoeod'  ogäv,  sagt  Herakles)  und  befiehlt  ihm  im  Auftrage  des 
Zeus,  dem  Odysseus  und  Neoptolemos  nach  Troja  zu  folgen,  da  durch 
seine  Geschosse  Paris  getötet  und  Troja  erobert  werden  solle.  Phi- 
loktet, der  sich  bis  dahin  gesträubt  hat,  erklärt  ohne  Widerrede, 
gehorchen  zu  wollen.  In  der  Ambalessaga  erscheinen  dem  König  drei 
Männer:  Tosti,  dessen  Sohn  und  Amlodi,  der  das  Wort  führt;  auch 
bei  Sophokles  steht  Philoktet  drei  Männern  gegenüber:  dem  Odysseus 
und  Neoptolemos,  den  Abgesandten  der  Griechen,  und  dem  Herakles, 
dem  Abgesandten  des  Zeus,  der  in  der  Scene  allein  das  Wort  führt. 
Amlodi  verhelfst  dem  König  für  die  Zukunft  ein  glückliches  Leben; 
ebenso  Herakles  dem  Philoktet:  xal  ool,  odcp  ibßt,  rovr  öqeilFzai  Tia&eTr, 
'Ex  xMv  jTovwv  T(5*'<5'  Evxleä  lOeoßai  ßiov.  Die  Episode  könnte  be- 
reits in  der  epischen  Heraklessage,  in  welcher  wir  oben  die  Quelle 
der  in  der  Ambalessaga  vorhandenen  Züge  der  antiken  Sage  ver- 
muteten, vorhanden  gewesen  sein.  Ich  will  es  dahin  gestellt  sein 
lassen,  ob  sie  auf  die  in  Rede  stehende  Episode  der  Ambalessaga  von 
Einflufs  gewesen  ist. 


—     207     — 

uewiesen,  auf  Teile  der  Heraklessage  zurückgehen.  Trotz- 
dem aber  haben  sich  gerade  in  diesen  Scenen  eine  Eeihe 
uralter  Motive  erhalten.  Das  Gleiche  nehme  ich  also  für 
die  hier  in  Rede  stehende  Episode  an.  Die  ursprüngliche 
Sageuform  könnte  dann  folgende  gewesen  sein :  Amlodi  wird 
auf  den  Rat  Garaal iels  selbst  zu  Tamerlaus  geschickt. 
Zurückgekehrt  erscheint  er  am  Julfeste  dem  Könige  zu- 
nächst in  seinem  Zaubermantel  und  überreicht  ihm,  um 
ihn  in  Sicherheit  einzuwiegen,  als  ein  Geschenk  des 
Gottes  den  goldenen  Stab,  das  prächtige  Scepter.  Dann 
legt  er  den  Mantel  ab,  wird  wieder  Mensch,  nimmt  die 
alte  Maske  des  Blödsinns  vor  und  begibt  sich  in  die  Halle, 
wo  er  das  Werk  der  Rache  vollbringt. 

Durch  das  angenommene  Mifs Verständnis  erklärt  sich 
nun  offenbar  die  eigentümliche  Umbildung,  die  die  römische 
Sage  bei  Saxo  erfahren  hat,  in  der  ungezwungensten  Weise. 
Die  Tatsache,  dafs  der  den  Brutus  selbst  bedeutende  Gold- 
stab der  römischen  Sage  bei  Saxo  zu  einem  Symbol  seiner 
Begleiter  umgedeutet  ist,  wäre  ohnedem  höchst  auffällig, 
wurde  aber  tulit  haculwn  per  amhages  übersetzt:  „er 
brachte  den  Stab  an  Stelle  der  Boten",  so  begreift  sich 
das  veränderte  Motiv  ohne  weiteres. 

Ich  komme  nun  zu  der  persischen  Version  unserer  Sage. 


Die  Hainietsäge  und  Fii'dosis  Schaliiiame. 


In  seinem  interessanten  Aufsatz   „Hamlet  in  Iran^^^) 
hat  neuerdings  0.  L.  Jiriczek  den  überraschenden  Nachweis 


^)  Zeitschrift  des  Vereins  für  Volkskunde,  hgg.  von  K.  Weinhold 
10  (1900),  353—364.  Vgl.  dazu  das  kurze  Referat  von  Wilhelm  Dibelius, 


—     208     — 

geliefert,  dafs  die  Sage  von  Kei  Chosro,  dem  Sohn  Sija- 
wusclis,  und  dem  Taranschah  Afrasiab  in  Firdosis  iranischem 
Nationalepos  Schahname,  d.  i.  „Königsbuch",  eine  Version 
der  noidischen  Hamletsage  darstellt. 

Über  den  Dichter  und  sein  Werk  sei  folgendes  vor- 
ausgeschickt: 

Abul  Qäsim,  der  den  Dichternamen  Firdosi  oder  Fir- 
dausi  führte,  war  vielleicht  geboren  um  935.  Er  dichtete 
sein  grofses  Epos  Schahname  vornehmlich  um  995;  in  einer 
vorläufigen  Gestalt  war  es  abgeschlossen  999,  in  seiner 
definitiven  Fassung  1010.  Das  Gedicht  ist  in  der  Haupt- 
sache nur  eine  poetische  Bearbeitung  eines  älteren  prosa- 
ischen Schahname,  das  nach  glaubwürdiger  Überlieferung 
957 — 58  n.  Chr.  auf  Veranlassung  eines  höheren  Beamten 
von  vier  Männern,  unzweifelhaft  Zoroastriern,  auf  Grund 
von  Pahlavibüchern  zusammengestellt  wurde.  Im  wesent- 
lichen beruhte  das  prosaische  Werk  vermutlich  auf  dem 
Chodhäiname,  d.  i.  „Königs-  oder  Herrenbuch"  (khoclai', 
pahlavi  =  König),  oder  einem  ihm  nahestehenden  Buche. 
Es  war  dies  eine  Chronik  der  persischen  Könige  von 
Gayömarth  bis  Chosrau  II.  (590 — 628),  welche  unter  dem 
letzten  Yazdegird,  der  632  den  Thron  bestieg,  durch  den 
Dihkan  DanischAver,  einen  angesehenen  Grofsen  vom  Hofe 
von  Madai'n,  hergestellt  wurde;  es  trug  epischen  Charakter 


Jahrbuch  d.  D.  Shakesp.-Gesellsch.,  Jg.  37  (1901),  S.  282.  Der  Referent 
meint,  man  werde  aus  den  von  J.  nachgewiesenen  Übereinstimmungen 
nicht  zu  viel  Schlüsse  ziehen  dürfen:  ^Geschichten  von  Helden,  die  sich 
durch  vorgespiegelten  Wahnsinn  ihren  Verfolgern  entziehen,  können 
bei  allen  Völkern  entstanden  sein";  er  verweist  auf  Davids  Rettung 
vor  den  Philistern  1.  Sam,  21,  und  auf  Odysseus,  der  sich  verrückt 
stellt,  um  nicht  in  den  Krieg  zu  ziehen.  Aber  es  handelt  sich  eben 
im  vorliegenden  Falle  nicht,  wie  in  den  beiden  angeführten  Beispielen, 
um  das  Wahnsinnsmotiv  allein,  sondern  noch  um  eine  ganze  Reihe 
anderer  übereinstimmender  Motive,  zum  Teil  sehr  spezieller  Art.  Die 
beiden  Beispiele  beweisen  gar  nichts. 


209 


und  schöpfte  aus  der  nationalen  (^  herlief erung  des  hohen 
Adels  und  der  Geistlichkeit. 

Firdosi  selbst  berichtet  über  die  Entstehung  des  Cho- 
dhainame  folgendes: 

„Es  existierte  ein  Buch  über  die  alten  Zeiten,  in  dem 
viele  Geschichten  standen.  Alle  Mobeds  besaisen  davon  ein 
Stück,  und  jeder  kluge  Mann  (homme  intelligent)  trug  ein 
Fragment  desselben  bei  sich.  Nun  gab  es  einen  Pehlewan 
[ursprünglich  etwa  „Markgraf",  später  oft  allgemein  „Held"J 
aus  einer  Familie  von  Dihkans  [d.  i.  Männern  aus  altadligen 
Geschlechtern  mit  Landbesitz,  welche  die  historischen  Er- 
innerungen ihrer  Familie  pflegten;  deshalb  Dihkan  oft  = 
Geschichtskenner],  tapfer  und  mächtig,  hervorragend  be- 
gabt und  hochangesehen,  der  mit  Vorliebe  die  Geschichte 
der  Vergangenheit  studierte  und  die  historischeu  Erzäh- 
lungen sammelte.  Er  liefs  aus  jeder  Provinz  einen  alten 
Mobed  kommen,  einen  von  denen,  welche  Teile  des  Buches 
gesammelt  hatten,  und  forschte  sie  aus  nach  der  Herkunft 
der  Könige  und  der  berühmten  Kriegshelden,  und  danach, 
wie  diese  ehedem  die  Welt  ordneten,  die  sie  uns  in  einem 
so  traurigen  Zustand  hinterlassen  haben.  Die  Grofsen  er- 
zählten ihm,  einer  nach  dem  anderen,  die  Überlieferungen 
der  Könige  und  die  wechselnden  Geschicke  der  Welt.  Er 
hörte  ihre  Reden  an  und  machte  daraus  ein  Buch,  das  allen 
Rühmens  wert  ist:  diese  Erinnerung  blieb  von  ihm  unter  den 
Menschen  und  die  Grofsen  und  Kleinen  sangen  sein  Lob"^). 

Das  Chodhainame  wurde  bereits  im  8.  Jahrhundert, 
von  Abdallah  b.  al  Muqaffa,  einem  geborenen  Perser 
(f  um  757),  ins  Arabische  übersetzt.  Die  Übersetzung  ist  ver- 
loren, umfangreiche  Fragmente  aber  haben  sich  erhalten  ^). 


^)  J.  Mohl,  Le  livre  des  rois  I,  p.  VI. 

-)  Vgl,  C.  Brockelmann,  Geschichte  d.  arabischen  Literaturl,  Weimar 
1898,  S.  151  f.;  Th.  Nökleke,  Geschichte  der  Perser  und  Araber  zur  Zeit 
Zenker.  Boeve-Amlethus.  14 


—     210     — 

Firdosis  Schaliname  repräsentiert,  seinen  Quellen  ent- 
sprechend, im  ganzen  die  kulturellen  Zustände  und  zum 
Teil  auch  die  Anschauungen  der  Zeit  des  Sassanidisclien 
Reiches,  226—636^). 

Somit  ist  die  persische  Version  unserer  Sage  nicht 
nur  bei  weitem  älter  überliefert  als  alle  nordischen  Ver- 
sionen, auch  ihre  Quellen  sind  für  eine  viel  frühere  Zeit 
bezeugt  als  diese  Versionen  oder  deren  Quellen,  die  sich 
nicht  über  das  Ende  des  10.  oder  den  Anfang  des  11.  Jahr- 
hunderts zurück  verfolgen  lassen. 

Ich  mufs  nun  wiederum  zunächst  eine  Übersicht  des 
Inhalts  der  für  uns  in  Betracht  kommenden  Partie,  der 
Sage  von  Afrasiab  und  Kei  Chosro.  geben.  Die  kurzen 
diesbezüglichen  Bemerkungen  Jiriczeks  genügen  für  unsere 
Zwecke  nicht. 

Die  Sage  bildet  eine  Episode  in  den  über  Jahr- 
hunderte sich  erstreckenden  erbitterten  Kriegen  zwischen 
Iran  und  Turan: 

In  Turan  herrscht  als  Schah  Afrasicib,  der  bereits 
schwere  Blutschuld  auf  sich  geladen  hat,  indem  er  den 
kriegsgefangenen  Schah  Naudher  und  später  seinen  eigenen 
Bruder  Agrirath  erschlug,  den  letzteren  deshalb,  weil  er 


der  Sasaniden,  aus  der  arah.  Chronik  des  Tabari  ühersetxt,  London  1879, 
kS.  XX. 

^)  Vgl.  Th.  Nöldeke,  Das  iranische  Nationalepos,  Strafsburg  1896 
(Abdruck  aus  dem  Grundrifs  der  iranischen  PhiloL),  S.  12  ff.,  23,  35  f.. 
41.  Ich  zitiere  im  folgenden  nach  der,  laut  Nöldekes  Urteil  {Lit. 
Gentralbl.  1893,  Sp.  1823  f.)  sehr  getreuen  Übersetzung  von  Friedrich 
Rückert,  Firdosis  Königsbuch  (Schahname),  aus  dem  Nachlafs  hgg. 
von  E.  A.  Bayer,  3  Bde.,  Berlin  1890—95.  In  dieser  Übersetzung  ist| 
die  französische  Prosaübertragung  von  Jules  Mohl,  Le  Livre  des  Rois, 
trad.  et  comfnente,  in  Neudruck  erschienen  Paris  1876  ff. ,  und  die  des 
Grafen  A.  F.  v.  Schack,  Heldensagc7i  von  Firdusi,  2.  verm.  Aufl. 
Berlin  1865,  bereits  benutzt. 


—     211     — 

Kriegsgefangene  freigegeben  hatte,  statt  sie,  dem  ihm  ge- 
wordenen Befehle  gemäl's,  zu  töten.  (Rückert  Bd.  I,  S.  267 
u.  272).  Als  wieder  einmal  die  Heere  von  Turan  und 
Iran  sich  kampfgerüstet  gegenüber  stehen,  entschliefst  sich 
Afrasiab,  durch  einen  Traum  geschreckt,  dem  Führer  des 
iranischen  Heeres,  Sijawusch,  dem  Sohn  des  Iran-Schahs 
Kei  Ka'uSj  Frieden  anzubieten: 

Mein  Herz  ward  des  bösen  Krieges  satt, 
Suchen  will  ich  den  Gottespfad. 
Weisheit  und  Huld  ernenn  will  ich, 
Statt  Gram  und  Not  mich  freun  will  ich. 
Die  Welt  ruh'  aus  durch  mich  eine  Weil', 
Eh'  unversehns  mich  der  Tod  ereil'! 

Sijawusch  geht  bereitwillig  auf  den  Vorschlag  ein 
und  es  wird  ein  förmlicher  Vertrag  geschlossen:  Afrasiab 
erklärt,  in  Zukunft  den  Boden  Irans  nicht  mehr  betreten 
zu  wollen,  und  stellt  Sijawusch,  als  dieser  Garantien  ver- 
langt, hundert  Geifseln.  Aber  Ka'us  selbst  will  trotzdem 
von  Frieden  nichts  wissen,  da  er  dem  Afrasiab  nicht  traut. 
So  kehrt  Sijawusch,  da  er  nicht  vertragsbrüchig  werden 
will,  dem  Vaterlande  den  Rücken  und  begibt  sich  in  den 
Schutz  Afrasiabs,  der  den  durch  Eigenschaften  des  Körpers 
und  des  Geistes  gleich  ausgezeichneten  Jüngling  ganz  in 
sein  Herz  schliefst  und  mit  Geschenken  und  Gnadenbe- 
weisen überhäuft  (Rückert  Bd.  II,  S.  35—87).  Sijawusch 
nimmt  eret  Dscherire,  die  Tochter  Pirans,  eines  ihm  be- 
freundeten Getreuen  Afrasiabs,  zur  Frau  und  bekommt 
von  ihr  einen  Sohn,  Ferod;  dann  vermählt  ihm  Afrasiab 
seine  eigene  Tochter,  Ferengis,  und  schenkt  ihm  eine  grofse 
Provinz,  über  die  nun  Sijawusch,  von  allen  geliebt  und 
verehrt,  als  ein  wahrer  Friedensfürst  herrscht.  Aber  der 
zunehmende  Einflufs  Sijawuschs  erregt  den  Neid  des  Gersi- 
lücis,  des  heimtückischen  Bruders  des  Afrasiab.  Er  ver- 
leumdet Sijawusch  bei  Afrasiab,  dafs  er  mit  Ka'us  kon- 
spiriere und  auf  Empörung  sinne;  so  bringt  er  es  schliefs- 

14* 


212     

lieh  dahin,  dafs  Afrasiab  mit  Heeresmacht  gegen  Sijawusch 
zu  Felde  zieht.  Dieser,  im  Bewufstsein  seiner  Unschuld, 
leistet  keinen  Widerstand,  wird  gefangen  genommen  und 
auf  Anstiften  des  Gersiwas  von  Gurui  umgebracht  (Bd.  II, 
S.  87 — 145).  Seine  Gattin  Ferengis,  die  im  fünften  Monate 
schwanger  ist,  flüchtet  der  getreue  Piran  nach  Choten  und 
übergibt  sie  der  Obhut  seiner  Gattin  Gulschehr.  Sie  gebiert 
einen  Knaben  von  seltener  Schönheit,  Kei  Chosro.  Piran  be- 
nachrichtigt den  Schah,  der  dem  Knaben  das  Leben  schenkt, 
aber  befiehlt,  ihn  im  Gebirge  bei  den  Hirten  aufzuziehen 
und  ihn  in  Unkenntnis  über  seine  Herkunft  zu  erhalten. 

Kei  Chosro  zeigt  früh  gewaltige  Kräfte.  Als  er  zehn 
Jahre  alt  ist,  geht  er  bereits  auf  die  Löwenjagd;  sein 
Pflegevater,  in  Besorgnis  um  das  Leben  des  ihm  anver- 
trauten Knaben,  benachrichtigt  davon  Piran,  der  Chosro 
nun  zu  sich  nimmt  und  liebevoll  pflegt.  Inzwischen  quält 
den  Schah  die  Angst  vor  dem  heranwachsenden  Enkel.  Er 
erklärt  Piran,  wenn  der  Knabe  des  Geschehenen  eingedenk 
sei  und  Rachegelüste  zeige,  so  solle  er  sterben  wie  sein 
Vater.  Piran  beruhigt  ihn:  er  gibt  vor,  von  den  Hirten 
gehört  zu  haben,  der  Knabe  sei  geistesschwach.  Nachdem 
Afrasiab  geschworen,  sich  an  Chosro  nicht  vergreifen  zu 
wollen,  eilt  Piran  nach  Hause,  um  den  Knaben  zu  holen; 
er  befiehlt  ihm,  sich  vor  Afrasiab  verrückt  zu  stellen: 

Zu  ihm  er  sprach:  „Die  Vernunft  treib'  aus; 
Bringt  er  Kampf  vor,  antwort'  ihm  Schmaus! 
Nah'  ihm  wie  ein  selbstvergessener 
Und  rede  nur  wie  ein  besessener; 
Zeige  nicht  von  Vernunft  eine  Spur 
Und  friste  Dich  für  jetzo  nur!" 

Vor  Afrasiab  gestellt,  folgt  der  Jüngling  dem  Eate 
seines  Beschützers.    Der  Schah  legt  ihm  einige  Fragen  vor: 

Er  fragt'  ihn:  „0  Hirtenjüngling,  sag, 
Was  hast  Du  für  Kunde  von  Nacht  und  Tag? 
Was  hast  Du  bei  Schafen  und  Geifsen  erwählt? 
Wie  hast  Du  die  Böcke  und  Widder  gezählt?" 


—    213     — 

Er  gab  zur  Antwort:  ,Die  Jagd  ist  steil! 

Ich  habe  nicht  Bogen,  Senn'  und  Pfeil". 

Nach  seinem  Leben  fragt'  er  ihn  drauf, 

Nach  gutem  und  bösem  Tageslauf. 

Zur  Antwort  gab  er:  „Der  reifsende  Leu 

Macht  den  streitbaren  Hund  nicht  scheu"  ^). 

Zum  dritten  befragt'  er  ihn  sofort 

Um  Wetter  und  Wolken  und  Himmelsort. 

Zur  Antwort  er  gab:  „Wo  der  Pardel  haust, 

Graust's  einem  Manne  von  starker  Faust". 

Er  fragt'  ihn:  „Willst  Du  nach  Iran  gehn. 

Willst  Du  den  Schah  der  Helden  sehn?" 

Zur  Antwort  er  gab:  „Die  Bergwüstenei 

Ritt  mir  neulich  ein  Reiter  vorbei". 

Da  lachte  der  Schah  wie  die  Rose  frisch, 

Zu  Chosro  sprach  er  schmeichlerisch: 

„Willst  Du  nicht  lernen  Wissenschaft, 

Nicht  üben  am  Feinde  der  Rache  Schaft?" 

Er  sprach:  „In  der  Milch  ist  kein  Rahm  geblieben; 

Die  Hirten  seien  vom  Feld  getrieben!" 

Der  Herrscher  lachte  ob  seinem  Wort, 

Zum  Pehlewan  sprach  er  sofort: 

„Der  hat  nicht  das  Herz,  wie  man's  haben  mufs; 

Ich  frage  vom  Kopf  und  er  sagt  vom  Fufs. 

Von  ihm  wird  keiner  nicht  bös  noch  gut, 

Ein  solcher  Mensch  hat  nicht  Rachemut. 

Geh,  gib  ihn  gütlich  der  Mutter  zurück; 

Mit  einem  braven  Manne  schick 

Ihn  alsbald  nach  Sijawuschgird, 

Und  sorge,  dafs  er  verführt  nicht  wird!"*) 

(II,  S.  147—156  f.) 


^)  Mohl,  Le  Livre  des  Rois  II,  342  übersetzt  hier  vielmehr:  „  Un 
chien  de  caravane  ne  peut  se  rendre  mattre  du  lion  f&roce'^ . 

*)  Jiriczek  bemerkt  zu  den  Antworten  Chosros,  sie  hätten  offen- 
bar einen  verborgenen  Sinn  und  bezögen  sich  auf  seine  Lage.  „Diesen 
Sinn  genau  zu  deuten,  wage  ich  nicht  auf  Grund  blofser  Übersetzung. 
Darf  man  ihr  wörtliches  Zutrauen  schenken,  so  scheint  die  Meinung 
zu  sein:  Meine  Lage  ist  gefährlich,  und  ich  habe  kein  Mittel  mich 
zu  wehren  (Bild  von  Jagd  ohne  Pfeil)  [nein,  vielmehr:  Derjenige,  dem 
ich  nach  dem  Leben  trachte,  ist  „hochgestellt",  er  ist  mir  vorläufig, 
„ohne  Bogen  und  Pfeil",  noch  unerreichbar].  Ich  gebe  mich  zwar 
nicht  verloren  trotz  der  gröfseren  Macht  des  Schahs  (Leu  und  Hund) 


—     214     — 

Piran  sendet  nun  Chosro  mit  der  Mutter,  wie  Afrasiab 
befohlen,  nach  Sijaivuschgird  (II,  S.  158). 

Als  die  Kunde  von  Sijawuschs  Ermordung  nach  Iran 
gelangt,  erhebt  sich  im  ganzen  Lande  ein  Sturm  der  Ent- 
rüstung: Rache  für  Sijawusch  wird  die  allgemeine  Losung, 
und  die  Blutfehde  zwischen  Iran  und  Turan  entbrennt  aufs 
neue  mit  verdoppelter  Heftigkeit: 

Das  Heer  das  Schwert  der  Rache  zog. 

Laut  ward  das  CTetön  vom  Ochsensterz, 

Vom  ehernen  Rohr  und  dem  Becken  von  Erz. 

Die  Welt  ward  Räch'  an  Afrasiab, 

Als  ob  ein  Meer  empört  sich  hab'. 

Auf  Erden  war  für  den  Renner  kein  Raum, 

Die  Luft  war  verbaut  vom  Lanzenbaum. 

Die  Sterne  zogen  zuerst  in  die  Schlacht, 

Zeit  und  Raum  war  auf  Unheil  bedacht. 

(II,  S.  174.) 

Diese  grandiosen  Verse  könnten  als  Motto  über  den 
nun  folgenden  endlosen  Kampf-  und  Schlachtenschilderungen 
und  buntwechselnden  Abenteuern  bis  zum  Tode  Afrasiabs 
stehen,   welche   fast   den  ganzen  zweiten  Band  und  den 


[besser  wohl:  den  offenen  Gegner  fürchte  ich  nicht,  auch  wenn  er 
mir  an  Stärke  überlegen  ist],  doch  graust  auch  den  Starken  vor  dem 
gefährlichen  Feind  (Pardel)  [das  wäre  wohl  ein  Widerspruch  zu  der 
vorausgehenden  Antwort ;  besser:  dagegen  habe  ich  Grund,  den  schlei- 
chenden, hinterlistigen  Feind  zu  fürchten].  Der  Weg  nach  Iran 
steht  dem,  der  fliehen  will,  offen  (Erwähnung  des  Reiters,  der  durch 
die  Wüste  zog)  [besser  wohl:  ich  kann  mich  durch  Boten  mit  dem 
Schah  von  Iran  verständigen].  Die  Frage  der  Rache  wird  vdeder  bild- 
lich beantwortet:  man  hat  die  Milch  des  Rahms  beraubt,  d.h.  ein 
Frevel  ist  geschehen,  doch  die  Hirten  (Feinde)  sollen  dafür  vertrieben 
werden  (noch  deutlicher,  doch  im  ersten  Teile  abweichend,  falls  die 
Übertragung  die  Nuance  richtig  erfafst,  bei  Schack:  „Kein  Rahm  wird 
übrig  bleiben,  ich  will  die  Hirten  von  dem  Feld  vertreiben."  [Mohl, 
a.  a.  0.  hat:  II  n'y  a  phcs  de  creme  dans  le  lait;  je  voudrais  chasser 
du  desert  tous  les  patres;  die  Rückertsche  Übersetzung  scheint  also  die 
genauere]). 


215 


Anfang  des  dritten  Bandes  der  Rückertschen  Übersetzung 
füllen.  Hier  ist  ihrer  nur  insoweit  Erwähnung  zu  tun, 
als  Kei  Chosro  selbst  zu  den  Ereignissen  in  Beziehung  steht. 

Als  Afrasiab  genötigt  ist,  sich  vor  Rostem  zurückzu- 
ziehen, äufsert  er  Piran  seine  Befürchtung,  Rostem  werde 
sich  Chosros  bemächtigen  und  man  werde  ihn  in  Iran  auf 
den  Thron  setzen.  Piran  solle  Chosro  deshalb  zu  ihm 
bringen  und  hier  im  Meer  von  Tschin  ertränken.  Aber 
Piran  wiederrät  dem  Schah  seinen  grausamen  Plan,  der 
ihm  ewig  zur  Schmach  gereichen  würde.  Chosro  wird  nun 
mit  seiner  Mutter  geholt  und  auf  Afrasiabs  Befehl  von 
Piran  übers  Tschinische  Meer  nach  Matschin  gebracht. 

Gew,  der  Sohn  des  iranischen  Grofsen  Guderz^  zieht 
im  Auftrage  seines  Vaters  aus,  um  Chosro  zu  suchen. 
Nachdem  er  7  Jahre  umhergeschweift,  findet  er  ihn  im 
Walde  bei  einer  Quelle.  Beide  reiten  nach  Sijawuschgird 
und  machen  sich  zusammen  mit  Chosros  Mutter  Ferengis 
auf  die  Flucht  nach  Iran.  Als  Piran  davon  erfährt,  er- 
schrickt er  heftig,  da  er  Afrasiabs  Zorn  befürchtet;  nach- 
dem ein  Reitertrupp,  den  er  zu  ihrer  Verfolgung  ausge- 
schickt, von  Gew  siegreich  zurückgeschlagen  ist,  macht 
Piran  sich  selbst  auf  den  Weg,  wird  aber  von  Gew  be- 
siegt und  geknebelt  nach  Hause  geschickt.  Nun  verfolgt 
Afrasiab,  den  man  benachrichtigt  hat,  die  Flüchtigen  mit 
einem  Heere,  er  mufs  aber,  da  es  ihm  nicht  gelingt,  sie 
einzuholen,  gleichfalls  unverrichteter  Sache  wieder  um- 
kehren. Chosro,  Ferengis  und  Gew  treffen  wohlbehalten 
in  Iran  ein,  wo  Chosro  in  Ka'us'  Residenz  mit  Jubel  em- 
pfangen wird.  Einer  der  Grofsen,  Tus,  weigert  sich,  ihn 
als  Schah  anzuerkennen,  und  verlangt,  dafs  Ka'us'  Sohn 
Ferihorz  dessen  Nachfolger  werde.  Er  ruft  die  Entschei- 
dung des  Ka'us  selbst  an,  der  nun  bestimmt,  derjenige  von 
beiden  solle  den  Thron  besteigen,  dem  es  gelinge,  das 
Zauberschlofs  Behmens  einzunehmen.     Tus   und  Fcriborz 


—     216     — 

bemühen  sich  eine  Woche  lang  vergebens  und  kehren  un- 
verrichteter  Sache  um.  Chosro  hingegen,  der  mit  Guderz 
auszieht,  gelingt  es,  den  Zauber  zu  brechen;  er  schreibt 
einen  Brief,  in  dem  er  den  Zauberer  im  Namen  Gottes  zur 
Unterwerfung  auffordert,  läfst  den  Brief  an  einer  Lanze 
befestigen  und  diese  auf  dem  Walle  des  Schlosses  aufpflanzen. 
Die  Mauer  zerbricht  unter  Donnergetöse,  Chosro  hält  seinen 
Einzug,  erbaut  in  der  Burg  einen  Feuertempel  und  richtet 
den  Feuerkult  ein;  zurückgekehrt  wird  er  als  Erbfolger 
eingesetzt  und  alle  Grofsen  huldigen  ihm  (II,  S.  169 — 254). 
Chosro  ist  es,  der  von  nun  ab  den  Rachekrieg  gegen  Afra- 
siab  führt,  welcher  mit  der  Niederlage  der  Turanier  schliefst. 
Als  gegen  Ende  des  Krieges  die  beiden  Heere  sich  kampf- 
gerüstet gegenüberstehen,  mifst  Chosro  selbst  sich  mit 
Feschang,  dem  Sohne  Afrasiabs,  im  Zweikampf  und  er- 
schlägt ihn.  Afrasiab  erleidet  dann  eine  gänzliche  Nieder- 
lage und  zieht  sich  mit  seinem  Heere  über  den  Oxus  nach 
Behischü  Gang  zurück;  die  Festung  wird  von  Chosro  ge- 
stürmt, Gersiwas  und  Afrasiabs  Sohn  Dschehn  geraten  in 
die  Gefangenschaft,  Afrasiab  selbst  jedoch  entkommt  durch 
einen  unterirdischen  Gang  (Bd.  III,  S.  164—197).  Er  wirft 
sich  mit  einem  neuen  Heer  den  Iraniern  entgegen,  wird 
jedoch  abermals  in  einer  grofsen  Schlacht  geschlagen.  Er 
flüchtet  nun  übers  Meer  Zirih  nach  Gang  Blzh  ;  als  Chosro 
ihn  aber  auch  dahin  verfolgt,  flieht  er  in  die  Wüste  und 
wählt  eine  Höhle  als  Schlupfwinkel.  Chosro  kehrt  unver- 
richteter  Sache  nach  Hause  zurück,  Afrasiab  aber  wird  in 
der  Höhle  von  einem  in  ihr  hausenden  Einsiedler  Hum 
entdeckt  und  nach  heftiger  Gegenwehr  gebunden;  er  ent- 
springt jedoch  wieder,  als  Hum  ihm  mitleidig  die  Fesseln 
lockert,  und  stürzt  sich  ins  Meer,  in  dem  er  untertaucht. 
So  nimmt  Afrasiab  hier  plötzlich  die  Eigenschaften  eines 
Meerwesens  an:  er  scheint  als  Meerdrache  gedacht  werden 
zu  müssen.     Als  er  sich  wieder  an  der  Oberfläche  zeigt, 


—     217     — 

wird  er  von  einem  plötzlich  des  Weges  kommenden  gött- 
lichen Helfer  mit  der  Fangschnur  herausgefischt,  von  ira- 
nischen Grolsen  vor  Chosro  gebracht  und  von  diesem  mit 
einem  Schwerthieb  getötet;  das  gleiche  Schicksal  trifft 
seinen  Bruder  Gersiwas.  Damit  ist  der  Krieg  bis  auf 
weiteres  beendigt  (III,  S.  197 — 223).  Chosro  besteigt  nun 
nach  dem  Tode  des  Ka'us  den  Thron.  Nach  einiger 
Zeit  wird  ihm  durch  einen  Traum  verkündigt,  dafs  er  aus 
der  Welt  gehen  soll,  er  nimmt  Abschied  von  den  Iraniern, 
begibt  sich  auf  einen  hohen  Berg  und  wird  von  dort  aus 
entrückt  (IE,  S.  234—266). 

In  dieser  Sage  findet  Jiriczek  folgende,  mit  der 
Hamletsage  gemeinsame  Motive: 

„Ein  Fürst  wird  von  einem  nahen  Verwandten  unver- 
sehens seines  Thrones  und  Lebens  beraubt  (1); 

sein  Sohn  wächst  in  Niedrigkeit  auf  (II); 

der  Frevler  fürchtet  seine  Rache  und  stellt  seinen 
Verstand  auf  die  Probe,  der  Jüngling  aber  spielt  die 
Rolle  eines  Verrückten  und  erteilt  scheinbar  tö- 
richte Antworten  (III); 

dadurch  entgeht  er  dem  Tode  und  rächt  nachmals 
seinen  Vater  an  dem  Urheber  der  Freveltat  (IV)." 

Jiriczek  hat  daraufliin  das  Verhältnis  der  persischen 
Sage  zur  Hamletsage  Saxos  und  zur  Brutussage  eingehend 
untersucht,  ist  aber  zu  keinem  klaren  Ergebnis  gelangt. 
Dafs  zunächst  Saxo  selbst  die  Hamletsage  nach  dem  Mo- 
dell der  Brutussage  erfunden  haben  sollte,  hält  er  für  aus- 
geschlossen: „Eine  so  geniale  Umformung,  durch  die  aus 
wenigen  Grundelementen  eine  neue,  ganz  eigenartige  Er- 
zählung mit  echt  nordischem  Gepräge  entsteht,  als  be- 
wufste  Schöpfung  eines  mittelalterlichen  Historikers,  der 
den  alten  Sagen  euhemeristisch  und  rationalistisch  gegenüber- 
steht, ist  schon  psychologisch  undenkbar;  selbst  ein  Shake- 


—     218     — 

speare  hat  seinen  Quellen  gegenüber  nie  eine  so  souveräne 
Umgestaltungskraft  gezeigt."  In  der  Tat  ist  ja  die  Er- 
findung der  Hamletsage  durch  Saxo  selbst,  wie  wir  salien, 
schon  durch  die  Übereinst immuag  seiner  Darstellung  mit 
den  übrigen  nordischen  Versionen  ohne  weiteres  ausge- 
schlossen. Dagegen  könne,  meint  Jiriczek,  die  römische 
Sage  Saxo  auf  dem  Wege  der  Tradition  überkommen  sein. 
Es  fragt  sich  dann,  in  welchem  Filiationsverhältnis  die 
drei  Versionen,  die  römische  —  nordische  —  persische  zu- 
einander stehen.  Gemeinsame  Abweichungen  zweier  Ver- 
sionen, a  b,  gegenüber  einer  dritten,  c,  schliefsen  offenbar 
eine  direkte  Ableitung  beider  aus  jener  dritten:  c  —  a, 
c — b,  ebenso  aus  wie  eine  Mittelstellung  der  dritten  Ver- 
sion zwischen  jenen  beiden:  a  —  c  —  b  oder  b  —  c  —  a. 
Jiriczek  zeigt  nun,  dafs  die  persische  Sage  einerseits  mit 
der  römischen  gegen  die  nordische,  andererseits  mit  der 
letzteren  gegen  die  römische  übereinstimmt.  Mit  der  Brutus- 
sage stimme  sie  darin  überein,  „dafs  sie  Kriege  zwischen 
dem  Usurpator  und  dem  Rächer  kennt,  dafs  die  Verwandt- 
schaft zwischen  beiden  auf  der  Mutter  des  Helden  beruht 
u.  a.  m."  Doch  ist  von  den  beiden  Zügen  der  erste  zu 
streichen,  da  das  Motiv  sich  auch  in  der  nordischen  Sage 
findet,  zwar  nicht  bei  Saxo  und  in  der  Hrolfssaga.  in  denen 
Jiriczek  die  einzigen  Vertreter  der  nordischen  Sage  erblickt, 
wohl  aber  im  BvH  und  im  Havelok:  dort  führt  Boeve  Krieg 
gegen  Doon,  hier  Havelok  gegen  Hodulf.  Als  mafsgebende 
Übereinstimmungen  mit  der  nordischen  Sage  betrachtet  es 
Jiriczek,  dafs  in  beiden  die  Rache  des  Helden  eine  per- 
sönliche und  eigenhändige  ist,  während  die  Brutussage  mit 
der  blofsen  Vertreibung  des  Tyrannen  endet,  und  zweitens, 
dafs  „im  Mittelpunkt  der  Erzählung  die  ausführliche  Ver- 
suchung steht,  welcher  der  Held  durch  rätselhafte  Ant- 
worten, die  einen  geheimen  Sinn  in  sich  schliefsen,  aus- 
w^eicht,  offenbar  ein  Glanzpunkt  der  Sage  voll  dramatischer 


—     219     — 

Spannung."  Davon  findet  sich  in  der  römischen  Sage 
nichts.  Man  habe  zwar  auf  das  Verhalten  des  Brutus  zum 
delphischen  Orakelspruch  hingewiesen :  „Aber  der  Zusammen- 
hang ist  ganz  anders,  Versuchungsfragen  und  Antworten 
fehlen  vollständig,  und  Brutus  errät  den  Sinn  einei*  dunklen 
Antwort,  während  hier  der  Held  auf  Fragen  eine  dunkle 
Antwort  erteilt,  also  so  ziemlich  das  Gegenteil  von  dem 
Motive  der  Brutussage."  Jiriczek  wirft  unter  diesen 
Umständen  die  Frage  auf.  ob  nicht  vielleicht  die  Sage 
von  Eom  nach  dem  Orient  und  dann  wieder  ans  Vorder- 
asien über  Osteuropa  nach  Jütland  gekommen  sein  könnte; 
er  meint,  es  könne  freilich  ebensogut  „der  Orient  die  ge- 
meinsame Quelle  der  zwei  europäischen  Fassungen  sein." 
Gemeinsame  Ableitung  aus  der  Brutussage  scheitere  daran, 
dafs  die  abgezweigten  Sprofsformen  unter  einander  näher 
stimmen  als  mit  ihrer  angenommenen  Grundform.  Gegen 
Ableitung  der  nordischen  Sage  aus  der  persischen  und 
ebenso  gegen  gemeinsame  Ableitung  der  nordischen  und 
römischen  Sage  aus  der  persischen  scheine  zu  sprechen, 
dai's  die  Motive  „Gold  im  Stabe"  und  „Reise  mit  zwei 
Begleitern"  sich  nur  in  der  römischen  und  nordischen,  nicht 
aber  in  der  persischen  Version  fänden.  Jiriczek  hält  es  je- 
doch nicht  für  ausgeschlossen,  dafs  diese  Übereinstimmung 
auf  Zufall  beruht.  Wolle  man  diese  Erklärung  nicht  gelten 
lassen,  so  seien  die  betreifenden  Motive  „eben  zu  den  anderen 
Punkten  zu  stellen,  welche  eine  Gruppe  RN  (römisch - 
nordisch)  konstituieren",  d.  h.  es  wäre  dann  eine  Filiation: 
römisch-persisch-nordisch  und  persisch -römisch,  persisch- 
nordisch nicht  möglich.  Es  scheint  mir  ein  AViderspruch 
gegen  diese  Ausführungen  zu  sein,  wenn  Jiriczek  später, 
S.  364,  erklärt:  „Eine  direkte  Ableitung  im  Filiationsver- 
hältnis  habe  sich  als  undurchführbar  erwiesen",  und  ebenso, 
wenn  er  nun  in  Anbetracht  letzterer  Tatsache  am  Schlufse 
seiner  Abhandlung    nur    zwei  Möglichkeiten   gelten    läfst, 


—     220     — 

von  denen  er  die  zweite  als  wahrscheinlicher  bezeichnet: 
dafs  die  Übereinstimmungen  der  drei  Versionen  ganz  auf 
Zufall  beruhen,  oder  dafs  die  Sagen  seien  „Erscheinungs- 
formen eines  Wanderstoffes,  der  bald  hier  bald  dort  aus 
dem  grofsen  Unterstrom  der  Literaturen,  der  mündlichen 
Überlieferung,  auftaucht,  ohne  dafs  wir  seine  Bahnen  zu  er- 
kennen vermögen".  Denn  vorher,  S.  357,  bezeichnet  er  ja 
ausdrücklich  eine  direkte  Filiation  als  wohl  möglich:  „Es 
ist  nicht  undenkbar,  dafs  die  römische  Sage  nach  Persien 
drang,  es  ist  ebenso  wenig  undenkbar,  dafs  die  persische 
wieder  nach  Nordeuropa  gewandert  sei";  und  wenn  man 
es  als  nicht  ausgeschlossen  betrachtet,  dafs  die  auffälligen 
Übereinstimmungen  der  römischen  und  nordischen  Sage  be- 
sonders bezüglich  des  Goldes  im  Stabe,  auf  Zufall  beruhen, 
wie  Jiriczek  das  tut,  dann  hindert  ja  doch  in  der  Tat  gar 
nichts,  jene  Filiation  anzunehmen.  Will  man  aber  hier 
einen  Zufall  nicht  gelten  lassen  —  und  Jiriczek  scheint 
die  Berechtigung  dazu  anzuerkennen  — ,  ist  somit  die  Her- 
stellung eines  direkten  Filiations Verhältnisses  undurch- 
führbar, so  wird  man  um  so  weniger  geneigt  sein,  die 
sämtlichen  Übereinstimmungen  der  drei  Sagen  durch  Zufall 
zu  erklären.  Ich  vermag  mir  diese  Widersprüche  in  Jiriczeks 
Ausführungen  nicht  aufzulösen,  aber  es  kann  sein,  dafs  ich 
seine  Meinung  irgendwo  nicht  richtig  verstanden  habe. 

Das  Ergebnis,  zu  dem  Jiriczek  gelangt,  ist  also,  wie 
gesagt,  jedenfalls  dieses:  es  sei  nicht  ausgeschlossen,  dafs 
die  Parallelen  der  drei  Versionen  auf  blofsem  Zufall  be- 
ruhen, wahrscheinlicher  aber  sei  es  vielleicht  doch,  dafs 
sie  einen  „Wanderstoff"  darstellen,  über  dessen  Herkunft 
und  Wege  sich  nichts  ermitteln  lasse:  „Die  Eigenart  jeder 
Version  zeigt  ....  auch  hier  wie  bei  anderen  ähnlichen 
Stoffen,  dafs  keine  die  direkte  Kopie  der  anderen  ist. 
Sie  sind  Bäumen  vergleichbar,  die  aus  weithin  getragenen 
Samenkörnern   derselben  Art   erwachsen   sind;    Avie   viele 


—     221     — 

(jlieder  zwischen  ihnen  und  den  Bäumen  stehen,  von  denen 
sie  Staramen,  und  wo  dieser  seine  Aste  entfaltet  hat,  bleibt 
eine  verlorene  Frage  .  .  ."  Jiriczek  schliefst  demnach  mit 
einem  absoluten  non  liquet  Gesetzt,  es  bestehe  überhaupt 
ein  Zusammenhang  zwischen  den  drei  Versionen,  was  er 
für  wahi-scheinlich,  aber  gar  nicht  einmal  für  sicher  hält, 
so  läfst  sich  doch  über  die  Art  dieses  Zusammenhanges 
nichts  aussagen:  ob  die  drei  Versionen  Abzweigungen  des 
gleichen  Stammes  darstellen,  oder  ob  eine  davon  die 
Quelle  der  beiden  anderen  gewesen  ist,  und  wie  sich  dann 
wieder  diese  beiden  zueinander  verhalten,  ob  sie  parallel 
stehen,  oder  ob  eine  aus  der  anderen  hervorgegangen  ist, 
alles  das  mufs  unentschieden  bleiben. 

Ich  glaube  nun  meinerseits,  dafs  die  Dinge  keines- 
wegs so  hoffnungslos  liegen,  und  dafs  die  von  Jiriczek  im 
Eingang  seiner  Untersuchung  vertretene  Möglichkeit,  wo- 
nach die  nordische  Version  aus  der  persischen  und  diese 
aus  der  römischen  entsprungen  wäre,  eine  grofse  Wahr- 
scheinlichkeit für  sich  hat,  wenn  wir  für  persische  Version : 
Quelle  der  erhaltenen  persischen  Version  einsetzen.  Wich- 
tige Handhaben  zur  Lösung  des  Problemes  scheinen  mir 
vor  allem  der  BvH  und  die  Ambalessaga  zu  bieten,  von 
denen  jener  Jiriczek  noch  völlig  unbekannt  war,  diese  von 
ilim  noch  nicht  die  richtige  Wertung  erfahren  hat. 

Ich  mufs  zunächst  gegen  Jiriczeks  Ausführungen  fol- 
gendes einwenden: 

1.  Es  darf  mit  aller  Entschiedenheit  daran  festgehalten 
werden,  dafs  die  Übereinstimmung  der  Saxoschen  Hamlet- 
sage mit  der  Brutussage  bezüglich  der  Motive  „Gold  im 
Stabe  =  Mann"  (dort  =  die  beiden  Begleiter,  hier  =  Brutus 
selbst)  und  „Reise  des  Helden  übers  Meer  mit  zwei  feind- 
lichen Begleitern"  in  Anbetracht  der  sonstigen  Überein- 
stimmung der   beiden  Sagen  nicht   wohl  auf  Zufall  be- 


—     222     — 

ruhen  können.  Zweimalige  ICrfindung  so  spezieller  Mo- 
tive mit  identischen  Nebenumständen,  die  zu  jenen  in 
gar  keinem  Kausalnexus  stehen,  darf  nahezu  als  ausge- 
schlossen, jedenfalls  als  äufserst  unwahrscheinlich  bezeichnet 
werden. 

2.  Bei  den  zahlreichen,  zum  Teil  recht  speziellen 
Übereinstimmungen  auch  aller  drei  Versionen  ist  das  Vor- 
liegen eines  blofsen  Zufalls  als  unendlich  unwahrschein- 
lich zu  bezeichnen.  Die  Übereinstimmungen  beschränken 
sich  nicht  auf  die  von  Jiriczek  schon  hervorgehobenen, 
sondern  es  kommen  auf  Grund  der  nachgewiesenen  anderen 
Versionen  der  nordischen  Sage  zu  ihnen  noch  neue  hinzu. 
Zum  Beweis  dafür,  dafs  zwei  Erzählungsstoffe,  die  von 
einander  ganz  unabhängig  sind,  trotzdem  in  ganzen  Ketten 
von  Einzelzügen  übereinstimmen  können,  exemplifiziert 
Jiriczek  auf  Firdosis  Erzählung  von  Sijawuschs  Tod,  die 
lebhaft  an  die  Passion  des  Heilands  erinnere:  „Dafs  christ- 
liche Einflüsse  nach  Persien  gedrungen  sein  können,  ist 
zweifellos;  Zusammenhang  wird  gleichwohl  nicht  bestehen." 
Offenbar  liegt  hier  eine  petitio  principu  vor.  Denn  dafs 
wirklich  ein  Zusammenhang  zwischen  den  beiden  Über- 
lieferungen nicht  vorhanden  ist,  wäre  doch  erst  zu  be- 
weisen. Wenn,  wie  Nöldeke  bemerkt^),  „Züge  der  Märchen- 
gestalt Salomos  als  Weltkönigs"  auf  eine  Gestalt  der 
iranischen  Sage,  auf  Dschamschedh  übertragen  worden  sind, 
warum  können  dann  nicht  ebensogut  Züge  der  Passions- 
geschichte Christi,  die  sich  doch  noch  einer  ganz  anderen 
Verbreitung  erfreute,  von  einem  persischen  Dichter  für 
die  Ausmalung  der  ruchlosen  Hinmordung  des  edlen  und 
weisen  Friedensfürsten  Sijawusch  verwandt  worden  sein?-) 


^)  Iran.  Nationalepos  S.  11. 

2)  Ich  verweise  noch  speziell  auf  die  Worte  Sijawuschs  zu  Afra- 
siab,  als  dieser  an  der  Spitze  der  Turanier  sich  seiner  bemächtigen  will: 


—     223     — 

Als  Beispiel  dafür,  wie  sich  durch  Zufall  übereinstimmende 
Züge  einstellen  können,  weist  Jiriczek  ferner  darauf  hin, 
dafs  sich  zwei  Züge  der  persischen  Version,  die  bei  Saxo 
fehlen:  der  Aufenthalt  des  Helden  bei  Hirten  und  die 
Gestalt  des  bejahrten  treuen  Ratgebers  (Piran  bei  Firdosi) 
in  der  isländischen  Ambalessaga,  die  doch  nur  aus  Saxo 
geschöpft  habe,  wiederfinden.  Hier  sei  „spätere  Association 
durch  Zufall  sicher".  Dieses  Argument  ist  in  Anbetracht  der 
Ergebnisse  der  vorausgehenden  Kapitel  offenbar  gleichfalls 
zu  streichen.  Denn  die  Ambalessaga  beruht,  wie  dort  ge- 
zeigt wurde,  nicht  auf  der  Darstellung  Saxos,  wie  Olrik 
und  mit  ihm  Jiriczek  annehmen,  sondern  stellt  eine  von 
ihm  unabhängige  Fassung  der  Hamletsage  dar,  es  ist  so- 
mit für  die  erwähnten  beiden  Züge  die  Möglichkeit  der 
Entlehnung  aus  der  persischen  Sage  allerdings  gegeben. 
Nun  unterliegt  es  ja  keinem  Zweifel,  dafs  sich  gleiche 
oder  ähnliche  Züge  in  Stoffen,  die  von  einander  völlig  un- 
abhängig sind,  durch  Zufall  zusammenfinden  können,  und 
ein   „absolutes  Mafs  für  den  Grad    der  Übereinstimmung, 


O  Schah,  dem  Gott  hohe  Tugend  gab, 

Was  kommst  Du  mit  Heeresmacht  gegen  mich? 

Was  willst  Du  mich  töten  unschuldiglich? 

(Rückei-t  Bd.  II,  S.  137); 

ferner  auf  die  Worte  Afrasiabs,  als  man  ihm  zuredet,  den  gefangenen 
Sijawusch  hinrichten  zu  lassen: 

Nichts  böses  an  ihm  mein  Auge  sah 

(ib.  S.  141); 

und  auf  die  Fürbitte  von  Afrasiabs  Tochter  für  Sijawusch: 

Vergiels  nicht  ein  unschuldiges  Blut! 

(ib.  S.  142), 

zu  der  man  vergleiche  die  Fürbitte  von  Pilatus'  Gattin,  Ev.  Matth. 
27,19:  habe  Du  nichts  zu  schaffen  mit  diesem  Gerechten;  endlich  auf 
den  Vergleich  Sija^-uschs  mit  einem  zur  Schlachtbank  gefiib-rtc:i  Lamm, 
ib.  S.  146. 


—     224     — 

welcher  Zusammenhang  wahrscheinlich  macht",  gibt  es 
sicherlich  nicht.  Aber  da  die  Zahl  der  möglichen  Motive 
wie  die  Zahl  der  möglichen  Geschehnisse  offenbar  schlecht- 
hin unendlich  und  auch  die  Zahl  der  häufig  vorkommenden 
Motive  wie  der  entsprechenden  Geschehnisse  wenigstens 
eine  sehr  grol'se  ist,  so  darf  die  Wahrscheinlichkeit,  dafs 
sich  eine  ganze  Eeihe  teils  spezieller,  teils  vielleicht  auch 
alltäglicher,  aber  unter  sich  in  keinem  Causalnexus  ste- 
hender Züge  oder  ein  vollkommen  eigenartiger,  in  der 
Literatur  sonst  überhaupt  nicht  belegter  Zug  und  eine 
Reihe  anderer,  allgemeinerer  Züge  durch  Zufall  mehr- 
mals zusammengefunden  haben  sollten,  als  äufserst  gering 
bezeichnet  werden.  Solche,  in  der  Literatur,  wenigstens 
meines  Wissens,  anderweitig  nicht  nachgewiesene  Motive 
sind  aber  das  Motiv  „Gold  im  Stab  =  Mann"  in  der 
römischen  und  nordischen  Version  und  das  Motiv  der  rätsel- 
haften Antworten  in  der  persischen  und  nordischen  Ver- 
sion, und  da  beide  nicht  isoliert,  sondern  in  Verbindung  mit 
einer  ganzen  Kette  anderer  identischer  oder  ähnlicher 
Motive  auftreten,  so  scheint  mir  der  methodisch  allein 
zulässige  Schlufs  der,  dafs  die  verschiedenen  Versionen 
aller  Wahrscheinlichkeit  nach  in  unmittelbarem  Zusammen- 
hang miteinander  stehen. 

Einen  Zufall,  den  Jiriczek  wenigstens  als  möglich 
bezeichnet,  halte  ich  für  nahezu  ausgeschlossen. 

Ich  stelle  nun  zunächst  die  von  Jiriczek  noch  nicht 
herausgehobenen,  allen  drei  Versionen  gemeinsamen  Züge 
zusammen. 

Die  vorausgehenden  Untersuchungen  haben  uns  er- 
kennen lassen,  dafs  wir  vier  verschiedene  von  Saxo  unab- 
hängige nordische  Versionen  der  Hamletsage  besitzen,  die 
mit  seiner  Erzählung  aus  der  gleichen  Quelle  geflossen 
sein  müssen,  nämlich: 


—    225     — 

1.  Das  anglonormannische  Epos  von  Boeve  de  Ham- 
toiie; 

2.  Den  Lai  von  Havelok; 

3.  Die  Hrolfssaga  Kraka  und  die  mit  ihr  eng  ver- 
wandte Harald-Haldansage; 

4.  Die  isländische  Ambalessaga. 

Ob  das  Brjammärchen  eine  selbständige  Version  dar- 
stellt, oder  ob  es  auf  der  Ambalessaga  beruht,  mufsten 
wir  unentschieden  lassen;  ich  halte  allerdings  das  erstere 
für  wahrscheinlicher. 

Die  genannten  vier,  bezw.  fünf  Versionen  stehen  also 
als  Zeugnisse  für  den  Inhalt  der  ursprünglichen  nordischen 
Sage  der  Saxoschen  Überlieferung  gleichwertig  zur  Seite; 
für  jeden  bei  Saxo  fehlenden  Zug,  den  eine  derselben  auf- 
weist, ist  die  Möglichkeit  gegeben,  dafs  er  bereits  in  der 
geraeinsamen  QueUe,  auf  die  auch  Saxos  Erzählung  zurück- 
geht, vorhanden  gewesen  ist. 

Die  nordische  Sage  wird  für  uns  repräsentiert  durch 
Saxo  und  die  genannten  vorhandenen  Versionen. 

Die  gemeinsamen  Elemente  in  der  römischen  Sage,  der 
persischen  und  in  den  verschiedenen  Fassungen  der  nordi- 
schen Sage  sind  nun  diese: 

1.  Ein  tyrannischer  Fürst  (König,  Schah)  tötet  ruch- 
loserweise einen  mit  ihm  nah  verwandten  Grofsen,  dessen 
Sohn  sich,  um  dem  gleichen  Schicksal  zu  entgehen,  ver- 
rückt stellt  und  sich  nun  die  Vaterrache  als  Lebensauf- 
gabe setzt. 

2.  Der  getötete  Grofse  hat  noch  einen  zweiten  älteren 
8ohn,  der  in  der  römischen  Sage  von  dem  Tyrannen  gleich- 
falls aus  dem  Wege  geräumt  wird.  In  der  persischen 
Sage  hat  Kei  Chosro  einen  Bruder  Ferod,  den  Sohn  der 
ersten  Gattin  Sijawuschs,  der  Tochter  Pirans;  Ferod  wird 
als  dem  Chosro  gleichaltrig  bezeichnet,  da  Sijawusch  aber 
Pirans  Tochter  vor  Ferengis  geheiratet  hat,  so  ist  wohl 

Zenker,  Boeve-Amletbus.  15 


—     226     — 

anzunehmen ,  dafs  Ferod  etwas  älter  ist  als  Chosro,  siehe 
Rückert,  Bd.  II,  S.  284.  Ferod  wird  von  Afrasiah  nicht 
getötet,  wie  der  Bruder  des  Brutus  in  der  römischen  Sage, 
fällt  aber,  im  turanischen  Heer  kämpfend,  jung  im  Kampfe 
gegen  Chosros  eigenen  Feldherrn  Tus  und  wird  von 
Chosro  bitter  beklagt,  s.  ibid.  S.  313  und  336.  Von  den 
nordischen  Fassungen  gibt  die  Ambalessaga  dem  Amlodi 
einen  älteren  Bruder,  der,  wie  der  Bruder  des  Brutus,  von 
dem  Tyrannen  getötet  wird;  einen  Bruder,  der  am  Leben 
bleibt  und  mit  ihm  die  gleichen  Schicksale  erduldet, 
hat  der  Held  in  der  Hrolfssaga  und  der  Harald-Haldan- 
sage, dagegen  ist  von  einem  Bruder  nicht  die  Rede  bei 
Saxo,  im  Havelok  und  im  BvH. 

3.  Der  Fürst  tötet  seinen  Bruder  (dieser  ist  in  der 
nordischen  Sage  —  Saxo,  Hrolfssaga  —  mit  dem  Vater 
des  Helden  identisch,  in  der  römischen  und  persischen  Ver- 
sion von  ihm  verschieden). 

4.  Der  sich  blödsinnig  gebärdende  Knabe  legt  in  Ant- 
worten einen  anderen  Sinn,  als  sie  für  Unbefangene  zu 
haben  scheinen  (in  dieser  Formulierung  ist  das  Motiv  allen 
Versionen  gemein;  nur  handelt  es  sich  in  der  persischen 
und  nordischen  Sage  um  Antworten,  w^elche  der  Held  selbst 
gibt,  in  der  römischen  Sage  um  eine  Antwort  des  del- 
phischen Orakels). 

5.  Der  Held  gebärdet  sich  in  seinem  verstellten 
Wahnsinn  als  Hund  oder  fühlt  sich  doch  als  solcher  oder 
wird  als  solcher  bezeichnet.  Für  die  römische  Sage  ist 
dieses  Motiv,  wie  wir  sahen,  zu  erschliefsen  aus  dem  allein 
bei  Zonaras  überlieferten  Ausspruche  des  delphischen 
Orakels:  dann  werde  Tarquinius  die  Herrschaft  verlieren, 
wenn  ein  Hund  mit  menschlicher  Stimme  reden  werde, 
insofern  mit  dem  Hunde  Brutus  gemeint  ist.  Dafs  in  der 
Ambalessaga  das  „cynische"  Gebahren  Amlodis  dahin  zu 
verstehen  ist,  dafs  er  den  Hund  spielt,  wurde  oben  S.  150 


—    227     — 

ausgeführt,  wie  denn  ja  der  König  ilin  einmal  ausdrücklich 
als  solchen  bezeichnet  (Gollancz  S.  97).  Harald-Haldan 
werden  von  ihren  Pflegern  in  einer  hohlen  Eiche  unter 
dem  Vorgeben,  dafs  sie  Hunde  seien,  ernährt,  und 
man  gibt  ihnen  sogar  Hundenamen;  ebenso  werden 
Helgi-Hroar  als  Hunde  bezeichnet. 

In  der  persischen  Sage  lautet  die  zweite  von  Chosros 
Rätselantworten: 

,Der  reifsende  Leu 
Macht  den  streitbaren  Hund  nicht  scheu." 

(II,  S.  156.) 

Der  Leu  ist  Afrasiab,  der  Hund  ist  er  selber:  Chosro 
vergleicht  sich  also  mit  einem  Jagdhunde.  Diese 
Antwort  gibt  uns  den  Kommentar  zu  dem  ganzen 
Motive:  Brutus-Hamlet-Chosro  fühlt  sich  als  Jagd- 
und  Spürhund,  der  die  Fährte  eines  Wildes  ver- 
folgt! Darum  die  Maske  des  Hundes!  In  der  Hrolfs- 
und  Harald  sage  ist  das  alte  Motiv,  dessen  Bedeutung  ver- 
gessen wurde,  modifiziert. 

6.  In  allen  drei  Versionen  hat  der  König  einen  aus- 
führlich geschilderten  bösen  Traum,  den  er  sich  von 
Traumdeutern  auslegen  läfst  und  den  diese  auf  ihm  bevor- 
stehendes Unheil  und  seine  Entthronung  deuten.  Den 
Träumen  ist  allen  gemein,  dafs  der  König  sich  im  Freien 
befindet,  zum  Himmel  emporsieht  und  eines  der  beiden 
grofsen  Gestirne,  die  Sonne  oder  den  Mond,  über  sich  er- 
blickt: mit  dem  Gestirne  geht  etwas  Furchtbares  vor,  oder 
es  geht  von  ihm  etwas  Furchtbares  aus;  vor  Entsetzen  da- 
rüber erwacht  der  König^). 

Ein  Unterschied  besteht  nun  freilich  zwischen  der  römisch- 


*)  Dieser  Zug  ist  offenbar  auch  für  die  römische  Version  anzu- 
nehmen. Denn  die  Erzählung  des  Tarquinius  schliefst  mit  den  Worten : 
,ich  sah,  wie  die  Sonne  ihre  Bahn  verliefs."  Folglich  ist  er  in  diesem 
Moment  erwacht. 

15* 


228 


nordischen  Version  einerseits  und  der  persischen  Version 
andererseits  darin,  dafs  dort  der  Traum  nach  der  Er- 
mordung des  Vaters  des  Helden,  hier  vor  dieselbe  fällt. 
Dort  prophezeit  der  Traum  dem  König  die  nahende  Strafe 
für  die  Untaten,  die  er  begangen  hat,  hier  die  Strafe, 
die  ihm  droht  für  die  Untat,  die  er  begehen  wird,  wenn 
er  sich  mit  Sijawnsch  verfeindet.  Die  Auslegung  der 
persischen  Traumdeuter  lautet: 

^Sucht  der  Schah  mit  Sijawusch  Streit, 
Wird  die  Welt  wie  ein  blutrotes  Kleid. 
Von  Türken  läfst  er  keine  am  Platz, 
Dem  Kummer  des  Schahs  wird  kein  Ersatz, 
Und  fällt  er  selbst  in  des  Schahes  Hand, 
So  hält  der  Thron  von  Turan  nicht  Stand, 
Das  Land  wird  voll  von  Ungemach 
Durch  den  Kampf  um  Sijawusch'  Räch'." 

(II,  S.  47.) 

Nun  scheint  es  mir  aber  kaum  zweifelhaft,  dafs  der 
Traum  des  Schahs  hier  an  falsche  Stelle  geraten  ist,  und 
dafs  er  ursprünglich,  wie  in  den  beiden  anderen  Versionen, 
nach  die  Ermordung  des  Vaters  des  Helden  fiel.  Firdosi 
hat  ja  den  Stoif  seines  Epos,  wie  oben  dargelegt,  nicht 
selbst  erfunden,  sondern  er  ist  ihm  überkommen,  und  zwar 
ist  dieser  Stoff  teilweise  mündlich  fortgepflanzt  worden. 
Nun  ereignen  sich  bei  mündlicher  Überlieferung  längerer 
Erzählungen,  wie  allgemein  bekannt,  in  Folge  ungenauer 
Erinnerung  leicht  Verschiebungen  von  Motiven:  irgend  eine 
Episode  wird  vom  Nacherzähler  an  verkehrter  Stelle  ein- 
gefügt. Dafs  Firdosis  Version  die  ursprüngliche  sei,  ist 
deshalb  unwahrscheinlich,  weil  in  ihr  ja  der  Schah  mit 
Strafe  für  eine  Untat  bedroht  wird,  die  er  noch  gar  nicht 
begangen  hat,  was  epischer  Erzählungstechnik  nicht  ent- 
spricht. Man  mufs  doch  fragen:  wenn  der  Himmel  selbst 
Afrasiab  die  unheilvollen  Folgen  einer  Entzweiung  mit 
Sijawusch  prophezeit  hat,  wie  kann  er,  der  doch  als  gottes- 


—     229    — 

gläubig  gedacht  ist,  es  denn  wagen,  der  himmlischen  Wei- 
sung zuwider  zu  handeln,  mit  Sijawusch  zu  brechen,  ihn 
mit  Krieg  zu  überziehen  und  sich  an  ihm  zu  vergreifen? 
Dann  ist  das  ja  doch  von  ihm  der  reine  Wahnsinn!  Und 
wie  kann  er  Sijawuschs  Sohn  am  Leben  lassen,  wenn  ihm 
prophezeit  ist,  dafs  die  Rache  für  Sijawusch,  die  ja  doch 
in  erster  Stelle  dem  Sohne  oblag,  ihn  vom  Throne  stofsen 
werde?  Nein,  ganz  sicher  stand  der  Traum  ursprünglich 
nach  der  Ermordung  Sijawuschs,  verkündete  dem  Schah 
die  drohende  Strafe  für  begangenes  Unrecht  und  ist  nur 
durch  ein  Versehen,  sei  es  Firdosis  selbst  oder  seiner  Quelle, 
schon  vor  Sijawuschs  Ermordung  eingereiht  worden.  Dafs 
der  Traum  mit  dem  des  Tarquinius  und  dem  des  Faustinus 
ursprünglich  identisch  ist,  kann  nach  den  speziellen  Über- 
einstimmungen, die  er  einerseits,  wie  später  S.  234  ff.  gezeigt 
werden  wird,  mit  dem  ersteren,  anderseits  mit  dem  des 
Faustinus  aufweist,  und  im  Hinblick  auf  die  merkwürdige 
Ähnlichkeit,  welche  zwischen  der  auf  den  Traum  selbst 
folgenden  Scene  im  persischen  Epos  und  der  auf  die  Traum- 
deutung folgenden  in  der  Ambalessaga  besteht,  s.  unten 
S.  236 f.,  meines  Erachtens  nicht  wohl  bezweifelt  werden. 

7.  In  allen  drei  Versionen  macht  der  Held  eine  Reise 
übers  Meer,  und  zwar  unternimmt  er  sie  entweder  auf  den 
Befehl  des  Königs,  oder  aber  sein  Beschützer  flüchtet  ihn 
übers  Meer,  um  ihn  den  Nachstellungen  des  Königs  zu 
entziehen:  Brutus  reist  im  Auftrage  des  Tarquinius  nach 
Delphi,  Chosro  wird  auf  Befehl  des  Königs  übers  Tschi- 
nische Meer  nach  Matschin  gebracht,  Amleth  wird  -an  den 
Hof  des  Königs  von  Britannien  gesandt,  Amlodi  an  den 
des  Tamerlaus,  Havelok  wird  von  Grim  nach  England 
gebracht,  Helgi  und  Hroar  werden  von  Regln  nach  der 
Vifilsey,  Harald  und  Haidan  von  Regno  nach  Fünen  ge- 
rettet. 

8.  In  allen   drei  Versionen  fülirt  der  Held,  Brutus- 


—     230     — 

Hamlet-Chosro,  später  Krieg  gegen  den  König,  besiegt  ihn 
in  einer  Schlacht,  stöfst  ihn  vom  Thron  und  ergreift  selbst 
die  Zügel  der  Regierung.  Unter  den  nordischen  Versionen 
wissen  von  einem  Kriege  und  einer  Schlacht  allerdings 
nur  der  BvH  und  die  Hamletsage;  in  allen  anderen  Ver- 
sionen wird  die  Königshalle  in  Brand  gesteckt,  und  zwar 
wird  bei  Saxo  der  König,  während  die  Halle  brennt,  von 
Amleth  mit  dem  Schwerte  getötet  (wie  Afrasiab  durch 
Kei  Chosro  in  der  persischen  Sage),  in  der  Ambalessaga 
verbrennt  er  offenbar  mit  in  der  Halle,  da  sonst  einer  anderen 
Todesart  keine  Erwähnung  geschieht,  in  der  Hrolfssage 
will  er  durch  einen  unterirdischen  Gang  entfliehen,  wird 
aber  in  die  Halle  zurückgetrieben  und  verbrennt  mit  den 
anderen,  vgl.  oben  S.  122,  in  der  Haraldsage  wird  er  um- 
gekehrt gezwungen,  „in  die  Enge  einer  längst  zuvor  an- 
gelegten Höhle  (!)  und  in  das  Versteck  eines  dunklen  Ganges 
sich  zu  verkriechen",  und  erstickt  hier  (Jantzen  S.  341), 
im  Brjammärchen  endlich  findet  er  seinen  Tod  wie  die 
anderen  Gäste,  die  sich  im  Streit  gegenseitig  erschlagen. 
Wir  werden  später  sehen,  dafs  auch  diese  Versionen,  die 
des  Brjammärchens  ausgenommen,  sämtlich  Reflexe  von 
Episoden  des  persischen  Epos  darstellen  und  nicht  etwa 
als  jüngere  Umbildungen  des  Boeve-Havelok-Motives,  wo- 
nach der  Tyrann  in  einer  Schlacht  besiegt  wird,  aufgefafst 
werden  dürfen. 

Ich  denke  nun,  diese  Übereinstimmungen  der  drei 
Sagen  genügen,  zusammen  mit  den  weiter  unten  heraus- 
zuhebenden Übereinstimmungen  der  einzelnen  Sagen  unter 
sich,  vollkommen,  um  einen  Zusammenhang  zwischen  ihnen 
so  ziemlich  zur  Gewifsheit  zu  machen. 

Es  fragt  sich  dann,  in  welchem  Verhältnis  sie  zu  ein- 
ander stehen. 

Ich  glaube,  dafs  sich  eine  Filiation  römische-persische- 
nordische  Version  nicht  nur  wahrscheinlich  machen,  sondern 


—     231     — 

gleichfalls  nahezu  zur  Gewifsheit  erheben  läfst.  Die  Gründe, 
welche  micli  bewegen,  eine  solche  Filiati on  anzunehmen, 
sind  die  folgenden: 

Die  persische  Sage  enthält  eine  ganze  Keihe  Züge, 
welche  der  römischen  Sage  fehlen,  wohl  aber  in  einer  oder 
mehreren  der  nordischen  Versionen  begegnen.  Das  Vor- 
handensein von  zweien  dieser  Züge  in  der  Ambalessaga 
wurde,  wie  wir  sahen,  schon  von  Jiriczek  angemerkt, 
aber  von  ihm  ungerechtfertigter  Weise  durch  Zufall  erklärt. 
Die  Züge  sind  die  folgenden: 

1.  Chosro  wird  vor  Afrasiab  durch  einen  bejahrten 
turanischen  Grofsen,  Piran,  gerettet;  ebenso  Boeve  vor 
Doon  durch  Sabot,  Havelok  vor  Hodulf  durch  Grim,  Helgi 
und  Hroar  vor  Frodi  durch  Regln,  Harald  und  Haidan 
vor  Frotho  durch  Regno. 

2.  Piran  ist  einerseits  der  treusorgende  Beschützer 
Chosros,  anderseits  aber  der  ergebene  Diener  Afrasiabs, 
den  er  nach  bestem  Wissen  berät  und  in  dessen  Dienst 
er  fällt  (Bd.  111,  S.  133).  Die  gleiche  Zwitterstellung  nimmt 
in  der  Ambalessaga  ein  Gamaliel  zwischen  Amlodi  und 
Faustinus,  in  der  Hrolfssaga  Regln  zwischen  Helgi-Hroar 
und  Frodi,  in  der  Harald-Haldansage  Regno  zwischen  den 
beiden  verfolgten  Knaben  und  Frotho. 

3.  Nach  der  Ermordung  Sijawuschs  nimmt  der  getreue 
Piran  dessen  Gattin  Ferengis,  die  mit  Chosro  im  fünften 
Monate  schwanger  ist,  in  seinem  Hause  auf,  und  hier  wird 
Chosro  geboren.  Im  Havelok  birgt  nach  Gunters  Er- 
mordung Grim  dessen  Gattin  und  Havelok  auf  seinem  am 
Meer  gelegenen  Schlosse,  bis  er  mit  ihnen  zu  Schiff  ent- 
flieht, V.  53  ff.  In  der  Sage  von  Olaf  Tryggvason,  die,  wie 
S.  102  ff.  gezeigt,  mit  der  Haveloksage  nahe  verwandt  scheint, 
ist  nach  der  einen  Version  der  Held,  wie  in  der  persischen 
Sage,  beim  Tode  seines  Vaters  noch  ungeboren,  seine  Mutter 
flieht  unter  Führung  des  getreuen  Thorolf. 


232 


4.  Chosro  wächst  bis  zu  seinem  zehnten  Jahre  bei  den 
Hirten  im  Gebirge  auf;  auch  Boevc  ist  einige  Zeit  lang 
Hirt,  vgl.  S.  212,  Helgi  und  Hroar  sind  nach  einer  Ver- 
sion mit  Ziegen  aufgewachsen  („einige  Leute  meinen,  dafs 
sie  mit  Ziegen  aufgewachsen  seien"),  Amlodi  weilt  bei  den 
Hirten  im  Gebirge  und  wird  später  zum  Sauhirt  ernannt. 

5.  Chosro  wird  zu  den  Hirten  gebracht  auf  ausdrück- 
lichen Befehl  Afrasiabs: 

Zieht  ihn  nicjit  unter  den  Menschen  auf, 
Schickt  ihn  ins  Gebirg  zu  den  Hirten  hinauf, 
Dafs  er  gar  nicht  höre,  wer  ich  bin, 
Und  warum  ich  ihn  gab  dahin. 

(Rückert,  B.  II,  S.  151.) 

Ebenso  wird  in   der  Ambalessaga  Amlodi  Hirt   auf  aus- 
drücklichen Befehl  des  Faustinus,  vergl.  Gollancz  S.  83. 
7.  Chosro  liegt  als  Hirt  im  Gebirge  der  Jagd  ob: 

Als  zehn  Jahre  ward  der  Hochanstreber, 
Jagt'  er  den  Wolf,  den  Bär  und  den  Eber ; 
Dann  ging  er  an  Low'  und  Leopard, 
Und  Holz  nur  war  seine  Waffenart. 

(II,  S.  158). 

Ebenso  Amlodi  als  Sauhirt:  „Tags  über  pflegte  er  in  die 
Wälder  und  Forste  zu  gehen  und  erschlug  dort  wilde  Tiere 
und  Rosse  und  trug  die  Beute  nach  Hause"  (Gollancz, 
S.  103). 

7.  Chosro  zeichnet  sich  früh  durch  ungewöhnliche  Kör- 
perkraft und  tollkühnen  Mut  aus:  der  ihm  als  Pflegevater 
bestellte  Hirt  kommt  zu  Piran  und  führt  Klage  über  den 
zehnjährigen: 

Gegen  diesen  unbändig  freien 
Komm'  ich  den  Pehlewan  anzuschreien. 
Einst  hat  er  Jagd  auf  Rosse  gemacht. 
Nicht  an  Löwen  und  Pardel  gedacht; 
Doch  jetzt,  ob  Löwenkampf  es  sei, 
Ob  Rehjagd,  ist  ihm  einerlei. 

(II,  S.  153.) 


—     233     — 

Ebenso  tut  sich  Boeve  am  Hofe  Hermins  durch  seine  ge- 
waltige Stärke  und  seine  Tapferkeit  hervor:  als  er  15-jährig 
ist,  wagt  schon  kein  Ritter  mehr,  mit  ihm  zu  tur- 
nieren;  er  erlegt  einen  Eber,  dem  sonst  niemand  gewachsen 
ist,  und  verteidigt  sich  auf  der  Heimkehr  von  der  Jagd 
erfolgreich  gegen  zehn  Förster,  die  ihm  den  Tod  geschworen 
haben,  vgl.  V.  416 — 484.  Desgleichen  ist  Havelok  der 
stärkste  Mann  am  Hofe  Alsis  und  allen  Rittern  überlegen, 
zwölf  Männer  können  die  Last  nicht  heben,  die  er  zu  tragen 
vermag,  vgl.  Lai  d'Hav.  V.  261  ff.: 

.  .  Devant  eus  liuter  le  fesoient 
As  plus  forx  honies  qil  savoient, 
Et  il  trestoux  les  abatit 


Li  rois  forment  s' estner veilloit 
De  la  force  qen  lui  veoit. 
Dis  des  plus  forx  de  sa  meson 
N'eurent  vers  li  nule  fuison; 
XII.  homes  ne  poeient  lever 
Le  fes  que  il  poeit  parier. 


Eine  noch  viel  gröfsere  Rolle  spielt  das  Motiv,  wie 
wir  sahen,  in  der  Ambalessaga,  vgl.  oben  S.  157.  Am- 
lodis  ungeheure  Körperkraft  wird  wiederholt  ausdrücklich 
erwähnt  und  in  Kämpfen  mit  Riesen,  denen  sonst  niemand 
gewachsen  ist,  mehrfach  vorgeführt. 

8.  Afrasiab  befiehlt  Piran,  den  Chosro  zu  ertränken, 
Piran  aber  bringt  den  Schah  von  seinem  Vorhaben  ab; 
im  BvH  befiehlt  die  Königin  dem  Sabot  (=  Piran,  s.  Nr.  1), 
Boeve  umzubringen,  aber  Sabot  führt  den  Befehl  nicht  aus. 

9.  Afrasiab  befiehlt  Piran,  Chosro  zu  ertränken,  be- 
sinnt sich  aber  auf  Pirans  Vorstellungen  hin  eines  andern 
und  beauftragt  letzteren,  den  Knaben  übers  Meer  nach 
Matschin  zu  scliaffen: 

Jenseits  des  tschinischen  Meeres  Strand 
Sei  er  gesandt,  dals  die  Recken  hie 
Finden  von  ihm  ein  Zeichen  nie! 


—     234     — 

Schnell  sendet  ihn  der  General 
Hinüber,  wie  der  Schah  befahl. 

(II,  S.  193.) 

Im  BvH  erteilt  die  Königin  den  Befehl,  Boeve  ent- 
weder zu  ertränken  oder  im  Hafen  an  Handelsleute  zu  ver- 
kaufen; das  letztere  geschieht,  und  die  Kaufleute  führen 
Boeve  übers  Meer  nach  Armenia  (=  Armorica),  V.  346  ff.; 
Havelok  wird  durch  den  getreuen  Grim  übers  Meer  nach 
England  geflüchtet,  V.  89  ff.;  Helgi  und  Hroar  werden 
durch  Kegin  nach  der  Vifilsinsel  gebracht,  vgl.  oben  S.  121; 
Harald  und  Haidan  durch  Eegno  nach  Fünen,  Regno  bittet 
den  Frotho,  er  möge  „die  Kleinen,  denen  er  schon  den 
Vater  genommen,  schonen  und  es  nicht  als  ein  Glück  an- 
sehen, sich  mit  einem  doppelten  Verwandtenmorde  zu  be- 
flecken."    Frotho  folgt  dem  Eate. 

10.  Der  Traum,  der  im  persischen  Epos  den  Afrasiab 
vor  Feindseligkeiten  gegen  Sijawusch  warnt,  zeigt  eine 
höchst  merkwürdige  Übereinstimmung  mit  dem  ersten  Traum, 
der  in  der  Ambalessaga  dem  Faustinus  das  nahende  Ver- 
hängnis prophezeit.  Wie  schon  oben  dargelegt,  mufs  dieser 
Träum  in  Firdosis  Bearbeitung  der  Sage  an  falsche  Stelle 
geraten,  transponiert  worden  sein;  er  sollte  ursprünglich 
die  immer  erneute  Angst  Afrasiabs  vor  der  Eache  des 
Enkels  motivieren: 

Afrasiab  sieht  im  Traum  eine  Steppe  voller  Schlangen, 
den  Himmel  voller  Geier.  Sein  Zelt  ist  am  Rande  der 
Ebene  aufgeschlagen  und  von  einem  Heer  Kriegern  um- 
geben. Da  erhebt  sich  ein  Sturmwind,  der  die  Fahne  um- 
reifst, von  allen  Seiten  wälzen  sich  Blutströme  heran,  die 
Leichen  von  unzähligen  Kriegen  liegen  kopflos  umher.  Ein 
Heer  aus  Iran  kommt  angerückt,  hunderttausend  Iranier 
stürzen  auf  ihn  los,  reifsen  ihn  vom  Thron  und  schleppen 
ihn  gefesselt  fort. 


—     235     - 

Es  war  ein  Thron  erhöht  zum  Monil, 

Auf  dem  der  Kriejifsfiirst  Ka'us  thront'. 

Ein  Jüngling  mit  Wangen  wie  der  Mond 

Zur  Seite  von  Schah  Ka'us  thront', 

Seiner  Jalire  kaum  zweimal  sieben; 

Als  er  mich  sah  herbeigetrieben, 

Schnaubt'  er  der  drohenden  Wolke  gleich 

Und  zerhieb  mich  mit  einem  Streich. 

Vor  Schmerz  rief  ich  ein  lautes  Ach, 

Der  Schmerz  und  der  Angstschrei  machten  mich  wach." 

(II,  S.  45  f.) 

Nach  der  Übersetzung  des  Grafen  von  Scliack  kommt 
der  Schwertstreich  nicht  zur  Ausführung,  da  Afrasiab  schon 
infolge  des  Schreckens  über  den  ihm  drohenden  Schwert- 
hieb erwacht: 

Als  er  mich  vor  sich  schaute  mit  der  Fessel, 
Schwang  er  sich  auf,  der  Donnerwolke  gleich, 
Mich  zu  zerhau'n  mit  einem  Schwertesstreich. 
Da  schrie  ich  auf  —  und  aus  dem  Traum  der  Nacht 
Bin  ich  entsetzt  bei  diesem  Schrei  erwacht." 

(S.  201.) 

Uamit  stimmt  überein  die  Übersetzung  von  Mohl,  II, 
S.  207:  „Je  poussais  dans  ma  peur  de  longs  cris,  et  les  cris 
et  la  peur  m*ont  reveille" 

Der  Traum  des  Faustinus  ist  dieser:  Faustinus  blickt, 
auf  freiem  Felde  stehend,  zum  Himmel  empor  und  sieht  die 
Sonne  sehr  nahe,  sie  ist  blutrot.  Ein  Schwert  fällt  aus  der 
Sonne  herab  und  schlägt  ihm  die  rechte  Hand  ab.  Dann 
vei-schwindet  die  Sonne,  an  ihrer  Stelle  erscheint  ein 
grofses  glühendes  Schwert,  das  nach  seinem  Kopfe  zielt, 
und  er  sieht  keine  Möglichkeit,  ilim  zu  entgehen  —  da  er- 
wacht er  (Gollancz  S.  105). 

Ich  meine,  die  Übereinstimmung  des  Schlusses  der 
beiden  Träume  ist  geradezu  überraschend:  von  einem  „zum 
Mond  erhöhten  Thron"  (Rückert)  oder  einem  Thron,  der 
,.dem  Monde  gleicht"  (semblable  ä  la  lune  hrülcinte,  Mohl), 
wir  dürfen  also  direkt  sagen:  vom  Monde,  bei  Firdosi, 


—     236     — 

von  der  Sonne  in  der  Ambalessaga,  zielt  ein  Schwert 
auf  den  Schah,  bezw.  auf  den  König  herab,  das  ihn 
entzwei  spalten  will,  vor  Entsetzen  erwacht  er. 

Das  Motiv  ist  ein  so  eigenartiges,  die  Übereinstimmung 
eine  so  genaue,  dafs  hier,  meine  ich,  die  ursprüngliche 
Identität  mit  voller  Bestimmtheit  behauptet  werden  darf. 

11.  Ebenso  erinnert  die  Scene,  welche  die  Erregung 
Afrasiabs  nach  dem  Traum  schildert,  aufs  lebhafteste  an  die 
Scene,  die  sich  in  der  Ambalessaga  nach  dem  Traum  des 
Faustinus  abspielt,  der  letzterem  die  von  Amlodi  drohende 
Gefahr  ankündigt.  Allerdings  entspricht  der  Gamaliel  der 
Saga  nicht  dem  Gersiwas,  sondern  dem  Piran  der  persischen 
Version,  Gersiwas  steht  vielmehr  gleich  dem  Addomolus 
der  Saga.  Aber  Gamaliel  und  Gersiwas  ist  es  gemein,  dafs 
sie  Vertraute  und  Berater  des  Fürsten  sind,  sie  konnten 
deshalb  verwechselt  werden,  und  überdies  ist  auch  Addo- 
molus bei  der  Scene  anwesend: 

Als  Afrasiab  von  seinem  Traum  erwacht,  stürzt  er 
aus  seinem  Bette  auf  den  Boden,  worauf  erst  die  Diener, 
dann  Gersiwas  herbeieilen;  letzterer  zieht  ihn  an  seine 
Brust  und  beruhigt  ihn: 

Er  warf  sich  an  den  Boden  in  Staub, 
Sein  Herz  furchtbarer  Flammen  Raul); 
Auch  die  Diener  rannten  herbei. 
Erhoben  von  allen  Seiten  Geschrei. 
Als  Gersiwas  erfuhr  dieses  Leid. 
Verdunkelt  des  Schah tums  Herrlichkeit, 
Eilt'  er  dahin  zum  Schah  zu  fliegen, 
und  fand  ihn  an  dem  Boden  liegen. 
Zog  an  die  Brust  ihn  und  ihn  fragt : 
„Was  ist  Dir?     Es  sei  dem  Bruder  gesagt!" 
Zur  Antwort  gab  er:   „Frage  nicht. 
Verlange  jetzt  nicht  von  mir  Bericht! 
Bis  ich  wieder  mein  selbst  bewufst 
AVerde,  halte  mich  fest  an  der  Brust.'' 
Als  er  nach  einiger  Zeit  sich  besann, 
Sah  ihn  die  Welt  mit  Weinen  an. 

(II,  S.  44.) 


—     237     - 

Damit  vergleiche  man,  was  die  Ambalessaga  von 
Faustinus  erzählt,  nachdem  ihm  die  Traumdeiiter  seinen 
Traum  ausgelegt  haben: 

„  .  .  .  Er  fiel  in  Ohnmacht,  und  als  die  Hötiinge  ihn 
wie  tot  daliegen  sahen,  kamen  sie  heran,  aber  sie  konnten 
ilim  nicht  helfen.  Da  kam  Gamaliel  und  legte  seine  rechte 
Hand  auf  die  Brust  des  Königs,  der  daraufhin  wieder  zu 
atmen  begann,  und  er  kam  wieder  zu  sich  und  wunderte 
sich  über  dieses  Mifsgeschick  und  fafste  grofse  Liebe  zu 
Gamaliel"  (Gollancz  S.  107). 

12.  Afrasiab,  in  Furcht  vor  Chosro,  beauftragt  Piran, 
sich  nach  diesem  zu  erkundigen:  sei  der  Knabe  der  Ermor- 
dung des  Vaters  nicht  eingedenk,  so  möge  er  leben,  trage 
er  sich  hingegen  mit  Eachegedanken,  so  solle  er  getötet 
werden.  Piran  beruhigt  den  Schah,  der  Knabe  sei  nach 
dem,  was  er  von  den  Hirten  gehört,  ,.ohne  Vernunft" 
(II,  S.  154). 

Ähnlich  beauftragt  in  der  Ambalessaga  Faustinus  seinen 
Bruder  Tamerlaus,  den  Amlodi  zu  beobachten:  sei  er  in 
Wahrheit  blöden  Geistes,  wie  er  sich  stelle,  so  möge  er 
am  Leben  bleiben,  zeige  er  aber  gesunden  Verstand,  so 
solle  er  getötet  werden  (Gollancz  S.  129). 

13.  Nachdem  Chosro  übers  Tschinische  Meer  gesandt 
ist,  zieht  Gew,  der  Sohn  des  getreuen  Guderz,  im  Auftrage 
seines  Vaters  allein  in  die  Welt  hinaus,  um  Chosro  zu 
suchen,  und   findet  ihn  in   einem  Walde  (II,  S.  203  if.). 

Nachdem  Boeve  übers  Meer  verkauft  ist,  macht  sich 
Thierri,  der  Sohn  des  getreuen  Sabot,  im  Auftrage  des 
Vatei^  allein  auf,  um  Boeve  zu  suchen  und  triff't  mit  ihm 
unter  einem  Baume  zusammen,  V.  822  ff. 

14.  Sijawusch  besitzt  ein  wunderbares,  kluges  Eofs,  dem 
an  Schnelligkeit  kein  anderes  gleich  kommt,  den  Rappen 
Bihzad.  Auf  diesem  Rosse  besteht  er,  um  vor  Ka'us  seine 
Unschuld  darzutun,  die  Feuerprobe,  indem  er  durch  den 


—     238     - 

Feuerberg  hindurclireitet  (II,  S.  30).  Als  ein  Traum  ihm 
sein  bevorstehendes  Ende  angekündigt  hat,  tötet  er  alle 
seine  andern  Eosse,  den  Bihzad  aber  läfst  er  frei  und 
sagt  ihm,  er  solle  dereinstmals  seinen  Sohn  tragen: 

Den  Rappen  Bihzad  nahm  er  vor, 

Der  wohl  liefe  dem  Winde  zuvor. 

An  die  Brust  drückt  er  seinen  Schopf, 

Nahm  ihm  Gebifs  und  Kappzaum  vom  Kopf, 

Sagt  ihm  ins  Ohr  viel  Heimlichkeit: 

„Sei  wacker  und  keinem  dienstbereit. 

Wenn  Chosro  kommt,  nach  Rache  zu  jagen, 

Geziemt  Dir's,  seine  Zügel  zu  tragen. 

Geh,  sei  vom  Stall  ganz  losgezählt. 

Bis  er  zu  seinem  Reittier  Dich  wählt. 

Sein  Reittier  sei  und  stampfe  die  Welt, 

Fege  mit  Hufschlag  den  Feind  aus  dem  Feld!" 

Die  übrigen  Rosse  verstümmelt  er, 

Zerhieb  mit  dem  Schwert  sie  wie  Geröhr. 

(LI,  S.  135.) 

Chosro,  herangewachsen,  findet  das  Eofs  auf  der  Berg- 
weide bei  Sijawuschgird  und  legt  ihm  Sattel  und  Zaum 
an,  was  Bihzad,  der  in  ihm  Sijawuschs  Sohn  erkennt,  ruhig 
geschehen  läfst: 

Schnell  ging  Chosro  mit  hohem  Wuchs; 
Wie  er  hinkam  zum  Bache,  flugs 
Dem  Bihzad  Sattel  und  Zaum  er  wies, 
Ob  ihm  würde  des  Wunsches  Erspriefs. 
Bihzad  sah  den  Keianen,  bog 
Den  Hals,  und  schaudernd  den  Atem  zog; 
Den  Sitz  des  Sijawusch  von  Pardelfell 
Sah  er,  von  Eschholz  das  Sattelgestell; 
Er  hielt  an  der  Tränke  seinen  Schritt 
Und  tat  von  dannen  keinen  Tritt. 
Wie  Kei  Chosro  geschirrt  ihn  sah. 
Eilt'  er  und  bracht'  ihm  den  Sattel  nah. 
Der  edle  Rappe  stand  an  der  Stell' 
Und  weint  aus  beiden  Augen  hell. 


Er  legt'  sein  Aug'  an  des  Tieres  Kopf 
Und  strich  ihm  Brust  und  Hals  und  Schopf. 


—     239     — 

Er  legt  ihm  den  Zaum  im,  den  Sattel  auf, 
Und  rief  schmerzhaft  zum  Vater  auf. 
Im  Sattel  er  safs,  den  Schenkel  er  schlofs, 
Da  setzt«  sich  in  Gang  der  Kolofs 
Und  davon  wie  ein  Lufthauch  rannt'. 

(II,  S.  211.) 

Ein  ebensolches  kluges,  getreues,  windschnelles  Rofs 
besitzt  Boeve,  Arondel.  Er  erhielt  es  beim  Ritterschlag 
von  Josiane,  der  Tochter  Herrains,  zum  Geschenk. 

La  pucele  Li  doune  un  destrer  prise, 
unkes  meillour  cheval  de  li  ne  fu  trove, 
unkes  deu  ne  ßst  beste,  sachex  de  veriie, 
ke  li  ateifidereit  de  un  arpent  mesure. 

(V.  542 ö'.) 

Arondel  spielt  dann  in  der  Erzählung  eine  wichtige 
Rolle:  Er  läfst  sich  von  niemand  als  von  Boeve  und  Jo- 
siane anrühren.  Als  Yvori  ihn  einmal  reiten  will,  da  ver- 
setzt Arondel  ihm  mit  dem  Hinterfufs  einen  solchen  Schlag 
gegen  die  Brust,  dafs  er  gegen  die  Mauer  fallt  und  krank 
foitgetragen  werden  mufs  (V.  1011—1034).  Als  Boeve  in 
Pilgerkleidung  zu  Josiane  kommt,  die  in  seiner  Abwesen- 
heit das  Rofs  bei  sich  behalten  hat,  wiehert  es  laut  schon 
bei  Nennung  von  Boeves  Namen  und  läfst  ihn  dann  ruhig 
aufsitzen: 

Arundel  vist  son  seynur  aprocker: 
tmit  fu  orgulus,  tie  se  deyne  muer; 
tot  coye  estuty  ne  voit  de  iluc  aler. 

Boves  de  Hampton  s'est  tantost  monte, 
e  le  destrer  demeyne  grant  feriie, 
henit  e  gratit  la  tere  de  son  pe, 
ben  conut  son  seynur,  sachcx  de  verite, 
plus  orgulos  devint  ke  home  ke  fu  ne, 
tretut  galopant  comence  aler. 

(V.  1451—59.) 

Die  Scene  erinnert  offenbar  lebhaft  an  die  im  Schah- 
name, wo  Chosro  auf  der  Weide  von  Bihzad  erkannt  wird. 
Vgl.  ferner  Stimmings  Inhaltsangabe  S.  LXHI,  LXXI,  LXXVI. 

15.  Als  Chosro  mit  seiner  Mutter  Ferengis  und  Gew 


—     240     — 

nach  Iran  geflüchtet  ist,  setzt  ihm  erst  ein  Reiteitriipp. 
dann  Piran  selbst  nach,  beide  aber  werden  besiegt,  und 
die  Flüchtigen  eilen  weiter;  sie  kommen  an  den  reifsenden, 
vom  Frühjahrsregen  hoch  angeschwollenen  Dschihun.  Da 
der  Fährmann  unerhörten  Lohn  fordert  —  er  verlangt  eines 
von  vieren:  Gews  Panzer,  den  Rappen  Bihzad,  Ferengis 
oder  Chosro  selbst  —  so  beschliefsen  sie,  es  lieber  auf 
eigene  Faust  zu  wagen.  Chosro  fleht  in  inbrünstigem  Gebet 
Gott  um  seinen  Beistand  an,  dann  setzen  sie  trotz  ihrer 
schweren  Rüstungen  in  den  Strom  hinein  und  erreichen 
auch  glücklich  das  jenseitige  Ufer.  Als  Afrasiab,  der  sich 
selbst  zu  ihrer  Verfolgung  aufgemacht  hat,  mit  den  Seinen 
an  den  Strom  kommt,  der  Iran  und  Turan  scheidet,  da  wird 
ihm  geraten,  sich  nicht  in  den  „Löwenrachen"  hinein  zu 
wagen,  und  so  kehrt  er  ärgerlich  um: 

Sie  kehrten  mit  blutendem  Herzen  zurück  .  . 

(II,  S.  234.) 

Nachdem  Boeve  aus  Bradmonds  Gefangenschaft  ent- 
ronnen ist,  setzt  ihm  Bradmond  mit  3000  Rittern  nach  und 
holt  ihn  ein.  Boeve  tötet  im  Kampfe  Bradmond  selbst 
sowie  dessen  Neifen  Grander  und  reitet  weiter.  Er  kommt 
an  einen  reifsenden  Strom,  der  eine  halbe  Meile  breit  ist: 

venu  est  a  un  ewe,  dunt  il  est  irre, 
demy  lue  out  le  eive  de  lee. 
Boefs  prent  la  laiince  si  ad  dedetix  taste, 
si  ele  fut  parfounde  e  de  graunt  ferte; 
e  le  eice  fu  si  redde,  sachex  de  verite, 
ke  hors  de  son  poyn  porta  sun  espe. 

(\\  1236—41.) 

Boeve  fleht  im  Gebet  Gott  aus  tiefster  Seele  um 
seinen  Beistand  an,  dann  setzt  er  hinein  in  den  Strom  und 
erreicht  glücklich  das  jenseitige  Ufer.  Als  die  Sarazenen 
an  den  Flufs  kommen  und  sehen,  dafs  er  bereits  liinüber  ist, 
kehren  sie  mifsmutig  um: 


-     241     — 

Le  Sarxins  viretü  ke  il  est  oltre  passex, 
tut  dolent  sont  arere  tornex. 

(V.  1269.) 

16.  Als  Piraii  erfährt,  dafs  Chosro  mit  seiner  Mutter 

und  Gew  aus  Matschin  („jenseits  des  Tschinischen  Meeres") 

nach  Iran  entflohen  ist,  gerät  er  aufser  sich,  da  er  dem 

Schah  für  Chosro  verantwortlich  ist. 

„Nun  geschah 
Was  mir  immer  gesagt  hat  der  Schah. 
Was  sag'  ich  nun  dem  Afrasiab, 
Bei  dem  ich  das  Wasser  verschüttet  hab'? 


Wenn  er  [Chosro]  über  das  Wasser  entkam, 
Bringt  er  noch  über  dies  Land  viel  Gram." 

(II,  S.  214.) 

Er  verfolgt  die  Flüchtlinge  und  benachrichtigt,  selbst 
von  Gew  besiegt,  den  Afrasiab,  der  ihnen  nun  mit  Heeres- 
macht nacheilt. 

In  der  Harald-Haldansage  verspricht  Kegno,  nachdem 
er  seine  Schützlinge  nach  Fünen  gebracht  hat,  dem  Frotho, 
„wenn  jene  irgend  welche  Umwälzungen  in  ihrem  Vater- 
lande planten,  so  würde  er  dem  König  Meldung  machen." 
Harald  und  Haidan  begeben  sich,  herangewachsen,  nach 
Seeland  und  sprechen  es  offen  aus,  dafs  sie  nun  den  Tod 
ihres  Vaters  rächen  wollen.  Als  Eegno  dies  erfährt,  eilt 
er,  seines  Versprechens  eingedenk,  zu  Frotho  und  benach- 
richtigt ihn  von  dem  Anschlag.  Frotho  „sammelte  ein 
Heer  und  beschlofs,  dem  Aufruhr  durch  seine  Grausamkeit 
zuvorzukommen"  (Saxo,  B.  VII,  Jantzen  S.  340). 

Wir  haben  also  hier  wie  dort  den  bejahrten  Freund 
des  verfolgten  Knaben,  bezw.  der  beiden  verfolgten  Knaben, 
der  erst  seinen  Schützling  (seine  Schützlinge)  in  Sicherheit 
bringt,  dann  aber,  als  der  Jüngling  entflohen  ist  (beide 
entflohen  sind),  seinen  Herrn  vor  der  ihm  von  jenem  (den 
beiden)  drohenden  Gefahr  warnt  —  offenbar  ein  durchaus 
eigenartiges  Motiv. 

Zenker,  Boeye-Amletbos.  16 


—     242     — 

Nachdem  Chosro  mit  seiner  Mutter  und  Gew  aus  Mat- 
schin geflüchtet  ist,  begibt  er  sich  nach  Iran  an  den  Hof 
seines  väterlichen  Grofsvaters,  des  Schahs  Kei  Ka'us,  der 
ihn  mit  offenen  Armen  aufnimmt  und  sofort  ganz  in  sein 
Herz  schliefst: 

„Als  Ka'us  das  Antlitz  Chosros  schaut', 
Die  Thräne  vom  Aug'  auf  die  Wang'  ihm  taut'. 
Er  kam  vom   Thron  und  ihn  umschlang, 
Drückt'  Aug'  und  Wang'  an  seine  Wang'." 

Chosro  soll  zum  Thronfolger  ernannt  werden,  aber  Tus, 
der  Sohn  des  Schah  Naudher,  weigert  sich,  ihn  anzuer- 
kennen und  erklärt,  Ka'us'  eigener  Sohn  Feriborz  habe 
gröfseres  Anrecht  auf  den  Thron.  Ka'us  selbst  bestimmt 
nun,  derjenige  von  beiden  solle  sein  Nachfolger  werden, 
dem  es  gelinge,  an  der  Spitze  eines  Heeres  das  Zauber- 
schlofs  Behmens  (Bahmans  bei  Mohl  H,  S.  435)  einzunehmen, 
wo  Ahriman  jedes  Jahr  bekriegt  werden  müsse.  Tus  und 
Feriborz  bemühen  sich  eine  Woche  lang  vergebens,  dem 
Schlosse,  beizukommen,  dagegen  gelingt  es  Chosro,  den  Zauber 
zu  brechen  und  das  Schlofs  zu  erobern.  Durch  diese  Tat 
erringt  er  die  Bewunderung  der  ganzen  Welt,  Ka'us  selbst 
eilt  dem  Zurückkehrenden  hocherfreut  entgegen: 

Als  Kunde  kam  dem  Ka'us  Kei, 
Sein  glänzender  Enkel  zieh'  herbei, 
Eilt'  er  entgegen  mit  Freudenschwung, 
Des  Greisen  Herz  ward  freudenjung. 

Der  Jüngling  wird  nun  als  Erbfolger  auf  den  Thron 
gesetzt  und  alles  huldigt  ihm: 


Die  Grol'sen  kamen  daher  vom  Reich, 
Alle  Gewaltigen  ehrenreich; 
Huldigungsgrufs  ihm  weihten  sie. 
Gold  und  Juwelen  streuten  sie. 

(U,  S.  237—254.) 


Dieser  Episode  scheint  bei  Saxo  zu  entsprechen  Am 
leths  Aufenthalt  am  Hofe  des  Königs  von  Britannien,  dessen 


A_        ™I 


—     243     — 

Liebe  und  Bewunderung  er  durch  seinen  glänzenden  Scharf- 
sinn gewinnt,  in  der  Ambalessaga  Amlodis  Aufenthalt  bei 
Tamerlaus,  dem  Bruder  des  Faustinus,  im  Boeve  v.  Hamtone 
Boeves  Aufenthalt  bei  Hermin,  im  Havelok  der  Aufenthalt 
des  Helden  bei  Alsi.  Den  einzelnen  nordischen  Versionen 
sind  mit  der  pei*sischen  Sage  gemein  folgende  Motive:  1.  Der 
Held  kommt  an  den  Hof  eines  Fürsten  jenseits  des  Meeres 
und  verweilt  an  demselben  längere  Zeit  (denn  nach  Mat- 
schin, von  wo  er  sich  nach  Iran  begibt,  war  Chosro  übers 
Meer  gebracht  worden);  2.  ein  greiser  oder  doch  bejahrter 
Fürst,  der  von  Bewunderung  für  einen  heldenhaften  Jüng- 
ling erfüllt  wird  und  eine  herzliche  Liebe  zu  ihm  fafst  (Saxo, 
Ambaless.,  BvH);  3.  Sieg  des  Helden  über  einen  mächti- 
gen Feind  des  Fürsten  oder  über  eine  Mehrheit  von  Feinden 
(Ambaless.,  BvH:  Sieg  Boeves  über  Bradmond);  4.  Der 
Held  wird  unter  allen  Rittern  für  den  besten  und  würdig- 
sten (Tus  zu  Chosro:  Nicht  würdigeren  als  dich  wüfst' ich, 
H,  S.  252,  V.  1421;  Ambs.,  BvH)  oder  doch  für  den  stärksten 
(Hav.)  erklärt;  5.  er  wird  zum  Bannerträger  ernannt  (Tus 
übergibt  dem  Chosro  das  Panier  mit  den  Worten:  „  . .  Das 
Kawijani- Panier,  Die  Feldherrnwürd'  und  des  Goldschuhs 
Zier,  Ich  seh'  im  Heer  keinen  Mann  dazu,  Der  Würd'  des 
Namens  wert  bist  du,  s.  a.  a.  0.;  BvH  V.  528.  „Boefs",  dist 
li  roi,  ...  . .  e  pus  si  porterez  Ma  banere  en  hataile  devaunt 
mon  baro7inex") ;  6.  er  wird  der  Höchste  nach  dem  König 
(Thronfolge  bei  Firdosi,  „next  to  the  ki^ig"  in  der  Ambales- 
saga, GoUancz  S.  143);  7.  er  hat  Neider,  die  ihn  aus  der 
Gunst  des  Fürsten  zu  verdrängen  suchen  (BvH,  Hav.); 
8.  unmittelbar  an  die  Episode  schliefst  sich  an  die  Voll- 
bringung der  Vaten-ache,  bezw.  die  Eröffnung  der  Feind- 
seligkeiten gegen  den  Usurpator  (Chosro  beginnt  den  Krieg 
gegen  Afrasiab  sofort,  nachdem  er  als  Thronfolger  gekrönt 
ist,  s.  B.  n,  S.  258;  vgl.  dazu  Saxo,  Ambs.,  Hav.). 

Nun    bestehen    freilich   anderseits    gerade    in   dieser 

16* 


I 


—     244     — 

Episode  recht  wesentliche  Diskrepanzen  zwischen  der  persi- 
schen Sage  und  den  nordischen  Versionen:  in  den  letzteren 
ist  der  fremde  König  weder  der  Grofsvater  des  Helden 
wie  bei  Firdosi,  noch  überhaupt  mit  ihm  verwandt,  es  ist 
von  keinem  Zauberschlofs  die  Rede,  das  eingenommen 
werden  mufs,  sondern  nur  von  einem  gewöhnlichen  Feld- 
zuge, sodann  heiratet  der  Held  in  allen  nordischen 
Versionen  die  Tochter  des  Königs,  was  in  der  persischen 
Version  natürlich  nicht  möglich  ist,  u.  a.  m.  Indessen 
scheinen  mir  diese  Verschiedenheiten  im  einzelnen  gegen- 
über dem  identischen  Gesamtgepräge  der  Episode  nicht 
eben  sehr  ins  Gewicht  zu  fallen.  Wie  wir  später  sehen 
werden,  kann  die  nordische  Sage  keinesfalls  aus  dem  Epos 
Firdosis  geflossen  sein,  sondern  mufs  vielmehr  auf  eine 
mehrfach  abweichende,  vermutlich  ältere  Fassung  der  Sage 
zurückgehen.  Nun  wurde  oben  der  Nachweis  geliefert,  dafs 
die  in  Rede  stehende  Episode  der  nordischen  Sage  ihren 
Ursprung  herleiten  mufs  aus  der  römischen  Servius-Tullius- 
sage,  wie  sie  bei  Livius  und  besonders  bei  Dionys  v.  Hali- 
karnass  überliefert  ist.  Hier  erscheint  Servius  Tullius, 
der  dem  Hamlet-Chosro  entspricht,  als  der  Adoptivsohn 
und  der  Schwiegersohn  des  greisen  Königs  Tarquinius 
Priscus.  Nehmen  wir  an,  es  liege  eben  diese  römische 
Sage  dem  persischen  Epos  zu  Grunde  —  und  sie  mufs 
ihm  zu  Grunde  liegen,  wenn  wir  für  die  fragliche  Episode 
der  nordischen  Sage  nicht  jüngeren  literarischen  Einflufs 
der  Sage  annehmen,  und  wenn  wir  die  nordische  Sage  als 
Ganzes  aus  der  Chosro-Sage  ableiten  wollen  — ,  dann  fällt 
es  nicht  schwer,  die  Abweichung  der  nordischen  Sage  von 
der  persischen  bezüglich  des  Verwandtschaftsverhältnisses 
des  Helden  zu  dem  Könige,  an  dessen  Hofe  er  Aveilt,  zu 
erklären.  Denn  die  Vorstellung:  „greiser  Adoptivvater  und 
Adoptivsohn"  konnte  olfenbar  leicht  in  die  Vorstellung: 
„Grofsvater  und  Enkel''    übergehen;    der   Adoptivvater 


i 


—     245     — 

wurde  zum  leiblichen  Vorfahren,  das  Attribut  des  hohen 
Alters  dieses  Vorfahren  erzeugte  die  Vorstellung,  dafs  er 
der  Grofsvater  des  Helden  gewesen  sei.  Die  gemein- 
same Quelle  der  nordischen  Sage  und  der  persischen  des 
Firdosi  stand  der  römischen  Version  noch  nahe:  sie  ent- 
hielt die  Momente,  bezüglich  deren  die  nordische  Sage  mit 
der  römischen  übereinstimmt;  die  nordische  und  die  persi- 
sche Sage  haben  dann  verschieden  geändert.  Eine  Folge 
der  in  der  letzteren  vollzogenen  Änderung  mufste  es  sein, 
dafs  in  ihr  die  Heirat  des  Helden  mit  der  Tochter  des 
Fürsten,  die  in  der  orientalischen  Quelle  der  nordischen 
Sage  noch  vorhanden  gewesen  sein  mufs,  in  Wegfall  kam. 
Die  Ersetzung  des  siegreichen  Krieges  der  nordischen  Ver- 
sion, den  auch  die  römische  Version  hat,  durch  die  Bezwin- 
gung eines  Zauberschlofses  in  der  persischen  Sage  erklärt 
sich  leicht  durch  die  grofse  Rolle,  die  überhaupt  das  Zauber- 
wesen in  der  orientalischen  Poesie  spielt. 

18.  Nachdem  Chosro  von  Ka'us  zum  Thronfolger  er- 
nannt ist,  durchreist  er  mit  seinen  Rittern  ganz  Iran,  indem 
er  von  Stadt  zu  Stadt  zieht,  überall  seinen  Thron  aufrichtet. 
Feste  feiert  und  mit  vollen  Händen  Schätze  spendet:  „B 
s^arretait  dans  chaque  ville  et  y  dressait  son  tröne,  comme 
il  convient  ä  un  roi  que  favorise  la  fortune.  II  faisait 
ürer  de  son  tresor  des  moticeaux  d^argent,  et  son  or  e^n- 
bellissait  le  monde.  Ensuite  il  se  rendait  dans  ime  autre 
ville,  toitjours  huvant  du  vin,  assis  sur  son  tröne  et  ceint 
de  sa  couronne . , ."  (Mohl  II,  S.  450;  bei  Rückert  ist  die 
Stelle  ausgelassen). 

Ebenso  durchzieht  in  der  Ambalessaga  Tamerlaus 
(=  Ka'us),  nachdem  er  Amlodi  seine  Tochter  zur  Frau 
gegeben,  mit  diesem  vier  Monate  lang  das  Land,  indem  er 
die  Häuptlinge  besucht  und  mit  ihnen  festliche  Gelage 
veranstaltet:  „Bisweilen  pflegte  König  Tamerlaus  seine 
Häuptlinge  aufzusuchen  und  mit  ihnen  Feste  zu  feiern;  er 


—     246     — 

verwendete  etwa  vier  Monate  auf  diese  Gelage"  (Gollancz 
S.  161);  so  tut  er  nun  auch  mit  Amlocti. 

Im  Hinblick  auf  die  grofse  Zahl  und  den  zum  Teil 
sehr  speziellen  Charakter  der  bisher  aufgezählten,  der 
persischen  und  der  nordischen  Sage  gemeinsamen  Züge 
darf  nun  vielleicht  noch  ein  weiteres  durchaus  eigenartiges 
Motiv  der  nordischen  Sage,  welches  sich  in  dreien  —  oder, 
wenn  wir  das  Brjam- Märchen  =  Ambalessaga  setzen,  in 
zweien  —  ihrer  Versionen  findet  und  in  der  Ökonomie  der 
Sage  hier  eine  grofse  Rolle  spielt,  das  Motiv  von  den 
hölzernen  Stiften,  die  Hamlet  schnitzt,  zu  einem 
Motive  der  persischen  Sage  in  Beziehung  gesetzt  werden. 

19.  Saxo  erzählt  von  dem  sich  blödsinnig  gebärdenden 
Amleth:  „Häufig  safs  er  am  Herde,  wühlte  mit  den  Händen 
in  der  Asche,  schnitzte  hölzerne  Pflöcke  und  härtete  sie 
im  Feuer.  An  den  Enden  brachte  er  dann  eine  Art 
Widerhaken  an,  um  sie  für  die  Befestigung  um  so  halt- 
barer zu  machen.  Auf  die  Frage,  was  er  treibe,  antwor- 
tete er  immer,  er  verfertige  scharfe  Pfeile  zur  Rache 
seines  Vaters"  (Jantzen  S.  142).  Mit  diesen  Haken  be- 
festigt er  dann  bekanntlich  später  das  Netz  am  Boden, 
das  ihm  zur  Vollbringung  der  Rache  dient. 

Ähnlich  die  Ambalessaga:  „Seine  einzige  Beschäftigung 
war  das  Anfertigen  (langer  y)  hölzerner  Stifte,  deren  Spitzen 
er  ins  Feuer  (und  Wasser  ß)  hielt;  niemand  konnte  sagen, 
wozu  diese  Stifte  bestimmt  waren  (Gollancz  S.  75)."  Als 
ihn  später  die  Hirten  bei  dieser  Arbeit  treffen  und  ihn 
fragen,  wozu  er  die  Stifte  verfertige,  antwortet  er:  „Zur 
Vaterrache  und  nicht  zur  Vaterrache  (zur  Vaterrache, 
dann  zu  rächen  und  nicht  zu  rächen  7)"  (Gollancz  S.  83, 
Jiriczek  S.  79).  Die  Stifte  dienen  ihm  später  als  Nägel, 
um  die  Kleider  der  trunkenen  Gäste  an  den  Bänken  zu 
befestigen.    Ebenso  das  Brjammärchen. 

Nun  wird  von  dem  bei  den  Hirten  im  Gebirge  weilenden 


—     247     — 

Kei  Chosro  erzählt,  er  habe  Pfeile  ohne  Eisenspitze 

angefertigt: 

Als  siebenjährig  er  ward,  besprach 
Sich  Tugend  mit  seinem  Adel  gemach. 
Aus  Holz  und  Därmen  macht'  er  Bogen 
Und  dann,  die  Senne  straff  gezogen, 
Macht'  ohne  Gefieder  und  Eisenspitz' 
Auch  Pfeil'  er  und  ward  des  Wildes  Schütz" 

(II,  S.  152.) 

Dazu  ist  zu  nehmen  die  erste  der  Antworten,  die  er 
dem  ihn  auf  die  Probe  stellenden  Afrasiab  gibt: 

„Die  Jagd  ist  steil! 
Ich  habe  nicht  Bogen,  Senn'  und  Pfeil", 

womit  er,  wie  oben  schon  bemerkt  wurde,  sagen  will,  der- 
jenige, an  dem  er  die  Vaterrache  zu  vollbringen  habe,  sei 
„hochgestellt"  und  ihm  vorläufig,  so  lange  er  nicht  bessere, 
weittragende  Waffen,  Pfeile,  besitze,  unerreichbar:  er 
vergleicht  sich  mit  einem  Jäger,  der  das  Wild  vor  sich 
auf  steilem  Felsen  erblickt  und  ihm  nicht  beikommen 
kann,  da  es  ihm  an  Bogen  und  Pfeilen  fehlt. 

Ich  frage,  haben  wir  hier  und  in  den  nordischen  Ver- 
sionen nicht  die  identischen  Züge:  „Anfertigung  von  Pfeilen 
ohne  Eisenspitze  (deren  Spitzen  nur  im  Feuer  gehärtet 
werden)"  und  „Selbstvergleich  des  einem  Mächtigen  nach 
dem  Leben  trachtenden  Helden  mit  einem  Jäger,  der  des 
Bogens  und  der  Pfeile  bedarf"?  Denn  direkt  als  Pfeile 
bezeichnet  ja  Amleth  bei  Saxo  seine  Stifte. 

Liegt  da  die  Vermutung  nicht  sehr  nahe,  das  Saxosche 
Motiv  in  seiner  Totalität  sei  mit  jenen  beiden  Zügen  ur- 
sprünglich identisch,  sei  entweder  direkt  aus  ihnen  oder 
doch  aus  der  gleichen  Quelle  entsprungen?  Die  Antwort 
Chosros  an  Afrasiab  gibt  ja  geradezu  einen  Kom- 
mentar zu  der  Hamlets  bei  Saxo,  läfst  uns  in  letz- 
terer eine  Pointe  erkennen,  die  wir  aus  Hamlets  Worten 
nicht  herauslesen  würden,  und  die  wohl  noch  niemand  aus 


—     248     — 

ihnen  herausgelesen  hat:  als  Pfeile  bezeiclinet  Amleth 
seine  Stifte,  weil  er  sich  als  Jäger  fühlt,  und 
weil  das  Wild,  dem  er  nachstellt,  der  König,  hoch 
über  ihm  „auf  steiler  Höhe"  steht,  ihm  nur  mit 
weithintragenden  Geschossen  erreichbar  ist!  Und 
durch  diese  Erkenntnis  gewinnt  nun  mit  einem 
Schlage  auch  das  Netz,  zu  dessen  Befestigung 
Hamlet  später  seine  Stifte  verwendet,  eine  tiefere 
Bedeutung:  es  ist  das  Netz  des  Jägers,  in  dem 
dieser  das  Wild  einfängt,  um  es  dann  zu  tötenl 

Haben  wir  es  also  wirklich  ursprünglich  mit  einem 
identischen  Motiv  zu  tun,  so  bestehen  a  priori  die  beiden 
Möglichkeiten:  die  ursprüngliche  Form  des  Motives  ist  die 
der  persischen  Version  und  die  der  nordischen  Sage  ist 
erst  durch  eine  geistreiche  Umbildung  aus  jener  ent- 
standen; oder  aber:  die  nordische  Fassung  des  Motives 
war  in  der  Quelle  der  erhaltenen  persischen  Version  der 
Sage  gleichfalls  vorhanden,-  die  Form,  in  der  es  uns  in  letz- 
terer jetzt  entgegentritt,  beruht  auf  späterer  Entstellung, 
der  ursprüngliche  Sachverhalt  ist  vergessen  worden.  Von 
diesen  beiden  Möglichkeiten  ist  die  zweite  sofort  auszu- 
schliefsen;  denn  in  der  persischen  Version  vollbringt  Chosro 
die  Vaterrache,  indem  er  Afrasiab  im  Kriege  besiegt,  und 
diese  Version  ist,  wie  wir  sehen  werden,  die  ältere,  da  sie 
zur  römischen  Sage  stimmt;  in  ihr  ist  aber  oifenbar  für 
die  List  mit  dem  durch  Stifte  befestigten  Netze  oder  für 
die  andere  List,  welche  die  Ambalessaga  hat,  kein  Raum. 
Folglich  mufs,  wenn  zwischen  den  beiden  Versionen  über- 
haupt ein  Zusammenhang  besteht,  was  nach  dem  Gesagten 
gewifs  als  wahrscheinlich  bezeichnet  werden  darf,  die 
persische  Version  die  Quelle  der  nordischen  gewesen  sein, 
was  ja  auch  in  xlnbetracht  des  chronologischen  Verhält- 
nisses der  beiden  von  vornherein  das  näherliegende  ist. 

Nun  scheint  freilich  auf  den  ersten  Blick  zwischen 


—     249     — 

dem  einfachen  Motiv  der  persischen  Version:  Anfertigung 
von  Pfeilen  ausschliefslich  aus  Holz,  ohne  Eisenspitze,  zum 
Behuf  der  Jagd,  und  der  sinnreichen  Darstellung  der  Hamlet- 
sage eine  weite  Kluft  zu  gähnen,  beide  scheinen  zunächst 
immerhin  etwas  toto  genere  Verschiedenes.  Aber  ich  glaube, 
die  Kluft  läfst  sich  überbrücken,  einmal  mit  Hülfe  der 
eben  erwähnten  symbolischen  Antwort,  welche  Chosro  dem 
Afrasiab  erteilt,  und  dann  durch  die  Annahme,  es  liege 
der  Darstellung  von  Afrasiabs  Gefangennahme  im  persischen 
Epos  eine  Version  zu  Grunde,  welche  von  der  erhaltenen 
in  einem  wesentlichen  Punkte  abwich,  und  es  sei  in 
jener  das  Netz,  nur  in  anderer  Funktion  als  bei 
Saxo,  tatsächlich  bereits  vorhanden  gewesen. 
Merkwürdigerweise  verwandelt  sich  nämlich  Afrasiab  gegen 
Schlufs  der  Erzählung,  wie  wir  schon  sahen,  plötzlich 
vorübergehend  in  eine  Art  Wasserdämon  oder  Wasser- 
drachen. Seine  Gefangennahme,  deren  in  der  obigen  sum- 
mar:  sehen  Analyse  der  Sage  nur  kurz  Erwähnung  geschah, 
wird  im  einzelnen  folgendermafsen  geschildert: 

Der  Einsiedler  Hum  hat  sich  Afrasiabs  bemächtigt 
und  ihn  mit  seinem,  ihm  als  Gürtel  dienenden  Strick  ge- 
knebelt. Aus  Mitleid  aber  lockert  er  ihm  die  Fessel 
wieder: 

Als  jener  sah,  was  der  fromme  Mann, 

Gerührt  von  der  Klage  des  Schahs,  begann, 

Zuckt'  er  und  rifs  sich  los  vom  Band, 

Sprang  hinein  ins  Meer  und  verschwand. 

So  war's,  als  Guderz-Keschwädegan 

Mit  Gew  und  den  Edlen  kam  heran, 

Reitend  mit  Lust  dahin  zum  Schah; 

Als  er  von  weitem  aufs  Meer  hinsah, 

Kam  ihm  zu  Augen  Hum  mit  der  Stang', 

Der  lief  bekümmert  das  Ufer  entlang. 

Die  Farbe  des  Wassers  getrübt  sah  er, 

Das  Antlitz  des  Beters  betrübt  sah  er. 

Er  sprach  im  Herzen:  „Der  heilige  Mann 

Fischt  wohl  am  Ufer  dann  und  wann. 


l 


—     250     — 

Ein  Hai  entrifs  ihm  das  Netz  vielleicht, 
Darob  ist  er  vor  Schrecken  erbleicht." 

Er  stellt  nun  Hum  zur  Rede,  und  dieser  berichtet  ihm 
über  das  Geschehene.-  Guderz  holt,  nachdem  er  im  Feuer- 
tempel gebetet  hat,  die  Schahs  Ka'us  und  Chosro  herbei, 
denen  Hum  gleichfalls  den  Vorgang  erzählt;  er  rät,  Afra- 
siabs  Bruder  Gersiwas  herbeizuschalfen,  dessen  Geschrei 
jenen  hervorlocken  werde: 

Sie  holten  Gersiwas,  den  Unheilsmann, 

Durch  den  die  Weltzerstörung  begann; 

Seinen  Hals  in  der  Rindshaut  Haft 

Brachten  sie,  dafs  ihm  verging  die  Kraft. 

Ihm  platzte  die  Haut  und  er  rief  Pardon, 

Um  Hilfe  schrie  er  zu  Gottes  Thron. 

Als  seine  Stimm'  hört'  Afrasiab, 

Taucht  er  alsbald  aus  dem  Wassergrab, 

Er  ruderte  mit  Fufs  und  Hand 

Soweit,  bis  auf  Grund  zu  stehn  er  fand. 

Gersiwas  und  Afrasiab  klagen  sich  nun  gegenseitig 
ihr  Leid. 

Die  beiden  Schah'  überlegten  sehr, 
Der  Gottesmann  sann  hin  und  her; 
Da  kam  des  Wegs  von  der  Insel  ein  Mann, 
Sah  jenen  von  fern  ein  wenig,  dann 
Entrollt'  er  der  Fangschnur  ringelnden  Schwung, 
Krümmte  sich  wie  ein  Löwe  zum  Sprung, 
Warf  den  gewundnen  Kejanistrick, 
Und  im  Band  war  des  Herrschers  Genick, 
Stracks  schleudert'  er  ihn  aus  dem  Meer  ans  Land, 
Dafs  ihm  die  Hoifnung  des  Lebens  schwand. 
Er  warf  ihn  dem  Schah  hin  und  ging  davon; 
Es  war,  als  trüg  ihn  der  Wind  davon. 
Der  Weltschah  kam  mit  dem  blinkenden  Erz, 
Voll  Rache  das  Haupt,  voll  Sturm  das  Herz. 
So  sprach  der  Wicht  Afrasiab: 
„Das  ist's,  wovon  geti'äumt  ich  hab'! 
Lang  über  mich  ging  der  Sternechor, 
Jetzt  hebt  er  den  Geheimnisflor !" 

Chosro  tötet  dann  durch  einen  Schwerthieb  erst  Afra- 
siab, dann  Gersiwas  (in,  S.  217—223). 


—     251     — 

Wenn  iiiin  Giiderz  und  Gew  hier  den  Hiim  mit  einer 
Stange  am  Ufer  umherlaufen  und  das  Wasser  aufrühren 
sehen  und  meinen,  das  Netz  sei  ihm  entrissen  worden,  er 
suche  es  mit  der  Stange  wieder,  so  ist  das  so  zu  ver- 
stehen, dafs  sie  irrtümlich  diese  Meinung  hegen;  in 
A\'irklichkeit  fischt  Hum  mit  dem  an  der  Stange  be- 
festigten Netee,  welches  sie  nur  nicht  sehen.  Darüber 
läfst.  wie  mir  scheint,  keinen  Zweifel  die  Übersetzung  von 
Mohl,  Bd.  IV,  S.  160,  welche  hier  deutlicher  ist  als  die 
Rücke rtsche:  .;//  [sc.  GuderzJ  aper^ut  Houm  qui  tenait 
.<on  lacet  et  courait  sur  le  hord  de  Veau  comme  un  komme 
lere,  H  Vit  aussi  que  Veau  e'tait  trouhle;  il  observa  ce 
serviteur  de  Dieu  qui  avait  les  yeux  e'gares,  et  dit  lui- 
meme:  ,,Est-ce  que  ce  saint  komme  peckerait  dans  le  lac 
deKhandjest?  Un  Crocodile  aurait-il  saisi  Vhame^on'^)  destine 
a  un  poisson,  et  Vhomme  serait-il  confondu  ä  cet  aspect?" 

Hum  fischt  also  mit  einem  Netze  nach  Afrasiab;  als 
letzterer  dann  emporgetaucht  ist,  holt  ihn  ein  göttlicher 
Helfer  mit  der  Fangschnur  ans  Ufer. 

Ist  nun  die  Vermutung  wohl  zu  kühn,  es  habe  auch 
hier  ursprünglich  die  Stelle  der  Fangschnur  ein  Netz 
vertreten,  der  Gottesmann  habe  Afrasiab  mit  einem 
Netze  aus  dem  Meere  gefischt?  Sollte  dem  so  sein, 
so  würde  sich  die  Entstehung  der  Saxoschen  Version  un- 
schwer erklären  lassen  aus  einer  Kombination  der  drei 
Motive  der  persischen  Sage:  aus  Holz  geschnitzte  Pfeile 
für  Jagdzwecke  —  Vergleich  des  auf  Vaterrache  sinnenden 


*)  Rückerthat  ^r  hame^onhiev  „Netz".  Welches  die  zutreffendere 
Cbersetzung  ist,  vermag  ich  nicht  zu  entscheiden;  sollte  es  die  von 
Mohl  sein,  so  könnte  auch  hier  wohl  nur  so  verstanden  werden,  dafs 
sie  fälschlich  glauben,  Hum  habe  mit  der  Angel  gefischt.  Denn 
da  Afra.siab  entfliehen  will,  durfte  Hum  doch  nur  mit  dem  Netze, 
nicht  aber  mit  der  Angelschnur  erwarten,  seiner  wieder  habhaft  zu 
werden. 


9.^0 


Helden  mit  einem  Jager,  dem  die  Pfeile  fehlen  —  Netz 
als  Werkzeug  der  Rache.  Nach  der  notwendigen  Unter- 
drückung des  mythischen  Motives  von  der  Verwandlung 
des  verfolgten  Fürsten  in  einen  Wasserdrachen  war  das 
Netz  in  seiner  ursprünglichen  Funktion  als  Fischernetz 
offenbar  nicht  mehr  zu  verwenden.  Es  wurde  zum  Netz 
des  Jägers,  und  zwar  zum  sog.  Schl-agnetz,  das 
plötzlich  auf  das  Wild  herabgelassen  wird  —  eine 
Umdeutung,  die  umso  näher  liegen  mufste,  da  der  Held 
ja  in  seiner  Jugend  in  der  Tat  als  Jäger  lebt  und  sich 
auch  in  übertragenem  Sinne,  mit  Bezug  auf  die  geplante 
Yaterrache,  als  Jäger  bezeichnet.  Dafs  Hamlets  Netz,  das 
von  der  Decke  auf  die  berauschten  Gäste  herabfällt  und 
von  ihm  mit  seinen  „Pfeilen"  am  Boden  befestigt  wird, 
als  das  Schlagnetz  des  Jägers  zu  denken  ist,  scheint 
mir  völlig  klar.  Die  das  Netz  betreffende  Stelle  bei  Saxo 
lautet:  „Er  liefs  den  von  seiner  Mutter  gefertigten  Vor- 
hang (cortinam),  der  auch  die  inneren  Wände  der  Halle 
bedeckte,  herabfallen,  nachdem  er  die  Haltebänder  durch- 
schnitten. Er  warf  ihn  über  die  Schnarchenden  und  ver- 
schlang mit  Hilfe  seiner  Hakenpflöcke  alles  in  einem  so 
künstlichen  Knotengewirr,  dafs  keiner  der  Darunterliegenden 
einen  Erfolg  mit  seinen  Aufstehversuchen  erringen  konnte, 
wenn  er  sich  auch  noch  so  kräftig  abmühte"  (Jantzen  S.  153). 
Das  Schlagnetz  definirt  Hartig^)  als  „ein  Netz,  das 
in  einem  mit  Moos  oder  kleinen  Ästchen  bedeckten  Gräb- 
chen  verborgen  liegt,  und  womit  vermittelst  einer  Zug- 
leine die  daneben  streifenden  Vögel  rasch  bedeckt  werden 
können."  Ein  solches  Netz  ruht  auf  hölzernen  Gabeln, 
Ferkeln,  von  denen  es  leicht  herabgleitet.  Ich  meine  nun, 
es  mufste  nahe   liegen,  jene  ganz  aus  Holz  geschnitzten 


^)  Lexikon  für  Jäger  tmd  Jagdfreunde -,  Berlin,  1852  s.  v.  Scilla w- 
gain. 


—     253     -- 

Pfeile  in  übertragenem  Sinne  zu  fassen  als  die  hölzer- 
nen Forkelu,  auf  denen  die  Schlagnetze  befestigt 
werden  und  die  dem  Helden  so  als  Werkzeug  der 
Vaterrache  dienen,  gleiclisam  als  wären  es  Pfeile, 
mit  denen  das  Wild  erlegt  wird.  Gewifs  stellt  die 
Befestigung  des  Netzes  an  der  Decke  mit  Haltebändern, 
die  einzeln  durchschnitten  werden  müssen,  eine  jüngere 
Version  dar  gegenüber  der  ursprünglichen  Befestigung  mit 
an  der  Decke  angebrachten  Forkeln,  von  denen  das  Netz 
durch  Anziehen  einer  Zugleine  herabglitt. 

Damit  war  also  dann  die  Version  der  Saxoschen 
Hamletsage  gegeben:  Der  Held  schnitzt  hölzerne  Stifte, 
die  er,  indem  er  sich  als  Jäger  fühlt,  „Pfeile  für 
die  Vaterrache"  nennt,  und  mit  denen  er  später 
das  Jagdnetz  befestigt,  in  dessen  Maschen  er  seine 
Feinde  fängt.  Der  alte  Zug,  wonach  der  Schah  bezw.  der 
König  selbst  vom  Helden  eigenhändig  durch  das  Schwert  ge- 
tötet wurde,  blieb  daneben  bestehen.  Somit  bedürfen  wir,  um 
die  nordische  Version  der  Sage  ungezwungen  aus  der  persi- 
schen zu  erklären,  aufser  den  Elementen,  welche  uns  diese 
direkt  an  die  Hand  gibt,  mir  noch  die  Hypothese,  es  sei  in  ihr 
an  Stelle  der  Fangschnur,  mit  der  der  Gottesmann  den 
Schah  aus  dem  Meere  herausfischt,  ursprünglich  ein  Netz 
vorhanden  gewesen,  und  die  nordische  Sage  gehe  auf  diese 
ursprüngliche  Version  zurück;  da  der  Büfser  Hum  in  der 
Tat  vorher  mit  einem  Netze  nach  Afrasiab  fischt,  so  liegt 
jene  Hypothese  gewifs  nahe  genug.  Sollte  sie  aber  auch  nicht 
zutreffen,  so  konnte  doch  oftenbar,  da  es  sich  um  den  Fang 
eines  Wassertieres  handelt,  ein  Bearbeiter  leicht  dazu 
kommen,  aus  der  Fangschnur  ein  Netz  zu  machen,  das 
dann  mit  weiterer  Verschiebung  in  der  nordischen  Sage 
aus  dem  Fischnetz  zum  Schlagnetz  des  Vogelstellers  wurde. 

Sind  also  die  vorausgehenden  Vermutungen  zutreffend, 
so  ist   für  das  in  Rede  stehende  Motiv   der  nordischen 


—     254     — 

Sage  die  Chosro-Sage  die  direkte  Quelle  gewesen.  Aber 
freilich,  wir  mulsten  mit  Hypothesen  operieren,  und  es 
kann  deshalb  die  Identität  dieses  Motivs  mit  den  heran- 
gezogenen Motiven  des  Schahname  nur  als  Vermutung 
ausgesprochen  werden. 

Das  wären  also  diejenigen  Motive  und  Episoden  der 
persischen  Sage,  welche  der  römischen  Brutussage  fehlen, 
dagegen  in  der  einen  oder  anderen  Version  der  nordi- 
schen Hamletsage  ihre  Entsprechung  finden.  Sie  drängen 
in  ihrer  Gesamtheit,  ich  darf  wohl  sagen,  mit 
zwingender  Gewalt,  zu  dem  Schlüsse,  dafs  die 
Hamletsage  direkt  aus  der  Chosrosage  entsprungen 
ist,  eine  Umbildung  der  letzteren  darstellt. 

Die  nachgewiesenen  Übereinstimmungen  sind  zum  Teil 
sehr  spezielle  und  können  unmöglich  auf  Zufall  beruhen; 
bisweilen  glaubt  man  beinahe  eine  kürzende  Übersetzung 
der  entsprechenden  Episode  des  persischen  Epos  vor  sich 
zu  haben:  ich  verweise  speciell  auf  Nr.  11  (Ambalessage) 
und  Nr.  15  (BvH).  Auch  der  gröfste  Skeptiker  und 
der  abgesagteste  Feind  gewagter  Konstruktionen  wird 
sich,  denke  ich,  der  Beweiskraft  dieser  vielfältigen,  zum 
Teil  geradezu  frappanten  Übereinstimmungen  nicht  ver- 
schliefsen  können.  Nun  sind  die  in  Rede  stehenden  Mo- 
tive ohne  Ausnahme  solche,  welche  der  römischen  Sage, 
wenigstens  soweit  sie  uns  überliefert  ist,  fehlen,  und  ge- 
setzt auch,  die  römische  „Volkssage''  von  Brutus  sei 
reicher  ausgebildet  gewesen  als  aus  der  vorhandenen  lite- 
rarischen Überlieferung  zu  entnehmen  ist  —  eine  Mög- 
lichkeit, auf  die  schon  Jiriczek  hingewiesen  hat,  wenn  er 
meint,  „das  Rätselspiel  in  der  Versuchung",  das  der  römi- 
schen Version  fehlt,  könne  in  der  römischen  Volkssage 
vielleicht  vorhanden  gewesen  sein,  „denn  die  Berichte  der 
Historiker  zeigten  doch  nur  die  Verschmelzung  der  Sage 


—     255     — 

mit  historischen  öder  doch  für  historisch  gehaltenen  und 
so  behandelten  Erinnerungen  an  politische  Ereignisse;  die 
Volkssage  selbst  könne  wohl  noch  ähnlicher  gewesen 
sein",  —  gesetzt,  sage  ich,  dem  sei  so,  so  ist  es  doch 
auf  den  ersten  Blick  klar,  dafs  die  Mehrzahl  der  ange- 
liihrten  Elemente  und  Episoden  in  der  römischen  Sage  un- 
möglich vorhanden  gewesen  sein  können.  So  kann  die 
Gestalt  des  zugleich  dem  Helden  und  dem  König  treu  er- 
gebenen Grofsen,  des  Piran  der  persischen  Sage,  der  römi- 
schen Sage  nicht  bekannt  gewesen  sein,  denn  wäre  es  der 
Fall  gewesen,  so  könnte  sie  nicht  in  der  gesamten  lite- 
rarischen Überlieferung,  trotz  des  fragmentarischen  Cha- 
rakters der  letzteren,  vollständig  geschwunden  sein.  Folg- 
lich müssen  sämtliche  angeführten  Motive,  die  auf  jenen 
getreuen  Eckart  Bezug  haben,  der  Brutussage  fremd  ge- 
wesen sein.  Ebensowenig  kann  selbstverständlich  die  Epi- 
sode am  Dschihun,  die  im  Boeve  v.  Hamtone  wiederkehrt 
—  beinahe  wörtlich  zum  Teil!  —  in  der  römischen  Sage 
existiert  haben,  da  hier  ja  von  einer  Gefangenschaft  des 
Brutus  und  einer  Flucht  desselben  nicht  die  Rede  ist  und 
auch  nicht  die  Rede  gewesen  sein  kann.  Da  nun  eine 
Ableitung  der  persischen  Sage  aus  der  viel  später  über- 
lieferten nordischen  natürlich  von  vornherein  ausgeschlossen 
ist,  so  mufs  notwendig  umgekehrt  die  letztere  auf  die 
persische  Sage  zurückgehen.  Somit  bleiben  für  das  Filiations- 
verhältnis  der  drei  Versionen  nur  noch  zwei  Möglichkeiten: 
entweder  sind  die  römische  und  die  nordische  Sage  unab- 
hängig von  einander  aus  der  orientalischen  hervorgegangen, 
oder  aber,  die  römische  Version  hat  die  orientalische  und 
diese  wieder  die  nordische  ins  Leben  gerufen.  Gegen  die 
eretere  Möglichkeit  spricht  sehr  entschieden  das  chrono- 
logische Verhältnis  der  Überlieferung  der  beiden  Sagen: 
Das  Schahname  stammt,  wie  wir  sahen,  aus  der  Wende 
des  10.  Jahrhunderts   n.  Chr.,   seine  mutmafsliche  Haupt- 


—     25G     — 

quelle  entstand  auf  Grund  älterer  Überlieferung  gegen 
Glitte  des  6.  Jahrhunderts;  dagegen  knüpft  die  Brutussage 
an  an  Ereignisse  aus  dem  Ende  des  6.  vorchristlichen 
Jahrhunderts,  die  Vertreibung  der  Tarquinier,  dürfte  also 
schwerlich  sehr  viel  später,  wenigstens  nicht  mehrere 
Jahrhunderte  später,  ausgebildet  worden  sein,  und  war  in 
jedem  Falle  schon  vorhanden  in  den  Annalen  desEnnius^), 
der  239—168  v.  Chr.  lebte.  Unter  diesen  Umständen  dürfte 
es  denn  doch  woM  mehr  als  gewagt  sein,  die  Existenz 
der  persischen  Sage  vor  die  der  römischen  hinaufzurücken 
und  sie  ins  5.  oder  4.,  spätestens  aber  ins  3.  vorchristliche 
Jahrhundert  zurückzudatieren.  Vielmehr  spricht  gewils 
alle  Wahrscheinlichkeit  dafür,  dafs  das  Verhältnis  das 
umgekehrte  ist  und  die  persische  Sage  vielmehr  einen 
Eeflex  der  viel  älter  überlieferten  römischen  darstellt, 
wie  ja  auch  anderweitige  antike  Elemente  im  Schahname 
vorhanden  sind,  so  die  ganze  Sage  von  Alexander  dem 
Grofsen,  der  als  Iskander  darin  auftritt.  Dann  ist  also 
die  Filiation  der  Sage  diese  gewesen:  römische  —  persi- 
sche —  nordische  Version.  Zu  der  Annahme  nun,  dafs 
die  persische  Version  älter  ist  als  die  nordische  und  der 
römischen  zeitlich  näher  steht  als  jene,  stimmt  es  sehr 
gut,  dafs  die  persische  Sage  in  zwei  höchst  be- 
merkenswerten Punkten  mit  der  römischen  Sage 
gegenüber  der  nordischen  zusammentrifft: 

In  der  nordischen  Sage  hat  der  Usurpator  sich  nur 
eines  Mordes  schuldig  gemacht,  er  hat  den  Vater  des 
Helden  getötet,  der  bei  Saxo,  in  der  Hrolfssaga  und  in 
der  Harald- Haldansage  sein  eigener  Bruder  ist. 

Dagegen  lädt  Tarquinius  in  der  römischen  Sage  drei- 
fache Blutschuld  auf  sich:  er  tötet  erst  seinen  Bruder  Ar- 
runs  Tarquinius,  um  dessen  Gattin,  die  TuUia,  heiraten  zu 


1)  Ribbeck,  Rom.  Trag.    S.  586. 


-     257     — 

köunen,  dann  den  greisen  König  Servius  Tullius  und  end- 
licli  seinen  Schwager,  den  Vater  des  Brutus. 

Ebenso  macht  sich  in  der  persischen  Version 
Afrasiab  eines  dreifachen  Mordes  schuldig:  er  tötet 
den  kriegsgefangen en  Schah  Naudher  (I,  S.  267),  dann  seinen 
Bruder  Agrirath,  im  Jähzorn  darüber,  dafs  dieser  Ge- 
fangene frei  gelassen   hat,    die   er   ihm   befahl    zu   töten 

I,  S.  273),  und  endlich  seinen  Schwiegersohn  Sijawusch, 
<len  Vater  des  Kei  Chosro.    Alle  drei  Verbrechen  hält  ihm 

liäter  Chosro  vor,  ehe  er  ihn   mit  dem  Schwerte  eigen- 
händig tötet: 

Dir  nenn'  ich  zuerst  deines  Bruders  Blut, 
Der  nie  gegen  Edle  trug  feindlichen  Mut; 
Dann  Naudher,  den  hohen  Schehriar, 
Der  uns  ein  Vermächtnis  von  Iredsch  war, 
Des  Nacken  Du  schlugst  mit  scharfem  Erz 
Und  stürztest  die  Welt  in  Todesschmerz. 
Drittens  Sijawusch,  welchem  gleich 
Kein  Ritter  ist  übrig  geblieben  dem  Reich. 

(III,  S.  222.) 

Au  früherer  Stelle  wird  ihm  neben  der  Ermordung 
Sijaw^uschs  die  des  Bruders  als  seine  Hauptschuld  vorge- 
worfen : 

Was  Böses  ist,  das  er  nicht  tat, 

Der  an  Sijawusch  übte  Verrat? 

Der  Tochter  gab  er  Leid  und  Schmerz, 

Und  dem  Bruder  durchstach  er  das  Herz. 

(n,  S.  265  f.) 

Ob  die  Ermordung  des  Naudher  wirklich  der  des 
Servius  Tullius  gleichzusetzen  ist,  will  ich  dahingestellt 
-••in  lassen.  Dagegen  scheint  mir  die  ursprüngliche  Iden- 
iität  der  beiden  anderen  Untaten  evident  zu  sein:  der 
Brudermord  ist  geblieben,  und  in  dem  anderen  Falle  ist 
nur  der  Schwager  ersetzt  worden  durch  den  Schwieger- 
sohn, der  Mann  der  Schwester  durch  den  Mann  der  Tochter 
—  eine  Verwechselung,  die  offenbar  in  mündlicher  Tradition 
leicht  eintreten  konnte. 

Zenker,  Boeve-Ainlethas.  17 


t 


—     258     — 

Die  abweichende  nordische  Version  erklärt  sich  sehr 
einfach  dadurch,  dafs  der  Bruder  des  Tyrannen  und  der 
Schwiegersohn,  der  Vater  des  Helden,  Agrirath  und  Sija- 
wusch,  identifiziert  wurden:  der  Tyrann  tötet  den  Vater 
des  Helden,  der  sein  eigener  Bruder  ist.  Diese  Identi- 
fikation mufste  deshalb  leicht  eintreten  können,  weil  Agri- 
rath  in  der  Erzählung  nur  eine  sehr  untergeordnete  Rolle 
spielt:  Sijawusch  attrahierte  den  Agrirath.  Wenn  im  BvH, 
in  der  Ambalessage,  im  Brjammärchen  und  im  Havelok 
das  Verwandtschaftsmotiv  fehlt,  so  erklärt  sich  das  da- 
durch, dafs  entweder  die  gemeinsame  Quelle  dieser  Ver- 
sionen, oder,  falls  eine  solche  nicht  annehmbar  scheint,  die 
einzelnen  Versionen  unabhängig  von  einander  das  Motiv 
vergessen  haben. 

2.  Nur  die  persische  Version,  nicht  aber  die  nordische, 
erzählt,  wie  die  römische,  von  einerFlucht  des  Tyrannen 
nach  verlorener  Schlacht. 

Nach  der  römischen  Sage  besiegt  Brutus  den  Tar- 
quinius  an  der  Spitze  des  römischen  Heeres  in  einer  Schlacht, 
Brutus  und  Arruns  Tarquinius  töten  sich  gegenseitig  im 
Zweikampfe.  Tarquinius  flüchtet  nach  Cumae  zum  Tyrannen 
Aristodemus,  bei  dem  er  einige  Jahre  später  stirbt.  Der 
zweite  Sohn  des  Tarquinius,  Lucius  Tarquinius,  wird  zu 
Gabii  von  alten  Feinden  ermordet,  vergi.  Livius  II,  6;  111,21. 

In  der  persischen  Sage  flüchtet,  wie  dargelegt,  Afra- 
siab  nach  verlorener  Schlacht  nach  Gang  Diz,  vergl.  wegen 
des  näheren  oben  S.  2 16  f. 

In  den  beiden  einzigen  Fassungen  der  nordischen 
Sage  hingegen,  welche  überhaupt  von  einem  Kriege  des 
Helden  gegen  den  Usurpator  wissen,  im  BvH  und  im  Have- 
lok, ist  von  einer  Flucht  des  Königs  keine  Rede:  im 
BvH  wird  er  in  der  Schlacht  gefangen  genommen  und  in 
eine  Grube  mit  flüssigem  Blei  geworfen,  im  Havelok  wird 


—     259     — 

er  im  Zweikampf  durch  Havelok  eigenhäiuiig  mit  der  Streit- 
axt getötet,  vergl.  Lai  d'Hav.  V.  962. 

Von  geringerer  Bedeutung  sind  folgende  weiteren 
beiden  Motive: 

3.  In  der  entscheidenden  Feldschlacht  messen  sich, 
wie  schon  oben  erwähnt,  Brutus  und  Arruns  Tarquinius, 
der  Sohn  des  Königs,  der  Anführer  des  Heeres,  mitein- 
ander im  Zweikampf  und  töten  sich  gegenseitig,  Livius  II,  6. 

Im  persischen  ICpos  stellt  sich  vor  der  Erstürmung 
von  Gang  Diz,  s.  o.,  als  beide  Heere  sich  schlachtbereit 
gegenüber  stehen,  Chosro  dem  Puschang,  einem  Sohn  Afra- 
siabs,  zum  Zweikampf  und  tötet  ihn  (III,  S.  176)^). 

4.  Nach  der  römischen  Sage,  wie  sie  Zonaras  uns 
überliefert,  treten  in  den  portenta,  w^elche  dem  Tarquinius 
zu  Teil  werden,  als  unheilverkündende  Tiere  Geier  und 
eine  Schlange  auf-).  Eben  diese  Tiere  spielen  eine  Rolle 
in  dem  Traum  des  Afrasiab,  s.  oben  S.  234,  während  in 
den  entsprechenden  beiden  prophetischen  Träumen  des  Fausti- 
nus  von  ihnen  keine  Rede  ist. 

Andererseits  scheint  nun  aber  der  Annahme  einer 
Filiation  römische  —  persische  —  nordische  Sage  entgegen- 
zustehen die  Tatsache,  dafs  in  verschiedenen  Zügen  die 
nordische  Sage  vielmehr  der  römischen  näher  steht.  Jiriczek 
hat  diese  den  beiden  Sagen  gemeinsamen  Züge  nicht  im  ein- 
zelnen hervorgehoben,  er  bemerkt  S.  356  nur:  „die  persi- 
sche Fassung  steht  isoliert  mit  dem  Zuge,  dafs  der  Rächer 
ein  nachgeborenes  Kind  ist,  ebenso  in  vielen  anderen," 
und  später  bemerkt   er   die  Übereinstimmung  beider  be- 

^)  Die  betreffende  Episode  ist  bei  Rückert  nicht  übersetzt,  sie 
wird  nur  anmerkungsweise  erwähnt. 

*)  Die  Schlange  allein  erwähnen  Livius  I,  56  und  Ovid.  Fast.  II,  711 : 
Ecce  nefas  visu,  rnediis  altaribiis  anguis 
Exit,  et  extinctis  ignibus  exta  rapit. 
Consulitur  Phoebus. 

17* 


—     260     — 

züglich  des  Motives  „Gold  im  Stabe"  und  „Reise  mit  zwei 
Begleitern". 

Die  Motive,  soweit  sie  einige  Bedeutung  haben,  sind, 
die  eben  genannten  einbegriffen,  die  folgenden: 

1.  Brutus  ist  beim  Tode  des  Vaters  ein  Knabe,  der 
schon  die  Fähigkeit  selbständigen  Handelns  besitzt,  ebenso 
Amleth,  Boeve,  Ambales;  Havelok,  Helgi  und  Hroar,  Ha- 
rald und  Haidan  sind  jedenfalls  beim  Tode  des  Vaters 
bereits  geboren.  Dagegen  ist  Chosro  ein  nachgeborenes 
Kind:  Ferengis  ist,  als  Sijawusch  sich  von  ihr  trennt,  im 
fünften  Monate  schwanger,  s.  Rückert  B.  II,  S.  134. 

2.  Brutus  wächst  im  Hause  des  Tarquinius  mit  dessen 
Söhnen  auf:  ebenso  Amleth  am  Hofe  Fengos,  Ambales  an 
dem  des  Faustinus,  Boeve  anfangs  an  dem  des  Doon, 
Havelok  wenigstens  in  der  Nähe  des  Hofes,  auf  einem  am 
Meere  gelegenen  Schlosse;  Harald  und  Haidan  wachsen, 
wie  es  scheint,  nicht  am  Hofe  selbst  auf;  doch  ist  hier 
die  Sache  nicht  ganz  klar,  es  mag  sein,  dafs  der  hohle 
Eichbaum,  in  dem  sie  als  angebliche  Hunde  versteckt  ge- 
halten werden,  sich  in  nächster  Nähe  der  Königshalle  be- 
fand. Indessen  weicht  die  andere  Version  dieser  Sage 
jedenfalls  ab,  Helgi  und  Hroar  werden  sofort  nach  der 
Vifilsey  gebracht. 

Kei  Chosro  weilt  von  seiner  Geburt  bis  nach  seinem 
zehnten  Jahre  bei  den  Hirten  im  Gebirge  (II,  S.  153), 
dann  bei  seiner  Mutter  Ferengis  in  Sijawuschgird  (ib.  S.  157), 
dann  wird  er  übers  tschinische  Meer  nach  Matschin  ge- 
bracht (ib.  S.  193,  206);  von  da  entflieht  er  mit  seiner 
Mutter  und  dem  getreuen  Gew  durch  die  Wüste  nach 
Iran  an  den  Hof  des  Ka'us  (ib.  S.  213).  Von  einem  Auf- 
enthalt am  Hofe  des  Afrasiab  oder  in  unmittelbarer  Nähe 
desselben  ist  nirgends  die  Rede. 

3.  Brutus  geberdet  sich  als  wahnsinnig  von  dem 
Tode  seines  Vaters  an  bis  zur  Vertreibung  des  Tarquinius; 


—     261     — 

Amleth  bei  Saxo  bis  zur  Reise  übers  Meer  nach  Bri- 
tannien und,  wie  es  scheint  auch  nach  der  Reise  wieder, 
bei  dem  Feste;  Amlodi  dauernd,  so  lange  er  am  Hofe  des 
Königs  weilt,  bis  zur  Vollbringung  der  Rache,  während 
seiner  Reise  allerdings  nicht,  ebenso  Brjam  dauernd;  da- 
gegen scheinen  Harald  und  Haidan  nur  vorübergehend  diese 
Maske  anzunehmen,  s.  Jantzen  S.  341;  in  der  Hrolfssage 
und  ebenso  im  Havelok  wird  das  Motiv  nur  gestreift, 
dem  BvH  ist  es  überhaupt  fremd. 

Dagegen  scheint  sich  Chosro  nun  allein  gelegentlich 
seiner  Vorführung  vor  Afrasiab  blödsinnig  zu  stellen,  vergl. 
oben  S.  212if. 

4.  Das  Motiv:  „Reise  des  Helden  übers  Meer  im  Auf- 
trage des  Königs  mit  zwei  dem  letzteren  nahe  stehenden 
Begleitern"  findet  sich  deutlich  allein  in  der  römischen 
Sage,  bei  Saxo  und  in  der  Ambalessage,  doch  glaubten 
wir  auch  im  BvH  in  den  beiden  Verrätern,  welche  hinge- 
richtet werden,  eine  unklare  Erinnerung  an  das  Motiv  zu 
erkennen. 

5.  Das  Motiv  „Gold  im  Stabe,  symbolisch  gedeutet" 
begegnet  allein  in  der  römischen  Sage  und  bei  Saxo,  da- 
gegen ist  das  Motiv  „Gold  als  Opfer  einer  Seherin  dar- 
gebracht", welches  die  römische  Sage  in  der  eben  erwähnten 
Form  hat,  in  der  Hrolfssage  und  in  der  Haraldsage  vor- 
handen, aber  Saxo  fremd.  Von  beiden  Motiven  ist  in  der 
persischen  Sage  keine  Spur. 

Diese  Diskrepanzen  beweisen  soviel  mit  Ge- 
wifsheit,  dafs  Firdosis  Epos  selbst,  wenigstens 
in  der  Form,  in  der  es  bis  jetzt  veröffentlicht  ist, 
nicht  die  Quelle  der  nordischen  Version  gewesen 
sein  kann.  Denn  offenbar  können  nicht  alle  jene  Motive 
der  römischen  Sage  sich  in  der  nordischen  durch  Zufall 
wieder  eingestellt  haben. 

Dagegen  lassen  die  Differenzen  sich  sehr  wohl  ver- 


—     262     — 

einigen  mit  der  Annahme,  es  liege  der  nordischen 
Sage  eine  ältere  Fassung  des  persischen  Epos  zu 
Grunde,  welche  sich  in  der  Mehrzahl  der  ange- 
führten Punkte  von  der  überlieferten  unterschied. 
Dafs  von  den  Sagen,  welche  Firdosi  in  seinem  Epos  be- 
arbeitet hat,  auch  andere  abweichende  Versionen  existierten, 
ist  im  Hinblick  auf  ihre  teilweise  mündliche  Überlieferung 
a  priori  eigentlich  selbstverständlich;  es  sind  uns  solche 
diiferierende  Versionen  aber  auch  direkt  bezeugt.  So  hat 
sich  aus  dem  11.  Jahrhundert  ein  umfangreiches  persisches 
Epos  erhalten,  das  sich  Barzouname  betitelt,  eine  Bio- 
graphie Barzous,  eines  Enkels  des  Rustem  und  Sohnes  des 
Sohrab,  in  der  alle  jene  Traditionen  über  die  Familie 
Rustems  verarbeitet  sind,  die  Firdosi  bei  Seite  gelassen 
hatte.  Die  Darstellung  weicht  hier  bisweilen  von  der 
Firdosis  ab.  Mohl,  Livre  des  rois  I,  S.  LXXVI,  bemerkt, 
die  Traditionen  des  Barzouname  stimmten  nicht  immer  genau 
zu  den  Angaben  im  Livre  des  rois,  so  sei  Zadschem,  König 
von  Turan,  der  bei  Firdosi  als  Grofsvater  Afrasiabs 
erscheint,  hier  vielmehr  sein  Sohn:  „Mais  ce  sont  lä  des 
differences  auxquelles  il  faut  s'attendre  quand  il  s'agit 
d'une  tradition  orale  ancienne  et  repandue  dans  un  pays 
aussi  vaste  que  la  Perse.  Le  Barzounameh  me  parait 
avoir  ete  compose  d'apres  des  sources  encore  plus  populaires 
que  Celles  de  la  plupart  des  autres  poemes  epiques.  La 
nuanee,  il  est  vrai,  sur  ce  point-lä,  est  dif fidle  ä  preciser; 
mais  on  trouve  quelquefois  les  memes  traditioyis  racontees 
dans  deux  de  ces  poemes,  et  Von  en  voit  la  difference." 
Die  Annahme  einer  bisweilen  von  Firdosi  differierenden 
Fassung  der  Geschichte  Chosros  und  Afrasiabs  erscheint 
somit  ganz  unbedenklich. 

Für  Punkt  1  braucht  nun  eine  andere  Fassung  kaum 
angenommen  zu  werden,  da  hier  sehr  wohl  das  alte  Motiv, 
wonach  der  Held  ein  nachgeborenes  Kind  ist,  in  der  nordi- 


—     263     — 

sehen  JSaae  vt'r<ressen  worden  sein  kann,  so  dafs  hier  durch 
einen  naheliegenden  Zufall  die  nordische  Version  mit  der 
römischen  wieder  zusammentraf. 

Überdies  sei  darauf  hingewiesen,  dafs  in  der,  wie  wir 
sahen,  vermutlich  mit  dem  Havel ok  eng  verwandten  Sage 
von  Olaf  Tryggvason  der  Held  nach  der  einen  Version, 
genau  wie  in  der  persischen  Sage,  ein  nachgeborenes  Kind 
ist.  Es  ergibt  sich  daraus  die  Möglichkeit,  dafs  in  der 
ältesten  nordischen  Fassung,  welche  hier  die  Olafssage 
allein  wiederspiegeln  könnte,  der  Held  gleichfalls  ein  nach- 
geborenes Kind  war  und  dafs  dieser  Zug  erst  später  ver- 
gessen wurde. 

Dagegen  ist  für  Punkt  2  eine  von  der  erhaltenen  ab- 
weichende Fassung  als  Grundlage  der  nordischen  Sage 
allerdings  zu  postulieren;  es  scheint  recht  wohl  denkbar, 
dafs  auch  die  persische  Sage  ursprünglich  von  einem  Auf- 
enthalt Chosros  am  Hofe  Afrasiabs  erzählte,  dafs  er,  bevor 
er  zu  den  Hirten  im  Gebirge  gebracht  wurde,  einige  Zeit 
am  Hofe  verweilt  hatte. 

Was  die  Keise  des  Helden  mit  zwei  Begleitern  übers 
Meer  betrifft,  so  mufs  ich  es  dahingestellt  sein  lassen,  ob 
sie  schon  in  jener  zu  postulierenden  älteren  Fassung  der 
persischen  Sage  vorhanden  war  oder  ob  auch  sie  auf  jüngerer 
literarischer  Beeinflussung  der  nordischen  Sage  durch  die 
Brutussage  beruht.  Beides  scheint  denkbar.  Was  die 
erste  Möglichkeit  betrifft,  so  sei  darauf  hingewiesen,  dafs 
auch  die  persische  Sage  zwei  „Verräter"  kennt:  den  Ger- 
siwas,  den  intellektuellen  Urheber  der  Ermordung  Sija- 
wuschs,  und  den  Gurui,  der  die  Tat  vollbringt;  beide  wer- 
den später  hingerichtet.  Sie  könnten  den  beiden  Trabanten 
der  nordischen  Sage  entsprochen  haben  und  Addomolus  = 
Lauscher  bei  Saxo  =  Gersiwas,  könnte  sich  erst  später  aus 
Gersiwas  vermöge  epischer  Spaltung  losgelöst  haben.  Dafs 
sie  dem  Chosro  auf  einer  Sendung  mitgegeben  wurden,  welche 


—     204     — 

seine  Beseitigung  bezweckte,  wäre  denkbar,  doch  fehlt  es 
freilich  an  jeder  festen  Grundlage  für  eine  solche  An- 
nahme. Jedenfalls  hindert  auch  dieses  Motiv  die  Ableitung 
der  nordischen  Sage  aus  der  persischen  nicht. 

Auch  das  Motiv  „Gold  als  Opfer  einer  Seherin  dar- 
gebracht", welches  vielleicht  —  wenn  wirklich  Zusammen- 
hang besteht,  —  der  römischen  Sage  mit  der  Hrolfssage 
und  der  Harald- Haldansage  gemein  ist,  könnte  möglicher- 
weise schon  in  der  Vorstufe  der  persischen  Sage  existiert 
haben;  denn  es  scheint  doch  nicht  undenkbar,  dafs  eine 
solche  Episode  erst  ^on  Firdosi  oder  einem  seiner  Vorgänger 
ausgelassen  wurde.  Dann  könnte  ebenso  das  andere  Motiv 
„Gold  im  Stabe,  symbolisch  gedeutet",  das  sich  allein  in 
der  römischen  Sage  und  bei  Saxo  findet,  in  jener  Episode 
vorhanden  gewesen  sein,  freilich  nicht  in  der  Fassung,  in 
der  es  uns  bei  Saxo  entgegentritt,  sondern  allein  in  der 
römischen  Fassung;  denn  nur  aus  dieser,  nicht  aus  der 
Saxos,  konnte  die  Version  der  Hrolfssage  und  der  Harald- 
Haldansage  entstehen.  Freilich  mag,  das  bestreite  ich 
nicht,  die  Postulierung  einer  solchen  Episode,  von  der  sich 
bei  Firdosi  gar  keine  Spur  erhalten  hat,  für  Firdosis 
Quelle  —  der  Held  befragt  eine  Seherin  oder  Zauberin 
und  opfert  ihr  Gold  —  etwas  gewagt  erscheinen.  Ent- 
schliefst man  sich  zu  der  Annahme  nicht,  so  bleibt  nur 
die  Möglichkeit,  dafs  das  in  Kede  stehende  Motiv  in  die 
gemeinsame  Quelle  der  nordischen  Versionen,  die  es  ent- 
halten, aus  der  literarischen  Brutussage  eingeführt  wurde. 
In  keinem  Falle  kann  im  Hinblick  auf  die  zahlreichen 
sonstigen  Argumente  für  die  Annahme  einer  Filiation  rö- 
mische —  persische  —  nordische  Sage  aus  dem  Fehlen 
des  Motives  in  der  persischen  Sage  ein  Grund  gegen  jene 
Filiation  entnommen  werden. 

Nun  scheint  andererseits  die  angenommene  Ent- 
stehung der  Hamletsage  aus  einer  Vorstufe  der  per- 


—     205     — 

sischen  Sage  von  Kei  Chosro  eine  überraschende 
Bestätigung  zu  finden  durch  einen  Vergleich  der 
Darstellung  der  Katastrophe,  des  Vollzugs  der 
Vaterrache,  und  der  ihr  unmittelbar  voraufgehen- 
den Ereignisse  bei  Firdosi  mit  der  Darstellung  der 
verschiedenen  nordischen  Fassungen  der  Sage.  In 
den  letzteren  finden  wir  nämlich  die  verschiedenen  Elemente 
der  persischen  Erzählung  gleichsam  zersprengt  wieder,  der- 
gestalt, dafs  wir  alle  die  verschiedenen  nordischen 
Versionen  der  Katastrophe  aus  einer  Isolierung  und 
Umbildung  von  Elementen  der  Erzählung  Firdosis, 
bezw.  seiner  in  gewissen  Punkten  mutmafslich  ab- 
weichenden Quelle,  zu  erklären  vermögen. 

Im  Boeve  v.  Hamtone  und  im  Havel ok  wird,  wie  wir 
sahen,  gegen  den  Usurpator  Krieg  geführt,  er  wird  im 
BvH  in  einer  grofsen  Schlacht  gefangen  genommen  und 
dann  getötet,  oder,  im  Havelok,  im  Zweikampfe  getötet. 
Dem  entspricht,  wie  oben  schon  erwähnt,  die  Darstellung 
bei  Firdosi,  insofern  auch  hier  Chosro  den  Afrasiab  mit 
Krieg  überzieht,  in  einer  Schlacht  besiegt,  dann  gefangen 
nimmt  und  tötet.  Wenn  bei  Firdosi  Afrasiab  flüchtet  und 
erst  später  unter  besonderen  Umständen  eingefangen  wird, 
dagegen  im  BvH  Doon  in  der  Schlacht  selbst  gefangen 
genommen  wird  und  im  Havelok  Hodulf  im  Zweikampf  mit 
Havelok  seinen  Tod  findet,  so  liegt  hier  offenbar  nur  eine 
Vereinfachung,  eine  Kontraktion  der  persischen  Version  vor, 
die  gar  nichts  Auffälliges  hat. 

In  allen  anderen  Versionen  ist  von  einem  Kriege 
keine  Rede.  Bei  Saxo,  in  der  Hrolf- Haldansage  und  in 
der  Ambalessage  wird  die  Königshalle  nach  einem  Gelage 
in  Brand  gesteckt  und  alle  Anwesenden  kommen  in  den 
Flammen  um.  In  der  Hrolfssaga  will  der  König  durch 
einen  unterirdischen  Gang  entfliehen,  wird  aber  zurück- 
getrieben und  verbrennt  in  der  Halle,  in  der  Harald-Hai dan- 


—     266     - 

sage  wird  er  vielmehr  gezwungen,  „in  die  Enge  einer  längst 
zuvor  angelegten  Höhle  und  in  das  Versteck  eines  dunklen 
Ganges  sich  zu  verkriechen",  wo  er  im  Rauche  erstickt. 

In  diesen  Versionen,  denen  offenbar  der  gleiche  Typus 
zu  Grunde  liegt,  erkenne  ich  einen  Reflex  der  Eroberung 
von  Behischti  Gang  durch  Chosro  (III,  S.  177ff.): 

Afrasiab  hat  sich  bei  Chosros  Anrücken  in  sein  präch- 
tiges Schlofs  Behischti  Gang  zurückgezogen,  wo  er  sorglos 
Feste  feiert: 

Wein  und  Gelag  und  Laut  und  Rebab, 
Rosen  und  Fest  und  Afrasiab. 
Zwei  Wochen  lebt'  er  fröhlich  so; 
Wer  weifs  heute,  wer  morgen  ist  froh? 

Chosro  schliefst  die  Festung  mit  seinem  Heere  ein, 
läfst  die  Mauer  untergraben,  Balken  darunter  setzen  und 
diese  in  Brand  stecken: 

Aufs  Holz  und  Naphtha  man  Feuer  warf 
Und  schleudert'  aufwärts  Steine  scharf. 
Von  Wurfgeschütz  und  Krach  und  Staub 
Ward  gleichsam  blind  die  Welt  und  taub. 
Die  Naphtha  setzte  die  Balken  in  Loh, 
Sie  brannten  auf  Gottes  Geheifs  wie  Stroh. 

Eine  Bresche  entsteht,  und  das  Heer  dringt  in  die 
Stadt,  die  in  Flammen  aufgeht: 

Die  ganze  Stadt  ein  Dampf  und  ein  Schrei, 
Ein  Feuer  und  Sturm  und  Metzelei. 

Afrasiab   entrinnt  jedoch   durch   einen  unterirdischen 

Gang: 

Als  er  einst  dort  den  Palast  erhub, 
Einen  Weg  unterm  Boden  er  grub. 
Und  keiner  von  seinem  Heer  nahm  wahr, 
Dafs  solch  ein  Weg  unterm  Schlosse  war. 
Nun  rafft'  er  zusammen  zweihundert  Mann 
Und  durch  den  ungangbaren  Gang  entrann. 

Hier  haben  wir  also  das  Trinkgelage,  den  bren- 
nenden Palast  und  den  unterirdischen   Gang  der 


—     267     — 

nordischen  Versionen.  Wenn  dabei  der  Schah  selbst 
nicht,  wie  der  König  in  den  nordischen  Versionen,  sofort 
von  seinem  Schicksal  ereilt  wird,  sondern  entkommt,  so 
liegt  hier  eben  in  den  nordischen  Fassungen  wieder  eine 
Verkürzung  der  Darstellung  vor.  Dafs  die  Version,  wonach 
der  Füi-st  durch  den  Gang  wirklich  entkommt,  die  ursprüng- 
liche ist,  darf  a  priori  schon  deshalb  als  wahrscheinlich 
betrachtet  werden,  weil  dieser  Gang  ja  ohnedem  eine  ganz 
müfsige  Zutat  darstellen  würde;  man  sieht  nicht  ein,  wel- 
chen Zweck  der  Dichter  damit  verfolgt  haben  sollte,  das 
Motiv  zu  erfinden,  da  er  Afrasiab  doch  ebenso  gut  im 
Palaste  selbst  umkommen  lassen  konnte.  Wenn  neben  dem 
Gange  in  der  Haraldsage  noch  eine  unterirdische  Höhle 
genannt  wird,  so  könnte  man  darin  eine  Konfusion  mit 
jener  Höhle  vermuten,  in  die  Afrasiab  später  flüchtet  und 
in  der  er  von  dem  Einsiedler  Hum  gefangen  genommen 
wird. 

Dafs  das  Netzmotiv,  das  nur  bei  Saxo  vorhanden  ist, 
sich  unschwer  erklären  läfst  aus  einer  Kombination  von 
Chosros  selbst  angefertigten  Holzpfeilen  ohne  Eisenspitze 
mit  seiner  einen  Rätselantwort,  in  der  er  sich  mit  einem 
Jäger  vergleicht,  und  mit  dem  Netze,  mit  dem  nach  Afra- 
siab gefischt  wii'd,  das  wurde  schon  oben  des  näheren  dar- 
gelegt. 

Die  Version  des  Brjammärchens,  wonach  die  Gäste 
sich  im  Streite  gegenseitig  erschlagen,  charakterisiert  sich 
offenbar  als  eine  spätere  törichte  Entstellung. 

Danach  finden  wir  also  in  der  Schilderung,  welche  die 
verschiedenen  nordischen  Versionen  von  dem  Schlufsakt 
der  Tragödie  geben,  die  Hauptmotive  des  Schlufsaktes  des 
persischen  Epos  vereinzelt  wieder,  dergestalt,  dafs  wir 
durch  Kombination  dieser  Motive  die  DarsteHung  des  letz- 
teren in  den  Hauptzügen  gleichsam  zu  rekonstruieren  ver- 
möchten.   Dagegen  findet  sich  von  den  betreffenden  Motiven 


—     268     — 

in  der  römischen  Sage  nur  ein  einziges:  der  Krieg  gegen 
den  Tyrannen,  sie  vermag  nur  die  Darstellung  des  BvH 
und  des  Havelok  zu  erklären,  nicht  die  der  übrigen  Ver- 
sionen. In  dieser  Tatsache  erblicke  ich  ein  weiteres 
gewichtiges  Zeugnis  dafür,  dafs  die  nordische  Sage 
auf  die  persische,  genauer:  auf  eine  ältere  Fassung 
dererhaltenenpersischen,  und  nicht  aufdierömische 
zurückgeht. 

Ehe  wir  nun  auf  die  Frage  eingehen,  wo  die  ange- 
nommene Vorstufe  der  persischen  Version  zu  suchen  sein 
mag,  ist  es  erforderlich,  auch  das  Shakespearesche  Hamlet- 
drama, welches  bisher  unberücksichtigt  blieb,  zum  Vergleich 
heranzuziehen  und  den  Zusammenhang  der  Hamletsage  mit 
der  griechischen  Beilerophonsage  nachzuweisen. 


Die  Chosrosage  und  der  Hamlet  Shakespeares. 

Die  Fassung  der  Hamletsage,  welche  uns  in  dem  Drama 
Shakespeares  entgegentritt,  Avurde  bisher  gänzlich  beiseite 
gelassen,  weil  diese  nach  der  herrschenden  Anschauung 
der  Shakespeare -Forscher  durch  eine  Zwischenstufe  direkt 
auf  Saxo  zurückgeht  und  somit  für  die  Frage  der  Herkunft 
der  Sage  nicht  in  Betracht  kommen  würde. 

Man  nimmt  heute  allgemein  an,  dem  Drama  Shakespeares 
liege  ein  älteres  Hamletdrama  zu  Grunde,  dessen  Existenz 
durch  verschiedene  Zeugnisse  gesichert  ist,  ein  Drama,  das 
spätestens  bereits  1589  vorhanden  war  und  von  dem  wir 
wissen,  dafs  es  1594,  aber  damals  nicht  zum  ersten  Male, 
aufgeführt  wurde;  Verfasser  dieses  Dramas  war  aller  Wahr- 
scheinlichkeit nach   Thomas  Kyd   (geb.  1558,  f  1594)  i). 


^)   Dafs  Gregor   Sarrazin,   Thomas   Kyd    und   sein   Kreis,     1892, 
die  Autorschaft  Kyds  endgültig  erwiesen  habe,  ist  die  Ansicht  von 


—     269     — 

Es  gilt  nun  als  feststehend,  dafs  die  Quelle,  aus  der  Kyd 
seinerseits  schöpfte,  gewesen  sei  die  dritte  Erzählung  des 
5.  Buches  von  Fran^^ois  de  ßelleforest  damals  viel  ge- 
lesenen Histoires  Tragiques,  welche  zuerst  Paris  1570  er- 
schienen waren  ^);  diese  Erzählung  ist  nichts  anderes  als 
eine  weitschweifige  Übertragung  der  Hamletsage  des  Saxo 
Grammaticus.  Somit  ginge  nach  heutiger  Anschauung 
Shakespeares  Hamlet  durch  das  Medium  des  Kyd- 
schen  Dramas  und  der  Erzählung  desBelleforest  un- 
mittelbar auf  Saxo  zurück^);  Zweifel  hieran  sind  bisher, 
soweit  ich  sehe,  von  niemandem  geäufsert  worden,  obgleich 
es  anerkannt  ist,  dafs  Shakespeare  sich  von  seiner  angeblichen 
indirekten  Quelle,  der  auf  Saxo  beruhenden  Erzählung  des 
Belieferest,  sehr  weit  entfernt:  „Die  Abweichungen  des 
Shakespeareschen  Dramas,"  sagt  Prölfs,  Shakespeares  Hamlet 
S.  122,  „sind  so  bedeutend,  wie  wir  sie  nur  bei  irgend  einem 
der  anderen  Shakespeareschen  Dramen  antreffen.  Wir  finden 
darin  nur  einige  der  wesentlichsten  Vorgänge  wieder,  und 
selbst  diese  noch  in  veränderten  Formen  und  bei  wesentlich 
anderer  Motivierung.  Nicht  nur  der  Ausgang,  sondern  auch 
die  Voraussetzung  derselben  sind  wesentlich  andere." 

Nun  besteht  aber  eine  höchst  merkwürdige  Überein- 
stimmung zwischen  dem  Skakespeareschen  Drama  und  der 
Firdosischen  Chosrosage,  die  wir  als  eine  Version  der 
Hamletsage  erkannt  haben,  bezüglich  eines  Motives,  welches 

E.  Dowden,  Ha?nlet,  London  1899,  S.  XIII;  auch  J.  Schick,  Die  Ent- 
stehung des  Hamlet,  Jahrbuch  der  deutscheyi  Shakespearegesellschaft  38 
(Berlin  1902),  S.  XVI,  meint,  dafs  wir  ^fast  mit  apodiktischer  Sicherheit" 
Kyd  als  Verfasser  bezeichnen  können. 

^)  S.  R.  Gericke  und  M.  Moltke,  ShaJcespeares  Hamletqu^llen, 
Leipzig  1881,  S.  VIII;  Körting,  Grundrifs  der  Geschichte  der  englischen 
Literatur  \  Münster  1893,  S.  218. 

^)  In  diesem  Sinne  hat  sich  noch  neuerdings  geäufsert  A.  Schröer, 
Neuere  und  neueste  Haml et for schling,  Jahrbuch  der  deutschen  Shakespeare- 
gesellschaft 35  (Berlin  1899),  S.  140. 


—     270     — 

bei  Saxo  vollkommen  fehlt,  nämlich  bezüglich  des  eigentlich 
zentralen  Motives  des  englischen  Dramas,  des  Charakters 
des  Helden,  und  diese  Übereinstimmung  ist  geeignet,  die 
stärksten  Zweifel  rege  zu  machen  an  der  landläufigen  An- 
schauung, dafs  das  von  Shakespeare  benutzte  Kydsche 
Drama  aus  Saxo  geschöpft  sei. 

Hamlet  erscheint  bekanntlich  bei  Shakespeare  als  ein 
schwermütiger,  tiefsinniger  Grübler:  sein  Geist  brütet  über 
den  Geheimnissen  des  Daseins,  das  ganze  irdische  Tun  und 
Treiben  erscheint  ihm  schal  und  leer,  alle  menschliche 
Gröfse  der  Vernichtung  verfallen.  Das  Leben  ruht  ihm 
auf  der  Seele  als  eine  schwere  Last,  die  alle  seine  Tat- 
kraft, alle  Lust  zum  Handeln  lähmt.  So  stark  ist  das 
Gefühl  der  Wertlosigkeit  dieses  Daseins  in  ihm,  dafs  der 
Gedanke  an  Selbstmord  ihm  nahe  tritt,  und  nur  das  Bangen 
vor  dem,  was  in  dem  unbekannten  Land  drüben  kommen 
wird,  die  Furcht  vor  den  Träumen,  die  der  Todesschlaf 
bringen  mag,  könne,  meint  er,  den  Menschen  abhalten,  sich 
dieses  sorgenvollen,  von  Widerwärtigkeiten  aller  Art  ver- 
düsterten Lebens  freiwillig  zu  entäufsern. 

Von  dieser  Auffassung  des  Hamletcharakters  findet  sich 
nun  bei  Saxo,  also  auch  bei  Belleforest  (ebenso  wie  in  den 
übrigen  nordischen  Versionen  der  Sage)  nicht  die  leiseste 
Spur.  Von  irgend  welchen  metaphysischen  Träumereien  und 
weltschmerzlichen  Anwafldlungen  des  Helden  ist  nirgends 
die  Eede.  Der  Hamlet  Saxos  lebt  ausschlief slich  in  dem 
Gedanken  der  Vaterrache;  sein  ganzes  Sinnen  und  Trachten 
ist  unverwandt  auf  dieses  Ziel  hingerichtet,  keinerlei  Be- 
denken machen  ihn  auf  seinem  Wege  irre,  und  sobald  er  nur 
den  richtigen  Moment  gekommen  meint,  zieht  er  die  Maschen 
seines  Netzes  mit  kalter,   skrupelloser  Energie  zusammen. 

Der  Charakter  des  Shakespeareschen  Hamlet, 
der  Charakter  des  melancholischen  Träumers,  deckt 
sich  dagegen  in  den  wesentlichsten  Zügen  mit  dem 


—     271     — 

Charakter  Kei  Chosros  bei  Firdosi,  nicht  zwar, 
wie  dieser  von  Anfang  an  uns  entgegentritt,  wohl 
aber,  wie  er  nach  dem  Vollzug  der  Vaterrache, 
nach  Chosros  Thronbesteigung,  erscheint. 

Sobald  Kei  Chosro  nach  dem  Tode  des  Kei  Ka'us  die 
Herrschaft  über  Iran  angetreten  hat,  geht  mit  ihm  eine  selt- 
same Veränderung  vor:  es  bemächtigt  sich  seiner  die  Furcht, 
er  könne  der  Überhebung  verfallen  und  sich  von  Gott  ab- 
wenden; tief  ergriffen  von  dem  Gefühl  der  Vergänglichkeit 
irdischer  Lust  und  Herrlichkeit  betet  er  eine  Woche  lang 
zu  Gott  um  Vergebung  seiner  Sünden  und  um  Bewahrung 
vor  den  Stricken  Ahrimans.  Seine  Grofsen  vermögen  sich 
die  Veränderung,  die  mit  dem  Schah  vorgegangen,  nicht 
zu  erklären;  sie  treten  vor  ihn  und  flehen  ihn  an,  „der 
Welt  zu  geniefsen".  Chosro  aber  erklärt  ihnen,  er  trage 
im  Herzen  nur  noch  ein  Verlangen,  und  auch  sie  möchten 
zu  Gott  flehen,  dafs  dieser  Wunsch  ihm  erfüllt  werde. 
Welcher  Wunsch  das  sei,  sagt  er  ihnen  nicht;  wir  er- 
fahren es  aber  aus  seinem  nun  folgenden  Gebet:  er  ist 
von  Todessehnsucht  erfüllt: 

^0  du  höher  als  hoch  und  hehrer, 
Alles  Guten  und  Reinen  Mehrer, 
Du  wirst  mich  leiten  zum  Ruhpalast, 
Zu  entfliehen  dieser  Wanderrast, 
Abgewandt  der  Verkehrtheit,  um  dort 
Zu  finden  der  Herz  verklärten  Ort'*. 

ni,  S.  240. 

Auch  in  einer  zweiten  Audienz,  die  er  meinen  Grofsen 
gewährt,  verweigert  er  ihnen  die  erbetene  Auskunft.  Nacli- 
dem  er  wieder  fünf  Wochen  einsam  im  Gebet  verbracht 
hat,  erscheint  ihm  im  Traume  der  Engel  Serosch: 

In  finstrer  Nacht  von  der  Müh'  ruht'  er  nicht; 
Doch  als  sich  erhob  des  Mondes  Licht, 
Entschlief  er,  und  sein  Geist  blieb  wach. 
Der  mit  der  Weltvemunft  sich  besprach. 
So  sah  er  im  Traum,  dafs  vom  Himmelstor 
Serosch  kam  und  ihm  flüstert'  ins  Ohr  .  .  . 


—     272     — 

Serosch  befiehlt  ihm,  seine  Schätze  zu  verteilen,  „dies 
Wanderhaus"  einem  anderen  zu  übergeben  und  selbst  sich 
nach  jenem  seligen  Ort  zu  schwingen,  den  er  im  Sinn  habe. 

DieGrofsen,  in  dem  Glauben,  Gott  habe  „einen  Schrecken" 
über  ihn  gesandt  oder  der  böse  Feind  habe  ihn  verführt, 
flehen  ihn  nun  in  einer  abermaligen  Audienz  an,  sich  nicht 
länger  seinem  Volke  zu  verschliefsen  und  sich  seinen  Herr- 
scherpflichten nicht  zu  entziehen.  Aber  Chosro  bleibt  un- 
erschütterlich: er  erklärt  ihnen,  er  fürchte,  wie  so  mancher 
andere  Schah,  vom  rechten  Weg  abzukommen  und  flehe 
deshalb  seit  fünf  Wochen  Gott  an,  ihn  hinwegzunehmen; 
jetzt  habe  ihm  Serosch  verkündigt,  dafs  seine  Zeit  um  sei 
und  er  sich  zur  Reise  fertig  machen  solle.  Die  Grofsen 
sind  aufser  sich  über  diese  Worte  und  meinen,  er  habe 
den  Verstand  verloren:  „Das  ist  kein  Witz,"  sagt 
der  greise  Zal,  „Vernunft  hat  in  seinem  Hirn 
keinen  Sitz."  Aber  Zals  Bemühungen,  ihn  auf  andere 
Gedanken  zu  bringen,  sind  vergeblich;  Chosro  erklärt,  er 
sei  der  Welt  müde,  nicht  der  Böse  habe  seinen  Sinn  um- 
strickt, wie  sie  glaubten,  sondern  sein  Trachten  stehe  nach 
dem  Himmel.  Er  läfst  nun  im  Felde  draufsen  ein  Zelt- 
lager aufschlagen  und  teilt,  auf  dem  Throne  sitzend,  den 
Iraniern  seinen  letzten  Willen  mit.  Nachdem  er  den  Lohrasp 
zu  seinem  Nachfolger  ernannt  und  von  allen  den  Seinigen 
Abschied  genommen  hat,  zieht  er  mit  acht  von  seinen 
Pehlevanen  auf  einen  hohen  Berg  und  wird  entrückt: 

Als  die  Sonne  vom  Berg  aufstand, 

Der  Schah  aus  den  Augen  der  Fürsten  schwand. 

Nun  ziehen  Wolken  und  Wind  herauf,  und  alle  acht 
Pehlevane  werden  von  einem  Schneesturm  begraben. 

Offenbar  entspricht  der  Gemütszustand  Kei  Chosros, 
wie  er  uns  hier  entgegentritt,  in  wesentlichen  Punkten 
dem  des  Shakespeareschen  Hamlet;  wir  haben:  1.  die  weit- 


—    273 


verachtende,  weltscbmerzliche  Stimmung;  2.  die  Unlust  zum 
Handeln;  3.  die  Todessehnsucht. 

Die  Übereinstimmung:  wird  uocli  klarer  hervortreten  aus 
e i  ner  Nebeneinandersetzung  der  hauptsäcli liebsten  in  Betracht 
kommenden  Stellen  des  Schabname  und  des  Hamletdramas: 


Kei  Chosro: 

.  .  .  diese  Macht  und  Pracht  geht 
fort. 

Niemand  wird  finden  in  dieser  Zeit 

(4rörsere  Lust  und  Herrlichkeit. 

Der  Welt  Geheimnis  ich  hört'  und 
schaut' 

Ihr  Gutes   und  Böses,  verborgen 
und  laut: 

Ob's  Pflüger  sei  ob  Kronen- 
träger, 

Am  Ende  bleibt  der  Tod  der 
Jäger. 

III,  S.  237. 

Vergib  mir,  was  ich  gesündigt  hab ! 

ib. 

M-  in    Geist   hat   diese  Welt 

u'esehn, 
K-    >.'ufzt    mein    Herz    über 

ihre  Wehn. 

HI,  S.  252. 

Nun  diese  fünf  Wochen,  wo  Tag 

und  Nacht 
Ich  mein  Gebet  habe  dargebracht, 
Dafs  Gott  der  Herr  mir  geb'  Urlaub 
Von    diesem     Kummer    und 

finsterm  Staub, 
>att  ward  ich  des  Heers,  des  Throns 

und  der  Krön  .  .  . 

HI,  S.  253. 

Ihr,    denen  Vernunft   zu   Gebote 

steht, 
Wüst    alle,    dafs    Bös    und    Gut 

hier  vergeht! 
Zenker,  Boeve-Amlethus. 


Hamlet: 
Wir  mästen  alle  anderen  Krea- 
turen, um  uns  zu  mästen;  und  uns 
selbst  mästen  wir  für  die  Maden. 
Der  fette  König  und  der 
magere  Bettler  sind  nur  ver- 
schiedene Gerichte;  zwei 
Schüsseln,  aber  für  Eine 
Tafel:  das  ist  das  Ende  vom 
Liede. 

Akt  IV,  8. 

Vgl.  femer  die  bekannten  Be- 
trachtungen Hamlets  auf  dem 
Kirchhofe,  V,  1. 

.  .  Nymphe,  schlief« 
In  do^n  Gebet  all   meine  Sünden 
ein. 

III,  1. 

0  schmölze  doch  dies  allzu  feste 

Fleisch, 
Zerging,   und  löst  in  einen  Tau 

sich  auf! 
Oder  hätte  nicht  der  Ew'ge  sein 

Gebot 
Gerichtet  gegen  Selbstmord !   — 

0  Gott!  0  Gott! 
Wie  ekel,  schaal  und  flach 

und  unerspriefslich 
Scheint    mir    das    ganze 

Treiben  dieser  Welt! 
Pfui!    pfui    darüber!    's    ist    ein 

wüster  Garten, 
Der   auf  in  Samen  schiefst;  ver- 
worfnes Unkraut 
Erfallt  ihn  gänzlich. 

I.  2. 
18 


—     274     — 


Kei  Chosro: 

Wir  gehn  aus  der  Karawanserei, 
Wozu  wohnt  Sorg'  und  Müh'  uns 

bei? 
Keiner   blieb    auf  der  Welt 

so  lang, 
Der    nicht    endlich    zu  gehn 

verlang'. 
Wenn   sich  Rücken  und  Nacken 

dir  bog, 
Der    leeren    Hand    der    Wunsch 

entflog. 
Schwerheit    auf   die   zwei   Ohren 

fällt. 
Nicht  Leib  noch  Geist  ist  recht 

bestellt, 
Das  Auge  nicht  sieht,   der  Fufs 

nicht  geht, 
Laut  rufst  du:  OHerr  der  Majestät, 
Bringe    mich    schnell    zu    deiner 

Statt, 
Denn    des    dunklen    Staubes    bin 

ich  satt! 

m,  S.  256. 


Hört  und  tut  meinem  Rate  nach! 
Macht  euch  mit  dieser  Welt 

nicht  grofs; 
Denn    Dunkelheit    birgt    sie 

im  Schofs. 

III,  S.  260. 

Ich  gehe  nun  aus  dem  Wanderhaus, 
Ihr   bleibt    hier    ohn'  Angst  und 

Graus. 
Nie  seht  ihr  mich  wieder  an  dieser 

Statt, 
Des    treulosen    Staubes    bin 

ich  satt. 
Ich  geh'  zu  Gottes  reinem  Licht, 
Den  Weg  der  Rückkehr  seh'  ich 

nicht. 

III,  S.  261. 


Hamlet: 

Ob's  edler    im   Gemüt,  die  Pfeil 

und  Schleudern 
Des  wütenden  Geschicks  erdulden, 

oder 
Sich  waff'nend  gegen  eine  See  von 

Plagen, 
Durch     Widerstand     sie     enden. 

Sterben  —  schlafen  — 
Nichts  weiter!  —  und  zu  wissen, 

dafs  ein  Schlaf 
Das    Herzweh    und    die    tausend 

Stöfse  endet. 
Die  unseres  Fleisches  Erbteil   — 

's  ist  ein  Ziel 
Aufs     innigste     zu     wünschen. 

Sterben  —  schlafen  —   .  . 

m,  1. 

Ich  habe  seit  kurzem  —  ich 
weifs  nicht  wodurch  —  alle  meine 
Munterkeit  eingebüfst,  meine  ge- 
wohnten Übungen  aufgegeben ; 
und  es  steht  in  der  Tat  so  übel 
um  meine  Gemütslage,  dafs  die 
Erde,  dieser  treffliche  Bau, 
mir  nur  ein  kahles  Vor- 
gebirge scheint  ....  Welch 
ein  Meisterwerk  ist  der  Mensch! 
.  .  .  Und  doch,  was  ist  mir  diese 
Quintessenz  vom  Staube! 

n,  2. 


1 


—     275     — 

Ich  meine,  die  enge  Verwandtschaft  des  Empfindens 
ist  in  hohem  Grade  frappant.  Ein  tiefgreifender  Unter- 
schied besteht  nur  insofern,  als  Hamlets  Grauen  vor  dem 
unbekannten  Lande  Chosro  fremd  ist;  der  Gedanke  des 
Todes  hat  für  ihn  nichts  Erschreckendes,  denn  er  weifs, 
dafs  er  einem  höheren,  besseren  Dasein  entgegengeht;  ist 
ihm  doch  durch  einen  Engel  direkt  der  Befehl  geworden, 
diese  Welt  —  „dies  Wanderhaus"  —  zu  verlassen.  Nehmen 
Avir  die  Gemütsverfassung,  in  der  Chosro  sich  nach  der 
Thronbesteigung  befindet,  als  schon  vor  derselben  vor- 
handen an,  so  erhalten  wir  den  Hamlet  Shakespeares,  dem 
l)hilosophische  Reflexion  die  Tatkraft  zur  Vollbringung  der 
Vaterrache  lähmt. 

Gesetzt,  der  Verfasser  des  von  Shakespeare  benutzten 
älteren  Hamletdramas  habe  in  seiner  Vorlage  einen  Charakter 
gefunden,  der  dem  Chosros  glich,  so  bedurfte  es  nur 
geringer  Modifikationen,  um  daraus  den  Charakter 
Hamlets  zu  gestalten,  wie  er  uns  bei  Shakespeare  ent- 
gegentritt. 

Aber  noch  zwei  andere,  bei  Saxo  fehlende  Motive 
des  Hamletdramas  haben  bei  Firdosi  Analoga,  und  zwar 
begegnet  das  eine  von  diesen  auch  in  nordischen  Versionen 
der  Hamletsage: 

1.  Bei  Shakespeare  wird  Hamlet  zum  Vollzuge  der 
Rache  durch  die  Erscheinung  des  Geistes  seines  Vaters 
gemahnt.  Saxo  weifs  von  einer  solchen  Geistererscheinung 
nichts.  Dagegen  findet  sich  nun  etwas  Entsprechendes 
wiedei'  bei  Firdosi.  Zwar  nicht  Chosro  selbst,  w^ohl  aber 
ihm  nahe  stehende,  befreundete  Grofse  werden  hier 
durch  Traumgesichte  zu  Handlungen  angetrieben, 
deren  Zweck  die  Rache  für  Sijawusch  ist:  Dem 
Guderz  erscheint  im  Traum  der  Engel  Serosch  und  gibt 
ihm  Kunde  von  Kei  Chosro;  daraufhin  entsendet  Guderz 
seinen  Sohn  Gew,  der  dann  Chosro  auch  findet  und  ihn 

18* 


~     270     — 

nach  Iran  flüchtet  (Rückert  11,  S.  201).  Später  sieht  Tu^ 
einmal  gegen  Morgen  im  Traum  den  Sijawusch  selbst: 

Ein  glänzendes  Licht  kam  aus  fernem  Raum, 
Im  Licht  ein  elfenbeinerner  Thron, 
Darauf  Sijawusch  mit  Glanz  und  Krön'! 
Mit  lächelnden  Lippen,  beredtem  Mund 
Tat  er  sich  ihm  wie  die  Sonne  kund. 

Sijawusch  mahnt  den  Tus,  auszuharren  im  Kampfe 
gegen  Afrasiab  und  prophezeit  ihm  den  Sieg.  Hier  also 
erscheint,  wie  bei  Shakespeare,  der  Geist  des  er- 
mordeten Vaters  selbst  und  fördert  das  Rachewerk. 

2.  Hamlet  spricht  I,  4  einmal  von  den  wüsten  Zech- 
gelagen, die  sein  Stiefvater  feiert: 

Der  König  wacht  die  Nacht  durch,  zecht  vollauf, 
Hält  Schmaus  und  taumelt  den  geräusch'gen  Walzer ; 
Und  wie  er  Züge  Rheinweins  niedergiefst, 
Verkünden  schmetternd  Pauken  und  Trompeten 
Den  ausgebrachten  Trunk. 

Bei  Saxo  ist  von  dergleichen  mit  keiner  Silbe  die 
Rede.  Dagegen  mufs  man  sich  bei  Hamlets  Worten,  meine 
ich,  sofort  erinnert  fühlen  an  die  Festgelage,  die  Firdosi 
den  Afrasiab  in  Gang  Diz  feiern  läfst: 

Wein  und  Gelag  und  Laut'  und  Rabäb, 
Rosen  und  Fest  und  Afrasiab. 

III,  S.  177, 

sowie  an  die  Schilderung  des  Trinkgelages  in  der  Ambales- 
saga  (Gollancz  S.  7 5  ff.)  und  an  das  laute  Fest  auf  dem 
Königsschlosse  im  Boeve  v.  Hamtone,  dessen  Lärm  Boeve 
auf  der  Weide  vernimmt. 

Die  Wahrscheinlichkeit,  dafs  es  sich  bei  diesen  Über- 
einstimmungen nicht  um  Zufall  handelt,  wird  erhöht  durch 
die  Tatsache,  dafs  noch  einige  weitere  Motive  des  Dramas, 
die  bei  Saxo  nichts  Entsprechendes  haben,  in  anderen 
Versionen  der  Hamletsage  nachzuweisen  sind: 

1.  In  Akt  II,  1  schildert  Ophelia  den  Aufzug,  in  dem 
Hamlet  bei  ihr  erschienen  ist,  mit  folgenden  Worten: 


—     277     — 

Als  ich  in  meinem  Zimmer  näht',  auf  einmal 

Prinz  Hamlet  —  mit  ganz  aufgerissnem  Wams, 

Kein  Hut  auf  seinem  Kopf,  die  Strümpfe  schmutzig 

Und  losgebunden  auf  den  Knöcheln  hängend; 

Bleich  -wie  sein  Hemde,  schlotternd  mit  den  Knie'n; 

Mit  einem  Blick,  von  Jammer  so  erfüllt. 

Als  war'  er  aus  der  Hölle  losgelassen. 

Um  Greuel  kund  zu  tun  —  so  tritt  er  vor  mich. 

Bei  Saxo  heifst  es  da,  wo  Hamlets  Gebahren  geschil- 
dert wird,  nur:  „Die  entstellte  Farbe  seines  Äufseren, 
sein  mit  Unflat  besudeltes  Gesicht  verrieten  den  Wahnsinn 
mit  seinen  lächerlichen  Torheiten"  (Jantzen  S.  142).  Da- 
gegen findet  sich  nun  der  eigentümlichste  Zug  der  obigen 
Schilderung,  die  Entblöfsung  der  Beine,  wieder  in  der 
Ambalessaga,  da  wo  Amlodis  Benehmen  beim  Trinkgelage 
in  der  Königshalle  beschrieben  wird:  mit  Asche  und 
Schmutz  besudelt  betritt  er  die  Halle,  später  streift 
er  seine  Hosen  herunter  und  tanzt  mit  nackten 
Beinen  umher  (and  he  doffed  Ms  hose,  and  harelegged 
gamholled  upon  the  floor,  Gollancz  S.  77).  Die  Übei*ein- 
stimmung  Shakespeares  mit  dieser  von  Saxo  unabhängigen 
Version  der  Sage  in  einem  so  eminent  speziellen,  seltsamen 
Zuge  ist  gewifs  sehr  auffällig.  Es  scheint  mir  kaum 
glaublich,  dafs  dieser  Zug  zweimal  erfunden  worden  sein 
sollte. 

2.  Es  ist  schon  von  W.  W.  Comfort,  Athenaeum  1900, 
II,  588  darauf  aufmerksam  gemacht  worden,  dafs  das 
Schauspiel  im  englischen  Drama,  wodurch  Hamlet  den 
König  zu  entlarven  sucht,  eine  merkwürdige  Parallele  hat 
in  einer  Scene  der  provenzalischen  Chanson  de  geste  von 
Daurel  und  Beton,  deren  Verfasser  den  Boeve  v.  Hamtone 
kannte  und  ihm  die  Grundzüge  für  die  Handlung  seines 
Epos  entnahm.  Dem  Hamlet-Boeve  entspricht  hier  Beton, 
der  Sohn  des  Bovo  d'Autona;  Bovo  wird  ermordet  von 
dem  Verräter  Gui,  an  dem  Beton  dann  später  Rache  nimmt. 
Der  Jooflar  Daurel  entspricht  dem  getreuen  Sabot  des  BvH. 


-     278     — 

Der  Vorgang,  um  den  es  sich  handelt,  ist  dieser: 
Daurel  und  Beton,  mit  ihren  E-üstungen  angetan,  aber  als 
Jogiars  verkleidet,  begeben  sich  zu  Gui  ins  Schlofs.  Daurel 
erklärt  Beton,  er  selbst  wolle  singen,  Beton  solle  nur  zu- 
hören: „Ich  werde  etwas  sagen,  das  ihm  nicht  gefallen 
soll;  ich  denke,  er  wird  sich  an  mir  vergreifen  wollen." 
Beton  meint,  er  werde  hurtig  sein,  wenn  es  gelte,  Eache 
zu  nehmen.  „Als  sie  ankamen,  safs  Gui  beim  Mahle. 
Gui  ruft  Daurel  zu:  Joglar,  kommt  und  efst;  Daurel  ant- 
wortet: Wir  wollen  für  Eure  Unterhaltung  sorgen.  Und 
Beton  begann  einen  schönen  Lai  zu  spielen  und  der 
wackere  Daurel  begann  zu  singen:  „Wer  ein  Lied  hören 
will,  dem  werde  ich,  denke  ich,  eines  singen  von  dem 
offenkundigen  Verrate  des  Verräters  Gui,  dem  Jesus  seinen 
Beistand  versagen  möge."  Gui  hielt  ein  Messer,  das  wollte 
er  nach  Daurel  werfen,  aber  Beton  warf  seine  Fiedel  weg, 
legte  seinen  Mantel  ab,  zog  sein  Schwert  und  schlug  ihm 
mit  einem  Hieb  den  rechten  Arm  herunter."  Sie  rufen 
dann  ihre  Leute  herbei,  Gui  wird  gefafst  und  von  einem 
Rosse  zu  Tode  geschleift. 

Augenscheinlich  haben  wir  es  hier  mit  einem,  dem 
Shakespeareschen  Schauspiel  im  Schauspiel  nahe  verwandten 
Motiv  zu  tun:  In  dramatischer  oder  epischer  Form  wird 
dem  Usurpator  seine  eigene  Schandtat  vor  Augen  gehalten, 
er  gerät  in  heftige  Erregung  und  bricht  die  Vorstellung, 
bezw.  den  Vortrag,  jäh  ab.  Freilich  ist  in  der  proven- 
zalischen  Chanson  der  Zweck  dessen,  der  die  Sache 
inszeniert,  nicht,  wie  bei  Shakespeare,  sich  der  Schuld  des 
Usurpators  zu  vergewissern,  denn  über  diese  besteht  längst 
kein  Zweifel.  Aber  es  ist  klar-,  dafs  das  Motiv  leicht  in 
diesem  Sinne  umgedeutet  werden  konnte.  Eine  Möglich- 
keit eines  Zusammenhanges  zwischen  dem  Motiv  im  Daurel 
und  Beton  und  bei  Shakespeare  ist  dadurch  gegeben, 
dafs    das   Motiv   ja    auch    in   jener   Fassung    des   Boeve 


—     279     — 

V.  Hamtone,  die  der  Verfasser  des  provenzali sehen  Epos 
benutzte,  vorhanden  gewesen  und  von  ihm  daraus  entlehnt 
worden  sein  könnte.  Das  Motiv  begegnet  sonst  in  keiner 
der  bekannten  Fassungen  der  Sage. 

3.  Der  Brief  an  den  König  von  England,  den  der 
dänische  König  Rosenkranz  und  Güldenstern  mitgibt,  ist 
mit  dem  königlichen  Petschaft  versiegelt.  Hamlet  führt 
auf  der  Reise  das  Petschaft  seines  Vaters  bei  sich,  das 
für  das  Petschaft  des  jetzigen  Königs  als  Muster  gedient 
hat;  den  neuen  Brief,  den  er  an  Stelle  des  erbrochenen 
legt,  siegelt  er  mit  diesem,  so  wird  „der  Wechselbalg" 
nicht  erkannt,  V,  2.  Von  einem  solchen  Siegel  auf  dem 
Briefe  und  domgemäfs  von  einer  Erneuerung  des  Siegels 
ist  nun  bei  Saxo  und  Belieferest  nicht  die  Rede.  Es  heifst 
einfach:  „Mit  ihm  reisten  zwei  Trabanten  Fengos,  welche 
ein  in  Holz  geritztes  Schreiben  mit  sich  führten  . .",  und 
dann:  „Als  er  den  Auftrag,  der  darin  stand,  gelesen, 
schabte  er  ihn  sorgfältig  weg,  setzte  neue  Schriftzüge  an 
seine  Stelle  . . .".  Dagegen  wird  nun  in  der  Ambalessage 
ausdrücklich  erwähnt,  dafs  Amlodi  einen  Siegelring 
besafs,  der  dem  des  Königs  genau  glich;  er  hat  ihn 
bei  seiner  Abreise  von  dem  Zwerge  Tosti  erhalten:  „Zwerg 
Tosti  gab  ihm  auch  einen  Siegelring,  der  aufs  genaueste 
dem  Siegel  des  Königs  glich"  (Gollancz  S.  129).  Als 
Amlodi  dann  den  Brief  des  Königs  erbrochen  hat,  heifst 
es :  „Er  schrieb  dann  statt  dessen  einen  anderen  Brief,  und 
setzte  des  Königs  Siegel  darauf" 

4.  Als  Vorbild  für  die  Ophelia  gilt  bekanntlich  jenes 
namentlich  nicht  genannte  Mädchen,  welches  bei  Saxo 
Fengo  dem  Hamlet  in  den  Weg  führen  läfst,  um  ihn  auf 
die  Probe  zu  stellen,  vgl.  oben  S.  16.  Der  Plan  mifslingt: 
„Aus  Bedenken  vor  einem  Anschlage  nahm  er .  .  das 
Mädchen  in  seine  Arme  und  schleppte  sie  weit  fort  zu 
einem  unzugänglichen  Sumpfe,  um  in  gröfserer  Sicherheit 


280 


seinen  Wunsch  zu  erfüllen.  Dort  vollzog  er  auch  das 
Beilager  und  dann  beschwor  er  sie  inständigst,  sie  möge 
niemandem  die  Sache  verraten.  Das  Schweigen  wurde 
ebenso  eifrig  erbeten  als  versprochen:  denn  da  beide 
dieselben  Führer  in  ihrer  Jugend  gehabt  hatten,  verband 
die  frühere  Gemeinschaft  ihrer  Erzieliung  das  Mädchen 
in  der  innigsten  Vertrautheit  mit  Amlethus"  (Jantzen 
S.  145). 

Offenbar  stimmt  hier  zu  der  Darstellung  Shakespeares 
so  gut  wie  nichts.  Dagegen  hat  mit  dieser  einen  wesent- 
lichen Zug  gemein  die  Schilderung  des  Verhältnisses  Boeves 
zu  Josiane  im  BvH. 

Josiane,  die  Tochter  Hermins,  verliebt  sich  in  Boeve, 
als  sie  Zeuge  seines  siegreichen  Kampfes  gegen  die  zehn 
Förster  wird,  die  ihn  auf  der  Eückkehr  von  der  Eberjagd 
überfallen.  Als  Boeve  dann  nach  glücklicher  Beendigung 
des  Feldzuges  gegen  Bradmond  —  Yg\.  Hamlets  Sieg  über 
Fortinbras!  —  an  den  Hof  zurückkehrt,  befiehlt  Hermin 
seiner  Tochter,  ihm  die  Waffen  abzunehmen  und  ihm  zu 
essen  zu  geben.  Sie  tut,  wie  ihr  geheifsen,  und  gesteht 
Boeve  dann  ihre  Liebe.  Schon  viele  Tränen  habe  sie 
seinetwegen  vergossen  und  manche  Nacht  schlaflos  ver- 
bracht. Weise  er  sie  zurück,  so  müsse  sie  vor  Kummer 
sterben.  Aber  Boeve  will  nichts  von  der  Sache  wissen: 
sie  möge  sich  diese  Torheit  begeben;  sie  könne  jeden 
König,  Grafen  und  Baron  haben,  während  er  ein  armer 
Ritter  aus  fremdem  Laude  sei.  Als  Boeve  auf  seiner 
AVeigerung  beharrt,  fällt  sie  vor  Kummer  in  Ohnmacht. 
Wieder  zum  Bewufstsein  gekommen,  schilt  sie  ihn  mit 
heftigen  Worten,  da  erklärt  Boeve,  in  seine  Heimat  zurück- 
kehren zu  wollen  und  eilt  erzürnt  davon.  Als  er  fort  ist, 
bereut  sie  ihre  Härte  und  läfst  ihn  durch  einen  Boten 
zurückrufen;  aber  B.  weigert  sich,  ^un  entschliefst  sie 
sich,  selbst  zu  ihm   zu  gehen,  bittet  ihn  um  Verzeihung, 


—     281     — 

beide  küssen  sich  und  der  Friede  ist  hergestellt.  Später 
wird  Josiane  Boeves  Frau. 

Audi  diese  P>zälilung  ist  freilich  von  der  Darstellung 
Shakespeares  sehr  verschieden,  aber  sie  stimmt  doch  mit 
ihr  in  dem  markanten  Zuge  überein,  dafs  die  Liebende 
von  demjenigen,  dem  sie  ihre  Liebe  entgegenbringt,  Zurück- 
weisung erfährt  und  sich  deshalb  unglücklich  fühlt:  Ophelia 
nimmt  sich  das  Leben,  Josiane  fällt  in  Ohnmacht.  Gesetzt, 
Shakespeares  —  indirekte  —  Quelle  habe  in  der  Schil- 
derung des  Verhältnisses  der  beiden  im  grofsen  und  ganzen 
mit  dem  BvH  im  Einklang  gestanden,  so  wäre  es  durchaus 
verständlich,  dafs  daraus  durch  Unterdrückung  des  Motives 
der  nachfolgenden  Aussöhnung  und  Heirat  die  Darstellung 
Shakespeares  entstand  —  wogegen  zwischen  der  Episode 
bei  Saxo  und  der  Version  Shakespeares  eigentlich  gar  kein 
verknüpfendes  Band  sichtbar  ist. 

Vielleicht  würden  sich  bei  genauerem  Zusehen  noch 
weitere  bei  Saxo  fehlende  Motive  des  Dramas  in  anderen 
Versionen  der  Sage  nachweisen  lassen;  es  mag  aber  bei 
diesen  sein  Bewenden  haben.  Die  bei  weitem  bedeut- 
samste Übereinstimmung  zwischen  dem  Shakespeareschen 
Drama  und  einer  der  nichtsaxoschen  Versionen  bleibt  doch 
die  des  Charakters  des  Helden  bei  Shakespeare  und  bei 
Firdosi.  Diese,  zusammen  mit  den  übrigen  bei  Saxo  feh- 
lenden Motiven  einerseits,  die  tiefgehende  Verschiedenheit 
der  Handlung  des  Shakespeareschen  Dramas  gegenüber 
Saxo  andrerseits  scheinen  mir  den  Verdacht  äufserst  nahe 
zu  legen,  dafs  die  gegenwärtig  herrschende  Ansicht,  wonach 
das  von  Shakespeare  benutzte  Drama  Kyds  aus  Belleforest- 
Saxo  geschöpft  wäre,  falsch  ist,  und  dafs  Kyd  vielmehr 
einer  anderen,  nicht  erhaltenen,  oder  doch  bisher  noch 
nicht  nachgewiesenen  Version  der  Hamletsage  gefolgt  ist, 
welche  in  der  Auffassung  des  Charakters  des  Helden  sich 
eng  berührte  mit  dem  persischen  F.pos  und  welche  aufserdem 


—     282     — 

eine  Reihe  Motive  enthielt,  die  sich  nicht  bei  Saxo,-  wohl 
aber  teils  wieder  in  der  persischen  Sage,  teils  in  den 
anderen  nordischen  Fassungen  der  Hamletsage  erhalten 
haben,  —  was  nicht  ausschliefsen  würde,  dafs  Kyd  auch 
die  Erzählung  des  Belieferest  gekannt  und  ihr  einzelne 
Züge  entlehnt  hätte. 

Diese  Vermutung  nun  wird,  denke  ich,  durch  den  im 
folgenden  Kapitel  zu  erbringenden  Nachweis  des  Ursprungs 
der  Hamletsage  aus  der  griechischen  Beilerophonsage 
einen  Grad  hoher  Wahrscheinlichkeit  erlangen. 


Die  Hamlet -Cliosrosage 
und  die  griechische  Beilerophonsage. 

Soweit  ich  sehe,  ist  noch  nirgends  auf  die  höchst 
merkwürdigen  Übereinstimmungen  aufmerksam  gemacht 
worden,  welche  zwischen  der  Hamlet-Chosrosage  und  der 
zuerst  bei  Homer,  Ilias  VI,  152 — 206  überlieferten  grie- 
chischen Beilerophonsage  bestehen;  die  Ähnlichkeit  ist 
eine  so  grofse,  sie  betrifft  so  wesentliche  und  so  spezielle 
Züge,  dafs  sie  sich  m.  E.  nicht  durch  Zufall  erklären  läfst, 
sondern  die  Annahme  eines  zwischen  diesen  Sagen  be- 
stehenden unmittelbaren  Zusammenhanges,  d.  h.  also,  in 
Anbetracht  des  chronologischen  Verhältnisses,  die  Annahme 
des  Ursprunges  der  Hamlet-Chosrosage  aus  der  Bellero- 
phonsage,  notwendig  macht. 

Über  die  Bellerophonsage  orientieren  am  besten 
Hermann  Alexander  Fischer,  Bellerophon,  eine  mythologische 
Abhandlung,  Leipzig  1851;  L.  Preller,  Griech.  Mythol.  11^, 
Berlin  1875,  S.  7 7 ff.;  Eapp  in  Keschers  Äusführl.  Lexihon  cl. 
griech.  u.  röm.  Mythol.  I,  1,  Leipzig  1884—86,  Sp.  757 ff.,  und 
Bethe  bei  Pauly-Wissowa,  Real-Encyld.  d.  Mass.  Altertums- 


—     283     — 

?m5.ni,  Stuttgart  1899,  S.241ff.;  s. ferner  v.Prittwitz-Gaflfron, 
BeUerophon  m  der  antiken  Kunst,  Dissert.,  München  1888. 
Der  wesentliche  Inhalt  der  Sage  ist  dieser: 
Bellerophon  oder  Bellerophontes  ist  der  Sohn  des  Po- 
seidon, oder,  nach  anderer  Version  (Homer),  des  Königs 
Glaukos  von  Korinth,  der  ursprünglich  mit  Poseidon  iden- 
tisch ist  {yXavxoQ  bezeichnet  bekanntlich  eine  Farbe  des 
Meeres).  Er  befindet  sich  in  einem  Abhängigkeitsverhältnis 
zu  Proitos,  dem  König  von  Tiryns  in  Argolis,  —  wie  es 
scheint,  eine  Nachbildung  des  Verhältnisses  des  Herakles 
zu  Eurystheus.  Erst  jüngere  Sage  motiviert  seinen  Aufent- 
halt bei  Proitos  damit,  dafs  er  einen  Mitbürger  oder  Bruder 
Namens  Belleros  beim  Kampfspiel  unfreiwillig  erschlagen 
habe  und  deshalb  aus  Korinth  zu  Proitos  geflüchtet  sei  (volks- 
etymologische Deutung  des  Namens  BeUeQoq)öjv,  s.  S.  287). 
Die  Gemahlin  des  Proitos,  Anteia  oder  Stheneboia  (letz- 
terer Name  zuerst  bei  Euripides)  wird  von  Liebe  zu 
Bellerophon  ergriffen  und  sucht  ihn  zu  verführen;  aber 
dieser  weist  sie  zurück.  Um  sich  zu  rächen,  verleumdet 
nun  Anteia  den  BeUerophon  bei  Proitos,  er  habe  ihr  Ge- 
walt antun  wollen,  und  verlangt  seinen  Tod.  Proitos 
wagt  es  nicht,  sich  an  BeUerophon  zu  vergreifen,  aber  er 
sendet  ihn  an  seinen  Schwiegervater,  den  Lykierkönig 
Jobates  (der  Name  wird  bei  Homer  nicht  genannt)  und 
gibt  ihm  in  Gestalt  einer  zusammengefalteten  Holztafel 
ein  Schreiben  mit,  w^orin  er  Jobates  auffordert,  den  Über- 
bringer zu  töten.  Die  Tafel  ist  mit  dem  königlichen  Siegel 
verschlossen.  Jobates  bewirtet  den  Gast  erst  neun  Tage 
lang,  dann,  am  zehnten,  fragt  er  ihn  nach  seinem  Auftrag. 
BeUerophon  übergibt  das  Schreiben  mit  unverletztem  Siegel 
(Fischer  S.  14).  Aber  auch  Jobates  wagt  nicht,  selbst 
den  BeUerophon  zu  töten;  er  beauftragt  ihn  deshalb,  die 
Chimaira  zu  erlegen,  ein  Ungeheuer,  vorne  Löwe,  in  der 
Mitte  Ziege,  hinten  Drache,  indem  er  darauf  rechnet,  dafs 


—     2S4     — 

Bellerophoii  in  dem  Kampfe  umkommen  werde.  Aber 
Belleroplion  ist  in  den  Besitz  des  geflügelten  Götterrosses 
Pegasos  gelangt.  Dieser  wurde  nach  Hesiod,  Theogonie 
V.  278  if.,  der  zuerst  den  Pegasos  mit  Belleroplion  in  Ver- 
bindung bringt  —  Homer  kennt  ihn  noch  nicht  — ,  von 
Poseidon  mit  der  Medusa  auf  blumiger  Aue  erzeugt;  bei 
ihrer  Enthauptung  durch  Perseus  an  den  Quellen  des 
Okeanos  sprang  er  nebst  dem  Chrysaor  hervor: 

Es  stürmte  der  grofse  Chrysaor  hervor  und  Pegasos  wiehernd. 

Pegasos  wurde  benannt  von  den  nahen  Ozeanusquellen, 

Und  von  dem  goldenen  Schwert,  das  die  Hand  ihm  füllte,  Chiysaor. 

Jener,  im  Fluge  auffahrend  vom  herdeweidenden  Erdreich, 

Kam   zu  der  Götter  Geschlecht  und  wohnt  im  Palaste  Kronions.^) 

Mit  Hilfe  des  Pegasos  gelingt  es  Bellerophon,  das 
Ungeheuer  zu  besiegen.  Nach  Apoll odor  2,  3,  2,  zu  dem 
die  bildlichen  Darstellungen  stimmen,  schwang  er  sich  auf 
dem  Eofs  in  die  Lüfte  und  durchbohrte  die  Chimaira  von 
oben  mit  der  Lanze.  Dagegen  nach  den  Mythogr.  Graeci 
p.  388  (Westermann)  und  ähnlich  Eusthatius  Z  200  und 
Tzetzes,  LyJcophron  17  brachte  er  ihr  eine  Bleikugel  in 
den  Rachen,  die  am  Feuer  in  ihrem  Innern  schmolz  und 
ihren  Tod  verursachte.  Homer,  der  den  Pegasos  nicht 
kennt,  läfst  ihn  die  Chimaira  bestehen  „im  Vertrauen  auf 
göttliche  Zeichen  (decov  regdeooi  mdrjoag)'^  d.  h.  nach  Fischer 
S.  18:  er  hatte  sich  von  den  Göttern  Zeichen  erfleht,  die 
günstig  ausgefallen  waren.  Nun  stellt  Jobates  ihm  neue 
gefährliche  Aufgaben:  er  hat  zuerst  den  Stamm  der  Sol3^mer. 
dann  die  Amazonen  zu  bekämpfen;  beide  Male  bleibt  er 
Sieger.  Dem  zurückkehrenden  legt  Jobates  einen  Hinter- 
halt der  tapfersten  Ijykier,  aber  Bellerophon  erschlägt  sie 
alle.  Nun  erkennt  Jobates  die  göttliche  Abstammung 
seines  Gastes,    er  gibt  ihm   seine  Tochter  zur  Frau  (die 

^)  Übersetzung  nach  J,  v.  Negelein,  Das  Pferd  im  german.  Alter- 
tum, Königsberg  i.  Pr.  1903  (Tcutonia,  Arbeiten  xiir  geriii.  Piniol. 
H.  2;,  S.  88. 


—     285     — 

iiiitri  \riM-liiedeiieii  Naiiieii  auftiiit:  Plülonoe,  Kassaiidia, 
Astymedusa  oder  Antikleia)  und  schenkt  ihm  die  Hälfte 
seines  Königreiches. 

Nachdem  Bellerophon  so  sein  Lebenswerk  vollbracht 
hat,  versinkt  er  in  Schwermut.  Nach  Homer  wird  er  allen 
Göttern  verhafst,  er  irrt  einsam  umher  auf  dem  aleischen 
Gefilde  ("Ahjtov  jiedior),  voll  finsteren  Unmuts,  alle  Wege  der 
Menschen  vermeidend.  Ares  tötet  Bellerophons  Sohn  Isandros 
im  Kriege  gegen  die  Solymer,  seine  Tochter  Laodameia 
fällt  dem  Zorne  der  Artemis  zum  Opfer,  nur  Hippolochos 
bleibt  ihm,  der  Vater  des  Glaukos,  letzterer  mit  Sarpedon 
der  Führer  der  Lykier  vor  Troja. 

Hiermit  schliefst  die  Darstellung  Homers. 

„Für  den  Hafs  der  Götter  gegen  Bellerophon  . . .  gibt 
Scholion  B  H.  VI  200  (Porphyrius  =  Schrader)  aufser  der 
Erklärung  seines  Trübsinns  aus  seinen  Verleumdungen  bei 
Proitos  und  Jobates  nach  Aecov  tv  roTg  Xovoaogixolg  die 
Notiz  aus  der  Lyde  des  Antimachos,  die  Tötung  der 
.Solymer,  die  die  Götter  geliebt,  habe  ihm  ihren  Hafs  zu- 
gezogen" (Bethe,  a.  a.  0.  S.  249).  Nach  Euripides,  über 
dessen  Dai'Stellung  sofort  genauer  zu  handeln  ist,  wollte 
er  auf  dem  Pegasos  den  Himmel  auskundschaften,  wurde 
aber  abgeworfen  und  stürzte  ins  aleische  Gefilde  hinab, 
wobei  ihm  die  Hüfte  ausgerenkt  wurde.  Er  starb  mit 
seinem  Schicksal  ausgesöhnt. 

Bezüglich  der  Herkunft  und  der  Deutung  des  Mythus 
gehen  die  Ansichten  auseinander.  Nach  Bethe  ist  Bellero- 
phon, „soweit  wir  wissenschaftlich  erkennen  können,  ein 
urgriechischer  Gott".  Sein  Kult  sei  von  der  Nordostecke 
des  Peloponnes  nach  Kleinasien,  besonders  nach  Lykien,  aber 
auch  in  die  jonischen  Kolonien  gelangt.  Die  Vermutung 
liege  nahe,  dafs  Bellerophon  auch  in  der  Nordostecke  des 
Peloponnes  erst  eingewandert  war  und  zwar  von  Norden 
her.    Seine  Kämpfe  gegen  die  Solymer  seien  offenbar  ein 


—     286     — 

mythisches  Spiegelbild  der  Kämpfe  der  Griechen  um  den 
Besitz  von  Lykien.  Ebenso  betrachtet  Rapp  Bellerophon 
als  einen  ursprünglich  griechischen  Heros. 

Dagegen  nahm  Preller,  Griech.  Mythol.  11,77  umgekehrt 
an,  dafs  der  Kult  des  Bellerophon  aus  Kleinasien  nach 
Korinth  übertragen  wurde;  er  entstammt  einem  „sehr  alten 
lycischen  Licht-  und  Sonnendienst":  „Bellerophon,  der 
lycische  Sonnenheld,  ist  ein  Sohn  des  Glaukos  oder  des 
Poseidon,  weil  die  Sonne  aus  dem  Meere  aufsteigt:  daher 
sich  dieselbe  Vorstellung  in  manchen  altertümlichen  Sagen 
wiederholt  und  auch  darin  bewährt,  dafs  Poseidon  und 
Apollo  oder  Poseidon  und  Helios  nicht  selten  neben 
einander  verehrt  wurden.  Zu  bemerken  ist  auch,  dafs  der 
Kult  des  Sonnengottes  in  Korinth  ein  sehr  alter  war  und 
dafs  Helios  in  diesem  Kulte  nach  einer  gleichfalls  nicht 
ungewöhnlichen  Vorstellung  als  die  streitbare  Macht  des 
Himmels  schlechthin  verehrt  wurde,  so  dafs  er  auch  wie 
sonst  Zeus  xeQavviog  im  Gewitter  seine  Macht  offenbart. 
Auch  Blitz  und  Donner  zogen  als  Rosse  den  Wagen  dieses 
korinthischen  Helios  und  Pegasos,  das  Rofs  des  Belle- 
rophon, ward  sonst  als  das  des  Zeus  Keraunios  gedacht." 

Ebenso  nimmt  lykisclien  Ursprung  der  Bellerophon- 
sage  an  0.  Treuber,  Geschichte  der  LyJcier,  Stuttgart  1887, 
S.  57  ff.:  „Die  einzelnen  diesem  Heros  zugeschriebenen 
Taten  versetzt  die  homerische  Form  der  Sage  alle  nach 
Lykien.  In  der  späteren  Gestaltung  der  Sage  spielt  nur 
eine,  die  Bändigung  des  Pegasus,  auf  korinthischem  Boden." 
Er  weist  ferner  darauf  hin,  dafs  eine  der  lykischen  Demen 
BeUeQO(p6vTeiog  hiefs,  und  dafs  gerade  das  historische 
Element  in  der  ganzen  Sage,  der  Kampf  mit  den  Solj^mern, 
spezifisch  lykisch  ist.  Zu  der  gleichen  Ansicht  bekennt 
sich  H.  Lewy,  Die  semit  Fremdwörter  im  Griechischen, 
Berlin  1895,  S.  190.  Den  Namen  erklärt  letzterer  aus  dem 
Semitischen  als  Ba'cil  räfön,  „Ba'al  der  Heilung,  Rettung." 


287 


Der  auch  bezeugten  Naraensform  'EkXeQOfpovrijg  liege  zu 
Grunde  'El  räßn,  „'El  der  Heilung."  „Die  Formen 
BeXX€Q(xp6vn]^  und  " EkXEQ0(p6vTi]g  für  BeXXegocpdjv  und  'EXXe- 
QO(pcov  sind  Erzeugnis  der  Volksetymologie,  gebildet  nach 
^AQiGToq)6vjt]g,  KXeoffövrrjg ,  WO  auch  die  verkürzte  Endung 
-(pöjv  voikommt." 

Nach  Eapp,  a.  a.  0.  S.  761  ist  Bellerophon  „der  himm- 
lische Reiter,  der  mit  seiner  heilsamen  und  reinigenden, 
in  Sturm  und  Gewitter  einherfahrenden  Macht  das  ver- 
derbliche Gewitterungetüm,  die  Chimaira,  erlegt  und  da- 
durch als  der  Retter  und  Wohltäter  der  Menschheit,  d.  h. 
als  Heros  erscheint."  Der  Pegasos  sei  ein  Sinnbild  der 
Wolken,  die  aus  dem  Meere  aufsteigen. 

Bender,  Die  märchenhaften  Bestandteile  der  home- 
rischen Gedichte,  Progr.  des  Gymn.  von  Darmstadt,  1878, 
S.  13  ist  geneigt,  sich  Max  Müller,  Essays  II,  156  ff.  an- 
zuschliefsen,  der  Bellerophon  mit  Indra,  dem  Lichtgott, 
identifiziert,  dem  Spender  des  befruchtenden  Regens.  „Denn 
der  Regen  strömt  nicht  eher,  so  lehren  die  Vedas,  bis  der 
Gott  den  schwarzen  Dämon,  die  Wetterwolke,  die  schwarze 
Haut,  die  das  Nafs  gefangen  hält,  getötet  i.  e.  gespalten 
hat."  Bellerophon  sei  demnach  ein  Doppelgänger  des 
Herakles  und  Perseus  und  wie  jene  im  Grunde  nichts 
anderes  als  der  über  dunkle  Dämonen  siegende  Gott  des 
lichten  Himmels.  In  seiner  Geschichte,  wie  sie  in  der 
Ilias  vorliegt,  würden  wir  „eine  Verquickung  uralten 
Sonnendienstes  eranischen  Ursprungs  mit  semitischen  Tradi- 
tionen und  vielleicht  schliefslich  mit  der  nachklingenden 
Erinnerung  alter  Kolonisationsfahrten  nach  Kleinasien  zu 
erkennen  haben,  und  es  ist  für  diese  Erklärung  nicht  be- 
deutungslos, dafs  die  Haupthandlung  in  Lykien  spielt, 
dem  Eigentum  des  Lichtgottes  Apollo,  der  Verkehrs- 
brücke zwischen  Kleinasien  und  der  Ostbucht  des 
Mittelmeeres." 


288 


Trenber,  a.  a.  0.  S.  63  sieht  in  Bellerophon  einen  nach 
und  nach  zum  Heros  sich  entwickelnden  Himmelsgott,  der 
zum  Meer  und  den  Gewässern  überhaupt  in  Beziehungen 
stand.  „Diese  Beziehung  war  derart,  dafs  Bellerophon 
entweder  der  Held  der  aus  dem  Meer  aufgehenden  Sonne 
war,  welche  Anschauung  die  Lykier  dann  aus  früheren 
Wohnsitzen  mitgebracht  hätten,  oder  der  Gott,  der  aus 
dem  Meer  und  sonstigem  Gewässer  die  Wetterwolken  ent- 
stehen läfst  und  kraft  eines  dualistischen  Gegensatzes  in 
seinem  Wesen,  wie  ein  solcher  so  ziemlich  bei  allen 
Naturgottheiten  sich  findet,  im  Gewitter  gegen  die  finsteren, 
unheildrohenden  Wetterwolken  siegreich  kämpft.  Für  die 
erstere  Auffassung  wäre  die  Chimaira  ursprünglich  eine 
Verkörperung  irgend  welcher  die  Ordnung  störender  und 
menschenfeindlicher  Naturkräfte  oder  vielleicht  der  unheil- 
vollen Seite  und  Wirkung  der  Sonnenhitze;  für  die  zw^eite 
ist  sie  die  Verkörperung  eben  der  Gewitterwolken  und 
der  Gewittererscheinungen." 

Fischer,  a.  a.  0.  S.  91  sieht  mit  den  Alten  in  der 
Chimaira  einen  feuerspeienden  Berg;  ihr  Schlaugeukopf 
bezeichne  das  zündende  vulkanische  Feuer,  das  in  Schlangen- 
wdndungen  aus  dem  Krater  hervorströmt,  der  Löwenkopf 
einmal  das  brüllende  Getöse  des  Vulkans  und  dann  die 
Glut  (braungelbe  Farbe)  des  Feuers;  den  Ziegenkopf  führt 
Fischer  zurück  auf  den  feuerspeienden  Berg  Chimaira  == 
Ziege  in  Lykien,  der  Plinius,  Nat  Rist  2,  106;  5,  28  und 
Servius  ad  Aen.  6,  280  bekannt  ist.  Er  leitet  den  Namen 
mit  Sickler  ab  von  einem  hebräischen  Namen  lOn .  der 
brausen,  aufgähren,  anschwellen  bedeutet.  Dieser  Name 
sei  von  den  Griechen,  die  nach  Lykien  kamen,  yjjuaioa 
ausgesprochen  worden,  und  so  sei  die  Ziege  in  die  Bildung 
des  Ungeheuers  hineingekommen. 

Auch  Lewy,  a.  a.  0.  S.  191  deutet  die  Chimaira  auf 
einen  Vulkan;    doch   erklärt   er    die   drei   Köpfe   anders: 


-     289     — 

„wahrscheinlich  erklärt  sich  die  Dreigestalt  so,  dafs  der 
glühende  Lavastrom  wie  ein  Löwe  verheert,  wie  eine 
Bergziege  hüpft  und  wie  eine  Schlange  sich  windet." 

Nach  Gruppe,  Müllers  Handbuch  V,  2,  S.  838  bezeichnet 
die  Chimaira  „den  nach  antikem  Wahn  aus  Vulkanen  her- 
vorkommenden Sturm".  Als  Wohnsitz  des  Sturmdämons 
sei  die  Chimaira  durch  ihren  phoinikischen  Namen  empfohlen 
worden.  Gruppe  erwähnt  auch  Useners  Deutung  der  Chimaira 
als  des  löwenförmigen,  vom  Sonnengott  bezwungenen  Winter- 
dämons, stimmt  ihr  aber  nicht  zu. 

Der  Pegasos  wurde  von  den  Alten  aufgefafst  als  das 
Gewitterrofs  des  Zeus,  vereinzelt  auch  als  das  Götterrofs 
der  Eos,  s.  Bethe  S.  245.  Die  erstere  Deutung  wird  von 
Rapp  a.  a.  0.  Sp.  759  acceptiert. 

Negelein,  a.a.  0.  S.  50  bezeichnet  ihn  als  das  ,,Blitzrofs", 
er  sei  „identisch  mit  dem  ßlitzgott,  die  erstere  Figur  eine 
theriomorphische,  die  zweite  eine  anthropomorphische  Dar- 
stellung derselben  Naturerscheinung.  Die  Blitzgötter  reiten 
stets,  Mann  und  Rofs  sind  körperlich  ein  untrennbares 
Ganze  und  fallen  begrifflich  zusammen."  vS. bei  Negelein 
Kap.  II,  1,  S.  48:  Das  Pferd  als  Blitzsymbol.^) 

Da  ich  nicht  Fachmann  bin,  so  kann  ich  mir  über 
diese  Fragen  ein  Urteil  nicht  erlauben.  Doch  darf  ich 
wohl  bemerken,  dafs  mir  die  Ansicht,  wonach  die  Belle- 
rophonsage  aus  Lykien  nach  Griechenland  erst  übertragen 
wurde,  besser  begründet  und  die  Auffassung  Bellerophons 
als  eines  lykischen  Sonnenheros  alle  Wahrscheinlichkeit 
für  sich  zu  haben  scheint;  dazu  stimmt  die,  wie  mir  scheint, 
einleuchtende  Deutung  des  Namens,  welche  Lewy  gibt. 

Die  Beilerophonsage  ist  sowohl  von  Sophokles  als  von 


^)  Dichterrofs  ist  der  Pegasos  erst  seit  Bojardo,  Orlando  ina- 
moratOj  infolge  einer  Vennengung  der  Sage  von  Bellerophon  und  der 
von  der  Hippokrene. 

Zenker,  Boeve-Amlethus.  19 


—     290     ~ 

Euripides  dramatisch  behandelt  worden,  von  ersterem  im 
Jobates,  von  Euripides  im  Beller oj)hontes  und  in  der  Stkene- 
hoia.  Von  allen  drei  Tragödien  sind  uns  nur  Fragmente 
erhalten. 

Mit  der  Rekonstruktion  haben  sich  befafst  F.  G.  Welcker, 
Die  griech.  Tragoedien,  Bonn  1839,  I,  416—18,  II,  785—800, 
777 — 785;  J.  A.  Härtung,  Euripides  restitutus  I,  Hamburg 
1843,  388—401,  78—86,  und  Wecklein,  Über  fragmentar. 
erhalt.  Tragoedien  d.  Euripides,  Sitzungsber.  d.  Äkad.  d.  JViss. 
z.  Mimchen,  philos.-hist.  Klasse  1888,  1,  S.  98—109.  Die 
Fragmente  sind  gesammelt  bei  A.  Nauck,  Tragicorum  Grae- 
corum  fragmenta,  Leipzig  1856,  S.  351 — 59. 

Vom  Jobates  des  Sophokles  sind  nur  zwei  Fragmente 
auf  uns  gekommen,  die  über  den  Gang  der  Handlung  keine 
Auskunft  erteilen.  Doch  nimmt  Welcker  an,  dafs  Askle- 
piades  in  seinem  Scholion  zu  Ilias  VI,  155  aus  Sophokles 
schöpft:  „Proitos",  so  berichtet  A.,  „wollte  den  Bellerophontes 
nicht  mit  eigener  Hand  töten,  deshalb  schickte  er  ihn 
nach  Lykien  zu  seinem  Schwiegervater  Jobates  und  gab 
ihm  ein  Schreiben  mit,  das,  ohne  dafs  der  Überbringer  es 
wufste,  gegen  diesen  selbst  gerichtet  war.  Jobates  über- 
trug ihm  viele  Kämpfe,  als  er  aber  sah,  dafs  er  alle  glück- 
lich bestand,  wurde  er  argwöhnisch  bezüglich  des  gegen 
ihn  gerichteten  schlimmen  Anschlages.  Denn  eine  solche 
Menge  Feinde  kämpfte  er  durch  seine  Kraft  nieder.  Er 
gab  ihm  nun  seine  eigene  Tochter  Kassandra  zur  Gattin 
und  schenkte  ihm  einen  Teil  seines  Königreiches."  Welcker 
nimmt  an,  das  Drama  habe  eingesetzt  bei  der  Rückkehr 
des  Bellerophon  von  seiner  letzten  Prüfungsfahrt:  „Diese, 
sowie  die  vorangegangenen,  wurde  so  durch  ihn  und  den 
Chor,  der  natürlich  aus  Lykiern  bestand,  der  Inhalt  der 
ersten  Darstellung.  Und  als  nun  Jobates  Zweifel  an  der 
Schuld  des  Bellerophontes  fafste,  so  gab  der  Brief  des  Proitos 
Anlafs,  die  Beschuldigung  der  Anteia  ihm  vorzuhalten  und 


—     291     — 

die  Vorfälle  nach  der  Wahrheit  aus  Licht  zu  bringen." 
Das  Stück  behandelte  also  nur  den  ersten  Teil  der  Sage. 

Beide  Teile  hat  dramatisiert  Euripides  in  den  genannten 
Tragödien. 

Der  Inhalt  der  Sthenehoia  war  im  wesentlichen  dieser: 
Bellerophüu,  wegen  Todschlags  aus  Korinth  flüchtend,  kommt 
zum  König  Proitos  nach  Tiiynth.^)  Stheneboia,  des  Proitos 
Gemahlin,  verliebt  sich  in  den  Fremden,  als  er  ihr  aber 
nicht  zu  Willen  ist,  verklagt  sie  ihn  bei  Proitos,  er  habe 
ihr  Gewalt  antun  wollen.  Dieser  sendet  Bellerophon  mit 
einem  Briefe,  der  ihm  den  Tod  bringen  soll,  nach  Karlen 
zu  Jobates.  Jobates  beauftragt  ihn,  die  Chimaira  zu  be- 
kämpfen. Bellerophon  tötet  diese  und  kehrt  nach  Tirynth 
zu  Proitos  zurück.  Als  er  erfährt,  dafs  Stheneboia  ihm  zum 
zweiten  Male  nachstellt,  nimmt  er  an  ihr  Rache,  indem  er 
ihr  Liebe  heuchelt,  sie  auf  dem  Pegasos  in  die  Luft  empor- 
führt und  dann  ins  Meer  hinabstürzt.  Fischer  finden  ihren 
Leichnam  und  bringen  ihn  nach  Tirynth.  Bellerophon  setzt 
den  Proitos  von  dem  Geschehenen  in  Kenntnis:  zweimal  habe 
man  ihm  nach  dem  Leben  getrachtet,  nun  habe  er  gerechte 
Rache  genommen. 

Die  Rache  des  Bellerophon  an  Stheneboia  ist  nach 
Rapp,  a  a.  0.  S.  772,  unzweifelhaft  eine  Erfindung  des  Euri- 
pides. Das  Drama  war  sehr  populär;  nach  Fischer  S.  45 
war  es  so  ins  Volk  übergegangen,  dafs  mehrere  Sentenzen 
daraus  zu  Sprichwörtern  wurden. 

Bei  weitem  wichtiger  ist  für  uns  nun  aber  das  zweite 
Drama  des  Euripides,  der  Bellerophontes.  Über  seinen  Inhalt 
geben  die  Nachrichten  der  Alten  zusammen  mit  den  ziem- 


*)  Bei  Homer  spielt  die  Handlung  vielmehr  in  Korinth.  Ihre 
Verlegung  nach  Tirynth  rührt  daher ,  dafs  Euripides  den  Proitos 
Homers  mit  dem  gleichnamigen  Beherrscher  von  Tirynth  verwechselte, 
s.  Prittwitz-Gaffron  S.  4. 

19* 


—     292     — 

lieh  zahlreichen  Fragmenten  und  der  Parodie  im  Frieden 
des  Aristophanes  ungefähren  Aufschlufs. 

Der  Prolog  wurde  nach  Härtung  S.  389  von  Mega- 
penthes,  dem  Sohne  des  Proitos  und  der  Stheneboia,  ge- 
sprochen. Er  gab  die  bekannte  Vorgeschichte  von  der 
Flucht  des  Bellerophontes  aus  Korinth  bis  zu  seiner  Ver- 
mählung mit  der  einen  Tochter  des  Proitos.  Es  wurde 
darin  u.  a.  erzählt,  dafs  Jobates,  als  Bellerophontes  mit 
dem  versiegelten  Schreiben  des  Proitos  ankam,  gerade  bei 
Tafel  war,  dafs  er  ihn  als  einen  Vertrauten  seines  Schwieger- 
sohnes einlud  und  mit  sich  speisen  liefs.  „Als  er  darauf 
den  Brief  gelesen  hatte,  schöpfte  er  sogleich  Verdacht, 
dafs  Bellerophontes  unrecht  beschuldigt  sei,  da  Dike  zuge- 
lassen^ dafs  er  mit  ihm  afs:  denn  es  ist  Gebrauch  bei  den 
Hellenen,  dem,  der  mitgegessen  hat,  nicht  übel  zu  tun." 
Von  Stheneboia  meldete  der  Prolog  nach  Härtung  S.  390, 
sie  habe  sich,  als  sie  vernahm,  dafs  Bellerophon  schuldlos 
befunden,  aus  Scham  mit  Gift  das  Leben  genommen  — 
also  eine  Version,  welche  von  der  des  erstbesprochenen 
Dramas  abwich. 

Bellerophon  wurde  nun  in  dem  Stücke  geschildert  als 
ein  von  tiefer  Schwermut  befallener,  „der  nicht  blofs  von 
Glück  und  Unglück  Zweifel  gegen  die  göttliche  Gerechtig- 
keit auf  Erden  schöpft,  ....  sondern  gegen  die  Welt- 
regierung hadert  und  die  Götter  leugnet"  (Welcker). 

Seine  Gesinnung  kommt  deutlich  zum  Ausdruck  in 
Fragment  287,  welches  lautet: 

„Ich  bekenne  mich  zu  dem  Satze,  den  man  überall 
vernimmt:  das  Beste  sei  es  dem  Sterblichen,  nie  geboren 
zu  werden.  Unter  drei  Lebensschicksalen  aber,  dem  Reich- 
sein, der  Abstammung  aus  edlem  Geschlecht  und  der  Armut, 
trägt  nach  meinem  Urteil  eines  den  Sieg  davon  —  denn 
diese  Zahl  [sc.  möglicher  Schicksale]  nehme  ich  an.  Wer 
sehr    reich,    hinsichtlich   seiner   Abstammung    aber    nicht 


—     293     - 

glücklich  ist,  der  leidet  zwar,  er  leidet,  doch  in  schöner 
Weise,  wenn  er  die  mit  Reichtum  erfreulich  gefüllte  Kammer 
öffnet.  Mufs  er  aber  diese  verlassen,  nachdem  er  vorher 
reich  gewesen,  dann  ist  er,  unter  dem  Joch  des  Unglücks, 
traurig.  Wer  aber,  aus  edlem,  ehrwürdigem  Geschlechte 
stammend,  Mangel  erduldet,  der  ist  im  Hinblick  auf  seine 
Herkunft  zwar  glücklich,  durch  seine  Armut  aber  ist  er 
übel  dran,  und  dabei  leidet  er  in  seiner  Seele;  aus  Scham 
meidet  er  die  Arbeit  der  Hände.  Wer  aber  gar  nichts 
hat  und  in  jeder  Beziehung  unglücklich  ist,  der  trägt  eben 
dadurch  deü  Sieg  davon.  Denn  Mangel  leidend,  stets  un- 
glücklich und  in  Not,  hat  er  das  Wohlbefinden  gar  nicht 
kennen  gelernt.  Und  so  ist  es  das  Beste,  das  Angenehme 
nie  gekostet  zu  haben;  denn  dieses  behalten  wir  in  der 
Erinnerung.  Ein  solcher  war  auch  ich  einst,  als  ich  glück- 
lich war  unter  den  Menschen." 

Er  bestreitet  das  Dasein  der  Götter,  Fragm.  288: 
„Mancher  meint,  es  gebe  wirklich  im  Himmel  Götter: 
es  gibt  keine,  keine!  Wenn  der  Mensch  redet,  soll  er 
nicht  einfältig  Althergebrachtes  nachsprechen.  Erwäget 
dieses  und  seid  nicht  gegen  meine  Worte  von  vornherein 
eingenommen.  Ich  behaupte,  dafs  Tyrannei  die  meisten 
tötet  und  ihres  Besitzes  beraubt,  dafs  solche,  die  die  Eide 
brechen,  die  Städte  zu  Grunde  richten.  Und  obgleich  sie 
das  tun,  sind  sie  glücklicher  als  die,  welche  Tag  für  Tag 
in  ruhiger  Frömmigkeit  dahin  leben.  Ich  kenne  kleine 
Städte,  welche  die  Götter  ehren  und  dennoch  gröfseren, 
weniger  frommen  Untertan  sind,  überwunden  durch  die 
gröfsere  Zahl  der  Lanzen  ..." 

Damit  steht  im  Einklang  seine  Äufserung  in  Fragm.  295 : 
„Möchf  ich  doch  sterben!     Denn   nicht  ist  es  recht, 
das  Licht  zu  schauen,  wenn  man  sieht,  wie  die  Schlechten 
widerrechtlich  in  Ehren  sitzen." 

Bellerophon  tat  diese  Äufserungen  im  Gespräch  mit 


—     294     — 

einem  Vertrauten,  in  dem  Härtung  seinen  Sohn  Glaukos 
vermutet;  denn  offenbar  sind  als  Erwiderungen  auf  Belle- 
rophons Klagen  zu  fassen  Fragm.  303  und  304: 

„Du  siehst  in  zahllosen  Fällen  unverhoffter  Weise 
eine  Wendung  zum  Besseren  eintreten.  Viele  entflohen 
den  Wogen  des  Meeres,  viele  auch,  erst  unterlegen,  ge- 
wannen dann  die  Oberhand  über  die  feindlichen  Lanzen 
und  erreichten  ein  besseres  Geschick." 

„Unverzagter  Mut  hat  im  Unglück  grofse  Kraft." 

Bellerophon  fafst  nun  den  Plan,  mit  Hülfe  des  Pegasos 
den  Himmel  auszukundschaften.  Er  läfst  sich  sein  Flügel- 
rofs  bringen,  besteigt  es  und  schw^ebt  durch  die  Luft  empor, 
indem  er  spricht: 

„Komm,  goldgezäunter,  erhebe  deine  Fittiche  .  .  .  . 
erscheine,  schattiges  Laubdach,  ich  überfliege  die  quellen- 
reichen Waldtäler;  den  Äther  über  meinem  Haupte  wünsche 
ich  zu  sehen,  erfahren  will  ich,  welche  Stätte  Einodia  („die 
wegeschützende",  d.  i.  Hekate)  innehat." 

Eine  Parodie  dieses  Pegasosrittes  gibt  Aristophanes 
im  Frieden,  wo  er  im  ersten  Akt  den  attischen  Landmann 
Trygaios  auf  dem  Mistkäfer  zum  Olymp  emporreiten  läfst.^) 

Es  folgt  dann  Bellerophons  Sturz  ins  aleische  Gefilde. 
Er  wird  über  die  Bühne  getragen,  wobei  er  die  Worte  spricht: 

„Wehe!   Was  wehe!   Irdisches  traun  erdulden  wir. 

Tragt  diesen  Unglücklichen  hinein." 
Nachdem  seine  Wunden  geheilt  sind,  irrt  er  lahm  auf 
dem  aleischen  Gefilde  umher,  s.  Härtung  S.  393,  der  erst  hier 

^)  Nach  Wecklein  S,  99  bezöge  sicli  die  Parodie  vielmehr  auf 
den  Pegasosritt  in  der  Stheneboia,  was  mir  nicht  glaublich  scheint; 
seine  Begründung:  „Da  sich  die  Töchter  des  Trygaios  nach  der  Fahrt 
erkundigen,  die  stattfinden  soll,  so  kann  sich  die  Parodie  nur  auf 
die  Stheneboia  beziehen,  in  welcher  naturgemäfs  Stheneboia  Näheres 
über  die  gefährliche  Fahrt,  mittelst  welcher  Bellerophontes  sie  ent- 
führen  zu   wollen   vorgibt,   erfahren  will",  ist  mir  nicht  verständlich. 


—     295     — 

den  oben  citierten  Fragmenten  287,  288,  295  ihren  Platz 
anweist. 

Nun  werden  die  Anschläge  gegen  ihn  fortgesetzt: 
Megapenthes  will  ihn  ermorden,  aber  Bellerophon  wird 
von  seinem  Sohne  Glaukos  gerettet.  Härtung  vermutet, 
Stheneboia  habe  sich  vor  ihrem  Tode  von  Megapenthes 
schwören  lassen,  dafs  er  ihren  Tod  an  Bellerophon  rächen 
wolle;  Welcker  meint,  eine  Kabale  von  seiten  des  Mega- 
penthes sei  vielleicht  gerade  die  Ursache  von  Bellerophons 
Unmut  gegen  die  Götter,  die  Grundlage  des  Stückes  gewesen, 
und  Jobates  sei  wohl  im  Einverständnis  mit  Megapenthes  zu 
denken.  Zu  der  Vermutung  Welckers  dürfte  stimmen,  jeden- 
falls läfst  sich  damit  vereinigen  die  Angabe  des  Ilias- 
Scholiasten  Leon,  „Bellerophon  sei  dem  Trübsinn  verfallen 
und  habe  sich  von  dem  Umgang  mit  Menschen  zurückgezogen 
aus  Schmerz  darüber,  dafs  er  beim  Proitos  von  der  Anteia 
(=  Stheneboia)  verleumdet,  dann  beim  Jobates  vom  Proitos 
fälschlich  angeklagt  worden  sei",  s.  Fischer  S.  43. 

Wecklein  nimmt  an,  dafs  es  ein  Vergiftungsanschlag 
war,  den  Megapentlies  gegen  Bellerophon  unternahm.  In 
einem  Fragment  ist  nämlich  von  der  richtigen  Anwendung 
von  Heilmitteln  die  Rede:  „Dies  scheint  seine  Erklärung 
darin  zu  finden,  dafs  einer  sich  dem  Bellerophon,  der  ja 
krank  ist,  als  Heilkünstler  anbietet,  ihn  mit  seinen  Heil- 
mitteln zu  vergiften."  Fragm.  293  zeigt  einen  Älteren  im 
Gespräch  mit  einem  Jüngeren,  bemüht,  diesen  vom  offenen 
Angriff  zurückzuhalten: 

„Knabe,  die  Hände  junger  Leute  sind  wohl  kräftig 
zur  Tat,  bessere  Einsicht  aber  haben  die  Bejahrten,  denn 
die  Zeit  ist  der  beste  Lehrmeister." 

Der  Jüngere  verwirft  Hinterlist  und  dunkle  Mittel, 
Fragm.  290: 

„Listen  und  dunkle  Anschläge  sind  Mittel,  die  zu  ver- 
wenden unmännlich  ist  unter  den  Sterblichen." 


—     296     — 

Der  Alte  jedoch  ist  anderer  Ansicht,  Fragra.  292: 

„Stets  fürchte  ich  den  körperlich  starken,  aber  un- 
wissenden Mann  weniger  als  den  schwachen,  aber  klugen." 

Er  empfiehlt  die  Hinterlist,  Fragm.  291: 

„Denn  in  mörderischen  Kämpfen  der  Männer  und  in 
Schlachten  mufs  man  mit  List  zu  Werke  gehen;  der  Weg 
der  Wahrheit  taugt  nichts,  Ares  ist  ein  Freund  des  Truges." 

In  diesem  Älteren  vermutet  Wecklein  —  ich  denke,  mit 
Eecht  —  den  Jobates,  von  dem  Plutarch,  Moralia  p.  147  B 
bemerkt,  er  sei  unter  denen,  die  um  Bellerophon 
waren,  der  schlechteste  gewesen  (d(3<^o3TaTog7re^tat'Tdi^). 

Der  Anschlag  mifslang  indes,  wie  man  annimmt;  wir 
hören,  dafs  Megapenthes  von  Bellerophous  Sohne  Glaukos 
getötet  wurde. 

Bald  darauf  stirbt  Bellerophon,  woran,  wird  nicht  über- 
liefert, Härtung  meint:  sive  fato  sive  ex  vuhiere  in  pugna 
accepto;  er  scheidet  „beruhigt,  von  der  Krankheit  seines  Innern 
geheilt,  im  Bewufstsein  seiner  früheren,  natürlichen  Frömmig- 
keit und  Menschenfreundlichkeit".  Nach  Aelian  schickte  er 
sich  „heroisch  und  mit  grofser  Seele  {fjQcoixöjg  xal  jueyayjvxcoQ)" 
zum  Tode  an,  indem  er  seine  Seele  apostrophierte: 

„Du  warst  stets  gegen  die  Götter  fromm,  solange  Du 
warst,  den  Fremden  zeigtest  Du  Dich  hilfreich  und  nicht  müde 
wurdest  Du  in  Deinen  Bemühungen  für  Deine  Freunde." 

Der  Chor  bestand  nach  Hartungs  Vermutung  aus 
„Freunden  des  Bellerophon,  welche  herbeigekommen  waren, 
den  kranken,  unglücklichen  Mann  zu  sehen",  nach  Wecklein 
aus  Landleuten,  die  gekommen,  „um  ihn  in  seiner  Schwer- 
mut zu  trösten  und  ihn  zu  frommem  Gottvertrauen  aufzu- 
fordern." Der  Eest  eines  Chorgesanges,  Fragm.  305,  be- 
zieht sich  auf  die  Vereitelung  eines  hinterlistigen  Anschlages: 

„Niemals,  darf  man  vermuten,  ist  das  Wohlsein  und 
das  hoffärtige  Glück  eines  schlechten  Menschen  von  Bestand, 
noch  das  Geschlecht  der  Ungerechten;  denn   die  aus  dem 


—    297     — 

Nichts  entsprungene  Zeit  bringt  gerechte  Normen  herbei  und 
zeigt  die  schlechten  Taten  der  Menschen  auf  immerdar."  ^) 

Icli  bin  bei  der  gegebenen  Rekonstruktion  im  wesent- 
lichen Härtung,  dem  sich  Fischer,  S.  50 — 54  anschliefst, 
teilweise  auch  Wecklein  gefolgt.  Von  Härtung  weicht  ab 
Wecklein,  insofern  er  den  Anschlag  des  Megapenthes  vor 
den  Aufstieg  mit  dem  Pegasos  setzt  und  Bellerophon  an 
den  Folgen  des  Sturzes  sterben  läfst.  Aber  diese  Annahme 
steht  doch  in  direktem  Widerspruch  zu  der  erhaltenen 
Beschreibung  eines  Basreliefs  im  Tempel  zu  Kyzikos,  auf 
dem  dai'gestellt  war  „Bellerophontes,  wie  er  von  seinem 
Sohne  Glaukos  gerettet  wird,  als  er,  vom  Pegasos  ins  aleische 
Gefilde  hinabgestürzt,  von  Megapenthes,  dem  Sohne  des 
Proitos,  ermordet  werden  sollte,"  s.  Härtung  S.  388.  Weck- 
lein äufsert  sich  über  diese  Stelle  nicht. 

Der  Bellerophontes  wurde  im  Altertum,  wie  es  scheint, 
unter  den  Tragödien  des  Euripides  besonders  bewundert. 
Härtung  bemerkt  S.  400,  er  zweifle  nicht,  dafs  Aristoteles 
den  Dichter  gerade  im  Hinblick  auf  den  Bellerophontes 
als  den  TQayixanaTog  bezeichnet  habe.  Von  dem  Philosophen 
Krantor  (um  320  v.  Chr.),  dessen  Cicero  mit  hohem  Lobe 
gedenkt,  berichtet  Diogenes  Laertius  IV,  26,  er  habe  unter 
allen  am  meisten  den  Homer  und  den  Euripides  bewundert 
/Jycov  £gyc7)deg  h  rw  xvgiq)  xQayixcöq  äjua  xal  ovfijia^öjg 
ygdtf'ai'  xal  Jigoecpegero  rov  otIxov  tov  ex  xov  BekXeQ0(p6vT0v'. 

oifioi'  Tt  6*oTjuoi;  &t>r]Td  roi  nenovd^afiev. 

„Honestissimum  de  Bellerophonte  iudicium  fecerat  etiam 
is  auctor,  quem  Aelianus  Hist  a/iim,  V,  34  compilavit.  Oniitto 
Plutarchum,  M.  Antoninum,  Athenagoram,  Sextum  Empiri- 
cum,Lucianum  aliosque,  qui  Studium  Euripidis  versibus  huius 
tragoediae  in  medium  proferendis  testificati  sunt"  (Härtung). 

Vornehmlich  auf  Euripides  —  Stheneboia  und  Belle- 


^)  aisi  für  htoi  der  Hds.  ist  Emendation  von  Wecklein. 


—     298     — 

rophontes  —  beruhen  die  künstlerischen  Darstellungen  der 
Sage,  s.  Prittwitz-Gaffron  S.  5:  „er  war  es,  der  den  Künstlern 
und  besonders  den  Vasenmalern,  die  hier  fast  ausschliefslich 
in  Erwägung  kommen,  die,  wenn  auch  längst  bekannten 
Mythen  erst  nahe  brachte  und  zur  bildlichen  Gestaltung 
derselben  anreizte." 

Einen  Beller ophontes  schrieben  auch  der  Tragiker  Asty- 
damas  und  der  Komiker  Eubulos  (beide  4.  Jh.  v.  Chr.); 
leider  wird  uns  über  den  Inhalt  dieser  Stücke  gar  nichts 
überliefert^). 

Ich  meine  nun,  die  Analogien  zwischen  der  Bellerophon- 
sage,  wie  sie  uns  in  dem  eben  analysierten  Drama  des 
Euripides  vorliegt,  und  der  Hamletsage,  wie  sie  uns  teils 
bei  Saxo,  teils  bei  Shakespeare,  aber  auch  im  Boeve 
von  Hamtone  entgegentritt,  sowie  der  Chosrosage  bei  Firdosi 
sind  in  hohem  Grade  frappant.  Bevor  ich  aber  daran 
gehe,  die  Übereinstimmungen  im  einzelnen  aufzuzeigen,  will 
ich  nachweisen,  dafs  eben  die  Bellerophonsage,  d.  h.  der 
erste  Teil  derselben,  auch  die  Quelle  einer  anderen  be- 
kannten Sage,  nämlich  des  sogenannten  Goldenermärchens 
gewesen  ist,  von  dem  F.  Panzer,  Hilde  -  Gudrun ,  eine 
sagen-  und  literargeschichtliche  Untersuchung,  Halle  1901, 
S.  252 — 54  nicht  weniger  als  72  Versionen  verzeichnet  und 
aus  dem  er  in  überzeugender  Weise  die  Hildesage  ableitet. 
Auch  hier  ist,  soweit  meine  Kenntnis  reicht,  der  Zusammen- 
hang mit  der  Bellerophonsage  bisher  von  niemandem  be- 
achtet worden.  Die  Tatsache  des  Zusammenhanges  ist  für 
den  Nachweis  des  Ursprungs  der  Hamletsage  aus  der 
Bellerophonsage  in  mehrfacher  Hinsicht  von  Interesse:  ein- 
mal zeigt  sie,  welch  weite  Verbreitung  die  Bellerophonsage 

^)  Eine  komische  Darstellung  der  Sage,  Bellerophon,  im  Kampfe 
gegen  die  Chimaira  den  Pegasos  hinter  sich  herzerrend ,  findet  sich 
auf  der  Kabirenvase  von  Athen,  s.  Winnefeld,  Mitteil.  d.  arch.  Instit. 
Athen.  Abt.  1888,  Bd.  13,  S.  421. 


—    299    — 

gefunden  hat;  sodann  bietet  sie  ein  vortreffliches  Analogon 
zu  dem  Fortleben  der  gleichen  Sage  in  der  Hamletsage, 
und  endlich  ist  sie  geeignet,  über  die  Beziehung  der  letz- 
teren zur  Servius-Tulliussage  Licht  zu  verbreiten. 

Ich  gebe  den  Typus  des  Märchens  mit  Panzers  eigenen 
Worten : 

„Die  Grundzüge  der  Erzählung,  bemerkt  er,  die  in 
allen  Versionen  wiederkehren,  sind  folgende:  Ein  Knabe 
—  es  ist  zumeist  ein  Königssohn  —  kommt  in  die  Dienste 
eines  dämonischen  Wesens  (das  wir  im  folgenden  mit 
Variante  1  [Grimm,  Kinder  und  Hausmärchen  136]  ein-  für 
allemal  Eisenhans  nennen  wollen)  und  erwirbt  bei  ihm 
goldene  Haare.  Er  scheidet  von  ihm  entweder  in  Güte 
und  erhält  dann  die  Zusicherung  fortdauernden  Beistandes, 
oder  im  Bösen,  ihm  heimlich  auf  einem  wunderbaren  Rosse 
entfliehend,  das  dann  im  folgenden  die  Rolle  des  dämo- 
nischen Helfers  übernimmt.  Als  Tier  oder  Mensch  niedrigen 
Standes  verkleidet  tritt  der  Held,  gewöhnlich  als  Gärtner, 
in  die  Dienste  eines  Königs,  gibt  sich  vielleicht  noch  für 
einen  Grindkopf,  Narren,  Stummen  aus.  Die  Königstochter 
aber  entdeckt  die  goldenen  Haare  unter  der  Verkleidung 
des  Dienenden,  verliebt  sich  in  ihn  und  begehrt  ihn,  nach- 
dem er  zumeist  noch  in  einem  ritterlichen  Spiel,  bei  dem 
nur  die  Prinzessin  ihn  erkannt  hat,  einen  Beweis  seiner 
adeligen  Herkunft  geliefert  hat,  zum  Mann.  Der  Vater 
mufs  einwilligen,  verbannt  das  Paar  aber  vom  Hofe^). 
Gleich  darauf  entsteht  ein  Krieg;  der  verachtete  Schwieger- 
sohn will  mitziehen  und  erhält  zum  allgemeinen  Spott  eine 
elende  Mähre.  Er  aber  vertauscht  heimlich  den  Klepper 
gegen  sein  irgendwo  verborgenes  Wunderrofs,  bezw.  erhält 
vom  Eisenhans  Rofs  und  Rüstung  und  besiegt  so  dreimal 


*)  Dieser  letztere  Zug  ist  aus  dem  Typus  zu  streichen;  er  findet 
sich  keineswegs  in  allen  Versionen. 


-     300     — 

den  Feind.  Zweimal  vermochte  er  sich  einer  Erkennung 
zu  entziehen,  in  der  dritten  Schlacht  wird  er  verwundet, 
erkannt  und  auch  vom  alten  König  freudig  als  Schwiej>-er- 
sohn  angenommen,'' 

In  einer  Anzahl  Versionen  —  zehn  nach  Panzer  — 
wird  der  Prinz  im  Beginn  der  Geschichte  „durch  die  Nach- 
stellungen seiner  buhlerischen  Stiefmutter  aus  dem  Hause 
getrieben  und  triift  den  Eisenhans  zufällig." 

Den  engen  Zusammenhang  zwischen  dem  Märchen  und 
dem  Boeve  von  Hamtone  hat  schon  Panzer  erkannt,  indem 
er  S.  266  den  Stoif  des  letzteren  „im  Hauptteile  eine 
Bearbeitung  des  Goldenermärchens"  nennt.  Nur  täuscht  er 
sich  bezüglich  der  Art  und  Weise  des  Zusammenhanges. 
Denn  der  BvH  ist  keineswegs,  wie  Panzer  meint,  eine 
Bearbeitung  des  Goldenermärchens,  sondern  eine  solche 
seiner  mit  einer  andern  Sage  verschmolzenen  Quelle,  d.  i. 
der  Quelle  der  Hamletsage,  welche  —  um  das  Ergebnis 
der  nachfolgenden  Untersuchungen  hier  vorauszunehmen  — 
eine  Verschmelzung  des  griechischen  Bellerophon- 
mythus  mit  der  römischen  Brutussage  darstellte. 
Aus  letzterer  stammt  das  im  BvH  vorhandene  Motiv  der 
Vaterrache,  welches  dem  Goldenermärchen  fremd  ist. 

Dem  Märchen  sind  nun  folgende  wesentliche  Züge 
mit  der  Beilerophonsage  gemein: 

1.  Der  Held  wird  durch  die  Nachstellungen  einer  buhle- 
rischen Frau  (Anteia-Stheneboia  der  Bellerophonsage)  aus 
dem  Hause  getrieben  (nur  in  den  erwähnten  10  Versionen 
des  Märchens). 

2.  Er  kommt  zu  einem  fremden  König  (Jobates  der 
Bellerophonsage),  dessen  Feinde  er  besiegt. 

3.  Am  Königshofe  wird  ihm  zunächst  mit  Mifstrauen 
begegnet:  Goldener  ist  wegen  seines  vermeintlichen  niederen 
Standes  verachtet,  Bellerophon  durch  Proitos'  Schreiben 
bei  Jobates  verdächtigt. 


801 


4.  Er  gelingt  in  den  Besitz  eines  Zaiiberrosses,  ver- 
mittelst dessen  er  seine  Taten  vollbringt. 

5.  Er  erfreut  sich  des  Beistandes  eines  mit  über- 
irdischen Kräften  ausgestatteten  Wesens.  Der  „Eisenhans" 
erscheint  nach  Panzer  S.  256  in  mehreren  Versionen  als 
Zauberer,  in  einer  direkt  als  Dämon,  in  anderen  vertritt 
seine  Rolle  ein  zauberkundiges  Weib.  Das  gleiche  Motiv 
bietet  die  Bellerophonsage,  insofern  Bellerophon  unterstützt 
wird  durch  Athene  und  seinen  Vater  Poseidon.  Athene 
ist  es,  die  ihm  den  Pegasos  verschafft.  Darüber 
berichtet  am  ausführlichsten  Pindar,  Olymp.  13,61 — 88. 
„Als  Bellerophon  am  Quell  Pirene  sich  vergebens  bemüht 
hatte,  den  Pegasus  in  seine  Gewalt  zu  bringen,  befragte  er 
den  Seher  Polyidus,  welcher  ihm  riet,  in  der  nächsten 
Nacht  am  Altar  der  Athene  zu  schlafen;  dort  brachte 
ihm  Athene  im  Schlaf  einen  goldenen  Zügel,  den  er 
erwacht  in  der  Tat  vorfand;  zugleich  aber  hatte  die 
Göttin  befohlen,  dem  Poseidon  einen  Stier  zu  opfern  und 
den  Zügel  darzubringen.  Als  Polyidus  dies  erfahren,  befahl 
er  dem  Bellerophon,  den  Willen  der  Athene  zu  vollführen, 
auch  aufserdem  noch  ihr  als  "Inma  beim  Opfern  des  Stieres 
einen  Altar  zu  errichten.  Der  Götter  Kraft  macht  auch 
das  Schwierige  leicht.  So  legte  auch  Bellerophon  dem 
Pegasus  die  Zügel  an,  und  auf  ihm  reitend,  tötete  er  die 
Amazonen,  die  Chimaera  und  die  Solymer."^) 

*)  Die  wichtige  Stelle  lautet  in  der  Übersetzung  von  F.  Thiersch, 
Phidanis  Werke  I,  Leipzig  1820,  Übera.  S.  143—147: 
[Bellerophon,] 
Der  sterbend  der  schlangichten  Gorgone  Geschlecht  [=:  Pegasos]  an 

dem  Brunnquell  einzufahn,  den 
Pegasos,  traun!  vieles  erduldend  bestand, 
Eh  noch  ein  goldspangig  Gebifs  ihm  die  Jungfrau 
Pallas  bracht',  und  aus  dem  Traumbild  ward  sogleich 
Wirklichkeit.     Ihm  rief  sie:  „Schläfst  Du, 

König  von  Aeolos  Stamme?  wohlan,  nimm  die  Rofseinfriedigung, 
Weih  den  Stier  hochschimmemd  dann  für  den  allzähmenden  Erzeuger. 


—     302     — 

6.  Goldener  besteht  siegreich  im  Dienste  des  Königs 
drei  Kämpfe;  ebenso  Bellerophon:  er  besiegt  die  Chimaira. 
die  Solymer  und  die  Amazonen. 

7.  Der  Held  zerstört  durch  seine  Taten  das  gegen 
ihn  bestehende  Mifstrauen  und  gewinnt  die  Hand  der 
Königstochter. 

Dies  die  Übereinstimmungen,  die  sich  aus  einem  Ver- 
gleich der  Beilerophonsage  mit  dem  von  Panzer  aufgestellten 
Typus  und  den  Nr.  1  enthaltenden  Versionen  ergeben. 
Weitere  gemeinsame,  zum  Teil  sehr  spezielle  Motive  liefern 
uns  einzelne  Versionen  des  Märchens.  Ich  mufs  nun  freilich 
darauf  verzichten,  sämtliche  72  Fassungen,  die  Panzer  nam- 

In  dem  Schatten  der  Nacht  schien 

Diefs  Wort  im  Schlaf  ihm  die  Dunkelbewehrte 

Zu  sprechen,  und  er  empor  sprang  graden  Schritts, 

Griff  nach  dem  nahgelegten  Wunderzaum 

Und  erreicht'  in  Sehnsucht  den  heimischen  Seher. 

Da  stellt  des  Koeranos  Sohn  [Folyidos]  ihm  treu  den  Ausgang  dar 

des  Beginnens,  wie  auf  seinen  Spruch 
Er  ruhte  die  Nacht  an  der  Göttin  Heerd  und  wie  selber  darauf  ihm 
Zeus'  des  Blitzstrahlversenders  Tochter  den  Zaum 

Des  bezähmenden  Golds  gab. 

Der  Traumerscheinung  unsäumig  zu  folgen 

Ermahnet'  er  und,  sobald  zum  Opfer  den 

Starkfüfsigen  dem  Gefilderschütterer 

Er  gefällt,  Athena,  der  reisigen,  Altar 

Zu  bauen.  Göttliche  Macht  leiht  gegen  Eidschwur,  gegen  Erwartungen 

mühlos  Besitz. 
Drum  fing  in  ereilendem  Anfall  mächtiglich  Bellerophontas, 
Spannend  ihm  sanfte  Zäumung  über  das  Kinn, 

Das  flügelbeschwingte  Rofs.     Auf  nun  geschwungen  in  Erzrüstung 

begann  er 
Waffentanz,  zwang  dann  der  Amazonen  Schar 
Aus  der  einsamströmenden  Luft  kaltem  Schoos, 
Schleudernd  auf  diefs  Heer  der  wurfspiefsschwingenden 
Fraun,   Chimära's  Flammenwut  auch  tilgt'  er  und  Scharen  des  So- 
lymer Volks.     Schweigend  berg'  ich  sein  Geschick, 
Doch   im  Ulympos  empfahn  jenen   [sc.   den  Pegasos]   Zeus'  glanz- 
helle Krippen. 


—     303     — 

liaft  macht,  hier  heranzuziehen.  Schon  allzuweit  hat  mich 
diese  Untersuchung  über  die  Grenzen  meiner  Fachwissen- 
schaft hinausgeführt.  Einen  ins  einzelne  gehenden  Ver- 
gleich sämtlicher  Versionen  des  Goldeuerraärchens  mit  seiner 
Quelle,  der  Bellerophonsage,  und  eine  Klassifizierung  der 
Vei*sionen  mufs  ich  anderen  überlassen.  Ich  begnüge  mich 
damit,  einige  von  ihnen,  die  mir  gerade  zur  Hand  sind, 
zu  verwerten  und  auch  bei  diesen  mufs  ich  mich  darauf  be- 
schränken, die  wichtigsten  Züge,  welche  auf  die  Bellero- 
phonsage als  Quelle  hinweisen,  herauszuheben. 

Eine  deutliche  Erinnerung  an  die  Chimaira  scheint 
vorzuliegen  in  der  bei  Straparola,  Le  tredici  piacevolissime 
notti,  5.  Nacht,  Nr.  1  sich  findenden  Fassung,  von  der  ich  eine 
vollständige  Analyse  gebe,  da  sie  auch  andere  bemerkens- 
werte Züge  enthält  und  besonders  auch  für  die  Hamlet- 
sage von  Interesse  ist: 

In  Sicilien  herrscht  ein  König  Filiijpomaria^  welcher 
einen  einzigen  Sohn  Namens  Guerrino  hat.  Auf  einer 
Jagd  im  Walde  trifft  der  König  einen  sehr  grofsen,  mifs- 
gestalteten,  wilden  Mann,  den  er  überwältigt,  gebunden 
mit  in  seinen  Palast  nimmt  und  gefangen  setzt.  Als  der 
König  einmal  wieder  der  Jagd  obliegt,  nähert  sich  Guerrino, 
Bogen  und  Pfeil  in  der  Hand,  dem  Gitter  des  Gefäng- 
nisses und  unterhält  sich  mit  dem  Manne;  da  nimmt  ihm 
dieser  unversehens  den  Pfeil  fort;  als  Guerrino  darüber 
weint,  erklärt  der  Mann  sich  bereit,  ihm  den  Pfeil  zurück- 
zugeben, wenn  Guerrino  ihn  aus  dem  Gefängnis  heraus- 
lassen wolle.  Guerrino  tut  das,  indem  er  seiner  Mutter 
den  Schlüssel  entwendet;  er  erhält  dafür  nun  seinen  Pfeil 
zurück  und  der  Mann  macht  sich  auf  die  Flucht.  Von 
diesem  heifst  es,  er  sei  ursprünglich  gewesen  „ein  sehr 
schöner  Jüngling,  der  aus  Verzweiflung  darüber,  dafs  er 
die  Neigung  der  Dame,  die  er  liebte,  nicht  gewinnen 
konnte,  sich  der  verliebten   Gedanken  und  der  Zerstreu- 


—     304     — 

ungen  der  Stadt  entsclilagen  und  sich  unter  das  Getier 
des  Waldes  begeben  hatte,  in  den  Forsten  und  dichten 
Büschen  lebend,  Gras  essend  und  Wasser  trinkend  nach 
Art  der  Tiere."  Das  sei  die  Ursache  seines  verwahrlosten 
Aussehens  gewesen.  Als  die  Königin  erfährt,  dafs  Guer- 
rino  dem  wilden  Mann  zur  Flucht  verholfen  hat,  ist  sie 
aufser  sich,  denn  sie  fürchtet,  der  König  könnte  ihn  im 
Zorne  töten.  Sie  schickt  ihn  deshalb  mit  zwei  Dienern 
(due  suoi  servi  fidelissimi)  und  guten  Pferden,  reich  mit 
Kleinodien  und  Geldmitteln  versehen,  in  die  Fremde.  Der 
König,  zurückgekehrt,  wird  von  dem  Geschehenen  benach- 
richtigt. Er  ist  tief  betrübt  über  die  Entfernung  seines 
Sohnes  und  schickt  nach  allen  Himmelsrichtungen  Soldaten 
aus,  die  den  Verlorenen  suchen  sollen,  aber  vergeblich. 
Guerrino,  in  der  Welt  umherziehend,  bald  hier,  bald  dort 
verweilend,  wird  16  Jahre  alt.  Eines  Tages  begegnet  ihm 
ein  Jüngling,  der,  in  prächtige  Gewänder  gehüllt,  auf 
einem  stolzen  Rosse  reitet;  er  bietet  sich  Guerrino  als 
Begleiter  an,  Guerrino  willigt  ein,  und  beide  ziehen  nun 
gemeinsam  weiter.  Der  Jüngling  ist  kein  anderer  als 
eben  jener  wilde  Mann,  den  er  aus  dem  Gefängnis  befreit 
hat.  Letzterer  war  auf  seinen  Kreuz-  und  Querzügen  ein- 
mal von  einer  wunderschönen  Fee  erblickt  worden.  Sie 
mufste  über  seine  häfsliche  Erscheinung  so  heftig  lachen, 
das  ihr  ein  Geschwür  nahe  am  Herzen,  welches  ihr  sonst 
vielleicht  den  Tod  gebracht  hätte,  entzwei  ging:  nun  Avar 
sie  geheilt.  Aus  Dankbarkeit  machte  sie  ihn  zum  schönsten, 
anmutigsten  Jüngling,  gab  ihm  Teil  an  aller  Gewalt,  die 
ihr  von  der  Natur  verliehen,  und  beschenkte  ihn  mit 
einem  Zauberpferde  (un  fatato  cavallo). 

Guerrino  und  sein  Begleiter  kommen  nun  zu  einer 
Stadt  Namens  Irlanda;  hier  herrscht  ein  König  Namens 
Zifroi,  der  zwei  wunderschöne  Töchter  hat,  Potentiana 
und    Eleuteria.      Die    Reisenden    nehmen    in    der    Stadt 


305 


Wohnung  bei  einem  Bäcker.  In  dem  Lande  hausen  zwei 
gefilhrliche  Tiere,  ein  wilder  Hengst  und  eine  wilde  Stute, 
welche  nicht  nur  die  Felder  verwüsten,  sondern  auch 
Menschen  und  Vieh  töten,  sodafs  alles  aus  dem  Lande 
flieht.  Niemand  wagt,  es  mit  den  Tieren  aufzunehmen. 
Nun  trachten  dem  Guerrino  seine  beiden  Diener  nach  dem 
Leben,  in  der  Absicht,  sich  seiner  Kostbarkeiten  und  seines 
Geldes  zu  bemächtigen.  Sie  erzählen  dem  Wirt,  Guerrino 
habe  sich  wiederholt  gerühmt,  den  wilden  Hengst  töten 
zu  können;  er  möge  das  den  König  wissen  lassen,  damit 
er  Guerrino  bewege  den  Kampf  zu  bestehen,  Guerrino 
werde  fallen  und  sie  wollten  sich  dann  in  seine  Habe 
teilen.  Der  Wirt  entspricht  ihrem  Wunsche,  Guerrino 
wird  zum  König  entboten,  der  sich  auf  dessen  angebliche 
Äufserung  beruft.  Aber  Guerrino  bestreitet,  jemals  etwas 
derartiges  gesagt  zu  haben.  Da  gerät  der  König  in  Zorn 
und  droht,  es  solle  ihm  ans  Leben  gehen,  wenn  er  sich 
des  Kampfes  weigere.  Guerrino  kehrt  traurig  in  seine 
Herberge  zurück  und  setzt  den  Freund  von  dem  Ver- 
langen des  Königs  in  Kenntnis.  Dieser  spricht  ihm  Mut 
ein  und  erklärt,  ihm  behülflich  sein  zu  wollen,  damit  er 
den  Kampf  siegreich  bestehe.  Auf  seinen  Rat  läfst  nun 
Guerrino  durch  einen  Hufschmied  vier  Hufeisen  anfertigen, 
die  um  zwei  Finger  gröfser  als  gewöhnliche  und  hinten 
mit  langen  spitzen  Haken  versehen  sind,  und  läfst  sie 
dem  Zauberpferde  anlegen.  Dann  befiehlt  der  Jüngling 
ihm,  sich  auf  das  Rofs  zu  schwingen  und  davon  zu  reiten; 
wenn  er  das  wilde  Rofs  wiehern  höre,  solle  er  absteigen, 
seinem  Pferde  Sattel  und  Zaum  abnehmen,  selbst  auf  einen 
hohen  Baum  klettern  und  abwarten,  was  geschehe.  Guer- 
rino tut,  wie  ihm  geheifsen.  Von  der  Eiche  aus,  die  er 
erklettert,  ist  er  Zeuge  eines  erbitterten  Kampfes  der 
beiden  Rosse.  Zuletzt  versetzt  das  Zauberrofs  dem  andern 
ein  paar  Hufschläge,  durch  die  es  ihm  den  einen  Kinn- 

Zenker,  Boeve-Amlethus.  20 


306 


backen  ausrenkt,  so  dafs  das  Tier  sich  nicht  mehr  ver- 
teidigen kann.  Alsbald  steigt  Guerrino  vom  Baum  herab, 
legt  dem  besiegten  Pferde  einen  Zaum  an  und  führt  es 
im  Triumph  in  die  Stadt  vor  den  König;  letzterer  wie 
das  ganze  Volk  sind  hocherfreut.  Die  beiden  Diener,  die 
ihren  Anschlag  mifslungen  sehen,  veranlassen  nun  den 
König,  Guerrino  auch  mit  der  Erlegung  der  wilden  Stute 
zu  beauftragen.  Alles  verläuft  genau  wie  das  erste  Mal; 
das  Zauberpferd  macht  die  Stute  kampfuufähig,  indem  es 
ihr  durch  einen  Hufschlag  ein  Bein  ausrenkt,  und  Guer- 
rino bringt  sie  dem  König.  Nachts  kann  er  infolge  eines 
Geräusches  nicht  einschlafen;  er  forscht  nach  und  findet 
in  einem  Honiggefäfs  eine  Hornisse,  die  mit  den  Flügeln 
schlägt  und  die  er  in  Freiheit  setzt.  Der  Köuig  erklärt 
nun  Guerrino,  er  wolle  ihm  zum  Dank  für  die  Bändigung 
der  wilden  Rosse  eine  von  seinen  Töchtern  zur  Frau 
geben:  von  diesen  habe  eine,  Potentiana,  Haare  wie  Gold, 
die  Haare  der  andern,  Eleuteria,  glichen  dem  feinsten 
Silber.  Wenn  er  errate,  welche  die  mit  den  goldenen 
Haaren  sei,  solle  er  sie  mit  grofser  Mitgift  zur  Gattin  haben, 
andernfalls  solle  ihm  das  Haupt  abgesclilagen  w^erden. 
Guerrino,  erschrocken  über  diese  Drohung,  klagt  abermals 
seinem  Freunde  sein  Leid.  Dieser  sagt  ihm,  die  Hornisse, 
der  er  neulich  die  Freiheit  geschenkt,  werde  ihm  aus  der  Not 
helfen.  Die  Prinzessin,  um  deren  Haupt  sie  dreimal  summend 
herumfliegen  werde,  sei  die  mit  den  goldenen  Haaren.  Zu- 
gleich gibt  der  Freund  sich  Guerrino  zu  erkennen  als  jener 
wilde  Mann,  den  er  einst  aus  dem  Gefängnis  befreit  habe: 
Ruhinetto  sei  sein  Name.  Guerrino  löst  nun  mit  Hülfe  der 
Hornisse  die  gestellte  Aufgabe  und  erhält  die  Prinzessin 
zur  Frau,  Eubinetto  ward  mit  der  Schwester  vermählt. 
Guerrino  gibt  sich  als  Sohn  des  Königs  von  Sicilien  zu 
erkennen  und  kehrt  mit  seiner  Gattin  in  die  Heimat  zu- 
rück, wo  er  mit  offenen  Armen  empfangen  wird. 


—     307     — 

In  dieser  Fassung  des  Märchens  ist,  wie  ein  Vergleich 
mit  den  anderen  Versionen  zeigt,  schon  manches  in  Un- 
ordnung geraten,  aufserdem  sind  Motive  eingefügt,  welche 
der  Geschichte  ursprünglich  fremd  sind.  So  sind  die  Gold- 
haare der  einen  Prinzessin  offenbar  nichts  weiter  als  die 
Goldhaare,^  welche  die  anderen  Versionen  dem  Helden  selbst 
zuschreiben  und  die  durch  Verwechselung  auf  die  Prin- 
zessin übertragen  wurden.  Ferner  liegt  eine  Verwechselung 
des  Helden  und  seines  Beschützers  vor,  wenn  letzterem, 
nicht  Guerrino,  wie  sonst,  das  Zauberpferd  von  einem  über- 
irdischen Wesen  geschenkt  wird.  Der  Urheber  der  vor- 
liegenden Fassung  kannte  wohl  zwei  Versionen  des  Mär- 
chens, von  denen  die  eine  ein  weibliches  Wesen,  die  andere 
ein  männliches  dem  Helden  dämonische  Hülfe  leisten  liefs; 
er  vermengte  beide,  indem  er  nun  wieder  die  Kräfte  des 
männlichen  Beschützers  auf  jenes  weibliche  Wesen  zurück- 
führte, —  offenbar  ein  überaus  künstliches  Motiv,  dem 
seine  Unursprünglichkeit  an  die  Stirn  geschrieben  steht. 
Fremd  ist  der  ursprünglichen  Geschichte  auch  u.  a.  die 
Guenino  zuletzt  vom  König  gestellte  Aufgabe,  durch  deren 
Lösung  er  die  Hand  der  Prinzessin  gewinnt. 

Andererseits  finden  sich  nun  aber  in  dem  Märchen 
einige  Züge  der  Beilerophonsage,  welche  dem  mitgeteilten, 
von  Panzer  aufgestellten  l^pus  fehlen.  Einmal:  wie  Belle- 
rophon ein  das  Land  verwüstendes  Ungetüm,  die  Chimaira, 
so  bekämpft  Guerrino  deren  zwei,  den  wilden  Hengst 
und  die  wilde  Stute;  der  Ersatz  der  Chimaira  durch  diese 
wird  sich  erklären  durch  Verwechselung  mit  der  Bändigung 
des  Pegasos,  die  Bellerophon  ja  auch  nur  durch  über- 
irdischen Beistand  gelingt.  Sodann:  wie  in  der  griech- 
ischen Sage,  so  ist  auch  hier  der  Zweck  der  dem  Helden 
gestellten  Aufgaben  —  allerdings  nur  der  beiden  ersten  — 
der,  ihn  zu  beseitigen;  hier  wie  dort  wird  diese  Hoff- 
nung zu  Schanden.    In  der  schönen  Fee,  die  den  „wilden 

20* 


—     308     — 

Mann"  mit  dem  Zauberrofs  beschenkt  und  ihre  ganze  Macht 
auf  ihn  überträgt,  wird  man,  wenn  die  Annahme  einer  hier 
vorliegenden  Verwechselung  Rubinettos  und  Guerrinos  zu- 
treifend  ist,  gewifs  Athene  erkennen  dürfen,  die  Bellerophon 
zum  Pegasos  verhilft,  s.  oben  S.  301.  Endlich  dürfte  viel- 
leicht auch  der  griechische  Name  der  einen  Prinzessin 
zu  beachten  sein:  Eleuteria;  nach  Artemidor,  Oneirocrit. 
V  war  Fleuthera  bei  den  Lykiern  Name  der  Arterais,  die 
hier,  wie  es  scheint,  eine  Göttin  der  Fruchtbarkeit  war, 
s.  Treuber,  Beitr.  zur  Gesch.  d.  LyMer  S.  27. 

Ein  anderer  spezieller  Zug  der  Bellerophonsage  findet 
sich  in  der  von  Bunker,  Heanzische  Schwänice,  Sagen  u. 
Märchen,  Zeitsch.  d.  Vereins  f.  VolhsJc.  8,  192  mitgeteilten 
Fassung  des  Märchens  (Nr.  8  bei  Panzer).  Hier  erhält 
der  „Michel"  =  Goldener,  der  am  Grabe  des  verstorbenen 
Vaters  auf  dem  Kirchhof  drei  Nächte  wacht,  von  demselben 
nacheinander  eine  eiserne,  eine  silberne  und  eine  goldene 
Peitsche  nebst  ebensolchem  Zügel  mit  der  jedesmaligen 
Weisung,  Peitsche  und  Zügel  im  Walde  einzugraben.  Das 
dritte  Mal  sagt  der  Vater  ihm  aufserdem,  eine  Prinzessin 
werde  dem  ihre  Hand  versprechen,  dessen  Eofs  zwei 
Stock  hoch  springen  und  ihr  den  Kranz  aus  der  Hand 
nehmen  könne;  drei  Tage  nacheinander  müsse  das  wieder- 
holt werden.  Er  solle  der  Reihe  nach  die  drei  Zügel  mit 
Peitsche  ausgraben,  dann  jedesmal  mit  der  Peitsche  knallen, 
so  werde  ein  schönes  Rofs  erscheinen  und  das  Rittergewand 
für  ihn.  Der  Sohn  befolgt  den  Rat,  das  erste  Mal  kommt 
ein  Rappe,  das  zweite  Mal  ein  Schimmel,  zuletzt  ein  Fuchs. 
Mit  Hülfe  dieser  Rosse  erfüllt  er  die  gestellte  Bedingung, 
besiegt  dann  noch  an  drei  Tagen  dreimal  ein  feindliches 
Heer  und  gewinnt  so  die  Hand  der  Prinzessin. 

Hier  also  kommt  der  Held  in  den  Besitz  der  Zauber- 
rosse vermittelst  ihm  nächtlicherweile  von  seinem  Vater 
geschenkter  Zügel;  der  dritte  Zügel  ist  ein  goldener.    Das 


—    809     — 

entspricht  genau  der  griechischen  Beilerophonsage:  nach 
der  oben  mitgeteilten,  von  Pindar  überlieferten  Version 
bändigt  Bellerophon  den  Pegasos  mit  einem  ihm  nachts 
von  Athene  geschenkten  goldenen  Zügel,  den  er  vorher 
dem  Poseidon,  d.  i.  seinem  Vater,  dargebracht  hat;  nach 
dem  Scholion  Ilias  VI,  155  erhält  er  den  Pegasos  von 
seinem  Vater  zum  Geschenk  —  durch  eine  Kombination 
beider  Versionen,  durch  die  Athene  eliminiert  wird,  er- 
halten wir  die  des  vorliegenden  Märchens.  Dafs  in  letzterem 
von  drei  Pferden  die  Eede  ist,  tut  natürlich  nichts  zur 
Sache;  der  Vergleich  mit  den  übrigen  Fassungen  zeigt, 
dafs  das  eine  jüngere  Abänderung  ist. 

In  ihren  Hauptzügen  der  Bellerophonsage  sehr  nahe 
steht  die  russische  Fassung,  das  „Märchen  vom  Kitter 
Iwan,  dem  Bauernsohne"  bei  A.  Dietrich,  Russische  Volks- 
märchen,  Leipzig  1831,  Nr.  4: 

Der  Bauernsohn  Iwan  wird  von  einem  Bettler,  dem 
er  ein  Almosen  und  einen  Trunk  Bier  reicht,  mit  dem  ihm 
von  Kindheit  an  versagten  Gebrauch  seiner  Füfse  und  mit 
Riesenkräften  begabt.  Er  zieht  in  die  Fremde  und  gelaugt 
in  die  Hauptstadt  eines  Reiches,  in  der  sich,  sowie  er  sie 
betritt,  „ein  grofses  Geschrei  und  Getöse"  erhebt.  Dem 
erschrockenen  Zaren  verspricht  er,  das  Getöse  beseitigen 
zu  wollen,  wenn  dieser  ihm  schenke,  was  das  Getöse  ver- 
ursacht. Der  Zar  willigt  ein,  und  Iwan  gräbt  nun  mit 
Hilfe  von  hundert  Arbeitsleuten  ein  Ritterrofs  mit  Pferde- 
geschirr und  Ritterrüstung  aus  der  Erde,  wo  es  hinter 
einer  eisernen  Türe  stand.  Das  Rofs  fällt  vor  ihm  auf 
die  Kniee  und  stellt  sich  ihm  mit  Menschenstimme  ganz 
zur  Verfügung.  Iwan  steigt  auf:  „und  das  Rofs  ergrimmte 
und  erhob  sich  von  der  Erde  höher  als  der  Wald,  Berge 
und  Täler  liefs  es  zwischen  seinen  Füfsen,  mit  seinem 
Schweife  bedeckte  es  grofse  Flüsse,  aus  seinen  Ohren  liefs 


~     310     — 

es  dichten  Dampf  gehen,  aus  den  Nasenlöchern  Flammen." 
Iwan  kommt  ins  chinesische  Reich,  wo  er  sein  Rofs  frei- 
läfst.  Er  selbst  zieht  sich  eine  Blase  über  den  Kopf  und 
tritt  beim  Gärtner  des  Zaren  in  Dienst.  Er  antwortet 
auf  alle  Fragen  nur:  „Ich  weifs  nicht,"  weshalb  er  für 
einen  Narren  gilt.  Die  eine  Prinzessin,  Lotao,  erhält 
Kenntnis  von  einem  wunderbaren  Kraftstück,  das  er  voll- 
bracht hat,  weshalb  sie  sich  in  ihn  verliebt.  Auf  ihre 
Bitten  erhält  sie  ihn  zum  Gatten.  Der  Ritter  Polkan  fällt 
mit  einem  grofsen  Heere  ins  Land  ein  und  verlangt  Lotao 
zur  Gemahlin.    Iwan  geht  ins  Feld  und  ruft: 

Siwka  Burka!  he! 
Frühlings  -  LicMfuchs !  steh ! 
wie  das  Blatt  vor'm  Grase,  hier, 
unverweilt  vor  mir! 

Das  Rofs  erscheint,  Iwan  verkleidet  sich  als  Ritter 
und  besiegt  unerkannt  das  feindliche  Heer.  Dieser  Vor- 
gang wiederholt  sich  dreimal.  Das  dritte  Mal  wird  Iwan 
an  der  linken  Hand  verwundet,  woran  seine  Gattin  ihn 
als  den  siegreichen  Ritter  erkennt;  überdies  erblickt  sie, 
da  ihm  die  Blase  vom  Haupte  gefallen  ist,  seine  goldenen 
Haare  [von  denen  vorher  nicht  die  Rede  war].  Nun  erfährt 
der  Zar,  dafs  er  es  gewesen,  der  das  Reich  dreimal  von 
dem  Einfall  Polkans  befreit  hat;  er  führt  Iwan  in  seinen 
Palast  und  setzt  ihm  die  Krone  aufs  Haupt. 

Der  Zusammenhang  mit  der  Beilerophonsage  dürfte 
hier  evident  sein.  An  Stelle  des  Kampfes  mit  der  Chimaira 
und  zweier  Feldzüge  gegen  verschiedene  Völker  ist  ein 
dreimaliger  Krieg  gegen  den  gleichen  Feind  getreten.  Zum 
BvH  stimmt  es,  dafs  der  Anführer  des  feindlichen  Heeres 
sich  der  Prinzessin  bemächtigen  will,  s.  oben  S.  12. 

Endlich  dürfte  aus  der  Bellerophousage  vor  allem 
das  zentrale  Motiv  der  goldenen  Haare  stammen.  Schon 
die  Brüder  Grimm   in   den  Anmerkungen  zu   136  meinen. 


—    311     — 

die  goldenen  leuchtenden  Haare  schienen  darauf  hinzu- 
weisen, dafs  das  Märchen  eine  alte  Grundlage  habe  und 
„von  einem  höheren  halbgöttlichen  Wesen  erzähle,  das  in 
die  Gewalt  eines  Unterirdischen  geriet  und  niedrige  Ar- 
beiten verrichten  mufste,  bis  es  wieder  zu  seiner  höheren 
Stellung  gelangte."  Ich  vermag  in  den  goldenen  Haaren 
nichts  anderes  zu  sehen  als  eine  Erinnerung  an  den  das 
Haupt  umgebenden  goldenen  Strahlenkranz,  mit  dem  die 
griechische  Kunst  den  Sonnengott  darstellte;  mit  ihm  erscheint 
Bellerophon  in  der  Tat  auf  einem  von  Jahn,  Archaeol.  Beiträge 
Tafel  V,  I  publizierten  Vasenbilde,  s.  von  Prittwitz-Gaffron 
S.  43.  Die  Deutung  ßellerophons  als  eines  Sonnenheros  ist 
zwar,  wie  wir  sahen,  nicht  allgemein  anerkannt,  aber  sie 
wurde  von  Preller,  Fischer,  Bender,  Lewy,  üsener  vertreten 
und  scheint  mir  alle  Wahrscheinlichkeit  für  sich  zu  haben. 

Jedenfalls  darf  es  nach  dem  Gesagten  wohl  als  er- 
wiesen gelten,  dafs  das  Goldenermärchen  aus  der  griecli- 
ischen  Beilerophonsage  geflossen  ist  —  freilich  nicht  aus- 
schliefslich,  vielmehr  sind  mit  letzterer  andere  Sagen- 
oder Märchenmotive  verknüpft  worden,  auf  deren  Herkunft 
einzugehen  hier  nicht  der  Ort  ist.  Es  erhebt  sich  dann 
die  Frage,  auf  welcher  Fassung  der  Beilerophonsage  das 
Märchen  wohl  beruht;  ich  möchte  vermuten,  dafs  seine 
Quelle  entweder  der  Johates  des  Sophokles  oder  der  Bellero- 
phontes  des  Astydamas  gewesen  ist.  Der  Inhalt  dieser 
Dramen  könnte  Gegenstand  einer  griechischen  Novelle 
geworden  sein,  welche  dann  die  direkte  Quelle  für  das 
weitverbreitete  Märchen  abgab. 

Nichts  anderes  als  einen  Ableger  der  Bellerophonsage, 
also  eine  weitere  Version  des  Goldenermärchens,  glaube 
ich  nun  auch  erkennen  zu  sollen  in  der  oben  S.  97  be- 
sprochenen, als  ein  Element  der  Hamlet-Havel  oksage  nach- 
gewiesenen römischen  Sage  von  Servius  Tullius,  die  sich 


—     312     — 

am  ausführlichsten  findet  bei  Dionys  v.  Halikarnafs  IV,  1  ff. 
Servius  Tullius  ist  nach  einer  von  Dionys  überlieferten 
Sage,  die  ich  damals  nicht  erwähnte,  wie  Bellerophon 
direkt  göttlicher  —  oder  dämonischer  —  Herkunft:  einer 
der  Götter  oder  Dämonen,  sei  es  Hephaistos,  wie  einige 
glauben,  oder  der  königliche  Hausgott  solle  sich  mit  seiner 
Mutter  Ocrisia  verbunden  haben.  ^)  Dem  goldenen  Haare 
des  Märchenhelden  entspricht  bei  ihm  das  sein  Haupt  um- 
spielende Feuer,  das,  wie  ersteres  von  der  Prinzessin,  von 
seiner  Mutter  und  der  Königin  zufällig  entdeckt  wird. 
Auch  er  lebt  am  Königshofe  ursprünglich  in  Niedrigkeit. 
Er  zeichnet  sich  dann  in  einer  Reihe  Feldzügen  gegen  die 
Feinde  des  Landes  —  es  werden  vier  Feldzüge  ausdrück- 
lich erwähnt,  entsprechend  den  dreien  im  Goldenermärchen 
—  vor  allen  aus,  erhält  die  eine  Tochter  des  Königs  zur 
Frau  und  wird  dessen  Nachfolger. 

^)  Die  seltsame  Erzählung,  Dion.  IV,  2,  lautet  (es  ist  vorher  die 
oben  S.  97  gegebene  Überlieferung  über  die  Herkunft  des  Servius  mit- 
geteilt): 'pBQSxai  de  rig  ev  räig  EjiiycoQtoig  a.vayQaq:elg  xai  ersQog  vjisq  rfjg 
yevsogcog  avrov  Xoyog  im  ro  /uv&cödsg  e^aigcov  ta  Jisol  avröv,  ov  iv  JioX?.aTg 
'PcofAa'ixaTg  lorooiaig  svqo/isv,  sl  '&soTg  rs  xal  dai/iiooi  ?Jyso'&ai  (piXog  roiovrog  * 
alrivsg  cuto  Ttjg  soriag  rcöv  ßaoiXelow,  sqf  rjg  äXXag  rs  Pcoßdtoi  ovvzsX^ovotv 
isQovQyiag  xal  rag  ojio  rcöv  ösijivcov  djtaQ)^a.g  äyi'Covoiv,  vjtso  rov  jivQog 
dvaa^sTv  Xeyovoiv  aidocov  ävögög.  rovro  ös  '&sdoaodai  rtjr  'Oxgioiav  Jigtori^v 
(psgovoav  rovg  slco^örag  jisXdvovg  ejii  ro  Jivg  xai  avrixa  :rcg6g  rovg  ßaoü^ig 
sXSovoav  ebreXv.  rov  /iisv  ovv  Tagxvviov  dxovoavrä  rs  xal  fxsrd  ravr  idovra 
ro  regag  sv  d^avfiari  ysvso&ai ,  rtjv  8e  TavaxvXida  rä  raÜM  ooq?r]V  ovoav 
y.al  ör]  xal  rd  fiavrixd  ovdsvog  yßlgov  Tvggrjvwv  sjnoraiiisvrjv  sbtsTv  Jigog 
avrov,  Sri  yevog  djio  rrjg  eoriag  rfjg  ßaoiXsiov  jrsjigwxai  ysvsa&ai  agslrrov 
t)  xard  rrjv  dvdgoiTtsiav  (pvaiv  ex  rfjg  [xiyßsiorjg  reo  (pdoftari  yvvatxog.  rd 
d'avrd  xai  rcov  äXXwv  rsgarooxojicov  djTOcprjvaf^isvwv  Sö^ai  rcp  ßaoiXsT  rr/r 
'Oxgioiav ,  fj  Tigwrij  s(pdvTj  ro  rsgag ,  sig  ojuiXJav  avr(p  ovvsXMsTv  xal  fisrd 
rovro  ri]v  yvvatxa  xoa/ntjoafisvrjv,  oTg  S'&og  sarl  xoof.isTo^ai  rag  ya/iiovjusvag, 
xaraxXsiO'&iivai  juövrjv  sig  rov  oixov,  sv  ro  rd  rsgag  cöcp^r}.  /myd'svrog  ör) 
rivog  avrf]  -dscbv  rj  daifiovcov  xai  fisrd  rj-jv  [.li^iv  dqyaviod^svrog  si'd' 
'Hq^alorov  xa'&djisg  oiovral  rivsg  sl'rs  rov  xar  olxiav  r]go)og, 
syxvfwva  ysvso&ai  xal  isxsTv  rov   TvXXiov  sv  roig  xa&)'jxovoi  ygovoig. 


—    313    — 

Das  Zauberpferd  fehlt  in  der  römischen  Sage;  das  ist 
vollkommen  begreiflich:  es  mufste  eliminiert  werden,  da 
der  Historiker  dieses  rein  märchenhafte  Element  nicht 
brauchen  konnte. 

Bekanntlich  betrachtet  man  heute  die  überlieferte 
älteste  Geschichte  Roms  als  durchaus  sagenhaft;  Mommsen 
macht  in  seinem  Werke  von  ihr  gar  keinen  Gebrauch. 
Nichts  hindert  uns  deshalb,  anzunehmen,  dafs  wir  in  der 
Geschichte  des  Servius  TuUius  eine  an  irgend  welche,  nicht 
mehr  zu  ermittelnde  historische  Ereignisse  der  älteren 
römischen  Geschichte  angelehnte  griechische  Sage,  die 
teilweise  modifizierte  Bellerophonsage,  vor  uns  haben. 

Die  Annahme  des  Ursprungs  der  Servius-Tulliussage 
aus  der  Bellerophonsage  gibt  uns  nun  auch  die  Erklärung 
für  die  S.  106  aufgezeigte  merkwürdige  Übereinstimmung 
des  BvH  und  der  Ambalessage  mit  Dionys  v.  Halikarnass, 
deren  Deutung  wir  damals  zweifelhaft  liefsen.  Sie  ist 
einfach  die  Folge  davon,  dafs  beide,  die  von  Dionys  be- 
nutzte, vielleicht  schon  poetisch  fixierte  römische  Sage  und 
die  Hamletsage  aus  der  gleichen  Quelle,  der  Bellerophon- 
sage, geschöpft  haben. 

Ich  komme  nun  also  zu  den  Beziehungen  der  Hamlet- 
sage und  der  Chosrosage  zur  Bellerophonsage,  speziell 
zu  der  Form  der  letzteren,  welche  in  dem  Bellerophmites 
des  Euripides  vorliegt.  Die  Übereinstimmungen  sind  mannig- 
fach und  sehr  spezieller  Art:  nahezu  alle  Motive  der 
griechischen  Sage  finden  sich  in  den  verschiedenen  Versionen 
der  nordischen  Sage  und  in  der  persischen  Sage  wieder. 

Zunächst  tritt  uns  in  der  Bellerophonsage  sofort  ent- 
gegen das  eigenartige  Motiv  des  Uriasbriefes,  und  zwar 
in  einer  Fassung,  welche  mit  der  Saxoschen  und  der  der 
Ambalessage  so  nahe  verwandt  ist,  dafs  über  den  unmittel- 
baren Zusammenhang  der  beiden  Versionen  ein  Zweifel  gar 
nicht  bestehen  kann. 


—     314     — 

Das  Motiv  begegnet  bei  Saxo,  wie  wir  sahen,  zweimal : 

Fengo  will  den  Amleth  beseitigen,  wagt  es  aber 
nicht,  ihm  selbst  etwas  anzutim.  Deswegen  schickt  er  ihn 
mit  einem  Uriasbrief  an  den  König  von  Britannien;  der 
König  heifst  ihn  mit  gastlicher  Freundlichkeit  willkommen 
und  bewirtet  ihn;  das  Mal  spielt  wegen  der  Scharfsinns- 
proben, die  Amleth  dabei  ablegt,  in  der  Erzählung  eine 
besondere  Rolle.  („Der  König  verehrte  seinen  Scharfsinn 
wie  eine  Art  göttliche  Gabe.")  In  der  Ambalessage  be- 
traut dann  der  König  Amleth  seines  Scharfsinns  wegen 
mit  der  Verteidigung  des  Landes.  Seine  riesische  Freun- 
din sendet  dem  Helden  kostbare  Waffen  und  ein  aus- 
gezeichnetes Rofs.  Es  werden  zwei  Feldzüge  erwähnt, 
in  denen  Amleth  den  Sieg  davon  trägt.  Er  erhält  die 
Tochter  des  Königs  zur  Frau. 

Das  zweite  Mal  ist  es  der  König  von  Britannien, 
Amleths  Schwiegervater,  selbst,  der  ihn  mit  einem  Urias- 
brief an  den  schottischen  Königshof  sendet;  abermals  ent- 
geht Amleth  der  Gefahr  und  die  Tochter  des  Königs  von 
Schottland  wird  seine  zweite  Frau. 

Auch  im  BvH  ist  es  der  Schwiegervater,  hier  aber 
der  spätere  Schwiegervater,  der  dem  Helden  durch  den 
Uriasbrief  nach  dem  Leben  trachtet. 

Ganz  ebenso  will  nun  Proitos  den  ßellerophon  be- 
seitigen, wagt  es  aber  nicht,  ihn  selbst  zu  töten.  Deshalb 
schickt  er  ihn  mit  einem  Uriasbrief  an  seinen  —  des  Proitos 
—  Schwiegervater  Jobates,  König  von  Lykien.  Jobates 
nimmt  Bellerophon  freundlich  auf  und  bewirtet  ihn  (neun 
Tage  lang).  Dann  beauftragt  er  ihn  mit  Bekämpfung  der 
Chimaira  und  mit  zwei  Feldzügen,  immer  in  der  Erwartung, 
Bellerophon  werde  im  Kampfe  seinen  Tod  finden.  Als 
dieser  siegreich  zurückkehrt,  gibt  er  ihm  seine  Tochter 
zur  Frau  und  die  Hälfte  seines  Königreiches,  „weil  er  er- 
kannte, dafs  er  göttlicher  Abstammung  sei"  (Homer). 


—    315    — 

Das  Motiv,  dafs  der  König,  au  dessen  Hof  er  gesandt 
wird,  d.  i.  sein  späterer  Schwiegervater,  dem  Helden  nach 
dem  Leben  trachtet,  fehlt  dem  ersten  Teil  der  Saxoschen 
Sage  und  der  Ambalessage;  denn  hier  haben  wir  die  von 
der  griechischen  Sage  abweichende  Version,  dafs  der  Held 
den  Uriasbrief  öffnet  und  seinen  Inhalt  abändert.  Dagegen 
findet  sich  jenes  Motiv  bei  Saxo  im  zweiten  Teil  und  im 
BvH,  wie  wir  sahen,  nur  liegt  auch  hier  wieder  eine 
Abweichung  von  der  Bellerophonsage  vor,  insofern  hier 
der  Uriasbrief  nicht  der  Grund,  sondern  das  Werkzeug 
des  von  dem  Schwiegervater  ausgehenden  Anschlages  ist. 

Diese  Differenzen  lassen  sich  durch  Gedächtnistäusch- 
ungen  bei   mündlicher  Überlieferung    unschwer   erklären. 

Der  Zug  der  griechischen  Sage,  dafs  der  Brief  uner- 
öffnet  übergeben  wird,  hat  sich  erhalten  im  BvH,  wo 
Boeve  den  Brief,  mit  dem  er  an  Bradmund  gesandt  wird, 
übergibt,  ohne  von  dem  Inhalt  Kenntnis  genommen  zu 
haben. 

Zu  dem  Motiv  des  üriasbriefes  tritt  dann  als  zweites 
wichtiges  Moment  die  merkwürdige  Übereinstimmung,  welche 
zwischen  dem  Bellerophontes  des  Euripides  einerseits  und 
dem  Hamlet  Shakespeares  sowie  der  Chosrosage  Firdosis 
andererseits  bezüglich  des  Charakters  des  Helden  besteht. 
Bellerophon  ist  ein  griechischer  Hamlet-Chosro! 
Icli  meine,  jeder,  der  die  oben  in  Übersetzung  mitgeteilten 
Reflexionen  des  Bellerophon  in  dem  Euripideischen  Drama  liest, 
mufs  sich  sofort  aufs  lebhafteste  an  die  im  vorigen  Kapitel  in 
Parallele  gesetzten  Äufserungen  Hamlets  und  Chosros  wie 
auch  an  sonstige  Äufserungen  Hamlets  in  dem  Shake- 
speareschen  Drama  erinnert  fühlen.  Den  „Weltschmerz", 
den  Lebensüberdrufs,  die  Todessehnsucht  des  nordischen 
und  des  persischen  Helden,  hier  haben  wir  sie  ja  bereits 
in  ausgeprägtester  Form!  Man  vergleiche  besonders  die 
berühmten  Monologe  Hamlets  Akt  I,  2 :  „0  schmölze  doch 


—     316     -- 

dies  allzufeste  Fleisch"  und  Akt  III,  1 :  „Sein  oder  Nicht- 
sein, das  ist  hier  die  Frage"  mit  den  aus  dem  Bellero- 
phontes  erhaltenen  Fragmenten  und  den  angeführten 
Monologen  Kei  Chosros:  hier  wie  dort  die  gleiche  schwer- 
mütige Auffassung  des  menschlichen  Daseins.  Bellerophon 
meint,  das  Beste  sei  es  dem  Menschen,  nie  geboren  zu 
werden,  denn  allzuviel  Jammer  und  Elend  herrsche  auf 
dieser  Erde;  er  wünscht  sich  den  Tod,  weil  er  mit  an- 
sehen mufs,  dafs  die  Schlechten  hoch  in  Ehren  stehen; 
die  Welt  ist  voll  Ungerechtigkeit,  fromme  Städte  müssen 
gottlosen  dienen,  nur  weil  sie  nicht  die  gleiche  Zahl  von 
Lanzen  aufzubringen  vermögen.  Ebenso  Hamlet:  der  Tod 
ist  ihm  „ein  Ziel  aufs  innigste  zu  wünschen": 

.  .  wer  ertrüg'  der  Zeiten  Spott  und  Geifsel, 
Des  Mächt'gen  Druck,  des  Stolzen  Mifshandlungen, 
Verschmähter  Liebe  Pein,  des  Rechtes  Aufschub, 
Den  Übermut  der  Ämter,  und  die  Schmach, 
Die  Unwert  schweigendem  Verdienst  erweist, 
Wenn  er  sich  selbst  in  Ruhstand  setzen  könnte 
Mit  einer  Nadel  blofs?     Wer  trüge  Lasten, 
Und  stöhnt'  und  schwitzte  unter  Lebensmüh? 

Ich  möchte  bitten,  die  Reden  Bellerophons,  Hamlets 
und  Chosros  nach  einander  zu  lesen  und  urteilen  zu  wollen, 
ob  nicht  eng  verwandte  Empfindungsweise  sich  hier  überall 
ausspricht.  Freilich,  völlige  Kongruenz  besteht  nicht. 
Bellerophon  geht  —  wegen  der  auf  Erden  herrschenden 
Ungerechtigkeit  —  so  weit,  selbst  am  Dasein  der  Götter 
zu  zweifeln.  Von  einem  solchen  religiösen  Skeptizismus 
ist  bei  Hamlet  keine  Rede,  s.  Akt  IV,  4: 

Gewifs,  der  uns  mit  solcher  Denkkraft  schuf 
Voraus  zu  schaun  und  rückwärts,  gab  uns  nicht 
Die  Fähigkeit  und  göttliche  Vernunft, 
Um  ungebraucht  in  uns  zu  schimmeln. 

Und  Akt  V,  2: 

.  .  .  das  lehr'  uns, 
Dafs  eine  Gottheit  unsre  Zwecke  formt, 
Wie  wir  sie  auch  entwerfen. 


—    317     - 

Kei  Chosro  vollends  wird  nach  seiner  Thronbesteigung 
als  mit  der  Gottheit  in  stetem  Verkehr  lebend  geschildert, 
die  Sehnsucht  nach  völliger  Vereinigung  mit  ihr  ist  gerade 
der  Grund  seiner  weitabgewandten  Gesinnung.  Aber  diese 
Differenz  kann  um  so  weniger  ins  Gewicht  fallen,  als 
auch  Bellerophon  in  Frömmigkeit  dem  Tode  entgegengeht: 
„Du  warst  gegen  die  Götter  fromm",  sagt  er  sterbend  zu 
seiner  Seele,  er  zweifelt  also  nicht  mehr  an  der  Existenz 
der  Götter,  sein  Skeptizismus  war  nur  eine  vorübergehende 
Anwandlung. 

Ganz  besonders  beachtenswert  scheint  es  mir  noch, 
dafs  sich  bei  Euripides  wie  im  Schahname  der  Lebens- 
überdrufs,  der  „Weltschmerz"  des  Helden  erst  einstellt, 
nachdem  er  sein  Lebenswerk  vollbracht  hat.  Das 
ist  ein  eminent  spezieller  Zug,  der  meines  Erachtens  für 
die  Annahme  der  Abhängigkeit  der  persischen  Sage  von 
der  griechischen  sehr  schwer  ins  Gewicht  fällt. 

Ein  drittes  bedeutungsvolles  Motiv,  welches  die  Hamlet- 
sage und  ebenso  wiederum  die  Chosrosage  mit  der  Belle- 
rophonsage  gemein  haben,  ist  das  des  wunderbaren  Rosses, 
mit  Hilfe  dessen  der  Held  seine  Taten  vollbringt.  Dieses 
.Motiv  bietet  von  den  nordischen  Versionen  freilich  nur 
der  BvH  und,  wie  es  scheint,  aber  in  ganz  verblafster 
Gestalt,  die  Ambalessage.  Wenn  es  sich  hier  und  in  der 
Chosrosage  nicht  um  ein  eigentliches  Flügelrofs,  wie  in  der 
griechischen  Sage,  sondern  nur  um  ein  Rofs  von  seltenem 
Verstände  und  wunderbarer  Schnelligkeit  handelt,  so  ist 
das  offenbar  irrelevant.  Auch  der  Pegasos  wird  nach 
Pauly,  Realencycl.  d.  class.  Altert,  Stuttgart  1848  s.  v.  auf 
alten  Sternkarten  noch  nicht  geflügelt  dargestellt.  Wie 
Bellerophon  eng  verbunden  erscheint  mit  dem  Pegasos,  so 
Boeve  mit  dem  Rosse  Arondel,  Chosro  mit  Bihzad;  ich 
verweise  wegen  beider  auf  S.  37  ff.  Von  Arondel  heifst 
es  V.  2510,  kein  Vogel  könne  es  mit  ihm  an  Geschwindig- 


—     318     — 

keit  aufnehmen.  Bei  einem  Wettrennen,  welches  zu  Pfingsten 
in  London  veranstaltet  wird,  gewinnt  Boeve  mit  ihm  den 
Sieg,  was  daran  erinnert,  dafs  die  griechische  Sage  auch 
Bellerophon  als  Sieger  in  einem  Wettrennen  kennt,  s.  Hygin, 
Fdbulae  273:  Bellerophontes  vicit  equo  (bei  den  argivischen 
Spielen).  Boeve  beschliefst,  eine  Burg  zu  erbauen  und  sie 
nach  Arondel  zu  benennen,  V.  2547. 

Der  Bihzad  Kei  Chosros  gehörte  früher  dessen  Vater 
Sijawusch,  der  auf  ihm  den  Feuerberg  durchreitet,  s.  die 
grofsartigen  Verse  bei  Rückert  11,  31: 

Er  ritt  auf  einem  schwarzen  Rofs, 
Der  iStaub  der  Hufe  zum  Monde  flofs. 
Mit  Kampfer  hatt'  er  sich  bestreut, 
Wie  es  Brauch  ist  beim  Sterbekleid, 
Den  Weg  zum  Paradies  er  schien 
Zu  suchen,  nicht  zum  Holzstofs  hin. 

Als  Sijawusch  seinem  Tode  entgegengeht,  sagt  er 
dem  Bihzad  ins  Ohr,  er  solle  einst  Chosro,  seinen  Rächer, 
tragen. 

Die  Art,  wie  Chosro  später  sich  des  Bihzad  bemächtigt, 
erinnert  lebhaft  an  die  griechisclie  Sage  von  der  Auf- 
findung und  Zähmung  des  Pegasos  durch  Bellerophon, 
s.  Rückert  11,  S.  210f.: 

Ferengis,  Chosros  Mutter,  überreicht  diesem  einen 
Sattel  und  einen  schwarzen  Zaum  und  befiehlt  ihm,  sich 
nach  einer  Weide  bei  Sijawtischgird  zu  begeben,  woselbst 
er  das  Rofs  seines  Vaters,  den  Rappen  Bihzad,  finden 
werde;  er  möge  diesen  heranlocken  und  ihm  Sattel  und 
Zaum  anlegen.  Chosro  tut,  wie  ihm  geheifsen,  und  be- 
mächtigt sich  so  des  Bihzad;  s.  den  Wortlaut  oben  S.  238f. 
Man  vergleiche  damit  die  oben  S.  301  mitgeteilte  griechische 
Sage  von  der  Gewinnung  des  Pegasos  durch  Bellerophon. 
Offenbar  ist  in  der  persischen  Sage  Ferengis  an  Stelle 
der  Athene  der  Beilerophonsage  getreten. 


—     319    — 

Die  Übereinstimmung  zwischen  der  griechischen  Sage 
und  der  nordischen  in  den  drei  besprochenen  wichtigen 
Punkten,  die  zwischen  der  griechischen  Sage  und  der 
nordischen  in  den  beiden  zuletzt  besprochenen  würde, 
meine  ich,  allein  schon  zu  der  Behauptung  berechtigen, 
dafs  die  Hamlet-Chosrosage  teilweise  aus  der  Bellerophon- 
sage  geflossen  sei.  Es  kommen  aber  zu  den  angegebenen 
Punkten  noch  eine  Reihe  weiterer  hinzu: 

Es  ist  ein  charakteristischer  Zug  der  Saxoschen  Hamlet- 
sage, dafs  gegen  den  Helden  wiederholt  Anschläge  unter- 
nommen werden,  welche  er  alle  vereitelt:  zuerst  der  An- 
schlag mit  dem  Mädchen,  das  man  ihm  im  Walde  in  den 
Weg  fuhrt;  dann  der  mit  dem  Lauscher  im  Zimmer  seiner 
Mutter;  dann  der  Uriasbrief  Fengos  an  den  König  von 
Britannien;  —  im  zweiten  Teil  der  Sage  der  Uriasbrief 
des  Königs  von  Britannien  selbst,  dann  der  nochmalige 
Anschlag  des  nämlichen  Königs,  dem  Amleth  durch  das 
unter  dem  Gewände  angelegte  Panzerhemd  entgeht,  und 
der  allgemeine  Angriff,  der  sich  daran  schliefst. 

Ebenso  in  der  Beilerophonsage:  zuerst  der  Uriasbrief 
des  Proitos,  dann  die  drei  Anschläge  des  Jobates:  Chi- 
maira,  Solymer,  Amazonen  —  in  allen  drei  Fällen  ist  der 
Zweck  des  dem  Bellerophon  erteilten  Auftrages  ja  der, 
ihn  aus  dem  Wege  zu  räumen;  dann  die  abermalige  Nach- 
stellung der  Stheneboia,  s.  oben  S.  291,  und  zuletzt  der 
Vergiftungsanschlag  des  Megapenthes. 

Weiter:  Nur  im  BvH  finden  sich  die  folgenden  beiden 
Züge: 

Boeves  erste  Waffentat  am  Hofe  Hermins,  Königs  der 
Bretagne,  ist  es,  dafs  er  einen  im  Lande  hausenden,  ge- 
fährlichen Eber  erlegt,  V.  420—449:  „Boeve  kam  zum 
Walde,  um  den  Eber  zu  suchen;  er  fand  ihn  bald  und 
fürchtete  ihn  nicht;  der  Eber  sah  ihn  und  begann  zu 
wetzen  und  rifs  seinen  grofsen  Rachen  auf,  als  wollte  er 


—     320     — 

Boeve  ganz  verschlingen.  Boeve  erblickte  ihn,  spornte 
sein  Rofs  und  setzte  seine  Lanze  ein:  in  den  offenen 
Rachen  stiefs  er  den  Eber  und  bohrte  ihm  die  Spitze  bis 
ins  Herz  hinein;  da  hauchte  der  Eber  gleich  sein  Leben  aus." 

Ebenso  tötete  Bellerophon  nach  einer  von  Plutarch, 
De  mulier.  virt.  p.  248  überlieferten  Sage  im  Lande  der 
Lykier  einen  wilden,  die  Felder  verwüstenden  Eber. 

Der  Gedanke  liegt  nahe,  dafs  wir  hier  eine  Ver- 
wechselung der  Chimaira  mit  dem  erymanthischen  Eber 
der  Heraklessage  vor  uns  haben.  BeUeropkon  tötet  erst 
die  Chimaira,  dann  besiegt  er  in  Feldzügen  die  Solymer 
und  die  Amazonen;  Boeve  tötet  erst  den  Eber,  dann  be- 
siegt er  im  Kriege  Bradmond  von  Damascus. 

Als  Boeve  von  der  Eberjagd  zurückkehrt,  lauern  ihm 
zehn  Förster  auf,  die  ihm  den  Tod  geschworen  haben: 
Boeve  tötet  sechs  von  ihnen,  die  übrigen  entfliehen. 

Auch  dieser  Zug  hat  in  der  Bellerophonsage  seine 
Entsprechung,  s.  Homer,  Hias  VI,  187 — 90:  „Als  er  zurück- 
kehrte [B.  vom  Kriege  gegen  die  Amazonen],  ersann  er 
[Jobates]  einen  anderen  hinterlistigen  Anschlag:  aus  dem 
weiten  Lykien  wählte  er  die  besten  Männer  [nach  dem 
Scholi asten  zwanzig]  und  legte  sie  in  den  Hinterhalt; 
diese  aber  kehrten  nicht  mehr  nach  Hause  zurück,  denn 
alle  tötete  der  untadelige  Bellerophontes." 

Die  Stheneboia  der  Bellerophonsage,  die  Gattin  des 
Proitos,  hat  bei  Saxo,  bei  Shakespeare  und  im  BvH  ihr 
Gegenbild  in  der  Mutter  des  Helden.  Am  nächsten  steht 
hier  wieder  der  griechischen  Sage  der  BvH,  wo  die  Mutter 
Boeve  nach  dem  Leben  trachtet:  sie  befiehlt  Sabot,  den 
Knaben  umzubringen,  dann,  als  Boeve  wieder  auftaucht, 
beauftragt  sie  zwei  Ritter,  ihn  entweder  zu  ertränken  oder 
im  Hafen  zu  verkaufen.  Das  letztere  geschieht,  und  Boeve 
wird  nun  übers  Meer  zu  Hermin  geschafft.  Ähnlich  wird 
Bellerophon  auf  Betreiben  der  Stheneboia  übers  Meer  an 


I 


—     321     — 

Jobates  geschickt,  damit  er  dort  seinen  Tod  finde.  Wie 
in  der  Bellerophonsago  Stheneboia,  so  erscheint  bei  Saxo, 
Shakespeare  und  im  BvH  die  Mutter  als  ein  pflichtver- 
gessenes, buhlerisches  Weib;  nur  handelt  es  sich  dort 
um  ihre  Liebe  zu  Bellerophon  selbst,  hier  um  ihre  ehe- 
brecherische Liebe  zu  dem  Mörder  von  Hamlets,  bezw. 
Boeves  Vater.  Stellen,  welche  den  Deklamationen  Hamlets 
und  Boeves  gegen  die  Mutter  und  denen  des  ersteren 
gegen  die  Frauen  überhaupt  entsprechen,  sind  aus  der 
Stheneboia  des  Eiiripides  erhalten:  „0  du  allerschlimmste, 
du  Weib,"  ruft  Bellerophon  Fragm.  670  aus;  „denn  mit 
welchem  Namen  könnte  man  dich  schwerer  beschimpfen 
als  mit  diesem!"^)  Fragm.  663  lautet:  „Viele,  die  auf 
Reichtum  und  Geschlecht  stolz  sind,  hat  ein  törichtes  Weib 
im  Hause  mit  Schmach  bedeckt."  (Dieses  Fragment  legen 
Welcker,  Härtung,  Fischer  dem  Bellerophou  in  den  Mund, 
Wecklein,  a.  a.  0.  S.  101  allerdings  läfst  es  von  der  Amme 
gesprochen  sein.)  Man  vergleiche  damit  Hamlet  I,  2: 
., Schwachheit,  dein  Nam'  ist  Weib!";  I,  5:  „0  höchst  ver- 
derblich Weib!";  dann  seine  Tirade  gegen  die  Ehe  im  Ge- 
spräch mit  Ophelia  III,  1:  „  ...  gescheidte  Männer  wissen 
allzugut,  was  ihr  für  Ungeheuer  aus  ihnen  macht"  usw. 

Andererseits  erinnert  Stheneboia  wieder  an  Shake- 
speares Ophelia;  wie  diese  ist  sie  ein  Weib,  dessen  Liebe 
verschmäht  wird  und  die  sich  in  der  Verzweiflung  das 
Leben  nimmt.  Denn  nach  dem  Prolog  des  Euripideischen 
Bellerophontes  endete  Stheneboia  durch  Selbstmord,  wie 
wir  sahen.  Es  scheint  mir  nicht  ausgeschlossen,  dafs  hier 
eine  dichterische  Spaltung  vorliegt:  Stheneboia,  die  Gattin 
des  Proitos,  die  den  Ehebruch  plant  und  Bellerophon  nach 
dem  Leben  trachtet,  wurde  zur  Mutter  Hamlets,  Stheneboia, 
das  liebende  Weib,  das  seine  Liebe  verschmäht  sieht  und 

*)  tu  Jiayxaxiaxr)  xcd  yvvtj.     ti  yog  XeyoDV 

^eiCov  ae  tovö'  oyeidog  i^eüroc  xig  av ; 
Zenker,  Boeve-AmJethos.  21 


—     322     — 

durch  Selbstmord   endet,  wurde  zur   Ophelia  des  Shake- 
speareschen  Dramas. 

Sehr  merkwürdig  ist  es  nun  wieder,  dafs  wir  das  in 
Eede  stehende  Motiv  der  griechischen  Sage,  das  der  Hamlet- 
sage fehlt,  die  Liebe  der  Gattin  des  Königs  zu  dem  Helden, 
dafür  bei  Firdosi  in  der  Chosrosage  finden,  nur  ist  es  hier 
nicht  an  den  Namen  Chosros,  sondern  an  den  seines  Vaters 
Sijawusch  geknüpft;  die  Erzählung  geht  der  von  Chosros 
Schicksalen  nur  wenig  vorauf,  s.  Eückert,  II,  S.  10—35: 

Sijawusch,  der  bei  Eostem  in  Zabulistan  aufgewachsen 
ist,  lebt  seit  einem  Jahre  am  Hofe  seines  Vaters  Ka'us. 
Sudabe,  eine  der  Frauen  des  Ka'us,  verliebt  sich  in  ihn 
und  sucht  ihn  zu  verführen,  aber  Sijawusch  weist  sie  mit 
Entrüstung  von  sich.  Da  verklagt  sie  ihn  bei  Ka'us,  dafs 
er  ihr  Gewalt  habe  antun  wollen.  Ka'us  verhört  beide, 
er  kommt  zu  der  Überzeugung,  dafs  Sudabe  die  Unwahr- 
heit gesprochen,  sieht  aber  von  einer  Bestrafung  ab  und 
befiehlt  Sijawusch,  von  der  Angelegenheit  zu  schweigen, 
damit  nicht  ein  Aufsehen  entstehe.  Sudabe,  die  sich  be- 
schimpft sieht,  will  nun  an  Sijawusch  Eache  nehmen  und 
Ka'us  von  der  Wahrheit  ihrer  Aussage  überzeugen.  Sie 
hat  eine  zauberkundige  Magd,  die  gerade  guter  Hoifnung 
ist;  sie  veranlafst  diese,  durch  Einnehmen  eines  Arznei- 
trankes eine  Fehlgeburt  herbeizuführen,  dann  sucht  sie  den 
Anschein  zu  erwecken,  die  beiden  Kinder,  die  die  Magd 
zur  Welt  gebracht  hat,  seien  ihre  eigenen,  und  behauptet 
Ka'us  gegenüber,  die  Fehlgeburt  sei  eine  Folge  von  Sija- 
wuschs  angeblichem  Attentat.  Um  Licht  in  die  Sache  zu 
bringen,  beruft  Ka'us  die  Sterndeuter  des  Landes,  die  auf 
Grund  ihrer  Astrolabien  behaupten,  die  Kinder  seien  nicht 
von  Sudabe,  und  als  Mutter  die  betrügerische  Magd  nam- 
haft machen.  Letztere  leugnet  hartnäckig,  trotz  Anwendung 
der  Folter,  und  es  wird  nun  auf  Anraten  der  Mobeden  des 
Landes  bestimmt,  dafs  Sijawusch,  um  sich  von  der  Anklage 


—     323     — 

zu  reinigen,  durch  einen  Feuerberg:  liindurchreiten  solle. 
Eine  Karawane  von  hundert  Kamelen  trägt  das  Holz  herbei: 

Zu  zwei  Bergen  türmten  sie  das, 
Das  Holz  stieg  über  Zahl  und  Mafs, 
Man  sah  es  auf  zwei  Meilen  weit 

Raum  war  nur  soviel,  dafs  ein  Reiter  zu  Rofs 
Sich  bahnen  könnt'  einen  Weg  durch  den  Trofs. ') 
Dann  befahl  der  Gebieter  stolz 
Schwarzes  Naphtha  zu  giefsen  aufs  Holz. 
Zweihundert  Feuerschürer  mit  Macht 
Bliesen,  da  ward's  am  Tage  zur  Nacht. 

Sijawusch  reitet  auf  dem  Bihzad  unversehrt  durch  das 

Feuer  hindurch  und  gilt  nun  als  schuldlos.     Sudabe  soll 

hingerichtet  werden,  aber  auf  Bitten  Sijawuschs  wird  sie 

begnadigt  und  in  den  Frauensaal  zurückgeführt.    Trotzdem 

versucht  sie  später,   als   Ka'us  von  neuem  Liebe   zu  ihr 

gefafst  hat,  jenen  nochmals  zu  verdächtigen: 

Wiederum  mit  dem  Herrscher  der  Zeit 

Übte  sie  Zauber  in  Heimlichkeit, 

Auf  dafs  er  werd'  auf  Sijawusch  bös, 

Wie  es  böser  Art  gemäfs. 

Aus  ihrer  Rede  schöpft'  er  Verdacht, 

Doch  keinem  er  kund  das  Verborgne  macht'. 

Eben  um  den  Nachstellungen  Sudabes  zu  entgehen, 
zieht  Sijawusch  selbst  gegen  Afrasiab  ins  Feld.  Später 
wird  sie  von  Rustem,  der  Ka'us  die  Nachricht  von  Sija- 
\vuschs  Ermordung  überbringt,  als  die  eigentliche  Anstifterin 
alles  Unheils  erdolcht. 

Offenbar  steht  diese  Erzählung  der  von  Stheneboia  in 
der  Beilerophonsage  sehr  nahe,  und  vielleicht  würde  die 
Übereinstimmung  als  noch  genauer  erscheinen,  wenn  wir 
die  Dramen   des  Euripides   selbst  besäfsen  und  bezüglich 

^)  Diese  Übersetzung  ist  wohl  nicht  ganz  genau.  Gemeint  ist 
offenbar  der  Raum  zwischen  den  beiden  Bergen,  indem  Sijawusch 
zwischen  letzteren  durchreiten  soll.  Mohl  H,  S.  189  übersetzt  ein- 
fach: on  laissa  au  müieu  un  passage  tel  qü'un  cavalier  arme  pouvaü 
ä  peine  le  traverser  ä  cheval. 

21* 


—     324     — 

der  Sage  nicht  allein  auf  die  kurze  Darstellung  Homers, 
auf  eine  Reihe  zerstreuter  Notizen  und  Anspielungen  und 
auf  wenige  Fragmente  aus  den  Dramen  angewiesen  wären. 
Der  Feuerprobe,  durch  welche  Sijawusch  bei  Firdosi  seine 
Unschuld  dartut,  entsprechen  in  der  Beilerophonsage  die 
Aufgaben,  welche  Jobates  dem  Helden  stellt  und  aus  deren 
glücklicher  Lösung  er  dessen  Schuldlosigkeit  erkennt.  Der 
Feuerberg  erinnert  speziell  an  die  feuerspeiende  Chimaira, 
und  da  nun,  wie  S.  288  bemerkt,  die  letztere  von  den  Alten 
mit  einem  feuerspeienden  Berge  in  Lykien,  d.  i.  mit  den 
Erdfeuern  von  Jarnatasch,  identifiziert  wurde,  so  liegt,  meine 
ich,  der  Gedanke  nahe  genug,  der  Feuerberg  bei  Firdosi, 
durch  den  Sijawusch  hindurchzureiten  hat,  sei  ein  Wider- 
schein der  Chimaira  der  griechischen  Sage,  indem  der  natür- 
liche Feuerberg,  den  man  in  ihr  erblickte,  durch  die  Tradition 
in  einen  künstlichen,  aus  Holz  und  Naphtha  hergestellten, 
umgewandelt  wurde.  Im  übrigen  möchte  ich  noch  aufmerksam 
machen  auf  die,  wie  in  der  Bellerophonsage,  so  auch  im 
Schahname  sich  findende  Wiederholung  der  Anschläge  von 
selten  der  beleidigten  Frau,  und  auch  das  möchte  ich  bitten, 
beachten  zu  wollen,  dafs  Firdosi  in  dieser  Episode  weiber- 
feindliche Äufserungen  hat,  welche  denen  in  der  Stheneboia 
und  im  Hamlet  sehr  ähnlich  sind,  s.  Rückert  II,  S.  30: 

Durch  Weiber  kann  nur  Unheil  geschehen. 
Hörst  du  zu  Ende  diesen  Bericht, 
Besser  ist  es,  du  freiest  nicht. 
Nur  einer  sittsamen  strebe  nach, 
Ein  unartiges  Weib  bringt  Schmach. 
Weib  und  Drache  sind  besser  tot. 
Besser  die  Welt  frei  von  beider  Not. 

In  Anbetracht  der  nahen  Übereinstimmungen  der  Sudabe- 
episode  mit  der  Bellerophonsage  zusammengenommen  mit 
der  oben  aufgezeigten  Verwandtschaft  des  Charakters  des 
Helden  in  der  Chosrosage  und  der  Bellerophonsage  sowie  im 
Hinblick  auf  die  zahlreichen,  der  Hamletsage,  deren  Zu- 


i 


—    325    — 

saramenhang  mit  der  Chosrosage  erwiesen  wurde,  und  der 
Bellerophonsage  gemeinsamen  Züge  spricht  m.  E.  alle  Wahr- 
scheinlichkeit dafür,  dafs  die  Sijawusch-Sudabeepisode  auf 
dem  Stheneboiaraotiv  der  griechischen  Sage  beruht  und  dafs 
die  Geschiclite  durch  eine  Verwechselung  Chosros  mit  seinem 
Vater  Sijawusch  auf  letzteren  übertragen  wurde,  —  eine  Ver- 
wechselung, die  nicht  auffallen  kann,  da  Sijawusch  und  Chosro 
in  der  persischen  Sage  als  identische  Charaktere  erscheinen. 

Ich  komme  nun  wieder  zur  Hamletsage.  Die  Analogien 
zwischen  ihr  und  der  Bellerophonsage  sind  mit  dem  bei- 
gebrachten noch  nicht  erschöpft. 

In  hohem  Grade  merkwürdig  ist,  deucht  mich,  die 
Ähnlichkeit  zwischen  der  Handlung  des  Euripideischen  ßelle- 
rophontes  und  dem  Schlufs  des  Shakespeareschen  Hamlet: 

Stheneboia  nimmt  sich,  als  sie  Bellerophon  von  der 
Anklage  gereinigt  und  sich  selbst  beschimpft  sieht,  aus 
Scham  das  Leben;  vorher  aber  liefs  sie  sich,  so  nimmt  man 
an,  von  ihrem  ^ohne  Megapenthes  versprechen,  dafs  er 
ihren  Tod  rächen  werde.  Megapenthes  begibt  sich  nun 
zu  Jobates  und  schmiedet  mit  ihm  gemeinsam  einen  Plan, 
um  Bellerophon  den  Untergang  zu  bereiten.  Jobates  tritt 
ein  für  die  Anwendung  von  List,  durch  die  man  gegen  seine 
Feinde  mehr  ausrichte  als  durch  offenes  Vorgehen.  Als  Belle- 
rophon nach  dem  Sturz  vom  Pegasos  menschenscheu  auf  dem 
aleischen  Gefilde  umherirrt,  sucht  Megapenthes  ihn  zu  er- 
morden — ,  wie  Wecklein  annimmt,  durch  Gift.  Bellerophon 
aber  wird  von  seinem  Sohne  Glaukos  gerettet.  Trotzdem 
stirbt  er  bald  darauf  — ,  woran,  ist  uns  nicht  überliefert. 

Bei  Shakespeare  hat  Hamlet  den  Polonius  getötet  und 
dessen  Tochter  Ophelia  hat  sich,  weil  sie  sich  von  Hamlet 
verschmäht  sieht,  das  Leben  genommen.  Laertes  will  den 
Tod  des  Vaters  und  der  Schwester  rächen.  Akt  IV,  7  zeigt 
ihn  uns  in  Unterredung  mit  dem  König:  Laertes  will  den 
Hamlet  in  der  Kirche  erwürgen.    Aber  der  König  rät  zur 


—     326     — 

List:  er  soll  sich  mit  Hamlet  in  der  Fechtkunst  messen 
und  eine  nicht  gestumpfte  Klinge  wählen;  Laertes  ist  ein- 
verstanden, will  aber  überdies  noch  Gift  zur  Hilfe  nehmen: 

Ich  wilFs  tun 
Und  zu  dem  Endzweck  meinen  Degen  salben. 
Ein  Charlatan  verkaufte  mir  ein  Mittel, 
So  tötlich,  taucht  man  nur  ein  Messer  drein. 
Wo's  Blut  zieht,  kann  kein  noch  so  künstlich  Pflaster 
Yon  allen  Kräutern  unterm  Mond  mit  Kraft 
Gesegnet,  das  Geschöpf  vom  Tode  retten, 
Das  nur  damit  geritzt  ist.  .  .  . 

Der  König  rät,  es  solle,  damit  man  volle  Sicherheit 
des  Gelingens  habe,  auch  ein  giftiger  Trank  bereit  gehalten 
werden,  der  Hamlet,  wenn  er  erhitzt  zu  trinken  fordere, 
anzubieten  sei.  Der  Schlufs  ist  bekannt:  Hamlet  wird  mit 
der  vergifteten  Klinge  verwundet,  Laertes  infolge  Ver- 
wechselung der  Klingen  ebenfalls,  die  Königin  stirbt  an 
dem  Gifttrank,  von  dem  sie  ahnungslos  genossen,  der  König 
wird  von  Hamlet  durch  einen  Stofs  mit  dem  Rappler  getötet. 

Die  Analogien  sind  m.  E.  frappant: 

Ein  junger  Mann  will  den  Tod  einer  Mutter  oder 
Schwester,  die  sich  wegen  verschmähter  Liebe  das  Leben 
genommen,  an  dem  Helden  des  Dramas  rächen.  Er  berät 
sich  mit  dem  diesem  letzteren  feindlich  gesinnten  Könige, 
einem  Erzbösewicht  —  „der  schlechteste  unter  denen  um 
Bellerophon"  wird  Jobates  genannt,  s.  oben  S.  296  —  über 
die  Mittel  und  Wege  der  Rache.  Er  selbst  gedenkt,  gerade 
auf  sein  Ziel  loszugehen,  der  König  aber  rät  zur  List  und 
findet  damit  Gehör.  Der  Mordanschlag  kommt  zur  Aus- 
führung und  zwar  wird  Gift  dabei  angewandt  (falls  die 
Annahme  Weckleins  richtig  ist).  Der  junge  Mann  findet 
bei  dem  Anschlag  seinen  Tod.  Im  übrigen  differiert  frei- 
lich der  Schlufs:  Bellerophon  wird  von  seinem  Sohne 
Glaukos  gerettet,  Hamlet  hingegen  stirbt  alsbald  an  der 
empfangenen  Wunde.  Indessen  könnte  es  sein,  dafs  auch 
hier  der  Unterschied   kein  sehr  wesentlicher  war.     Denn 


—     327     — 

wir  wissen,  dafs  das  Stück  mit  Bellerophons  Tod  schlofs, 
der  doch  mit  der  Handlung  in  irgend  einem  organischen 
Zusammenhang  stehen  mul'ste.  Die  Überlieferung  läfst  uns 
bezüglich  der  Ursache  seines  Todes  im  Stich.  Härtung 
S.  399  meint,  Bellerophontes  sei  vielleicht  an  einer  im 
Kampfe  —  doch  wohl  mit  Megapenthes  —  erhaltenen 
Wunde  gestorben.  Dann  müfste  man  die  Untei^chrift  des 
Reliefs  von  Kyzikos,  s.  oben  S.  297,  dahin  verstehen, 
Bellerophontes  sei  durch  seinen  Sohn  zwar  vor  dem  un- 
mittelbaren Tod,  mit  dem  ihn  der  Angriif  des  Megapenthes 
bedrohte,  gerettet  worden,  sei  aber  doch  nachträglich 
einer  im  Kampfe  empfangenen  Wunde  erlegen;  es  könnte 
ja,  wie  im  Hamlet,  neben  dem  Vergiftungsanschlag,  den 
Wecklein  vermutet,  auch  ein  Angriff  mit  blanker  Waffe 
erfolgt  sein.  Damit  hätten  wir  eine  sehr  nahe  Überein- 
stimmung zwischen  dem  Hamlet  und  dem  Bellerophontes: 
der  Unterschied  zwischen  beiden  Dramen  würde  sich  darauf 
beschränken,  dafs  Bellerophon  nicht,  wie  Hamlet,  schon 
beim  Kampfe  selbst  seinen  Tod  fand. 

Mag  dem  aber  sein  wie  ihm  wolle,  jedenfalls  sind, 
auch  wenn  das  Ende  des  Helden  ein  verschiedenes  war, 
doch  die  hier  aufgezeigten  Übereinstimmungen  zwischen 
den  beiden  Dramen  m.  E.  so  ganz  eigenartig,  dafs  sie, 
vereinigt  mit  den  sonstigen  gemeinsamen  Zügen  der  Sagen 
und  mit  den  im  Hamletdrama  vorliegenden  nicht-Saxoschen 
Motiven  der  anderen  Versionen  der  Hamletsage,  uns  mit 
zwingender  Gewalt  zu  dem  Schlüsse  hindrängen,  dafs 
Shakespeares  Original,  der  Hamlet  Kyds,  nicht,  wie  man 
noch  heute  allgemein  annimmt,  auf  Saxo-Belleforest  be- 
ruhte, sondern  durch  irgend  welche  Zwischenstufen  auf 
den  Bellerophontes  zurückging. 

Was  aber  von  dem  Hamlet  Shakespeares  gilt,  das  gilt 
selbstverständlich  auch  von  der  Hamletsage  überhaupt; 
ich  glaube  es  auf  Grund  der  vorausgehenden  Darlegungen 


—     328     — 

als  ein  Ergebnis  von  hoher  Wahrscheinlichkeit,  ja  von 
annähernder  Gewifsheit  hinstellen  zu  dürfen: 

Die  Haralet-Chosrosage  ist  teilweise  aus  der  griechischen, 
ursprünglich  vermutlich  lykischen,  Bellerophonsage  geflossen 
und  zwar  geht  sie  zurück  auf  das  Bellerophontesdrama  des 
Euripides.  Alle  Züge  der  Bellerophonsage,  die  wir  in  den 
einzelnen  nordischen  Versionen  der  Sage  und  in  der  Chosro- 
sage  wiederfinden,  können  in  dem  Drama  vereinigt  gewesen 
sein.  Die  Stheneboiaepisode,  die  Grundlage  des  Stückes,  kann 
im  Prolog  ausführlich  erzählt  gewesen  sein.  Es  liegt 
kein  zwingender  Anlafs  vor,  aufser  dem  Bellerophontes  noch 
eine  andere  Quelle  für  die  in  der  nordischen  und  der  per- 
sischen Sage  enthaltenen  Elemente  der  griechischen  Sage 
anzunehmen,  —  was  freilich  nicht  ausschliefst,  dafs  vielleicht 
trotzdem  auch  andere  Quellen  mit  verwertet  worden  sind. 

Nun  fehlen  aber  andrerseits  eine  Eeihe  wichtiger  Motive 
der  Hamlet-Chosrosage  der  Bellerophonsage,  Vaterrache  usw.: 
dies  sind  diejenigen  Motive,  welche  der  Brutus- 
sage entstammen,  die,  wie  S.  79 ff.  nachgewiesen,  eine 
der  Quellen  der  Hamletsage  gewesen  ist. 

Folglich  ist  die  Hamletsage  entstanden  durch 
Verschmelzung  der  griechischen  Bellerophonsage 
mit  der  römischen  Brutussage. 

Wie  und  in  welcher  Form  diese  Verbindung  zustande 
kam,  wird  im  folgenden  Kapitel  zu  erörtern  sein. 

Ich  werde  der  Kürze  halber  von  jetzt  ab  die  Brutussage 
in  der  Regel  mit  BtS,  die  Bellerophonsage  mit  BS  bezeichnen. 


Die  Brutus-Bellerophonsage  als  Quelle  der  Hanilet- 
Cliosrosage;  'A/uimg? 

Die  Vereinigung  der  BtS  und  der  BS  wurde  jedenfalls 
bewirkt  durch  eine  gewisse  Verwandtschaft,  die  zwischen 


—     329    — 

ihnen  besteht:  sie  weisen  im  Gang  der  Handlung  bemerkens- 
werte Analogien  auf,  nämlich: 

1.  Bellerophon  lebt  eine  Zeit  lang  am  Hofe  eines 
Königs  —  des  Proitos  — ,  der  ihm,  durch  seine  Gemahlin 
angestiftet,  nach  dem  Leben  trachtet;  Brutus  am  Hofe 
eines  Königs,  der  ihm  den  Vater  und  den  Bruder  ermordet 
hat  und  Grund  hat  seine  Rache  zu  fürchten.  Gemeinsam 
ist  beiden  Sagen  also  die  zwischen  dem  Könige  und  dem 
in  seinem  Hause  lebenden  Helden  bestehende  Feindschaft. 
Es  wäre  überdies  möglich,  dafs  die  BtS,  die  uns  ja  auch 
nur  fragmentarisch  überliefert  ist,  ebenfalls  von  einem 
Anschlage  des  Königs  gegen  das  Leben  des  Helden  wufste. 

2.  In  der  BS  wie  in  der  BtS  erscheint  die  Gemahlin 
des  Königs  als  ein  böses,  Unheil  stiftendes  Weib;  dort 
sucht  Stheneboia  dem  Bellerophon,  durch  den  sie  sich  ver- 
schmäht und  beschimpft  sieht,  den  Untergang  zu  bereiten, 
in  der  BtS  ist  die  Tullia,  die  zweite  Gemahlin  des  Tar- 
quinius  Superbus,  die  Urheberin  des  in  Gemeinschaft  mit 
letzterem  begangenen  Doppelmordes  an  seiner  Gattin  und 
an  ihrem  ersten  Gemahl. 

3.  Der  von  düsterem  Pessimismus  beherrschte,  über 
das  unverdiente  Glück,  das  die  Schlechten  und  besonders 
die  Tyrannen  in  der  Welt  geniefsen,  grollende,  von  heim- 
tückischen Nachstellungen  bedrohte  Bellerophon  und  der 
sich  wahnsinnig  gebärdende  Brutus,  dem  ein  Tyrann  auf 
dem  Throne  den  Vater  und  den  Bruder  ermordet  hat  und 
der  nur  durch  seine  Verstellung  dem  gleichen  Schicksale 
entgangen  ist,  das  sind  offenbar  eng  verwandte  Charaktere, 
die  leicht  in  eins  verschmolzen  werden  konnten. 

4.  Bellerophon  wie  Brutus  vollbringen  eine  grofse  Tat, 
die  als  ihr  eigentliches  Lebenswerk  erscheint:  Bellerophon 
erlegt  die  Chimaira,  Brutus  nimmt  Rache  an  Tarquinius, 
indem  er  ihn  vom  Throne  stöfst  und  die  römische  Demo- 
kratie begründet. 


—     330     - 

5.  Beide  werden  nach  Vollbringung  ihres  Lebenswerkes 
durch  einen  frühen  Tod  dahingerafft.  Bellerophon  stirbt 
bei  Euripides  bald  nach  dem  von  Megapenthes  gegen  ihn 
verübten  Anschlag,  Brutus  fällt  in  der  Schlacht  im  Zwei- 
kampf mit  dem  Sohne  des  Tarquinius. 

Diese  nahen  Berührungspunkte  beider  Sagen  machen 
es  vollkommen  verständlich,  wie  ein  Dichter,  der  vorhan- 
denes sich  zunutze  machen  wollte,  darauf  verfallen  konnte, 
die  beiden  Sagen  zu  einem  neuen  Ganzen  zusammen- 
zuschweifsen. 

Die  Motive  der  Bellerophonsage  schöpfte  er,  wie  ge- 
sagt, aus  dem  Bellerophontes  des  Euripides.  Es  erhebt 
sich  die  Frage:  aus  welcher  Quelle  entnahm  er  die  Motive 
der  Brutussage,  in  welcher  Form  hat  er  letztere  benutzt 
und  von  M^ elcher  Art  war  das  neue  Ganze,  das  durch  Ver- 
bindung der  beiden  Sagen  entstand? 

Die  Antwort  auf  die  erste  Frage  mufs  m.  E.  lauten: 
vermutlich  aus  dem  Brutusdrama  des  römischen  Tragikers 
Accius. 

Und  zwar  aus  folgenden  Gründen: 

Von  den  erhaltenen  literarischen  Fassungen  der 
Brutussage  kann  keine  die  Quelle  gewesen  sein.  Denn 
keine  von  ihnen  weist  alle  Motive  der  Brutussage,  welche 
sich  in  der  persischen  und  später  in  der  nordischen  Sage 
finden,  vereinigt  auf. 

Der  Passus  bei  Valerius  Maximus  ist  ganz  unvollstän- 
dig, bei  Livius  fehlt  die  Angabe,  dafs  der  Vater  des  Bru- 
tus getötet  wurde  u.  a.  m.,  bei  Dionysius  v.  Halikarnass  fehlt 
der  Traum  des  Tarquinius  und  seine  Deutung,  bei  Zonaras 
=  Dio  Cassius  (2.  Jh.  n.  Ch.)  gleichfalls  der  Traum  des 
Tarquinius.  Also  mufs  eine  andere,  uns  nicht  erhaltene 
Fassung  der  Brutussage  die  Quelle  der  gemeinsamen  Grund- 
lage der  nordischen  und  orientalischen  Version  gewesen  sein. 

Nun  wissen  wir  von  der  Existenz  einer  selbständigen, 


—    331    — 

ausführlichen  Darstellung  der  Brutussage,  einem  Brutus- 
drama des  berühmten  römischen  Tragikers  Accius,  aus  dem 
uns  jenes,  bei  Cicero,  De  divinatione  I,  22  citierte  Frag- 
ment erhalten  ist,  welches  den  Traum  des  Tarquinius  und 
seine  Auslegung  durch  die  Traumdeuter  zum  Gegenstand 
hat,  und,  wie  oben  im  einzelnen  nachgewiesen  wurde,  zeigt 
gerade  dieser  Traum  eine  ganz  merkwürdige  Übereinstim- 
mung mit  dem  Traum  des  Afrasiab  bei  Firdosi  und  dem 
einen  Traum  des  Faustinus  in  der  Ambalessaga. 

L.  Accius  oder  Attius  war  170  v.  Chr.  geboren  und 
hat  ein  hohes  Alter  erreicht,  Cicero  hat  als  junger  Mann 
noch  mit  ihm  gesprochen.  Accius  führte  die  römische 
Tragödie  auf  die  Höhe;  seine  Dramen  haben  sich  jedenfalls 
bis  zum  Ende  der  Republik  auf  der  Bühne  gehalten  und 
waren  zum  Teil  allgemein  bekannt.  Noch  ein  Zeitge- 
nosse Senecas  bezeichnet  ihn  als  einen  Dichter  ersten 
Ranges^).  Von  seinem  Brutus  haben  sich  nur  die  beiden 
von  Cicero  angeführten  Fragmente  erhalten,  auch  eine  Ana- 
lyse des  Stückes  besitzen  wir  nicht.  Eine  Rekonstruktion 
hat  aber  unternommen  Ribbeck,  Römische  Tragödie,  Leipzig 
1875,  S.  586-93  auf  Grund  der  verschiedenen  uns  erhal- 
tenen Nachrichten  über  die  Brutussage,  von  denen  nach 
ihm  die  Erzählung  Ovids,  Fast.  II,  739  und  die  Anmerkung 
im  Kommentar  des  Servius  zu  Virgil.  Äen.  VIII,  646  direkt 
auf  dem  Drama  beruhten.  Er  läfst  das  Drama  im  Lager 
von  Ardea  mit  dem  Traum  des  Tarquinius  beginnen  und 
mit  der  Vertreibung  des  Königs,  dem  Tode  des  Arruns 
Tarquinius  (mutmafsungsweise)  und  dem  Selbstmorde  der 
Tullia  schliefsen.  Dafs  in  dem  Stücke  auch  Brutus  in 
seinem  verstellten  Wahnsinn  vorgeführt  wurde,  kann  natür- 
lich  gar-  nicht   bezweifelt   werden,   obgleich   Ribbeck   es 


*)  Vgl.  Ribbeck,  Böm.  Tragödie  S.  340,  606;  M.  Schanz,  Oeschichie 
d.  röm.  Lit.\  München  1898,  S.  94. 


—     332     - 

nicht  ausdrücklich  erwähnt;  denn  Brutus  wirft  die  Maske 
ja  erst  nach  dem  Tode  der  Lucretia  ab,  und  es  ist  doch 
anzunehmen,  dafs  er  in  dem  Stücke,  das  seinen  Namen 
trägt,  von  Anfang  an  auftrat,  wie  auch  der  Dichter  sich 
unmöglich  ein  so  dankbares  dramatisches  Motiv  kann  haben 
entgehen  lassen.  Wenn,  wie  ich  glauben  möchte,  die  Dar- 
stellung des  Dio  Cassius,  welche  der  Erzählung  des  Zonaras 
zu  Grunde  liegt,  auf  dem  Drama  des  Accius  beruht,  so 
trat  Brutus  in  der  Maske  des  Blödsinnigen  jedenfalls  in 
dem  —  von  Ribbeck  noch  in  den  ersten  Akt  verlegten  — 
Trinkgelage  bei  Sextus  Tarquinius  auf,  insofern  ein  Frag- 
ment des  Cassiiis  (11,  13)  ihn  als  Teilnehmer  dieses  Gelages 
erwähnt  und  er  seine  wahre  Natur  ja  erst  später  oifenbart. 
Die  von  Livius  (I,  59)  und  von  Ovid  (a.  a.  0.  V.  847 — 50) 
kurz  erwähnte,  von  Dionys  (IV,  79 — 83)  ausführlich  wieder- 
gegebene Rede  des  Brutus  in  der  Volksversammlung,  deren 
auffällige  Übereinstimmung  mit  der  Rede  Hamlets  bei 
Saxo  B.  IV  oben  S.  85 ff.  aufgezeigt  wurde,  war  in  dem 
Stücke  sicher  vorhanden,  wie  ein  aus  derselben  erhaltenes 
Fragment  von  einem  Verse,  in  dem  Brutus  des  Servius 
Tullius  gedenkt,  beweist:  „Die  Hauptpunkte,  welche  Livius 
hervorhebt,  können  ebenso  im  Drama  vorgekommen  sein: 
die  Schandtat  des  jungen  Tarquiniers,  der  Tod  Lucretias 
(kurz  und  kräftig  zusammengefafst) ,  die  Einsamkeit  des 
unglücklichen  Vaters;  die  Mifshandlungen  des  Volkes  durch 
den  Tyrannen;  die  Ermordung  des  Servius  Tullius,  und 
hier  kam  der  Vers  fr.  IV  vor: 

Tullius,  qui  libertatem  civibus  stabil tveraf.'' 

(Ribbeck,  a.  a.  0.  S.  592.) 
Die  Annahme,  es  seien  in  diesem  Drama  alle  Motive 
der  Brutussage,  welche  uns  später  bei  Firdosi  und  in  der 
nordischen  Sage  entgegentreten,  vereinigt  vorhanden  ge- 
wesen, hat  keinerlei  Bedenken,  und  die  Vermutung  liegt 
nahe,  es  möchten  in  ihm  auch  schon  Rätselantworten  des 


—     333     — 

Helden,  die  sowohl  die  persische  als  die  nordische  Sage 
kennt,  eine  Bolle  gespielt  haben.  Dafs  die  römische  Über- 
lieferung nichts  davon  weifs,  spricht  nicht  dagegen,  denn 
auch  des  Traumes  des  Tarquinius  bei  Accius  geschieht  in 
ihr  ja  keinerlei  Erwähnung. 

Die  Rekonstruktion  des  Dramas,  welche  Ribbeck  a.  a.  0. 
gibt,  darf  übrigens  nicht  als  zuverlässig  betraclitet  wer- 
den; sie  ist  in  wesentlichen  Punkten  eine  rein  hypo- 
thetische. Das  Material,  auf  dem  sie  fufst:  Dionys,  Livius, 
Diodor,  Dio  Cassius,  Zonaras,  Servius- Kommentar,  Ovid 
{Fast  II,  739  ff.),  bietet  keine  Anhaltspunkte  für  einen  so 
vollständigen  Wiederaufbau.  Ribbeck  vermutet  in  der  An- 
merkung des  Servius  zu  Virgil,  ^m.  VIII,  646^),  mit  der 
wörtlich  übereinstimmt  der  Mythogr.  Vatic.  1,  74^),  einen 
kurzen  Auszug  der  dramatischen  Fabel. 

Aber  die  betreffende  Anmerkung,  welche  die  Virgilverse: 

Xec  non  Tarquinium  ejecüim  Porsenna  jubebat 
Accipere,  ingentique  urbem,  obsidione  premebat 

kommentiert,  setzt  gleich  mit  der  Lucretiageschichte  ein 
und  erwähnt  den  verstellten  Wahnsinn  des  Brutus  über- 
haupt nicht,  kann  demnach  in  keinem  Falle  als  ein  Resume 
des  ganzen  Dramas  betrachtet  werden. 

Ich  vermute  also,  im  Hinblick  auf  die  frappante  Über- 
einstimmung zwischen  den  Träumen  des  Afrasiab,  des 
Faustinus  und  der  ganzen  Traumscene  im  Schahname  und 
der  Ambalessaga  einerseits  und  dem  als  Fragment  erhal- 
tenen Traum  des  Tarquinius  nebst  Traumscene  in  dem 
Brutusdrama  des  Accius  andererseits,  dafs  eben  dieses 
Drama  des  berühmten  römischen  Tragikers  es  ist,  welches 
mit  dem  Bellerophontes  des  Euripides  verschmolzen  wurde, 
und  zwar,   so  möchte   ich  die  zweite  der  oben  aufgewor- 


^)  Servii  commeni.  in  Virg.  Aen.  ed.  Thilo  u.  Hagen  II,  S.  291. 
*)  Script,  rer.  myth.  ed.  Bode  I,  S.  25. 


—     334     — 

fenen  Fragen  beantworten,   verschmolzen  vermutlich 
zu  einem  neuen  Drama. 

Die  Kontamination  zweier  Dramen  hat  nichts  Befremd- 
liches. Bekanntlich  haben  die  alten  römischen  Dramatiker 
sich  dieses  Verfahrens  bei  ihrer  dramatischen  Produktion 
oft  bedient.  Wir  haben  dafür  das  ausdrückliche  Zeugnis 
des  Terenz,  der  im  Prolog  zu  seiner  A^idria  sich  folgender- 
mafsen  äufsert: 

Menander  schrieb  eine  Andria  und  Perinthia: 

Wer  eins  der  Stücke  gründlich  kennt,  kennt  alle  zwei. 

Nach  ihrem  Inhalt  nicht  so  gar  verschieden,  sind 

Sie  doch  im  Ausdruck  und  im  Stil  verschiedener  Art. 

Was  pafste,  trug  der  Dichter  aus  dem  Einen  Stück 

(Er  will  es  frei  bekennen)  in  die  Andria  herüber,  und  benützt 

es  wie  sein  Eigentum. 
Dies  tadeln  jene  Herren  und  behaupten  fest: 
Komödien  so  zu  verschmelzen,  das  gezieme  nicht. 
Da  wandelt  der  Verstand  sich  wohl  zum  Unverstand. 
Denn  wer  ihn  anklagt,  wahrlich,  klagt  den  Naevius, 
Den  Plautus,  Ennius,  unsres  Manns  Vorbilder,  an. 
Die  doch  in  ihrer  Lässigkeit  ihm  höher  steh'n, 
Als  sie  mit  ihrer  dunklen  Vielbeflissenheit  ^). 

Nicht  anders  als  hier  Terenz  nach  seinem  eigenen 
Zeugnis  verfahren  ist,  wird,  denke  ich,  der  Verfasser  jenes 
Dramas,  in  dem  ich  die  Quelle  der  Hamlet-Chosrosage  ver- 
mute, zu  Werke  gegangen  sein:  Was  pafste,  trug  er  aus 
dem  Brutus  in  den  Bellerophontes  —  oder  umgekehrt  — 
herüber  und  verwertete  es. 

Nun  möchte  ich  aber  mit  dem  Verweise  auf  das 
römische  Schauspiel  nicht  gesagt  haben,  dafs  ich  hier  an 
ein  römisches  Drama  denke.  Das  Verfahren  der  Kontami- 
nation von  Dramen  ist  doch  sicher  nicht  von  den  römischen 
Dichtern  erfanden,  sondern  letztere  haben  auch  in  diesem 
Punkte  gewifs  nur  ihre  literarisclien  Lehrmeister,  die 
Griechen,  nachgeahmt.     Der  älteste  römische  Dramatiker, 

^)  J.  J.  C.  Donner,  Die  Lustspiele  des  Publiiis  Terentius,  deutsch 
in  den  Versmafsen  der  Urschrift,  I,  Leipzig  und  Heidelberg  1864. 


—     335     — 

Livius  Andronicus,  —  der  allerdings  von  Terenz  nicht  er- 
wälint  wird  —  war  ja  selbst  ein  aus  Tarent  gebürtiger 
Grieclie.  Dafs  es  sich  nicht  um  ein  durch  Kontamination 
entstandenes  römisches,  sondern  um  ein  griechisches 
Drama  handelt,  das  läfst  mich  vornehmlich  der  Umstand 
vermuten,  dafs  die  so  entstandene  Form  der  Sage  ihren 
Weg  nach  Persien  gefunden  hat,  welches  doch  zu  Griechen- 
land in  viel  näheren  Beziehungen  stand  als  zu  Rom. 
Fragen  wir  nun,  wo  jenes  Schauspiel  entstanden  sein 
könnte,  in  dem  ich  die  gemeinsame  Quelle  der  Hamlet- 
und  der  Chosrosage  vermute,  so  wird  man  doch  wohl  zu- 
nächst an  den  Hauptsitz  der  hellenistischen  Poesie  und 
Gelehrsamkeit,  an  Alexandrien  denken  dürfen,  wo  eine 
rege  dramatische  Produktion  herrschte  und  die  Fortdauer 
dramatischer  Spiele  bis  in  die  römische  Zeit  bezeugt  ist, 
s.  Christ,  Geschichte  der  griech.  Literatur^,  München  1898, 
S.  539  Anm.  3.  Dafs  auch  den  alexandrinischen  Drama- 
tikern das  Verfahren  der  Stoffverschmelzung  nicht  unbe- 
kannt war,  zeigt  z.  B.  die  Tatsache,  dafs  nach  Susemihl, 
Gesch.  der  griech.  Lit  in  der  Alexandriner  zeit,  I,  Leipzig  1891, 
S.  271  der  alexandrinische  Dramatiker  Sositheos  in  seinem 
Daphnis  oder  Lityerses,  einer  Tragödie  „nach  dem  Zu- 
schnitt der  euripideischen  Alkestis"  „die  sikelische  Legende 
von  Daphnis  mit  der  phrygischen  von  dem  Unhold  Lilyerses 
verschmolz".  Nach  Susemihl  sind  wir  „über  keine  poetische 
Gattung  dieser  Zeit  .  .  so  unvollständig  unterrichtet  wie 
über  die  Tragödie."  Das  dürfte  vielleicht  der  Grund  sein,  dafs 
Kontaminationen  in  alexandrinischen  Tragödien,  so  weit  ich 
sehe,  in  ausgedehnterem  Mafse  nicht  nachgewiesen  sind. 

Indessen  betrete  ich  hier  ein  Gebiet,  welches  mir 
nicht  hinreichend  vertraut  ist  und  auf  dem  ich  mich  nur 
mit  der  gröfsten  Reserve  äufsern  darf;  ich  mufs  das  Urteil 
über  die  beregte  Frage  den  Kennern  der  spätgriechischen 
und  hellenistischen  Literaturgeschichte  anheimstellen. 


—     336     — 

Dieses  hypothetische  Drama  nun  mufs  alle  Motive, 
welche  der  Hamletsage  einerseits,  der  Chosrosage  andrer- 
seits mit  der  Bellerophon-  und  der  Brutus(-Tullia)sage  gemein 
sind,  vereinigt  enthalten  haben;  es  sind  das  die  folgenden: 

Ein  Tyrann  tötet  seinen  Bruder  und  läfst  den  Vater 
des  Helden  (und  dessen  Bruder?)  heimlich  aus  dem  Wege 
räumen  (BtS.  1).  Der  Held  stellt  sich,  um  dem  gleichen 
Schicksal  zu  entgehen,  blödsinnig  (BtS.  2),  indem  er  sich  wie 
ein  Hund  gebärdet  (BtS.  3).  Er  wächst  auf  im  Hause  des 
Tyrannen  (BtS.  4)  und  setzt  sich  die  Vaterrache  zur  Aufgabe 
(BtS.  5).  Er  legt  in  Antworten  einen  anderen  Sinn,  als  sie  für 
Unbefangene  zu  haben  scheinen  (BtS.  6).  Der  König  hat  eine 
böse,  Unheil  stiftende  Gemahlin  (BtS,  BS.  7j.  Ein  unglück- 
verkündendes Omen  wird  ihm,  in  dem  eine  Schlange 
(Schlangen)  und  Geier  eine  Eolle  spielen  (BtS.  8).  Er 
trachtet  dem  Jüngling  nach  dem  Leben  (BtS,  BS.  9),  wagt 
aber  nicht,  ihn  selbst  zu  töten  und  schickt  ihn  mit  einem 
Uriasbrief  an  einen  mit  ihm  (dem  König)  verwandten  König 
jenseits  des  Meeres  (BS.  10).  Der  in  dem  Uriasbriefe  ent- 
haltenen Aufforderung,  den  Überbringer  zu  töten,  gibt  der 
König  keine  Folge  (BS.  11).  Der  Held  gelangt  in  den 
Besitz  eines  wunderbaren,  windschnellen  Eosses  —  das 
Rofs  hat  seinem  Vater  gehört  oder  er  erhält  es  von  seinem 
Vater  — ,  mit  Hülfe  dessen  er  seine  folgenden  Taten  voll- 
bringt (BS.  12).  Er  tötet  einen  das  Land  verwüstenden 
Eber  (BS.  13)  und  übernimmt  im  Dienste  des  Königs  mehrere 
Feldzüge,  die  er  siegreich  beendet  (BS.  14).  Auch  aus  einem 
Hinterhalt,  den  ihm  zehn  oder  zwanzig  von  den  Leuten 
des  Königs  im  eigenen  Lande  legen,  geht  er  als  Sieger 
hervor  (BS.  15).  Der  König  wird  von  Bewunderung  für  ihn 
erfüllt  und  gibt  ihm  seine  Tochter  zur  Frau  (BS.  16).  Der 
Held  kehrt  in  seine  Heimat  zurück  (BS.  17),  führt  Krieg 
gegen  den  Usurpator,  besiegt  ihn,  stöfst  ihn  vom  Throne  und 
übernimmt  selbst  die  Regierung  (BtS.  18).    Nun  bemächtigt 


—     337     - 

sich  seiner  tiefe  Melancholie  und  Lebensüberdrufs  (BS.  19). 
Bald  darauf  stirbt  er  (BtS,  BS.  20).  Aufserdem  kam  folgendes 
Motiv  vor:  Kine  verheiratete  Frau  bietet  dem  Helden  ihre 
Liebe  an,  wird  aber  von  ihm  abgewiesen  (BS.  21);  sie  verklagt 
ihn  deshalb  bei  ihrem  Gatten  wegen  versuchter  Gewalttat; 
der  Held  reinigt  sich  durch  Vollbringuug  einer  schweren  Auf- 
gabe von  der  Anklage  (BS.  22);  die  Frau  nimmt  sich  in  Ver- 
zweiflung das  Leben,  ein  mit  ihr  nah  verwandter  junger  Mann 
will  sie  rächen,  er  berät  sich  mit  einem  dem  Helden  feind- 
lichen Könige  über  die  Mittel  und  Wege  und  verübt  einen 
Mordanschlag  auf  den  ersteren,  findet  aber  bei  dem  Anschlag 
seinen  Tod  (BS.  23).  Endlich  könnte  möglicherweise  auch 
der  Zug  in  dem  Stücke  vorhanden  gewesen  sein,  dafs  der 
Held  dem  delphischen  Orakel,  um  es  sich  günstig  zu  stimmen, 
einen  mit  Gold  gefüllten  Stab  darbringt  (BtS.  24). 

Diese  Motive  finden  wir  in  den  verschiedenen  nordischen 
Fassungen  der  Hamletsage  sämtlich  wieder,  ausgenommen 
No.  22;  8  und  21  erscheinen  in  etwas  modifizierter  Form^ 
indem  dort  der  Inhalt  des  Omens  abweicht,  hier  an  Stelle 
der  Frau  ein  Mädchen  erscheint.  Dagegen  finden  wir  in 
der  persischen  Sage,  die  allein  durch  das  Schahname  reprä- 
sentiert wird,  nur  die  Motive  1  (mit  dem  Unterschiede,  dafs 
die  Tötung  nicht  heimlich  geschieht),  2,  3  (3  in  modifizierter 
Fassung),  5,  6,  7  (7  auf  Sijawusch  übertragen),  8,  9,  12,  17, 
18, 19,  20,  21,  22  (21  und  22  auf  Sijawusch  übertragen);  hier 
sind  also  die  übrigen  Züge  eliminiert  worden. 

In  dem  durch  Verschmelzung  des  Bellerophontes  und 
des  Brutus  entstandenen  neuen  Drama  nahm  der  Held  also, 
wie  im  Brutus,  die  Maske  des  Blödsinns  vor,  um  der  Ver- 
folgung zu  entgehen.  Ich  glaube  nun,  wir  dürfen  es  wagen, 
auf  Grund  der  verschiedenen  Fassungen  der  Hamletsage  sogar 
eine  Vermutung  zu  äufsern  über  die  Form  des  Wahnsinns, 
den  der  Dichter  ihn  annehmen  liefs.  Bei  den  klassischen 
Autoren    geschieht    mehrfach    einer    besonderen    Art    des 

Zenker,  Boeve-Amlethas.  22 


—     338     — 

melancholischen  Irreseins  Erwähnung,  für  die  sich 
die  Bezeichnungen  „Hundsmenschkrankheit"  oder  „AVolfs- 
menschkrankheit",  xvvdvdQomoc;  oder  kvyjivijoomoq  voooq, 
auch  lvxav&QO)ma,  xvvav^gajma  oder  Xvxdow,  xvoxv  finden 
und  aus  der  zum  Teil  hervorgegangen  ist  der  Werwolfs- 
glaubo,  d.  h.  der  Glaube  an  die  zeitweilige  Verwandlung 
dämonischer  Menschen  in  Wölfe  und  umgekehrt.  Über  diese 
Krankheit  hat  sich  neuerdings  mit  grofser  Gelehrsamkeit 
verbreitet  W.  H.  Röscher,  Das  von  der  „Kynanthrojne^' 
handelnde  Fragment  des  MarceUus  von  Side,  Ahhandl.  d. 
K.  Sachs.  Ges.  d.  Wiss.,  phil.-hist.  C].,  B.  XVII ,  vgl.  dazu 
die  Besprechung  von  E.  Rohde,  Kleine  Schriften  II,  216. 
Aus  der  erhaltenen  Beschreibung  der  Krankheit  durch  den 
unter  den  Antoninen  lebenden  Arzt  Marcellus  von  Side, 
dem  die  übrigen  von  der  Lykanthropie  handelnden  antiken 
Autoren  gefolgt  sind  und  auf  den  sie  sich  berufen,  ergibt 
sich,  „dafs  die  von  dieser  Art  des  Wahnsinns  Befallenen 
sich  völlig  wie  Wölfe  oder  Hunde  zu  benehmen  pflegten, 
d.  h.  des  Nachts  in  der  Nähe  der  Gräber  (ßÄrrj/AaraJ  umher- 
streiften, in  dieselben  einzudringen  suchten,  wohl  auch,  wie 
Hunde,  Wölfe  und  die  diesen  Tieren  so  nahe  stehenden 
und  deshalb  auch  häufig  mit  ihnen  verwechselten  Schakale, 
ein  fürchterliches  Geheul  erschallen  liefsen  und  gleich  ihnen 
sich  mit  Leichen  zu  schaffen  machten.  Ein  solches  wahn- 
sinniges Benehmen  beruhte  zweifellos  auf  der  schrecklichen 
Vorstellung  der  Kranken,  dafs  sie  zu  Hunden  oder  Wölfen 
geworden  seien:  eine  eigentümliche  Art  des  Irrsinns,  für 
deren  wirkliches  Vorkommen  sich  gar  mancherlei  Zeugnisse 
aus  alter  und  neuer  Zeit  beibringen  lassen."  Off'enbar  eben 
diese  Krankheit  hat  im  Auge  Vincentius  von  Beauvais 
(f  1264)  in  seinem  Speculum  Sapientiae  15,  59,  wenn  er 
sagt:  Est  et  quaedam  melancholiae  species,  quam  quipatitur 
galli  canisve  similitudinem  habere  sihi  videtur,  unde  iit 
gallus  clamat,  vel  ut  canis  latrat.     Nocte  ad  monu- 


—     339     — 

menta  egreditur  ibique  usque  ad  diem  moratur,  talis 
nunquam  sanatur,  haec  passio  a  parentihus  haereditatur. 
Röscher  meint,  Vincenz  —  der  durchaus  nur  Kompilator 
ist  —  habe  hier  vielleicht  aus  der  gleichen  Quelle  ge- 
schöpft wie  der  arabische  Arzt  Ali,  Sohn  des  Abbas,  „der 
in  dem  Kapitel  über  Melancholie  diejenige  Art  derselben 
beschreibt,  wobei  die  Menschen  den  Hähnen  oder  Hunden 
nachahmen,  und  sich  beständig  an  einsamen  Orten  auflialten." 
Ich  frage  nun:  Ist  es  wohl  ein  Zufall,  dass  gerade 
die  drei  von  Vincenz  von  Beauvais  und  ziemlich  überein- 
stimmend von  Ali  angegebenen  Symptome  der  Krankheit: 
das  Nachahmen  von  Hunden  und  von  Hähnen  und  das 
nächtliche  Verweilen  bei  Gräbern  (an  einsamen  Orten)  sich 
bei  Hamlet  in  der  Sage  vereinigt  finden?  Dafs  letztere 
den  Hamlet  sich  als  Hund  gebärden  läfst,  dafs  er  sich 
als  Hund  fühlt  und  als  solcher  bezeichnet  wird,  habe  ich 
S.  149  if.  nachgewiesen  —  wobei  ich  bemerke,  dafs  ich,  als 
ich  jene  Seiten  schrieb,  nicht  etwa  schon  auf  die  Kynan- 
thropie  als  die  mögliche  Form  seines  Wahnsinns  aufmerk- 
sam geworden  war.  Hamlet  als  Hahn  finden  wir  bei 
Saxo  Grammaticus,  nämlich  in  jener  Scene,  wo  seine 
Unterredung  mit  der  Mutter  belauscht  werden  soll:  Hamlet 
hat  Verdacht  geschöpft:  „Aus  Besorgnis  . . ,  dafs  er  von 
irgend  welchen  verborgenen  Augen  gehört  werden  könnte, 
nahm  er  zuerst  zur  Ausübung  seiner  gewöhnlichen  Torheiten 
seine  Zuflucht;  er  erhob  seine  Stimme  wie  ein  krähen- 
der Hahn  und  focht  mit  den  Armen  hin  und  her, 
als  ob  er  mit  den  Flügeln  schlage.  Dann  sprang  er 
auf  das  Stroh  und  begann  fortwährend  auf  und  abzu- 
springen, um  zu  erproben,  ob  darunter  irgend  etwas  ver- 
borgen wäre.  Als  er  die  Masse  unter  seinen  Füfsen  spürte, 
stach  er  mit  dem  Schwerte  an  die  Stelle,  durchbohrte  den 
darunter  liegenden,  holte  ihn  aus  seinem  Versteck  hervor 
und    tötete    ihn   vollends."     In   düsterer   Melancholie 

22* 


—     340     — 

bei  den  Gräbern,  auf  einem  Kirchhof  weilend  finden 
wir  endlich  Hamlet  —  im  5.  Akt  bei  Shakespeare.  Einsam, 
auch  bei  Nacht,  in  den  Wäldern,  im  Gebirge,  in  der  Ein- 
öde sich  herumtreibend  zeigt  ihn  uns  mehrfach  die  Am- 
balessage,  s.  oben  S.  131 — 33.  Nachdem  auf  den  voraus- 
gehenden Blättern  schwerwiegende  Gründe,  denke  ich, 
dafür  beigebracht  sind,  dafs  Kyd,  Shakespeares  Vorlage, 
nicht,  wie  man  noch  immer  annimmt,  aus  Saxo-Belleforest 
geschöpft  hat,  sondern  einer  älteren,  bis  jetzt  unbekannten 
Quelle  gefolgt  ist,  liegt  offenbar  die  Möglichkeit  vor,  dafs 
auch  die  Kirchhofsscene  in  irgend  einer  Fassung  schon  in 
der  gemeinsamen  Quelle  der  Versionen  vorhanden  war,  und 
dafs  die  Quelle  die  drei  in  Rede  stehenden,  in  verschiede- 
nen Versionen  überlieferten  Symptome  vereinigt  enthielt, 
dafs  sie  Hamlet  sich  als  xvvdv^gcoTiog  gebaren  liefs. 
Wie  Eoscher  ausführt,  stand  nach  griechischem  Volks- 
glauben der  Hund  in  nahen  Beziehungen  zu  den  Dämonen 
des  Totenreichs.  „Ganz  besonders  aber  galten  die  grofsen 
schwarzen  Hunde  mit  ihren  feurigen  d.  h.  bei  Nacht  un- 
heimlich leuchtenden  Augen  als  furchtbare,  zu  den  Dämonen 
des  Totenreiches  und  der  Unterwelt  in  nahen  Beziehungen 
stehende  Wesen,  deren  blofses  Erscheinen  schon  schweres 
Unheil  verkündete."  Hekate  wurde  als  hundsköpfig  ange- 
rufen. Die  Erinj^en  und  Keren,  die  „im  Grunde  weiter 
nichts  sind  als  die  zu  höheren  Potenzen  gewordenen  bös- 
artigen Seelen  unglücklich  oder  voll  Groll  Gestorbener," 
dachte  man  sich  ursprünglich  in  Hundegestalt. 

Ich  frage:  Pafst  die  Maske  des  Kwdvd'QcoTTog  nicht 
vortreiflich  für  Hamlet,  der  als  Eächer  seines  ermordeten 
Vaters  die  Spur  des  Mörders  verfolgt?  Daran,  dafs  schon 
die  Melancholie  des  Bellerophontes  bei  Euripides  als  xw- 
av^Qcojiia  zu  fassen  sei,  ist  natürlich  nicht  zu  denken,  da 
uns  das  sonst  gewifs  ausdrücklich  bezeugt  wäre;  dagegen 
wäre  es  wohl  möglich,  dafs  schon  Brutus,  den  die  Antwort 


I 


—    341     — 

des  delphischen  Orakels  bei  Zouaras  als  „Hund"  bezeichnet, 
in  dem  Drama  des  Accius  Kynanthropie  simulierte.  Jeden- 
falls aber  lag  es  für  den  Bearbeiter  der  beiden  Sagen,  der 
dort  die  menschenscheue,  tiefe  Melancholie  des  Helden,  hier 
das  Motiv  des  Hundes  vorfand,  überaus  nahe,  beides  zu 
dem  bekannten  Krankheitsbilde  der  K3^nanthropie  zu  ver- 
einigen. 

Also:  ich  möchte  es  der  Erwägung  anheimgeben,  ob 
nicht  der  verstellte  Wahnsinn  Hamlets  ursprünglich  Ky- 
nanthropie gewesen  ist. 

Die  Annahme,  dafs  es  das  verlorene  Brutusdrama  des 
Accius  ist,  auf  welches  die  in  der  Hamletsage  vorhandenen 
Elemente  der  BtS.  zurückgehen,  gibt  uns  nun  auch  die 
Möglichkeit,  die  S.  85 ff.  aufgezeigte  merkwürdige  Über- 
einstimmung, welche  zwischen  der  an  das  Volk  gerichteten 
Kede  Hamlets  bei  Saxo  und  der  Rede  des  Brutus  bei 
Dionys  v.  Halik.  IV,  77  besteht  und  deren  Ursache  wir 
damals  nicht  mit  Sicherheit  zu  bestimmen  vermochten,  in 
völlig  befriedigender  Weise  zu  erklären.  Es  ist  nämlich 
neuerdings  sehr  wahrscheinlich  gemacht  worden,  dafs  die 
poetisch  gefärbten  Erzählungen  der  römischen  Historiker 
aus  der  ältesten  Geschichte  Roms  einfach  den  Inhalt  natio- 
naler historischer  lateinischer  Dramen  wiedergeben,  s. 
darüber  die  interessante  Arbeit  von  Reich,  Über  d.  Quellen 
d.  öltest  röm.  Gesch.  u.  die  röm.  Nationaltrag.,  Festschrift  f. 
OsJcar  Schade,  Königsberg  i.  Pr.  1896,  S.  399  ff".  Reich  weist 
darauf  hin,  dafs  zu  Rom  in  der  Zeit  des  zweiten  punischen 
Krieges  die  Tragödie  in  der  höchsten  Blüte  stand.  Die 
„Poesie  in  der  römischen  Vorgeschichte"  stammt  nach  ihm 
nicht  aus  einem  römischen  Nationalepos,  das  nie  existiert 
hat,  „wohl  aber  aus  der  römischen  Nationaltragödie, 
welche  die  Schöpferin  und  Vollenderin  aller  dieser  schönen 
Sagen  gewesen  ist.  Und  wir  müssen  die  glückliche  Naivi- 
tät der  ersten  römischen  Historiker  preisen,  die  alles,  was 


—     342     — 

sie  über  die  altrömischen  Zeiten  in  den  historischen  Na- 
tionaltragödien fanden,  in  ihre  Werke  einflochten,  da  sie 
sonst  hierüber  spärliche  oder  überhaupt  keine  Quellen 
hatten.  Denn  ihnen  verdanken  wir  es,  dafs  wir  uns  jetzt 
aus  historischen  Quellen  genauer  über  Gestalt  und  Inhalt 
jener  verschollenen  Dramen  belehren  können." 

Reich  macht  dann  wahrscheinlich,  dafs  die  Sage  von  der 
Kindheitsgeschichte  des  Romulus  und  Remus,  wie  sie  Dionys 
y.  Halikarnass  und  Plutarch  erzählen,  weiter  nichts  ist  „als 
die  ganz  oberflächlich  ihres  dramatischen  Gewandes  ent- 
kleidete ,ÄlimoniaBemi  etRomuW  desNaevius",  eine  römische 
Nationaltragödie,  aus  der  vermutlich  Diokles  schöpfte,  der 
Gewährsmann  des  Fabius  Pictor,  auf  den  sich  Plutarch 
beruft. 

Ich  vermute  nun,  dafs  alles,  was  Dionys  von  Brutus 
erzählt,  in  analoger  Weise  zurückgeht  auf  den  Brutus  des 
Accius,  wie  denn  Ribbek,  Die  röm.  Trag.  S.  586  die  Dar- 
stellung des  Livius  ebenfalls  wenigstens  teilweise  aus 
diesem  Drama  geschöpft  sein  läfst.  Ist  dem  so,  dann  dürfen 
wir  jene  Rede  des  Brutus  bei  Dionys  als  eine  Entlehnung 
aus  Accius  betrachten,  bei  dem  eine  solche  Rede  vorhanden 
war,  s.  oben  S.  332,  und  die  Übereinstimmung  mit  der 
Rede  Hamlets  bei  Saxo  erklärt  sich  sehr  einfach  durch 
die  Annahme,  es  sei  eben  diese  Rede  aus  dem  Brutus- 
drama in  das  durch  Kontamination  des  letztern  mit  dem 
Bellerophontes  des  Euripides  entstandene  neue  Stück,  die 
hypothetische  Quelle  der  Hamlet-Chosrosage,  ziemlich  un- 
verändert herüber  genommen  worden.  Es  mufs  dann  frei- 
lich für  Saxo  teilweise  eine  schriftliche  Quelle  angenommen 
werden,  welche  durch  ebensolche  schriftliche  Zwischen- 
stufen auf  jenes  Stück  zurückging;  aber  eine  solche  An- 
nahme scheint  mir  auch  durchaus  unbedenklich. 

Ich  frage  weiter:  Unter  welchem  Namen  trat  der 
Held  in   dem  fraglichen  neuen  Drama  auf?    Als  Bellero- 


—     343     — 

phon  schwerlich,  da  dessen  Schicksale  hier  ja  stark  ab- 
jreändert  sind.  Wenn  es,  wie  ich  annehme,  ein  griechisches 
Drama  war,  so  liegt  der  Gedanke  nahe,  man  habe  vielleicht 
den  Namen  Brutus  ins  Griechische  übersetzt.  Nun  ist  die 
genaue  Wiedergabe  des  lateinischen  hrutus  im  Griechischen 
nußXik  oder  d/ußXvoeig,  „blöde,  stumpfsinnig".  Ich  frage: 
Sollte  etwa  HfißXvg  der  Name  des  Helden  gewesen  sein? 
Diese  Namensform  steht  offenbar  sehr  nahe  der  in  der 
Ambalessage  vorliegenden,  neben  Amloäi  gebräuchlichen 
Form  Amhales,  für  die  eine  befriedigende  Eiklärung  noch 
nicht  gegeben  ist;  denn  die  S.  190  mitgeteilte  Deutung 
Olriks  ist,  wie  dort  gezeigt  wurde,  wenig  einleuchtend. 
Die  Accentverschiebung  in  Amblys  bietet  keine  Schwierig- 
keit und  durch  Svarabhakti  konnte  der  Name  leicht  zu 
Amhalys  werden,  von  wo  dann  nur  noch  ein  Schritt  war 
zu  Ambales.  Damit  würde  dann  freilich  die  von  mir 
S.  191  vorgeschlagene  Ableitung  von  Amlaihh  fallen,  aber 
ein  Zusammenhang  mit  dem  Namen  könnte  trotzdem  bestehen, 
indem  es  denkbar  wäre,  dafs  der  Name  Amlaihh  die  Um- 
bildung von  Amblys  zu  Ambales  begünstigt  hätte.  Jeden- 
falls steht  Amblys  dem  Ambales  wesentlich  näher  als  Amloäi 
und  Amlethus.^)  Immerhin  möchte  ich  auch  diese  Ver- 
mutung nur  mit  aller  Vorsicht  geänfsert  haben,  sie  zur 
Erwägung  stellen. 

Und  nun  die  wichtigste  Frage:  Von  welcher  Art 
könnte  das  Drama  gewesen  sein,  welches  als  Kontamination 
des  Bellerophontes  und  des  Brutus  die  Quelle  der  gesamten 
Sagenentwicklung  wurde?    Die  Antwort  scheint  mir  kaum 

^)  H.  Stephanus,  Theaaur.  lingime  graecae  verzeichnet  auch  ein 
afißXv€oxix6g  ^  hebetans,  H.  Menge,  Oriech.  -  deutsches  Schulwörterbuch, 
Berlin  1903,  ein  d/ißXv<orro),  kurzsichtig  oder  blödsichtig  sein,  Formen, 
die  wiederum  der  anderen  Namensform  Amloäi  merkwürdig  ähnlich 
sehen.  Für  die  Etymologie  von  dfißÄvc:  vergleicht  Menge  s.  v.  diia/Mg, 
-ZU  skr.  mlayati,  er  welkt;  oder  zu  fiaXa,  mi/lffx  Onit  a.  privat.)?" 


—     344     — 

zweifelhaft:  es  wird  ein  griechisches  Volksdrama,  ein 
Mimus,  gewesen  sein.  Über  diese  wichtige  Gattung  des 
antiken  Dramas  hat  neuerdings  ausführlich  gehandelt  der 
oben  schon  genannte  Hermann  Reicli  in  seinem  interessanten, 
weite  Ausblicke  eröffnenden  Werke:  Der  Mimus,  ein  litterar- 
entwicMungsgeschichtlicher  Versuch,  Berlin  1903.  Ich  ver- 
weise hier  besonders  auf  Kap.  VI:  Die  Enkvicklung  der 
mimischen  Hypothese  vor  und  nach  Philistion. 

Der  Mimus  ist  hervorgegangen  aus  dem  dramatischen- 
mimischen  Tanz.  Er  begegnet  schon  im  Anfang  des  achten 
Jahrhunderts  in  den  siziiisch- italischen  Kolonien  der  Do- 
tier, in  Syrakus,  Megara,  Tarent.  Vom  vierten  Jahrhundert 
an  wird  der  Begriff  des  Mimus  herrschend  für  die  primi- 
tiven, mimischen  Dramen,  die  bis  dahin  in  den  einzelnen 
Städten  verschiedene  Namen  hatten.  Sein  Lebensnerv  ist 
„die  burleske  Ethologie  und  Biologie,  die  Schöpfung  und 
Darstellung  realistisch-humoristischer  Typen  und  Figuren, 
vermittels  deren  ein  reales  Bild  des  Lebens  sich  gestalten 
läfst"  (S.  504).  In  Sizilien  wurde  der  Mimus  schon  am 
Anfang  des  fünften  Jahrhunderts,  in  Italien  am  Ende  des 
vierten  zu  einem  gröfseren  Drama.  Seine  ältesten  berufs- 
mäfsigen  Darsteller  sind  aus  den  griechischen  Jongleuren 
hervorgegangen;  es  bildeten  sich  wandernde  Mimengesell- 
schaften, die  sich  besonderer  Beliebtheit  am  Hofe  König 
Philipps  und  dann  Alexanders  erfreuten,  mit  dem  sie  nach 
Kleinasien  zogen.  „Dort  stiefsen  diese  Darsteller  des 
dorischen  Mimus  auf  die  jonischen  Mimen,  die  sich  in- 
zwischen unabhängig  von  ihnen  entwickelt  hatten,  und 
aus  diesem  welthistorischen  Zusammenstofs  entstand  erst 
das  grofse  mimische  Drama,  die  mimische  Hypothese  am 
Anfang  des  dritten  Jahrhunderts  v.  Chr."  Während  der 
dorische  Mimus  ursprünglich  prosaisch  war,  mischte  die 
mimische  Hypothese  Prosa  und  Verse  (Jamben  und  Can- 
tica).      In    Alexandria    und    Antiochia    wurden    auf   den 


-     345     — 

Theatern  Mimen  agiert,  hier  spielte  man  sie  nach  dem 
Zeugnis  des  Johannes  Chrysostomus  noch  in  den  Jahr- 
hunderten nach  Christus.  Ihren  Höhepunkt  erreichte  die 
Gattung  durch  Philistion  im  ersten  Jahrh.  n.  Chr.,  der 
seine  Hypothesen  vollständig  ausarbeitete  und  sie  so  zu 
einer  vornehmen  Litteraturgattung  erhob.  Seine  Stücke 
wurden  noch  in  den  späteren  Jahrhunderten  gelesen  und 
auch  aufgeführt.  Durch  ihn  wird  der  vorchristliche  Mimus 
verknüpft  „mit  dem  spätesten  byzantinischen  Mimus,  der 
bis  zur  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  n.  Chr.  blühte."  In  Rom 
wurde  das  Florafest  vornehmlich  durch  Mimen  gefeiert 
und  zwar  spielte  man  dort  sowohl  griechische  als  lateinische 
Mimen.  „Philistion  gab  griechische  Mimen  in  Rom,  sie 
wurden  auch  später  unaufhörlich  dort  aufgeführt.  So  er- 
hielt sich  die  griechische  Mimenbühne  in  Rom,  und  noch 
zu  Theodorichs  Zeit  kamen  die  griechischen  Mimen  aus 
Byzanz  dorthin"  (S.  561). 

Die  mimische  Hypothese  „ist  in  ihrer  Vollendung  ein 
grofses  Drama,  das  an  Umfang,  an  Zahl  der  Akte  und 
der  Scenen  das  alte  klassische  Drama  zum  mindesten  er- 
reicht." Ihre  Darsteller  sind  sehr  zahlreich,  von  den 
meisten  Fesseln,  die  das  klassische  Drama  einengten,  ist 
sie  frei.  Es  existiert  nur  eine  Einheit  der  Handlung, 
die  aber  im  Grunde  mehr  nur  eine  Einheit  des  Interesses 
ist.  Der  Ort  wechselt  beständig.  Der  christologischc  Mimus 
von  Genesius  z.  B.  „spielt  erst  auf  der  Strafse,  dann  in 
der  Wohnung,  wo  der  Täufling  krank  im  Bette  liegt,  dann 
in  der  Kirche,  dann  vor  Gericht,  und  endlich  sollte  Ge- 
nesius auch  noch  zum  Hochgerichte  geführt  werden."  Die 
Darstellung  wechselt  zwischen  dem  Niedrigen  und  Er- 
habenen: „Es  treten  alle  menschlichen  Typen  auf  vom 
Rüpel  bis  zum  Kaiser,  ja  bis  zum  Gotte."  Eine  Haupt- 
figur ist  der  Narr,  ^ucogög,  der  mimus  calvus,  der  in  be- 
sonderer   Tracht,    mit   spitzer   Mütze,  dem    apex,  agiert. 


—     34G     — 

Neben  den  burlesken  Mimen  gab  es  nach  dem  Zeugnis 
des  Choricius  solche,  in  denen  der  Ernst  von  Anfang  bis 
zu  Ende  vorwog.  Mord  und  Totschlag  waren  im  Mimus 
nicht  selten.  „Vor  allem  geschahen  im  Mimus  nicht  selten 
schwere  und  unheimliche  Verbrechen.  Meineid  und  Mein- 
eidsprozesse scheinen  nicht  selten  gewesen  zu  sein  und 
besonders  war  Giftmischerei  im  Schwünge.  So  sah  Plutarch 
im  Theater  des  Marcellus  bei  einer  Vorstellung,  der  auch 
der  greise  Kaiser  Vespasianus  beiwohnte,  ein  grofses  mimi- 
sches Schauspiel  mit  zahlreichen  Darstellern  und  einer 
sehr  verwickelten  Handlung.  Die  Intrigue  in  diesem  Mimus 
hing  wesentlich  mit  einem  Grifte  zusammen,  das  eigentlich 
ein  eigentümliches  Schlafmittel  war;  wer  es  einnahm, 
wurde  von  Totenstarre  befallen,  um  dann  nach  einiger  Zeit 
wieder  aufzuleben  .  .  ."  Die  Kriminal geschichte,  welche 
Apulejus  im  Anfang  des  10.  Buches  seiner  Metamorphosen 
mitteilt,  stellt  nach  Eeich  S.  589,  Anm.  2,  das  Sujet  eines 
Giftmischermimus  dar.  Auch  Gespenster  scheinen  im  Mimus 
aufgetreten  zu  sein. 

„So  ist  denn  im  Mimus  in  der  wunderbarsten  Weise 
Niedriges  mit  Hohem,  Ernstes,  ja  Grausiges  mit  Burleskem 
und  Humoristischem,  das  platt  Eeale  mit  höchst  Phanta- 
stischem und  Zauberhaftem  verquickt."  Reich  verweist  hier 
auf  die  gleichen  Mischungen  in  den  Shakespeareschen 
Dramen,  die  er  überhaupt  öfter  heranzieht,  wie  er  denn  in 
ihnen  direkt  einen  Jüngern  Ausläufer  des  antiken  Mimus  er- 
blickt. „Der  Mimus  ist  in  seiner  höchsten  Vollendung  am  Be- 
ginn der  christlichen  Aera  das  grofse  moderne  Drama  der 
Antike,  das  Drama  des  griechisch-römischen  Weltreichs,  das 
mit  seiner  Biologie  dem  damaligen  Leben  in  der  grofsen 
griechisch-römischen  Kultur  weit  gerecht  wurde"   (S.  615). 

Ich  begnüge  mich,  diese  wenigen  Hauptpunkte  aus 
der  Fülle  der  Reichschen  Darstellung  und  der  von  ihm 
zusammengetragenen  Tatsachen  herauszugreifen.    Ich  bitte 


—     347     — 

mm  diejeiiigeu,  welche  mir  bis  liierher  gefolgt  sind,  sich  den 
oben  S.  128  analysierten  Inhalt  der  Ambalessage  ver- 
gegenwärtigen, noch  besser  aber,  die  Ambalessage  in  der 
Gollanczschen  Übersetzung  vollständig  lesen  zu  wollen 
und  sich  zugleich  der  Darstellung  Saxos,  der  Shakespeares 
und  des  oben  über  den  Inhalt  des  postulierten  Dramas 
Bemerkten  zu  erinnern. 

Ich  frage:  Stimmt  nicht  der  Inhalt  der  Hamletsage, 
wie  sie  uns  hier  entgegentritt,  vortretflich  zu  dem  Bilde 
der  grofsen  mimischen  Hypothese,  welches  Reich  entwirft? 
Da  haben  wir  als  Hauptfigur  den  Narren,  die  Gestalt  des 
sich  blödsinnig  gebärdenden,  hündisches  Wesen  zur  Schau 
tragenden,  mit  nackten  Beinen  tanzenden,  krähenden,  dann 
wieder  als  Affe  umher  springenden  Hamlet,  wir  haben  die 
ganze  cynisch -burleske  Scene  des  Trinkgelages  in  der 
Königshalle,  wir  haben,  in  der  Stheneboia- Episode,  das 
im  Mimus  besonders  beliebte  Ehebruchsmotiv,  wir  haben 
das  Nebeneinander  burlesker  und  düsterer,  tragischer  Scenen, 
den  Giftmord  —  falls  die  Ermordung  von  Hamlets  Vater 
durch  Gift  ursprünglich  ist,  was  wohl  sein  könnte,  da 
auch  in  der  Brutussage  des  Brutus  Vater  von  Tarquinius 
heimlich  aus  dem  Wege  geräumt  wird  (Dionys  v.  Hali- 
karnass)  —  sowie  den  auf  Hamlet  mit  Gift  unternommenen 
Mordanschlag  —  alles  in  allem  eine  buntbewegte  Hand- 
lung, zugleich  possenhaft  und  grausig,  für  ein  Volksdrama 
der  Kaiserzeit  von  der  Art  des  Mimus  wie  geschaffen. 

Und  so  meine  ich  denn,  es  ist  hinreichender  Grund  vor- 
handen zu  der  Annahme,  dafs  das  Resultat  der  vermuteten 
Verschmelzung  des  Bellerophontes  und  des  Brutus  eben  ein 
in  römischer  Zeit  entstandener  griechischer  Mimus  war, 
vielleicht  der  Mimus  von  Hjußkvg,  dem  xwdvx'^Qmnog. 

Was  nun  die  weitere  Entwicklung  betrifft,  so  denke 
ich  mir,  dafs,  ähnlich  wie  Apulejus  im  10.  Buch  den  Inhalt 
eines  Mimus  wiedergibt,  aus  dem  in  Rede  stehenden  Drama 


—     348     — 

entweder  eine  griechische  Prosaerzählung,  ein  Roman,  oder 
ein  griechisches  episches  Gedicht  im  Stile  der  Alexandriner^) 
geflossen  ist,  welches  über  Byzanz  oder  vielleicht  direkt 
von  Byzanz  aus   einerseits  nach  Persien  drang  und   dort 
in  verkürzter,  teilweise  modifizierter,  durch  historische  Er- 
eignisse   beeinflufster    Gestalt    ins    Schahname    eingefügt 
wurde,  andrerseits,  gleichfalls  über  Byzanz,   durch  Nord- 
leute   nach   den  britischen  Inseln  gelangte   und  dort  die 
Grundlage  der  Hamletsage  wurde.    Die  Annahme  griech- 
ischen Ursprungs  einer  Episode  des  Schahname  wird  nicht 
befremden.     Vermutet   doch   auch  E.  Eohde,   Der  griech. 
Roman  S.  31,  Anm.  4,  für  die  Sudabeepisode,  in  der  ich 
einen  Reflex  der  Stheneboia-Bellerophonsage  sehe,  griech- 
ische   Herkunft,    nämlich    Ursprung    aus    der    Sage    von 
Phaedra  und  Hippolytos:  „Es  wäre  vielleicht  zu  überlegen, 
ob   nicht,    mit   so   manchen   griechischen   Überlieferungen 
nach  Osten  wandernd,   diese  (auch  in  Griechenland  in  so 
vielen    parallelen    Erzählungen    imitierte)    Sage   von    der 
Liebe   der   Phaedra    dort   im   Osten   den    Anlafs    zu   den 
mannigfachen  Erzählungen  von  der  Liebe  der  Stiefmutter 
zum  Stiefsohne,   der  Verklagung  des   Tugendhaften   beim 
Vater  usw.  gegeben  haben  möchte.     Vgl.  z.  B.    die    Ge- 
schichte  von   Sijawusch   und    Sendabeh   [sie]   in   Firdusis 
Königsbuche . .  . ."    Die  engen  Beziehungen  zwischen  Byzanz 
und  Persien  liegen  so  klar  zu  Tage,  dafs  eine  besondere 
Rechtfertigung  der  Annahme  der  Wanderung  einer  griech- 
ischen  Sage    nach   Persien   überflüssig   sein    dürfte.     Die 
Litteratur  über   die    Beziehungen    zwischen   Byzanz    und 
dem  Orient  überhaupt  verzeichnet  Krumbacher,  Geschichte 
d.by2!antin.  Litteratur  ^,  S.  1097  fl^.     Ich  will  nur  auf  die 
eine  Tatsache   hinweisen,  dafs   unter   Kaiser   Theophilos 


^)  S.  über  das  Epos  der  Alexandriner  Susemihl,  Gesch.  d.  griech. 
Litt.  d.  Alexandrinerxeit  I,  375  ff. 


—     349     ~ 

(829—42)  im  griechiscben  Heer  persische  Hilfstruppen  in 
der  Anzahl  von  nicht  weniger  als  30000  Mann  dienten, 
die  dann  in  den  verschiedenen  Gebieten  des  Reiches  an- 
gesiedelt wurden  und  mit  den  einheimischen  Untertanen 
in  Ehegemeinschaft  traten,  s.  A.  Eambaud,  L'empire  gree 
au  dixieme  stiele,  Paris  1870,  S.  215;  dieses  vortreffliche 
Werk  enthält  überhaupt  reiches  Material  über  die  Bezie- 
hungen zwischen  Byzanz  und  dem  Orient. 

Was   dann    die    Annahme   der  Wanderung   der   Sage 
nach  dem  skandinavischen,  bezw.  skandinavisch -britischen 
Norden  betrifft,  so  sind  ja  auch   die  schon  in  sehr  früher 
Zeit  angeknüpften  Beziehungen  der  Nordleute  zu  Byzanz 
hinreichend   bekannt.     Skandinavische   Söldnertruppen   im 
byzantinischen  Heere  begegnen  schon   unter  Michael  IIL 
(842  —  67).      Über    die    Unternehmungen    der    westlichen 
Normannen  gegen  Byzanz  vgl.  Steenstrup,   Normannernej 
2  B.,   Kopenhagen    1876 — 78;    über    die    der    russischen 
Varäger  Rambaud,  a.  a.  0.  S.  364.   Vor  allem  aber  bestanden 
zwischen  Skandinavien  und  Byzanz  schon  in   sehr  früher 
Zeit  rege  Handelsbeziehungen,   für  die  ich  verweise  auf 
Wilken,  Das  Verhältnis  der  Russen  zum  hyzant  Reich  im 
9. — 11.  Jh.,  Äbhandl.  d.  Berlin.  Äkad.,  phil.-hist.  Cl.   1829, 
S.  75  ff;  K.  Weinhold,  Altnord.  Lehen,  Berlin  1856,  S.  98  ff; 
W.  Kiesselbach,  Der  Gang  des  Welthandels  und  die  Entwick- 
lung des  europäischen  Völkerlehens,  Stuttgart  1860;  W.  Heyd, 
Geschichte  des  Levantehandels  im  Mittelalter  I,    Stuttgart 
1879,  und  Noel,  Histoire  du  commerce  du  monde,  Paris  1891. 
Schon  die  ältesten  Verträge  zwischen  Byzantinern  und 
Russen,  d.  i.  Skandinaviern,  aus  den  Jahren  911  und  944 
konstatieren,  dafs  viele  Kaufleute  aus  Rufsland  in  Handels- 
verkehr mit  den  Griechen  standen  und  sich  längere  Zeit 
in  Konstantinopel  aufzuhalten  pflegten.     Die  Russen  be- 
wohnten   hier    eine    ganze  Vorstadt,   Saint -Mames.     Der 
Handel  ging  den  Dniepr  hinauf  über  Kiew  und  Nowgorod 


—     350     — 

au  die  Ostsee,  er  berührte  den  Bereich  der  späteren  Hansa 
bei  den  alten  Ostseestädten  Vineta,  Julin,  Wisby  und  zog 
seine  Kreise  bis  nach  Grofsbritannien.  Der  Verkehr  war 
ein  so  enger,  dafs  bei  Adam  von  Bremen  und  verschiedenen 
arabischen  Geographen  die  Vorstellung  begegnet,  die 
Ostsee  flösse  mit  dem  schwarzen  Meere  zusammen; 
Adam  bemerkt:  „Das  Ostmeer,  welches  das  Baltische  ge- 
nannt wird,  erstreckt  sich  weit  gedehnt  durch  die  Gegenden 
Scythiens  bis  nach  Griechenland"  (Kiesselbach  S.  53).  An 
der  ganzen  schwedischen  Ostküste,  dann  besonders  auf 
Bornholm,  auf  Gothland,  auch  in  Jütland  und  Schleswig, 
weiter  in  Grofsbritannien,  hat  man  in  Masse  arabische 
Münzen  ausgegraben,  von  denen  die  ältesten  Ende  des  7., 
die  jüngsten  x4nfang  des  11.  Jhs.,  die  meisten  aber  ICnde 
des  9.  und  Mitte  des  10.  Jhs.  geprägt  sind  (Heyd,  S.  67,  97); 
sie  sind  natürlich  auf  dem  Wege  über  Byzanz  dahin  gelangt. 
Dieser  rege  Handelsverkehr,  sodann  die  mit  dem  Ende  des 
8.  Jhs.  beginnenden  Züge  der  Skandinavier  nach  Grofs- 
britannien und  Irland  lassen  die  Annahme  der  Wanderung 
eines  byzantinischen  Litteraturdenkmales  über  Skandinavien 
nach  den  britischen  Inseln,  deucht  mich,  als  ganz  unbe- 
denklich erscheinen.  Unkenntnis  der  griechischen  Sprache 
auf  Seiten  der  Skandinavier  kann  nicht  dagegen  angeführt 
werden,  denn  diese  Kaufleute  waren  des  Griechischen  voll- 
kommen mächtig,  dergestalt,  dafs  sie  wohl  diplomatischen 
Personen  als  Dolmetscher  beigesellt  Avurden,  s.  Hüllmann, 
Gesch.  des  hyzant.  Handels  bis  zum  Ende  der  Kreuzzüge, 
Frankfurt  a.  Oder  1808,  S.  118. 

Immerhin  möchte  ich  hier  nur  auf  eine  Möglichkeit 
aufmerksam  gemacht  haben,  wie  die  griechische  Sage  nach 
Britannien,  der  Heimat  der  Hamletsage,  gelangt  sein  könnte. 
Vielleicht  ist  die  Übertragung  in  Wirklichkeit  auf  ganz 
anderem  Wege  erfolgt.  Eine  Vermutung  über  den  Weg, 
den 'die  Erzählung  genommen  hat  und  den  zu  bestimmen 


—     851     — 

uns,  so  weit  ich  sehe,  die  bekaimten  Versionen  der  Sage 
keinen  Anhalt  bieten,  möchte  ich  schon  aus  dem  Grunde 
nicht  aufstellen,  weil  ich  es  für  sehr  wahrscheinlich  halte, 
dai's.  sobald  man  erst  sein  Augenmerk  nicht  mehr,  wie 
bisher,  ausschliefslich  auf  Saxo  richtet,  sondern  auch  die 
von  mir  als  von  Saxo  unabhängig  erwiesenen  Fassungen 
der  Sage  mit  heranzieht,  man  noch  weitere,  bisher  un- 
beaclitet  gebliebene  Versionen  der  Hamletsage  entdecken 
wird,  die  leicht  über  den  Weg,  den  die  Sage  von  Griechen- 
land nach  Britannien  genommen  hat,  Fingerzeige  geben 
und  eine  bezüglich  dieser  Frage  aufgestellte  Vermutung 
wie  ein  Kartenhaus  über  den  Haufen  werfen  könnten. 
Aufserdem  bin  ich  auch  diesem  Probleme  gegenüber  nicht 
kompetent,  es  fällt  wesentlich  in  das  Gebiet  der  alt- 
nordischen Litteratur-  und  Kulturgeschichte. 

Es  ist  nun  noch  ein  Punkt  zu  erörtern.  S.  155  ff. 
wurde  der  Nachweis  geliefert,  dafs  in  der  gemeinsamen 
Quelle  Saxos  und  der  Ambalessage  mit  der  Hamletsage 
Teile  der  Heraklessage  verschmolzen  waren,  und  zwar 
wurde  bei  Saxo  speziell  eine  nahe  Übereinstimmung  mit 
den  Trachinierinnen  des  Sophokles  aufgezeigt,  eine  Überein- 
stimmung in  einer  Episode  —  Doppelheirat  des  Helden  ^)  — , 
welche,  freilich  in  abweichender  Fassung,  auch  der  BvH 
aufweist,  und  die  deshalb  auch  in  der  gemeinsamen  Vorlage 
Saxos  und  des  BvH  schon  existiert  haben  mufs.  Es  heischen 
hier  die  Fragen  Beantwortung: 

1.  Sind  wirklich  die  Trachinierinnen  benutzt? 

2.  Woher  stammen  die  übrigen  in   der  Ambalessage 

')  Die  Untersuchung  von  A.  Bayot,  Le  Roman  de  Oillion  de 
Traxegnies,  Löwen  u.  Paris  1903,  welche  das  Motiv  des  „Mannes  mit 
den  zwei  Frauen"  behandelt,  das  ich  bei  Saxo  und  im  BvH  auf 
die  Heraklessage  zurückführe,  konnte  ich  nicht  mehr  benutzen.  So- 
weit ich  sehe,  ändern  die  von  B.  gegebenen  Nachweise  an  meinen 
Aufstellungen  nichts  Wesentliches. 


—     352     — 

und  —  vielleicht  —  bei  Saxo  (Prachtschild)  vorhandenen 
Motive  der  Heraklessage? 

3.  Wo  ist  letztere  Sage  mit  der  Hamletsage  kombiniert 
worden  ? 

Ich  habe  an  der  genannten  Stelle  die  Meinung  geäufsert, 
dafs  an  eine  Benutzung  des  Sophokleischen  Dramas  nicht 
gedacht  werden  könne,  und  vielmehr  vermutungsweise  auf 
die  OixaUag  äXcooig  des  Kreophylos  als  Quelle  der  Doppel- 
heiratepisode bei  Saxo  verwiesen.  Woher  die  in  der 
Ambalessage  zu  erkennenden  Züge  der  Heraklessage 
stammten,  darüber  wagte  ich  micli  damals  noch  nicht  zu 
äufsern. 

Nun  lag  aber,  als  ich  jene  Zeilen  schrieb  und  dem 
Druck  übergab,  die  Bellerophonsage  als  Quelle  der  Hamlet- 
sage noch  völlig  aufserhalb  meines  Gesichtskreises.  Die 
Erkenntnis,  dafs  die  Hamletsage  entstanden  ist  durch  eine 
Verschmelzung  des  Bellerophontes  mit  der  Brutussage, 
vermutlich  mit  dem  Brutus  des  Accius,  ist  offenbar  geeignet, 
das  Problem  vollständig  zu  verschieben.  Denn  wenn  die 
Sage  griechischen  Ursprungs  ist,  dann  liegt  ein  hinreichender 
Grund,  die  direkte  Benutzung  jenes  Sophokleischen  Dramas 
abzulehnen,  nicht  mehr  vor,  und  es  bleibt  zu  erwägen,  ob 
der  Verknüpfer  jener  beiden  Sagen  nicht  als  dritten  Faktor 
auch  die  Heraklessage  herangezogen  habe  und  die  ihr 
entlehnten  Züge  also  von  allem  Anfang  in  der  Hamlet- 
sage vorhanden  waren.  Ich  glaube  nun  aber,  man  wird 
diese  Frage  doch  wohl  verneinen  dürfen,  einmal,  weil  die 
in  der  Ambalessage  vorliegenden  Motive  der  Heraklessage, 
wenigstens  zum  Teil,  so  die  Geburtsgeschichte,  die  Hirten- 
episode, auch  in  einem  Mimus  kaum  hätten  Platz  finden 
können,  sodann,  weil  in  der  persischen  Chosrosage,  soweit 
ich  sehe,  eine  Einwirkung  der  Heraklessage  nicht  hervor- 
tritt. Denn  dafs  Kei  Chosro  wie  Herakles  bei  den  Hirten 
im  Gebirge  aufwächst  und  dafs  wir  bei  dieser  Gelegenheit 


353 


hören,  er  sei  auch  auf  die  Löwenjagd  gegangen,  genügt 
doch  noch  nicht,  um  daraufhin  Einwirkung  der  griechischen 
Sage  anzunehmen.  Aus  eben  diesem  Grunde  wäre  dann 
auch  in  der  prosaischen  oder  epischen  Erzählung,  von  der 
ich  annehme,  sie  sei  aus  jenem  mimischen  Drama  geflossen 
und  die  gemeinsame  Wurzel  der  persischen  und  der  nordischen 
8age  geworden,  die  Heraklessage  noch  nicht  einbezogen  ge- 
wesen. Dagegen  möchte  ich  vermuten,  dafs  sie  in  einer 
vielleicht  eben  in  Byzanz  entstandenen  Überarbeitung  jener 
Erzählung  von  einem  in  der  Mythologie  bewanderten  Mann, 
den  die  teils  dem  Bellerophon,  teils  dem  Brutus  nachgebildete 
Gestalt  des  Helden  an  Herakles  erinnerte  —  beide  haben 
Züge  mit  Herakles  gemein,  s.  wegen  Brutus  S.  178  —  zur 
Ausschmückung  des  Stolfes  herbeigezogen  wurde.  Er  mochte 
aus  dem  Gedächtnis  verwerten,  was  ihm  von  der  Sage  er- 
innerlich war,  darunter  auch  die  Episode  von  des  Herakles 
Doppelheirat,  sei  es  auf  Grund  des  Sophokl eischen  Stückes, 
das  er  kannte,  sei  es  auf  Grund  eines  Epos,  etwa  der  OlyaUag 
äXcooig,   welches  mit  jenem  Stücke  nahe  übereinstimmte.^) 

Ich  bin  mir  vollkommen  bewufst,  dafs  alles  das,  was 
auf  den  vorangehenden  Blättern  ausgeführt  wurde  über  die 
mutmafsliche  Form,  in  der  der  Bellerophontes  des  Euripides 


^)  Ich  möchte  hier  erinnern  an  die  gewaltige  Ausdehnung,  die 
der  Herkuleskult  im  römischen  Reich  angenommen  hatte;  galt  doch 
Herkules  als  patronns  des  römischen  A^olkes,  s.  darüber  R.  Peter,  Kulttis 
des  H.  in  Rom,  Roschers  Lexikon  I,  2,  Sp.  2901  ff.  Nach  Dionys  v.  Hai. 
I.  40  hätte  es  in  Italien  kaum  einen  Ort  gegeben,  wo  dieser  Gott 
nicht  verehrt  wurde.  Die  Ära  maxirna  auf  dem  forum  boariiim  war 
der  Überlieferung  zufolge  zur  ICrinnerung  an  den  Kampf  mit  Kakos 
errichtet,  den  wir  seiner  Zeit  in  dem  Kampf  Amlodis  mit  dem  Höhlen- 
bewohner Caron  wiederzufinden  glaubten.  Der  Sieg  des  Herkules  über 
Kakos  galt  „gleichsam  als  Typus  und  Vorbild  der  römischen  Siege"; 
Livius  I,  7,  4  stellt  ihn  an  den  Anfang  der  römischen  Geschichte.  —  Man 
könnte  auch  daran  denken,  dafs  die  Heraklessage  erst  im  Norden,  in  Irland, 
auf  die Haraletsage  aufgepfropft  worden  sei.  In  der  irischen Cuchulinn- 
Zenker,  Boeve-Amlethus.  23 


—     354     — 

zusammengeschmolzen  wurde  mit  der  Brutussage,  was  ge- 
sagt wurde  über  die  Prosa  oder  Verserzählung,  die  aus 
dem  angenommenen  Mimus  geflossen  sein  könnte  und  über 
die  Bearbeitung  dieser  Erzählung,  welche  die  Herakles- 
sage einführte,  reine  Hypothesen  sind.  Indes  ich  lege  auch 
auf  diese  Hypothesen  keinerlei  Gewicht.  Wesentlich  ist 
mir  einzig  und  allein  die  Tatsache,  dafs  die  Hamletsage 
entstand  durch  eine  Verknüpfung  der  Bellerophonsage  mit 
der  Brutussage;  in  welcher  Form  diese  Verknüpfung  erfolgt 
sei  und  wie  erstere  sich  weiter  entwickelt  habe,  bevor  sie 
nach  Britannien  übergeführt  wurde,  das  ist  eine  Frage, 
deren  Entscheidung  ich  gerne  denen  anheimstelle,  die  in 
der  griechischen,  römischen  und  byzantinischen  Litteratur- 
geschichte  besser  zu  Hause  sind  als  ich.  Wenn  ich  mich 
zu  dieser  Frage  überhaupt  geäufsert  habe,  so  ist  es  nur 
geschehen,  Aveil  ich  glaubte,  die  Pflicht  zu  haben,  auch 
die  Möglichkeit  einer  solchen  Verschmelzung  und  der 
Entstehung  eines  Denkmals,  das  die  Sage  sowohl  nach 
Persien  als  nach  dem  Norden  zu  verpflanzen  vermochte, 
darzutun.  Ich  werde  alle  meine  Vermutungen  gerne  zurück- 
nehmen, wenn  andere  plausiblere  an  ihre  Stelle  zu  setzen 
vermögen. 

Damit  bin  ich  am  Ende  meiner  Untersuchung  angelangt. 
Ich  werde  nun  im  folgenden,  letzten  Kapitel  die  gewonnenen 
Ergebnisse  in  Kürze  zusammenfassen  und  im  Anschlufs 
hieran  darlegen,  wie  sich  meines  Erachtens  die  Weiter- 
bildung der  Sage  im  Norden  vollzogen  haben  könnte.  i^ 

sage,  deren  wichtigster  Text  im  7.  Jahrhundert  entstand  und  auf- ^^ 
gezeichnet  wurde,  tritt  Herkules  als  Ercoil  auf,  und  Zimmer,  Zeitschr. 
f.  deutsch.  Altert.  32,  332  meint,  dafs  hier  Kenntnis  klassischer  Mythen 
nicht  bestritten  werden  könne,  es  liege  vor  „Beeinflussung  urverwandter 
irischer  Sage  durch  jene  Stoffe  des  klassischen  Altertums".  Einem 
gelehrten  irischen  Bearbeiter  der  Hamletsage  könnte  wohl  eine  Inhalts- 
analyse der  Sophokleischen  Tragödie  zugänglich  gewesen  sein. 


—     355     — 

Ergebnisse;  Entwicklung  der  Sage  im  Norden. 


Die  Hauptresultate,  zu  denen  wir  in  den  voraus- 
gehenden Kapiteln  gelangten,  sind  die  folgenden: 

Die  anglonormannische  Chanson  de  geste  von  Boeve 
de  Hamtone,  die  in  der  ersten  Hälfte  des  13.  Jhs., 
vermutlich  im  Süden  Englands,  verfafst  wurde,  stellt  in 
ihrem  Kerne  eine  Version  der  Hamletsage  dar,  wie  denn 
schon  H.  Suchier  als  Grundlage  des  Gedichts  eine  Wikinger- 
sage des  10.  Jhs.  vermutet  hat;  die  Chanson  ist  in  letzter 
Linie  aus  der  gleichen  Quelle  mit  der  Hamletsage  des 
dänischen  Historikers  Saxo  Grammaticus  geflossen,  die 
man  bisher  für  die  —  mittelbare  —  Quelle  des  Shake- 
speareschen  Hamlet  gehalten  hat.  Die  Hamletsage  ist  den 
von  Axel  Olrik  gegebenen  Nachweisen  zufolge  Saxo 
aus  England  zugeführt  worden,  und  zwar  besteht  einige 
Wahrscheinlichkeit,  dafs  sie  ihm  übermittelt  wurde  durch 
einen  Engländer  Lukas,  der  bezeichnet  wird  als  ein 
Schreiber  des  Christoforus  und  von  dem  es  heifst,  er  sei 
ein  vorzüglicher  Geschichtenkenner  gewesen.  Die  Haupt- 
motive der  Hamletsage  weisen  nach  den  britischen  Inseln 
als  ihrer  Heimat,  eines  derselben,  die  Geschichte  „von  den 
wiederaufgerichteten  Erschlagenen,  die  den  Sieg  entscheiden" 
speziell  nach  Irland,  indem  hier  ein  geschichtliches  Ereignis 
zu  Grunde  liegt,  das  sich  unmittelbar  anschlofs  an  die  die 
Wikingerherrschaft  in  Irland  schwer  erschütternde  Schlacht 
von  Clontarf  bei  Dublin  im  Jahre  1014.  Der  terminus  ad 
quem  für  das  Vorhandensein  der  gemeinsamen  Quelle  der 
Hamletsage  Saxos  und  des  BvH  ist,  wie  es  scheint,  der 
Anfang  oder  die  Mitte  des  11.  Jhs.,  insofern  der  deutsche 
Kaiser  Doon  im  BvH  identifiziert  werden  darf  mit  Otto 
dem  Grofsen  (936 — 73)  und  der  englische  König  Edgar 
mit  dem  angelsächsischen  Könige  dieses  Namens  (959 — 75). 

23* 


—     356     — 

Der  vonDetter  unternommene  Nachweis,  dafs  die  Hamlet- 
sage eine  Umbildung  der  römischen  Brutussage  darstellt, 
mit  der  die  Geschichte  von  Tarquinius'  zweiter  Gemahlin 
Tullia  verbunden  wurde,  darf  als  gelungen  betrachtet  werden. 
An  Urverwandtschaft  dieser  Sagen  ist  nicht  zu  glauben/) 

Mit  der  Hamletsage  in  ihrem  Ursprung  identisch  ist 
auch  die  Haveloksage,  die  uns  in  zwei  französischen 
Fassungen  und  einer  —  von  den  beiden  ersteren  unab- 
hängigen —  englischen  erhalten  ist.  Einige  der  wesent- 
lichsten Momente  der  Haveloksage  stammen  aus  der  Sage 
von  Servius  Tullius.  Der  Held  der  Sage,  Havelok  Cuheran, 
ist,  wie  Köster  u.  a.  dargetan  haben,  identisch  mit  dem 
bekannten  Wikingerkönig  Olaf  oder  Anlaf  irisch  Ämlaibh, 
wälsch  Äbloyc,  der  den  Beinamen  Guar  an  d.  i.  „Sandale" 
führte,  ein  Sohn  jenes  Sihtric  Gale,  der  eine  Zeit  lang 
König  von  Dublin  war  und  925  als  König  von  Nordhum- 
brien  starb.  Er  ist  durch  die  Sage  teilweise  mit  Olat 
Tryggvason,  König  von  Norwegen  (995 — 1000),  verwechselt 
worden.  Die  Haveloksage  scheint  entstanden  durch  eine 
Verknüpfung  der  Servius -Tulliussage  mit  der  Brutus- 
Tulliasage  und  Übertragung  dieser  Mischsage  auf  den 
historischen  Olaf  Cuaran.  Die  Hamletsage  weist  mehrere 
Züge  auf,  die  der  Haveloksage  fehlen,  aber  lebhaft  er- 
innern an  Züge  der  Geschichte  des  Wikingerkönigs  Olaf 
Cuaran;  sie  ist  in  Wahrheit  nichts  anderes  als  die  an 
einen  anderen  Namen,  an  den  Namen  Amhlaide-Amlodi, 
geheftete  Olafsage. 

Die  altnordische  Grundform  des  Namens  Ämleth,  wie 
Saxo   hat,   ist  Amloäi,   die   irische   Form   Amhlaiäe.     Ein 


^)  Die  Bemerkungen  auf  S.  90  unten  und  S.  91  bedürfen  der 
Modifikation.  Sie  beruhen  auf  der  Voraussetzung,  dafs  die  Kei-Chosro- 
sage  die  Quelle  der  Hamletsage  war,  und  wurden  gedruckt,  bevor  ich 
den  Zusammenhang  der  Hamletsage  mit  der  Bellerophonsage  erkannte. 


—     357     — 

Amhlaide  ist  historisch  nachweisbar  zum  Jahre  919.  Er 
wird  in  einem  in  alten  irischen  Annalen  überlieferten  Lied- 
fragment genannt  als  derjenige  Wikinger,  der  im  genannten 
Jahre  (am  15.  Sept.)  in  der  grofsen  Schlacht  von  Ath- 
Cliath  in  der  Nähe  von  Dublin  den  irischen  König  Niall 
Ghmdubh  erschlug.  In  dieser  Schlacht  errangen  die  Dänen 
unter  Sihtric  Gale,  dem  Vater  Olaf  Cuarans,  einen  glän- 
zenden Sieg  über  die  Iren  unter  Niall.  Das  Liedfragment 
rührt  her  von  der  Witwe  Nialls,  der  Königin  Gormflaith. 
Es  darf  vermutet  werden,  dafs  dieser  Amlodi- Amhlaide 
das  historische  Prototyp  des  Amleth  der  Sage  ist,  indem 
infolge  Verwechslung  der  Namen  Amhlaide  und  Aynlaibh 
die  Amlaibh-Olafsage  auf  ihn  übertragen  wurde.  Zu  dieser 
Annahme  stimmt,  dafs  das  älteste  Zeugnis  für  die  Existenz 
einer  Hamletsage,  die  Anspielung  auf  „Amlodis  Mühle" 
(s.  Saxo)  bei  dem  Skalden  Snaebjörn,  aus  dem  10.  oder 
11.  Jh.  stammt. 

Eine  Version  der  Hamletsage  stellt  auch  dar,  wie 
Detter  nachgewiesen  hat,  die  altnordische  Hrolfssaga 
Kraka,  wo  an  Stelle  des  einen  Helden  zwei,  die  Brüder 
Helgi  und  Hroar,  Söhne  des  Königs  Halfdan  auftreten.  Diese 
Sage  stimmt  in  einigen  Punkten,  die  bei  Saxo  keine  Ent- 
sprechung haben,  zum  Boeve  v.  Hamtone.  Die  Harald- 
Haldansage  bei  Saxo  im  VII.  B.  ist  mit  der  Hrolfssaga 
eng  verwandt. 

Ebenso  haben  wir  eine  selbständige  und  zwar  sehr 
ausführliche  Version  der  Hamletsage  vor  uns  in  der  is- 
ländischen, in  Handschriften  des  17.  Jhs.  überlieferten  Am- 
balessaga,  von  der  man  bisher  annahm,  sie  sei  aus  Saxo 
geflossen;  die  Unabhängigkeit  der  Ambalessaga  von  Saxo 
wurde  schon  von  Detter  erkannt,  doch  nicht  im  einzelnen 
nachgewiesen.  Diese  Sage  enthält  Züge  von  hoher  Alter- 
tümlichkeit und  ist  für  die  ganze  Geschichte  der  Hamlet- 


—     358     — 

sage  von  gröfster  Bedeutung.  Es  läfst  sich  nachweisen, 
dafs  in  ihr  eine  Keihe  Motive  enthalten  sind,  welche  aus 
der  antiken  Heraklessage  stammen;  eine  Episode  der  letz- 
teren, die  Deianira-Jolesage,  ist  auch  die  teilweise  Grund- 
lage des  zweiten  Abschnitts  der  Saxoschen  Haraletsage 
gewesen. 

Unentschieden  mufs  es  bleiben,  ob  das  im  Jahre  1707 
aufgezeichnete  Brjammärchen  auf  der  Ambalessage  be- 
ruht oder  eine  von  ihr  unabhängige  Fassung  der  Hamlet- 
sage darstellt. 

Das  „Goldstabmotiv"  der  Saxoschen  Hamletsage  (das 
Wergeid  für  die  beiden  hingerichteten  Überbringer  des 
Uriasbriefes  in  zwei  hohle  Stöcke  gegossen)  beruht  auf 
dem  Goldstabmotiv  der  römischen  Brutussage  (Brutus  bringt 
dem  delphischen  Orakel  einen  mit  Gold  gefüllten  Stab 
dar).  Die  Fassung,  in  der  das  Motiv  bei  Saxo  erscheint, 
beruht  vielleicht  auf  einer  Kreuzung  der  Hamletsage  mit 
der  litterarischen  Brutussage,  indem  ein  vor-Saxoscher 
Überarbeiter    der    Sage    den    Livius    benutzte    und    die 

Stelle:  [Brutus]  aureum  haculum tulisse  donum 

Apollmi  dicituTj  per  amhages  effigiem  ingeyiii  sui  in  selt- 
samer Weise  mifsverstand.  Aus  dem  Mifsverständnis  der 
gleichen  Stelle  ist  vielleicht  das  Motiv  der  Ambalessage  zu 
erklären,  dafs  Ambales  hier  für  den  mohammedanischen 
Gott  gehalten  wird  und  dem  König  ein  Scepter  zum  Ge- 
schenk macht. 

Gleichfalls  als  ein  Reflex  vom  Goldstabe  des  Brutus 
darf  vielleicht  betrachtet  werden  jener  Goldring,  mit  dem 
in  der  Hrolfssaga  die  vom  Könige  befragte  Zauberin  be- 
stochen wird,  indem  es  nahe  liegt,  letztere  mit  der  delphi- 
schen Pythia  zu  identifizieren. 

Eine  besondere  Version  der  Hamletsage  stellt,  wie 
zuerst  Jiriczek  vermutet  hat,   ferner  dar   die   Erzählung 


I 


—    359     — 

von  dem  Iranschah  Kei  Chosro  in  Firdosis  persischem 
Nationalepos  Schahname  (Königsbiich);  diese  Sage  zeigt 
zum  Teil  sehr  spezielle  Übereinstimmungen  mit  den  ver- 
schiedenen nordischen  Versionen  der  Hamletsage  und  mit 
der  Brutussage.  Besonders  bietet  auch  die  Schilderung 
der  Katastrophe  bei  Firdosi,  Eroberung  von  Behischti 
Gang  durch  Chosro,  Flucht  und  Tod  des  Afrasiab,  über- 
raschende Analogien  zur  Schlufskatastrophe  in  der  Hamlet- 
sage. Ziemlich  alle  Hauptelemente  der  nordischen  Sage 
finden  sich  hier  bei  Firdosi  vereinigt.  Alles  weist  darauf 
hin,  dafs  jene  zurückgeht  auf  eine  Vorstufe  der  Firdosi- 
schen  Chosrosage,  die  aber  nicht  identisch  gewesen  sein 
kann  mit  der  Brutussage. 

Das  Hamletdrama  Shakespeares  enthält  eine  An- 
zahl sehr  merkwürdiger  Übereinstimmungen  einerseits  mit 
der  persischen  Chosrosage,  andererseits  mit  den  nicht-Saxo- 
schen  Versionen  der  Hamletsage  in  Motiven,  die  bei  Saxo 
fehlen,  Übereinstimmungen,  welche  geeignet  sind,  die 
stärksten  Zweifel  zu  erwecken  an  der  Richtigkeit  der  herr- 
schenden Anschauung,  dafs  das  von  Shakespeare  benutzte 
Hamletdrama  des  Dramatikers  Kyd  auf  einer  französischen 
Übersetzung  Saxos  beruhe. 

Sowohl  die  nordische  Hamlet-  als  die  Chosrosage 
zeigt  eine  Reihe  sehr  spezieller,  zum  Teil  geradezu 
zentraler  Analogien  mit  der  berühmten  griechischen,  ur- 
sprünglich wohl  lykischen  Bell  er  ophonsage,  —  die  auch 
die  Quelle  des  weitverbreiteten  Goldenermärchens  ist 
—  vornehmlich  mit  der  Form  der  Bell ero phonsage,  welche 
vorliegt  in  des  Euripides  nur  fragmentarisch  erhaltenem 
Bellerophontes.  Vor  allem  ist  in  letzterem  Drama  der 
Charakter  des  Shakespeareschen  Hamlet  und  der  des  Kei 
Chosro  in  der  vollkommensten  Weise  vorgebildet.  Die 
Übereinstimmungen  zwischen  dem  Bellerophontes  und  dem 


—     360     — 

Drama  Shakespeares  scheinen  geeignet,  die  oben  geäufserte 
Vermutung  über  die  letzterem  zu  Grunde  liegende  indirekte 
Quelle  nahezu  zur  Gewifsheit  zu  erheben/) 

Die  Hauptmotive  der  Hamlet-Chosrosage,  die  der  Belle- 
rophonsage  fehlen,  sind  solche  der  römischen  Brutussage. 


')  Erst  während  dieser  Bogen  im  Druck  ist,  geht  mir  die  Abhand- 
lung von  Antonio  Amanta  zu:  //  Mito  di  Bellerofonfe  nella  letteratura 
classica,  Acireale  1903.  Der  Verfasser  glaubt,  es  habe  eine  epische 
Dichtung  über  Bellerophon,  eine  Bellerophonteis ,  gegeben,  aus  der 
Homer  und  Pindar  ihre  Angaben  schöpften.  Er  sucht  femer  nach- 
zuweisen, dafs  von  der  Sage  zwei  verschiedene  Fassungen  existierten. 
Der  Inhalt  der  l)eiden  Fassungen  sei  dieser  gewesen  (S.  57 ff.  und  155 f.): 

1.  Bellerophon  hat  das  Königreich  Ephyra  (=Korinth)  geerbt, 
aber  sein  Vetter  Proitos  —  der  sich  vielleicht  Bellerophons  Jugend  zu 
Nutze  macht  —  vertreibt  ihn  aus  dem  Lande.  B.  erhält  von  der 
Gottheit  das  Flügelrofs  und  begibt  sich  zum  König  Jobates  von  Lykien. 
der  dem,  welcher  die  Chimaira  töten  werde,  Versprechungen  gemacht 
hat.  Er  erlegt  das  ungeheuer,  erhält  die  Tochter  des  Königs  zur 
Frau,  dazu  die  Hälfte  des  Reiches  als  Mitgift  und  bleibt  nun  in  Lykien 
wohnen.  Als  Ares  und  Artemis  zwei  seiner  Kinder  töten,  stöfst  er 
Verwünschungen  gegen  die  Götter  aus,  ja  leugnet  deren  Existenz. 
Dadurch  zieht  er  sich  den  Zorn  der  Götter  zu,  die  ihn  verurteilen, 
einsam  im  aleischen  Gefilde  umherirren  zu  müssen,  „seine  Seele  ver- 
zehrend und  die  Spuren  der  Menschen  meidend." 

2.  Bellerophon  flüchtet  wegen  eines  Todschlages  nach  Tirynth 
zum  König  Proitos,  der  mit  Stheneboia  vermählt  ist.  Es  folgt  die  be- 
kannte Stheneboiaepisode.  Proitos  schickt  ihn  mit  dem  Uriasbriefe 
an  seinen  Schwiegervater  Jobates  nach  Lykien.  Dieser  unternimmt 
gegen  B.  eine  Reihe  Anschläge,  welche  alle  mifslingen.  B.  kehrt  nach 
Tirynth  zurück,  führt  Stheneboia  auf  dem  Pegasos  in  die  Luft  empor 
und  stürzt  sie  ins  Meer. 

Von  da  an  stimmten  beide  Versionen  überein.  Beide  schlössen 
damit,  dafs  B.  auf  dem  Pegasos  den  Himmel  auskundschaften  will, 
aber  zu  Fall  kommt  und  an  den  Folgen-  des  Sturzes  stirbt. 

Der  Pegasos  wäre  nach  Amante  nicht  von  Anfang  an  in  der 
Sage  vorhanden  gewesen,  sondern  erst  nachträglich  mit  Bellerophon 
verknüpft  worden. 

Ich  darf  mir  über  die  Richtigkeit  dieser  Aufstellungen  kein 
Urteil  erlauben,   möchte  aber  nicht  unterlassen,  darauf  hinzuweisen. 


—    361     — 

Folglich  mufs  die  Hamlet-Chosrosage  ent- 
sprungen sein  aus  einer  Verschmelzung  der  Belle- 
rophonsage,  wie  sie  in  dem  Drama  des  Euripides 

daXs  die  von  Amante  konstruierte  Fassung  1  dem  oben  S.  298 ff.  be- 
sprochenen Goldener mftrchen  überaus  nahe  steht,  so  dafs  man  wohl 
daran  denken  könnte,  gerade  sie  als  die  Quelle  des  Märchens  zu  be- 
trachten. 

Was  den  Bellerophontes  des  Euripides  anlangt,  so  bemüht  sich 
A.,  zu  zeigen,  dafs  der  Aufstieg  mit  dem  Pegasos  und  der  Sturz 
Bellerophons,  der  seinen  Tod  unmittelbar  zur  Folge  hatte,  den  Schlufs 
des  Dramas  gebildet  habe.  Aber  gegen  diese  Autfassung  streiten  ganz 
entschieden  einmal,  wie  schon  oben  S.  297  bemerkt,  die  ausdrückliche 
Angabe  des  Epigramms  von  Kj'zikos,  und  dann  die  bekannte  Stelle 
im  Frieden  der  Aristophanes ,  wo  V.  426  das  Töchterchen  des  Try- 
gaios  ihrem  zum  Olymp  emporreitenden  Vater  zuruft,  er  möge  sich 
hüten,  dafs  er  nicht  herabfalle  und  dann  als  lahmer  Mann  dem  Euri- 
pides Stoff'  zu  einer  Tragödie  gebe: 

'Exelva  rijgsi,  (xi]  afpoXslg  xaraQQvfjg 
evtev{^sv,  slxa  ^oXög  u>v  Evguiidij 
Xoyov  jragdoxfjg  ^"■'^  rgayMÖia  ysvi). 

Denn  liier  ist  doch  klar  ausgesprochen,  dafs  der  Held  der  Tra- 
gödie der  lahme  Bellerophon  war,  lahm  aber  wurde  er  erst  durch 
den  Sturz  vom  Pegasos.  Folglich  ist  letzterer  an  den  Anfang  des 
Dramas  zu  setzen.  (Vielleicht  darf  man  vermuten,  Bellerophon  habe 
sich  beim  Sturze  vom  Pegasos  eine  offene  Wunde  zugezogen,  der  er 
dann  am  Schlufs  des  Dramas  erlag.) 

Die  Hypothese  Weckleins,  das  Attentat  des  Megapenthes  habe 
in  einem  Vergiftungsanschlag  bestanden,  lehnt  Amante  ab,  viel- 
leicht mit  Recjit  (S.  140).  Dagegen  nimmt  auch  er  an,  dafs  im  Prolog 
der  Selbstmord  der  Stheneboia  berichtet  wurde,  und  zwar  stellt  er 
unter  Verwertung  einer  Stelle  bei  Hygin,  Astron.  2,  18  die  Ansicht 
auf,  der  Grund  ihres  Selbstmordes  sei  ausschliefslich  der  Weggang 
des  Bellerophon  nach  Lykien  gewesen. 

Im  Hinblick  auf  die  oben  S.  321  geäufserte  Vermutung,  es  sei 
in  Stheneboia  das  Urbild  von  Shakespeares  Ophelia  zu  erblicken,  dürfte 
die  Charakteristik  von  Interesse  sein,  die  Amante  von  Stheneboia  gibt, 
wie  sie  seiner  Autfassung  nach  im  Bellerophontes  des  Euripides  erschien. 

Er  sagt:  Kssa  [sc.  Stenebea]  non  e  piü  la  donna  cattiva  che  per- 
siste  nelV  amore  colposo  per  l'eroe,  l'insidia,  ima  prima  ed  una  seconda 
volta  c  pofja  poi  il  fio  dfl/p  proprie  co/pe,  r,  invece,  un  anima  di  dmma 


—     362     — 

vorliegt,  mit  der  Brutussage;  man  darf  vermuten, 
dafs  die  Verschmelzung  erfolgte  in  der  Weise,  dafs  der 
Bellerophontes  des  Euripides  kontaminiert  wurde  mit  dem 

innamorata  che  s'uccide,  quando  ha  vedulo  svanire  le  proprie  speranxe, 
quando,  insomma,  st  persuade  che  non  poträ  mai  ottener,  da  Bellero- 
fonte,  quanto  desidera.  Cosi,  menire  Vuna  aspetta  die  Veroe  ritorni, 
spudoratmnente  Vinganna  ancora,  Valtra  preferisce  il  sacrißxio  proprio 
e  s'ticcide,  forse  appena  che  Veroe  e  partito  per  la  Licia.  Cosi  che  la 
Stenehea,  della  tragedia  omonima,  ci  ispira  un  senso  di  ripulsione,  di 
sdegno,  mentre  quella  del  Bellerofonte  eccita,  neW  animo  nostro,  iin 
senso  misterioso  di  simpatia  psichica  (S.  159). 

Aus  dem  Kapitel:  II  Mito  nella  Comedia  sei  zu  S.  298  nachge- 
tragen, dafs  auch  Eunikos,  Dichter  der  alten  Komödie,  und  Antiphanes 
(oder  Alexis),  Dichter  der  mittleren  Komödie,  die  Beilerophonsage  be- 
handelt hatten,  beide  Verfasser  einer  Anteia  (Name  der  Stheneboia 
bei  Homer).  Diese  Tatsache  bietet  ein  weiteres  Zeugnis  für  die  grofse 
Popularität  der  Bellerophonsage. 

Gleichfalls  erst  jetzt,  kurz  vor  Abschlufs  des  Druckes,  stofse  ich 
auf  eine  Episode  der  irischen  Cuchulinnsage,  von  der  mit  voller 
Bestimmtheit  behauptet  werden  darf,  dafs  sie  eine  Episode  der  griechi- 
schen Bellerophonsage  widerspiegelt.  Zimmer,  Keltische  Beiträge  H, 
Zeitsch.  f.  deutsch.  Altert.  33  (N.  F.  21,  Jg.  1889),  283  bemerkt,  Cuchulinn 
habe  der  irischen  Sage  zufolge  im  Kampfe,  sowohl  im  ernsten  als  in 
Kampfspielen,  in  ein  dämonisches  Rasen,  eine  Berserkerwut  verfallen 
können,  in  der  er  Freund  und  Feind  bei  seinem  Anstürmen  gefährlich 
war.  Man  hatte  hiergegen  ein  probates  Mittel:  man  stellte  3  Fässer 
kalten  Wassers  auf,  Männer  legten  sich  in  der  Nähe  in  den  Hinter- 
halt, und  wenn  Cuchulinn  angerast  kam,  traten  ihm  die  Königin  mit 
dem  weiblichen  Hofstaat  entgegen  nitdatis  papillis  et  sublevatis  vestibus, 
ita  ut  muUebria  apparerent.  „Wenn  dann  Cuchulinn  verschämt  die 
Augen  niederschlug,  ergriffen  ihn  die  Männer  und  steckten  ihn  zur 
Abkühlung  in  die  Fässer  mit  kaltem  Wasser.  Das  Mittel  wurde  sowohl 
in  Emain  Macha  von  der  Gattin  Conchobars,  als  in  Cruachan  von 
Medb  und  sonst  in  Anwendung  gebracht."  Es  ist  evident,  dafs  wir 
hier  eine  Umbildung  folgender,  bei  Plutarch,  De  mulierum  virttd.  c.  9 
überlieferten  Episode  der  Bellerophonsage  vor  uns  haben:  „Amisodaros, 
den  die  Lykier  Isaras  nennen  —  so  werde  berichtet  —  kam  aus  der 
lykischen  Kolonie  bei  Zeleia  angesegelt  mit  Piratenschiffen,  welche 
Chimarros  führte,  ein  Mann  von  kriegerischem,  aber  auch  grausamem, 
wildem  Sinn:  sein  Schiff  trusr  vorn  das  Bild  eines  Löwen,  hinten  das 


I 


—     363     — 

Brutusdrama  des  berühmten  römischen  Tragikers  Accius 
(2.  Jh.  V.  Chr.),  und  zwar  kontaminiert  zu  einem  griechischen 
Volksdrama,  einem  Mimus. 


eines  Drachen  [Hier  ist  also  die  Chimaira  in  seltsamer  Weise  auf  ein 
Seeräuberschiff  umgedeutet].  Er  fügte  den  Lykiem  viel  Übles  zu,  so 
dafs  es  nicht  möglich  war,  dort  das  Meer  zu  befahren  noch  auch  die 
am  Meere  gelegenen  Städte  zu  bewohnen.  Diesen  schlug  Bellerophontes 
in  die  Flucht,  verfolgte  ihn  auf  dem  Pegasos  und  tötete  ihn,  auch 
warf  er  die  Amazonen  hinaus;  er  erntete  indessen  von  Jobates  keinen 
Dank,  vielmehr  wurde  er  von  demselben  in  der  ungerechtesten  Weise 
behandelt.  Deswegen  schritt  er  ins  Meer  hinein  und  flehte  zu  Poseidon, 
er  möge  das  Land  unfruchtbar  machen  und  es  verwüsten.  Nachdem 
er  sein  Gebet  beendet,  ging  er  davon.  Da  erhob  sich  die  Flut  und 
überschwemmte  das  Land,  und  es  war  ein  furchtbares  Schauspiel,  wie 
das  angeschwollene  Meer  ihm  folgte  und  das  Gefilde  bedeckte.  Da 
die  Bitten  der  Männer  Bellerophontes  nicht  bewegten,  gingen  ihm 
die  Frauen  entgegen  dvaovodfisvai  xovg  ;ffTa>v<ö;<or'^.  Indem  er  nun  scham- 
haft zurückwich,  soll  zugleich  auch  das  Meer  zurückgewichen  sein." 
Ich  glaube,  man  darf,  ohne  kühn  zu  sein,  es  als  ausgeschlossen  be- 
zeichnen, dafs  ein  so  sonderbares  Motiv  zweimal  erfunden  sein  sollte ; 
hier  wie  dort  handelt  es  sich  darum,  dem  Zorne  des  Recken  und 
dessen  verderblichen  Wirkungen  Einhalt  zu  tun.  Der  Zug,  dafs 
Cuchulinn  ins  Wasser  gesteckt  wird,  dürfte  aus  der  naheliegenden 
Vorstellung  erwachsen  sein,  Bellerophontes  sei,  indem  er  vor  den 
Frauen  zurückwich,  in  die  hinter  ihm  vordringende  Meerflut  geraten. 
Treuber,  Beiträge  xur  Geschichte  der  Lykier,  S.  21,  meint,  die  Geschichte 
solle  einen  Brauch  erklären,  dessen  ursprünglicher  Sinn  vergessen  worden 
war.  Die  lykischen  Frauen  seien  vielleicht  zu  bestimmten  Zeiten  in 
feierlicher  Prozession  der  Meeresküste  zugewandert,  wobei  sie  auch 
das  dvaavgao&ai  vornahmen;  ursprünglich  möchte  das  den  Zweck  ge- 
habt haben,  den  Meergott  in  drastischer  Weise  zu  beschwören,  das 
Land  mit  Springfluten  und  Erdbeben  zu  verschonen. 

Da  die  Sage  meines  Wissens  nur  von  Plutarch  überliefert  wird, 
so  darf  man  annehmen,  dafs  ein  gelehrter  Ire,  der  die  Cuchulinnsage 
überarbeitete,  die  Geschichte  aus  ihm  entlehnt  hat.  Wir  haben  dann 
hier  ein  neues  wichtiges  Zeugnis  für  den  Einflufs  antiker  Mythologie 
auf  nordische  Sage  in  Irland  und  eventuell  ein  Analogon  zu  der  Ein- 
führung des  Motives  von  Herakles'  Doppelheirat  in  die  Hamletsage 
auf  irischem  Boden,  s.  oben  S.  353,  Anm.  1. 


—     864     — 

Der  Held  könnte  in  diesem  Drama  den  Namen  \iußhk 
geführt  haben,  indem  äjußXvg  die  genaue  griechische  Über- 
setzung des  lateinischen  hrutus  darstellt;  der  Name  Amhlys 
steht  dem  Namen  Hamlets  in  der  viel  Altertümliches  ent- 
haltenden Ambalessage,  Amhales,  lautlich  sehr  nahe  und 
wäre  geeignet,  den  Ursprung  dieser  von  der  nordischen 
Form  Amloäi  stark  abweichenden  Namensform  zu  erklären. 

Es  sind  Gründe  vorhanden,  anzunehmen,  dafs  in  diesem 
hypothetischen  Mimus  der  Held  eine  ganz  bestimmte,  bei 
den  Alten  oft  genannte  Form  des  Wahnsinns  zur  Schau 
trug,  nämlich  die  Kynanthropie  (xvvdv&QMTzog  vooog). 

In  welcher  Form  die  durch  Verschmelzung  der  Belle- 
rophon- und  der  Brutussage  entstandene  neue  Sage  einer- 
seits nach  dem  Orient,  andererseits  nach  Britannien  ge- 
langte, mufs  vorläufig  zweifelhaft  bleiben. 

Vielleicht  wurde  der  Miraus  zu  einem  griechischen 
Roman  oder  zu  einem  epischen  Gedichte  verarbeitet.  In 
einer  abermaligen  Überarbeitung  dieses  Romanos  oder  Ge- 
dichtes könnten  die  in  der  Hamletsage  vorhandenen  Motive 
der  Heraklessage  eingefügt  worden  sein.  Auf  die  erste 
Fassung  würde  die  persische  Sage,  welche,  wie  es  scheint, 
diese  Motive  nicht  enthält,  auf  die  zweite  die  nordische 
zurückgehen.  Diese  letzteren  Fragen  bedürfen  noch  ein- 
gehender Erwägung  und  der  Beurteilung  von  kompetenter- 
Seite.^) 

Soviel  über  die  Hauptergebnisse  der  voranstehenden 
Untersuchungen. 


*)  Eine  ähnliche  Entstehung,  wie  hier  für  die  Hamletsage  (und 
ebenso  das  Goldenermärchen)  angenommen  wird,  nämlich  Ursprung 
aus  einem  griechischen  Drama,  behauptet  M.  Mayer,  Über  d.  Vericandt- 
schaft  heidnischer  u.  ckristl.  Drackentöter ,  Verhandl.  d.  46.  Versamml. 
deutsch.  Philol.  u.  Schulmänner,  Leipzig  1890,  S.  341  ff.  für  die  mittel- 
alterliche Sage  von  St.  Georg  dem  Drachentöter,  die  in  ausführlicher 
Fassung  bei  Jacobus  a  Voragine,  Legenda  aiirea  (erste  Hälfte  13,  Jhs.) 


—     365     — 

Es  soll  nun  zum  Schlufs  in  Kürze  dargelegt  werden, 
in  welcher  Weise  die  Ausbildung  der  Hamletsage  im  Norden 
sich  vielleicht  vollzogen   haben   könnte. 

Ich  denke  mir,  dafs  vielleicht  ein  nordischer  Skalde 
des  11.  Jhs.  von  seinen  Fahrten  nach  dem  griechischen 
Osten,  sei  es  aus  Byzanz  selbst,  sei  es  aus  einem  Lande 
griechischer  Zunge,  die  in  prosaische  oder  poetische  Form 
gekleidete  Geschichte  von  Amblys  mitbrachte,  die  ent- 
standen war  durch  eine  Verknüpfung  der  Bellerophon-  und 
der  Brutnssage  und  später  mit  Motiven  der  Heraklessage 
ausgeschmückt  worden  war.  Die  Erzählung  zerfiel  in 
zwei  Teile,  deren  erster  schlofs  mit  der  Vermählung  des 
Helden  und  deren  zweiter  das  aus  der  Heraklessage  ent- 
nommene Motiv  seiner  Doppelheirat  enthielt  und  zuletzt 
seinen  Tod  berichtete.  Der  Dichter  übertrug  diese  Er- 
zählung ins  Nordische,  sei  es,  dafs  er  sich  selbst  die 
Kenntnis  des  Griechischen  angeeignet  hatte,  sei  es,  dafs 
er  sich  durch  einen  des  Griechischen  kundigen  Landsmann 
den  Text  verdollmetschen  liefs. 

Ein  derartiges  Hineintragen  völlig  fremder  Stoffe,  die 
dann  allmählich  nationalisiert  werden,  in  die  Sagenlittera- 
tur  eines  Volkes  ist  ja  etwas  sehr  häufiges.     Jagic,  Die 


und  kürzer  in  einer  ca.  ein  Jahrhundert  älteren  lateinischen  und  äthio- 
pischen Erzählung  vorliegt.  Mayer  bemerkt  S.  342,  diese  Geschichte 
sei  nichts  anderes,  „als  die  von  Perseus  und  Andromeda  oder,  wie 
man  geradezu  hätte  sagen  können,  als  Reminiscenzen  aus  p]uri- 
pides'  Andromeda,  aus  der  w^ir  noch  jede  der  vorgeführten  Scenen, 
höchstens  mit  Ausnahme  der  Volksscenen,  in  den  Fragmenten  nach- 
weisen und  durch  Bildwerke  illustrieren  können";  und  S.  342:  „Es 
scheint  nach  alledem  in  der  Tat,  dafs  der  Perseusroman  und 
zwar  in  der  populären  Form,  die  ihm  Euripides  gegeben, 
noch  Jahrhunderte  lang  an  der  Küste  von  Joppe  fortlebte, 
gerade  wie  wir  den  Gorgonenmythus  bis  zur  Zeit  der  Kreuzzüge  in 
Kleinasien  lebendig  finden  werden.  Von  Joppe  aus  ist  aber  Lydda, 
die  klassische  Stätte  Georgs,  die  erste  gröfsere  Station  landeinwärts." 


—     366     ~ 

christl.  -  mythol.  Schicht  d.  russ,  VolJcsepiJc,  Archiv  f.  slav. 
Phil.  1  (1876),  S.  106,  bemerkt,  nachdem  er  die  Geschichte 
von  der  Entführung  der  Frau  des  Salomon  analysiert  hat, 
er  wolle  hervorheben,  „dafs  wir  in  der  mitgeteilten  Inhalts- 
angabe drei  nach  allen  Regeln  der  russischen  Volksepik 
ausgeführte  Volkslieder  (=  Byling)  vor  uns  haben,  deren 
Inhalt  dennoch  mit  dem  nationalen  Leben,  mit  den  natio- 
nalen Traditionen  des  russischen  Volkes  gar  nichts  gemein 
hat;  er  ist  oifenbar  von  aufsen  gekommen,  gefiel  dem 
Volk,  eigentlich  zunächst  den  Trägern  der  Volksepik, 
wurde  populär  und  bekam  allmählich  eine  der  echten 
Volkspoesie  entlehnte  oder  nachgeahmte  poetische  Behand- 
lung. Wäre  nicht  der  Name  Salamon  und  Salamanija 
überliefert,  so  würden  die  Herausgeber  keinen  Augenblick 
gezweifelt  haben,  die  erwähnten  Lieder  unter  die  echten 
Byling  einzureihen,  und  wer  weifs,  ob  nicht  gelehrte  Inter- 
preten mythologisierender  Richtung  darin  Spuren  uralter 
Mythen  entdeckt  hätten,  welche  russische  Slaven  etwa 
aus  Indien  schon  mit  sich  nach  Europa  gebracht  hätten." 

Ich  nehme  hier  also  an,  dafs  die  Sage  von  Byzanz 
direkt  nach  Irland  gelangte,  aus  dem  Griechischen  ins 
Altnordische  übertragen  wurde.  Vielleicht  darf  aber  auch 
eine  andere  Möglichkeit  ins  Auge  gefafst  werden:  ich  meine 
die,  dafs  die  Sage  eine  arabische  Zwischenstufe  durch- 
laufen habe. 

Es  sind  nämlich  in  der  Hamletsage  Elemente  vor- 
handen, welche  den  Gedanken  an  eine  arabische  Quelle 
nahe  legen  könnten. 

Bei  der  Analyse  der  Saxoschen  Hamletsage  S.  150". 
habe  ich  die  Scharfsinnsproben,  welche  Hamlet  am  bri- 
tannischen Königshof  ablegt,  übergangen,  weil  sie  sich  im 
BvH  nicht  finden  und  mithin  für  den  Nachweis  der  Identität 
der  Saxoschen  Sage  mit  der  Sage  von  BvH  nicht  in  Be- 
tracht kommen. 


—     367     — 

Die  Erzählung  ist  diese: 

In  Britannien  angelangt,  wird  Amleth  mit  seinen  Be- 
gleitern vom  Könige  zur  Tafel  gezogen,  aber  er  rührt 
zur  allgemeinen  Verwunderung  weder  Speisen  noch  Ge- 
tränke an.  Als  die  Fremden  sich  zur  Ruhe  begeben,  läfst 
der  König  sie  in  ihren  Zimmern  belauschen.  Amleth,  von 
seinen  Begleitern  nach  dem  Grunde  seines  auffälligen  Be- 
nehmens befragt,  erklärt,  „das  Brot  sei  mit  Blut  bespritzt 
gewesen,  der  Trank  habe  nach  Eisen  geschmeckt,  die 
Fleischgerichte  hätten  nach  Menschenleichen  gerochen  und 
seien  durch  das  Anziehen  von  Grabesdunst  verdorben  ge- 
wesen. Er  fügte  auch  noch  hinzu,  dafs  der  König  Sklaven- 
augen habe  und  dafs  die  Königin  drei  Mägdegewohnheiten 
zur  Schau  trage."  Er  erntet  wegen  dieser  Äufserungen 
von  den  beiden  Trabanten  nur  Hohn.  Der  König  aber, 
von  dem  Lauscher  über  seine  Äufserungen  unterrichtet, 
läfst  nachforschen  und  da  ergibt  sich  die  vollkommene 
Wahrheit  aller  Behauptungen  des  Gastes:  das  Getreide, 
von  dem  das  Mehl  zum  Brote  stammt,  war  auf  einem  mit 
alten  Totengebeinen  besäten  Felde  gewachsen,  auf  dem 
früher  einmal  ein  Blutbad  stattgefunden  hatte;  die  Schweine, 
die  das  Fleisch  geliefert,  hatten  von  der  verwesenden 
Leiche  eines  Räubers  gefressen;  das  Wasser  zum  Trank 
war  aus  einem  Brunnen  entnommen,  in  dem  mehrere  vom 
Rost  zerfressene  Schwerter  lagen.  Schliefslich  erfährt  der 
König  noch  von  seiner  Mutter,  dafs  er  der  Sohn  eines 
Knechtes  und  sie  die  Tochter  einer  Magd  ist. 

Olrik,  Kilderne  tu  Sakses  Oldhistorie  II,  165  if.,  hat 
über  die  Herkunft  und  die  Verbreitung  dieser  Geschichte 
gehandelt.  Er  zeigt,  dafs  sie  am  häufigsten  und  am 
reichsten  entwickelt  sich  bei  den  Arabern  findet;  sie 
begegnet  u.  a.  in  Tausendundeine  Nacht  in  der  Erzählung 
von  dem  Sultan  und  den  drei  Schelmen:  von  den  letzteren 
erklärt  der  eine  des  Sultans  besten  Edelstein  für  unecht, 


—    3G8     - 

der  andere  sein  Rofs  für  den  Bastard  eines  Pferdes  und 
eines  Ochsen,  der  dritte  seine  Lieblingsfrau  für  die  Tochter 
einer  Tänzerin,  ihn  selbst  aber  fiir  den  Sohn  eines  Kochs. 
Als  Beweise  geben  sie  dann  an:  einen  Flecken  im  Stein, 
die  Form  des  Rofshufes,  die  dunklen  Augen  und  buschigen 
Brauen  der  Frau,  und  seine  eigene  Vorliebe  für  Fleisch 
und  Brot.  Eine  andere  Fassung  findet  sich  in  der  Ge- 
schichte von  den  drei  Söhnen  des  Sultans  von  Yemen. 

Olrik  nimmt  an,  dafs  die  Geschichte  ausging  von 
einer  südasiatischen  Stammform  und  im  frühen  Mittel- 
alter teils  über  Konstantinopel,  teils  durch  die  Handels- 
verbindungen Italiens  nach  dem  Norden  gelangte. 

Weiter: 

S.  338 ff.  wurde  die  Vermutung  ausgesprochen,  dafs 
der  Wahnsinn  Hamlets  als  Kynanthropie  aufzufassen  sei. 
Die  in  der  Hamletsage  begegnenden  Merkmale  dieser  Krank- 
heit werden  nun  gerade  von  dem  arabischen  Arzte  Ali. 
dem  Sohne  des  Abbas,  erwähnt,  und  was  Vincenz  von  Beau- 
vais  betrifft,  der  die  gleichen  Symptome  nennt,  so  ist  es  bei 
der  bekannten  Abhängigkeit  der  medizinischen  Litteratur 
des  Mittelalters  von  den  Arabern  gewifs  nicht  unwahr- 
scheinlich^ dafs  seine  Angabe  aus  arabischer  Quelle  ge- 
flossen ist. 

Was  dann  die  Ambalessaga  betrifft,  so  sei  darauf  hin- 
gewiesen, dafs  Salmans  Vater,  der  Grofsvater  Anilodis, 
König  von  Spanien  und  Cambrien  (d.  i.  Wales)  ist,  dafs 
Faustinus'  Vater,  ein  König  von  Skythien,  Soldan  heifst, 
dafs  Faustinus  und  sein  Volk  Mohammedaner  sind,  dafs 
Faustinus'  Bruder  Tamerlaus,  der  dem  König  von  Britan- 
nien bei  Saxo  entspricht,  König  in  Skythien  ist  und  mit 
Amlodi  Konstantinopel  gegen  die  Sarazenen  verteidigen 
hilft,  endlich  dafs  Amlodi  später  einen  Piraten  bei  Cypern 
besiegt.  Die  Handlung  spielt  also  zum  guten  Teil  am  Mittel- 
meerbecken, und  da  nun  eine  Eroberung  von  Wales  durch 


—    369    — 

Sarazenen  (Faustiuus)  historisch  ein  Unding  ist,  anderer- 
seits die  Vereinigung  Cambriens  oder  Cimbriens,  wie  Hds.  y 
liest,  mit  Spanien  (unter  Donrik)  nach  der  Pyrenäenhalb- 
insel hinweist,  so  wird  man  die  Vermutung  wagen  dürfen, 
Cambrien  und  Cimbrien  seien  entstellt  aus  Coim- 
bra  (dem  Conimbrica  der  Eömer),  das  tatsächlich  bis  1064 
im  Besitz  der  Mauren  und  bis  1147  die  Residenz  der  portu- 
giesischen Könige  war,  nach  dem  auch  einige  portugiesische 
Prinzen  den  Titel  „Herzöge  von  Coimbra"  führten. 

Dann  wäre  also  der  Schauplatz  der  Ambalessage  ur- 
sprünglich nicht  Wales,  sondern  das  unmittelbar  an  das 
arabische  Spanien  grenzende  Portugal  gewesen. 

Vielleicht  würde  es  noch  möglich  sein,  in  einzelnen 
Namen  der  Ambalessage  bei  genauerem  Zusehen  liistorische 
Beziehungen  auf  Portugal  nachzuweisen,  indessen  mufs 
ich  hier  darauf  verzichten,  diese  Fährte  weiter  zu  ver- 
folgen. 

Nun  wissen  wir,  dafs  auch  die  spanischen  Araber 
eine  epische  Sage  und  Dichtungen  epischen,  erzählenden 
Inhalts  besessen  haben,  die  teils  historische  Vorgänge 
widerspiegelten,  teils  altüberkommene  Sagen  verarbeiteten, 
s.  darüber  den  Grafen  von  Schack,  Poesie  u,  Kvmst  d, 
Araber  in  Spanien  u.  Sicilien  II,  Stuttgart  1877,  S.  62ff.: 
„Krieger  wufsten  Lieder  und  Kunden  von  den  Abenteuern 
der  alten  Zeit  herzusagen,  ja  Königen  selbst  rühmte  man 
nach,  sie  wüfsten  die  Poesien  und  Kriegstaten  der  Araber, 
sowie  die  Annalen  der  Chalifen  auswendig  und  seien  Re- 
citatoren  von  Gedichten." 

Femer  ist  bekannt,  dafs  die  Wikinger  schon  im  9.  Jh. 
ihre  Eroberungszüge  bis  nach  Portugal  ausgedehnt  haben, 
s.  R.  Dozy,  Becher ches  sur  Vhistoire  et  la  litter ature  de 
VEspagne^,  11,  250 ff.;  A.  Fabricius,  Normannertogene  ül  den 
spansJce  HalvÖ,  S.  75  —  160;  Jahresber.  f.  Geschichtswiss.  21,^ 
III,  1 79.  Im  Jahre  844  plünderten  die  Normannen  an  der  Küste 

Zenker,  Boeve-Amlethas.  24 


—     370     — 

von  Galizien,  wandten  sich  dann  nach  Lissabon  und  Cadix 
und  eroberten  Sevilla.  Dieser  Einfall  hatte  die  Anknüpfung 
freundschaftlicher  Beziehungen  zwischen  Abderrahman  IL 
und  dem  damaligen  Normannenkönig,  jedenfalls  Eric  I.,  zur 
Folge.  Abderrahman  ordnete  an  letzteren  den  bekannten 
Dichter  und  Diplomaten  Yahya  ibn  al-Hacam  Becri,  mit 
dem  Beinamen  Al-Ghazäl,  als  Gesandten  ab.  In  dem  er- 
haltenen interessanten  Bericht  über  diese  Gesandtschaft 
heilst  es,  Al-Ghazäl  sei  gekommen  nach  einer  „grofsen 
Insel  im  Ozean  .  .  .  drei  Tagereisen  vom  Festland  ent- 
fernt", wie  man  annimmt,  Seeland.  „Während  seines  Auf- 
enthalts im  Lande  der  Madjous  (d.  i.  der  Normannen)  trat 
Al-Ghazäl  zu  ihnen  in  mancherlei  Beziehungen:  bald  dis- 
putierte er  mit  ihren  Gelehrten  und  brachte  sie  zum 
Schweigen,  bald  kämpfte  er  mit  ihren  besten  Kriegern 
und  setzte  ihnen  mit  seinen  Streichen  zu."  Er  wird  von 
der  Königin  täglich  in  Audienz  empfangen,  der  er  erzählt 
„von  den  Mohammedanern,  ihrer  Geschichte,  ihrem  Lande 
und  den  benachbarten  Völkern  .  .  .";  s.  Dozy,  a.  a.  0. 
S.  270  if. 

Dieses  Beispiel  zeigt  also  deutlich,  dafs  die  Verschieden- 
heit der  Sprache  schon  damals  durchaus  kein  Hindernis 
für  den  geistigen  Austausch  zwischen  Arabern  und  Nord- 
leuten bildete. 

Bei  einem  zweiten  Angriff  der  Normannen  in  den 
Jahren  859  —  61  wurden  die  Küsten  von  Galizien  und 
Asturien  verheert;  bei  weiteren  Eaubzügen  in  den  Jahren 
964  und  968—70  wurde  wiederum  Galizien  heimgesucht 
und  wahrscheinlich  St.  Jago  geplündert. 

Dafs  die  Normannen  bei  diesen  Einfällen  Gefangene 
in  Menge  mit  sich  fortführten,  wird  in  den  von  Dozy  über- 
setzten Berichten  der  arabischen  Historiker  wiederholt  aus- 
drücklich erwähnt,  vgl.  a.  a.  0.  S.  255,  256,  257  u.  s.  f. 
Damit  aber  ist  offenbar  schon  zu  dieser  frühen  Zeit  sofort 


—     371     — 

auch  die  Möglichkeit  litterarischen  Austausches,  die  Mög- 
lichkeit der  Verpflanzung  einer  arabischen  Sage,  einer 
epischen  Dichtung  nach  dem  Norden  gegeben.  Welchen 
Eifer  gerade  die  Normannen  entwickelten,  arabische  Sitten 
zu  copieren,  das  zeigt  sehr  drastisch  der  von  Dozy  S.  345 ff. 
mitgeteilte  Bericht  über  den  Besuch  eines  jüdischen  Kauf- 
manns bei  einem  normannisclien  Grafen  in  Barbastro  im 
Jahre  1064,  kurz  nach  der  Einnahme  der  Stadt  durch  die 
Normannen.  Der  Kaufmann  fand  den  Grafen,  der  ein  ge- 
brochenes Arabisch  sprach,  in  kostbarer  orientalischer  Ge- 
wandung auf  einem  Sopha  sitzend;  gefangene  arabische 
Mädchen  bedienten  ihn,  deren  eine  ihm  arabische 
Lieder  zur  Laute  vorsang. 

Dafs  unter  solchen  Umständen  die  nordischen  Eroberer 
auch  die  erzählende  Poesie  der  ihnen  kulturell  weit  über- 
legenen Araber  begierig  aufgenommen  haben  werden,  ent- 
spricht gewifs  aller  Wahrscheinlichkeit. 

Andererseits  traten  bekanntlich  im  9.,  10.  und  11.  Jh. 
die  Ai-aber  in  Süditalien  und  in  Sizilien  in  enge  Fühlung 
mit  Byzanz  und  byzantinischer  Kultur. 

Und  damit  wäre  denn  ein  Etappenweg  gewonnen,  auf 
dem  eine  griechische  Sage,  mochte  sie  in  Form  einer 
Prosaerzählung  oder  eines  Epos  gekleidet  sein,  von  Byzanz 
durch  Vermittelung  der  Araber  Spaniens  zu  den  Normannen 
in  Irland  gelangen  konnte.  Auch  St.  Jago  de  Compostela 
als  berühmter,  liatürlich  auch  von  Normannen  besuchter 
Wallfahrtsort  düifte  als  mögliche  Zwischenstation  Beachtung 
verdienen. 

Es  sei  hier  daran  erinnert,  dafs  neuerdings  G.  Huet, 
Sur  Vorigine  de  Floire  et  Blanchefleur,  Romania  28  (1899), 
348  ff.  für  diesen  bekannten  altfranzösischen  Roman,  für  den 
man  bisher  byzantinischen  Ursprung  annahm,  eine  arabische 
Quelle  wahrscheinlich  gemacht  hat,  und  dafs  nach  Mitteilung 
Huets  G.  Paris  zu  dem  gleichen  Ergebnis  gelangt  war. 

24* 


—     372     — 

Auch  für  die  berühmte  Chantefable  von  Äucassin  imd 
Nicolette  vermutet  W.Hertz,  Spielmannshuch,  Stuttgart  1886, 
S.  360 f.  eine  orientalische  Quelle,  indem  er  auf  den  ara- 
bischen Namen  des  Helden:  Äucassm ^  Al-Kdsim  und  die 
Tatsache  hinweist,  dafs  die  —  sonst  in  der  französischen 
Litteratur  des  Mittelalters  nicht  begegnende  —  Form  dieser 
Erzählung,  erzählende  Prosa  mit  eingeflochtenen  Gedichten, 
die  älteste  Form  aller  arabischen  Überlieferung  bildet  und 
noch  heute  von  den  maurischen  Ehapsoden  gehandhabt  wird. 

Also  ich  meine,  es  wird  sich  empfehlen,  auch  mit  der 
Möglichkeit  zu  rechnen,  dafs  unsere  ursprünglich  griechische 
Sage  den  Nordleuten  durch  arabische  Yermittelung  be- 
kannt wurde  und  nicht  über  Eufsland,  sondern  über  Italien, 
Spanien  nach  den  britischen  Inseln  gewandert  ist. 

Der  Dichter  nun,  der  die  Sage  sei  es  aus  griechischer, 
sei  es  aus  arabischer  Quelle  entlehnte,  kam,  so  nehme  ich 
an,  nach  Irland  au  den  Hof  eines  mit  den  Wikingern  in 
guten  Beziehungen  lebenden  irischen  Königs  —  dafs  der 
Aufenthalt  nordischer  Skalden  an  irischen  Höfen  bezeugt  ist, 
wurde  schon  S.  119  erwähnt  —  und  hier  hörte  er  nun  er- 
zählen von  den  wechselvjollen  Schicksalen  Amlaibh  (Anlaf) 
Cuarans,  der  945 — 80  König  von  Dublin  gewesen,  im  Jahre 
980  bei  Tara  geschlagen  und  im  Kloster  zu  Jona  gestorben 
war.  Die  Schicksale  Amlaibhs  wiesen  gewisse  Analogien  mit 
der  dem  Dichter  vorliegenden  Sage  auf:  Amlaibh  war  in 
früher  Jugend  von  einem  Könige  seines  Erbes  beraubt  worden, 
war  an  den  Hof  eines  anderen  Königs  (nach  Schottland) 
gekommen,  dessen  Tochter  er  heiratete,  er  hatte  sich 
in  •  Kriegen  vielfach  ausgezeichnet,  war  als  König  des 
Wikingerstaates  in  Irland  ,auf  den  Gipfel  der  Macht  ge- 
langt, aber  zu  Ende  seines  Lebens  vom  Glück  verlassen 
worden  und  bald  nach  seiner  Niederlage  als  Mönch  im 
Kloster  gestorben  (s.  wegen  dieser  Tatsachen  oben  S.  99 f.). 

Einerseits  diese  Analogien  sowie  die  Ähnlichkeit  der 


—     373     — 

beiden  Namen  Amlaibh^)  und  Amblys  —  wenn  letzteres 
wirklich  der  Name  des  Helden  war,  was  freilich  nur  eine 
Vermutung  ist  —  anderei^eits  der  Wunsch,  seinen  Stoff 
aktuell  zu  gestalten,  veranlafsten  den  Dichter,  die  ganze 
Geschichte  auf  Amlaibh  zu  übertragen,  ihn  zum  Helden 
derselben  zu  machen  und  zu  dem  Behuf  aus  Amlaibhs 
Leben  einzufügen,  was  etwa  pafste.  Zugleich  aber  behielt 
er  doch  den  ursprünglichen  Namen  bei,  indem  er  sich  in 
der  Weise  half,  dafs  er,  mit  der  Bedeutung  des  Wortes 
bekannt,  Amhlys  den  Namen  sein  liefs,  den  man  dem 
Helden  beigelegt  habe,  seitdem  er  die  Maske  des  Blöd- 
sinnes vorgenommen.  Letzteres  Verfahren  erschliefse  ich  aus 
der  Ambalessage,  wo  der  Held  abwechselnd  unter  den 
Namen  Ambales  und  Amlodi  auftritt;  es  wird  dafür  die 
Erklärung  gegeben,  man  habe  Ambales'  Namen  wegen 
seines  blöden,  tölpelhaften  Benehmens  in  Amloäi  =  Tölpel 
geändert.  Offenbar  läfst  sich  in  gleicher  Weise  Amhlys 
als  eine  Abänderung  von  Amlaibh  fassen;  später  wurden 
die  beiden  Namen  verwechselt  und  nun  vielmehr  Amlodi 
=  Amhlaide  für  Amlaibh,  als  „Tölpel"  gedeutet. 

Auf  diese  Weise  entstand  die  älteste  Form  der 
nordischen  Hamletsage,  die  also  dann  ursprünglich 
eine  Amlaibh(Anlaf  oder  Olaf) -Sage  war.  Aus  ihr,  so 
nehme  ich  an,  sind  durch  Umbildung,  Eliminierung,  Neu- 
einfügung von  Motiven,  zum  Teil  geschichtlichen  Ursprunges, 
die  verschiedenen  Fassungen  der  nordischen  Sage  hervor- 
gegangen. 

Die  Entstehungsweise,  welche  ich  hier  für  die  älteste 
nordische  Form  unserer  Sage  annehme:  dafs  eine  vor- 
handene —  griechische?  —  Sage  an  eine  völlig  fremde 
historische   Tradition   angelehnt   und   ihr  teilweise   ange- 

^)  Über  die  Aussprache  von  Amlaibh  s.  Heyman,  Havelok-Tale 
S.  70 f.;  danach  war  das  m  ein  bilabialer  Laut,  der  im  Wälschen  mit 
b  wiedergegeben  wurde ;  die  wälsche  Form  Abloyc  ist  irisches  Lehnwort 


—     374     — 

glichen  worden  sei,  ist  eine  ganz  analoge,  wie  sie  z.  B. 
Zimmer,  Kelt  Beitr.,  Zeitsch.  f.  deutsch.  Altert  32  (1888), 
313  für  die  irische  Cuchulinnsage  annimmt.  Zimmer  findet 
in  Cuchulinn  den  Hagen,  in  Fer  Diad  den  Sigfrid,  in  Fer 
Baeth  den  Giselher  wieder;  er  bemerkt:  „Natürlich  darf 
man  nun  nicht  ausdeuten  wollen,  den  Vergleich  Cuchulinn- 
Hagen  pressen:  denn  Cuchulinn  ist  keine  dem  Hagen  nach- 
bildete Gestalt,  sondern  eine  Gestalt  der  irischen  Helden- 
sage, die  in  einer  bestimmten  Situation  mit  dem 
aus  Wikingererzählungen  bekannten  Hagen  ver- 
glichen und  naturgemäfs  unter  diesem  Vergleich 
in  dieser  Situation  umgestaltet  wurde  ....  diese 
Reihenfolge  von  Episoden  ist  eben  keine  Nachbildung 
der  hervorstechendsten  Züge  der  Nibelungensage  der  Wi- 
kinger, sondern  die  hervorstechendsten  Züge  der  germani- 
schen Sage  oder  vielmehr,  was  die  Iren  aus  den  Er- 
zählungen der  Wikinger  als  hervorstechendste  Züge  auf- 
nahmen, wurden  in  einer  Eeihe  von  Episoden  des  Epos 
Täin  bö  Cüalnge  hineingewoben."  Dafs  es  sich  hier  nicht 
um  eine  historische  Tradition,  sondern  um  eine  Sage 
handelt,  ist  irrelevant. 

Der  Fall,  dafs  eine  historische  Persönlichkeit  schon 
bei  blofser  Namens  ahn  lichkeit  mit  einer  Person  der  Sage 
identifiziert  und  infolge  dieser  Identifikation  in  einen 
ganz  fremden  Sagenkreis  eingeführt  wird,  liegt  —  um  ein 
Beispiel  zu  nehmen,  das  mir  gerade  zur  Hand  ist  —  vor 
in  der  Sage  von  dem  Wikingerkönig  Magnus  Barefoot 
(Ende  11.  Jahrb.),  wegen  deren  ich  verweise  auf  Alexander 
Bugge,  Contrih.  to  the  Hist.  of  the  Norsemen  in  Ireland  II: 
„With  the  passage  of  time",  bemerkt  Bugge  hier,  ,,the 
tradition  of  Magnus  has  completely  lost  its  historic  stamp, 

and  its  hero  hecame  a  mythical  flgure In  the  18th 

Century,  or  prohably  even  earlier,  Magnus  also  passed 
into    the   celebrated  legend   of  the    „Fate   of   the   Children 


—    375    — 

of  Usnech."  Magnus  in  the  translation  of  d'Arhois  de 
Jubainvillej  is  called  Mane  ä  la  main  rouge,  fils  du  roi 
de  Norvege!  Magnus  is  Jiere  confounded  with  the  celtic 
personal  name  Mane,  which,  as  the  name  of  another  hero, 
appears  in  an  older  Version  of  the  legend  of  üsnech." 

Nun  mochten  eben  damals  auch  irgendwelche  sagen- 
hafte Traditionen  über  einen  Wikinger  Namens  Amlodi, 
den  die  Iren  Amhlaide  nannten,  existieren.  Dieser  hatte 
in  der  grofsen  Scli lacht  von  Ath-Cliath  im  Jahre  919  sich 
vor  allen  ausgezeichnet,  indem  er  den  feindlichen  Heer- 
führer, den  irischen  König  Niall,  erschlug,  —  eine  Tat,  die 
seinen  Namen  berühmt  machte.  Wir  besitzen  ein  Liedfrag- 
ment von  des  Königs  Witwe  Gormflaith,  in  dem  er  genannt 
wird.  Dafs  aucli  andere  Lieder  und  historische  Traditionen 
ihn  erwähnten,  zum  Teil  ihn  verherrlichten,  wird  sich 
kaum  bezweifeln  lassen,  und  es  scheint  ganz  unbedenklich, 
anzunehmen,  dafs  solche  Traditionen  noch  ca.  100  Jahre 
später  vorhanden  und  in  Irland  verbreitet  waren.  Wir 
wissen  freilich  aufser  jenem  Faktum  gar  nichts  von  Amhlaide, 
wir  sind  deshalb  über  seine  Lebenszeit  nicht  genau  unter- 
richtet; war  er  im  Jahre  919  noch  in  jungen  Jahren,  so 
wäre  er  mit  Amlaibh,  der  981  starb,  annähernd  gleich- 
zeitig gewesen:  jedenfalls  war  er  nicht  sehr  wesentlich  älter. 

Ich  nehme  nun  an.  dafs  die  Popularität  seines  Namens 
der  Anlafs  wurde,  dafs  ein  Dichter,  der  mit  der  Amlaibh- 
sage  bekannt  wurde,  die  Namen  Amlaibh  und  Amhlaide 
verwechselte  —  geradeso,  wie  der  moderne  Herausgeber 
der  Four  Masters  die  beiden  Namen  verwechselt  hat,  s.  oben 
S.  112  —  oder  dafs  jener  Dichter  absichtlich  Amlaibh 
durch  Amhlaide  ersetzte.  Da.  wie  die  Ambalessage  zeigt, 
der  Held  unserer  Sage  ursprünglich  als  ein  Heraklestypus 
geschildert  wurde,  der  in  vielfachen  Kämpfen  Riesenkräfte 
bewährte,  so  ist  es  vollkommen  begreiflich,  wie  ein  Dichter 
darauf  verfallen  konnte,  ihn  mit  einem  Krieger  zu  iden- 


—     376     — 

tifizieieii,  der  durch  eine  glänzende  Watt'entat  sich  Ruhm 
erworben  hatte. 

Damit  war  dann  die  erste  Fassung  gewonnen,  in  der 
der  Held  der  Sage  den  Namen  führte,  der  sie  in  der  Welt- 
litteratur  berühmt  gemacht  hat:  Amhlaicte  an.  Amloäi  d.  i. 
Hamlet 

Wann  haben  wir  uns  diese  Fassung  entstanden  zu 
denken,  wann  ist  der  Name  Amhlaides  in  die  Sage  ein- 
geführt worden? 

Die  x4.ntwort  lautet:  nicht  vor,  aber  auch  nicht  allzu- 
lange nach  dem  Jahre  1014.  Wie  nämlich  oben  S.  64  ff. 
gezeigt  wurde,  beruht  die  Episode  von  den  „wiederauf- 
gerichteten Toten"  in  der  Hamletsage  auf  einem  geschicht- 
lichen Vorgang,  der  sich  abspielte  in  unmittelbarem  An- 
schlufs  an  die  Schlacht  von  Clontarf  bei  Dublin,  die  im 
genannten  Jahr  geschlagen  wurde.  Folglich  können  die- 
jenigen Fassungen  der  Sage,  die  die  Episode  bieten,  nicht 
entstanden  sein  vor  dem  Jahre  1014.  Nun  findet  sich  die 
Episode  sowohl  in  der  Saxoschen  Hamletsage  als  im  Lai 
von  Havelok  d.  i.  Amlaibh-Olaf,  und  zwar  in  eng  ver- 
wandter Fassung;  somit  mufs  sie  auch  schon  in  der  Quelle 
der  beiden  Versionen  vorhanden  gewesen  sein,  und  da  die 
Saxosche  Hamletsage  Züge  enthält,  die  aus  der  Geschichte 
Amhlaibs  stammen  oder  doch  an  solche  angeglichen  worden 
sind,  so  mufs  der  Name  Amlaibhs  in  der  Sage  älter  sein 
als  der  Amhlaides,  folglich  mufs  die  gemeinsame  Quelle 
Saxos  und  des  Lais  noch  den  Namen  Amlaibh  enthalten 
haben  und  kann  die  Übertragung  der  Sage  auf  Amhlaide 
erst  nach  dem  Jahre  1014  erfolgt  sein. 

Ein  Bearbeiter  in  Irland  nun,  so  nehme  ich  weiter  an. 
welcher  gelehrte  Kenntnisse  hatte  und  dem  die  teilw^eise 
Ähnlichkeit  der  Sage  mit  der  Geschichte  des  Brutus  bei 
Livius  auffiel,  führte  in  dieselbe  das  „Goldstabmotiv"  ein, 


—     377     — 

indem  er  die  Liviusstelle  in  seitsamer  Weise  daliin  mifs- 
vei-stand,  die  beiden  Gesandten,  ambages,  mit  denen  Brutus 
nach  Delphi  ging:,  seien  getötet  worden  und  Brutus  habe 
einen,  das  Wergeid  für  sie  enthaltenden,  mit  Gold  ge- 
füllten Stab  von  der  Reise  mit  zurückgebracht,  s.  das 
Nähere  oben  S.  201  ff.  Auf  diese  Fassung  geht  die  Dar- 
stellung Saxos  und  vermutlich  auch  die  Ambalessaga  zurück, 
welche  mit  jener  aus  der  gleichen  Quelle  entsprungen  ist, 
doch  liegt  das  Goldstabmotiv  in  der  Ambalessaga  nur  noch 
in  sehr  entstellter  Fassung  vor. 

Gleichfalls  auf  gelehrtem  Wege,  durch  litterarische 
Beeinflussung  der  Sage,  ist  dann,  vermute  ich,  in  die 
Haveloksage  hineingekommen  das  markante  Motiv,  dafs  dem 
Helden  nächtlicher  Weile  Feuer  aus  dem  Munde  schlägt, 
s.  oben  S.  93.  Es  wurde  schon  S.  97  ff.  darauf  hingewiesen, 
dafs  dieses  Motiv  offenbar  identisch  ist  mit  dem  der 
römischen  Servius-Tiilliussage,  wonach  man  einmal  vom 
Haupte  des  Servius  eine  Flamme  emporschlagen  sah.  Das 
Motiv  begegnet  nur  in  der  Haveloksage,  keine  andere 
Version  der  Hamletsage  kennt  es  —  der  Zaubermantel 
Tostis,  der  Ambales  in  überirdischem  Glänze  erstrahlen 
läfst,  ist  doch  wohl  davon  verscliieden  — ,  somit  liegt  kein 
Grund  vor,  es  für  die  gemeinsame  Quelle  der  verschiedenen 
Versionen  der  Sage  zu  postulieren.  Ich  nehme  an,  dafs 
ein  Bearbeiter  der  Haveloksage,  der  die  Ähnlichkeit  der 
Geschichte  Haveloks  mit  der  des  Servius  Tullius  bei  Livius 
bemerkte,  das  Motiv  aus  dem  letzteren  in  die  Haveloksage 
einführte.  Die  Analogien  zwischen  dem  Havelok  und  der 
Servius-Tulliussage.  welche  die  Einführung  des  Motives  ver- 
anlafsten,  ebenso  wie  die  zwischen  den  übrigen  Versionen  der 
Hamletsage  und  der  Servius-Tulliussage  erklären  sich,  wenn 
eine  früher  S.  311  ausgesprochene  Vermutung  richtig  ist. 
durch  Urverwandtschaft  der  beiden  Sagen,  indem  die  Servius- 
Tulliussage   eine   römische  Vei^ion  des   Goldenermärchens 


—     378     — 

darzustellen  scheint,  das  ebenso  wie  der  Havelok  auf  die 
griechische  Bellerophonsage  zurückgeht.  Die  Beeinflussung 
der  Volksdichtung  durch  den  griechischen  und  römischen 
Klassikern  entlehnte  antike  Elemente  hat  gerade  in  Irland 
gar  nichts  Auffälliges.  Bekanntlich  hat  Sophus  Bugge  in 
seinen  tiefgehenden  Studien  üb.  d.  Entstehung  der  nord. 
Götter-  und  Heldensagen  den  Nachweis  geliefert,  dafs  diese 
Sagen  zum  Teil  Umbildungen  antiker  Götter-  und  Helden- 
sagen darstellen,  und  er  nimmt  an,  dafs  letztere  den  Nord- 
leuten auf  den  britischen  Inseln  im  Wikingerzeitalter  ver- 
mittelt wurden  durch  mündliche  Erzählungen  von  Eng- 
ländern und  Iren,  Mönchen  oder  Leuten,  die  auf  Mönchs- 
schulen gewesen  waren  und  aus  Büchern  schöpften.  „Bei 
den  Iren  und  Angelsachsen",  sagt  Bugge  S.  10,  „hatte  die 
von  dem  klassischen  Altertum  und  von  den  Kirchenvätern 
ererbte  literäre  Bildung  mehr  als  bei  irgend  einem  anderen 
abendländischen  Volk  eine  Zufluchtsstätte  gefunden,  und 
es  hatte  sich  auf  den  Grundlagen  dieser  Bildung  bei  ihnen 
eine  heimische  Literatur  in  der  Sprache  des  Klerus  sowohl 
wie  in  der  Volkssprache  entwickelt.  Es  konnte  nicht 
ausbleiben,  dafs  die  geistesfrischen  und  geisteskräftigen, 
aber  an  einen  engen  Gesichtskreis  gewöhnten  Nordleute 
hier  bei  der  neuen  Eeibung  mit  den  fremden  Kulturen 
mancherlei  befruchtende  Keime  aufnehmen  und  festhalten 
mufsten,  die  sie  bald  selbst  mit  ihrer  stark  ausgeprägten 
Selbständigkeit  zu  einer  reichen  und  eigentümlichen  Blüte 
entfalteten. "1)  S.  auch  oben  S.  353  Anm.  1  und  S.  359  Anm.  1. 

Die  Anfänge  der  nordischen  Sagenentwicklung 
weisen  also  nach  Irland,  dort  wurden  die  Schlachten 
von  Ath-Cliath  v.  J.  919  und  von  Clontarf  v.  J.  1014  ge- 

^)  S.  jetzt  auch  oben  S.  362  Anm.  Betreffs  der  klassischen  Stu- 
dien in  Irland  verweise  ich  speciell  auf  die  interessante  Abhandlung 
von  Zimmer,  Die  Bedeutung  des  irischen  Elements  für  die  mittelalter- 
liche Kultur,  Preufs.  Jahrbücher  59  (1887)  S.  26. 


-     379    — 

schlagen,  nur  dort  war  eine  Verwechselung  von  Amlaibh 
und  Amhlaiäe  und,  wenn  dieser  Name  wirklich  in  Betracht 
kommt  —  wie  ich  glaube  — ,  von  Amhlys  möglich,  dort 
war  Amlaibh  d.  i.  Olaf  Cuaran,  der  anerkannte  Held  der 
Haveloksage,  945 — 80  König  von  Dublin. 

Von  Irland  nun  wanderte  die  Sage  einerseits  zu  den 
Kelten  und  Angelsachsen  nach  Britannien,  andererseits 
wurde  sie  diu'ch  Nordleute  nach  Island  verpflanzt. 

Auf  derjenigen  Fassung  der  Sage,  in  welcher  der 
Name  Amlaibh-Anlaf  noch  nicht  durch  Amhlaide-Amlodi 
ersetzt  war,  beruhen  der  englische  und  französische  Lai 
von  Havelok.  Der  Name  HaveloTc  .=  wälsch  Äbloyc  oder 
Abloec,  8.  oben  S.  101,  beweist,  dafs  die  Sage,  bevor  sie 
in  englischer  und  französischer  Sprache  bearbeitet  wurde, 
eine  wälsche  Zwischenstufe  durchlaufen  hatte.  Sie  ist  also 
von  Irland  zunächst  nach  Wales  gewandert. 

Die  jüngere  Version,  in  der  statt  Anlafs  der  Name 
Amlodi  eingeführt  war,  wurde  gleichfalls  von  Irland  zu 
den  Angelsachsen  verpflanzt. 

Hier  wurde  Amlodis  zweite  Gemahlin,  als  deren  Vor- 
bild ich  einerseits  die  Jole  der  Heraklessage,  anderseits 
die  historische  Gormflaith,  Anlaf  Cuarans  zweite  Gemahlin, 
betrachte,  identifiziert  mit  der  aus  dem  Beowulf  bekannten 
freierfeindlichen  ßryäo,  die  als  Eormen^ryä,  s.  o.  S.  57,  in 
die  Hamletsage  eingeführt  wurde.  In  dieser  Form  gelangte 
die  Sage  nach  Dänemark  und  zur  Kenntnis  Saxos,  vielleicht 
durch  Vermittelung  des  Engländers  Lukas,  dessen  Saxo  als 
eines  vorzüglichen  Geschichtenkenners  Erwähnung  tut,  s. 
oben  S.  74 f. 

Vermutlich  auf  einer  älteren  Stufe  der  Sagenentwicklung 
als  die  Amlethsage  Saxos  zweigte  sich  ab,  sei  es  in  Irland, 
sei  es  in  England,  diejenige  Fassung,  welche  bei  Saxo 
selbst  in  der  Harald  -  Haldansage  und   aufserdem  in  der 


—     380     — 

mit  dieser  nahverwandten  Hrolfssaga  Kraka  vorliegt.  Hier 
erscheint  die  Sage  abermals  an  andere  Xamen  geknüpft 
und  an  Stelle  des  einen  Helden,  den  die  ursprüngliche 
Fassung  bot,  sind  zwei  Brüder  getreten,  vielleicht  in  An- 
lehnung an  irgend  welche  historische  Verhältnisse,  die 
auch  sonst  den  Inhalt  dieser  Version  beeinflufst  haben 
könnten. 

Wohl  direkt  von  Irland  wurde  die  Sage  ferner  nach 
Island  verpflanzt,  wo  sie  uns  entgegentritt  in  der  mit 
Saxo  nahverwandten,  aber  von  ihm  unabhängigen  Ambales- 
saga;  diese  ist  zwar  erst  in  Handschriften  des  17.  Jhs. 
überliefert,  mufs  aber,  wie  sich  aus  der  Analyse  des  In- 
halts mit  Sicherheit  ergibt,  aus  sehr  alten  Vorlagen  ge- 
schöpft sein. 

Wie  verhält  es  sich  nun  endlich  mit  der  Dichtung, 
welche  den  Ausgangspunkt  für  diese  ganze,  weitschichtige 
Untersuchung  gebildet  hat,  mit  dem  Boeve  v.  Hamtone? 
Ist  auch  er  auf  die  irische  Form  der  Sage,  auf  die  Anlaf- 
Amlodisage,  zurückzuführen? 

Es  scheinen  mir  gewichtige  Gründe  gegen  eine  solche 
Annahme  zu  sprechen. 

Vor  allem  ist  zu  beachten,  dafs  alle  diejenigen  Elemente 
der  Sage,  welche  auf  Irland  hinweisen,  sowie  die,  welche 
wir  aus  den  Schicksalen  Anlaf  Cuarans  ableiteten,  dem 
BvH  fehlen,  nämlich: 

1.  Die  Namen  Anlaf-Amlodi. 

2.  Die  Geschichte  von  den  wiederaufgerichteten  Toten, 
welche  wir  im  Havelok  und  bei  Saxo  finden,  vgl.  o.  S.  64 ff. 

3.  Der  Zug,  dafs  es  der  Oheim  ist,  durch  den  der 
Held  seines  Erbes  beraubt  wird,  vgl.  o.  S.  108. 

4.  Der  weitere  Zug,  dafs  er  sich  nach  Schottland  be- 
gibt und  die  Tochter  des  schottischen  Königs  heiratet. 
s.  ebenda. 


—     ^81     — 

5.  Der  Zug,  dafs  er  Krieg  gegen  einen  König  von 
Britannien  fülirt. 

Es  fehlt  ferner  im  BvH  vollständig  das  Goldstabmotiv, 
von  dem  wir  wenigstens  vermuteten,  es  sei  erst  in  Irland 
durch  einen  gelehrten  Bearbeiter  in  die  Sage  herein- 
gekommen, s.  S.  202. 

Andei-seits  enthält  wieder  der  BvH  einige  Elemente, 
welche  allen  anderen  nordischen  Versionen  abgehen,  also 
auch  für  die  zu  Grunde  liegende  irische  Sage  nicht  an- 
gesetzt werden  können,  welche  dagegen  in  der  Bellerophon- 
und  in  der  Chosrosage  vorhanden  sind,  nämlich: 

1.  Das  wunderbare  Rois,  mit  dem  der  Held 
seine  Taten  vollbringt  (Arondel  im  BvH  =  Pegasos- 
Bihzad).  Da  es  in  keiner  der  anderen  nordischen  Versionen 
eine  Rolle  spielt,  so  dürfen  wir  annehmen,  dafs  es  schon 
in  ihrer  gemeinsamen  Quelle  eliminiert  war  oder  doch 
nur  noch  nebenbei  erwähnt  wurde,  wie  vielleicht  noch  in 
der  Ambalessaga,  wenn  wirklich  das  ausgezeichnete  Rofs, 
das  seine  liesische  Freundin  dem  Amlodi  sendet,  s.  S.  136, 
mit  dem  alten  Zauberrofs  identisch  ist. 

2.  Der  Kampf  Boeves  mit  dem  Eber,  der  Hinterhalt, 
den  ihm  zehn  Förster  legen,  das  Wettrennen  zu  London, 
in  dem  er  mit  Arondel  siegt  —  alles  Züge,  welche  auch 
der  Bellerophonsage  eignen,  vgl.  o.  S.  319f.  und  318. 

3.  Die  Flucht  Boeves  vor  Bradmund  und  seine  Rettung 
durch  den  reifsenden  Strom,  den  er  auf  seinem  Pferde 
durchschwimmt,  eine  Episode,  welche,  wie  S.  240  dargelegt, 
einer  Episode  des  Schahnarae  —  Chosros  Flucht  vor  Afrasiab 
und  seiner  Rettung  durch  den  angeschwollenen  Dschihun 
—  so  genau  entspricht,  dafs  hier  notwendig  ein  Zusammen- 
hang angenommen  werden  mufs. 

Weiter  ist  zu  beachten,  dafs  die  ganze  Darstellung 
im  BvH  gegenüber  den  anderen  Versionen  ein  total  ver- 
schiedenes Gepräge  zeigt:  das  so  wichtige  Wahnsinnsmotiv, 


—     382     — 

von  dem  sich  freilich  auch  im  Havel ok  nur  noch  eine 
Spur  vorfindet,  ist  vollständig  ausgemerzt,  dafür  ist  die 
Erzählung  mit  einer  Masse  von  Abenteuern  überladen,  von 
denen  die  übrigen  Fassungen  gar  nichts  wissen. 

Alles  dieses  scheint  mir  den  Ursprung  der  Boevesage 
aus  der  irisch -nordischen  Anlaf-Amlodisage  sehr  unwahr- 
scheinlich zu  machen,  und  speziell  die  Übereinstimmungen 
mit  der  Bellerophon-  und  der  Chosrosage  scheinen  mir 
kaum  eine  andere  Erklärung  zuzulassen,  als  dafs  eine 
zweimalige  Überführung  der  aus  der  Bellerophon- 
Brutussage  geflossenen  Sagendichtung  nach  Süd- 
england stattgefunden  hat,  und  dafs  die  Boevesage 
nicht  aus  der  Anlaf-Amlodisage  selbst,  sondern  aus  ihrer 
Quelle  entsprungen  ist,  welche  noch  eine  Keihe  Elemente 
enthielt,  die  in  der  irischen  Sage  bereits  unterdrückt  waren. 

Nun  begegnen  im  BvH  verschiedene  Elemente,  welche 
auf  den  Orient  und  zwar  speziell  auf  Kleinasien  hin- 
weisen: 

Zunächst  spielt  ja  die  Handlung  des  ersten  Teiles  zum 
grofsen  Teil  im  Orient.  Hermin,  an  dessen  Hof  Boeve 
kommt,  ist  nach  der  einen  Version  König  von  Ägypten, 
nach  der  anderen,  ursprünglicheren  —  vgl.  S.  11,  Anm.  1 
—  König  von  Armenien.  Hermin  wird  bekriegt  von 
Bradmond  v.  Damascus,  in  dessen  Gefangenschaft  Boeve 
später  gerät.  Boeve  kommt  nach  Jerusalem,  wo  er  dem 
Patriarchen  beichtet  (Stimming  S.  LXV). 

Allerdings  hat  Suchier  die  Ansicht  ausgesprochen,  unter 
Armenien  sei  im  BvH  Armorica,  d.  i.  die  französische  Bre- 
tagne zu  verstehen,  s.  o.  S.  5,  und  ich  habe  ihm  S.  11, 
Anm.  1  darin  beigestimmt.  Indessen  bin  ich  bezüglich  dieses 
Punktes  seitdem  anderer  Meinung  geworden.  Da  Damascus 
und  Jerusalem  als  Schauplätze  der  Handlung  bestehen 
bleiben  und  Boeve  von  Armenia  nach  Damascus  reitet, 
so   liegt   gar   kein  Grund  vor,    zu  bezweifeln,    dafs   der 


—    383     — 

Dichter  selbst  unter  Annenia  eben  Armenien  in  Klein- 
asien verstanden  hat,  —  was  nicht  ausschliefst,  dafs  ein 
Bearbeiter  es  mit  Armorica,  der  Bretagne,  identifiziert 
haben  mag. 

Sodann  erinnert  an  den  Orient,  dafs  zweimal  in  der 
Erzählung  Löwen  eine  Rolle  spielen:  Während  Boeve  ein- 
mal auf  der  Jagd  ist,  wird  Josiane  von  zwei  Löwen  ge- 
raubt, die  sie  auf  einen  Felsen  schleppen  und  dort  bewachen. 
Von  der  Jagd  zurückgekehrt,  tötet  Boeve  die  beiden  Löwen 
(V.  1652—1740). 

Dann:  Sabot  träumt  einmal,  dafs  hundert  Löwen  dem 
Boeve  sein  Rofs  Arondel  rauben  und  erzählt  den  Traum 
seiner  Gattin  Eneborc,  die  ihn  dahin  deutet,  dafs  Josiane 
dem  Boeve  geraubt  sei. 

Eben  bei  diesem  Motiv,  welches  den  Gedanken  an 
eine  orientalische  Quelle  nahe  legt,  möchte  ich  einsetzen, 
um  zu  einer  Vermutung  bezüglich  der  Herkunft  des  BvH 
zu  gelangen. 

Es  wurde  oben  S.  348  angenommen,  die  zu  einem 
neuen  Ganzen  verschmolzene  ßellerophon-Brutussage  habe 
ihre  Wanderung  einerseits  nach  dem  Norden,  anderseits 
nach  Persien  über  Byzanz  angetreten. 

Nun  sind  Kämpfe  des  Helden  mit  Löwen  ein  Motiv, 
welches  wiederholt  begegnet  in  dem  erst  in  den  70er  Jahren 
des  vorigen  Jalirhunderts  aufgefundenen  byzantinischen 
Nationalepos  von  Digenis  Akritas,  zuerst  veröifentlicht,  mit 
französischer  Übersetzung,  von  Sathas  und  Legrand,  Les 
Exploits  de  Digenis  Akritas,  epopee  hyzantine  du  dixieme 
siede,  Paris  1875  (Collection  de  monuments  pour  servir  ä 
Vetude  de  la  langue  neohellenique ,  no.  6,  n.  s.).  Es  ist 
dies  ein  Epos  von  echt  volksmäfsigem  Charakter,  das  die 
Schicksale  des  Digenis  und  seiner  Gattin  Eudokia  zum 
Gegenstand  hat,  den  historischen  Hintergi-und  der  Dar- 
stellung   bilden    „die   Verhältnisse,    welche    im    neunten, 


—     384     — 

zehnten  und  elften  Jahrhundert  in  den  Grenzgebieten 
Syriens,  Kleinasiens  und  Armeniens  am  oberen  Euphrat 
herrschten."  Der  Name  Digenis,  der  „Zwiegeborene",  be- 
zieht sich  darauf,  dafs  der  Vater  des  Helden  ein  Araber, 
seine  Mutter  eine  Griechin  ist;  äxoiTnq^  von  äxQa^  Grenze, 
ist  seit  dem  7.  Jh.  die  byzantinische  Bezeichnung  für  die 
Verteidiger  der  äufsersten  Keichsgrenzen,  also  etwa  =  „Mark- 
graf"; ihnen  lag  ob  die  Bekämpfung  der  Mohammedaner 
und  der  Apelaten,  d.  i.,  von  uTielaim»^  ursprünglich  Vieh- 
wegtreiber, Viehdiebe,  dann  Wegelagerer  überhaupt.  Digenis 
lebte  nach  der  ältesten  Handschrift  unter  Kaiser  Basileios, 
der  identisch  ist  mit  Basileios  II.,  976 — 1025.  Ich  ver- 
weise auf  Krumbacher,  Geschichte  d.  hyzant  Litteratur-, 
S.  827 ff.,  und  auf  die  Analysen  von  A.  Eberhard,  Über 
ein  mittelgriechisches  Epos,  Verhandl.  d.  34.  Philologenvers. 
zu  Trier  1879,  Leipzig  1880,  und  von  G.  Wartenberg,  Das 
mittelgriechische  Heldenlied  von  Basileios  Digenis  Ahritis, 
Berliner  Gymnasialprogramm  1897. 

Im  Digenis  nun  begegnet  das  Motiv  des  Löwenkampfes 
nicht  weniger  als  viermal,  nämlich: 

Der  Vater  des  Digenis  stöfst  mit  seinen  Gefährten  in 
einem  Engpafs  auf  einen  Löwen,  die  Gefährten  entfliehen, 
er  aber  tötet  das  Tier  (Wartenberg  S.  7). 

Dem  zwölfjährigen  Digenis,  der  auf  der  Jagd  ist,  tritt 
aus  dem  Busch  ein  Löwe  entgegen;  er  mufs  erst  von  seinem 
Oheim  ermahnt  werden,  sich  des  Schwertes  zu  bedienen, 
mit  dem  er  nun  dem  Tiere  das  Haupt  spaltet  (ebenda  S.  8). 

Digenis  tötet  einen  plötzlich  erscheinenden  Löwen, 
indem  er  ihn  am  Fufse  ergreift  und  zerreifst  (ebenda  S.  11). 

Während  er  mit  seiner  Gattin  auf  einer  Wiese  rastet^ 
bricht  ein  Löwe  aus  dem  Walde  hervor,  den  er  mit  der 
Keule  erlegt  (ebenda  S.  12). 

Aber  auch  sonst  zeigt  diese  Dichtung  vielfach  Ähnlich- 
keit mit  dem  BvH. 


—     385     — 

Wie  das  anglonormannische,  so  gibt  das  byzantinische 
Epos  eine  vollständige  Biographie  des  Helden: 

Digenis  ist  der  Sohn  des  syrischen  Emirs  Miisur  und 
einer  Tochter  des  Andronikus  Dukas.  Wie  Boeve,  so  be- 
steht auch  er  schon  in  jugendlichem  Alter  gefährliche  Jagd- 
abenteuer, von  denen  eines  oben  erwähnt  wurde.  Er  kämpft 
dann,  wie  Boeve  in  Armenien  gegen  Bradmund,  gegen  die 
Feinde  des  Landes  und  gewinnt  die  Hand  der  Eudokia, 
die  er  entführt  wie  Boeve  die  Josiane  (Stimraing  S.  LXVI). 
Die  Verfolger  werden  hier  wie  dort  besiegt  und  in  die 
Flucht  geschlagen.  Digenis  wird  nun,  wie  Boeve,  auf 
seinen  Fahrten  von  seiner  jungen  Gattin  begleitet. 

Ein  Quelldrache,  in  einen  Jüngling  verwandelt,  will 
sich  Eudokias  bemächtigen.  Digenis  eilt  herbei,  der  wieder 
verwandelte  streckt  ihm  drei  feuerspeiende  Rachen  ent- 
gegen, wird  aber  von  Digenis  getötet  (Wartenberg  S.  12). 
300  Apelaten  wollen  sich  Eudokias  bemächtigen  —  auch 
sie  werden  von  Digenis  erschlagen  (ebenda  S.  13). 

Ähnlich  ist  im  BvH  Boeve  wiederholt  in  Gefahr, 
Josiane  zu  verlieren.  Ein  Graf  Miles  bemächtigt  sich  ihrer 
und  will  sie  zwingen,  seine  Frau  zu  werden,  Josiane  aber 
erdrosselt  ihn  mit  einer  seidenen  Schnur.  Sie  soll  nun 
verbrannt  werden,  aber  B.  rettet  sie.  Später  wird  Josiane 
von  Sarazenen  geraubt,  aus  deren  Händen  sie  der  greise 
Sabot  befreit  (Stimming  S.  LXnif.,  LXXIII). 

Auch  das  Motiv  von  der  ;, freierfeindlichen  Jungfrau" 
(Herrin  von  Civile  im  BvH,  Hermuthrud  bei  Saxo)  begegnet 
in  dem  griechischen  Epos.  Digenis  hat  gegen  die  Amazone 
Maodmu  und  ihre  Leute  zu  kämpfen.  Maximu  stammt  von 
den  Amazonen  ab,  die  Alexander  einst  aus  Indien  mit  sich 
geführt  hatte.  Sie  will  nur  dem  Manne  angehören,  der 
ihr  an  Stärke  überlegen  ist.  Digenis  überwindet  sie  und 
nun  bietet  sie  sich  ihm  als  Gattin  an.  Er  aber  weist  sie 
zurück,  er  erklärt,  seiner  Gattin  die  Treue  nicht  brechen 

Z  enk er,  Boeve- Amlethus.  25 


—     386     — 

zu  wollen.  Trotzdem  verbindet  er  sich  dann  mit  ihr,  den 
Argwohn  seiner  Gattin  beschwichtigt  er  mit  einer  Aus- 
rede (Wartenberg  S.  13ff.). 

Mau  vergleiche  hiermit  im  BvH  die  Episode  von  der 
Königstochter  von  Civile  oben  S.  22 f.,  30,  38ff.  Nach  der 
englischen  Version,  die  wir  als  die  ursprünglichste  er- 
kannten, gewinnt  Boeve  ihre  Hand  durch  ein  Turnier; 
auch  der  Kampf  zwischen  Digenis  und  Maximu  trägt  den 
Charakter  des  Turniers:  Wartenberg  S.  14  meint,  es  sei 
dies  eine  Stelle,  „welche  möglicherweise  westeuropäische 
Turniersitte  wiederspiegelt." 

Digenis  erbaut  sich  zuletzt  am  Euphrat  einen  präch- 
tigen Palast  mit  Garten,  wo  er  mit  Eudokia  seine  Tage 
in  Ruhe  und  Frieden  beschliefst;  er  stirbt  im  Alter  von 
33  Jahren  an  einer  Krankheit,  die  er  sich  im  Bade  zu- 
gezogen —  Genickstarre  — ,  seine  Gattin  bricht  neben  seinem 
Lager  tot  zusammen,  s.  die  Übersetzung  des  Schlusses  bei 
Wartenberg  S.  24  ff. 

Auch  Boeve  und  Josiane  sterben  gleichzeitig;  wie 
dort  Eudokia,  so  wird  hier  Boeve  vom  Schmerz  getötet, 
indem  er  die  sterbende  Gattin  umarmt: 

V.  3833:  Kant  veit  la  dame,  entre  ses  bras  la  prent, 


La  morust  la  dame  e  Boves  ensement- 


DemDigenisepos  steht  nahe  das  gleichfalls  zum  „Akriten- 
cyklus"  gehörige  Lied  „Der  Sohn  des  Änclronikus'- ,  d.  i. 
offenbar  der  mütterliche  Grofsvater  des  Digenis,  Andro- 
nikus  Dukas;  der  Inhalt  des  Liedes  wird  von  Krumbacher 
S.  862 f.  charakterisiert  mit  den  Worten:  „Sarazenen  und 
Räuber  überfallen  den  Andronikus  und  nehmen  seine  Gattin 
gefangen,  die  sich  in  gesegneten  Umständen  befindet.  Sie 
gebiert  einen   Sohn,   der,  ganz   ähnlich  wie  Digenis,  un- 

^)  Die  Angabe  von  Stimming,  S.  LXXVI:  „Als  dann  auch  Josiane 
starb,  fols-te  er  ihr  bald  nach",  ist  also  ungenau. 


—     387     — 

gewöbulich  schnell  heranwächst,  nach  einem  Jahre  schon 
das  Schwert  führt,  nach  2  Jahren  die  Lanze  schwingt .  .  . 
die  Sarazenen  fesseln  ihn  mit  dreifachen  Ketten;  er  aber 
zerbricht  seine  Bande  und  entweicht  zu  seinem  Vater,  wo 
die  freudige  Wiedererkennung  statt  hat." 

Dies  erinnert  wiederum  einmal  daran,  wie  Josiane 
von  Sarazenen  geraubt  wird,  nachdem  sie  eben  zwei  Söhnen 
das  Leben  gegeben  (Stimming  S.  LXXIII),  sodann  an  die 
Kerkerhaft  Boeves  bei  dem  Sai'azenen  Bradmund,  aus  der 
er  befreit  wird,  indem  „durch  Gottes  Kraft"  seine  Ketten 
zerbrechen  (ebenda  S.  LXIII). 

Aus  dem  Gesagten  dürfte  erhellen,  dafs  der  BvH 
einen  dem  Digenis  Akritas  und  den  zugehörigen 
Akritendichtungen  eng  verwandten  epischen  Typus 
darstellt.  Im  Hinblick  darauf  und  in  Anbetracht  des 
Umstaudes,  dafs  auch  der  Schauplatz  der  Handlung  teilweise 
der  gleiche  ist,  nämlich  Armenien  und  Syrien,  möchte 
ich  denn  nun  also  vermuten,  die  Quelle  des  BvH  sei  ge- 
wesen ein  im  Stile  der  Akritenlieder,  speziell  des  Digenis 
Akritas  gehaltenes  mittelgriechisches  Volksepos  des  10. 
oder  11.  Jhs.,  in  das  die  Bellerophon-Brutussage  eingefügt 
worden  war,  und  das  durch  eine  altnordische  Zwischen- 
stufe —  s.  die  altnordischen  Eigennamen  Ivori,  Bradmund, 
Rudefon  —  auf  dem  Wege  des  Handelsverkehrs  über 
Rufsland  und  die  Ostsee  nach  Britannien  gelangte.  In 
ihm  waren  die  oben  vermerkten,  im  BvH  erhaltenen,  aber 
in  den  anderen  nordischen  Versionen  der  Hamletsage  ge- 
tilgten Motive  der  Bellerophon-Brutussage,  vor  allem  das 
w^underbare  Rofs,  noch  vorhanden,  dagegen  war  das  im 
BvH  vollständig  fehlende  Motiv  des  verstellten  Wahnsinns 
des  Helden,  als  zum  stereotypen  Charakter  des  Akriten- 
recken  nicht  passend,  bereits  eliminiert.  Das  Epos  wurde 
nordischen   Verhältnissen    adaptiert,    der    Schauplatz   der 

Handlung   wurde    teilweise   nach   England   und  Deutsch- 

25* 


—     388     — 

land  verlegt,  teilweise  aber  blieb  der  alte  Schauplatz  be- 
stehen. 

Durch  diese  Hypothese  scheinen  mir  die  sehr  starken 
Abweichungen  des  BvH  gegenüber  den  anderen  nordischen 
Fassungen  der  Hamletsage  eine  völlig  befriedigende  Er- 
klärung zu  finden.  Die  letzteren,  so  nehme  ich  an,  gehen 
zurück  auf  eine  ältere  Fassung  der  Sage,  als  sie  die  Quelle 
des  BvH  bot,  eine  Fassung,  welche  vor  allem  das  Wahn- 
sinnsmotiv noch  enthielt. 

Sollte  etwa  die  letzte,  indirekte  Quelle  auch  jener 
anderen  nordischen  Versionen  schon  ein  griechisches  Volks- 
epos gewesen  sein?     Die  Möglickeit  scheint  mir  gegeben. 

Es  sei  erinnert  an  Ambales'  Kriege  in  Skythien^  bei 
Konstantinopel  und  bei  Cypern,  die  sich  den  Akritenkäm- 
pfen  vergleichen  lassen.  Amleths  Abenteuer  mit  dem  Mäd- 
chen, das  man  ihm  im  Walde  entgegenführt,  bei  Saxo  zeigt 
eine  gewisse,  wenn  auch  nur  entfernte  Verwandtschaft  mit 
der  Barzahlung  von  Digenis  und  der  Tochter  des  Emirs 
Haplorrabdes,  die  Digenis  in  einer  Oase  der  syrischen 
Wüste  trifft,  s.  Wartenberg  S.  11  f.  S.  155  ff.  wurde  ge- 
zeigt, dafs  sowohl  die  Ambales-  als  die  Amlethsage  Züge 
der  Heraklessage  enthalten;  dazu  stimmt  es,  dafs  nach 
Eberhard  a.  a.  0.  S.  54  auch  auf  Digenis  Züge  von  Herak- 
les übertragen  sind.  Aber  freilich  sind  diese  Momente  nicht 
ausreichend,  um  auf  sie  eine  Vermutung  zu  gründen;  ich 
möchte,  wie  gesagt,  nur  auf  eine  Möglichkeit  aufmerk- 
sam gemacht  haben.  Vielleicht  würden  sich  durch  einen 
genaueren  Vergleich  vor  allem  der  Ambalessage  mit  den 
erhaltenen  Eesten  mittelgriechischer  Volksepik  weitere  An- 
haltspunkte gewinnen  lassen. 

Das  gleiche  byzantinische  Volksepos,  in  dem  ich  die 
indirekte  Quelle  des  BvH  vermute,  kann  es  dann  auch  ge- 
wesen sein,  welches  die  Bellerophon-Brutussage  nach  Per- 
sien trug;  durch  diese  Annahme  würde  sich  die  auffällige 


—    389    — 

Übereinstimmung  zwischen  dem  BvH  und  dem  Schahname 
in  jener,  S.  239  f.  besprochenen,  den  übrigen  nordischen 
Versionen  fehlenden  Episode  von  der  Rettung  des  Helden 
durch  den  angeschwollenen  Strom,  den  er  durchreitet,  in 
ungezwungener  Weise  erklären. 

Dafs  das  Digenisepos  mit  der  zeitgenössischen  epi- 
schen Poesie  der  Perser  nahe  verwandt  ist,  hat  neuerdings 
gezeigt  Italo  Pizzi  (Professor  an  der  Universität  Turin) 
in   seiner  Storia  della  poesia  persiana,  2  B.,  Turin  1894. 

Verpflanzung  nach  dem  skandinavischen  Norden,  wie 
sie  hier  für  die  Quelle  des  ßvH  vermutet  wird,  hat  bei 
einer  byzantinischen  Sage  gewifs  nichts  Auffälligeres  als 
bei  einer  persischen.  Für  eine  solche  aber  wurde  Über- 
gang ins  Nordische  bereits  wahrscheinlich  gemacht  von 
Felix  Liebrecht  in  dem  Artikel  Die  Ragnar  Lodhroksage 
in  Persien,  Orient  u.  Occident,  hgg.  v.  Benfey,  I,  Göttingen 
1862,  S.  561  ff.;  wieder  abgedruckt  Zur  Volkskunde,  Heil- 
bronn 1879,  S.  650".  L.  zeigt  hier,  dafs  die  Erzählung  von 
Ragnars  Kampf  mit  dem  Drachen  der  Thora  so  nahe  über- 
einstimmt mit  der  von  Ardschirs  Kampf  mit  dem  Drachen 
der  Tochter  des  Hefthdad  in  Firdosis  Schahname,  dafs  ur- 
sprüngliche Identität  der  beiden  Sagen  behauptet  werden 
mufs.  und  er  vermutet,  dafs  die  Sage  von  Persien  nach 
dem  Norden  gelangte:  „Wenn  Indien  der  Ausgangspunkt 
war,  so  ging  der  erste  Teil  ihres  Weges  wohl  über  Persien 
und  Vorderasien,  vielleicht  auch  über  Griechenland."^) 


*)  Olrik,  Sakses  Oldhistorie,  in  dem  Abschnitt  über  die  Ragnar 
Lodbroksage  S.  102—133  erwähnt  den  Artikel  Liebrechts  nicht;  Mogk, 
Geschichte  der  norwegisch-isländischen  Literatur^  S.  843  citiert  ihn, 
macht  aber  keinen  Gebrauch  von  ihm. 

Um  einen  Vergleich  zu  ermöglichen,  setze  ich  den  Inhalt  der 
beiden  Versionen  in  knappster  Form  hier  neben  einander: 

Nordische  Sage:  Thora,  die  Tochter  eines  westgothischen  Jarls, 
erhält   von  ihrem   Vater  einen  kleinen,   in  einem   Garn  befindlichen 


—     390     — 

Es  sei  ferner  darauf  hingewiesen,  dafs  nach  Krum- 
bacher S.  880  der  Digenis  Akritas  selbst  zwar  nicht  in 
die  nordische,  wohl  aber  in  die  russische  Litteratur  ein- 
gedrungen ist,  „wahrscheinlich  durch  Vermittelung  süd- 
slavischer  Übersetzungen";  er  hat  also  die  Wanderung 
nach  dem  Norden  wenigstens  angetreten. 

Eine  Reihe  sehr  merkwürdiger  Übereinstimmungen 
zwischen  persischen  Nationalepen  und  Romanen  einerseits 
und  solchen  des  Occidents  anderseits  hat  aufgezeigt  I.  Pizzi 
in  dem  oben  genannten  Werke  Kap.  IX:  Le  somiglianze  e 
le  relazioni  tra  la  poesia  persiana  e  la  nostra  del  medio 
evo,  8.412-489, 

Lindwurm  zum  Geschenk.  Sie  bewahrt  ihn  in  einem  Kästchen  auf 
einem  Lager  von  Gold  auf:  mit  dem  Lindwurm  wächst  auch  das  Gold. 
Als  das  Tier  grofs  geworden,  liegt  es  um  das  Haus,  so  dafs  Kopf  und 
Schweif  zusammenstofsen.  Der  Jarl  verspricht  dem,  der  das  Tier  tötet, 
die  Tochter  und  das  ganze  Gold.  Der  fünfzehnjährige  Ragnar  macht 
durch  Pech  und  Sand  seine  Kleider  undurchdringlich  und  tötet  mit 
dem  Spiefs  den  Drachen,  der  sich  so  windet,  dafs  das  ganze  Haus  er- 
bebt.    Ragnar  erhält  Thora  zur  Frau. 

Schahname:  Ein  Mädchen,  die  Tochter  des  Hefthdad,  die  unter 
einem  Apfelbaume  mit  Genossinnen  spinnt,  findet  in  einem  Apfel  einen 
kleinen  Wurm.  Seitdem  spinnt  sie  täglich  das  Doppelte  von  dem, 
was  sie  am  Tage  vorher  gesponnen,  und  der  Reichtum  der  Familie  ist 
in  stetigem  Wachsen.  Der  Wurm  wird  in  einem  Kasten  aufbewahrt. 
Nachdem  Hefthdad  sich  der  Stadt  bemächtigt  hat,  erbaut  er  auf  dem 
Berge  ein  stark  befestigtes  Schlofs;  hier  erhält  der  Wurm  eine  neue 
Wohnung  von  Stein.  H.  führt  von  dem  Schlosse  aus  mit  seinen  Be- 
waffneten ein  Schreckensregiment.  Endlich  erlangt.  Ardschir,  Schah 
von  Persien,  als  Kaufmann  verkleidet  in  das  Schlofs  Eintritt;  er  giefst 
dem  Tiere  geschmolzenes  Zinn  in  den  Rachen,  so  dafs  es  verendet, 
dabei  schreit  es  so  gellend,  dafs  die  Erde  weit  im  Umkreis  erzittert. 
Das  Schlofs  wird  nun  erobert  und  geplündert,  Hefthdad  und  sein 
ältester  Sohn  werden  gehenkt. 

Trotz  des  etwas  abweichenden  Schlusses  scheint  mir  ein  Zweifel 
an  der  ursprünglichen  Identität  der  beiden  Geschichten  nicht  möglich, 
und  es  versteht  sich  von  selbst,  dafs  dann  der  persischen  Version  die 
Priorität  zukommt. 


—     391     — 

Wenn  ich  nicht  irre,  erhebt  sich  hier  ein  grofses 
Problem  am  Horizont  der  mittelalterlichen  Litteraturge- 
schichte:  das  Problem  der  Beziehungen  der  umfangreichen, 
erst  zum  Teil  durch  Übersetzungen  zugänglich  gemachten 
epischen  Litteratur  der  Perser  zu  der  erzählenden  Poesie 
des  Occidents,  vor  allem  zu  der  reich  entwickelten,  bis 
jetzt  nur  wenig  erforschten  französischen  Epik  des  Mittel- 
alters. Ich  mufs  darauf  verzichten,  auf  dieses  Problem 
hier  irgendwie  weiter  einzugehen,  ich  begnüge  mich,  auf  sein 
Vorhandensein  aufmerksam  zu  macheu.  Litterarischer  Aus- 
tausch zwischen  Persien  und  dem  Occident  könnte  wenigstens 
teilweise  durch  Byzanz  vermittelt  worden  sein,  und  ge- 
setzt, es  würde  sich  stoffliche  Beeinflussung  anderer  fran- 
zösischer Epen  des  Mittelalters  durch  orientalische  Dich- 
tungen nachweisen  lassen,  so  würde  offenbar  die  hier  aus- 
gesprochene Vermutung  einer  mittelbaren  byzantinischen 
Quelle  des  BvH  an  Wahrscheinlichkeit  sehr  gewinnen. 

Soviel  über  das  anglonormannische  Epos,  dem  ich 
also  neben  jenen  anderen  Versionen  der  Sage  eine  selb- 
ständige Stellung  zuweise. 

Und  nun  endlich:  Wie  steht  es  mit  der  berühmtesten 
Fassung  der  Hamletsage,  mit  dem  Hamletdrama  Shake- 
speares? Woher  stammt  die  in  vielen  Punkten  durch- 
aus eigenartige  Fassung  der  Sage,  welche  uns  hier  ent- 
gegentritt? 

Es  wurde  gezeigt,  dafs  das  Drama  Shakespeares  dem 
Bellerophontes  des  Euripides  viel  näher  steht  als  irgend 
eine  andere  der  erhaltenen  nordischen  Fassungen  der  Ham- 
letsage. Folglich  kann  von  diesen  Fassungen  keine  die 
eigentliche  Quelle  des  berühmten  Dramas   gewesen  sein. 

Wo  haben  wir  dann  seine  Quelle  zu  suchen? 

Wie  schon  S.  268 f  bemerkt,  gilt  es  heute  als  erwiesen, 
dafs  dem  Hamlet  Shakespeares  ein  älteres  Hamletdrama 
zu  Grunde  liegt,  welches  spätestens  1589  vorhanden  war, 


—     392     — 

und  alle  Wahrscheinlichkeit  spricht  dafür,  dafs  der  Ver- 
fasser dieses  Dramas  Thomas  Kyd  (f  1594)  gewesen  sei.^) 

Wir  müssen  also  fragen:  aus  welcher  Quelle  ist  Kyd 
der  Stoff  zu  seinem  Hamletdrama  zugeflossen. 

Ich  glaube  in  der  Lage  zu  sein,  hierüber  eine  Ver- 
mutung zu  äufsern. 

Wir  wissen^  dafs  am  24.  Juni  1626  englische  Komö- 
dianten in  Dresden  eine  „Tragödia  von  Hamlet ^  einen 
printzen  in  Bennemarh'-  zur  Aufführung  brachten.  Dieses 
Stück  ist  nicht  im  Druck  erschienen  und  das  Manuskript 
hat  sich  nicht  erhalten.  Dagegen  veröffentlichte  im  Jahre 
1781  der  gothaische  Bibliothekar  Reichard  nach  einer  Hand- 
schrift, welche  die  Jahreszahl  1710  trug,  in  der  Zeitschrift 
Olla  Potrida  n.  11,  S.  18 — 68  ein  Drama  „Der  bestrafte 
Brudermord  oder:  Prinz  Hamlet  von  Bännemarh",  von  dem 
man  annimmt,  dafs  es  im  wesentlichen,  aber  keineswegs 
durchaus,  mit  jenem  im  Jahre  1626  aufgeführten  Stücke 
identisch  ist. 

Das  von  Reichard  publizierte  Stück,  das  jetzt  bequem 
zugänglich  ist  in  dem  Neudruck  von  W.  Creizenach,  Bie 
Schauspiele  der  englischen  Komödianten,  Kürschners  Beut- 
sche  Nationallitteratur  B.  23,  S.  147  ff.,  unterscheidet  sich 
von  dem  Shakespeareschen  Drama  in  vielfacher  Beziehung. 
Es  enthält  einen  Prolog,  in  dem  die  Nacht,  Alecto,  Mägera 
und  Thisiphone  auftreten,  es  ist  viel  kürzer  gefafst  als  das 
englische  Stück  und  weicht  von  letzterem  teilweise  in  den 
Namen,  in  der  Darstellung  und  in  vielen  Einzelheiten  ab; 
der  Name  des  Königs  ist  hier  Eric,  der  der  Königin 
Sigrie^),  Ophelias  Vater  heifst  Coramhus,  ihr  Bruder  Leon- 

^)  S.  darüber  jetzt  auch  H.  R.  D.  Anders,  Shakespeares  Books  S.  1271 
Neue  Litteratur  zur  Geschichte  der  Shakespeare-Kydschen  Sagenfassung 
wird  besprochen  von  W.  Dibelius,  Jahrb.  d.  deutsch.  Shakespeareges.  39 
(1903),  331—35. 

^)  Soweit  ich  sehe,  hat  noch  niemand  darauf  aufmerksam  gemacht, 
dafs  dieser  Name  offenbar  identisch  ist  mit  dem  Namen  der  Königin 


—     393     — 

hardtcsj  es  tritt  ein  Hofnarr  Phantasmo  auf,  der  bei  Shake- 
speare fehlt,  11.  a.  m.  Das  Stück  wurde  genau  untersucht 
von  Creizenach  in  der  Abhandlung:  Die  Tragödie  „Der 
bestrafte  Brudermord  oder  Prinz  Hamlet  aus  Dänemark 
und  ihre  Bedeutung  für  die  Kritik  des  Shakespeareschen 
Hamlet",  Berichte  der  Königl.  Sachs.  Gesellschaft  d.  Wissensch, 
philol'hist  Glosse  1887,  Bd.  39,  S.  Iff.  und  in  der  Einlei- 
tung zu  der  genannten  Ausgabe.  C.  kommt  zu  dem  Er- 
gebnis, dafs  das  deutsche  Drama  zum  weitaus  gröfsten 
Teil  auf  Shakespeare  zurückgeht,  und  dafs  keine  Veran- 
lassung vorliegt,  die  nicht  Shakespeareschen  Bestandteile 
aus  einem  anderen  altenglischen  Drama  herzuleiten;  sie 
für  etwas  anderes  zu  halten  als  für  Zusätze,  wie  sie  die 
englisch-deutschen  Komödianten  auch  sonst  in  ihre  Re- 
pertoirestücke einzufügen  pflegten."  Tanger  im  Jahrb.  der 
deutsch.  Shakespearegesellsch.  23  (1888),  S.  224 ff.,  hat  Creize- 
nach in  der  Hauptsache  zugestimmt. 

Dagegen  ist  nun  zu  einem  völlig  verschiedenen  Resultat 
gelangt  M.  Blakemore  Evans,  Der  bestrafte  Brudermord, 
sein  Verhältnis  zu  Shakespeares  Hamlet,  Bonner  Disser- 
tation, Hamburg  und  Leipzig  1902.  Evans  glaubt  nach- 
weisen zu  können,  dafs  das  deutsche  Hamletdrama 
auf  Shakespeares  Vorlage,  dem  Hamlet  Kyds  be- 
ruht, nur  meint  er,  die  späte  Abschrift  von  1710,  die  wir 
besitzen,  sei  vielleicht  bereits  durch  die  Shakespearesche 
Fassung  beeinflufst.  Evans  sieht  sich  zu  dem  Schlüsse  ge- 
drängt, „es  sei  schon  zu  Saxos  Zeit  eine  andere  [von 
der  Saxos  verschiedene]  Fassung  der  Sage  vorhanden 
gewesen  .  .  ,  jedoch  inwieweit  diese  sich  von  Saxo  unter- 


in der  Hrolfssaga  Eraka,  Sigrid,  s.  o.  S.  123.  Das  Zusammentreffen  ist 
doch  schwerlich  ein  zufälliges.  Man  wird  darin  einen  weiteren  Beweis 
dafür  erblicken  dürfen,  dafs  dem  Kydschen  Drama  nicht  die  Version 
Saxos  zu  Grunde  liegt,  wo  der  Name  der  Königin  bekanntlich  Gerutha 
lautet. 


~     394     — 

schied,  ist  nicht  mehr  zu  erkennen."^)  Evans  erklärt  im 
Vorwort,  dafs  sein  Lehrer,  Prof.  Bülbring,  auf  dem  gleichen 
Standpunkt  stehe.  W.  Dibelius  im  Liter aturhlatt  f,  gerni. 
u.  rom.  Philol.  1904,  Sp.  275  meint,  bei  kritischer  Nach- 
prüfung von  Evans'  Aufstellungen  ergebe  sich  „eine  ge- 
wisse Wahrscheinlichkeit  für  seine  Hypothese." 

Ich  kann  hier  weder  in  eine  Nachprüfung  der  Creize- 
nachschen  noch  der  Evansschen  Untersuchung  eintreten, 
bemerke  aber,  dafs  mir  Evans  Darlegungen  durchweg  plau- 
sibel erscheinen,  und  dafs  ich  persönlich  von  der  Lektüre 
des  deutschen  Dramas  den  entschiedenen  Eindruck  erhielt, 
es  liege  hier  ganz  und  gar  nicht  eine  Verkürzung  und 
Verstümmelung  des  Shakespeareschen  Dramas,  sondern  viel- 
mehr eine  ältere,  primitivere  Fassung  vor. 

Ich  akzeptiere  also  das  Evanssche  Ergebnis  und  be- 
trachte das  deutsche  Hamletdrama  als  im  wesentlichen 
identisch  mit  dem  Kydschen  „Urhamlet". 

Woher  hat  nun  Kyd  seinen  Stoff  entlehnt? 

Für  die  Beantwortung  dieser  Frage  scheint  mir  den 
entscheidenden  Fingerzeig  zu  geben  eine  seltsame  Anek- 
dote im  IL  Akt,  Scene  4,  welche  bei  Shakespeare  nichts  ent- 
sprechendes hat:  Hamlet  hält  hier  Ophelia  vor,  die  Mäd- 
chen kauften  ihre  Schönheit  „bei  den  Apothekern  und 
Krämern";  er  wolle  ihr  eine  „Historie"  erzählen:  Ein 
„Kavalier  in  Anion"  habe  sich  in  eine  anscheinend  sehr 
schöne  Dame  verliebt,  in  der  Brautnacht  aber  nahm  sie 
„erstlich  das  eine  Auge  aus,  welches  künstlicherweise  ein- 
gesetzt, hernach  die  Vorderzähne,  welche  von  Elfenbein 
auch  so  künstlich  waren  eingemacht,  dafs  man's  nicht  sehen 
konnte,  hernach  wusch  sie  sich,  da  ging  die  Schminke, 
womit  sie  sich  angestrichen  hatte,  auch  fort.    Der  Bräutigam 

^)  Hier  ist  Evans  also  auf  ganz  verschiedenem  Wege  zu  dem 
gleichen  Ergebnis  gelangt,  zu  dem  auch  die  vorliegende  Abhandlung 
geführt  hat. 


-     395     — 

kam  endlich,  gedachte  seine  Braut  zu  umfangen,  wie  er 
sie  aber  ansichtig  ward,  erschrak  er,  und  gedachte,  es 
wäre  ein  Gespenst." 

Creizenach  in  der  Einleitung  zu  seiner  Ausgabe  S.  138 
fragt,  ob  mit  Anion  vielleicht  Anjou  gemeint  sei  und  be- 
merkt: „Eine  ähnliche  Anekdote  erzählt  Lope  de  Vega  in 
seinem  Drama  el  maijor  hnposible,  das  auf  mancherlei  Um- 
wegen nach  Deutschland  gelangte.  Doch  wird  der  Schwank 
auch  sonst  verbreitet  gewesen  sein." 

Dafs  Anion  =  Anjou  ist,  glaube  ich  nun  nicht.  Wie 
sollte  man  dazu  gekommen  sein,  den  Namen  dieser  all- 
gemein bekannten  Provinz  in  Anion  zu  ändern?  Bedenken 
wir  vielmehr,  dafs  die  Anekdote,  wie  wir  eben  hörten, 
sich  ähnlich  bei  Lope  de  Vega  findet,  so  scheint  mir  kaum 
ein  Zweifel  sein  zu  können,  dafs  wir  es  hier  mit  einem 
auf  mangelhafter  Sprachkenntnis  beruhenden  Mifsverständ- 
nis  eines  spanischen  Wortes,  also  eines  spanischen  Originals, 
zu  tun  haben.  Spanisch  am  nämlich  heifst  auch:  „Der 
Herr  oder  die  Dame,  welche,  infolge  eines  gewissen  Ge- 
brauchs am  Vorabend  des  neuen  Jahres,  das  Los  bestimmt, 
für  das  nächste  Jahr  Chapeau  oder  Dame  eines  anderen 
zu  sein",  s.  Franceson,  Nuevo  Diccionario,  Leipzig  1900. 
Das  Wort  ist  wohl  verkürzt  aus  anqjo,  einjährig  =  anni- 
culus  s.  Körting,  Lat-rom.  Wörterbuch^  s.  v.  Offenbar 
war  in  dem  spanischen  Original  der  betreffende  caballero 
als  ano  der  Dame  bezeichnet,  und  der  Übersetzer,  dem 
die  in  Rede  stehende  Bedeutung  von  ano  nicht  be- 
kannt war,  verstand  das  fäfschlich  dahin,  es  handle  sich 
um  einen  caballero  in  Aiio  (Anion).  Vielleicht  ging  dem 
ano  ein  Wort  voraus,  welches  bei  mangelhafter  Sprach- 
kenntnis als  „in"  oder  „von,  aus"  gefafst  werden  konnte. 

Es  handelte  sich  also,  denke  ich,  in  der  fraglichen 
Geschichte  nicht  um  ein  junges  Ehepaar,  sondern  um  ein 
durch  das  Spiel  zusammengefügtes  Brautpaar. 


--     396     — 

Dieser  Brautstand  auf  Zeit  hatte  sehr  oft  intimeren 
Umgang  der  so  im  Scherz  auf  ein  Jahr  Verbundenen  zur 
Folge.  Das  sagt  uns  niemand  anders  als  —  Ophelia  bei 
Shakespeare.  Denn  bei  dem  Liebesspiel  des  Val entin tages, 
auf  das  sich  ihr  Lied  bezieht,  handelt  es  sich  genau  um 
das  gleiche  Spiel,  das  nur  an  einen  anderen  Tag,  den 
14.  Februar,  geknüpft  ist: 

To-morrow  is  Saint  Valentine's  day, 

All  in  the  morning  betime, 
And  I  a  maid  at  your  window, 

To  be  your  Valentine. 
Then  up  he  rose,  and  donn'd  bis  clotbes 

And  dupp'd  the  Chamber  door; 
Let  in  the  maid,  that  out  a  maid 

Never  departed  more. 

Gegen  die  Sitte  des  Valentinstages  richtet  sich  die 
Tendenz  eines  Eomanes  des  Bischofs  Camus:  Biotreiohe,  Hi- 
stoire  Valentine,  Lyon  1624.  H.  Körting,  Geschichte  des 
Französischen  Romans  im  17.  Jh.  I,  Oppeln  und  Leipzig 
1885,  S.  191  bemerkt,  C.  stelle  in  diesem  Roman  „die  ver- 
derblichen Folgen  dar,  die  das  Liebesspiel  eines  Valentins- 
tages zur  Folge  hatte.  Er  agitiert  aufs  lebhafteste  gegen 
jene  Volkssitte,  die  zu  seiner  Zeit  in  Frankreich  in  höchster 
Blüte  stand,  und  die  um  ihrer  Unzartheit  willen  allerdings 
verdiente,  angegriffen  zu  werden.  Der  Brauch  bestand  in 
folgendem:  Am  Sankt- Valentinstage  (dem  14.  Februar)  ver- 
sammelten sich  die  jüngeren  Leute  einer  Gemeinde,  Ver- 
mählte und  ünvermählte,  meist  vor  der  Kirchentür  und 
taten  sich  durch  Losziehen  auf  ein  volles  Jahr  als  Liebes- 
leute zusammen,  wobei  der  Zufall  oft  ein  neckisches  Spiel 
trieb.  Der  Mann,  „Valentin"  genannt,  hatte  während  dieser 
Zeit  nicht  nur  das  Recht,  sondern  sogar  die  Pflicht  seine 
Partnerin,  die  „Valentine",  durch  allerhand  Aufmerksam- 
keiten auszuzeichnen,  sie  allein  zur  Kirche  und  zu  gesel- 
ligen Zerstreuungen  zu  geleiten.    Bei  verheirateten  Frauen 


—    397     — 

war  seine  Stellung  etwa  die  des  italienischen  cicisheo  (fran- 
zösisch sic/ishi'e),  während,  wenn  beide  Teile  unverheiratet 
waren,  häufig  aus  dem  Valentinspaar  ein  Ehepaar  wurde, 
noch  häufiger  jedoch  sich  unsittliche  Verhältnisse  heraus- 
bildeten." 

Also  um  ein  eben  solches  Verhältnis  handelt  es  sich, 
wie  ich  glaube,  bei  der  Geschichte  von  dem  „Kavalier  in 
Anion"  und  seiner  Dame.  Dafs  bei  Shakespeare  auf  die 
gleiche  Sitte  Bezug  genommen  wird,  dürfte  meiner  Auf- 
fassung günstig  sein. 

Dann  ist  also  die  vorliegende  Anekdote  aus  dem 
Spanischen  übertragen,  und  was  von  ihr  gilt,  das  gilt  doch 
aller  Wahrscheinlichkeit  nach  auch  von  dem  ganzen  Stück: 
wir  sind  zu  der  Vermutung  berechtigt,  dafs  Kyd  aus  einer 
spanischen  Quelle  geschöpft  hat,  sei  es,  dafs  er  eine  spa- 
nische Novelle  dramatisiert  oder  dafs  er  direkt  ein  spanisches 
Drama  bearbeitet  hat. 

Der  Annahme  einer  spanischen  Quelle  für  den  Ur- 
hamlet  scheinen  mir  auch  folgende  Umstände  und  Er- 
wägungen günstig  zu  sein: 

1.  Die  Tatsache,  dafs  von  den  vier  erhaltenen  Dramen 
Kyds  zwei,  welche  eng  zusammengehören,  in  Spanien  und 
Portugal  spielen,  nämlich  Jeroni wo  und  The  Spanish  Tragedy, 
or  Hieronimo  is  mad  again. 

2.  Der  Umstand,  dafs  sehr  wahrscheinlich  der  Schau- 
platz der  Ambalessaga  ursprünglich  Spanien  war,  indem 
die  beiden  Oheime  Ambales'  in  Spanien  herrschen  und  das 
Land  seines  Vaters,  welches  die  Handschriften  Cambria 
oder  Cimbria  nennen,  mit  Coimbra,  der  Residenz  der  portu- 
giesischen Könige  zu  identifizieren  sein  dürfte,  s.  oben 
S.  128  und  368f.i) 

^)  Auf  eine  Übereinstimmung  der  Ambalessaga  mit  Shakespeare 
und  dem  deutschen  Hamlet,  wo  Saxo  und  Belieferest  nichts  Ent- 
sprechendes  haben,    macht   ganz    richtig   aufmerksam    Evans    S.   19, 


398 


3.  Die  grofse  Rolle,  welche  überhaupt  die  spanische 
Novelle  und  das  spanische  Drama  in  der  Litteratur  des 
16.  Jhs.  spielen. 

Sollte  nicht  auch  die  Antwort,  die  Hamlet  im  deutschen 
Drama  Akt  III,  Scene  10  dem  König  gibt,  als  dieser  ihm 
verkündigt,  er  wolle  ihn  nach  England  schicken:  „Ja,  ja 
König,  schickt  mich  nur  nach  Portugal,  auf  dafs  ich  nimmer 
wieder  korame^  das  ist  das  Beste".  —  König:  '„Nein,  nicht 
nach  Portugal,  sondern  nach  England"  —  sich  aus  der  spa- 
nischen Vorlage  Kyds  erklären?  Man  hat  sich  bisher  über 
die  Deutung  dieser  auffälligen  Erwähnung  des  entlegenen 
Portugal  nicht  geeignet,  s.  darüber  Creizenach,  Einl.  S.  132. 

Hat  also  Kyd,  wie  ich  glauben  möchte,  für  sein  Hamlet- 
drama eine  spanische  Vorlage  gehabt,  so  wird  man  ver- 
muten dürfen,  dafs  diese  in  letzter  Linie  auf  die  gleiche 
Quelle  zurückging  wie  die  Vorlage  der  nordischen  Sage, 
aus  der  die  auf  Spanien  und  Portugal  hinweisende  Ambales- 
sage,  die  Amlethsage  Saxos,  die  Hrolf-  und  Haraldsage  ab- 
zweigten —  auf  eine,  in  Spanien  oder  Portugal  lebendige 
Form  der  alten  Bellerophon-Brutussage,  welche  noch  alle 
diejenigen  Momente  der  griechischen  Beilerophonsage  intakt 
aufwies,  die  uns  bei  Shakespeare  entgegentreten,  während 
sie  in  den  anderen  Versionen  der  Sage  getilgt  sind:  so  in 
erster  Linie  den  Weltschmerz  des  Bellerophon,  die  Unter- 
redung des  Megapenthes  (=Laertes-Leohnardus)  mit  Jobates 
(=  Claudius-Eric)  und  das  Attentat  des  Megapenthes,  alle 
diese  Motive  natürlich  wohl  schon  an  andere  Namen  geheftet. 

Demnach  wäre  dann  eine  dreimalige  Überführung  der 
gleichen  Sage  auf  verschiedenen  Stufen  ihrer  Entwicklung 

Anm.  3.  Nach  der  Ambalessaga  hatte  Amlodis  Schiff  bei  der  Über- 
fahrt nach  England  einen  Sturm  zu  bestehen,  s.  Jiriczek  S.  88  —  ich 
habe  den  Zug  S.  135  nicht  erwähnt  —  vgl.  dazu  Shakespeare:  Being 
crossed  by  tke  coniention  of  the  windes  —  deutscher  Hamlet:  ^Nun 
begab  es  sich,  dafs  wir  eines  Tages  contrairen  Wind  hatten."  Das 
Motiv  ist  den  oben  S.  276  zusammensrestellten  noch  hinzuzufüo-en. 


—    399    — 

nach  Britannien  anzunehmen,  der  drei  wesentlich  ver- 
schiedene Fassungen  der  Haiuletsage  ihre  Entstehung  ver- 
danken würden: 

1.  die  irisch -nordische  Sage  (Ambaless.,  Saxo  usw.); 

2.  die  Boevesage; 

3.  die  Hamletsage  Kyds  und  Shakespeares,  welche 
aufserdem  durch  die  Saxosche  Fassung  der  irisch-nordischen 
Sage  beeinflufst  scheint. 


Ich  breche  hier  ab.  Die  genauere  Erörterung  der 
wichtigen  Frage  nach  der  Quelle  des  Kydschen  Urhamlet 
rauls  ich  den  Anglisten  überlassen;  sie  mögen  auch  ent- 
scheiden, ob  die  Annahme  einer  spanischen  Quelle,  die  mir 
viel  für  sich  zu  haben  scheint,  zulässig  ist  oder  nicht. 

Ich  schliefse  meine  Untersuchung  in  der  bestimmten 
Hoffnung,  dafs  es  weiterer  Forschung  gelingen  werde,  neue 
Versionen  unseres  Sagenstoffes  ans  Tageslicht  zu  fördern 
und  mit  ihrer  Hilfe  über  die  vielfach  noch  so  dunklen  Wege, 
welche  die  Sage  bei  ihren  Wanderungen  eingeschlagen  hat, 
mehr  und  mehr  Licht  zu  verbreiten;  am  ehesten  dürfte, 
meine  ich,  von  einer  Umschau  auf  dem  Gebiete  der  orien- 
talischen Litteraturen  neues  Material  zu  gewärtigen  sein. 
Falls  es  gelingt,  Vorstufen  der  Chosrosage  —  Zwischen- 
stufen zwischen  ihr  und  der  griechisch-römischen  Bei  lerophon- 
sage  —  in  der  persischen,  in  der  von  ihr  abhängigen  jüngeren 
arabischen  oder  auch  in  der  indischen  Litteratur  nachzu- 
weisen, dann  wird  vielleicht  auch  für  die  Hamletsage  der 
schon  so  oft  und  bezüglich  einiger  wesentlicher  Punkte 
bereits  durch  die  vorliegende  Abhandlung  bestätigte  alte 
Satz  seine  Richtigkeit  aufs  neue  bewähren: 
Ex  Oriente  lux. 


Hofbuchdruckerel  Rudol  Stadt. 


Nachträge. 


Zu  S.  8  ff.  und  79  ff. 

Auf  die  Saxosche  Hamletsage  nimmt  mehrfach  Bezug  auch 
L.  Laistner  in  dem  Aufsatz  Der  germanische  Orendel,  Zeitsch.  f.  deutsch. 
Altert.  38  (N.  F.  26,  Jg.  1894),  113 ff.,  von  dem  ich  ewt  nachträglich 
Kenntnis  erhalte.  Laistner  will  die  Orendeldichtung  teilweise  aus  dem 
oben  S.  298 ff.  besprochenen  „Goldenermärchen'*  ableiten;  da  er  nun 
auf  eben  dieses  auch  den  „Buovo  von  Antona",  der  ihm  „nur  in  der 
abgeleiteten  Fassung  des  russischen  Volksbuches  bei  Dietrich  S.  68 ff. 
zur  Hand  ist,"  zurückführt  und  S.  128  bemerkt,  der  erste  Teil  der 
Saxoschen  Hamletsage  sei  „nach  dem  Muster  des  Orendelmärchens 
gebaut,  und  zwar  nach  einer  Fassung,  auf  der  auch  Bowa  beruht," 
80  hat  bereits  er  die  Verwandtschaft  zwischen  Saxo  und  dem  Boeve 
von  Hamtone  erkannt,  wie  er  auch  S.  127  —  doch  nur  für  das. Motiv 
des  Uriasbriefes  —  schon  auf  die  Bellerophonsage  hinweist.  Freilich 
ist  die  Annahme,  der  Boeve  von  Hamtone  und  die  Saxosche  Hamlet- 
sage beruhten  auf  dem  Goldenermärchen,  nicht  haltbar,  wie  bezüglich 
des  Boeve  schon  oben  S.  300  ausgesprochen  wurde. 

Ein  Einflufs  der  Brutussage  auf  die  Hamletsage  scheint  Laistner 
,an  und  für  sich  gar  wohl  denkbar,"  S.  130,  doch  sieht  er  von  einem 
näheren  P^ingehen  auf  dieses  Problem  ab.  S.  131,  Anm.  2  verweist 
er  auf  einen  „höchst  merkwürdigen  Märcheneingang"  bei  U.  Jahn, 
Volksmärchen  aus  Pcmimern  und  Rügen  I,  354 f.  „Von  den  Nach- 
stellungen seiner  widernatürlichen  Mutter  und  ihres  zweiten  Gatten 
bedroht,  fährt  ein  Prinz  über  Meer  zu  seiner  Braut  nach  Niederland, 
leidet  Schiffbi-uch  und  rettet  sich  mit  einem  Diener  auf  eine  Insel. 
Da  findet  er  die  Leiche  eines  Greises  nebst  einem  Schriftstück,  worin 
dem,  der  sie  bestatte,  alle  Schätze  des  Verstorbenen  zugesprochen 
werden.  Nachdem  die  letzten  Ehren  erwiesen  sind,  füllt  er  das 
vorgefundene  Gold  in  ausgehöhlte  Hollunderstämme,  die 
Zenker,  Boeve -Amlethas.  26 


—     402     — 

er  an  sichrem  Ort  zur  Verwahrung  gibt,  um  sie  auf  der  Heimfahrt 
von  Niederland  mitzunehmen.  —  Der  erkenntliche  Tote  hat  die  gröfste 
Ähnlichkeit  mit  dem  in  der  Anm.  vorhin  erwähnten  sterbenden  Greis, 
der  als  Lohn  für  sein  Begräbnis  ein  Wunderrofs  verheilst  {Arch.  f. 
slav.  Phil.  5,  65  [auf  das  vorher  in  der  erwähnten  Anm.  verwiesen  wird])." 
Laistner  meint,  diese  goldgefüllten  Stäbe  gehörten  einer  älteren  Ent- 
wicklungsstufe an,  als  die  entsprechenden  in  der  Brutus-  und  Hamlet- 
sage, und  es  sei  deshalb  an  eine  Entlehnung  aus  diesen  beiden  nicht 
zu  denken.  „Saxo  kann  also  die  seinigen  gar  wohl  aus  alter  Volks- 
überlieferung haben,  und  wenn  ihm  dabei  das  baculum  cavatum  im 
Livius  einfiel,  so  erklärt  sich  die  Ähnlichkeit  seiner  Darstellung  mit 
der  römischen  genugsam." 

Mir  scheint  der  Grund,  durch  den  L.  die  Fassung  des  Motivs 
der  goldgefüllten  Stäbe  in  dem  Märchen  gegenüber  der  Brutus-Hamlet- 
sage als  ursprünglicher  erweisen  will,  als  durchaus  unzureichend,  und 
ich  möchte  im  Gegenteil  vermuten,  dafs  das  Märchen  ein  ziemlich 
junges  Produkt  ist,  dessen  Anfang  sich  aus  Reminiszenzen  an  Shakes- 
peares Hamlet,  an  die  Saxosche  Hamletsage  und  an  die  Geschichte 
von  dem  dankbaren  Toten  zusammensetzt.  Man  kann,  meine  ich,  bei 
Sagenuntersuchungen  gegenüber  solchen  in  neuerer  Zeit  aus  dem  Volks- 
munde aufgezeichneten  Märchen  gar  nicht  mifstrauisch  genug  sein. 

Zu  S.  45  ff. 

Bei  Besprechung  des  Motivs  von  dem  ^umgeschriebenen  Brief 
(Constantiusnovelle)  sind  mir  leider  die  einschlägigen  Mitteilungen  von 
C.  H.  Tawney,  Indian  Antiquary  X  (1881),  S.  190,  von  Godabole, 
ebenda  XI  (1882),  S.  84ff.,  von  Weber,  Über  die  Geschichte  vom,  Kauf- 
mann Campaka,  Sit%ungsber.  der  Berlin.  Akademie  1883,  567  u.  885, 
von  Wesselofsky,  Ro7nania  14  (1885),  137  ff.  (Referat  über  Achille 
Coen,  Di  una  leggenda  relativa  alla  nascita  e  alla  gioventü  di  Costan- 
tino  Magno,  Rom  1882)  und  von  E.  Kuhn,  Zur  byxantin.  Erxählungs- 
litteratur,  Byxant.  Zeitsch.  IV  (1895),  S.  241  ff.  entgangen.  Ich  darf, 
abgesehen  von  dem  letztgenannten  Artikel,  zu  meiner  Entschuldigung 
anführen,  dafs  auch  Olrik  ihrer  nicht  Erwähnung  tut  und  ich  annahm, 
Olrik  habe  die  Litteratur  vollständig  benutzt. 

Tawney  a.  a.  0.  weist  hin  auf  eine  Version  unserer  Sage,  die 
in  Prof.  Nilmani  Mukhopädhyäyas  Sanskritchrestomathie  steht  und 
entnommen  ist  aus  dem  Kathähoäa,  „a  collection  of  stories,  written  by 
Jaina  authors  in  a  Propagandist  spirif^ 

Auch  hier  findet  das  junge  Mädchen,  das  Vishä  heifst,  den 
Helden  schlafend  und  entwendet  ihm  den  Brief.     Sie  liest  darin  die 


—     403     — 

Aufforderung,  dorn  Überbringer  Gift,  visliam,  zu  geben.  Sie  folgert, 
dafs  sie  selbst  ihm  gegeben  werden  soUe  und  ihr  Vater  nur  einen 
orthographischen  Fehler  gemacht  habe.  Sie  nimmt  die  nötige  Konjek- 
tur vor,  steckt  den  Brief  wieder  an  seine  Stelle,  und  die  Heirat  wird 
vollzogen.  Die  Erzählung  schliefst  auch  hier  mit  dem  Fridolins- 
motiv :  der  Vater  des  Mädchens  trachtet  dem  jungen  Mann  ein  zweites 
Mal  nach  dem  Leben,  statt  dessen  aber  wird  sein  eigener  Sohn  getötet. 

Godabole,  Sanskritlehrer  in  Bombay,  teilt  a.  a.  0.  eine  Pa- 
rallele zu  dieser  Geschichte  mit:  The  Story  of  Chandrahäsya ,  über 
deren  Herkunft  er  leider  gar  keine  näheren  Angaben  macht;  er 
bemerkt  einfach:  /  was  put  m  viind  of  a  story  agreeing  with  that 
in  the  main ,  though  differing  in  names  and  particulars,  current  in 
the  presidency^  Es  ist  sehr  merkwürdig,  dafs  diese  Erzählung  einige 
Züge  mit  der  Hamlet  -  Chosrosage  gemein  hat,  welche  sich,  soweit 
ich  sehe,  in  keiner  der  anderen  Versionen  des  in  Rede  stehenden 
Themas  finden.  Ich  gebe  deshalb  eine  vollständige  Analyse  der  Ge- 
schichte : 

Der  König  Prasoma  von  Kerala  fällt  in  der  Schlacht;  seine 
Frauen  besteigen  den  Scheiterhaufen.  Der  zwei  Monate  alte  Sohn  des 
Königs,  Chafidr,  wird  von  der  Amme  aufgezogen,  welche  sich  der 
Sicherheit  wegen  mit  ihm  nach  Küntalapura  begibt  und  dort  als 
Bettlerin  lebt. 

Auf  der  Strafse  spielend  findet  der  Knabe  einmal  einen  Shuli- 
gräma,  d.  h.  einen  dem  Vishnu  heiligen  Stein;  er  trägt  ihn  nun  immer 
im  Munde,  nur  bei  der  Morgenandacht  und  beim  Essen  nimmt  er  ihn 
heraus.  Der  König  von  Küntalapura  hat  einen  Minister  Namens 
Dushtabuddhi;  dieser  versammelt  eines  Tages  eine  Anzahl  Brahmanen 
behufs  einer  Ceremonie,  durch  die  er  seinem  Sohne  die  Herrschaft 
über  das  Königreich  sichern  will  (to  give  his  son  the  sovereignty  of 
the  kingdom  of  his  lord  and  patron).  Als  die  Brahmanen  versammelt 
sind,  sieht  Dushtabuddhi  den  Knaben  auf  dem  Hofe,  hebt  ihn  auf 
und  nimmt  ihn  mit  hinein  zum  Mahle.  Die  Brahmanen  glauben,  Chandr, 
der  auf  dem  Schofs  des  Ministers  sitzt,  sei  dessen  Sohn,  und  streuen 
nach  Beendigung  des  Mahles  mit  rotem  Pulver  vermischte  Reiskörner 
unter  Absingung  vedischer  Hymnen  auf  sein  Haupt. 

Der  Minister,  überzeugt,  dafs  nun  Chandr  zu  Teil  werden  wird, 
was  er  seinem  Sohn  zugedacht  hatte,  sendet  die  Brahmanen  ärgerlich 
fort.  Dann  ruft  er  einige  chändäla^  und  befiehlt  ihnen,  den  Knaben 
in  einem  von  der  Stadt  weit  entfernten  Walde  umzubringen.  Als  sie 
in  dem  Walde  angelangt  sind  und  Chandr  merkt,  dafs  ihm  Gefahr 
droht,  nimmt  er  den  Stein  aus  dem  Munde  und  betet  inbrünstig  zu 

26» 


—     404     — 

Narahari.  Der  Gott  erscheint  und  verjagt  die  chdndälas;  doch  findet 
einer  von  ihnen  noch  Zeit,  dem  Knaben  eine  Zehe  abzuschneiden,  um 
den  Minister  von  dem  Vollzug  seines  Befehles  zu  überzeugen.  Chandr 
liegt  bewufstlos  blutend  da.  Zufällig  jagt  der  König  von  Kulinda  im 
gleichen  Walde.  Narahari  in  Gestalt  eines  Rehes  führt  den  König  zu 
dem  Platz,  wo  der  Knabe  liegt.  Der  König  nimmt  ihn  auf  und  bringt 
ihn  wieder  zum  Bewufstsein;  da  vernimmt  er  eine  überirdische  Stimme, 
die  sagt:  0  König,  Du  wirst  gesegnet  werden  mit  diesem  Knaben, 
nimm  ihn  mit  in  Deine  Residenz.  Der  König  tut  so,  die  Königin 
selbst  nährt  das  Kind.  Chandr  lernt  nun  die  Vedas  und  besiegt  in 
seinem  sechzehnten  Jahre  alle  Könige  der  Erde  (in  his  sixteenth  year 
conqiiered  all  the  längs  oftheearth);  sein  Adoptivvater  macht  ihn  nua 
zu  einem  yuvardja. 

Auch  zu  Dushtabuddhi  dringt  der  Ruhm  des  jungen  Prinzen  von 
Kulinda ;  als  deshalb  der  König  von  Kuntalapura  ihn  beauftragt,  nach 
einem  Gatten  für  seine  Tochter  zu  suchen,  begibt  er  sich  zunächst 
nach  Kulinda,  um  den  Prinzen  zu  sehen.  Er  erkennt  in  ihm  den 
totgeglaubten  Chandr.  Er  sagt  nun  dem  König,  er  möge  seinen  Sohn 
an  den  König  von  Kuntala  senden,  er  wolle  ihm  einen  Empfehlungs- 
brief an  seinen  eigenen  Sohn  mitgeben.  In  dem  Schreiben  befiehlt 
er  letzterem,  dem  jungen  Prinzen  Gift,  visha,  zu  geben.  Chandr  reitet 
gemäfs  dem  Befehle  seines  Vaters  nach  Kuntalapura.  In  der  Nähe 
der  Stadt  angekommen,  rastet  er  in  einem  Garten  und  schläft  ein. 
In  eben  diesem  Garten  ergeht  sich  die  Tochter  des  Königs,  Vishäja; 
blumenpfiückend  wird  sie  Chandrs  ansichtig  und  verliebt  sich  in  ihn. 
Sie  sieht  den  Brief  in  seiner  Kopfbedeckung  stecken,  nimmt  ihn  heraus 
und  liest  ihn.  Sie  sagt  sich,  die  Meinung  ihres  Vaters  sei  es  gewifs, 
dafs  sie  selbst  dem  jungen  Mann  gegeben  werden  solle,  es  handle  sich 
wohl  nur  um  einen  Schreibfehler.  Sie  nimmt  die  betreffende  Ände- 
rung vor  und  entfernt  sich.  Chandr  übergibt  den  Brief,  und  der  Sohn 
des  Ministers  läfst  die  Hochzeit  mit  seiner  Schwester  vollziehen.  In- 
zwischen nimmt  der  Minister  die  Hauptstadt  von  Kulinda  ein,  plündert 
sie  und  macht  den  König  selbst  zum  Gefangenen.  [Hier  besteht  eine 
Unklarheit  in  der  Erzählung;  denn  von  einem  Feldzuge  Dushtabuddhis 
gegen  Kulinda  ist  vorher  nirgends  die  Rede  gewesen.]  In  sein  König- 
reich zurückgekehrt,  vernimmt  er  von  den  Brahmanen  die  Vermählung 
seiner  Tochter.  Er  fürchtet,  der  König  werde  zürneu,  weil  seine 
eigene  Tochter  mit  dem  Prinzen  vermählt  wurde,  während  die  Prinzessin 
unvermählt  geblieben  ist.  Er  beauftragt  nun  seinen  Sohn,  den  König 
von  dem  Vollzug  der  Heirat  in  Kenntnis  zu  setzen,  von  der  dieser 
schon  durch  einige  Diener  vernommen  hat,  welche  ihm  den  Schwies-er- 


—     405    — 

söhn  dos  Ministers  als  jifeeigneten  Gatten  ffir  seine  Tochter  Champa- 
kamalati  empfahlen.  Der  Minister  ersinnt  nun  einen  neuen  Anschlag? 
gegen  Chandr.  Er  beauftragt  einen  chändäla^  sich  an  der  Schwelle 
von  Ambikäs  Tempel  zu  verstecken  und  den  ersten,  der  den  Tempel 
betrete,  niederzumachen.  Als  Chandr  sich  nach  dem  Tempel  begibt, 
triift  er  seinen  Schwager,  der  ihm  mitteilt,  der  König  wünsche  ihn 
zu  sprechen  und  ihm  sagt,  er  selbst  wolle  für  ihn  die  Andacht  im 
Tempel  verrichten.  [Auch  hier  liegt  eine  Unklarheit  vor,  da  wir 
nicht  erfahren,  welchen  Grund  der  Minister  zu  der  Annahme  hat,  dafs 
sein  Schwiegersohn  als  erster  den  Tempel  betreten  werde.]  Der  König 
gibt  nun  Chandr  seine  Tochter  zur  Frau.  Als  der  Minister  sieht, 
wie  er  mit  der  Prinzessin  auf  einem  Elephanten  angeritten  kommt, 
eilt  er  zum  Tempel  und  findet  hier  seinen  eigenen  Sohn  tot.  In  der 
Verzweiflung  schneidet  er  sich  selbst  die  Kehle  ab. 

Chandr  wird  von  der  schrecklichen  Katastrophe  benachrichtigt 
und  findet  im  Tempel  die  Leichname  seines  Schwiegervaters  und 
Schwagers.  Da  betet  er  zur  Gottheit,  erweckt  beide  wieder  zum  Leben 
und  führt  seitdem  ein  friedliches  Dasein. 

Offenbar  stimmt  diese  Fassung  in  einer  Reihe  wesentlicher  Züge 
mit  der  Hamlet-Chosrosage  überein,  nämlich: 

1.  Der  Held  ist  der  Sohn  eines  Königs. 

2.  Er  verliert  in  früher  Jugend  seinen  Vater. 

3.  Er  wird  vor  dem  Usurpator  in  ein  fremdes  Land  geflüchtet 
und  lebt  hier  in  Niedrigkeit  (unter  der  Obhut  einer  Bettlerin). 

4.  Er  soll  umgebracht  werden,  aber  der  Befehl  kommt  nicht  zur 
Ausführung  und  der  Auftraggeber  wird  durch  einen  falschen  Beweis 
seines  Todes  getäuscht  (s.  BvH,  oben  S.  10). 

5.  Er  wird  durch  einen  Beschützer  vom  Tode  errettet;  als  solcher 
erscheint  hier  der  Gott  Narahari  selbst,  der  dem  Sabot,  Grim,  Regin- 
Regno,  Piran  der  Hamlet-Chosrosage  entspricht. 

6.  Er  kommt  an  dem  Hofe  eines  fremden  Königs  zu  hohem  An- 
sehen und  unternimmt  siegreiche  Feldzüge. 

7.  Nachdem  der  Anschlag  mit  dem  Uriasbrief  mifslungen  ist, 
wird  von  seinem  eigenen  Schwiegervater  ein  neuer  Mordanschlag  gegen 
ihn  gemacht,  der  abermals  mifslingt. 

8.  Er  wird  schliefslich  der  Gatte  zweier  Frauen  (der  Tochter  des 
Ministers  und  der  Prinzessin). 

Diese  Analogien  sind  gewils  höchst  auffällig;  der  Zug,  dafs  als 
Beschützer  des  Knaben  ein  Gott  auftritt,  stimmt  zu  der  unten  zu 
erwähnenden  äthiopischen  und  arabischen  Version,  wonach  als  Retter 
m  der  Not,  freilich  bei  anderer  Gelegenheit,  der  heilige  Michael  er- 


—     406     — 

geheint,  sowie  auch  zur  Bellerophonsage ,  wo  Athene  und  Poseidon 
selbst  dem  Helden  ihren  Beistand  leihen.  Die  Übereinstimmungen 
legen  den  Gedanken  nahe,  die  indische  Geschichte  möchte  vielleicht 
aus  Persien  eingewandert  sein  und  auf  eine  ältere  Fassung  der  Chosro- 
sage  zurückgehcm.  Indessen,  da  die  Quelle,  aus  der  Godabole  schöpft, 
anscheinend  nur  die  moderne  mündliche  Tradition  ist,  so  dürfte 
gröfste  Vorsicht  geboten  sein,  und  ich  wage,  bevor  ältere  indische 
Fassungen  der  Erzählung  nachgewiesen  sind,  nicht,  mit  derselben  zu 
operieren. 

Weber  in  dem  genannten  Aufsatz  publiziert  eine  der  Jaina- 
Litteratur  angehörige  Erzählung,  die  zu  der  von  ihm  Sitxungsber.  1869, 
S.  42  mitgeteilten  buddhistischen  Relation  in  naher  Beziehung  steht. 
Obgleich  der  Text  möglicherweise  erst  nach  dem  12.  Jh.  anzusetzen 
ist,  glaubt  W.  doch  annehmen  zu  dürfen,  „dafs  uns  hier  der  Reflex 
einer  alten  buddhistischen  Erzählung  vorliegt,  die  dann  eben 
ihrerseits  teils  zur  Zeit  der  Kreuzzüge  nach  dem  Orient  wanderte, 
teils  in  Indien  selbst  ihre  verschiedenartigen  Sprossen  getrieben  hat." 
Die  Geschichte  steht  der  Constantiusnovelle  und  der  Darstellung  Saxos 
ferner  als  die  übrigen  besprochenen  indischen  Versionen.  Der  Name 
des  Mädchens  ist  hier  Tilottamä.  Von  den  oben  herausgehobenen, 
der  Version  Godaboles  mit  der  Hamlet-Chosrosage  gemeinsamen  Zügen 
findet  sich  hier  nur  No.  7. 

Das  Referat  von  Wesselofsky  enthält  nichts,  was  für  die  vor- 
liegende Untersuchung  in  Betracht  käme. 

Kuhn  endlich  a.  a.  0.  bespricht  eine  äthiopische  und  eine  ara- 
bische Version,  die  nach  ihm  unzweifelhaft  auf  ein  griechisches  Ori- 
ginal zurückgehen. 

Den  Inhalt  der  äthiopischen  Version  entnimmt  K.  der  Beschreibung 
einer  Hds.  des  17.  Jhs.,  die  Rodwell  in  einem  Katalog  von  Quaritsch 
gibt.  Es  handelt  sich  hier  um  einen  Knaben,  den  seine  Eltern  dem 
heiligen  Michael  geweiht  haben  und  der  später  den  Namen  Thalassion 
erhält,  weil  er  in  einem  Sack  auf  dem  Meere  ausgesetzt  wird.  Michael 
selbst  nimmt  die  Vertauschung  des  Briefes  vor;  er  unterrichtet  den 
Knaben  von  dem  Inhalt  des  Schreibens  und  gibt  ihm  ein  anderes.  — 
Rodwell  verweist  wegen  des  Uriasbriefes  auf  den  Mythus  von  Bellerophon. 

Die  arabische  Version  steht  in  einer  Gothaer  Hds.,  einem  Buche 
über  die  Macht  und  die  Wunder  des  Erzengels  Michael;  sie  weist 
gegenüber  der  äthiopischen  nur  geringe,  für  uns  irrelevante  Ab- 
weichungen auf.    Michael  tritt  hier  auf  unter  der  Gestalt  eines  Soldaten. 

Auch  Kuhn  hält,  wie  Wesselofsky,  diejenigen  Fassungen,  welche 
das   Fridolinsmotiv   anknüpfen,    für  jünger.     „Eine   ebenso  sekundäre 


—     407     — 

Erweiterung  ist  es,  bemerkt  K.,  wenn  wir  andererseits  unsere  Erzählung 
durch  die  Episode  vermehrt  finden,  dal's  der  unbequeme  Schwiegersohn 
von  dem  Schwiegervater,  welcher  ihn  um  jeden  Preis  verderben  will, 
weiter  ausgesandt  wird,  Haare  oder  Federn  des  Teufels,  des  Vaters 
Allwissend,  eines  Riesen,  eines  Drachen,  eines  gewissen  Vogels  zu 
holen  oder  an  den  Teufel  usw.  eine  Frage  zu  stellen,  unterwegs  aber 
noch  von  anderen  Personen  gebeten  wird,  ihnen  auf  gewisse  Fragen 
Antwort  zu  schatfen/  Die  betreflfenden  Erzählungen  sind  zusammen- 
geetellt  von  R,  Köhler,  Archiv  f.  slav.  Philol.  5,  74. 

Zu  S.  72,  Anm.  1. 

Die  Angabe,  es  handle  sich  an  den  Stellen,  auf  die  Heyman  be- 
züglich des  Motives  von  den  „wiederaufgerichteten  Toten"  verweist, 
vielmehr  nur  um  Puppen,  welche  aus  Holz,  Haaren  u.  a.  Material 
hergestellt  werden,  ist  nicht  zutrefi'end  für  die  Romance  de  don  Garcia 
bei  V^olf-Hofmann ,  Primavera  y  Flor  de  Romances  II,  p.  43  tf.  Hier 
spricht  Don  Garcia,  dessen  Schlofs  Urueüa  seit  sieben  Jahren  von  den 
Mauren  belagert  wird,  die  Absicht  aus,  seine  toten  Krieger  zur 
Täuschung  der  Feinde,  bewatfnet  auf  die  Zinnen  stellen  zu  wollen: 

veo  morir  ä  los  mios, 
no  teniendo  que  les  dar, 
pöngolos  por  las  almenas 
armados  como  se  estän, 
porque  pensasen  los  moros 
que  podrian  pelear. 

Die  Herausgeber  verweisen  auf  die  a.  a.  0.  citierte  Episode  im 
Ogier  li  Danois  als  mutmafsliche  Quelle  der  Romanze.  Da  es  sich 
aber  in  letzteren  eben  nur  um  Puppen  handelt,  so  darf  vielleicht 
aufserdem,  insofern  an  die  Stelle  der  Puppen  Leichname  getreten 
sind,  eine  Reminiszenz  aus  dem  Havelok  angenommen  werden. 

Zu  S. 122  und  194: 

Die  Strophen,  durch  die  in  der  Hrolfssaga  Kraka  die  Völva 
(Seherin)  Heid  bei  dem  Festmahl  in  der  Königshalle  Frotho  vor  Helgi 
und  Hroar  warnt,  lauten  in  der  Übersetzung  von  Th.  Torfaeus,  Historia 
Hrolfv  Krakii,  Kopenhagen  1715,  die  ich  erst  nachträglich  einzusehen 
Gelegenheit  hatte  —  das  altnordische  Original  war  mir  unzugänglich  — : 

Sunt  queis  fidendum  non  ego  censeo, 
Intra  palati  limina  Regii; 

Viri  duo,  quorum  hie  uterque 
Exteriore  foco  calescit. 


—     408     — 

Dann : 

Hos  arte  longo  tempore  Virfilis  [sicj 
(Novi)  tenellos  insula  nutriit: 

Dum  nominis  quondam  latrantum 
Hoppus  et  Ho  tegerentur  umbrä. 

Später  fügt  sie  hinzu,  dafs  sie  Frotho  töten  werden: 

Halfdanides  video:  sedet  isthic  salvus  uterque; 

Helgius  hinc,  illinc  Hroar:  uterque  ferox. 
En  horum  auspiciis  occumbet  Frodius  ispe 

Ni  cito  toUantur;  quod  mala  fata  vetant; 

nnd  indem  sie  von  der  Schwelle  herabsteigt: 

Exardent  oculi:  Regum  certissima  proles 

Hranius  atque  Hamus  fervida  corda  gerunt. 

Wie  S.  195  ff.  ausgeführt,  vermute  ich  in  dem  Spruche  der  Yölva 
einen  Widerschein  der  dem  Tarquinius  Superbus  durch  das  delphische 
Orakel  (die  Pythia)  gewordenen  Prophezeihung :  er  werde  dann  den 
Thron  verlieren,  wenn  ein  Hund  (=  Brutus)  mit  menschlicher  Stimme 
reden  werde. 

Im  folgenden  erzählt  Frotho  seinen  Mannen  einen  schweren 
Traum,  den  er  gehabt:  Er  habe  eine  Stimme  gehört,  welche  sagte: 
Nun  bist  Du  mit  den  Deinigen  nach  Hause  gekommen.  Als  er  ge- 
fragt: Wohin?  habe  die  Antwort  gelautet:  Zur  Hei,  zur  Hei:  tamque 
propinquiim  eum,  qui  clamavit,  visuin,  ut  excussum  vestibus  ejus  ven- 
tulmn  persentire  videretur;  eodemque  momento  evigilasse. 

Die  unheilverkündenden  Träume  des  Tarquinius,  Faustinus, 
Afrasiab  haben  also  in  dieser  Sage  gleichfalls  ihre  Entsprechung,  was 
aus  der  Analyse  Detters  nicht  zu  entnehmen  war. 

In  dem  Liede,  das  dann  Regin  in  der  Aufsenhalle  singt:  Foris 
Reiginus  filiique  Halfdani  'versantur,  dolosi  sagittarii:  nunciate 
Frodio  Varem  clavum  cudisse,  Varem  caput  ei  affixisse,  Varem  ßrmum 
durahilemque  clavum  elahorasse,  ist  von  Interesse  die  Bezeichnung 
Helgis  und  Hroars  als  „Bogenschützen",  indem  sie  sich  dem  Ausspruche 
Amleths  bei  Saxo  vergleicht:  er  verfertige  scharfe  Pfeile  zur  Vater- 
rache, s.  0.  S.  16. 

Eine  dänische  Übersetzung  der  Hrolfssaga  enthält  C.  Ch.  Rafn, 
Nordiske  Iiae9}ipe- Historier,  Kopenhagen  1821,  I,  Iff. 

Zu  S.  127. 

Gollancz,  Hamlet  in  Icelatid,  wurde  besprochen  von  Detter  im 
Anzeiger  f.  deutsch.  Altert.  26   (1900),   274 ff.     D.  hält  fest  an  seiner 


—     409     — 

Ableitung  der  Hamletsatji»  aus  der  Brutussage;  er  betrachtet  es  als 
aemlich  gewil's,  dals  das  Stabmotiv  schon  vor  Saxo  vorhanden  war. 
worin  ich  ihm  ja  beistimme.  Er  handelt  dann  noch  über  die  Her- 
kunft des  Namens  Amlodi  und  verweist  wegen  der  Entwickelung  der 
Sage  auf  den  S.  120  Anm.  1  angeführten  Artikel  von  Olrik. 

Zu  S.  169. 

Zu  der  Vermutung,  es  liege  in  der  Erzählung  von  Amlodis 
Kampfe  mit  dem  Höhlenbewohner  Caron  vor  eine  Verwechselung  des 
griechischen  Charon  mit  dem  Hadeshunde  Kerberos,  sei  nachgetragen, 
dafs  sich  nach  Wilamowitz,  Hermes  34,  230  griechischer  Volksglaube 
den  Todesgott  Charon  als  wildes  Tier  mit  funkelnden  Augen  und 
scharfen  Krallen  dachte. 

Zu  S.  335. 

Ich  habe  die  Vermutung  geäufsert,  dafs  der  Bellerophontes  des 
Euripides  mit  dem  Brutus  des  Accius  zu  einem  griechischen  Drama 
kontaminiert  wurde.  Indessen  dürfte  doch  auch  die  Möglichkeit  zu 
erwägen  sein,  dafs  es  sich  vielmehr  um  ein  römisches  Drama  ge- 
handelt habe.  Es  könnte  sein,  dafs  eine  lateinische  Übersetzung  des 
Bellerophontes  veranstaltet  worden  war  und  das  Drama  in  dieser  Ge- 
stalt mit  dem  Brutus  kombiniert  wurde.  Die  Popularität  des  Euri- 
pides bei  den  römischen  Dramatikern  wii'd  konstatiert  von  Alfred 
Schöne,  Das  historische  Nationaldrama  der  Römer.  Die  Fabula  prae- 
teoda,  Kiel  1893,  S.  5:  „Allerdings  ist  auch  die  Tragödie,  wie  die 
Komödie,  als  sie  unmittelbar  nach  dem  ersten  Punischen  Kriege  im 
Jahre  240  durch  Livius  Andronicus  in  Rom  eingeführt  wird,  nichts 
anderes  als  Übersetzung  und  Bearbeitung  griechischer  Ori- 
ginale, und  zwar  vornehmlich  der  Tragödie  des  Euripides, 
den  die  Hauptvertreter  der  Römischen  Tragödie:  Livius,  Naevius, 
Ennius,  Pacuvius  und  Accius,  die  während  der  Zeit  von  240  bis  un- 
gefähr 100  V.  Chr.  tätig  sind,  unverkennbar  bevorzugen."  Es  wäre 
doch  gewifs  recht  wohl  denkbar,  dafs  dieses  Drama  später,  sei  es  in 
dramatischer,  sei  es  in  epischer  Form,  wiederum  eine  griechische 
Bearbeitung  erfahren  hätte.  Leider  bewegt  sich,  bei  dem  Mangel 
jeglicher  Anhaltspunkte,  die  Untersuchung  hier  auf  einem  über  die 
Massen  unsicheren  Boden. 

Zu  S.  343  ff. 

Zu  der  Annahme,  Shakespeares  Hamletdrama  gehe  durch  das 
Medium  eines   antiken  ATimus  teilweise  zurück  auf  den  im  Altertum 


—     410     — 

weitberühmten  Bellerophontes  des  Euripides,  bietet  eine  vortreffliche 
Parallele  der  von  Hermann  Reich,  Der  Mann  mit  dem  Eselshopf,  ein 
Mimodrama  vom  klassischen  Altertum  verfolgt  bis  auf  Shakespeares 
Sommernachtstraum,  Weim2ir  1904  (Separatabdruck  aus  dem  Shakespeare- 
jahrhuch  B .  40)  erbrachte  Nachweis ,  dafs  die  Quelle  der  Esels- 
scenen  im  Sommernachtstraum,  in  letzter  Linie  ein  antiker 
Eselsmimus  des  1.  Jhs.  n.Chr.  gewesen  sein  mufs.  Das  Vor- 
handensein eines  solchen  Mimus  wird  bezeugt  durch  ein  erst  vor 
sieben  Jahren  von  Pasqui  veröffentlichtes  Reliefbild  auf  der  Scherbe 
eines  aus  dem  genannten  Jahrhundert  stammenden  Topfgefäfses -.  das 
Bild  gibt  deutlich  eine  Scene  aus  einem  Mimus  wieder  und  läfst  unter 
anderen  Figuren  auch  einen  nackten  Mann  mit  einem  Eselskopfe  er- 
kennen, s.  die  Abbildung  bei  Reich  S.  5.  Reich  vermutet,  dafs  Shake- 
speares unmittelbare  Quelle  der  1566  in  englischer  Übersetzung  er- 
schienene Ooldene  Esel  des  Apulejus  gewesen  sei,  insofern  die  Liebes- 
scene  des  eselköpfigen  Webers  Zettel  mit  der  Feenkönigin  Titania 
eine  den  Zufall  ausschliefsende  Übereinstimmung  mit  der  Liebesscene 
des  in  einen  Esel  verwandelten  Lucius  im  X.  Buche,  cap.  XX  ff.,  des 
Apulejus'schen  Romanes  zeigt,  s.  Reich  S.  20.  Da  der  Roman  erst  aus 
dem  2.  Jh.  n.  Chr.  stammt,  so  ist  anzunehmen,  dafs  er  auf  dem  Esels- 
mimus beruht.  Ich  verweise  wegen  alles  Näheren  auf  die  interessante 
Abhandlung  Reichs. 


Register. 


A  bailach  119  Anm. 

Abderruhman  370. 

Abloyc,  Abloec  =  Anlaf  101,  373 
Anm.  1,  379. 

Abreford  5,  11. 

Accius,  römischer  Tragiker  146, 
330  ff. 

Actamond  159. 

Adaltag  6  f. 

Addomolus  130. 

Adgar  6. 

Aedelberht,  König  von  Ostanglien 
58. 

Aedeldryd  58. 

Aethelstan,  König  von  Wessex  7, 99. 

Afrasiab,  Schah  von  Turan  210  ff. 

Agrirath  210,  257  f. 

Al-Gazäl  370. 

'4h'jiov  Ttebiov  285. 

Alexandrien  335. 

Ali,  Sohn  des  Abbas  339. 

Alsi  (Edelsi),  König  in  Lincoln  63, 93. 

Amazonen  284,  301,  385. 

Amba,  Mutter  Amlodis  128,  191. 

Ambales,  Herkunft  des  Namens 
190  f.,  342  f. 

Ambalessage  127,  Inhalt  128 ff., 
Verhältnis  zum  Brjammärchen 
141  ff'.,  von  Saxo  unabhängig 
145  ff.,  397  Anm.  1,  enthält  Ele- 
mente der  Heraklessage  157 ff'.; 
357;  Schauplatz  Spanien  ?  368  f., 
397. 


'Afißkvg  343,  347,  364,  373. 
Amhlaide,  an.  Amlodi,  Wikinger  = 

Hamlet  lllft'.,  191,  356f.,  373, 

375  f. 
Amisodaros  362  Anm. 
Amlaibh  =  an.  Anlaf    191,    357, 

372. 
Amlaudd  119  Anm. 
Amleth  15ft'.,  25tf. 
Amlethsage  s.  Hamletsage. 
Amlodi  =  Ambales  128,  191,  356, 

373. 
Ammeihede  29  Anm. 
Amphitryon  164. 
Ancus  Martius  109. 
Andria  334. 

Andronikus  Dukas  385  f. 
Anion  394  ff. 
Anlaf  (Olaf)  Cuaran  99f.,  110,  357, 

372. 
Antaios  167. 
Anteia  =  Stheneboia  283,  Komödie 

des    Eunikos    und    des    Anti- 

phanes  oder  Alexis  362  Anm. 
Antiphanes  362  Anm. 
Apelaten  384f. 
Apollin  202  ff'. 
Apollo  (Poebus)  193, 201, 259  Anm., 

287,  358. 
Apulejus  346 f.,  410. 
Ardschir  389. 

Argentille  41  Anm.,  63,  93. 
Armenia  =  Armorica  5,  1 1 ;  382. 


—     412     — 


Arnoldus,  Isländer,  Gewährsmann 

Saxos  75. 
Arondel,  Boeves  Rofs  12,  21,  239, 

317f.,  381,  383. 
Arruns  Tarquinius  80,  258  f. 
Arthur,  König  92. 
'iomg  'HgaxXeovg  186. 
Asturien  370. 
Astydamas  298. 
Ath-Cliath,  j.   Kilmashogue   111, 

357,  375. 
Athene  301  f.,  309,  406. 
Ath-I,  j.  Athy  68. 
Atthakathä  47. 
Aucassin  u.  Nicolette  372. 
Aumbeforce  22,  42. 

Bäland,  Sohn  Donriks  128. 

Barbastro  371. 

Barzouname,  persisches  Epos  262. 

Basileios  IL,  Kaiser  von  Byzanz  384. 

Bastinus  136. 

Batellus  159. 

Behischti  Gang  216,  266. 

Behmen  242. 

Belieferest  269. 

Bellerophon, -phontes  282  ff.,  Ety- 
mologie 286f.,  360Anm.ff. 

Bellerophonsage282ff.,  359,  360ff. 
Anm.,  als  Quelle  des  Goldener- 
märchens 298  ff.,  mit  der  Brutus- 
sage kontaminiert  328 ff'.,  Quelle 
derHamlet-Chosrosageib.,  313ff. 

Bellerophontes,  Tragödie  des  Eu- 
ripides  als  Quelle  von  Shake- 
speares Hamlet  325  ff.  (361 
Anm.),  291  ff.;  409;  B.,  Tra- 
gödie des  Astydamas  298,  311, 
Komödie  des  Eubulos  298. 

Bencobar  136. 

Beowulf  54,  57  ff. 


Berbha,  j.  Barrow  68. 

Beton  s.  Daurel. 

Bihzad,  Chosros  Ross  237 ff'.,  31 7  f., 
381. 

Boeve  de  Hamtone  1,  Inhalt  8  ff., 
21  ff'.,  Quelle  380 ff'. 

Bradmund  (von  Damascus)  6,  12, 
240,  381,  387. 

Bretagne  (Britannia)  34,  383. 

Brjammärchen  141  ff.,  190,  358. 

Brudermord,  Der  bestrafte,  deut- 
sches Hamletdrama  392  ff. 

Brian,  irischer  König  65  ff. 

Brunanburh  100. 

Brunhild  53. 

Brutus,  Drama  des  Accius  146, 
330  ff.,  341. 

Brutussage,  als  Quelle  der  Ham- 
letsage, 79ff.,  192f.,  258,  356, 
401,  409. 

Buovo  V.  Antona 

Cadix  370. 

Calitor  129. 

Cambrien,  Cimbrien  128,  =  Coim- 
bra  in  Portugal?  369. 

Campaka  402. 

Caron,  Charon  131,  159,  309. 

Carvel  135. 

Cashel  66. 

Cearbhall  112. 

Cenn  Coradh  69. 

Chandr  403  ff". 

Chandrahäsya,  Story  of  403  ff'. 

Chimaira  283,  ihre  Deutung  288  f., 
324,  360  Anm.,  363  Anm.,  = 
Feuerberg  b.  Firdosi?  324. 

Chimarros  362  Anm. 

Chiron  166. 

Chnut,    dänischer  König  6. 

Chodhäiname  208  f. 


—     413     — 


Choricius  346. 

Chosro  s.  Kei  Chosro. 

Chosrosage  210ff.,  271  ff„  359. 

Christoph,  Sohn  Waidemars  74. 

Chrysaor  284. 

Cimbal  135. 

Cimbrien  s.  Gambrien. 

Civile  =  Sevilla  22,  25  Anm.,  29 f., 

185,  385f. 
Coimbra  369. 

Clontarf  b.  Dublin  65,  376. 
Cogadh  Gaedhel,  irische  Chronik  65. 
Constance-Saga  54. 
Constantin,  Kaiser  v.  Byzanz  49, 

402. 
Constantin,    König  v.  Schottland 

100. 
Constantius  -  (Coustant-)novelle 

45  ff.,  53,  74,  402  ff. 
Corambus  392. 
Comiculum  97. 

Coustant,  Kaiser  von  Byzanz  45. 
Crida,  König  von  Mercia  56. 
Cuchulinn,  Cuchullin  52,  353  Anm. 
Cuchulinnsage ,    beeinflufst  durch 

die  Herkulessage  353 f.,  durch 

die  Bellerophonsage  362  f.  Anm., 

durch  die  Nibelungensage  374. 
Cynedi-yd,  Gemahlin  Offas  II.  56, 

58  Anm.  3,  61  f. 

Dal-Cais,  irischer  Stamm  66  ff. 

Damascus  12  f.,  382. 

Daphnis,  Tragödie  des  Sositheos 

335. 
Daurel  u.  Beton  3,  277  f. 
David  208  Anm. 
Deianira  180 f.,  358. 
Delphi  79,  192f.,  201. 
Desmond,    Leute    von,    irischer 

Stamm  66. 


Digenis    Akritas ,     byzantinisches 

Nationalepos  383  ff". 
Diomedes  176. 
Dionys  v.  Halikarnass  79,  85,  106, 

192,  311,  332. 
Diotrfephe,  Roman  von  Camus  396. 
Donnchadh,  Sohn  Brians  67. 
Donrik,  König  von  Spania,  Hispa- 

nia,  Cimbria  (Cambria)  128. 
Doon  =  Odon  6,  9  ff.,  77. 
Draftiar  131,  161. 
Drida  56  f. 
Dschamschedh  222. 
Dscherire  211. 
Dublin  65. 

Eadmund,  König  v.  Wessex   100. 
Edgar  (Adgar),  englischer  König 

6,  77. 
Edgitha,  Gemahlin  Ottos  I.  6,  78 

Anm. 
Einodia  =  Hekate  294. 
Ekenbright  (Adebrit),  König  von 

Surrey  93. 
Ekkehart  IV.  6. 
Eleonore  22. 

Eleuthera  =  Artemis  308. 
Eleuteria  304,  806,  308. 
Eliduc,  Lai  401'.,  51. 
Ellerophontes-Bellerophontes  (aus 

El  räfbn)  287. 
Emer  52. 

Eneborc,  Sabots  Gattin  383. 
Ennius  256,  334. 
Eömor  56. 
Eormenpryd  =  Hermuthruda    57, 

379. 
Ercoil  =  Herkules  354  Anm. 
Eric  392. 
Ermenia,  Ermonie,  Ermony,  Ar- 

mony  5,  11. 


—     414 


Erymanthischer  Eber  166,  320. 

Escopart  18. 

Estorie     des    Engleis   v.    Gaimar 

64,  91. 
Eubulos  298. 

Eudokia,  Gattin  des  Digenis  383  ff. 
Eunikos,    Verfasser    einer    Anteia 

362  Anm. 
Eurystheus   164,  283. 

Fand  52. 

Faustinus,  heidnischer  König  128flf., 

198f.,  368. 
Fengo  15  ff. 
Ferengis  211,  260. 
Feriborz  215. 
Ferod  211. 
Firdosi  207  ff. 
Fjaller,  Jarl  73. 
Filippomaria,   König  von  Sicilien 

303. 
Floire  et  Blanchefleur  371. 
Florien,  Kaiser  v.  Byzanz  45. 
Fridlev  63,  69  ff. 
Fridolinsmotiv  47,  403,  406. 
Frieden,     Komödie     des    Aristo- 

phanes  294,  361  Anm. 
Frodi  121. 

Frotho,  König  124,  194,  407  f. 
Füre,    -es,    12,    24,    31    Anm.;    s. 

Gocelyn. 

Graimar  64,  91. 

Galeron  41. 

Galfrid  v.  Monmouth  76. 

Galizien  370. 

Gamaliel  129. 

Gang  Dizh  216,  276. 

Ganor  41. 

Garcia,  don,  Romanze  407. 

Gärmund  56. 


Genesius,  Mimus  345. 

Georg,  St.,  Sage,  aus  der  Perseus- 
sage  entsprungen  364  Anm.  f. 

Gersiwas  212,  250,  263. 

Gerutha  =  Gertrud  15,  392  Anm.  2. 

Geryones  165. 

Gew  215. 

Gilles  (Gillion)  v.  Trasignies  41, 
351  Anm. 

Giselher  374. 

Gistillinn  12,  s.  Gocelyn. 

Glaukos,  Sohn  des  Bellerophon 
295  ff". 

Glaukos  =  Poseidon  283. 

Gleichen,  Graf  von  40,  42. 

Gocelyn  (Gistillin)  12,  24;  Gocelyn 
und  Füre  im  BvH  =  Trabanten 
bei  Saxo  (Rosenkranz  u.  Gülden- 
stern bei  Shakespeare)  ?  31. 

Godfrid  99. 

Godfreyr,  König  von  Valland  139. 

Goldborough  41  Anm. 

Goldener  Esel   von  Apulejus  410. 

Goldenermärchen,  aus  der  Bellero- 
phonsage  entsprungen  298 ff., 
361  Anm.;  401. 

Goldstabmotiv  79f.,  192ff;  221  f., 
224,  264,  358,  376 f.,  401  f. 

Gold-tree  u.  Silver-tree  41,  51. 

Gormflaith,  Witwe  Mails  112,  357, 
375. 

Gormflaith,  Gemahlin  Anlaf  Cua- 
rans,  Malachys  II.  und  Brians 
lOOf.,  379. 

Grander  240. 

Grim  92  f. 

Grimnis-mäl  36. 

Grimsbysiegel  93. 

Grimsby  101. 

Gris  25  Anm. 

Guderz  215,  275. 


415 


Guerrino  303  ö'. 

Gui,  Boeves  Sohn  24. 

Gui  im  Daurel  u.  Beton  277  f. 

Gui  von  Hamtone  9. 

Güldenstem  109. 

Gunter,  König  von  Dänemark  92. 

Gurui  212,  263. 

Hagen  374. 

Halfdan,  König  121. 

Hamlet  von  Shakespeare  268 ff., 
359;  Hamlets  Weltschmerz  vor- 
gebildet im  Charakter  Kei  Chos- 
ros  270 ff.,  und  Bellerophons 
bei  Euripides  292ff.,  31,5 ff., 
Quelle  des  Hamletdramas  391  ff. 

Hamletsage  bei  Saxo  15,  25,  iden- 
tisch mit  der  Boevesage  19  ff., 
29  ff.,  ihre  Herkunft  44 ff.,  401, 
stammt  aus  Britannien  77, 
355;  Hamlets  Scharfsinnsproben 
366  ff-. 

Ham  122. 

Hammerstein  3. 

Hamtone  =  Southampton  1. 

Harald-Haldansage  124  f.,  194  f., 
241,  357,  379. 

Harbra  139,  188  f. 

Haukr,  Sohn  Donriks  128. 

Havelok,  63,  71,  73,  Havelok  Cu- 
heran  =:  Anlaf  (Olaf)  Cuaran 
99  f. 

Haveloksage  (Gaimar,  franz.  und 
engl.  Lai)  64,  91  ff.,  377ff. 

Hefthdad  389  f. 

Heid,  Völva  194,  407  f. 

Helgakvida  Hundingsbana  126. 

Helgi  121,  357,  408. 

Helgisage  84. 

Helyanour  s.  Eleonore. 

Heming  56. 


Hemning  56. 

Hephaestos  139,  312. 

Hera  174. 

Herakles  155  ff*.,  in  Sophokles' 
Philoktet  206  Anm. 

Heraklessage  155 ff.,  352,  388. 

Herkules  155,  353  Anm. 

Hermin,  König  v.  Armenien  5, 11  ff'., 
882. 

Hermuthruda  27  f.,  110,  180,  187, 
385. 

Hermutrudnovelle  45  ff.,  ihre  Ele- 
mente 72  f. 

Hodulf  92. 

Horvendül,  Amleths  Vater  15,  82. 

Hrani  122. 

Hroar  121,  357,  408. 
!   Hrolfssaga     Kraka     121  ff.,     194, 
357 f.,  379,  407 f. 

Hum  216. 

Hundstein  3. 

Ille  u.  Galeron  41. 

Indra  287. 

Irland  71. 

Irlanda,  Stadt  304. 

Isaras  362. 

Iskander  im  Schahname  =  Alexan- 
der d.  Grofse  256. 

Ivar,  Ivor  5. 

Iwan,  der  Bauemsohn,  russisches 
Märchen  309  f. 

Jaimini-Bhärata  47. 

Jeronimo  von  Kyd  397. 

Jerusalem  382. 

Jobates,     König    v.   Lykien    283, 

360  Anm. 
Jobates,  Tragödie  des  Sophokles 

290f.,  311. 
Jole  180ff.,  358,  379. 


416     — 


Jona  100,  372, 

Jormunjjrudr  =  Hermuthi'uda  57. 
Josiane  12,  =  Ophelia?  280;  383, 
385  f. 

Kakos  165,  353  Anm.  1. 

Karl  der  Grofse  56. 

Kei  Ka'us,  Schah  v.  Iran  211. 

Kei  Chosro,  Sohn  des  Sijawusch 
212tF.,  359. 

Kellok  94. 

Kentauren  166. 

Kerberos  167,  409. 

Klerkom  102. 

Köln  4,  13. 

Konrad,  Kaiser  46. 

Krantor  297. 

Kreophylos  352. 

Kyd,  Thomas,  Verfasser  eines 
Hamletdramas  (Urhamlet)  268f., 
281,  359,  391  f.,  Kyds  Hamlet  aus 
spanischer  Quelle  geschöpft? 
394ff. 

Kynanthropie,  Form  von  Hamlets 
Wahnsinn?  338,  368. 

Laertes  =  Megapenthes  im  Belle- 
rophontes  des  Euripides  325  ff. 
Lambert  IL  von  Gleichen  40. 
Leabhar  na  h'Uidhre  52. 
Laighsi,  j.  Leix  68. 
Leonhardus  892. 

Leta,  Gemahlin  des  Faustinus  129. 
Lincolnshire  64. 
Linos  164. 
Lissabon  370. 
Little  Snow- White  40. 
Livius  79,  83,  85,  192,  201. 
Lohrasp  272. 
Lope  de  Vega  394. 
Lotao  310. 


Lucius  bei  Apulejus  410. 
Lucius  Tarquinius  80,  258, 
Lucretia  85. 
Lukas,  Schreiber  des  Christoforus, 

Engländer  74,  379. 
Lykanthropie  338. 

Mac  Gillapatraic  69. 

Maelmuaidh  68. 

Magnus  Barefoot  374. 

Malachy,  König  v.  Irland  100. 

Malpriant  129,  198  f. 

Mane  364. 

Marcellus  v.  Side  338. 

Maximu,  Amazone  385  f. 

Megapenthes,  Sohn  des  Proitos 
und  der  Stheneboia  292,  295 f., 
Vorbild  des  Laertes?  325 ff.; 
361  Anm. 

Menander  334. 

Menoites  171. 

Mesia,  Gattin  Amlodis  137. 

Michael,  St.,  406. 

Michel  308. 

Mimus  344 ff.,  Eselsmimus  410. 

Mile,  Boeves  Sohn  24. 

Miles  385. 

Mohallek  48. 

Mohammed  203. 

Monbrant  24. 

Munster  5  Anm.  1,  66. 

Muselin,  Kaiser  v.  Byzanz  45. 

Musur,  Vater  des  Digenis  385. 

Naevius  334,  342. 

Naudher  210,  257. 

Neoptolemus  206. 

Niall    Glundubh,    irischer    König 

111,  357,  375. 
Niel  =  Niall  Glundubh  113. 


—     417     — 


Normannen,    Boziehon^en  zu  By- 
zanz  349 f..    /.ni:»^  nnoh  Forto- 

Ocrisia,   Mutter   dt's  Senius  Tnl- 

Kns  97,  812. 
(Ulun  =  Otto  der  (tioIso  b. 
Odvsseus  206  Anm 
Otta  I.,  König  der  Angeln  54  «F. 
()ffa  I!.  5^ff: 

Ogier  le  Danois  72  Anm.,  407. 
Oineus,  König  der  Aitoler  180. 
Oi/zdiag    nÄarfm;    von    Kreophylos 

V.  Samos  185  f.,  S52. 
Olaf,  Sohn  Godfrids  99. 
Olaf  Cuaran  s.  Anlaf. 
Olaf  Tryggvason,    König    \.  iSor- 

wegen  64  Anm.,  102-,  263,  356. 
Ophelia  84,  276,  279,  394f. 
Orendel  401. 
Osraighe,  j.  Ossory  68. 
Ospryd,  Gemahlin  Aedelrods  61  f. 
Otto  der  Grofse  6  f.,  77. 
Ovid  79,  259  Anm. 

Parmenie  5. 

Pegasos  284,  =  Gewitterroft  des 

Zöus  289;  301  f.,  381. 
Perinthia  334. 
Perseus  287,  365  Anm. 
Phaedra  348. 
Phantasmo  392. 
Philistion  344. 
Philoktet  206  Anm. 
Philomena  72  Anm. 
Philonoe  (Kassandra,  Astymedusa, 

Antikleia),  Gemahlin  des  Bel- 

leropho«  28»S. 
Pholos  166. 
Pirene  301. 
Plautus  334. 


Plutarch  320,  342,  U^  362  Anm 

Polkan  310. 

Polonius  84,  325. 

Polyidus  801  f. 

Portugal  369. 

Potentiana  304,  3t>6. 

Poseidon,  Vater  Bellerophons  2S3;^ 

301,  406. 
Proitos,    König    von   Tiryns   283, 

360  Anm. 
Puschang,  Sohn  Afrasiabs  259^. 
Pythia  =  Völva  Heid  195tf.,  358, 

40H. 

(^ndrida  =  Cynedryd  57, 

Ragnar-Lodbroksagc  889  f. 

Rath  Maisten  66. 

Regin  121. 

Re'gno  125. 

Rige  Per  Kraemmer  50. 

Rorik,    König  von   Dänemark  15. 

Rosenkrantz  109. 

Rosenkranz    und   Güld!en.stern    17 

Anm.,  279 
Roudefoun  6. 
Rubinetto  306. 

Sabot  (Saber)  10. 

Saburc  95. 

Saevil  122. 

Salamanija  366. 

Salamon  =  Salomo  366. 

Salla  132. 

Salman,  Sohn  Donriks  128,  Mi^. 

Salomo  222,  366. 

Saxo     Grammaticus     14  f.,     seine 

Gewährsmänner  75. 
Schahname  von  Firdosi  207  tf. 
Schneewittchen -Märchen  40,  51. 
Serosch  275. 


418 


Servius  Tullius  80,  82. 
Servius-Tulliussage  97, 1 06f.,  3 1 1  ff., 

356,  377. 
Sevilla  22,  B70. 
Sichfrith  113. 
Sigar  94,   103  Anm. 
Sigfrid  374. 
Signy  194. 

Sigrid  123,  392  Anm.  2. 
Sigrie  392. 

Sigvardr,  Bruder  Amlodis  128,  173. 
Sijawusch.    Sohn    des    Kei   Ka'us 

211  f.,  222  Anm.  2,  322. 
Sitric,  Sohn  Olaf  Cuarans  72. 
Sihtric    Gale,    Vater     des    Anlaf 

Cuaran  99,   111. 
Sitriuc  113. 

Siwka  Burka,  Rofs  Iwans  310. 
Snaebjörn,  Skalde  120,  357. 
Soldan,  König  von  Skitia  128,  368. 
Solymer  284,  301. 
Sommernachtstraum  410. 
Sositheos  335. 
Southampton  1,  3. 
Spanish  Tragedy  von  Kyd  397. 
Stheneboia,  Gemahlin  des  Proitos 

=  Anteia  283,  325,  Urbild  der 

Ophelia?     320 ff.,   360 ff.  Anm. 
Stheneboia,  Tragödie  des  Euripides 

291. 
Straparola  303. 
Sudabe  322  ff,  348. 

Tamerlaus  129,  198  f. 

Tanaquil  97. 

Tara  100. 

Tarquinius  Priscus  97,  109. 

Tarquinius  Superbus  79ff.,  86  f.,  259. 

Terenz  334. 


Tervagant  203. 

Thalassion  406. 

Thierry  22 ff'.,  237. 

Thora  389  f. 

Thorolf  102. 

Thrydo,    Gemahlin   Ottas  I.   54 ff. 

379. 
Tilottamä  406. 
Tosti  133,  203,  377. 
Trachinierinnen  v.  Sophokles  181. 

3511. 
Trygaios  294.  361  Anm. 
Tryggvi,  König  v.  Viken   102. 
TuUiasage,    mit    der    Brutussagt- 

vermengt  80  f. 
Tus  215,  242. 
por  =  Hercules  204. 
prudr,  Walküre  ,=  Hermuthruda 

61. 

Ulf  112. 

Uriasbrief  20,  35,  45  ff.,  279,  313 ff'.. 
403  ff. 

Valentinstag  395  f. 

Valerius  Maximus  79,  83,  88,  193. 

Vifil  121,  408. 

Viglet  28. 

Vincenz  v.  Beauvais  338  f. 

Yishä  403. 

Vishayä  48. 


Walter 


Ar  ras  41, 


Yellow  Book  of  Slane  52. 
Yvori  5,  239. 

Zal  272. 

Zifroi,  König  in  Irlanda  304. 

Zonaras  193,  259. 


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1431 

B26ZM6 

1905 

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